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Full text of "Etymologie der neuhochdeutschen Sprache; Darstellung des deutschen Wortschatzes in seiner geschichtlichen Entwicklung"

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HANDBUCH 

DES 



DEUTSCHEN UNTERRICHTS 



AN HÖHEREN SCHULEN 



BEGRÜNDET VON 



DR. ADOLF MATTHIAS 

Wl-:iLAND WIRKl.. ÜEH. OBHR-REÜIEKUNGSKAT 
UND VORTRAGENDEM RAT IM PREUSS. KULTUSMINISTERIUM 



VIERTER BAND, ZWEITER TEIL 

ETYMOLOGIE DER NEUHOCHDEUTSCHEN SPRACHE 




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MÖNCHEN 1921 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



ETYMOLOGIE DER 
NEUHOCHDEUTSCHEN 

SPRACHE 



DARSTELLUNG DES DEUTSCHEN WORTSCHATZES 
IN SEINER GESCHICHTLICHEN ENTWICKLUNG 



VON 



DR. HERMAN HIRT 



O. PROFESSOR DES SANSKRIT UND DER INDOGERMANISCHEN SPRACHWISSENSCHAFT 

AN DER UNIVERSITÄT GIESSEN 



ZWEITE, VERBESSERTE UND VERMEHRTE AUFLAGE 



i[K.f.H»<»a».'<n-m 




MÜNCHEN 1921 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 

OSKAR BECK 



Üffiwmy 



Vorwort zur zweiten Auflage 

Rascher als ich es vermuten und erwarten konnte, ist die erste 1909 
erschienene Auflage dieses Buches vergriffen worden, was doch offen- 
bar auf ein starkes Bedürfnis für eine solche Darstellung hinweist. Schon 
1913 habe ich die Neubearbeitung begonnen und Anfang August 1914 
waren bereits mehrere Bogen gedruckt. Dann hat der Druck geruht, bis 
er im Herbst 1919 wieder aufgenommen worden ist. In den Grundzügen 
brauchte ich an dem Buche nichts zu ändern, wohl aber konnte ich, da 
mir wesentlich mehr Raum zur Verfügung stand, meine Darstellung stark 
erweitern. Ich habe daher sehr viel mehr Material als früher verarbeitet. 
Ich habe auch namentlich in der einleitenden Lautlehre eine weitgehende 
Vergleichung mit dem Englischen vorgenommen, um einerseits die Wichtig- 
keit der Lautlehre zu zeigen und anderseits durch Heranziehen des Be- 
kannten größere Teilnahme zu erwecken. Als ich die erste Auflage druck- 
fertig machte, steckte ich noch in der Arbeit zu Weigands Deutschem 
Wörterbuch^, und dieses lag bei weitem nicht fertig vor. Bei dieser Auf- 
lage konnte ich mich auf die Neubearbeitung stützen, und ich kann den 
Leser in vielen Fällen darauf verweisen. — Der neuaufgenommene Druck 
ist nun unter ganz andern Verhältnissen weitergeführt worden, als er be- 
gonnen wurde. Der Umfang des Buches mußte beschränkt werden. Ich 
habe vieles gestrichen, anderseits durch reichlich angewandten Petitdruck, der 
nach meiner Meinung die Übersicht erleichtert, wenigstens Papier gespart. 

Im übrigen hoffe ich, daß das Buch auch unter den veränderten Ver- 
hältnissen seinen Weg machen wird. Die Muttersprache und die Kenntnis 
ihrer Entwicklung muß zweifellos im Mittelpunkt des Unterrichts stehen. 
Und nichts begegnet größerer Anteilnahme als gerade die Etymologie oder 
die Herkunft der Wörter. Erst durch eine solche Darstellung wie die meine 
wird die in unsern Wörterbüchern aufgespeicherte Arbeit nutzbar gemacht. 

Für Unterstützung bei der Korrektur sage ich Herrn Dr. Karstien 
meinen besten Dank. 

Gießen, im Juli 1920 

Herman Hirt 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seile 
Einleitung 1 

§ 1. Die Aufgabe 1. — §2. Sammlung des Wortschatzes 1. — §3. Alter der 
Wörter 2. — § 4. Wortschatz der Mundarten 2. — § 5. Die Standes- und Berufs- 
sprachen 3. — § 6. Sprachliche Versteinerungen 3. — § 7. Eigennamen 3. — 
§8. Bedeutungswandel 3. — §9. Bedeutung der Wortforschung, auch für die Schule 3. 
I. Geschichte undGrundsätze der Etymologie. Übersicht über dieLautentwicklung 5 

§ 10. Die Etymologie bei den Griechen 5. — § 11. Die Etymologie bis zur 
Neuzeit 6. — § 12. Das Auftreten der vergleichenden Sprachwissenschaft 6. — 
§ 13. Die Anfänge der Lautlehre 9. — § 14. Die deutsche Lautverschiebung 10. — 
§ 15. Die germanische Lautverschiebung 13. — § 16. Lautgesetze 16. — § 17. Aus- 
nahmen der Lautverschiebung 16. — § 18. Der grammatische Wechsel 18. — 
§ 19. Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze 19. — § 20. Lautgesetze und Etymologie 
21. — § 21. Lautgesetze im Deutschen 21. — § 22. Die wissenschaftliche Laut- 
lehre 22. — § 23. Transskription 22. § 24. Vokalismus 24. — § 25. Der neu- 
hochdeutsche Vokalstand 25. — § 26. Der althochdeutsche Vokalismus 31. — 
§ 27. Der urgermanische Vokalismus 32. — § 28. Der indogermanische Vokalis- 
mus 32. — § 29. Der Ablaut 36. — § 30. Konsonantismus 40. — § 31. Ur- 
germanischer Konsonantismus 43. — § 32. Störungen der Lautgesetze 49. — 
§ 33. Störungen der Lautgesetze durch Analogiebildungen 50. — § 34. Störungen 
durch Volksetymologie 50. — § 35. Störungen durch Entlehnung 50. — § 36. Dar- 
stellungen der Lautlehre 52. — § 37. Etymologische Wörterbücher des Deutschen 
52. — § 38. Etymologische Wörterbücher der übrigen germanischen Sprachen 53. — 
§ 39. Etymologische Wörterbücher der indogermanischen Sprachen 53. — § 40. Etymo- 
logische Zusammenhänge innerhalb des Deutschen 54. — § 41. Bedeutungslehre 56. 
11. Die Sammlung des Wortschatzes 56 

§ 42. Allgemeine 56. — § 43. Der Wortschatz bis zur Reformation 56. — § 44. 
Wörterbücher der neuern Zeit 58. — §45. Adelung 61. — §46. Campe 64. — 
§ 47. Grimm 67. — § 48. Kleinere Werke der neuern Zeit 69. — § 49. Aufgaben 
der Wortforschung 71. — § 50. Wörterbücher für den Lehrer 72. — § 51. Wörter- 
bücher der übrigen germanischen Sprachen 73. — § 52. Zeitschriften 74. 

III. Entlehnungen aus dem Germanischen 74 

§ 53. Bedeutung der Entlehnungen für die Wortgeschichte 74. — § 54. Wege 
der Entlehnung 76. — § 55. 1. Entlehnungen ins Lateinische und Griechische 76. — 
§ 56. 2. Die germanischen Lehnwörter im Finnischen 76. — § 57. 3. Germanische 
Lehnwörter im Preußischen und Litauischen 78. — § 58. 4. Die germanischen 
Lehnwörter im Slawischen 78. — § 59. 5. Die germanischen Lehnwörter in den 
romanischen Sprachen 79. — § 60. 6. Die germanischen Lehnwörter in den son- 
stigen Sprachen 82. - § 61. Rückblick 82.. 

IV. Urschöpfung und künstliche Worte 83 

§ 62. Urschöpfung 83. — § 63. Lautmalende Wörter 84. — § 64. Entwicklung 
der lautmalenden Wörter 85. — § 65. Einfluß der Kindersprache 87. — § 66. 
Künstliche Worte 89. — § 67. Geheimsprachen 90. 



VllI iNHALTSVRRZIilCHN'IS. 



Seile 

V. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile 91 

§68. Die verschiedenen Schichten des Wortschatzes 91. - §69. Die Stamm- 
wörter indogermanischer Herkunft 93. — § 70. Kuropiiische Wortfamilien 94. — 
§71. rt*«^/////- und 5rt/r//;-Sprachen 94. — §72. Gcrnumisciic Wortfamilien 95. - 
§ 73. Ihre Beurteilung 95. - § 74. Partielle Cileichungen 97. — § 75. Wortreichtum 
in allerer Zeit 98. — § 76. Vereinfachung 99. — § 77. Geringe Bedeutung der 
partiellen Gleichungen 100. -- § 78. Germanische Wortfamilien 101. — § 79. Neue 
Wortfamilien für die Schiffahrt 102. — § 80. Neue Worte des Germanischen 105. - 
§81. A\atcrial für die partiellen Gleichungen 106. — § 82. Germanisch-italische 
Gleichungen 106. — § 83. Germanisch-keltische Gleichungen 107. — § 84. Ger- 
maniscjj-litu-slawische Gleichungen 108. — § 85. Germanisch-arische Gleichungen 
110. — §86. Schlußfolgerungen 111. 

VI. Ableitung und Zusammensetzung 112 

§87. Veränderung der Worte im Anlaut. Verkürzung. Aligemeines 112. — 
§88. Lebende und tote Suffixe 113. — §89. Literatur und Allgemeines 115. — 
§ 90. A. Ableitungen, die aus selbständigen Worten entstanden sind 115. — 
§91. B. Ableitungen, die durch falsche Trennung entstanden sind 117. — §92. 
C. Entlehnte Ableitungen 118. — § 93. D. Die ererbten Worlbildungselemente 
119. — §94. Zusammensetzungen 120. 

VII. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes 127 

§ 95. Leim- und Fremdworte 127. — § 9ü. Kennzciciicn der Entlehnung 128. — 
§ 97. Grundgesetze der Entlehnung 129. — § 98. Zeit und Ort der Entlehnung 
132. — §99. Lehnworte im Indogermanischen 134. — § ICO. Die Lehnworte des 
Germanischen 134. — § 101. Die älteste Schicht der Lehnwörter 135. — § 102. 
Die Einwirkung der Kelten 136. — § 103. Der Einfluß der Griechen und Römer. 
Allgemeines 137. — § 104. Der Einfluß der Griechen 139. — § 105. Der Einfluß 
der Römer 140. — § 106. Französischer Einfluß 142. — § 107. Der italienische 
Einfluß 144. — § 108. Der Einfluß der östlichen Völker 144. — § 109. Sonstige 
Einflüsse 146. — § 110. Die Entlehnungen der Neuzeit 146. 

VIII. Kampf gegen die Fremdwörter. Verdeutschungen 154 

§ 111. Allgemeines 154. — § 112. Verdeutschungen im Mittelalter 156. — § 113. 
Verdeutschungen in neuerer Zeit 157. — § 113a. Das Übersetzungslehnwort 162. 

IX. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes in einigen Hauptzügen . . 163 

§ 114. Allgemeines 163. — § 115. Zusammenstellung der Worte nach Begriffs- 
gruppen 164. — § 116. Die Zalilwörter 165. — § 117. Die Körperteilnamen 168. — 
§ 118. Die. Tiernamen. Allgemeines 174. — § 119. A. Die Säugetiere 175. — 
§ 120. Schlußfolgerungen. Beweise für die Viehzucht 179. - § 121. B. Die 
Vögel 180. — § 122. Schlußfolgerungen 183. — § 123. C. Die Fische 184. — 
§ 124. D. Sonstige Tiere 186. — § 125. Rückblick 188. — § 126. Die Pflanzen- 
namen 189. — § 127. A. Die Bäume 189. — § 128. Schlußfolgerungen 192. — 
§ 129. B. Kulturpflanzen. Ackerbauausdrücke 192. — § 130. Schlußfolgerungen 
194. - § 131. Kulturpflanzen. Entlehnungen 195. - § 132. C. Sonstige Pflanzen 
196. — § 133. Das Mineralreich 198. — § 134. Natur und Naturerscheinungen 
201. — § 135. Zeit und Zeiterscheinungen 205. — § 136. Die Menschen unter- 
einander, Familie, Staat usw. 207. — § 137. Das Haus 212. — § 138. Hausgerät 
216. — § 139. Geräte und Werkzeug 219. -- § 140. Die Nahrungsmittel und ihre 
Zubereitung. Die Kochkunst 222. — § 141. Die Kleidung und ihre Herstellung 
225. — § 142. Körperpflege, Reinlichkeit 228. — § 143. Kampfund Waffennamen 
229. — § 144. Krankheit und Heilung 231. — § 145. Tanz und Musik 234. — 
§ 146. Schule. Wissenschaft 237. — § 147. Rückblick 238. — § 148. Die Farben 



INHALTSVKRZKICHNIS. IX 

Seite 
239. — § 149. Mängel der Körperbeschaffenheit 240. — § 15C. Geschmack 241. — 

§ 151. Moralische und geistige Eigenschaften 241. — § 152. Sonstige Eigen- 
schaften 242. — § 153. Die Verben. Allgemeines 245. — § 154. Die fünf Sinne 
246. — § 155. Geistige Wahrnehmung und Verwandtes 247. — § 156. Der Wille 
248. — § 157. Gemütsbewegung und Verwandtes 248. — § 158. Körperfunktionen 
und körperliche Zustände 249. — § 159. Bewegung und Ruhe 250. — § 160. 
Singen und sagen 251. — § 161. Tätigkeiten 252. 

X. Die allgemeine Entwicklung des deutschen Wortschatzes 253 

§ 162. Allgemeines 253. — § 163. Das Mittelalter 254. — § 164. Die Neuzeit 256. - 
§ 165. Wiederbelebung alter Worte 259. — § 166. Modewörter und Schlagwörter 260. 

XI. Verbreitung der Wörter nach Gegenden 263 

§ 167. Allgemeines 263. — § 168. Einfluß der Mundarten auf die Entwicklung 
des deutschen Wortschatzes 266. — § 169. Hilfsmittel zur Bestimmung der Her- 
kunft der Wörter 269. — § 170. 1. Die Form der Wörter 269. — § 171. 2. Die 
Überlieferung 276. — § 172. 3. Die gelehrte Forschung 277. — § 173. 4. Die Dialekt- 
forschung 278. — § 174. Aufgaben und Bedeutung der Mundartenforschung 282. 

XII. Die Sondersprachen 285 

§ 175. Allgemeines 285. — § 176. Allgemeines 287. — § 177. Allgemeines 
289. — § 178. A. Die Ammensprache 289. - § 179. B. Die Sprache der Jugend 

291. _ § 180. C. Die Pennälersprache 291. — § 181. D. Die Studentensprache 

292. — § 182. Allgemeines 295. — § 183. A. Höhere und niedere Sprache 296. — 
§ 184. B. Die Sprache der Religion 297. — § 185. C. Die Rechtssprache 303. — 
§ 186. D. Die Kanzleisprache 307. — § 187. E. Die Dichtersprache 3C8. — § 188. 
Allgemeines 312. - § 189. A. Die Sprache des Ackerbauers 312. — § 190. B. Die 
Jägersprache 314. — § 191. C. Die Bergmannssprache 316. — § 192. D. Die 
Buchdruckersprache 317. — § 193. E. Die sonstigen Handwerkersprachen 318. — 
§ 194. F. Die Kaufmannssprache 321. — § 195. G. Die Seemannssprache 324. — 
§ 196. H. Die Soldatensprache 328. — § 197. J. Die Gaunersprache 331. — 
§ 198. K. Die Sprache der Wissenschaft 333. — § 199. L. Die Sprache der Philo- 
sophie 335. — §200. M. Die Sprache der Mathematik 339. — §201. N. Die 
Sprache der Grammatik 340. 

Xni. Kulturgeschichtliches in unsrer Sprache 342 

§ 202. Überblick 342. 

XIV. Aufgeben alten Sprachgutes. Sprachliche Versteinerungen 345 

§ 203. Das aufgegebene Sprachgut 345. — § 204. Die Gründe für das Auf- 
geben der Worte 346. — § 205. Sprachliche Versteinerungen 351. — § 206. Ver- 
dunkelte Zusammensetzungen 352. 

XV. Volksetymologie 356 

§ 207. Das Wesen der Volksetymologie 356. — § 208. Beispiele 356. 

XVI. Die Bildung der Eigennamen 360 

§209. Allgemeines 360. — §210. Allgemeines 361. — §211. 1. Die indo- 
germanischen und altgermanischen Personennamen 362. — § 212. 2. Die christ- 
lich-biblischen und antiken Namen 365. — § 213. 3. Die Herkunftsbezeichnungen 
366. — § 214. 4. Die Übernamen 367. — § 215. 5. Satznamen 369. - § 216. 6. Namen 
von Amt und Stand 369. — § 217. 7. Namen vom Beruf 370. — § 218. 8. Latini- 
sierungen 371. — § 219. 9. Fremde Namen 372. — § 220. Die Verschiedenheit 
der Namengebung je nach der Örtlichkeit 373. — § 221. Die prinzipiellen Ver- 
schiedenheiten 374. — § 222. Allgemeines 374. — § 223. Übersicht 378. — 
§ 224. Allgemeines 379. — § 225. 1. Gebirgs- und Ländernamen 382. — § 226. 



Inhaltsverzeichnis. 



2. Die FluUnamen 383. — § 227. 3. Die Ortsnamen 387. ^ § 228. 4. Die Straßen- 
iind Hausnamen 393. 

XVII. Bedeutungswandel 396 

§ 229. Allgemeines 396. — § 230. Aufgaben der Bedeutungserforscliung 399. — 
§ 231. Beispiele für den Bedeutungswandel 399. — § 232. Stammbaum der Be- 
deutungsentwicklung 401. - 233. Sammlung der Bedeutungsübergänge 4Ü4. — 
§ 234. Heranziehung der Ableitungen 405. — § 235. pjnteilung des Bedeutungs- 
wandels 405. — § 236. a) Verengerung 407. — § 237. Verschlechterung der Be- 
deutung 408. — § 238. Verbesserung der Bedeutung 409. — § 239. b) Erweiterung 
der Bedeutung 410. — § 240. a) Die Metapher 410. — § 241. b) Die Metonymie 
411. — § 242. Metonymische Ableitungen von Eigennamen 413. — § 243. Be- 
deutungsdifferenzierung lautlich verschiedener Wörter, die aus derselben Grund- 
form entstanden sind 416. — § 244. Die Ursachen des Bedeutungswandels 419. 

Register 421 

Nachträge und Berichtigungen 439 



Einleitung. 



§ 1. Die Aufgabe. Neben Laut-, Formenlehre und Syntax steht als selb- 
ständiger Zweig der sprachlichen Betrachtung die Wortforschung und Ety- 
mologie, d. h. die Frage nach der wahren Herkunft und Bedeutung der 
Wörter sowie der geschichtlichen Entwicklung des Wortschatzes. Obgleich 
dieser Teil der Sprachwissenschaft zweifellos allseitig der größten Teilnahme 
sicher ist, so gibt es doch kaum wissenschaftliche Darstellungen der auf 
diesem Gebiete erzielten Ergebnisse, vielmehr hat sich die Forschung meist 
darauf beschränkt, unser Wissen in alphabetischer Form, d. h. in Wörter- 
büchern, niederzulegen. Die hohe Auflage derartiger Werke zeigt, welchem 
Bedürfnis sie entgegenkommen. Doch können Wörterbücher selbstverständ- 
lich nicht allen Zwecken genügen. Denn man erfährt in ihnen immer nur 
etwas über das einzelne Wort, das man gerade nachschlägt; die großen 
Zusammenhänge, in denen jedes Wort steht und stehen muß, und die gerade 
für die praktische Verwendung der Etymologie im Unterricht von beson- 
derer Wichtigkeit sind, entgehen dem Leser. Deshalb dürfte eine Darstel- 
lung, die diesen Zusammenhängen nachgeht, einem gewissen Bedürfnis ent- 
gegenkommen. Da wir es mit einer neuen Arbeit zu tun haben, so erscheint 
es mir gewiesen, zuerst einmal die Hauptgedanken dieses Buches und die 
Ziele, denen die Wissenschaft zustrebt, klarzulegen. 

§ 2. Sammlung des Wortschatzes. Eine der ersten Aufgaben der Wissen- 
schaft auf dem Gebiete der Wortforschung besteht in der möglichst voll- 
ständigen Sammlung des Wortschatzes. Dieses Ziel ist in ganzem 
Umfang überhaupt nur für die Sprache der Gegenwart annähernd zu er- 
reichen: denn in altern Zeiten, die wir nur durch die schriftliche Über- 
lieferung kennen, sind in dieser sicher nicht alle Wörter verwendet worden 
und uns daher auch nicht alle bekannt. Daher mag gleich hier vor dem 
Trugschluß gewarnt werden, daß der erste literarische Beleg mit der Ent- 
stehung des Wortes zusammenfällt. 

Anmerkung. Daß nicht alle Worte bekannt sind, ergibt sich ja von selbst daraus, 
daß jeder neu gefundene Text neue Worte bringt. Im übrigen ist es selbst für unsere Zeit 
kaum möglich, alles zusammenzubringen. 

Diese Aufgabe der Sammlung des Wortschatzes müßte eigentlich für 
jedes Jahrzehnt, ja für jedes Jahr neu gestellt werden, da immer neue 
Worte auftauchen. Wenigstens wäre es dringend notwendig, über alle neu 
aufkommenden Worte Buch zu führen. 

Versuche, den Wortschatz der Zeit zu sammeln, sind nicht nur jetzt, 
sondern auch in frühern Zeiten unternommen worden, und es muß daher 
dargestellt werden, was wir an derartigen Werken besitzen. 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 1 



Einleitung. 



§ 3. Alter der Wörter. Die zweite Aufgabe besteht darin, die Frage zu 
lösen, aus welcher Zeit ein Wort stammt und wie lange es schon in unsrer 
Sprache vorhanden ist. Um hierauf antworten zu können, bedürfen wir des 
Wortschatzes der frühern Zeiten, und wir müssen ihn, soweit er nur in der 
literarischen Überlieferung vorliegt, sammeln. Es ist natürlich die Aufgabe 
der Wissenschaft, ein Wort soweit zurück zu verfolgen, als es überhaupt 
möglich ist, zunächst in die letzten Jahrhunderte, dann in die mittelhoch- 
deutsche und althochdeutsche Zeit. Wo die schriftlichen Denkmäler ver- 
sagen, hilft die Vergleichung der Sprachen weiter. Sie zeigt uns, daß viele 
deutsche Wörter auch in den verwandten germanischen Dialekten vorkommen, 
im Niederdeutschen, Niederländischen, Friesischen, Englischen, Skandi- 
navischen, d. h. im Isländischen, Norwegischen, Schwedischen, Dänischen, 
und im Gotischen. Soweit nicht in diesen Sprachen spätere Entlehnungen 
aus dem Deutschen vorliegen, erklären wir Worte, die in mehr als einer 
germanischen Sprache vorhanden sind, für urgermanisch, d. h. wir nehmen 
an, daß sie aus einer Zeit stammen, in der das Germanische noch eine 
Einheit auf verhältnismäßig kleinem Raum bildete. Diese Annahme ist genau 
so notwendig wie die, daß Verwandte von einem gemeinsamen längst ver- 
storbenen Vorfahren abstammen müssen. 

Viele der im Urgermanischen vorhandenen Ausdrücke können wir in- 
dessen noch weiter zurückverfolgen, wir treffen sie in einer oder in mehreren 
der mit dem Germanischen verwandten sonstigen indogermanischen 
Sprachen an, also im Griechischen, Italischen, Keltischen, Albanesischen, 
Armenischen, Lituslawischen oder Indo-iranischen (Arischen), und wir er- 
klären dann derartige Worte für indogermanisch. Hier müssen wir vor- 
läufig Halt machen. Zwar sind auch unter diesen indogermanischen Be- 
standteilen noch manche Worte durchsichtig, d. h. als Ableitungen von 
Wurzeln oder Stämmen erkennbar, aber eine große Anzahl widerstrebt jeder 
Deutung. Es handelt sich also in diesem Teil unsrer Arbeit darum, die 
verschiedenen Schichten des deutschen Wortschatzes klarzulegen und vor 
allem die wissenschaftlichen Grundsätze aufzustellen, nach denen die For- 
schung auf diesem Gebiete vorgeht. 

§ 4. Wortschatz der Mundarten. Neben unsrer Schriftsprache stehen noch 
heute die Mundarten. Sie sind nicht nur durch den Lautstand, sondern, 
wie allgemein bekannt, auch durch ihren Wortschatz wesentlich von der 
Schriftsprache verschieden. Wer nur einigermaßen im deutschen Vaterlande 
herumgekommen ist, weiß, daß ihm in jeder Gegend neue Worte entgegen- 
treten. Für die Wissenschaft handelt es sich darum, einerseits diesen Wort- 
schatz aufzuzeichnen, anderseits aber den Einfluß, den der Wortschatz der 
Mundarten auf die Schriftsprache gehabt hat, nachzuweisen. Die Aufgaben, 
die dieses Gebiet der Wortforschung stellt, sind bei weitem noch nicht 
erschöpft, der Unterricht aber kann gerade aus diesem Kapitel außerordentlich 
viel Anregung empfangen. 



Einleitung. 



§ 5. Die Standes- und Berufssprachen. Die Fülle unsres Wortschatzes ist 
ZU groß, als daß jeder alle Worte zur Verfügung haben könnte. Jeder Stand, 
der Handwerker, der Landmann, der Fischer, der Schiffer hat seine be- 
sondere Sprache mit eigentümlichem Wortschatz. Was in diesen Berufs- 
sprachen ein Wort bedeutet, weiß öfters nur der Eingeweihte. Nicht selten 
aber sind Worte aus diesen Berufssprachen mit ihrem besondern Sinn in 
unsere Schriftsprache eingedrungen, und sie verraten dann dem Kundigen 
ihre Herkunft. Diesen Berufs- und Standessprachen hat man neuerdings 
besondere Aufmerksamkeit zugewendet, und manches in unserm Wortschatz 
dadurch schlagend erklärt, daß man es aus ihnen herleitete. Wir müssen 
daher auch diesem Gebiet einen Abschnitt widmen. 

§. 6. Sprachliche Versteinerungen. Wenn ein Wort nicht mehr in leben- 
digem Gebrauch, sondern nur in vereinzelten Zusammensetzungen oder 
Redensarten vorhanden ist, so hat man von sprachlichen Versteine- 
rungen geredet. Auch diese zu untersuchen, ist eine wichtige Aufgabe, 
mit der die Frage nach dem Verlust der Wörter zu verbinden ist. 

§ 7. Eigennamen. Eine große Anzahl derartiger Versteinerungen steckt 
in unserm Namenmaterial. Die Bildung der Eigennamen, Personen-, 
Völker-, Fluß- und Ortsnamen zu erörtern, bildet einen besonderen 
Abschnitt der etymologischen Forschung, der um so mehr seine Stelle hier 
zu finden hat, als er in den Handbüchern meist übergangen wird, und daher 
weder die Grundsätze der Forschung noch ihre Ergebnisse bekannt sind. 

§ 8. Bedeutungswandel. Wörter verändern im Laufe der Zeiten nicht nur 
ihre Form, sondern auch ihre Bedeutung. Es ist eine Hauptaufgabe der 
wissenschaftlichen Wörterbücher, diese Bedeutungsentwicklung klarzulegen, 
und jeder Aufsatz unsrer großen Werke auf diesem Gebiet mußte diese 
Arbeit leisten. In diesem Buche kann es aber nur unser Ziel sein, die all- 
gemeinen Grundgesetze des Bedeutungswandels darzustellen und mit Bei- 
spielen zu belegen, die Ursachen des Bedeutungswandels aufzuhellen und 
ihnen im einzelnen nachzugehen. 

§ 9. Bedeutung der Wortforschung, auch für die Schule. Man wird SChon 
aus dieser allgemeinen Übersicht, die den Inhalt dieses Buches in Umrissen 
angibt, ersehen, welche mannigfachen Fragen sich der Wortforschung bieten. 
Wer sich mit der Geschichte der Worte beschäftigt, der wird, wie B. Liebich 
sagt, „allmählich erkennen, wie jedes, auch das unscheinbarste Wörtchen 
seine Geschichte besitzt, seine besondere Entwicklung oft durch unendliche 
Zeiträume durchlaufen hat, bis es zu der heutigen Form und Bedeutung 
gelangte, wie oft in einem einzigen, flüchtig hingesprochenen Satze Ver- 
treter der verschiedensten Perioden, Völker, Kulturkreise vereinigt sind, dann 
wird ihm die Wahrheit des Grimmschen Satzes aufgehen, daß die Sprache 
allen bekannt und allen ein Geheimnis ist". Und hierin liegt auch die 
große Bedeutung der Etymologie und Wortforschung für die Schule. Es 
wird keinem Lehrer einfallen, systematisch etymologische Forschungen im 



Einleitung. 



Unterricht verwerten zu wollen, aber er kann den Unterricht mit ihrer Hilfe 
beleben. Er kann und wird auf den Bedeutungswandel hinweisen, da ja 
schon bei Schiller und Goethe die Worte oft eine andere Bedeutung haben; 
er wird da, wo Schüler verschiedener Gegenden beieinander sind, auf die 
Verschiedenheit des Wortgebrauchs zu sprechen kommen, er kann vor allen 
Dingen an der Hand der Geschichte eines Wortes die Schüler in den Geist 
ältrer Zeiten versetzen, ihnen Einblicke in die Entwicklung der Kultur ge- 
währen; denn aus der Sprache erhalten wir tatsächlich ein Spiegelbild der 
Kultur, und Sprachgeschichte ist sicherlich ein Teil Kulturgeschichte. Zwar 
kann dem Leser in diesem Buche nicht der ganze Stoff geboten werden, 
wohl aber hofft der Verfasser reiche Belege geben und außerdem die Wege 
weisen zu können, auf denen man zu den Quellen gelangt. Ob nun freilich 
alles, was dieses Buch enthält, auch für den Unterricht brauchbar sein wird, 
das vermag der Verfasser nicht zu entscheiden, da er dem praktischen Unter- 
richt fernsteht. Aber die Teilnahme, die die Vorlesungen gefunden haben, 
aus denen dieses Buch erwachsen ist, läßt ihn hoffen, daß auch der Lehrer 
aus ihm wird entnehmen und schöpfen können. Außerdem ist es aber eine 
bekannte Tatsache, daß wissenschaftliche Vertiefung außerordentlich zur Be- 
lebung jeglichen Unterrichts beiträgt. Anderseits kann dies Buch auch nicht 
alles enthalten, es muß die eigene Tätigkeit hinzukommen, insbesondere 
die Beschäftigung mit den Arbeiten in den Wörterbüchern selbst. Die altern 
und neuern Lieferungen des Grimm sind oft genug sehr anziehend zu 
lesen, sie bieten weite kulturgeschichtliche Ausblicke und werden keinen 
ohne tiefe Belehrung entlassen. Aber freilich der Grimm wird wohl mal 
nachgeschlagen, aber nicht gelesen. 



Erstes Kapitel. 

Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 
Übersicht über die Lautentwicklung. 

§ 10. Die Etymologie bei den Griechen. Die Etymologie ist der älteste 
uns bekannte Teil der Sprachwissenschaft. Das Wort selbst stammt aus 
dem Griechischen, es ist abgeleitet von ezv/nov {etymon) ,das Seiende, der 
wahre, eigentliche Gehalt' und loyia (logia) von ?.öyog (lögos) ,Rede', das 
in zahlreichen andern Bildungen wie Mythologie, Anthropologie, Geologie 
auftritt. Es bedeutet also ,die Rede, die Lehre, die Wissenschaft von der 
wahren Herkunft der Wörter'. Es ist uns unbekannt, wer das Wort zuerst 
gebraucht hat, doch ist szvjuog [etymos), wie G. Curtius, Grundzüge der 
griechischen Etymologie S. 5, bemerkt, „ein ionisches Wort, und es wird 
daher bei den ionischen Philosophen aufgekommen sein, über deren Be- 
strebungen wir etwas Genaueres aus Piatons Dialog Kratylos erfahren". 
In diesem Werke sind uns auch eine Reihe von Etymologien überliefert, 
und es wird uns gezeigt, wie man in jener Zeit vorging. Von irgendeiner 
wissenschaftlichen Erkenntnis war man damals wie auch später weit ent- 
fernt. Man versenkte sich nicht in die Sprache, um zu erkennen, was darin 
vorhanden war, sondern die Sprache sollte bestätigen, was man sonst aus- 
geklügelt hatte. Man erkannte die Herkunft vieler Worte ganz richtig, wie 
ja heute noch jeder Laie vieles richtig erklärt. Jeder empfindet, daß Band 
mit binden zusammengehört, daß Fräulein von Frau abgeleitet, daß Frauen- 
zimmer aus Frau und Zimmer zusammengesetzt ist, und daß hier eine 
etwas ungewöhnliche Bedeutungsübertragung stattgefunden hat. Man kommt 
durch eingehendes Vergleichen der Wörter der lebenden Sprache auch wohl 
etwas weiter. Aber bei der Erklärung der nicht ganz einfachen Wörter ver- 
sagte die Kunst der Griechen, wie bei uns die der Laien. Man besaß im 
Altertum keinen sichern Weg, um die Herkunft der Wörter zu bestimmen. 
Man schuf indessen den Schein einer Methode, indem man mit gewissen 
Kunstausdrücken um sich warf, die noch heute in der klassischen Philologie 
ihre Rolle nicht ausgespielt haben. Um Worte miteinander zu verbinden, 
konnte man die Ellipse anwenden, die Synkope, die Metathesis usw., 
oder man konnte jeden Laut mit jedem andern vertauschen, wenngleich 
man allmählich erkannte, daß gewisse Laute häufiger, andere seltener in- 
einander übergehen. Auf Grund von Beobachtungen am wirklich vorhan- 
denen Sprachstoff kamen die Griechen zu der Einsicht, daß / niemals mit 
a wechselt, eine Annahme, die die neuere Wissenschaft im wesentlichen 
bestätigt hat. 



Erstes Kapitel. Geschichte und Gi tze der Etymologie. 



Die Auffassung ist damals oft genug in die Irre gegangen, und 
wir können uns nicht selten eines Lächelns kaum enthalten, wenn wir 
sehen, was man damals für möglich hielt. Es hat keinen Zweck, hier 
Beispiele jener Methode anzuführen. Bekannt ist das berüchtigte liicus a 
non liicendo. 

Eine eingehende Darstellung der etymologischen Forschungen des 
Altertums bietet jetzt Frld. Mullhr, De veterum imprimis Romanorum studiis 
etymologicis, Trajecti ad Rhenum 1910. 

§ 11. Die Etymologie bis zur Neuzeit. Wie es bei den Griechen gewesen, 
so ist es bei den Römern geblieben, und auf deren Tätigkeit beruhte ja 
schließlich auch die Wissenschaft des Mittelalters und der Neuzeit. Indessen 
mußten sich gerade auf germanischem Boden von selbst neue Bahnen auf- 
tun. Hier wohnten um das Nord- und Ostseebecken eine Reihe von ger- 
manischen Stämmen, deren Sprachen so eng verwandt waren, daß jeder 
ihren Zusammenhang erkennen mußte. Anderseits waren aber diese Sprachen 
doch wieder soweit verschieden, daß man sie nur als selbständige Glieder 
auffassen konnte. Dies führte daher sozusagen von selbst notwendigerweise 
zu einer vergleichenden Betrachtungsweise. Frühzeitig wurde man auch mit 
den altern Sprachstufen des Germanischen, z. B. dem Gotischen, bekannt, 
und konnte nunmehr eine jahrhundertlange Entwicklung überblicken. Man 
befreite sich dadurch ganz alimählich von der Auffassung der Alten, und 
die etymologische Wissenschaft wurde so von selbst in ganz gesunde 
Bahnen gelenkt. Wie lange man aber zu einer richtigen Erkenntnis ge- 
braucht hätte, läßt sich nicht sagen, da die natürliche Entwicklung durch 
das Auftreten der vergleichenden Sprachwissenschaft eine ganz un- 
angeahnte Förderung erfuhr. 

Näheres über die Geschichte der etymologischen Bestrebungen findet 
man bei Rd. von Raumer, Geschichte der germanischen Philologie vorzugs- 
weise in Deutschland, München 1870, und bei H. Paul, Geschichte der 
germanischen Philologie im Grundriß der germanischen Philologie, Bd. 1. 
Ich muß es des Raummangels wegen unterlassen, auf diese altern Be- 
strebungen, obgleich sie schon manches Richtige zutage gefördert hatten, 
einzugehen. 

§ 12. Das Auftreten der vergleichenden Sprachwissenschaft. Mit der Auf- 
deckung der Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen beginnt ein 
wesentlich neuer Abschnitt der etymologischen Forschung. Am Ende des 
achtzehnten Jahrhunderts wurde man mit dem Altindischen, dem Sanskrit, 
bekannt, und es enthüllte sich der Zusammenhang der meisten europäischen 
Sprachen mit der Sprache des fernen Ostens. Dieser Zusammenhang ist 
nur so zu denken und zu erklären, daß alle indogermanischen Sprachen 
aus einer untergegangenen Sprache entstanden sind. Er wurde zwar in erster 
Linie durch die Übereinstimmung der Flexion gewährieistet. Es kamen 
aber wie von selbst zahlreiche Entsprechungen im Wortschatz hinzu, die 



§ 12. Das Auftreten der vergleichenden Sprachwissenschaft 7 

sich zwischen den verschiedenen Sprachen finden, i) Es konnte nicht ent- 
gehen, daß etwa folgende Worte der verwandten Sprachen auf das engste 
zusammenhingen: 

ai.pitär, gr. Tiax/jg {patcer), l.pater, air. athir, d. Vater; 

ai. mätär, gr. /<>/t?;^ (matcir), \.mater, air. mathir, d. Mutter, Mtmotc, abulg.matl ; 

ai. duhitär, gr.&vydT)]o {thygätcer), d. Tochter, lit. diikte, abulg. düsti. 

Derartige Gleichungen fanden sich, kann man sagen, gleich zu Hunderten. 
Es erhellte aber daraus, daß germanische Wörter, die sich in den verwandten 
Sprachen nachweisen ließen, ein sehr viel höheres Alter hatten, als man bis 
dahin vermuten konnte. Viele Wörter, die unverständlich gewesen waren, 
ließen sich nun von andern altern und ursprünglichem ableiten, und es 
ist bei vielen daher die Frage nach der wahren Herkunft völlig gelöst. So 
wissen wir jetzt, daß z.B. Säge zu lat. ^ecrtr^ , schneiden', Bell zu lat.findo 
,spalten', d. beißen gehört; das eine Wort bedeutet also ,Werkzeug zum 
Schneiden', das andere ,Werkzeug zum Spalten'. D. alt entspricht lat. altus 
jhoch' und ist das Partizip zu dem in 1. alo ,nähren' vorliegenden Verbum, 
es heißt also eigentlich ,ernährt, herangewachsen'. D. Biber entspricht aind. 
babhriih , braun', heißt also ,der Braune' usw. Gleichen Stammes ist 
auch Bär. Aber viele andere Worte lassen sich zwar bis in die indo- 
germanische Ursprache zurückführen, erscheinen aber in dieser ebensowenig 
mit andern verbunden, wie in den geschichtlichen Zeiten. Das gilt z. B. 
von den meisten Worten, die Verwandtschaftsgrade bezeichnen, von den 
Zahlworten, von sehr vielen Verben, die eine Tätigkeit ausdrücken. Man 
muß in solchen Fällen ruhig eingestehen, daß wir die wahre Herkunft des 
Wortes noch nicht kennen, daß es uns auch im Indogermanischen als ein 
Wort unbekannten Ursprungs entgegentritt. Natürlich will sich aber der 
menschliche Geist bei dieser Erkenntnis nicht beruhigen, und man hat da- 
her vielfach, um auch hier noch weiter zu kommen, die indogermanischen 
Wörter zu erklären versucht. Einige Beispiele mögen das zeigen. Das Wort 
für ,Tochter' lautet im Indischen duhitä. Nun gibt es aber auch einen 
Verbalstamm dah , melken', und so leitete man das erste von dem zweiten 
ab, die Tochter sei deshalb so genannt, weil sie das Vieh gemolken habe, 
der Name bedeute ,die Melkerin'. Der ,Bruder' heißt aind. bhratar. Es lag, 
wie es schien, sehr nahe, dies Wort auf den weitverbreiteten Verbalstamm 
bher in aind. bhärämi, gr. cpsgoi (phero), lat. fero, got. balra ,ich trage' zu 
beziehen. Der ,Bruder' war der Träger, der Erhalter, vor allem der ,Schwester'. 
Man zeichnete auf Grund derartiger Etymologien reizende Bilder von der 

^) Es gilt als anerkannter Grundsatz, daß 1 flexion verloren, aber die Worte zeugen für 
die Uebereinstimmung des grammatischen | die Sprachverwandtschaft. So finden wir dort 



Baus die Sprachenverwandtschaft erweist 
Aber zur Not genügt auch der Wortschatz 
allein. Das zeigt sich deutlich bei der vor 
einigen Jahren neuentdeckten indogermani- 



noffi d.Name, känt '\00' :\.centum, d. hun- 
dert; okso 'Rind' : d. Ochse; stwar'4' : X.quat- 
tuor; alyek 'andrer' : \.alius;pis 'fünf igr-ieVre 
(pente), d. fünf u. v. a. Einen zusammenfas- 



schen Sprache in Ostturkestan, dem T och a- i senden Bericht über das Tocharische gibt 
rischen. Diese Sprache hat die alte Nominal- ' Meillet, Idg. Jahrbuch 1 (1913), 1—29. 



8 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 



Kultur der Indogcrmanen. Besonders hat dies A. Fick in seinem Buche, 
Die chemah^e Spracheinheit der Indos^ermanen Europas, .ijetan, und sein 
Beispiel hat, wenni^lcich er selbst das Unhaltbare seiner Aufstelluni^en längst 
erkannt hat, vielfach nachgewirkt. 

Leider kann dies alles nicht vor der Kritik standhalten. Um die Un- 
richtitjkeit dieses Vori^ehens zu zeis^en, braucht man sich nur einmal zu 
der heuti.ejen Sprache zu wenden. Wenn wir unsere Worte ohne Rücksicht 
auf ältere Sprachstadien erklären wollten, so würde man vielleicht Nuß zu 
genießen, zehn zu Zehe, Armut zu arm und Mut stellen. Gewiß würde 
man manchmal das Richtige treffen, aber in zahlreichen andern Fällen müßte 
man fehlgreifen. Mit Bestimmtheit läßt sich sagen, daß die drei Etymologien, 
die wir angeführt haben, falsch sind, daß hier also der äußere Schein trü.gt. 
Daraus folgt, daß dies auch bei Versuchen, die die ältere Zeit betreffen, der 
Fall sein wird, und daß man sich im allgemeinen damit begnügen muß, 
ein Wort durch Nachweis in den verwandten Sprachen als indogermanisch 
erwiesen zu haben. 

Besonders beliebt war es einst und ist es schließlich noch heute, ein 
Wort auf eine sogenannte Wurzel und zwar meistens eine Verbalwurzel 
zurückzuführen. Obgleich auch die ältere Forschung den Begriff der Wurzel 
schon kennt, so stehen wir doch in diesem Punkt wesentlich unter dem 
Einfluß der hochentwickelten indischen Grammatik. Die Inder haben tiefe 
Einblicke in den grammatischen Bau ihrer Sprache getan, und sie haben 
für fast jede Wortsippe schließlich eine Wurzel aufgestellt. Und das scheint 
ja für die indogermanischen Sprachen beinah notwendig zu sein. Wir haben 
binden, band, gebunden nebeneinander. Dazu kommt das Band, der Bund. 
Was ist es denn, was hier allem zugrunde liegt? Die einfache Antwort 
lautete: wir haben eine Wurzel b-nd anzunehmen, von der sowohl das Verb 
wie das Nomen abgeleitet ist. Wir wissen heute und können es mit Be- 
stimmtheit aussprechen, daß es so etwas wie Wurzeln in unsrer Sprache 
nicht gibt, und auch im Indogermanischen hat es keine Wurzeln, sondern 
nur fertige Wörter gegeben. 

Mit Vorliebe hat man aber nicht nur Wurzeln, sondern möglichst 
Verbalwurzeln angenommen mit einer meist sehr allgemeinen Bedeutung. 
Es ist uns aber heute der Gedanke ganz geläufig, daß gerade in den altern 
Sprachstufen die allgemeinen Bedeutungen sehr viel seltener waren, daß 
man vielmehr eine Fülle von Ausdrücken für konkrete Gegenstände hatte. 
Die allgemeinen abstrakten Bedeutungen sind erst ein Ergebnis weiter vor- 
geschrittener geistiger Entwicklung. Und anderseits ist das Verbum selbst 
in vielen hochentwickelten Sprachen nicht vorhanden, und es ist mir sehr 
wahrscheinlich, daß sich auch im Indogermanischen das Verbum und seine 
Flexion erst aus dem Nomen entwickelt hat, vgl. Hirt, Idg. Forsch. 17,36. 

Allerdings stehen noch alle unsere etymologischen Wörterbücher mehr 
oder minder unter dem Bann der alten Auffassung. Überall findet man hie 



§ 13. Die Anfänge der Lautlehre. 



und da Zurückführung auf Wurzeln. So schreibt z.B. Kluge, Et. WB. unter 
wohnen: „Neben dieser westgerm. Sippe {wohnen) steht diejenige von ge- 
wohnt; die zugrunde liegende idg. Wz. wen hat wahrscheinlich ,sich ge- 
fallen' bedeutet, was got. wiinan, anord. iina ,sich freuen' nahelegt; das 
Gewohnte ist dasjenige, woran man Gefallen findet, wohnen eigtl. ,sich 
irgendwo erfreuen'." Dieser und ähnlichen Erklärungen setze man ein un- 
begrenztes Mißtrauen entgegen. Man kann mit Sicherheit sagen, so ist es 
nicht gewesen, wenn man auch noch nicht bestimmt feststellen kann, wie die 
Bedeutungsentwicklung vor sich gegangen ist. Ich betone nochmals: im 
allgemeinen muß es uns genug sein, ein germanisches Wort durch Nach- 
weis in den verwandten Sprachen als indogermanisch erkannt zu haben. 
Worte wie Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Schwäher =^ , Schwiegervater', 
Schwieger = , Schwiegermutter', Schnur = , Schwiegertochter', eins, zwei, 
drei usw. sind indogermanisch; was sie aber ursprünglich bedeutet haben, 
wissen wir nicht. 

Erst wenn es uns gelänge, eine andere mit dem Urindogermanischen 
verwandte Sprache zu entdecken, würden wir wieder einen Schritt weiter 
kommen können. Aber die Beziehungen, in denen das Indogermanische 
etwa zum Finnischen oder Semitischen gestanden hat, sind vorläufig noch 
zu wenig geklärt. Vor einiger Zeit hat H. Möller in seinem Buch „Semi- 
tisch und Indogermanisch, I. Konsonanten", Kopenhagen 1907, einen an 
sich einwandfreien Versuch gemacht, den Zusammenhang des Indo- 
germanischen mit dem Semitischen nachzuweisen. Dazu ist ein Indo- 
europseisk-Semitisk Sammenlignende Glossarium, Kjöbenhavn 1909, ge- 
kommen. Sollten seine Ergebnisse Bestand haben, so würde allerdings die 
Etymologie eine ungeahnte Förderung erhalten. Ich muß indessen von der 
Verwertung dieses Buches an dieser Stelle absehen, da ich die Richtigkeit 
von Möllers Aufstellungen nicht zu beurteilen vermag. Da sich aber Möller, 
was die Analyse des Indogermanischen betrifft, sicher auf einem Holzweg 
befindet, so habe ich starke Bedenken gegenüber seinen Ergebnissen, Be- 
denken, die ja auch von den Semitisten durchgehends geteilt werden. Ich 
denke, man kann auch auf diese Hilfe verzichten, da die etymologische 
Forschung auf germanischem und indogermanischem Boden noch zur Ge- 
nüge zu tun hat. 

§ 13. Die Anfänge der Lautlehre. Die Etymologie wurde, wie sich leicht 
verstehen läßt, durch das Aufkommen der vergleichenden Sprachwissenschaft 
außerordentlich gefördert. Es eröffneten sich ihr ganz ungeahnte Ziele. Aber 
freilich, der Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft, Franz Bopp, 
wendete dieser Seite der Sprachwissenschaft keine Aufmerksamkeit zu. Es 
blieb neben Jak. Grimm dem etwas Jüngern Aug. Friedr. Pott (1802 — 1887) 
vorbehalten, dies zu tun, und so die wissenschaftliche Etymologie zu 
schaffen. Dieser veröffentlichte zwei Bände Etymologische Forschungen, 
Lemgo 1833 — 1836. Eine zweite vollständig umgestaltete Auflage erschien 



10 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 



in sechs Bünden von 1859 — 1876. Die Einleitun.c^ zu diesem Werke kann 
heute noch jeder mit Vorteil lesen, den sonstigen Inhalt des Werkes sollte 
nur der Sprachforscher benutzen, der das Wahre vom Falschen sondern kann. 

In Potts Werk finden sich die Anfange eines Teiles der Grammatik, 
der mit der etymologischen Forschung auf das engste verbunden seitdem 
an Bedeutung dauernd gewonnen hat, nämlich die Anfänge der Lautlehre. 

Die Lautlehre verfolgt die Geschichte der einzelnen Laute, Da uns aber 
die Laute nicht als solche, sondern immer nur in den Worten gegeben sind, 
so ist die Lautlehre immer nur durch Zusammenstellung von Wörtern, die 
den gleichen Laut enthalten, zu begründen. Derartige Wörter müssen sich 
natürlich durch Übereinstimmung der Bedeutung und der Form als ver- 
wandt erweisen. Vergleicht man eine Anzahl derartiger Worte, so ergibt 
sich, daß der betreffende Laut entweder der gleiche geblieben ist, oder daß 
er sich verändert hat. So entspricht dem \aX. pater das gr. :nar)]o {patar); 
p, t, r haben sich hier also unverändert erhalten, und es lassen sich noch 
viele andere Worte anführen, in denen dies ebenso der Fall ist. Wenden 
wir uns aber zum Germanischen, so heißt es im Gotischen fadar, d. Vater. 
Hier zeigt sich also nur das einzige r wie im Griechischen und Lateinischen, 
während p und t verändert sind. Stellt man nun mehrere Worte mit dem 
gleichen Laut in der einen Sprache mit den entsprechenden Worten der 
andern Sprache zusammen, so zeigt sich, daß bei diesen Entsprechungen 
eine große Regelmäßigkeit obwaltet. 

§ 14. Die deutsche Lautverschiebung. Am frühesten trat die Erkenntnis 
regelmäßiger Veränderung eines Lautes in offenbar zusammenhängenden 
Wörtern auf deutschem Sprachgebiet auf, weil das sogenannte hochdeutsche 
Sprachgebiet durch eine Reihe einschneidender Veränderungen von dem 
der übrigen germanischen Sprachen geschieden ist. Diese Umwandlungen 
nennen wir die hochdeutsche Lautverschiebung. Es ist das nach der 
neuern Forschung kein ganz einheitlicher Vorgang, da die Ergebnisse der 
Verschiebung bei den einzelnen Lauten wie auch in einzelnen Mundarten 
verschieden sind. 

Wir vergleichen im folgenden die deutsche Schriftsprache mit dem 
Englischen und geben reiche Belege. Man kann natürlich ebensogut das 
Niederdeutsche oder eine andere germanische Sprache heranziehen. 

Ganz regelrecht sind die Dentale verschoben. 

1. Hochdeutschem z entspricht im allgemeinen in den übrigen ger- 
manischen Sprachen ein t, 

Zacke, e. tack 'Stift'; — Zagel, e. tail 'Schwanz'; — zäh, e. tough; — Zahl, e. tale; — 
zählen, e. teil; — zahm, e. tarne; — Zahn, e. tooth; — Zähre, e. tear; — Zain, Zein 
'{Weiden)gerte' usw., e. toe in mistletoe 'Mistelzweig'; — Zange, e. tongs; — Zapfen, 
e. tap; — Zarge 'Seiteneinfassung', e. targe; — Zauber, e. tiver 'Oclier';') — Zaum, e. team 



^) Die Vorstufe von e. tiver ist ags.teafor; roter Farbe wurden die Runen eingeritzt, und 
dies bedeutet schon , (rote) Farbe, Mennig'. Mit so entwicl\elte sich die Bedeutung 'Zauber'. 



§ 14. Die deutsche Lautverschiebung. 



11 



dA 



'Zug (von Tieren), Gespann'; — Zaun, e. town; — zausen, e. touse; — Zecke, t.tike, 
tick; — Zeh, e. toe; — zehn, e. ten; — zehren, e. ^^ar 'zerreißen'; — Zeichen, e. token; — 
Zeit, e. tide 'Flut'; — Zelt, e. tili; — zerren 'necl<end reizen', e. tarry; — zerren, e. tear; — 
Zieche 'Bettkissenüberzug', e. tick; — Ziegel, e. tile; — -zig, e. -ty; — Zimmer, t.timber 
'Bauholz'; — Zinn, e. tin; — Zipfel, e. tip; — Zitteroch 'rotes Mal', e. tetter; — Zitze, 
e. teat; — Zoll, e. toll: — Zopf, eig. 'Baumgipfel', e. top; — zu, t.to; — Zuber, e. tut; — 
Zug, e. tug; — zünden, e. tind; — Zunder, e. linder; — Zunge, e. tongue; — zwanzig, 
e. twenty; — zwei, e. two; — Zweig, e. /w/g; — Zwilling, e. twinling; — zwisdien, e. 
betwixt; — zwölf, e. twelve. 

Hier ist also, wenn wir uns entwicklungsgeschichtlich ausdrücken wollen, 
^ zu 2: verschoben. Ausgenommen ist aber die Stellung nach s und vor r. 

Stab, e. staff; — Stahl, &. steel; — Stall, t. stall; — Stamm, e. stam; — Stange, 
e. stang; — Stapel, e. staple; — Stapfe, e. Step; — Star, e. stare, starling; — stark, e. 
stark; — Stecken, e. stick; — stehlen, e. steal; — steif, e. stiff; — Stein, e. stone; — 
sterben, e. starve; — Sterke, e. stirk, sturk; — Stern, e.star; — stief, e.step; — Stimme, 
e. Steven; — Stock, e. stock; — Storch, e.stork; — stören, e.stir; — Strand, e. Strand; — 
Straße, e. street; — strecken, e. streich; — streidien, e. strike; — streng, e. strong; — 
Streuen, e. strew; — Stroh, e. straw; — Strom, e. stream; — Stubben, e. stub; — Stube, 
e. stove 'Ofen'; — Stuhl, e. stool; — Stumpf, e. stump; — Sturm, e. storm; — Stute, 
e. stud; — treten, e. tread; — treu, e. true; — Trog, e. trough. 

Im Inlaut finden wir dagegen zwar auch in einzelnen Fällen z oder 
tz = e. t, meist aber heute 55 {ß). 

Herz, e. heart; — Schmerz, e. smart; — sitzen, e. 5/^; — Weizen, e. wheat; — wetzen, 
e. whet; — aber 

beißen, e. bite; — besser, e. better; — daß, e. that; — es, e. it; — essen, e.eat; — 
Fuß, e. foot; — Geiß, e. goat; — grüßen, e. greet; — hassen, e. /za^^; — heiß, e. /zo^; — 
lassen, e. fe/; — reißen, e. write; — süß, e. sweet; — was, e. what; — Wasser, e. water; — 
weiß, e. white. 

2. Dem deutschen Z" entspricht lautgesetzlich ein engl. d. 

Tag, e. c?fl_y; — tapfer, e. dapper 'flink, gewandt, sauber'; — 7a/, e. deed; — Tau, 
e. rfetii»; — Taube, e. rfot/e; — taub, e. rf^a/; — taudien, e. cfucfe; — 7^/^, e. dough; — 
Teil, e. rf^a/; — Tenne, e. rf^/z 'Höhle'; — teuer, e. rf^ar; — Teufel, e. rfez;//.- — TzV/-, 
e. deer; — tief, e. deep; — Tisch, e. rf/5/z; — Tochter, e. daughter; — Tod, e. death; — 
/o//, e. dull 'faul, langweilig'; — Tor, e. rfoor; — /o/, e. dead; — tragen, t.draw; — 
Traum, e. dream; — traurig, e. dreary; — Treber, e. draff 'Bodensatz'; — treiben, e. 
drive; — trinken, e. drink; — trocken, e. rfry; — Tropfen, t.drop; — Trunk, e.drink; — 
tüchtig, e. doughty; — tun, e. do. 

alt, e. old; — Bett, e. 6erf; — bieten, e. 6/rf; — Blatt, e. blade; — Blatter, e. bladder; — 
Euter, e. udder; — Fa//^, e. /o/rf; — Futter, e.fodder; — Gott, e.god; — gut, t.good; — 
halten, e. hold; — hart, e. hard; — hatte, e. had; — Haupt, e. head; — Hirt, e. herd; — 
gehört, e. heard; — kalt, e. cold; — laut, e. loud; — leiten, e. /^örf; — Leiter, e. ladder; — 
nackt, e. naked; — Otter, t. adder; — reiten, o.. ride; — geritten, o.. ridden; — Sattel, 
e. saddle; — gesotten, e. sodden; — Tat, e. deed; — tot, e. dead; — Wort, e. word. 

/ 3. Deutsch d entspricht engl. th. 
-jo da, dar(um), e. there; — Dadi, e. thatdi 'Strohdach'; — Dank, e. thanks; — dann, 
e. then; — daß, e. that; — Daumen, e. thumb; — decken, e. thatdi; — Degen 'Kriegsmann', 
h thane 'Freiherr'; — dein, e. thy; — denken, e. think; — dick, e. thik; — Dieb, e. thief; — 
./^Distel, e. thistle; — dodi, e. though; — Donner, e. thunder; — Dorf, e. thorp in Eigen- 
^ namen; — Dorn, e. thorn; — Draht, e. thread; — Drang, e. throng 'Gedränge'; — drehen, 
e. throw; — drei, e. three; — dreschen, e. thrash, thresh; — drillen 'bohren', z.thrill; — 



•^ 



12 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 



Drossel, e. thriish; — Drossel 'Kehle', c. thront; — du, e. thoii; — dulden, e. thole; — 
dünken, c. tfiink; — dünn, c. pin; — dunii, c. t/irou/^h, thorough; — Durst, c. tliirst. 

Bad, c. batli; — beide, c.both; — liruder, e. Orot her; — Eid, t. oath; — Erde, 
e.earth; — Faden, c. fathom; — Feder, c./eather; — fürder, c./urther; — Heide, e. 
heath; — Heide, e. heathen; — Herd, e. hearth; — Jugend, e.youth; — Kleid, e. cloth; — 
Leder, c. leather; — Mond, e. month; — Mund, e. mouth; — Norden, c. north; — oder, 
cot her; — Pfad, c.path; — Sdieide, c. sheath; — Schmiede, c. smithy; — sieden, e. 
seethe; — Süden, e. south; — Tod, e. death; — weder, e. whether; — Widder, e. wether; — 
würdig, e. worthy. 

Den drei Dentalen des Englischen /, d, th entsprechen also im Hoch- 
deutschen wieder drei Zungenlaute, aber andere, die Laute sind verschoben. 
Ähnlich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, steht es mit den Labialen 
und Gutturalen. Hier sind nur die Tenues von der Verschiebung betroffen 
und auch diese nicht überall. 

1. Dem deutschen ch entspricht engl. k. 

Ardie, e. ark; — audi, e. eke; — bleidi, e. bleak; — bredien, e. break; — Budi, e. book; — 
Eidie, e. oak; — Eldi, e. elk; — Griedie, e. Greek; — Jodi, e.yoke; — madien, e. make; — 
Mildi, e. milk; — Sadie, e. sake; — siedi, e. sick; — spredien, e. speak; — stedien, e. stick; — 
Stordt, e. stork ; — streidien, e. strike ; — sudien, e. seek ; — weidi, e. weak ; — Wodie, e. weck ; — 
Zeidien, e. token. 

2. Dem deutschen pf entspricht engl. p. 

Pfad, e. path; — Pfahl, e. pole; — Pfanne, e.pan: — Pfau, e. pea(cock); — Pfeffer, 
e. peper; — Pfeife, e.pipe; — Pfennig, e.penny; — Pflanze, e.plant; — Pflaster, e. plaster; — 
Pflaume, c.plum; — pflegen, e.play; — pflüdien, t. pluck; — Pflug, t.plough 'Landmaß'; — 
Pfriem, q. preen 'eisernes Werkzeug zum Entfernen der Tuchflocken'; — Pfuhl, e.pool; — 
Pfühl, Q.pillow; — Pfund, e. pound; — Pfütze, e. pit. 

3. Im Inlaut entspricht /, ff oder pf dem engl. p. 

Affe, e. ape; — Apfel, e. apple; — auf, e. up; — Bisdiof, e. bishop; — Dampf, e. damp; — 
gaffen, e. gape; — greifen, e. grope; — Flanf, e. hemp; — Harfe, e. harp; — Haufen, 
e. heap; — helfen, e. help; — hoffen, e. hope; — Hopfen, e. hop; — hüpfen, e. hop; — 
Karpfen, e. carp; — Kauf, e. cheap; — Kropf, e. crop; — Kupfer, e. copper; — laufen, 
e. leap; — offen, e. open; — Pfeffer, e. pepper; — Pfeife, e.pipe; — reif, e. ripe; — Reifen, 
e. rope; — Rumpf, e. rump; — Saft, e. sap; — Sdiaf, e. sheep; — sdiarf, e. Sharp ; — Sdiiff, 
e. ship; — Sdilaf, e. sleep; — sdilafen, e. sleep; — Seife, e. soap; — stampfen, e. stamp; — 
Stiefvater, e. stepfather; — stumpf, e. stump; — tief, e. deep; — Tropfen, e. drop; — Waffe, 
e. weapon; — Zapfen, e. tap; — Zopf, e. top. 

4. Die Lautgruppe sp ist wie st nicht verschoben. 

Span, e. spoon; — Spange, e. spangle; — sparen, e. spare; — Sparren, e. spar; — 
Spaten, e. spade; — Speer, e. spear; — Speidie, e. spoke; — speien, e. spew, spue; — Sperling, 
e. sparrow; — sperren, e. spar; — Spieß, e. spit; — Spinne, e. spin; — Sporn, e. spur; — 
Spradie, e. speech; — spredien, e. speak; — spreiten, e. spread; — sprießen, e. sprout; — 
springen, e. spring; — Sproß, e. sprout; — Spur, e. spoor; — sputen, e. speed. 

Die Beispiele sind, wie man sieht, sehr zahlreich, und die große Regel- 
mäßigkeit kann keinem entgehen. Eine sehr ansprechende Behandlung dieser 
Frage, auch in ihrer Verwertung für den Unterricht, bietet Tore Torbiörnson, 
Die vergleichende Sprachwissenschaft in ihrem Werte für die allgemeine Bil- 
dung und den Unterricht, Leipzig 1906. Vgl. auch P.Vogel, Sprachgeschicht- 
liches im deutschen Unterricht der Obersekunda, ZfdU. 18, 153 ff. 





§ 15. Die germanische Lautverschiebung. 13 

§ 15. Die germanische Lautverschiebung. Schon der dänische Sprachforscher 
Rask, Über die thrakische Sprachklasse bei Vater, Vergleichungstafein der 
europäischen Stammsprachen, Halle 1822, hat dann weiter erkannt, daß bei 
dem Verhältnis der germanischen Worte zu den griechisch-lateinischen ebenfalls 
ganz regelmäßige Veränderungen zu beobachten sind. Diese Veränderungen 
hat J. Grimm in eine Formel gebracht, während spätere Zeiten sie genauer 
bestimmt haben. Wir fassen sie jetzt unter dem Namen der ersten ger- 
manischen Lautverschiebung zusammen, während die Engländer sie 
Grimms Gesetz nennen. 

Nach der Grimmschen Auffassung ist die erste Lautverschiebung etwas 
sehr einfaches. Heute wissen wir, daß der Vorgang nicht so einfach und 
gleichmäßig war, wie Grimm das annahm. 

Wir geben auch hier ein reichhaltiges Material. 

1. Die griechisch-lateinischen Tenues k, t, p, die gleichen 
indogermanischen Lauten entsprechen, werden im Germ, zu A,/»,/ 
verschoben. Der zweite Laut erscheint im Deutschen als d, s. § 14. 

a) Idg. k, gr. X (k), 1. c wird zu germ. h. 

Habergeiß, 1. caper, frz. chevre; — Hadise, 1. coxa 'Hüfte'; — Hader, gr. y.öjog {kötos) 

'Groll'; haft, 1. captus; — Hagel, gr. y.6.-/h]'E, {käkhliex) 'Steinchen, Kiesel'; — hager, 

ai. kr sah; — Hahn, Huhn, 1. cicünia; — Halle, 1. cella; — Halm, 1. culmus, gr. y.d/.auo; 
(kälanios); — Hals, 1. Collum; — Hamme, gr. y.vtjiu] {kniemw); — Hammer, gr. uy.ucov (dkmön) 
.Amboß' ; — Hand, gr. yarä (katä) eig. 'mit der Hand' ; — Hanf, gr. y.dwaßi; {kännabis) ; — 
Harm, abg. sramii 'Scham'; — hart, gr. y.qazvg (kratys) 'starlv'; — Harz, gr. y.r)q6i (kwrös); — 
Hase, ai. sasäh, 1. cänus 'aschgrau' ; — Hasel, 1. corylus ; — Haß, gr. yS]8og (kwdos) 'Kummer' ; — 
Haube, 1. ciipa 'Tonne, Kufe'; — hauen, 1. cüdo; — Haupt, 1. Caput; — Haut, 1. cutis, gr. y.vrog 
(kytos); — heben, l.capio; — Heer zu. gr. y.oloavog (koi'ranos) aus ■korjanos, eig. 'Heerführer'; — 
hehlen, 1. celäre, frz. celer; — Heide, 1. (bü)cetum; — heil, abg. celü 'ganz, heil'; — Heim, 

gr. nw^irj (k6m(f); — Hei(rat), 1. civis; heit, ai. ketüh 'Lichterscheinung, Helle, Bild'; — 

heiter, ai. citräh 'glänzend'; — Helm, ai. särma 'Schutz'; — Herbst, 1. carpere; — Hermelin, 
lit. sermuö; — Herz, 1. cor, gr. y.uoöia {kardia); — hinke, gr. axä^co (skäzö); — Hirn, 1. cere- 
brum, gr. y.agijvov {kärcenon); — Hirsdi, 1. cervus, frz. cerf; — Hirse, 1. Ceres; — hohl, 1. cavus, 
caulis 'Stengel' ; — Hohn, lett. kauns 'Schmach, Schande' ; — Holm, 1. collis; — Holz, gr. yJ.äöog 
(klädos) 'Zweig'; — Honig, gr. y.vr^y.og {kncekös) 'Safran'; — hören, gr. äxovsiv {akütn); — 
Hörn, 1. cornu, frz. cor(ne); — Hornis, 1. crabro; — Hort, gr. y.vadog (kysfhos) 'Höhlung'; — 
Huf, ai.saphdJi; — Hufe, gr. yr/.-iog {kiepos); — Hüfte, gr. yvßog (kybos) 'Höhlung vor der 
Hüfte beim Vieh'; — Hummer, gr. yäfi,uaoog (kämmaros); — humpeln, gr. ay.ajußog (skambös) 
'krummbeinig'; — Humpen, gr. Hv/ußog (kymbos) 'Gefäß'; — Hund, 1. canis, frz. chien, 
gr. y.vcov {kyön); — hundert, 1. centum, frz. cent, gr. syaröv (hekatön); — Hürde, 1. crates; — 
Hure, 1. cürus; — Husten, lit. köseti 'Husten'. 

b) Idg. t, gr. T (t), 1. t wird zu germ. p, engl, th, d. d. 

Dach, 1. toga 'Gewand'; — Dämmerung, 1. tenebrae, frz. tenebres; — Darm, gr. roi)i.ia 
{triemä) 'Loch', xoäi.ug (trdmis) 'After'; — das, daß, gr. ro (tö), 1. (is)tud; — Dechsel 'Brtit- 
beil' zu 1. texo 'webe', gr. zsy.zow {tektön) 'Zimmermann'; — decken zu I. legere; — Degen 
'tüchtiger Kriegsmann', ahd. degan auch 'Knabe', gr. zsy.vov (teknon) 'Kind'; — dehnen, 
1. tendere, frz. tendre; — Deidisel, ahd. dihsala aus -^dinhsala, 1. temo aus *tencsmo, frz. 
timon; — denken, 1. tongere 'kennen, wissen'; — deutsdi von ahd. diot, diota, got piuda 
'Volk', osk. touto 'Volk'; — Diele, vielleicht zu 1. tellus 'Erde'; — Dohne 'Bügel mit Schhnge 
zum Vogelfang' zu lat. tenus 'ausgespannte Schnur, Dohne'; — Donner, 1. tonitrus, frz. 




14 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

ionnerre; — Dorn, abg. trunii; — dörren, 1. tornre, gx.iiQOEodnt {tersesthai) 'trocken 
werden"; — Draht, gr. ror/ros- Unftös); — drediseln, I. torqmre 'drehen'; — drehen zu 
gr. iijt'jiia ftri'fma) 'Loch'; — drei, 1. tns, frz. trois; — dritte, 1. tertius; — drohen, I. trux; — 
Drossel, I. turdus, frz. tourde; — du, I. tu, frz. tu; — dulden, 1. tuli; — dünn, X.tenuis. 

c) Idg. /7, gr. .-T (/?), 1. p wird zu gerni. /. 

Ffl<*, l.pangere 'festmachen'; — Faden, gr.. TfTdwvfu (pettinnymi); — fahen, Ipaciscor; 
— fahl, falb, \. pallidus; — Fahne, \. pannus 'Stück Tuch, Lappen', Uz. pan; — Gefahr, 

\. penculum; — fahren, gr. nonfvnr l poreutri); fall, gr. -.t/.uo(oc i plasios) aus ^-platios; — 

Falz, \. pellere 'stoßen'; — Farre, Färse, gT..To<ji; (pöris) 'junges Rind'; — farzen, g:.nii>fiai 
ipirdo); — Fasel 'Junges, Zucht' zu \. pcnis, gr. .tio; {peos); — Faß, \'\t. piiodas; — Vater, 
\. pater, gT..^aT^|n {patcfr); — faul, \.püs 'Eiter', gi.jivov {pyon}; — Feder, gT.jiteQÖv {pterön) 
'Flügel'; — Fehe, gr. .toihuo; {poikilos) 'bunt'; — feil, gr. .loüstr (polen) 'verkaufen'; — 
Feim, \. spüma; — Feld, gr. .T/.an',- [platys] 'breit'; — Fett, \. pellis, Uz. peau; — Fels: 
gr. .Tf/./.(j {pelld) 'Stein'; — Ferkel, l.porcus, gr. ^idoxog {porkos); — fern, gr. .-rforn- (peran) 
'jenseitig'; — Ferse, l.perna 'Hinterkeule', gr.-Tifo»-« {pterna) 'Ferse'; — Fessel, l.pedica; — 
Vetter, 1. patruus, gr. :täiQ(og (pätrös); — Feuer, gr. jiüq {pyr); — Fidite, gr. nfvy.y} (peukce); — 
Vieh, l.pecus; — viel, gr. .to/.i',- (polys); — Filz,].pilleus 'Filzmüize'; — Fink, gT.a.-ii'yyo; 
^spingos); — First, ai. prsthdm 'Rücken'; — Fisdi, ]. piscis; — fisten, X.pidere; — Fitze, 
gx.ni^n ipeza); — fladi, gr. .W/avo,- (pelagos) 'Meer', eig. 'die Fläche'; — Fladen, gr..-T/.«i?aiov 
tpldthanon) 'Kuchen'; — flediten, l.plecto, gT.n/Jx<o (plekö); — fließen, l. pluere 'regnen'; — 
Floh, l.pulex; — fludien, l.plangere 'schlagen, laut trauern', p/«^fl 'Schlag'; — Fluh,gr..-r/.äi 
ipläx) 'Fläche, Plateau'; — Flur, \.phmus; — Flut, gr. .t/.ojtoV (plütös) 'schiffend'; — Fohlen, 
Füllen, \. pullus, gr..Tw/.o,- 1/70/05) 'Tierjunges'; — Föhre, \. quercus aus '*perquos; — voll, 
l. plimis; — vor, 1. prae; — vorder, gr. riooTsoog {pröteros); — Forelle, gr. neny.vö^ (perknös) 
dunkelfarbig; — forsdien, \. posco; — fragen, 1. precari; — frei, ai. prijäh 'geliebt'; — 
freidig, eig. 'verbannt', a\. prctfa- 'nach dem Tode, jenseitig'; — frieren, \. pru'ma 'Reif; — 
frisdi, abg. presinii 'frisch, ungesäuert'; — fromm, gr..-Toöuo; (prömos) 'vorderste'; — früh, 
gr. .-Tocot (prui) ; — fühlen gr.. la'/.äui] [paldnia) 'Hand'; — fünf, 1. quinque aus *penque; -- 
Furdie, \a\. porca; — Furt, \. portus; — Fuß, \. pes, Uz. pied, gr. .-toi'v {püs). 

2. Die griech. ;^ {kh), (th), rp (ph), \. k, f, idg. gh, dh, bh er- 
scheinen im Germ, als g, d, b; d wird im Deutschen weiter zu t 
verschoben. 

Anmerkung. Man beachte, daß im Lat. in dieser Reihe nur zwei Laute erscheinen. 
Es sind die Laute, die den gr. 1? und </ , germ. d und b entsprechen, in / zusammengefallen. 
Außerdem tritt lat. / in echt lateinischen Wörtern nur im Anlaut auf, im Inlaut erscheinen 
d und b, so daß in diesem Fall die germanischen Laute scheinbar nicht verschoben sind. 

a) Gr. y^ {kh), 1. h (auch /) = d. g. 

Gähnen, \. hiäre, gr. yalvm [khainö); — Galgen, lit.zalga 'Stange'; — Galle, \. feil, 
gr. xo/.t'j (kholce); — Gang, lit. i^/zg^"« 'schreite'; — Gans,\.anser, gr. /j'jr {kh(Fn); — Garn, 
'der zweite Magen der Widerkäuer', lit. zärna 'Darm', 1. haru-spex; — Garten, lat. hortus; — 
Gast, 1. hostis; — Gaumen, lit. gömuris; — Geiß, 1. haedus; — Geist, ai. htdah 'Zorn'; — 
gelb, 1. helvus: — Ger, gr. yaio^ {khaios) 'Hirtenstab'; — gern, gr. yaioeir {khairin); — 
Gerste, 1. hordeum, gr. xoidrj (krithce); — Gerte, 1. hasta; — gießen, \. fundo, gr.yia 
{kheö); — glatt, 1. glaber (mit gl aus hl); — Gold, abg. zlato; — gram, gr. yoöuaöog 
{khrömados) 'knirschen'; — grau, 1. (h)rävus. 

b) Gr. n {th), \.f= germ. Tt; d. t 

Tag, Utdagas 'Ernte';— rd/,gr. i9«;/.oc(r/zö/05) 'Kuppelbau', abg. rfo/ü 'Grube'; — Tanne, 
ai. dhänva 'Bogen'; — tapfer, lat. /fl*^/- 'Handwerker'; — Tat, tun, l.facio, gr. Tidiiui{tlthiJmi); — 
taumeln, lat. famus, gr. Ovuö; (thymös); — Teig, 1. fingo; — Teil, abg. delü; — tief, lit. dubüs 
.hohl'; — Toditer, gr. dvyäxt^o (thygätier); — Tor, Tür, \. fores, forum, gr. dvoa (thyrü). 






§ 15. Die germanische Lautverschiebung. 15 

c) Gr. V {ph), 1./= d. b. 

Backe im Gesicht, gr. (paywv (phagon) 'Kinnbacken'; — backen, gr. cpwyeiv (pflögen) 
'braten, rösten'; — bähen, l.fovere; — Bahre, \. fero, gr. f/fow (phero); — Balg, \. f Ollis 
'Sclilauch'; — Balken, 1. sufflumen 'unter das Rad gelegter Baiken', gr. rpä}.ay^ (pluilaux) 
'Holzstamm'; — Ball, Bolle, gr. (paV.ög (phallös); — bannen, l. furi, gr. rpt^fu {ph<emi); — 
Banse, ai. bhusa- 'Kulistall'; — bar 'bloß', abg. bosü, lit. bäsas; — Bar 'Rammklotz' zu ahd. 
berian 'treten, stampfen', l.ferire; — Bärme, \. fermentum; — Barn 'Scheune' zu got. baris- 
'Gerste', \.far; — Bart, 1. barba aus *farba; — Bast, \. fascia 'Binde'?; — bauen, \. fui, 
gr. civeiv {phyen); — Baum, gr. (fvtia (phyma) 'Gewächs'; — beben, abg. bojq 'sich fürchten'; — 
beide, 1. (am)bo, gr. äuqpco (amphü); — beißen, \. findo; — Bett, Beet, \. fadere 'graben'; — 
Biber, l.fiber; — biegen, I. fugio, gr. (psvyco (pheugö); — Biene, 1. facus; — Binde, 1. offen- 
dimentum ; — Birke, ai.bharjah, slaw. breza, lit. berzas, l.fraxinus 'Esche' ; — blasen, l.flare; — 
bleuen, \. fllgere 'schlagen'; — Blume, l.flos; — Bock, aw. büza; — bohren, \. f ordre; — 
Borste, \. fastigium aus *farstigium 'Giebel, Spitze'; — Braue, gr. 6(pQvq {ophrys); — brauen, 
1. defrutum 'Mostsaft'; — braun, ai. babhrüh; — brechen, \. frango; — Bruch 'Hose', 1. suf- 
fragines 'Hinterbug der Tiere' ; — Bruder, If rater, gr. (pqöltcoq (phrätör) ; — Brunnen, gr. (pgeag 
(phrear); — Budie, \. fagus, gr. (pt]y 6g {pluegös). 

Für den Inlaut führe ich noch folgende Fälle an 

d) Gr. X {kh), 1. -h-, -g-, = d. g. 

d. Bug, gr. :ifjyvg {pcekhys); — d. eng, I. angustus, gr. uyioi {äi3kho) 'würge'; — d. Igel, 
gr. Eyh'og (ekhinos); — d. Sieg, gr. exeiv (ekhen) 'haben'; — d. steige, gr. ozeiyco (stekho); — 
d. Teig, 1. fingo, gr. rsTxog (tekhos) ; — d. Zunge, 1. lingua aus *dingua. 

e) Gr. & {th), 1. -d- und auch -^- = d. t. 

ahd. eit 'Scheiterhaufen', 1. aedes 'Haus', eig. 'Feuerstätte', gr. aidw (althö) 'flamme'; — 
d. glatt, I. glaber; — d. Lende, 1. lumbus; — d. Met, gr. i-ieOv [niethy) ; — d. mitten, 1. medius; — 
d. rot, 1. ruber, gr. iovßoög (erythros); — d. Witwe, 1. vidua. 

f) Gr. cp {ph), \'.-b- = d.b. 

d. Elbe 'Fluß', eig. 'der weiße', 1. albus; — d. kerben, gr. yodrpco (gräphü); — d. lieb, 
1. lubet; — d. Nabel, 1. umbilicus, gr. d^cpaUg (omphalös); — d. TV^*^/, 1. nebula, gr. vegse'/?? 
(nephelw); — d. ti/^ö^, gr. vcpalvoi (hyphainü). 

3. Die griech.-lat. Medien werden im Germ, zu Tenues, die im 
Hochdeutschen nach § 14 weiter verschoben werden. 

a) Gr. y (g), lat. g werden zu germ. k, das im Deutschen im Inlaut viel- 
fach zu ch verschoben wird. 

kalt, 1. gelidus; — Kamm, gr. yöwfog (gömphos) 'Zahn'; — kauen, abg. zTvati; — kauern, 
gr. yvoög (gijrös) 'krumm'; — Kehle, 1. gula; — kennen, können, 1. (g)nösco, gr. yr/vcöaxco 
(gignöskö); — kerben, gr. ygatpeiv (graphen); — Kern, Korn, \. grünum; — kiesen, l.gustäre, 
gr. yevea&ai (geuesthai) ; — Kind, 1. genus, gr. yevog (genos) ; — Kinn, 1. gena 'Wange', gr. yiwg 
(genys) 'Kinnbacken'; — Klaue, gr. ylovxög (glatös) 'Hinterbacke'; — Klei 'zäher Ton', l.glus, 
gluten 'Leim', gr. y^.otü (gloiä) 'Leim'; — klieben, 1. gläbere 'abschälen', gr. y'/.vcpeiv (gliiphcn) 
'eingraben, schnitzen' ; — klug, gr. j'Aw/rre? (glökhlnes) 'Spitzen' ; — Knebel, gr. yö/:i(pog (gömphos) 
'Pflock, Bolzen'; — Knie, 1. genu, gr. y6vv (göny); — Koben, gr. yvjirj (gtjpce) 'Erdhöhle'; — 
Kolben, 1. globus 'Kugel, Haufe, Klumpen'; — kosten, 1. gustare; — krähen, abg. grajati; — 
Kranich, 1. grus, gr. yegavog (geranos) ; — Krume, 1. grümus 'Erdhaufe, Hügel', gr. yovfisa 
(grijmea) 'Gerumpel'; — kund, \. nötus. 

b) Gr. d (d), 1. d wird zu germ. t, deutsch anlautend z. 
Zahl, 1. doldre 'behauen; — zahm, 1. domäre, gr. öafido) (damäü); — Zahn, 1. dens, 

r. 68ovg (odäs); — Zähre, 1. dacruma, gr. 8üxqv (ddkry); — Zange, gr. ödxvsiv (ddknen); — 
Zarge, gr. dgdooEo&ai (drdssesthai) 'fassen'; — zaudern, 1. därure; — Zaun, kelt. dünum; — 




16 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

zausen, 1. dannis 'Gestrüpp'; — zehn, 1. decem, gr. ftrxn {dikä); — zehren, zerren, gr. f^tnttv 
{diren) 'schinden'; — zeigen, I. indicire; — zeihen, 1. dicere, gr. Aeixi-v/u {d(knymi); — zer-, 
I. dis; — zetten, gr. !iaTfonm (dateomai) 'verteile'; — ziehen, 1. düco; — Zimmer, I. domus, 
gr. dituo (demo) 'baue'; — zu, gr. -dr (-de); — Zunge, 1. lingua (aus *dingud); — zwei, I. duo, 
gr. di'o (dj/o). 

c) Gr. /? (/;), 1. A wird i^^erm. p, hochd. pf. 

Beispiele sind selten, weil h im Idg. nicht häufii^ war. Die meisten 
Wörter mit anlautendem pf im Deutschen sind entlehnt. 

Padde, ndd. zu gr. ßänmyo? {butrakhos\; — Pegel, ndd., 1. haculiim, gr. päy.xoov 
(biiktron) 'Stab'; (?) — Pfaid 'Kleid, Hemd", bayr. öst., gr. ßdi'ni (baltir) 'Hirten-, Bauern- 
kleid'. Das Wort ist zwar entlehnt, zeigt aber regelrechte Verschiebung; — pladdern, 
1. blatire 'plappern, schwatzen'. 

§ 16. Lautgesetze, im vorhergehenden Abschnitt sind eine Fülle von 
Wörtern zusammengestellt, an deren Zusammengehörigkeit man nicht zweifeln 
kann, und dabei zeigen sich nun ganz regelmäßige Veränderungen. Das 
nennen wir ein Lautgesetz. Dieser Ausdruck kommt schon ziemlich früh 
in der Literatur vor. Im Grunde ist er ja vielleicht nicht ganz zutreffend, 
da wir es mit geschichtlichen Vorgängen zu tun haben. In der Naturwissen- 
schaft, woher der Ausdruck Gesetz stammt, verstehen wir darunter einen 
Vorgang, der sich unter den gleichen Bedingungen stets wiederholt. Da- 
von kann in den geschichtlichen Wissenschaften keine Rede sein. Die 
germanische Lautverschiebung ist zu einer bestimmten Zeit eingetreten und 
hat sich nicht wiederholt. Denn die deutsche Lautverschiebung zeigt zwar 
einen ähnlichen Vorgang, aber nicht denselben. Der Ausdruck Gesetz be- 
zieht sich nur auf die Regelmäßigkeit, mit der z. B. die Lautverschiebung 
in zahlreichen Wörtern eingetreten ist. 

§ 17. Ausnahmen der Lautverschiebung. So zahlreich die oben erörterten 
Fälle der regelmäßigen Lautvertretung auch sind, so wird doch jeder auch 
Fälle finden, in denen Unregelmäßigkeiten vorliegen. Eine Reihe derartiger 
Unregelmäßigkeiten waren leicht zu erklären. 

1. Eine Hauptausnahme bildet die Stellung der Tenues nach s. 

Hier hat weder die hochdeutsche noch die germanische Lautverschie- 
bung gewirkt, wie die folgenden Beispiele zeigen. 

a) sk, nhd. seh = gr.Iat. sk. 

sdiaben, 1. scabo; — Sdiade, gr. day.t}&>'/,' {ashi^thws) 'unverletzt'; — Sdiaft, 1. scapus, 
gx. ny.fjTtTQor (skdptron); — Sdiüle, abg. skoHka 'Hülse, Muschel'; — Sdiatten, gr. ay.öxo; 
{skötos) 'Dunkelheit'; — Sdiatz, abg. skotti 'Vieh'; — sdiauen, gr. {}vooy.öog (thyosköos) 
'Opferschauer'; — 5a'/flu^r 'Wetterdach', \. obscürus; — Sc'iflu^r 'Unwetter', \. caurus,^) lit. 
Mure 'Norden'; — sdieinen, abg. sinqti 'hell werden', gT.aytd (skia) 'Schatten'; — Sdieit, 
1. scütum 'Schild ; — Sdierbe, abg. ir'epü; — sdieren, gr. y.EÜHo {ktrö); — sdierzen, ai. kürdati 
'springt'; — sdiieben, ai. kiubh 'Ruck, Stoß'; — sdiießen, lit. ^duj'u; — Sdiirm, ai. carma 
'Haut, Fell'. 

b) st = gr.Iat. st. 

Stab, \\[.st<lbas 'Götzenbild, Bildsäule'; — Stadel, ai. sthJtram 'Standort'; — Stadt 

•) Wörter mit s + Konsonant im Anlaut stehen im Indogerm. häufig neben solchen 
ohne s, ohne daß der Grund klar wäre. 



§ 17. Ausnahmen der Lautverschiebung. 17 

1. statio, gr. aräm; (sftisis); — Stahl, apr. panu-staklan 'Feuereisen'; — Stall, 1. stabiiliim; — 
Stange, gx. mäyv^ (stäkhys) 'Ähre'; — Star, \. stiirnus; — stark, npQis. suturg; — starr, 
gr. aTEOFÖg (Stereos); — stauen, abg. staviti 'sieWen' ; — stechen, gr. ozlCsiv [stizen); — Stecken, 
1. tignum 'Balken'; — stehen, 1. sture, gr. arrjvai {stfcnai); — steif, 1. stipes 'Stamm'; — 
steigen, gr. aisixstv (stckhen); — Stein, abg. stena 'Mauer', gr. on« (stia) 'Steinchen'; — 
stellen, gr. gtsüm (stellu); — Sterke, 1. sterUis, gr. oTeToa (stera); — Stern, 1. Stella, gr. uot>'iq 
(ast(f-r) ; — Sterz, gr. orooOtj [storthce) 'Zinke, Spitze, Zacke' ; — Steuer, 1. restaurare, gr. oTavQÖg 
(staurös) 'Pfahl'; — Stier, ai. sthavirah 'dick'; — still, ai. sthünüh 'stehend, unbeweglich'; — 
Stimme, gr. aiöi.ia (stömä) 'Mund'; — Stirn, gr. aüorov (sternon) 'Fläche, Brust'; — stöhnen, 
gr. oiereiv (stenm) 'eng machen' ; — Stollen, gr. aTi'jbj [stielä-) 'Säule' ; — Storch, gT.rogyo? [törgos) 
'Geier'; — stoßen, 1. tundo; — Strahl, abg. strela 'Pfeil'; — Strang, gr. ozgayYuh] (strau- 
gülw) 'Strick'; — streuen, 1. struere, gr. oiöorv/u (störnymi). 

c) sp = gr.lat. sp. 

spähen, 1. specere; — Span, gr. 095/;)' (sphcen) 'Keil'; — sparen, 1. paruni; — spä^, 
1. s/7e5; — Spaten, gr. ö.TUi?;; (späthce) 'breites Schwert'; — Specht, 1. picus; — Sp^cfe, gr. Tiicov 
(piön) 'fett'; — Speer, 1. sparus 'kurzer Jagdspeer'; — speien, 1. 5/7«o, gr. .Tr^oj {ptijö); — 
Sperling, gr. ojiaoäaior (span'ision); — spinnen, \it pinti 'flechten'; — Sporn, Spur, 1. spernere, 
gr. a.-ratoFir {spätren) 'zucken'; — sprechen, gr. acpdgayog [sphäragos) 'Geräusch'; — Spreu, 
gr. a.-T£tneiy (sptren) 'säen'; — springen, gr. ojisQ/sodai (sperkhesthai) 'eilen'; — sputen, abg. 
speti 'vonstatten gehen'. 

2. Die Lautgruppe tr ist im Deutschen nicht weiter verschoben {zr gibt 
es nicht), und daher entspricht d. tr sowohl einem idg. dhr wie dr. 

Träne, 1. dacruma; — trauen, apreuß. dniwit 'glauben'; — Treber, apreuß. dragios; — 
trennen zu d. zerren ; — treu, gr. bgöor (dröon) 'fest' ; — trocken, lit. drdktas 'fest' ; — Trog 
zu gr. (%gv (döry) 'Baum'. 

Anmerkung. Dasselbe gilt für den Inlaut. Hier hat sich aber vielfach im Deutschen 
zwischen t und r wieder ein Vokal entwickelt, so daß scheinbar Ausnahmen vorliegen, so 
bitter: beißen; — Eiter zu obd. Biß 'Geschwür'; — lauter, got. hlntrs; — Otter, gr. vöga 
(hf/dra) 'Wasserschlange' : Wasser; — Winter, e. winter, got. wintrus; — zittern, anord. titra, 
wohl eine reduplizierte Bildung, zu gr. u.:robiboa.oy.oy (apodidniskö) 'entlaufe' ; — Selters zu Salz. 

3. In einer Reihe von Fällen entsprechen anlautende Medien im Deutschen 
griech. Tenues, aind. Medien. Hier liegt, wie Grassmann KZ. 12, 81 ff. ge- 
sehen hat, die scheinbare Unregelmäßigkeit auf selten des Griechischen 
und Indischen, indem hier die angegebenen Laute aus Aspiraten dissimi- 
liert sind. 

Garbe, ai. grabhah 'Handvoll'; — Gerste, gr. ^ioid/j (krUhce); — Giebel, gr. xsq>ab] 
{kephaUe) 'Kopf: — Tag, ai. dähati 'brennt'; — taub, gr. TV(f}.ög (typhlös) 'blind'; — taugen, 
gr. ir/ji (tykhce 'Zufall'; — Teig, gr. teT/oc (tekhos) 'Mauer'; — trügen, ai. dn'ihjati 'sucht 
zu schaden'; — trübe, gr. xagaooco (tardssö) 'verwirre'; — Balg, ai. barhlh 'Opferstreu'; — 
Berg, ai. brhant 'Höhe.' ; — Biber, ai. babhrüh 'braun'; — bieten, gr. jievßofiai (peüthomai) 
'frage'; — Binde, gr. .-itToiiu (pesma) aus *penthsma 'Tau'; — bitte, ai. badhate 'drängt, 
bedrängt'; — Bug, gr. Jitjxvg {pwkhys). 

4. Sonstige Ausnahmen der Lautverschiebung. 

Auch außer den angeführten Fällen gibt es noch andere Ausnahmen 
der Lautverschiebung, d. h. es gibt immer noch Etymologien, die scheinbar 
unbestreitbar sind, die aber zu den angegebenen Regeln nicht stimmen. 

So vergleicht man z.B. di. haben mit 1. habrre; — heute, sihd. hin tagii 
mit 1. hodie; — d. Hamen, 1. hanius. In den Regeln der Lautverschiebung 

Hirt, Etymologie der neuhiochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 2 



18 Erstes Kapitel. (V i ad Grundsätze der Etymologie. 




finden diese Etymologien keinen Platz. Daher verwerfen sie einige. Andere 
vermuten, daß hier eine Tcnuisaspirata kli zugrunde liegt, ein Laut, der 
zwar nicht sehr häufig ist, aber doch sicher indogermanisch vorhanden war. 

Ebenso hat man d. biegen mit gr. 7 fr;vo {p/iciig") , fliehe' verglichen, 
obgleich d, g nicht zu gr. y (g) stimmt. In diesem Fall nimmt man schon 
indogermanische Verschiedenheit des auslautenden Konsonanten an. Und 
so gibt es noch eine ganze Reihe von Auskunftsmitteln. Immerhin handelt 
es sich hier immer nur um einige wenige Fälle. 

§ 18. Der grammatische Wechsel. Eine der wichtigsten Ausnahmen von 
der Lautverschiebung bildet der grammatische Wechsel. Es zeigte sich 
nämlich, daß in einer ganzen Reilic von Wörtern / mit cf, b mit /, g mit // 
und auch r (aus z) mit 5 wechselt, obgleich immer nur der zweite Laut 
dem der verwandten Sprachen nach den Gesetzen der Lautverschiebung 
entspricht. 

So haben wir noch heute: 

Herzog, Zug : ziehen ; — gefangen : falten ; — Sdiwieger : Sdiwäher ; — Hügel : Höhe ; — 
zeigen : zeihen ; — zig : zehn • — versiegen : seihen ; — gelitten : leiden ; — Sdmitt : sdineiden ; — 
gesotten : sieden; — tot : Tod; — statt : Staden: — Hirt : Herde; — hübsdi : Hof; — darben : 
dürfen; — heben : Hefe; — Ohr: Öse-, — Erle : Else; — verlieren : los; — erkoren : kiesen; — 
waren, währen : gewesen; — e. hare : Hase; — mehr : meist; — Tor : ndd. Dusel; — Farre : 
Färse; — frieren : Frost; — ernähren : genesen; — lehren : List; — dörren : Durst; — 
Beere: ndd. Besinge; — Rohr: Rost Q); — Zwirn: Zwist. 

Dieser grammatische Wechsel, um dessen Erklärung man sich lange 
vergebens bemüht hatte, wurde durch einen hochbedeutenden Aufsatz 
K. Verners in Kuhns Zeitschrift 23, 97 aufgehellt und als vollständig regel- 
recht nachgewiesen. Verner zeigte nämlich, daß die Laute /;, d, g, r (für z) 
im Inlaut ganz regelmäßig auftreten, wenn der indogermanische Akzent 
nicht unmittelbar vorausging. 

Es mögen auch hier eine Anzahl Beispiele folgen. 

1. p — d, 6. d — t. 

Bruder. a\. bhrdta Vater, a\. pitri, gr. .-lan'tg {patf'er); 

Rad, ai. rüthah 'Wagen' Mutter, ai. mCitd, gr. ntjjeoa {mwterä); 

ander, ai. üntarah hart, gr. y.oarvg {kratys); 

weder, gr. .-rdrepo,- (pöteros) unter, z\. antär 'innerhalb'; 

werden, ai. vdrtate 'dreht sich' Ente, ai. «tih; 

öde, gr. avoio; {/lusios, aus *autios) 'leer' got fidwJr "vier', ai. vatvdrah; 

freidig, ai. />rt//a- 'jenseitig' dritte, a\. trtijaJi; 

Gold, r. zöloto Atem, ai. ätmä; 

Ader, gr. 1)100 {(f-tor) 'Herz' heiter, ai. citräh; 

Geburt, ai. bhrtih. 

2. f — b. 

Neffe, ai. ndpät sieben, gr. f.Tj-« {heptä) ; 

Wolf, gr. '/.iy.oi (lifkos) 
fünf, gr. .-revTE (pente). 

Anmerkung. Nicht jeder Wechsel von/ und ft geht auf germanischen Wechsel zurück, 
vgl. darüber § 30, 9. 



§ 18. Der GRAiMMATlSCHE WECHSEL. § 19. AUSNAHMSLOSIGKEIT DER LAUTGESETZE. 19 

?>. h - g. 

Sdiwäher, ai. svdsiirah Schwieger, ai. svasräh, gr. t-y.voä (hekyni); 

zehn. gr. df;-a {deka) mager, gr. fiay.o,k (makrös) ; 

Vieh, ai. päsu Angel, gr. dy>iv?.o; {aukylos) 'gekrümmt'; 

Zähre, gr. ddxgv {dükry) Ecke, as. eggia, gr. dxig (akis) ; 

Lehen, ai. reknah 'ererbter Besitz' hager, ai. krsäh 'mager'; 

Honig, gr. y.rüy.ög (knakös) 'gelblich'; 
Jung, ai. jiwasäh. 
A. S — /' {z). 
Nase, ai. ndsä Schnur 'Schwiegertochter', gr. wog {nyds) 

Ferse, ai. pär'^nih. 

§ 19. Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze. Mit Verners Erklärung des 
grammatischen Weclisels war eine bedeutende Ausnahme der Lautverschie- 
bung erklärt. Da außerdem manche andere Ausnahme beseitigt wurde, und 
da man sich mit den psychologischen Gesetzen zu beschäftigen anfing, die 
in der Sprache herrschen, so kam man zu einem Grundsatz, den Leskien 
in seinen Vorlesungen zuerst gelehrt, Brugmann und Osthoff zuerst öffent- 
lich ausgesprochen haben, zu dem Grundsatz: die Lautgesetze sind 
ausnahmslos, d. h. wenn sich ein Laut in einem Wort verändert, so 
verändert er sich in allen andern Wörtern ebenfalls, wenn nicht besondere 
Umstände vorhanden sind, die das verhindern. 

Über diesen Grundsatz ist in den siebziger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts außerordentlich heftig gestritten worden, während sich jetzt der 
Kampf der Geister einigermaßen beruhigt hat. Was an diesem Satze richtig 
ist, das läßt sich in Kürze ziemlich klar zeigen. 

Wenn wir die verschiedenen Sprachlaute, die sich in den zahllosen 
Sprachen der Welt finden, zusammenstellten, so würden wir wohl auf mehrere 
hundert kommen, aber jede einzelne Sprache verwendet nur eine bestimmte 
Anzahl davon, etwa dreißig bis vierzig. Um einen Laut hervorzubringen, 
bedarf es einer gewissen Bewegung der Muskeln, und für jeden Laut bildet 
sich allmähHch ein sogenanntes Bewegungsgefühl, durch das der Laut hervor- 
gebracht wird. Ändert sich das Bewegungsgefühl, so fragt es sich nicht, 
in welchen Worten der Laut vorkommt, sondern diese Veränderung trifft 
eben den Laut in allen Worten. Am besten kann man das feststellen, wenn 
Ausländer deutsch oder wenn wir fremde Sprachen sprechen. Wenn wir 
französisch lernen, so erfahren wir, daß auch im Französischen etwa ein 
Laut d vorhanden ist. Da wir diesen Laut auch besitzen, so sprechen wir 
das französische d wie unser deutsches d, natürlich in allen Worten, in denen 
es vorkommet. Nun ist aber unser deutsches d nicht derselbe Laut wie der 
französische. Wenn wir gelernt haben, ihn richtig hervorzubringen, so werden 
wir ihn nicht in einzelnen Worten anwenden, in andern nicht, sondern wir 
werden ihn in allen gebrauchen. Wenn wir aber unsern Laut statt des 
französischen anwenden, so tun wir das eben auch in allen Wörtern, und 
wir haben damit eine vollständig regelrechte Lautveränderung vollzogen, 
und das nennen wir ein Lautgesetz. Natürlich ist die Veränderung eines 



20 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

Lautes abhänirig von der Umgcbiint^, in der er sich befindet, und es können 
durch die besondere Stellunj^ Abwcichunij^en entstehen. So werden z. B. die 
grieth.-lat. p, t, k in der Stelluns^ nach x, wie wir oben gesehen haben, 
nicht verschoben. Das ist sehr leicht verständlich. Nach einem Spiranten 
konnten die Verschlußlaute schwer spirantisch werden. Oft sind diese Be- 
dingungen sehr verwickelt, und es ist ganz sicher, daß wir noch nicht alle 
Lautgesetze kennen, daß wir auch mit unbekannten Lautgesetzen rechnen 
müssen. Es ist ja auch eigentlich nicht wunderbar, daß ein Laut je nach 
den verschiedenen Stellungen, in denen er sich befindet, verschieden be- 
handelt wird, es ist vielmehr auffallend, daß trotz dieser verschiedenen 
Bedingungen eine so große Regelmäßigkeit in der Vertretung der Laute 
besteht. Wie dem aber auch sein mag, so ergibt sich doch nunmehr als 
oberster methodischer Grundsatz für die etymologische Forschung der Satz: 
die Lautgesetze sind ausnahmslos. Allerdings befinden wir uns hier 
in einem gewissen Zirkelschluß. Die Lautgesetze gewinnen wir nur auf 
Grund der Etymologien, d. h. auf Grund von einleuchtenden Übereinstim- 
mungen einer Anzahl von Wörtern, und wenn wir ein Lautgesetz auf Grund 
einer Reihe etymologischer Gleichungen festgesetzt haben, so lehnen wir 
Etymologien ab, die nicht dazu stimmen. Solange es vielleicht nur eine 
einzige ist, geht das an. Aber es finden sich oft mehrere Worte, die die 
gleiche Abweichung zeigen, und dann muß man den Verdacht hegen, daß 
eine Störung des Lautgesetzes durch ein anderes besonderes Gesetz vor- 
liegt. Wer etymologische Forschungen treibt, der muß sich also zunächst 
an die anerkannten Lautgesetze halten, aber er wird doch ins Auge fassen 
müssen, daß es auch unbekannte Lautgesetze gibt, und daß etymologische 
Vergleichungen zu Recht bestehen können, die zu den bisher erkannten 
Lautgesetzen nicht stimmen. Ein Beispiel möge das zeigen. Einem an- 
lautenden deutschen b entspricht im Lateinischen /, s. o. S. 15. Demnach 
müßte man eigentlich eine Gleichung d. Bart, 1. barba aufgeben. Trotz- 
dem hat sich wohl keiner dazu entschlossen, wenn auch erst neuerdings 
die lautgesetzliche Entwicklung klargelegt ist. Man könnte noch mehrere 
derartige Fälle anführen; sie zeigen aber nur, daß eben unsere Kenntnis 
der Lautgesetze nicht vollständig ist. Aber freilich die Zeiten sind vorüber, 
in denen man leicht zu neuen Lautgesetzen und auf Grund dieser zu neuen 
Etymologien kam; die meisten neuern Vergleichungen bewegen sich auf 
dem Boden der bisher erkannten Lautgesetze. Wenn sich hie und da noch 
Widerspruch gegen die Allgemeingültigkeit der Lautgesetze regt und mit 
Beispielen belegt wird, so trifft dieser den Kern der Sache nicht, weil er 
vergißt, daß die Lebensverhältnisse der modernen Sprache infolge von 
Dialektmischung, Einwirkung der Schriftsprache und des Schriftbildes außer- 
ordentlich verwickeh sind, sodaß man hier in der Tat oft ganz vereinzelte 
Erscheinungen antrifft. Aber bewußt oder unbewußt geht das Bestreben 
dieser Forscher ebenfalls dahin, Lautgesetze nachzuweisen. 



§ 20. Lautgesetze und Etymologie. § 21. Lautgesetze im Deutschen. 21 

Anmerkung. In der ZfdU. 20, 145 unterrichtet E. Meyer über ein Buch seines 
Bruders Wilhelm Meyer-Rinteln, Die Schöpfung der Sprache, Leipzig 1905, in dem ganz 
neue Offenbarungen über die Herkunft der Worte enthalten sein sollen. Der Aufsatz ist 
zwar von E. Stürmer, ZfdU. 20, 562 ff. zurückgewiesen worden, aber a. a. O. 21, 232 nimmt 
W. Meyer selbst das Wort, um seine Anschauung zu verteidigen. Aus dem in diesen Auf- 
sätzen Angeführten läßt sich zur Genüge ersehen, daß das Buch in der Hauptsache wertlos 
ist, was nicht ausschließt, daß sich einige richtige Beobachtungen darin finden. 

§20. Lautgesetze und Etymologie. Jedenfalls ist durch die neuere Forschung 
und ihre Grundsätze die Etymologie auf einen fast völlig sichern Boden 
gestellt worden, und das Wort Voltaires, daß die Etymologie eine Wissen- 
schaft sei, in der die Vokale nichts und die Konsonanten wenig bedeuten, 
ist völlig überwunden. Die Lautgesetze ermöglichen es, erstens scheinbar 
auf der Hand liegende Etymologien abzulehnen, und zweitens Vergleich- 
ungen aufzustellen, auf die man sonst nie gekommen wäre. Zu dem ersten 
Fall gehört z. B. die Gleichung 1. deus, gr. ^e6^ {theös) ,Gott'. Die Ähnlich- 
keit der Form ist groß, die der Bedeutung vollkommen. Trotzdem ist die 
Vergleichung falsch. Das zeigt sich schon, sobald man die beiden Worte 
auf die unmittelbar zu erschließenden Grundformen zurückführt: deiis geht 
auf *deiwos, {^edg (theös) auf '■thesös zurück. Umgekehrt hat erst die Aus- 
bildung der Lautlehre Gleichungen begründet wie e. wheel und gr. xvxlog 
{kyklos) , Kreis, Rad', e. girl, ndd. göre und gr. Tiaoüevo? {parthenos), ,Jung- 
frau'. Wie in diesen Gleichungen nur noch ein einziger Laut der gleiche in 
beiden Sprachen ist, so auch in folgenden Fällen: d. vier, htquattuor, d.fiinf, 
lat. quinque, d. zwei, lat. duo, aber in diesen erscheint doch die Verwandtschaft 
klarer, weil hier auch die andern Laute wenigstens eine Ähnlichkeit zeigen. 

Anmerkung. Von Wichtigkeit ist es natürlich immer, auf die ältesten überlieferten 
Formen zurückzugehen. Vergleicht man das heutige Französisch mit dem heutigen Deutsch, 
so ist oft die Verwandtschaft kaum zu erkennen. Man nehme z.B. die Zahlwörter «az = ^//z ; 
deux = zwei; trois = drei; quatre = vier; cinq —fünf; six = sechs; sept — sieben; hiiit 
= acht; neuf=neun; dix = zehn. In quatre, vier ist nur noch ein einziger Laut gleich. 
Got. fidwör und lat. qiiattuor ähneln sich in ganz andrer Weise. 

So gehören also Lautlehre und Etymologie auf das engste zusammen. 
Je besser wir die Lautlehre kennen, je genauer wir die Lautgesetze bestimmen, 
um so sichrer vermögen die Etymologien begründet zu werden. Immer 
aber werden noch neue Etymologien aufgestellt werden, die zu neuen Laut- 
gesetzen führen. An Stelle bloßen Ratens und geistreicher Einfälle ist so 
die strenge Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit getreten, und daß darin 
ein außerordentlich wertvolles Bildungsmittel liegt, ist ganz klar. Ich halte 
es für wertvoller als die vielgerühmte Logik der lateinischen Sprache. Auch 
der Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache würde durch 
Heranziehung der Lautlehre und Etymologie nur Vorteil haben. Was im 
deutschen Unterricht glücklicherweise schon eingeführt ist, kann für den 
Unterricht in den klassischen Sprachen nicht unangebracht sein. 

§ 2L Lautgesetze im Deutschen. Aber die Lautlehre ist nicht nur nötig, 
wo wir uns in dem Kreise der verwandten Sprachen bewegen und hier 



22 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

Etymologien begründen wollen, sondern sie ist auch für die Geschichte 
der Wörter innerhalb des Deutschen von hervorragender Bedeutung. Denn 
mit Hilfe der Lautlehre können wir oft feststellen, aus welchem Teil des 
deutschen Sprachgebietes ein Wort stammt. Manche Worte zeigen die hoch- 
deutsche Lautverschiebung nicht, sie sind aus dem Niederdeutschen ent- 
lehnt, andere weisen oberdeutsches Gepräge auf, andere wie Demut können 
wir für eine bestimmte Gegend in Anspruch nehmen. Vgl. darüber § 170. 

§ 22. Die wissenschaftliche Lautlehre. Die wissenschaftliche Lautlehre 
nimmt jetzt in den Darstellungen der vergleichenden Grammatik einen außer- 
ordentlich breiten Raum ein, und wenn man damit vergleicht, daß sie früher 
gar nicht vorhanden war, auch in den Schulgrammatiken des Griechischen 
und Lateinischen kaum erwähnt wird, so kann man wohl fragen, ob ihre 
Bedeutung nicht übertrieben wird. Zu einem Teil ist das ganz zweifellos 
der Fall. Bei der Erklärung der Flexionslehre und der Syntax könnte man 
manche Teile der Lautlehre entbehren, und man bevorzugt sie manchmal 
zum Schaden dieser Teile. Wohl aber gehört eine vollständige Lautlehre 
mit der Etymologie zusammen, sie müßte mit dieser zu einem besondern 
Teil der Grammatik vereinigt werden, weil eben nur mit der Etymologie 
und durch die Etymologie die Lautlehre begründet werden kann, und ander- 
seits Etymologie ohne Lautlehre nicht möglich ist. Demnach müßte an 
dieser Stelle eigentlich eine Lautlehre mit zahlreichen Beispielen gegeben 
werden. Da diese aber in einem andern Teil des Gesamtwerkes erscheinen 
sollte, so habe ich mich in der ersten Auflage auf eine kurze Übersicht 
beschränkt, z. T. in Form von Tabellen, in denen die regelmäßigen Laut- 
entsprechungen zu finden sind. Mehrfach ausgesprochenen Wünschen gemäß 
habe ich aber diesen Teil ausführlicher gestaltet. Ich habe den Versuch 
gemacht, das Englische zu diesem Zwecke ausgiebig heranzuziehen. Ist 
es doch die germanische Sprache, deren Kenntnis im allgemeinen voraus- 
gesetzt werden kann. Eine eingehendere Beschäftigung mit der Lautlehre 
wird dadurch freilich nicht überflüssig. 

§ 23. Transskription. Zunächst ein paar Vorbemerkungen über die Um- 
schreibung der verschiedenen Sprachen. Die einzelnen indogermanischen 
Sprachen werden teils mit Originalalphabeten, wie das Indische, Altpersische, 
Awestische, Griechische, Slawische geschrieben, teils benutzen sie das latei- 
nische Alphabet, wobei aber die Buchstaben sehr häufig einen vom Latei- 
nischen abweichenden Lautwert haben. Man hat sich nun daran gewöhnt, 
da man die Kenntnis der fremden Alphabete nicht jedem zumuten kann, 
alle Sprachen, mit Ausnahme des Griechischen, in lateinischer Schrift 
wiederzugeben. Indessen haben die Sprachen natürlich eine Anzahl von 
Lauten, die das Lateinische nicht besitzt, und man muß zu deren Bezeich- 
nung besondere Buchstaben anwenden, welche meist die lateinischen mit 
einem hinzugefügten Merkmal sind. Dies wäre soweit ganz gut, wenn nicht 
bei der einen Sprache dasselbe Zeichen in einem ganz andern Sinne ge- 



§ 22. Die wissenschaftliche Lautlehre. § 23. Transskription. 23 

braucht würde als bei einer zweiten, und wieder anders bei einer dritten. 
So bedeutet z. B. y im Indischen J, im Litauischen i, im Slavischen eine 
Art ü. Man muß also auch wieder jedes Alphabet besonders lernen. Um 
diese Mißstände zu beseitigen, die sich in den Vorlesungen und in den 
Büchern außerordentlich stark geltend machen, und die das Verständnis der 
Sprachwissenschaft erschweren, ohne einen wirklichen Nutzen zu bringen, 
habe ich ein altes System der Umschreibung wieder aufgenommen, dessen 
Grundsatz lautet: jeder Laut darf nur durch ein Zeichen ausgedrückt werden, 
vgl. Idg. Forsch. 21, 145 ff. Ich habe dieses System schon angewendet in 
dem Weigandschen Wörterbuch, und im Hinblick auf die Arbeit an diesem 
Werke sowie auf das vorliegende, die sich beide an weite Kreise wenden, 
habe ich es entworfen. Allerdings ganz glatt vermag ich es nicht durch- 
zuführen. Ich schreibe also das griechische i) und lateinische Originalalphabet, 
wobei ich nur zu beachten bitte, daß lat. c durchaus nur den Lautwert k 
hat. Unsere Aussprache zentum, Zäsar ist sicher falsch. Ebenso behalte 
ich die übliche Schreibung des Deutschen und der germanischen Dialekte 
bei. Im übrigen kann ich die Umschreibung an der Hand einer Übersicht 
der Laute darstellen. 

1. Die Länge der Vokale wird durch - bezeichnet, also ä, e,i, ö, ii. Im 
Nordischen und Angelsächsischen verwendet man noch vielfach ' , im Alt- 
hochdeutschen und Mittelhochdeutschen a. /ist aber nötig, um die Ton- 
stelle zu bezeichnen, während a gebraucht werden muß, um eine Überlänge 
kenntlich zu machen. 

2. Bei den Vokalen bezeichnet e ein geschlossenes e wie in See, e ein 
offenes wie in säen, l drückt ein offenes /, ü ein offenes nach o hinliegendes ii 
aus. Im Gotischen ist die althergebrachte Schreibung ai = e und ad = o 
beibehalten worden. 

3. Die Konsonanten teilt man in Verschlußlaute und Reibelaute. 

a) Verschlußlaute. 
p, b, t, d, k, g bezeichnen die stimmlosen und stimmhaften Verschluß- 
laute. Dazu kommen für das Indische (und Armenische) aspirierte Laute 
ph, bh, th, dh, kh, gh. In der Dentalreihe gibt es im Indischen noch eine 
Abart, die sogenannten Zerebrale, die durch Emporheben der Zungenspitze 
an den harten Gaumen gebildet werden. Man bezeichnet sie mit f, ih, d, 
dh. Die Gutturale können an verschiedenen Stellen des hintern Mundes 
hervorgebracht werden. Die vordersten (Palatale) schreibt man 

k', kh', g gh', 

die mittlem k, kh, g, gh, 

die hintern q, qh, g, g/z. 

') Der Schreibung im griechischen Ori- zugeben suche. Ich schreibe kh, th, ph für /, 

ginalalphabet habe ich die lateinische Um- 0, 7 , z für ':, e für si, und (e für >/• Den Zir- 

schrift in Klammern zugefügt und zwar der- ; kumflex bezeichne ich mit a . 
art, daß ich die griechische Aussprache wieder- 



24 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

b) Reibelaute. 

Labiale: /, ß, v. Im Mittelhochdeutschen schreibt man v vielfach für 
den urgermanischen /-Laut, während / für den im Hochdeutschen aus p ent- 
standenen Laut Verwendung findet. Beide waren verschieden, b ist etwa 
unser norddeutsches ic. v dient in den andern Sprachen als Zeichen für w, 
meistens mit dem Lautwert von engl. w. 

Dentale: p, ä, s, z, s, z. p ist das Runenzeichen und drückt das stimm- 
lose engl, th aus, d das stimmhafte. 5 ist stimmloses 5 (d. ss), z das stimm- 
hafte (frz. z); 5 ist unser sdi, z der entsprechende stimmhafte Laut (frz.y). 

Gutturale: x = ch in ich, g' = J in ndd. gern (spr. jern), 

X = ch in ach; g der entsprechende stimmhafte Laut. 

c) Nasale: m, n, n). Letzteres ist der gutturale Nasale, deutsch ng in 
Klang, spr. k/an>. Durch f^' drückt man den entsprechenden palatalen Lautaus. 

d) Liquida: /, /', i' sind das normale deutsche /, das palatalisierte und 
das dunkle t der Russen. /• drückt eine besondere Abart des /' aus. 

e) j ist der Vokal / in konsonantischer Funktion, etwa wie in zweisilbig 
gesprochenem Asien; w ebenso der Vokal //, engl. w. 

f) Durch einen ' hinter dem Konsonanten wird die in vielen Sprachen 
vorkommende Palatalisierung (Erweichung) der Konsonanten bezeichnet. 

g) Einfache Zeichen für zusammengesetzte Laute sind c = ts, deutsch z, 
c = ts, deutsch tsch, J = dz. 

h) Einzelheiten. Aind. .<• ist ein palatalisiertes s, das einem europäischen k 
entspricht, früher auch f geschrieben; aind. h ist aus s entstanden; r im Um- 
brischen und Tschechischen ist ein aus /' und s (seh) zusammengesetzter 
Laut; got. /v ist h-^-w, die im gotischen Originalalphabet durch ein Zeichen 
ausgedrückt werden. Got. q ist qii. 

i) Akzentzeichen: ' ,' , a, - drücken den Sitz des Tones aus, zugleich 
aber im Litauischen auch den Silbenakzent. ' ist im Litauischen eine Länge 
mit gestoßenem Ton, ^ steht nur auf Kürzen, ~ bezeichnet die Zweimorigkeit 
des Lautes, a drückt die Dreimorigkeit, im Litauischen den schleifenden Ton 
auf einfachen Längen aus. 

§ 24. Vokalismus. Es ist bei einer Darstellung der Lautentwicklung, die 
die verwandten Sprachen berücksichtigt, nicht möglich, vom neuhochdeutschen 
Lautstand auszugehen, weil in unsrer jetzigen Sprache die Lautverhältnisse 
zu verwickelt geworden sind; man muß vielmehr den althochdeutschen Laut- 
stand, und zwar am besten den ostfränkischen, der besonders durch Tatian 
vertreten ist, zugrunde legen. Noch deutlicher ist der Lautstand des Gotischen. 
Doch fehlt uns hier nicht selten das Wortmaterial. Jedenfalls ist für jeden, 
der Etymologie treibt oder sich überhaupt wissenschaftlich mit der deutschen 
Sprache beschäftigt, die Kenntnis des Althochdeutschen und des Gotischen 
unentbehrlich. Für das Gotische bestehen jetzt so viele Handbücher, auch 
zum Selbstunterricht, wie das in dieser Sammlung von Friedrich von der 
Leyen verfaßte, daß die mangelnde Kenntnis dieser Sprache nicht mehr zu 



§ 24. Vokalismus. § 25. Der neuhochdeutsche Vokalstand. 25 

entschuldigen ist. Das Beste ist W. Streitberqs Gotisches Elementarbuch, 
3. und 4. Auflage, 1910. 

§ 25. Der neuhochdeutsche Vokalstand. Unser Vokalstand zeigt ungefähr 
die gleichen Vokale wie in althochdeutscher Zeit, aber infolge einer Reihe 
durchgreifender Lautgesetze weicht er stark von dem Mittel- und Althoch- 
deutschen ab. Es ist natürlich sehr einfach und in den meisten Fällen 
durchführbar, durch Zurückgehen auf die ältere Überlieferung den ursprüng- 
lichen Lautwert festzustellen. Aber wenn man auch etwas Mittelhochdeutsch 
auf der Schule lernt. Althochdeutsch wird nicht gelehrt. Es ist also unpäda- 
gogisch, darauf zurückzugreifen. Wir haben aber zwei andere Mittel, um 
den Wert der nhd. Vokale zu ermitteln, das sind erstens die Mundarten und 
zweitens das Englische. 

Die Heranziehung der Mundarten ist von höchster Bedeutung und sollte 
überall, wo es irgend möglich ist, stattfinden. Es bestehen zahlreiche Dar- 
stellungen der Lautlehre der Mundarten, und von einem Lehrer des Deutschen 
muß man es verlangen, daß er diese benutzt, und daß er, wo sie fehlen, 
sich selbst ein Bild von dem Verhältnis der schriftsprachlichen Vokale zu 
den mundartlichen macht. Aber freilich in unsren Städten sind die Mund- 
arten ausgestorben, und so versagt dieses Hilfsmittel oft genug. An dieser 
Stelle kann auf die Mundarten nicht eingegangen werden, weil sie zu ver- 
schieden sind, doch wird sich das Folgende auch für die Heranziehung der 
Mundarten von Wichtigkeit erweisen. 

Das heutige Englisch ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel, den ursprüng- 
lichen Wert unsrer Vokale zu bestimmen. In Dutzenden von Wörtern finden 
sich ganz regelmäßige Vokalentsprechungen, und so ist es eigentlich be- 
dauerlich, daß man es bisher viel zu wenig herangezogen hat. Es ist doch 
die Sprache, die wir auf den höhern Schulen heute allgemein zur Ver- 
fügung haben, und daher sollte an der Vergleichung mit dem Englischen 
die sprachvergleichende und etymologische Betrachtungsweise erwachsen. 

I. Dehnung und Verkürzung. Ein Hauptgesetz des Neuhochdeutschen 
ist die Dehnung kurzer Vokale in offener Silbe, während umgekehrt lange 
Vokale in geschlossener Silbe verkürzt werden. Infolgedessen läßt sich aus 
dem Neuhochdeutschen über die alte Quantität in vielen Fällen nichts ent- 
scheiden, und man müßte, um darüber Klarheit zu bekommen, das Mittel- 
hochdeutsche oder Althochdeutsche heranziehen. In den meisten Fällen 
lehrt aber eine Vergleichung mit dem Englischen das Rechte. 

1. Ahd. rt, nhd. a, n erscheint im Englischen meist in der Schreibung a 
mit verschiedener Aussprache. 

a) Arche, e. ark; — arm, e. arm; — Arm, e. arm; — Bad, e. bath; — Garn, t.yKarn; — 
Glas, e. glas; — Grass, e. grass; — halb, e. half; — Harfe, e. harp; — Harm, e. Harm; — 
Kalb, e. calf; — Kraft, e. craft; — lachen, e. laugh; — Latte, e. lath; — Mast, e. mast; — 
Palme, &. palm; — Psalm, t. psalm; — Sdiaft, e. shaft; — sdiarf, t. sharp; — Stab, 
e. staff; — Star, e. starling; — Vater, e. father. 

b) Abt, e. abbot; — Adisel, e. axle; — Angel, e. angle; — Anker, e. andior; — 



26 F.RSTps Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

Apfel, c. apple; — Asdie, e. as/ies; — Axt, e. axe; — begann, e. began; — Dadi, c. thatdi; — 
fhink, c. thank; — daß, e. //jrt/; — Faden, c.fathom; — /o/ft, Q.fallow; — Ftadis, c.flax; — 
l'la^i;e, c. /lag; — Galgen, c.gallows; — glatt, c.glad: — Hammer, c. Hammer ; — Hand, 
c. //«/;</; — //rt/^f, c. //rtrf; — kann, e. ffl«; — Kappe, c. rfl/;; — Katze, e. cfl/; — Krabbe, 
e. craf»; — Lamm, c. /am^; — Z.o/irf, e. /onrf; — Lappen, c. /^/j; — Malve, e. mallow; — 
Mann, c. /«<;«; — Mark, c. niarrow; — Natter, e. adder; — Ratte, c. ra/; — Sadise, 
t. Saxon; — Sack, e. saik; — 5fl«rf, c. sand; — saß, e.sat; — satt, c. sad; — Sattel, 
t. saddle; — Sdiatten, c. s/iadow, — Strand, q. Strand; — Talg, e. tallow; — trank, e. 
drank; — Wadis, c. wax. 

c) Vor ng ist a im Engl, zu o geworden 

drang, c. tfirong; — lang, e. /o«^; — Sang, e. 50«g'; — Zange, e. tongs. 

d) Im Engl, wird o gedehnt und daher meist e gesprochen. 

Adier, e. acre; — /l//^, e. fl/;^; — badten, t.bake; — baden e.bathe; — bar, c.bare; — 
Blatt, c. blade; — fahren, c.fare; — gaffen, e.gape; — Hase, c.hare; — Hasel, c.liazel; — 
hassen, e. hate; — Knabe, e. knave; — lahm, e. lame; — madien, e. make; — Naditigall, 
c.nightingale; — nadit, c.naked; — Name, e.name; — Rabe, c.raven; — Sadie.e.sake; — 
sdiaben, c. shave; — Sdiam, e. shame; — Sdiatten, e. shade; — Sdinake 'Ringelnalter', 
snake; — sparen, e. spare; — Spaten, e. spade; — starren, e. Stare; — Tal, e. dale; — 
li'adien, e. wake; — Wal, e. whale; — Ware, e. wäre; — waten, e. wade; — Zahl, 
e. tale; — zahm, e. tarne. 

e) Engl, ai vor ch: 

Madit, e. might; — Nadit, e. night. r 

f) c vor y: 

Hagel, e. /m/7; — /og^, e. /ov; — mag, e. wßy; — Magd, e. wrt/rf; — Nagel, e. «o//; — 
sagen, t. say; — sdüagen, e. slay; — gesdilagen, e. slain; — Tag, &. day; — Wagen, 
e. tt'fl/rz; — Zagel, e. M/V. 

g) Vor Spiranten ist im Englischen ein Nasal geschwunden, das a 
gedehnt und zu einem dunkeln Vokal geworden. 

Amsel, c.ousel; — Gans, e. goose; — Zahn, t. tooth; — sanft, c. soft; — ander, 
e. other. 

h) Vor // und / -t- kons, sowie nach w ist engl, a verdumpft. 

all, e. all; — also, e. also; — fallen, t. fall; — Galle, e. galt; — Kalk, e. dialk; — 
Malz, e. malt; — Salz, e. salt; — sdimal, e. small; — Sdiwaden, e. swath; — Sdiwalbe, 
e. swallow; — Sdiwan, e. swan; — Sdiwarm, e. swarm; — wadien, e. watdi; — walken, 
e. walk; — Wall, e. wall; — Walnuß, e. walnut; — wandern, e. wander; — war, e. was; — 
warm, G.warm; — warnen, e.warn; — Warze, q. wart; — was, c. what; — Wasser, 
e. water. 

2. Ahd. 0, nhd. (7 und a geht einerseits auf altes <~ zurück, anderseits 
ist es aus a durch Nasalschwund vor h entstanden. 

a) ä = urgerm. r = engl. 7 oder e. 

n) Aal, e. eel; — Abend, e. evening; — Bahre, e. bier; — Gefahr, t. fear; — Jahr, 
e. year; — Mahl, e. meal; — Nadel, e. needle; — raten, e. read; — Saat, e. seed; — 
Sdiaf, e. sheep; — sdilafen, e. sleep; — Spradie, e. speedi; — Stahl, e. steel; — Straße, 
e. Street; — Tat, e. deed. 

ß) lassen, e. let; — Waffe, e. weapon; — Draht, e. thread; — //aar, e. //fl/r; — 
waren, e. t£'<?r^. 

b) ä = urgerm. a, nachdem ein Nasal geschwunden ist. 
bradite, ahd. brähta, e. brought; — dadite, e. thoiight. 

Anmerkung. 1. Ahd. « ist in den Mundarten vielfach zu ü geworden, vgl. § 170A5. 



§ 25. Der neuhochdeutsche Vokalstand. 27 



3. Ahd, c, nhd. e und e erscheint im Englischen in folgenden Gestalten: 

a) als e: 

Beere, e. berry; — besser, e. better; — best, e. best; — Bett, e. bed; — dresdien, 
e. thresh] — Ebbe, e. f»*^; — Ecke, e. ^rf^^; — Elch, e. ^/^; — f//^, e. eil; — Ende, t.end; — 
Feder, ^.feather; — Felge, t.felly; — gelb, t. yellow; — gellen, t.yell; — gestern, c.yester- 
day; — Hedie, e. liedge; — helfen, e. help; — Helm, e. heim; — Henne, e. hen; — Kessel, 
e. kettle; — Leder, e. leather; — Lenz, e. lent 'Fasten' ; — Nessel, e. nettle; — Nest, e. nest; — 
Netz, e. net; — Pfennig, e.penny; — schmelzen, e. melt; — schwellen, e. swell; — selb, 
e. seif; — selten, e. seldom; — senden, e. send; — setzen, e. set; — vergessen, e. forget; — 
weder, e. wether; — Westen, e. west; — Wetter, e. weather; — wetzen, e. tiy/?^^; — zehn, 
e. ^^/2; — zehnte, e. ^^/z^//. 

b) als Modifii<ation von e durch folgendes r: 

bersten, e. barst; — brennen, e. ^«/-/z; — frrf^, e. earth; — Ernst, e. earnest; — 
gern, t. yearn; — Herde, e. herd; — Kerl, e. churl; — lernen, t.learn; — Welt, e. world; — 
Werk, e. work ; — w^/-/^, e. worth. 

c) als <7 vor r\ 

fern, e.far; — Herbst, e. harvest; — Herd, e. hearth; — Herz, e. heart; — kerben 
e. carve; — Sdimerz, e. smart; — sterben, e. starve; — Stern, e. s^ar; — T^^r, e. far. 

d) als ?: 

Besen, e. besom; — ^55^«, e. eat; — Feld, t. field; — gelten, t. yield; — heben, 
e. heave; — Mehl, e. meal; — Sdimeer, e. smear; — sehen, e. see; — Speer, e. spear; — 
spredien, e. speak; — stehlen, e. s^^-a/; — weben, e. weave. 

e) als / (^/) vor ^ä. 

-brecht, e. -bright; — fediten, e.fight; — Knecht, e. knight; — r^ß'z^, e. rz^g-Zz^. 

4. Nhd. e (e) hat außerdem noch verschiedenen Ursprung. 

a) Es ist im Ahd. aus ai entstanden vor r, h, w. In diesem Fall finden 
wir im Englischen dieselbe Entsprechung wie von ei (s. u.). 

ehren, e. ore, oar; — hehr, e. hoar; — Klee, e. clover; — Lehre, e. lore; — mehr, 
e. more; — Reh, e. roe; — Sdilehe, e. sloe; — Seele, e. soul; — sehr, e. sore; — Weh, 
e. two^; — Zehe, e. ^o^. 

b) Es ist der /-Umlaut von a und ä und erscheint daher auch in der 
Schreibung ä. Darüber vgl. unter IV. 

5. Ahd. ö, nhd. o, o erscheint im Englischen als o. 

Boden, e. bottom; — bohren, e. bore; — Bord, e. board; — geboren, e. born; — 
borgen, e. borrow; — Bottidi, e. body; — Dorn, e. thorn; — Drossel, e. throstle; — er- 
drosseln, e. throat 'Kehle'; — folgen, e.follow; — Folk, e.folk; — gefroren, e. froze; — 
Frost, e.frost; — Gott, t.god; — hoffen, e. hope; — hohl, e. hollow; — Hopfen, e. hop; — 
Hörn, e. hörn; — Hort, e. hoard; — Hose, e. hose; — Knoten, e. knot; — Korn, e. corn; — 
Locke, e. lock; — verloren, e.forlorn; — Morgen, e. morrow; — Motte, e. moth; — Nord, 
e. north; — Ochse, e. ox; — oft, e. often- — gesdiossen, e. 5/zo^; — Sorge, e. sorrow; — ge- 
sotten, e. sodden; — gestohlen, e. stolen; — Stordi, e. stork; — To/-, e. door; — Toditer, 
e. daughter; — Tropfen, e. rfro/?; — fo/vz, e. before; — Zo/?/, e. top. 

6. Ahd. ö, nhd. o, o ist aus dem Diphthongen oii (nhd. a«) vor h und allen 
dentalen Konsonanten {d, t, z, s, n, r, l) entstanden. Im Englischen erscheint 
daher die Entsprechung von au (s. II, 3), meist in der alten Schreibung ea. 

Bohne, e. bean; — Floh, t.flea; — groß, e. great; — hören, e. hear; — Not, e. nead; — 
Ohr, e. ear; — Osten, e. east; — Ostern, e. eastern; — Strom, e. stream; — Tod, e. deaih. 
Brot, e. bread; — los, e. less; — Lot, e. lead; — rot, e. r^rf; — tot, e. rf^arf. 



28 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

II. Diphthongierung. Die alten Längen /, ü sowie der ursprüngliche 
Diphthong /// (mhd. Lautwert u) sind im Nhd. diphthongiert worden zu 
ei,au,äii,eii und daher mit den echten Diphthongen ci und ou sowie mit 
dem Umlaut von ou und dem Umlaut von a zusammengefallen. Doch 
halten die meisten Mundarten die Laute noch auseinander. Wer also in 
seiner Mundart Wörter wie zwei (mhd. zwei) und drei (mhd. dn), Baum 
(mhd. houni) und Maus (mhd, mus) in ihren Vokalen noch unterscheidet, 
der hat damit ein gutes Hilfsmittel, um ohne weiteres zu bestimmen, 
welcher Laut einem Wort ursprünglich zukam. Ebenso unterscheidet aber 
auch das Englische die Laute. 

1. Der alte Diphthong ei erscheint im Englischen als ein o-Laut, zu- 
weilen auch als a, e und durch /-Umlaut als i. 

lülein, e. alone; — Anleihe, e. loan; — Bein, e. bone; — breit, e. broad; — Eiche, 
e. oak; — Eid, e. oath; — ein, e. one; — Feim, t.foam; — Geiß, e. goat; — Geist, e. ghost; — 
heilig, e. holy; — Heim, e. hoc^m-; — heiser, e. hoarse; — Kleid, e. cloth; — Laib, e. loaf; — 
Lehm, obd. Leim, e. loam; — leid, e. loath; — meist, e. most; — nein, e. no; — Reif, 
e. rope; — Stein, e. stone; — Waid, e. woad; — Zeidien, e. token. 

ein, e. a, an; — feist, t.fat; — heiligen, e. hallow; — heisdien, e. ask; — Leisten, 
e. last; — Leiter, e. ladder. 

bereit, e. ready; — Breite, e. breadth; — Fleisch, t.flesh; — geleitet, e. led; — Schweiß, 
e. sweat; — spreiten, e. spread. 

bleiih, e. bleak; — bleichen, e. bleach; — Heide, e. heath; — Heide, e. heathen; — 
heilen, e. heal; — klein, e. clean; — leiten, e. lead; — meinen, e. mean ; — reichen, e. reach; — 
Sdieide, e. sheath; — Teil, e. deal; — weich, e. weak; — Weizen, e. wheat. 

2. Das alte 7 erscheint im Englischen in der alten Schreibung / (oder j/), 
ist aber neuenglisch ebenfalls diphthongiert. 

bei, e. by; — beißen, e. bite; — dein, e. thy; — Eis, e. ice; — Eisen, e. iron; — eitel, 
e. idle; — Feile, t.file; — Freitag, e. Friday; — gleidi, e. like; — gleiten, e. glide; — greifen, 
t. gripe: — Leib, e. life; — Leine, e. line; — Meile, e. mite; — mein, e. my; — Pfeife, 
t.pipe; — reif, e. ripe; — reißen, e. write; — reiten, e. ride; — sdieinen, e. shine; — Schrein, 
e. shrine; — Schwein, e. swine; — Seite, e. side; — streidien, e. strike; — treiben, e. drive; — 
Weib, e. wife; — Weile, e. white; — Wein, e. wine; — weise, e. wise; — weiß, e. white; — 
weit, e. üy/rf^; — Zeit, e. /^/V/^. 

3. Der alte Diphthong ou tritt im Englischen meist in der Schreibung 

ea auf, Aussprache t. 

auch, e. eke; — Baum, e. beam; — glauben, e. believe; — Haufe, e. Äe-a/;; — Kauf, 
e. cheap; — kaufen, e. ^^£77; — Z,auZ>, e. leaf; — erlauben, e. leave; — Lauch, e. /^^/:; — 
laufen, e. /^a/j; — berauben, e. bereave; — Traum, e. dreani; — traurig, e. dreary; — 
Zaum, e. ^ea/w. 

Haupt, e. /i^flrf; — /^fluö, e. rf^o/. 

4. Das alte n (nhd. a«) ist dagegen im Englischen ebenfalls diph- 
thongiert und erscheint in der Schreibung ou {ow). 

Bauer, e. bower 'Laube, Hütte'; — Braue, e. brow; — braun, e. brown; — Daune, 
e. down; — faul, t. foul; — Haus, e. house; — Laus, e. louse; — laut, e. loud; — Maus, 
e. mouse; — rauh, e. rough; — Sau, e. sow; — sauer, e. sour; — Schauer, e. shower; — 
tausend, e. thousand; — Zaun, e. town; — Ausnahme Raum, e. room. 

Anmerkung. 2. Ursprüngliches / hatten außerdem noch: Blei, Brei, Geige, leiden, Leim, 
leise, Neid, reich, Scheibe, schneiden u. a., ei dagegen sdieiden, leiten, Heide, Kaiser, Meister, 



§ 25. Der neuhochdeutsche Vokalstand. 29 

Weide, Eiter, leiten, weinen, Waise u. a. Alte Wörter, die noch mit ai geschrieben werden, 
haben altes ei. Die Schreibung stammt aus dem Oberdeutschen, wo man ai und ei (mhd. /) 
unterschied und es im Schwäbischen noch tut. 

Anmerkung. 3. Ursprüngliches a findet sich noch in auf, aus, Bauch, braudien, Braut, 
Haube, Haut, Kraut, Maul, sauber, saufen, saugen, Straudi u. a., au dagegen in Auge, 
Gaudi, Zauber, Saum u. a. 

5. Ahd. iu ist mhd, zu // geworden, und ununterscheidbar mit dem 
/-Umlaut von n zusammengefallen. Beispiele sind: 

Seudie; leiiditen; sdieiien; Leute; Beute 'Bienenfaß, Backtrog'; heute; deutsdi; deuten; 
Deube 'Diebstahl'; Teufel; neun; teuer; — Feuer; Steuer; Reuse; — Spreu; treu; neu; eudi. 

III. Monophthongierung. Die mittelhochdeutschen Diphthonge ie 
und uo sind in der Schriftsprache zu den Monophthongen / und u ge- 
worden, während in den oberdeutschen Dialekten die Laute z. T. noch 
diphthongisch sind. Da weiter diese neuen Längen manchmal gekürzt, die 
alten Kürzen T und u aber z. T. gedehnt sind, so ist auch hier wieder ein 
Zusammenfall eingetreten. In diesem Fall ist auch das heutige Englisch 
kein untrügliches Kennzeichen. 

L Altes ie, nhd. /, erscheint engl, als /. 

Bier, e. beer; — Dieb, e. thief; — Fieber, t. fever; — fliehen, o.. flee; — frieren, 
t.freeze; — Griedie, e. Greek; — hier, e. here; — Kiel, e. keel; — Knie, t.knee; — lieb, 
e. lief; — Miete, e. meed; — Priester, e. priest; — Ried, e. reed; — sdiier, e. sheer; — 
sieden, e. seethe; — tief, e. deep; — Tier, e. deer; — Vieh, ^. fee; — Vlies, t. fleece. 

2. Altes T wird gewöhnlich engl. /. 

beginnen, e. begin; — Bisdiof, e. bishop; — Biß, e. bit; — bitten, e. bid; — bitter, 
e. bitter; — bringen, e. bring; — didi, e. thidi; — dies, e. this; — Ding, e. thing; — 
Distel, e. thistle; — Fiedel, t. fiddle; — Finger, t. finger; — Fink, e. findi; — Fisdi, 
e. fish; — Gift, e. gift; — Gilde, e.guild; — glitzern, e. glitter; — hindern, e. hinder; — 
in, e. in; — Kinn, e. diin; — Klippe, e. cliff; — Krippe, e. crib; — Lid, e. lid; — Lippe, 
e. lip; — lispeln, e. lisp; — Mildi, e. milk; — Minze, e. mint; — missen, e. miss; — Mist, 
e. mist; — Ring, e. ring; — Rippe, e. rib; — Rist, e. wrist; — (ge) ritten, e. ridden; — 
Sdiiff, e. ship; — Sdiilling, e. Shilling; — Sdiindel, e. shingle; — Sdimied, e. smith; — 
Sdimiede, e.smithy; — sdiwimmen, e.swim; — Sdiwindel, c.swindle; — sdiwingen, t. swing; — 
Sidiel, e. sidile; — Sieb, e. sieve; — Silber, e. silver; — singen, e. sing; — sinken, 
t.sink; — sitzen, e. sit; — Spieß, t. spit; — Spindel, e. spindle; — spinnen, e. spin; — 
springen, e. spring; — still, e. still; — stinken, e. stink; — (ge)trieben, e. driven; — 
trinken, e. drink; — Wille, e.will; — Wind, e.wind; — (ge)winnen, e.win; — Winter, 
e. Winter; — Witwe, e. widow; — Witz, e. wit; — Zimmer, e. timber; — Zinn, e. tin. 

Diphthongierung tritt im Englischen ein vor nd, mb und Id. 

binden, e. bind; — blind, e. blind; — finden, t. find; — Hinde, e. hind; — hinten, 
e. behind; — Kind, e. diild; — klimmen, e. climb; — mild, e. mild; — Rinde, e. rind; — 
wild, e. wild; — Wind, e. wind; — winden, e. wind. 

3. Altes HO, deutsch // erscheint engl, meist als ii. 

Blume, e. bloom; — Brut, e. brood; — Budi, e. book; — Buße, e. boot; — Bude, 
e. booth; — Flur, ^. floor; — Fuß, t.foot; — gut, e. good; — Huf, e. hoof; — Mut, 
e. mood; — Pfuhl, e. pool; — Pudel, t. poodle; — Rute. e. rood; — Sdiuh, e. shoe; — 
Sdiule, e. sdiool; — Stuhl, e. stool; — tun, e. do; — -tum. e. doom; — zu, e. to. 

Mutter, e. mother. 

4. Altes ü erscheint im Englischen meist als ii (v). 

Burg, e. borough; — Butter, e. butter; — dumm. e. diimb; — Dung, e. düng; — 



30 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

durdi, c. thorough; — Fiirdie, c. fnrrow, — hundert, c. hundrcd; Hunger, c. hunger; — 
jung, e.young; — Lunge, e. lungs; — Lust, c. tust; — Muff, c. muff; — mußte, c.must; — 
\uß. e. nut; — plump, c. plump; — Rumpf, c. rump; — Sdilummer, c. slumber; — Sdmupf-, 
e.snuff-; — Stumpf, c. stump; — gesungen, e.sung; — gesunken, e.sunk; — trunken, 
e. drunk; — unter, e. under; — Wunder, e. wonder; — Zunge, e. tongue. 

Vor «</ ist // im Englischen gedehnt und zu ow geworden. 

gebunden, c. hound; — Flunder, c. flounder; — gefunden, c.found; — Grund, e. 
ground; —Hund, c. hound; — Pfund, e.pound; — gesund, c.sound; — verwundet, e.wound. 

Damit ist die Übersicht über die einfachen Vokale und Diphthonge 
im wesentlichen erschöpft. Man sieht, daß das Englische ein außerordent- 
lich wichtiges Hilfsmittel ist. Ferner würde die Heranziehung der heutigen 
skandinavischen Sprachen von großem Nutzen sein. Doch muß ich darauf 
verzichten, sie zu vergleichen, da sie in Deutschland nicht bekannt sind. 

IV. Die Umlautserscheinungen. Vor einem im Urgermanischen und 
später auf den Vokal der Haupttonsilbe folgenden / odery, die jetzt aber meist 
verloren gegangen sind, werden im Laufe der Sprachentwicklung fast alle 
Vokale umgelautet, d. h. dem / genähert. Diese Erscheinung ist außer- 
ordentlich wichtig, weil sie uns gestattet, eine Reihe von Worten ohne 
weiteres zu vereinigen, und weil wir daraus die verloren gegangene Grund- 
form der Wörter erschließen können. Der Umlaut ist zum guten Teil ein 
Vorgang, der sich erst in der einzclsprachlichen Entwicklung, ja erst in 
der Übergangszeit vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen voll- 
zogen hat. Da sich aber die gleiche Entwicklung sowohl im Englischen 
wie im Nordischen zeigt, so muß er eine gemeingermanische Ursache haben. 

1. Schon urgermanisch ist der Umlaut von e zu /. 

Gebirge : Berg; — Dn'sdiel : dresdien; — Gefieder: Feder; — Gefilde : Feld; — fillen : 
Pell: — firn -.fern; — Fittidi -. Feder; — flidien : Fledi; — Gift : geben ; — Gilde -.gelten; — 
Gilbe: gelb: — Hirt: Herde; — irden: Erde; — Lippe : Lefze; — Milbe : Mehl; — Nidite, 
Niftel : Neffe; — Pfifferling: Pfeffer; — Pflidit: pflegen; — riditen : redit; — Gesdiidite: 
gesdiehen ; — Sdüefer : Sdiäbe; — sdilidit : sdiledit; — Sdiwiele : sdiwellen; — Sidit : sehen; — 
siedeln : Sedelhof; — Sitz : Sessel; — spidien 'heimlich bhcken' : spähen ; — Stidi : stedien ; — 
Tritt : treten ; — wiegen : wägen ; — Wirbel : werben. 

Anmerkung. 4. Außerdem ist in ahd. Zeit noch e vor folgendem u zu /geworden: 
Mildi, got miluks : melken; — sieben, got sibun, l Septem; — Sdiwieger : Sdiwäher, 
1. socrus; — Silber, got. silubr, abg. serebro; — Sitte, got. sidus; — Vieh, ahd. fi hu, 
\. pecu; — viel, got filu, gr. .to/.i',- (polys); — Widder, got. wiprus zu gr. fro^ {etos) 'Jahr', 
also 'Jährling': — -zig : zehn, got -tigjus. 

Infolge dieses Lautgesetzes, und weil Formen mit j neben solchen ohne j standen, 
zeigt das Englische manchmal abweichenden Vokal: Filz, q. feit: — frisdi, t. fresh; — 
sieben, e. seven; — wieder, e. wether; — willkommen, e. welcome. 

2. Mit Beginn der althochdeutschen Zeit finden wir den Umlaut von 
a zu e. Das neu entstandene e war geschlossener als das urgermanische, 
und so ist es bis heute in vielen Mundarten geblieben. Wir würden also 
richtig das alte e mit ä, das neue mit e schreiben. Aber die Grammatiker, 
die unsere Rechtschreibung festgesetzt haben, wußten von der alten Regel 
nichts, und sie haben gelehrt, man müsse ä schreiben, wenn ein Wort 
mit a daneben stand. So heißt es also Väter : Vater, aber Vetter, dessen 



§ 26. Der althochdeutsche Vokalismus. 31 

Zugehörigkeit zu Vater man nicht erkannte. Das Umlauts-t- ist also nur 
durch die heutigen Mundarten zu erkennen. 

Beispiele: Becken < frz. bassin; — behende : Hand; — Belt : baltisdi; — Bemme neben 
Bamme; — Bendel : Band; — best, besser : baß; — brennen : Brand; — ded?en : Dadi; — 
denken : Gedanke; — drängen : Drang; — Elbe, lat. germ. Albis; — elend, ahd. elilenti 
zu 1. alias; — Eltern : alt; — eng : Angst; — Engel < 1. angelus; — England : Angeln; — 
ent- : ant-; — Esdie : Asdi(kiidien); — Esel < 1. asinus; — Essig < 1. acctum; — Estridi < 
1. astricum; — Ferge -.fahren; — fertig : Fahrt; — Fetzen : Faß; — Flegel < \. flagellum; — 
heben : erhaben; — Hedie : Mag; — heften : haften; — hegen : Hag; — hell: hallen; — 
Heller: Hall (Stadt); — Helm 'Stil' -.Halfter; — Henkel -. hangen; — Henne : Hahn; — 
Hesse -. Chatti; — hetzen -. Hatz; — Heu -. hauen; — Hexe: Hag; — Keldi < gr. lat. calyx; — 
kennen : kannte; — kentern : Kante; — Kerker < 1. carcer; — Kessel < 1. catinus; — 
Kette < \. cattna; — klemmen : Klamm; — Krempe : Krampe; — Lenz : lang; — ver- 
letzen : laß; — Menge : manch ; — mengen : mang; — Mensch : Mann ; — merken : Marke; — 
Metze : Mathilde; — Messer zu Maß 'Speise', in maßleidig; — necken : nagen; — nennen : 
Name; — netzen : naß; — quengeln : Zwang; — regen : ragen; — renken : ranken; — 
rennen : rann; — Schelle : schallen; — schelten : schalten; — schenken : Schank; — Sdierge : 
Schar; — Sdilegel : schlagen; — sdilemmen : Schlamm; — schmecken : Gesdimack; — 
schmelzen : Schmalz; — Sduiabel : Sdineppe; — Sdiretz : Schrat; — sdiwellen : Sdiwall; — 
schwemmen : schwamm; — schwenken : schwanken; — senden : Gesandter; — sengen : 
sang; — senken : sank; — setzen : saß; — Sperber, Sperling : Spatz; — sperren : Sparren; — 
sprengen : sprang; — stellen : Stall; — stemmen : Stamm; — Stengel : Stange; — stredten : 
strack; — anstrengen : Strang; — Teile, Delle : Tal; — Tenne : Tanne; — Vetter : Vater; — 
wecken : wach; — Welsch : Wale; — wenden : Wand; — Freude, ahd. frewida : froh. 

Anmerkung. 5. Da die Stammbildung und die Wirkung des / in den germanischen 
Sprachen verschieden war, so finden wir öfter auch das nicht umgelautete a. So fast 
neben fest; — e. asp neben Espe; — e. ash neben Esche; — e. last neben letzte; — 
e. mane neben Mähne; — e. chaver neben Käfer; — e. dwarf: Zwerg; — e. wharf : werft 
und umgekehrt Nacken : e. neck; — Gast, e. guest; — Rast, e. rest; — Bank, e. bench; — 
Stank, e. stench ; — Hanf, e. hemp. 

3. In spätalthochdeutscher Zeit werden die übrigen Vokale umgelautet, 
und zwar a zu ce (jetzt vielfach e), o, zu ö, u zu ü, n zu 11 (nhd. eu, äii), 
au zu eil (nhd. eu, äu). 

Von Wichtigkeit ist es, das alte ce zu erkennen, sowie die beiden eu, äu 
zu unterscheiden. Das Englische hilft hier nicht, man muß also auf das 
Althochdeutsche zurückgehen. 

Beispiele: bequem, ahd. biqunmi : kamen; — Gebärde, ahd. gibärida; — mäßig, 
ahd, mäzig; — genehm, ahd. ginümi; — leer, ahd. lüri; — gäbe, ahd. gübi; — nädist : 
nahe; — schwer, ahd. swuri; — stets, ahd. stüti. 

Anmerkung. 6. Der Umlaut wird auch noch durch andere Laute als / bewirkt. So 
findet er sich vor ei in Erbse, ahd. araweiz, Emse neben Ameise und dialektisch durch 
einzelne /-haltige Konsonanten, wie .y, namentlich im Süddeutschen, daher Mäsdiel "männ- 
licher (auch weiblicher) Hanf, aus lat. masculus. 

Sonst entsprechen von einigen wenig bedeutenden Punkten, die unten 
§ 170 erörtert sind, die neuhochdeutschen Vokale den althochdeutschen. 

§ 26. Der althochdeutsche Vokalismus. Wir finden also im Althochdeutschen 
einen vom Neuhochdeutschen in wesentlichen Punkten abweichenden Voka- 
lismus. Wir haben für ihn folgende Gestalt gewonnen: 

a, ä, e, e, e, i, i, o, 0, u, ü, ai, ou, iu, io, ie, uo. 



32 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

Gegenüber dem Urgermanischen sind auch hier eine Reihe von Ver- 
änderungen eingetreten. 

1. 11 geht zurück a) auf urgerm. got. «', b) auf d, das durch Schwund eines // vor // ge- 
dehnt ist, \g\. brühte •.bringen; — dahte .denken; — hähan: hangen; — jahan: fangen; — 
Adxt, ahd. nhta 'Verfolgung', ags. oht. 

2. '6 ist das alte offene e, e das durch /-Umlaut aus a entstandene geschlossene e. 

3. e ist aus ai vor h, v, w entstanden, daher mehr, aber meist. 

4. ö ist aus au vor h und Dentalen entstanden. 

5. ie geht auf ein e zurück, das aber von dem unter 1 genannten c verschieden war. 
Man nennt es c". Spätahd. ist es auch aus io entstanden. 

6. uo ist aus altem o diphthongiert. 

Als urgermanischer VokaHsmus ergibt sich 

a, i\ i, 0, II ; r\ r^, 7, ö, R; al, au, eu (das zu iu und io wurde). 
§ 27. Der urgermanische Vokalismus. Dieser hat verschiedene Verände- 
rungen erfahren. 

1. und u sind ihrem Ursprung nach gleichwertig; o steht vor einem 
a, e, der folgenden Silbe, // vor den übrigen Lauten, sowie vor Nasal 
+ Konsonant. Es heißt daher: 

Bogen : Bügel, Biidit ; — geboren : Bürde ; — Borg : Bürge ; — Borste : Bürste ; — Brodien : 
Brudi; — Dorren: dürr, Durst; — Flosse: Fhiß; — Fohlen: Füllen; — vor: Fürst, für; — 
Gold: Gulden; — hoffen: hüpfen: — Hof: hübsch; — hold: Huld; — verhohlen: Hülle; — 
Knollen: Knudel; — Knopf: knüpfen; — Knoten :knütten; — Koch : Küche; — Lob: Ge- 
lübde; — Lodi : Lücke; — locker: luck; — Lothar : Ludwig; — ob, oben : über; — Ort: Ürte; — 
gesdioben : Sdiub ; — geschoren : Schur ; — Sdiorf : schürfen ; — Sdiotter : Sdiutt ; — geschwollen : 
Schwulst; — sollen: Schuld; — Sporn: Spur; — gesprochen: Spruch; — Stodi: Stück; — 
Strobel: struppig; — Tor:Tür; — voll: Fülle; — worfeln: Wurf; — Zorn: zürnen; — Her- 
zog: Zug. 

2. Derselbe Wechsel von o und tt zeigt sich in dem alten Diphthongen 
eil, der sich schon urgerm. zu ea und eo entwickelt hat, woraus ahd. iu 
und io, nhd. eu und ie, i geworden sind. 

Beuge: biegen; — Deube .Diebstahl' :D/>ö; — deuten, deutsch : diet 'Volk' in Dietrich 
usw.; — bayr. Feuchte : Fichte; — leuchten : Licht; — reuten : Ried; — Seuche: siech; — 
teufen : tief; — Zeuge : ziehen. 

3. / ist durch folgendes a, e, o zu e geworden, Beispiele s. u. 

4. Vor Nasal ; Konsonant stehen / und u statt e und o. Ein nhd. e 
vor dieser Lautgruppe geht daher auf a durch /'-Umlaut zurück. 

5. Urgerm. i ist meist aus ei entstanden, s. u. 

§ 28. Der indogermanische Vokalismus. Vom germanischen Vokalismus 
steigen wir auf zum indogermanischen. Dieser wird erschlossen durch die 
Vergleichung sämtlicher indogermanischer Sprachen und durch die Unter- 
suchungen über den Ablaut. Die Ansichten, welche Vokale für die Grund- 
sprache anzusetzen sind, haben gewechselt, und sie sind durchaus nicht als 
sicher anzusehen. Ich lege die Anschauungen zugrunde, die ich in meinem 
indogerm. Ablaut, Straßburg 1900, ausgeführt habe. Vgl. dazu auch Hand- 
buch der griech. Laut- und Formenlehre, 2. Aufl. 1912. Ich gehe dabei vom 
Urgermanischen aus. 



§ 28. Der indogermanische Vokalismus. 33 

Urgerm. a, d. a, e, ä entspricht 

1. einem idg. a, das nur im Slavischen als o erscheint, gr. lat. also a. 

d. ab, gx.uTio {dpo), 1. ab, ai. dpa; — 

d. Achse, gr. ä^cov {äkson), 1. axis, ai. äkiah ; — 

d. Acker, gr.avooV (agrös), 1. ager, ai. üjrah; — 

d. Ecke, 1. aa>5, gr. ank (akis) 'Stachel, Spitze', ai. ä^rih 'Ecke, Kante' ; — d. ent-, 1. ante 
gr. a»T<'(fl«//),ai.a«^/'gegenüber'; — d. Ente, l.anas; — d.Gans, 1. unser, ai.hqsah. — d. Hafer- 
geiß, 1. caper, gr. xdiQOi {käpros) 'Eber', ai. käprt 'membrum virile'; — d. Mark 'Grenze', 
1. margo, aw. marazu-'Ortnze' ; — d. Nase 1. nasus, abg. nosä ; — d. Zähre, 1. lacruma, gr. ()üxqv 
(däkry), ai.(i<ru. 

2. einem idg. a (schwa). Man setzt diesen Laut an, weil das Indische 
in einer Reihe von Fällen als Entsprechung des europäischen a nicht a, 
sondern / aufweist. Es ist die Schwächung eines langen Vokals. 

d. Star, ahd. starablint, ai. sthiräh; — 

d. Stätte, got. staps, 1. statio, gr. axäaig (stasis), ai. sthitih ; — 

d. Vater, X.pater, gr. .7ar/)o {pat(er), ai.pitd. 

Wo das Indische fehlt, können wir daher nicht wissen, ob idg. a oder a 
anzusetzen ist. So in: 

Aa, -ach, Ache, 1. aqua ; — Ahn, 1. anus; — Ahne, gr. ä^vt] (äkhnce) ; — Ähre, 1. acus; — 
alt, 1. altiis; — Angel, gt.ayxvXog {awkylos); — Anger, gr. ayy.og {üvkos) 'Tal'; — Angst, eng, 
1. angiistiae, angustus; — Arm, 1. armus; — Art-acker, 1. arare; — Asche, gr. a^'«»' (äzen), 
'dörren'; — Axt, 1. ascm, gr. d|(V»; (axince); — Fahne, X.pannus;— Gerte, 1. hasta; — haben, 
1. habere; — Haft, 1. captus; — • heben, 1. capio; — Salz, 1. 5fl/, gr. älg {hals); — satt, 1. satis. 

3. einem idg. o, das im Griech. Lat. Kelt. durch o, in den übrigen 
Sprachen wie a vertreten ist. 

Aar, gx.oovig (örnis) 'Vogel' ; — Anke 'Butter', 1. unguen 'Salbe' ; — Arsch,gx.oQoog {prros) ; — 
Ast, gr. ö';og {özos) ; — Aue 'Schaf, 1. ovis, gr. mg (öis) ; — Dach, 1. toga ; — das, gr. to (to); — 
Elle, X.ulna; — Erbe, 1. orbus 'beraubt'; — Garten, 1. hortus; — Gast, 1. hostis; — Heer, gr. 
xoioarog {koiranos) 'Herrscher' aus*k6rJanos ; — Kamm, gr. yöfiq^og [gömphos) 'Pflock, Nagel' ; — 
lang, 1. longus; — Nacht, 1. nox; — Rad, 1. rota ; — Schatten, gr. axniog (skötos) 'Dunkelheit' ; 
was, 1. quod; — Zahn, gx.68ov? {odüs) aus *od6nts; — zähmen, 1. domare. 

Ganz entsprechend gehen die Diphthonge ai und au auf verschiedene 
Laute zurück. 

L 2. Urgerm. ai, d. ei, c = idg. ai, ai. 

ehern, 1. aes, ai. «ya/z 'Erz'; — Eiche, 1. aesculus; — ewig, l. aevom, gr. a<w>' (aiön); — 
Geiß, l. haedus; — got. haihs 'einäugig', 1. caecus; — scheiden, l.caedo; — Seim, gx.alna 
{haima) 'Blut'. 

3. Urgerm. ai = idg. oi. 

ein, l. ünus (alat. oinos) ; — Feh 'Pelzwerk', got. faihs ,bunt', gr. noixiXog {poikilos) ; — 
Feim, lat. spüma; — gemein, 1. communis; — Teig, gr. zoTyog (toikhos) ,Mauer'; — weiß, gx.oiöa 
(oida), 1. vidi. 

1. 2. Urgerm. ß«, d. au, ö = idg. au, au. 

auch, l.augere; — öde, gx. avoiog (aiisios), 'leer, eitel, vergeblich'; — Oheim, \. avun- 
culus; — Ohr, 1. auris; — Osten, 1. auröra. 
3. = idg. ou: 
d. hören, gx.dxovw (aküö). 

Urgerm. e, d. ä, e, i entspricht 

l. einem idg. e, das im Europäischen als e, im Arischen als a erscheint. 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 3 



34 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 



gebären, \.fero, gx.qeow {pMnt); — essen, \.edo,gx.f^omu(Momai); —flechten, X.plecto, 
gr. .Tx/xw (pl^ko); — gestern, 1. heri, gr. /i'>t\- (khthes); — Giebel, gr. y.t'i ah) (kephala-); — idi, 
l- cgo, gr. f;(ü {egö); — in, 1. in, gr. /•• (en); — irren, 1. errare; — ist, 1. est, gr. rnti {estl); — 
liegen, gr. /.f';fo»- {likhos) 'Bett'; — Meltau, eig. 'Honigtau', 1. mr/, gr. /<//.« (meli): — messen, 
gr. ftf dl fivo; {mMimnos) 'Scheffel'; — mich, gr. ifteye {emige); — michel'gToü', gx.nfyako-{me- 
galo-) ; — mit, gr. iirxä {metä) ; — Mitte, I. medius, gr. /<f no,- (mesos) ; — Nebel, 1. nebiila, gr. vf/ f/.t] 
{nephela); — recht,]. rectus; — Scfiu<üher,gT.fxvo(!^ {hekyr6s),\.socer; — Schwester, l.soror; — 
Schwieger, gr. fxinä (liekyra), 1. socriis; — sechs, l.sex,gT.t'^{hex); — sieben, \. Septem, gr.f.-rra 
(heptä); Sitte, gr.fi?o,- (ethos); — sitzen, 1. sedtre, gr. c^oho« (hezomai); — 5;;<?//<', I. specio; — 
V/^Ä, l.pecu; — bewegen, l.veho; — Westen, X.vesper, gx.Eoneoos {hesperos); — wiU, l.ve- 
lit; — Wind, I. ventiis; — zehn, X.decem, gx.fttxa {deka); — Zimmer, gx.de/xoj {demo) 'baue'. 

2. einem idg. /. 

Nest, 1. mdus aus *nizdos, dazu nisten ; — Lebkuchen : /.a/ö ; — /^ft^/i : bleiben ; lecken, got. 
bilaigön, e. //V ^fe ; — lehnen, 1. inclinare ; — ^u^cÄ in Quecksilber, gr. /^/o^ (*/05) 'Leben', 1. t//t;os ; — 
lernen : Lehre, got. /fl/5 'ich weiß' ; — Wechsel, 1. vices ; — ahd. wer 'Mann', erhalten in Welt aus 
weralt, \. vir. 

Urgerm. /, d. /, e entspricht einem idg. /, das im großen und ganzen 

erhalten bleibt. 

wir bissen, l.fidimus ; — Fisch, \.piscis ; — wir liehen, gr. t/.i.-ioiier (elipomen) 'wir ließen'; — 
Miete, got. mizdo, gx. funOö; (misthvs); — minder, l. minus; — wir stiegen, gx.fOTiynuEv (esti- 
khomen) 'wir schritten'; — wissen, 1. videre; — Witwe, 1. vidua; — bezichtigen, 1. indicdre; — 
zwi-, 1. bi-, gr. öi- (di-). 

Urgerm. o, u entspricht 

1. einem idg. u, das im allgemeinen als u erscheint. 

Boden, l.fundus, gx. .-ritt u >]}■ {pythm(Pn) ; — du, i. tu, gx.of (sy); — Nort, l.custos; — Joch, 
X.jugum gr. ^vyuv (zygön); — Jung, LJuvenis; — Ochse, ai. ukici; — Otter, gr. r(Soa (hydra); — 
Sohn, ai. sünüh ; — Tor, Tür, gr. Oi-gn (thyrä) ; — über, \. super, gr. kieo (hyper) ; — {Her)zog, l.dux. 

2. vor r, l; m, n derselben Silbe dem aus idg. x, /, m, n entwickelten Vokal. 
Gr. finden wir ag, ga, ak, ka; a {ar, ra, al, la; a), 1. or, ol, en, em, ai. f, a, 
lit. fV, il, im, in, slaw. ru, lü, ^. 

Geburt, l.fors, eig. 'das Tragen'; — Dorn, ai. trnam 'Grashalm' ; — forschen, l.posco aus 
*porcsco, ai. pnhäti; — Hörn, i.cornu, gr. y.uinog^ (kdrnos) 'Hornvieh'; — hundert, Lcentum, 
gx. fy.aT6r{hekatdn; — (Zu)kunft, gx.ßäoig {bäsis) l.inventio; — Lunge, gr. f/.a/iV {elakhys) 
'leicht'; — Mord, 1. mors, — sondern, gx.diäo ifltür); — un, l. in, gr. a (a); — Wolf, ai. vfkah, 
lit. vilkas, abg. vlükü. 

3. dem vor r, /, m, n der folgenden Silbe entstandenen schwachen 
Vokal, der im Gr. als a (ä), im Lat. als a erscheint. 

d. Nummer, gx. y.du(j()(ujo; (kämmaros) ; — d. bohren, gr. f/aoöco (pharöö) 'pflüge', {l.foräre), 

4. Während die Gruppen ur, ul, um, un in vielen Fällen die unter 2 
genannten Entsprechungen aufweisen, finden wir auch Beispiele, in denen 
im Griech., Lat. und Kelt. ein ä nach dem Sonorlaut steht. De Saussure 
setzte hier lange silbebildende r,l,m,n an (f, /,>]"', (0» ich dagegen schreibe 
erd usw. als Grundform, vgl. Verf. Ablaut. 

{Ge)duld, 1. latus; — Honig, gx. xvr]x6g {kniekös) 'gelblich'; — Hornisse, 1. crabro; — 
Hürde, 1. cratis; — Korn, l.granum; — Wolle, 1. luna; — Wurzel, l.rädix. 

Urgerm. e^, d. «, ä entspricht idg. c, das im allgemeinen als e, im 
Arischen als a erscheint. 

brachen, l.fregimus; — Draht, gr. rp^io? {trcetös) 'gedreht'; — kamen, 1. venimus; — 



§ 28. Der indogermanische Vokalismus. 



35 



Mat, gr. äfiTjTog (ämcetos) ; — Mond, ahd. mano, got. mma, lit. mtnuo, gr. firjv {man); — Naht, 
1. nemen ; — raten, 1. reri; — Samen, 1. seme« ; — saßen, 1. sedimus; — Tat, got. gadeps, l.feci; — 
wahr, 1. Veras. 

Urgerm. p^, ahd. /a, /e, d. /. z. B. in got. her, ahd. /z/ßr, d. Ä/e/-, ist un- 
sichrer Herkunft, z. T. geht es auf einen /-Diphthongen zurück. Vielfach 
steht es in Fremdwörtern, z. B. Grieche, 1. Graecus. 

Urgerm. ö, d. u, u entspricht 

1. Idg. ö, das im Gr. Lat. als o erscheint und hier deutlich von a zu 
scheiden ist. 

Flut, gr. .tAwto? (plütös) ; — Mühe, 1. möles, gr. uw^.og {mdlos) ; — Ruder im Ablaut zu 
1. remus; — Ruhe, gr. g^«»/ (eröw) ; — /u/n zu got. döms 'Urteil' und dies zu gr. ücof^ög {thömös) 
'Haufe'. 

2. Idg. a, lat. ä, gr. dor. ä (ä), ion. att. >/ (ce). 

Bruder, \.f rater; — Buche, 1. fägus, gr. T^j/yoc {phcegös) ; — ßu^, gr. :Tiiyvg {pwkhys); — 
füge, gx.jiriYvvi.u (pcegnymf), 1. compages ,Zusammenfügung'; — Futter, l.pabulum; — Hube, 
gr. xfiTio? (kcepos) ; — Hure, 1. cürä; — Mutter, 1. muter, gr. fit]rijQ {mcetcer) ; — /?üö^, 1. m/7fl ; — 
Stuhl, gr. 0r//A>; {stdlce); — süß, 1. suävis, gr. »y^t;? (Jicedys). 

Germ. 7, d. ei entspricht 

1. idg. ei, gr. ei (e), 1. /: 

leihe, gr. Ae/.tco (/e/>ö) ; — steige, gr. oisr/jo {stekhö) ; — zeihe, gr. öeiy.rvfu {diknymi). 

2. idg. ?, gr. lat. «: 
Schwein, 1. sulnus; — ^r s^/, 1.5*/. 

Germ, n, d. aw, ö, o entspricht idg. ii, 1. «, gr. v (g). 

Braue, gx.dtpovg (ophrys); — braun, gr. (pQvvt] {phryme 'Kröte'; — faul, 1. />w5 'Eiter' ; — 
Haut, l. scütum 'Schild', gr. axmog (skytos); — Maus, 1. müs, gr. /tvg(mys); — Sau, Lsas, 
gr. vg (hys); — sauge, 1. sügo; — Zaun, kelt. danum, z. B. in Lugdimum. 

Germ, eu, d. i{e) und eu entspricht idg. eu, gr. ev (eu), 1. «7. 

biege, gr. cpsvyoj {pheugö) 'fliehe'; — gieße, gx.yjo) (kheö) aus '^khewö; — Licht, gx.levxög 
(leukös) 'weiß' ; — neu, gr. v£(J^og (newos) ; — ziehe, 1. daco. 

Zm weitern Übersicht der Lautvertretungen möge die folgende Tabelle 
dienen. 



Idg. 


Got. 


Ahd. 


Air. 


Lat. 


Griech. 


Aind. 


Awest. 


Slawisch 


Lit. 


Arm. 


Alb. 


i 


/; e vor 
r,h 


/; ^ durch 
fl-Umlaut 


/; e 
durch 
fl-Um- 
laut 


/; e 
vor r 
aus 5 


i 


/ 


/ 


i 


i 

u 


/ 


/ 


u 


u.ovor 
r,h 


u; durch 
a-Umlaut 


u; 
durch 
a-Um- 
laut 


u; 
vor r 
aus s 


V 


u 


u 


ä 


u 


u 


e 


/; e vor 
r,h 


^;/vorNas. 
4- Kons., 
vory, /der 
folgenden 
Silbe, vor 
u der fol- 
genden 
Silbe 


e 


e,i 


£ 


a 


a 


e 


e 


e; /vor 

Nas. 


ie\ d; 

/vor 

Nasal 



3* 



36 



Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 



Id«. 


üot. 


Ahd. 


Air. 


L;it. 


(iriccti. 


Aiiul. 


Awest. 


Slawisch 


Ui. 


Ann. 


Alb. 


d 

a 




. a 

1 


a ; V durch 
/-Umlaut 


1- 




a 




11 
(1 


/ 
/ a 

1 

11 

■ n 

■ a 


11 
i 


o 


11 


a 

; u vor 

Nas. -f 

Kons. 

/ 


) a 


i 


/ 


t 


i 


l 


i 


\ 

i 


i 




ei 


e 
ü 


1 
ü 


fi 

V 


r 
ü 


ei, ie 


(' in letz- 
ter, / in 
nicht 
letzter 
Silbe 

u 

oi, u 

? 

oi, u 


i 


ü 


ü 


ü 


y 


ü 


ü.i 


ou 

au 
eu 


1 an 
iu 


ou, Ö 
iu, io 


ö,ua 


ü 

au 
ü 

e 

II 
ö 

ae 
oe, ü,t 

or 


SV 

av 
ov 





ü 


au 


e 
a 
e 


f*e 


e 


ä 


l 


V 


a 


e 


e 


i 

a 
u 





ä 
ö 


ö 
ai 


uo 


a 


CO 


1 '■ 




uo 

ai, ie 




e 


ai 
oi 


ai; e vor 
r, h, w 


ae, ai 
oe, oi 


ac 

Ol 


e 


e 


e, ji- 


ai 

e; i 


h 


hl 


i or, ui 


ur, ul 
or, Ol 


ri 


na 


r 


ar {3) 


ir, n {rJ, 
rd, li, In) 

ir, 11 


1 ""■, il 


ar, ra, 
al, la 


ri 


er, el 


ar, al 

air. im, 
/>z;gall. 

brit. 
am,an, 


ar,al 


ao, a?. 


ir, ur 
a 
an 


ar 


ir 


n, m 


un, 
um 


un, um 
on, om 


en 


a 


a 
an 


? 


i ^" 


am, an 


e 


en,em 


am, an 


an 


av 


in 


? 


eraij) 


or, ul 


ur, or, 
ul, Ol 


ra, 1(1 


rä, kl, 
ar,al 


aga, 

a).a, 

oä, la 


ir, ür 


wie r, 1, 

aber mit 
abwei- 
chendem 
Akzent, 
serb. 
r, ü 


ir, il 






etld, 
etrid 


un, um 


un, um 
on, om 


nä 


nä,an 


)•/;, ara 


a, an 




wie \i, m 
aber mit 
abwei- 
chendem 
Akzent 


in, im 







§ 29. Der Ablaut, Die Kenntnis, wie sich die einzelnen Laute entwickelt 
haben, genügt indessen nicht für etymologische Zwecke, man muß auch 



§ 29. Der Ablaut. 37 



wissen, daß die Vokale, abgesehen von den schon erwähnten Fällen, be- 
reits im Indogermanischen vielfach miteinander wechselten. Wir nennen 
diese Erscheinung, die die ganze Sprache vollkommen durchsetzt, mit einem 
Ausdruck, den J. Grimm geprägt hat, Ablaut. Die Gesetze des Ablauts sind 
verhältnismäßig einfach, wenn man auf die indogermanische Grundsprache 
zurückgeht, sie werden aber verwickelt durch die zahlreichen Veränderungen, 
die der Vokalismus im Laufe seiner geschichtlichen Entwicklung erleidet. 
Das Germanische hat außerdem den Ablaut analogisch ausgedehnt und in 
ein System gebracht. Wir können hier nicht auf alle Arten des Ablauts 
eingehen, können vielmehr nur die wichtigsten Typen anführen. 

Man unterscheidet zwei Arten des Ablauts. 

I. Der qualitative Ablaut oder die Abtönung. 

Dieser besteht in dem Wechsel von e mit o und p mit o, was sich im 
Germanischen als Ablaut e—a und e. — (d. a—rC) zeigt. Der einfache Ab- 
laut wird aber weiter dadurch verändert, daß sich andere Laute mit dem 
Vokal e verbinden. So wird i.^.ei zu ahd. f, und wir erhalten daher regel- 
recht 7 — ai, und da ai zuweilen zu e wird, 1 — e. Im Neuhochdeutschen 
aber entwickelte sich 1 wieder zu ei, und so können wir den Ablaut nicht 
mehr auseinanderhalten. Wohl aber ist er im Englischen erhalten. Vgl. 
write — wrote 'schreiben'; ride — ro^^ 'reiten' ; strlde — strode %\xt\\tri \ 
drlve — drove 'treiben'. 

Es folgen nun die verschiedenen Ablautsreihen. 

1. Ablautsreihe: Idg. ei — oi, germ. t — ai, ahd. 1 — ai, e, nhd. ei — ei, 
aber engl, i — o, s. o. 

2. Ablautsreihe: Idg. ^m — ou, germ. ^m — au, ahd, /«, /o — oii, ö, nhd. 
eu, ie — au, 0. 

fliehe, floh; ziehe, zog; biete, beutst, bot; krieche, kroch; frieren, fror; kriechen, kroch; 
sieden, sott; verlieren, verlor; schießen, schoß, Schoß; schließen, schloß. 

3. Ablautsreihe: Idg. er, el — or, ol, germ. ahd. nhd. er — ar. 

werden, ward; sterben, starb; helfen, half; gelten, galt; dreschen, drasch; bersten, 
barst; werfen, warf. 

Idg. en — ort, germ. en — an, ahd. en, in — an, nhd. en, in — an. 

binden, band; schwimmen, schwamm; beginnen, begann; trinken, trank: singen, sang; 
sinken, sank; ringen, rang; springen, sprang; rinnen, rann; spinnen, spann; gewinnen, 
gewann; stinken, stank; schwingen, schwang. 

4. Ablautsreihe: Idg. e — o, germ. e — a, nhd. e, i — a. 

geben, gab; essen, aß; messen, maß; vergessen, vergaß; bitten, bat; sitzen, saß; 
gewesen, war. 

5. Ablautsreihe: Idg, e — 0, germ. e — 0, ahd. a — uo, nhd. « — ü. 

Tat, tun; —gräßlich, grüßen; — braten, brüten; — spät, sputen. 

II. Der quantitative Ablaut oder die Abstufung. Die Abstufung 
ist im Indogermanischen im wesentlichen durch die Wirkung des Akzentes 
entstanden. Einerseits sind die kurzen Vokale ausgefallen, die langen sind 
geschwächt und erscheinen im Germanischen als a. Das nennen wir Schwund- 



38 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

stufe. Anderseits sind aber auch vollbetontc Vokale unter dem Einfluß des 
Akzentes s^edchnt, das nennen wir Delinstufe. 

Da sich im Germanischen die kurzen und langen Vokale verschieden 
entwickelt haben, so entsteht hier wieder eine neue Abtönung. So erscheint 
z. B. die Abstufung e : <■ (Dehnstufe) als i\ i : n (sitzen : saßen) oder a : ä 
als a : u [graben : Grube; — fahren : Fuhre). 

Beispiele: 

e:e: geben : Gabe; — nehmen : nahmen ; — gebären : Bahre, e. hier; — bredien : Bradie, 
Bruch ; — bewege : Woge ; — essen .Aas; — messen : Maß. 

a:ir. backen : gr. qHÖyrtr (phögen) 'braten, rösten'; — bannen : I. fari, gr. qptjul {phwmf) 
'spreche; — baß, besser: Buße; — fahren: Fuhre, führen; — graben : Grube, grübeln; — 
Name :\. Wimen; — sdiwelen : schwül; — scfiwören, ahd. swerian: Schwur; — stemmen: 
ungestüm; — stapfen : Stufe; — wachsen : Wucfier. 

Eindeutiger sind die Ablautsvcrhältnisse, wo die Laute /, u, r, /, m, n 
mit e verbunden sind. Hier fehlt die Dehnstufe meistens, und die Schwund- 
stufe erscheint als /, w, i\ l, m, 9, d. h. d. /, e, u, 0, ur, or, ul, ol, um, om, un, on. 

1. ei : i, gr. /.fineir : Äurslr {It'pcn : lipen): 

steigen : gestiegen ; — bleiben : geblieben ; — Beil : Bille ; — beißen : Biß, bitter; — heiß: 
Hitze ; —pfeifen : Pfiff; — reißen : Riß, ritzen ; — reiten : Ritt, Ritter; — sdileichen : Schlich ; — 
schleißen: Schlitz; — schmeidig: Schmied; — schmeißen : Schmiß; — schneiden : Schnitt; 
schreiben : Schrift; — schreiten : Schritt; — seihen : sickern; — streichen : Strich. 

2. eu {au) : u, gr. (pevyeiv : cpvyelv (pheugfn : phygen). 

fließen : Fluß; — Bries : Broschen ; — gießen : Guß; — fliehen : Flucht ; — fliegen : Flug, 
Flügel; — schieben : Schub, Schober, schuppen, Schuppe: — bieten : Gebot, Bote; — biegen: 
gebogen, Bogen, Bucht, Bügel; — bieten : Gebot; — lieb : Lob; — bloß:blutt; — kiesen : {\Va[)- 
küre; — klieben : Kluft; — Licht : Lohe; — schliefen : schlüpfen; — schmiegen : schmüdien, 
schmuggeln; — schießen : Schütze; — schließen : Schluß; — sieden : Sod, sudeln; — stoßen : 
Stutz; — saufen : Suff: — taub: toben; — triefen : Tropfen; — taugen : tüchtig, Tugend; — 
taufen : tupfen ; — ziehen : Zucht, zucken. 

3. er, el, em, en (ar, al, am, an) : x, l, m, 9 (gr. jieq&eiv : :Tgade7r {perthm : 

prathen). 

werden : wurde; — binden : Bund; — winden: gewunden; — {ge)bären : Bürde; — wert: 
Würde; — got. gairda : Gürtel; — Berg : Burg; — bergen : Borg, Bürge; — brechen : Bruch ; — 
Birke : Borke?; — Brink : Brunkel; — brennen : börnen, Brunst; — Bengel : Bunge ' Trom- 
mel'; — darben : dürfen; — Darre : dürre, Durst; — melken : Molken; — Halde : hold; — 
Kern : Korn ; — Werk : wirken {tig.würken, goX.waürkjan) ; — Dank : dünken ; — finden : Fund; — 
hehlen : Hülle; — krumpfen : krumm; — Milch : Molken; — schlingen : Schlund; — schnar- 
ren : schnurren; — schrinden : Schrunde; — Schimmer: Schummer; — schinden : Schund; — 
schwingen : Schwung; — sprechen : Spruch; — springen : Sprung; — Stelze : Stolz; — Salz: 
Sülze; — werfen : Wurf. 

4. e zu Null. 

lat. genu : d. Kn - ie ; gr. Ööqv 'Eiche', got. tr-iu, e. tree ; d. sehen : d. schauen (ahd. sk-ouwön). 

Sehr bemerkenswert und für die Herkunft der Wörter wichtig ist, daß 
die verschiedenen Ablautsstufen in gewissen Nominal- und Verbalbildungen 
regelmäßig erscheinen. 

1. Abtönung findet sich häufig 

a) bei den ursprünglichen 0- und ä-Stämmen (lat. 2. und I.Deklination), 



§ 29. Der Ablaut. 39 



wenn sie Verbalabstrakta sind. So Band zu binden, Trank zu trinken, 
Drang zu dringen, Klang zu klingen ; s. § 93, 1 . 

b) in den Kausativen oder Faktitiven. Sie sind mit j gebildet und 
zeigen daher jetzt Umlaut. 

ätzen, got. atjan : essen ; — brennen, got. brannjan -. got. brinnan ; — tränken : trinken ; — 
legen : liegen ; — nähren : genesen ; — rennen : rinnen ; — senken : sinken ; — senden : ahd. 
sinnan 'reisen' ; — setzen : sitzen ; — zähmen : ziemen ; — beitzen : beißen ; — fällen -.fallen ; — 
fähren -.fahren; — hängen : hangen-, — ersäufen : saufen; — säugen : saugen; — sprengen: 
springen ; — stäuben : stieben ; — verschwenden : schwinden ; — flößen : fließen ; — sengen -. 
singen ; — senken : sinken ; — schwemmen : schwimmen. 

2. Schwundstufe findet sich vornehmlich bei den /-Abstrakten: 

Biß, Griff, Schritt, Schlitz, Schnitt, Aufstieg, Stich, Strich, Riese; — Trug, Flug, Fluß, 
Guß, Lug, Nutz, Schuß, Schluß, Zug; — Bruch, Spruch, Trunk, Fund, Sturz, Sprung. 

Ihr Geschlecht ist männlich. Daneben stehen gleichartige weibliche 
Verbalabstrakta, die mit Suffix-// gebildet sind. 

Trift, List; — Kluft, Flucht, Sucht, Zucht; — Notdurft, Brunst, Gunst, Kunst, Ver- 
nunft, Zunft, Geburt, Geduld, Schuld. 

Weitere Ablautserscheinungen sind im Deutschen selbst nicht mehr 
von Bedeutung, wohl aber sind sie wichtig für die Aufstellung von Ver- 
gleichungen innerhalb des Germanischen und zwischen dem Germanischen 
und den verwandten Sprachen. Sie beruhen im wesentlichen auf den unter I 
und II gegebenen Erscheinungen. Ihre Wesenheit liegt aber darin, daß es 
sich um den Ablaut mehrerer, gewöhnlich zweier Silben handelt. Da der 
Vokal jeder unbetonten Silbe geschwächt wurde, in einem Wort aber immer 
nur eine Silbe vollbetont war und der Akzent wechselte, so kann ein Ver- 
hältnis entstehen: Vollstufe -f Schwundstufe und Schwundstufe + Vollstufe. 
Man nennt dies nicht ganz treffend, aber doch deutlich Schwebeablaut. 
Man kann zwei Fälle unterscheiden. 

1. Steht in der zweiten Silbe ein kurzer Vokal, so nennen wir das 
eine leichte Basis. 

2. Steht in der zweiten Silbe ein langer Vokal, so nennen wir dies 
eine schwere Basis. 

1. Die leichten Basen. 

Diese Fälle sehen so aus, als ob eine Metathesis stattgefunden 
hätte, 

d. Riegel, 1. arceo 'halte ab'; — d. arg, an. ragr 'böse, feige, nichtswürdig'; — Reb- 
huhn, an. iarpe 'Haselhuhn'; — d. Reff 'Gestell zum Tragen', 1. corbis; — d. Reff 'altes 
Weib', eig. 'Leib, Knochengerüst', 1. corpus; — d. drediseln, 1. torquire; — d. fragen, ahd. 
fergön 'bitten, fordern'; — d. Brett, d. Bord; — d. rächen, 1. eig. 'verfolgen', lit. vargas 
'Not'; — sterben, d. streben; — d. Kolben, 1. globus 'Kugel'; — d. Nagel, 1. unguis, gr. 
övv'^ (önyks); — d. Nabel, 1. umbilicus, gr. oncpalög (omphalös); — d. Kamm aus ahd. kamb, 
d. Knebel; — d. Napf, d. Humpen; — d. Süden aus *sund, gr. »070^^ (nötos) aus *snotos; — 
d. wachsen, 1. augire; — d. Knie, got. kniu, I. genu, gr. yow (göny); — engl, tree 'Baum', 
got. triu, gr. d6gv{döry); — d. rot, ahd. röt, gx. igvOgög {erythros), — d. brauen, ahd. briuwan, 
l. fervere; — d. sehen, got. saihan, idg. '*sekw, d. schauen, idg. *skou. 

2. Die schweren Basen. 



40 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

In diesen Füllen steht in der zweiten Silbe ein langer Vokal oder dessen 
Ablaut P, ijerm. a. 

d. Arm, I. nimiis 'Zweig'; — d. Ruder, gr. igrtftöe (eretmös); — d. rühren, gx.xfoät- 
vvut (kerdnnymi) 'mische'; — d. Kranicfi, gr. yrnarrK (geranos); — d. trüben, gr. Tnimaoo) 
(tarässu) 'verwirre'; — d. Wurzel, an. rot 'Wurzel'; — d. Wrak, gr. in'iyrvin {rfkgnymi) 
'breche'; — d. lau, ahd. lno, I. calidus; — d. kalt, 1. gelidus, glacits: — d. Name, gT.ovofiu 
(önoma), 1. n«men; — d. kennen, 1. misco. 

Erschöpft sind mit diesen Fällen die Ablautsverhältnisse noch nicht, 
doch würde eine weitere Darstellung über den Rahmen dieses Buches 
hinausführen. Jedenfalls werden durch eine Klarstellung der Ablautsformen 
eine ganze Reihe von Wörtern als verwandt erkannt und somit ihrem Ur- 
sprung nach aufgehellt. 

§ 30. Konsonantismus. Der neuhochdeutsche Konsonantismus zeigt gegen- 
über dem althochdeutschen, wie er im Ostfränkischen vorliegt, keine durch- 
greifenden Veränderungen, wenigstens in der Schreibung. Die wesentlichsten 
Abweichungen sind: 

1. Ahd. mhd. ;, das aus / entstanden ist, wird s. Infolgedessen hat 
das nhd. 5 {ss) zweierlei Ursprung. Das mhd. ahd. ; erkennt man mit 
Leichtigkeit durch Vergleich mit dem Englischen oder Niederdeutschen. 
Beispiele s. o. S. 10. 

2. Ahd. mhd. h schwindet zwischen Vokalen und nach Konsonanten, 
wird aber in der Schrift vielfach beibehalten, allerdings auch fälschlich hinzu- 
gesetzt. Beispiele siehe oben. Im Anlaut ist es in den Verbindungen hw, hr, 
hl, hn verloren gegangen, hw erscheint im Englischen als wh. 

Wal(fisdi) e. whale, apreuß. kalis 'Wels', lat. squalus "ein größerer Meerfisch'; — 
weder, gx.^iöxsoog {pöteros) 'wer von beiden'; — Weile, e. white zu lat. quies; — weiß, 
e. white, got. h'eits, ai. svitnah; — Weizen, t.wheat; — Weif, e. whelp, gr.-oxvka^ (skylaks), 
'Tierjunges' ; — wer, was, e. who, what, 1. quis, quod; — werben, got. hairban. eig. 'drehen', viel- 
leicht zu g\. y.aono: (karpös) 'Handwurzel'; — Werft zum vorigen; —wetzen, t.whet. 

Rabe, vgl. Hrabanus; — Radien, gr. y.oayöv {kragön) 'laut schreiend'; — ragen, gr. 
xgoaaat (krössai) 'Dachzinnen'; — Räude, 1. crüdus 'blutig, roh'; — Reff "Traggesteir, 
vielleicht zu 1. corbis 'Korb'; — Reff, ags. hrif 'Leib', 1. corpus; — Reif, ahd. hrtfo; — 
rein, 1. cerno 'sichte'; — Reiter 'Sieb', 1. cribrum; — Reis 'Zweig', ahd. hris; — rette, ai. 
frathäjami 'löse'; — Reue, ahd. hriuwa; — Ried. ir. crüaid 'hart, fest'; — Rind, ahd. 
hrind; — Ring, abg. kragn 'Kreis'; — Rispe, 1. crispus 'kraus'; — Ritten 'Fieber', ir. crith 
'Zittern'; — Rogen, \\\. kurkulal 'Froschlaich'; — roh, 1. crüdus; — Roß, t. horse zu lat. 
currere; — Rotz, gr. xögvCa (köryza) 'Schnupfen'; — Rücken, \. crux; — Rüde, entlehnt 
abg. dinitii; — Ruf, rufen, got. hrüps, hrupjan; — Rufe "Schorf, lett. kraupa "Grind der 
Pferde'; — Ruhm, ahd. hruom; — Runge, got. hrugga 'Stab'; — rüsten, gr. y.noiooo) 'wappne'. 

ladien, gr. y./.coaaeir (klössin) 'glucken'; — beladen, lit. klöti "hinbreiten'; — Laib, 
got. hlaifs, 1. libum ; — lau, 1. calere 'warm sein' ; — laufen, gr. y.cu.-T>j {kalpce) 'Trab' ; — lauter, 
1. cluere 'reinigen'; — Lehne, gr. yJ.tvt] {klfme) 'Lager'; — lehnen, 1. incUnüre; — Leite 
'Berghang', gr. y.'/.nvg (klitys); — Leiter, 1. clltellae 'Saumsattel'; — Leumund, ahd. hliumunt 
zu gr. y.'/.vELf {klyin) 'hören'; — Lid, e. lid 'Deckel', zu asächs. ahlidan 'sich erschließen'; — 
Los, goL hlauts; — losen 'hören', gr. y.'/.vco (klyö). 

Nadien, air. cnocc 'Hügel'; — Napf mit Schwebeablaut zu Humpen; — naschen zu 
got hnasqus 'weich, fein'; — neigen, l.cünivere; — nieten z\i ahd. bihniotan 'befestigen'; — 
Nuß, ags. hnutu, e. nut, 1. nux. 



§ 30. Konsonantismus. 41 



Im Auslaut und vor t, s ist h als ch erhalten, so daß oft Doppelformen 
entstehen. 

hodi : Höhe; — Raiidiwerk : rauh; — Gesicht : sehen; — Geschichte : geschehen; — 
dic/it, vielleicht zu gedeihen; — Flucht -.fliehen; — Zucht: ziehen; — Licht: Lohe: — Fuchs: 
mhd. vohe 'Füchsin'. 

3. Ahd. sk wird sdi (s). Beispiele s. § 17 a. 

4. wr, wl haben ihr w verloren, doch hat sich das w im Nieder- 
deutschen erhalten und einige Wörter sind daraus in die Schriftsprache 
aufgenommen worden, vgl. § 170 B, 1. 

lispeln, ndrhein. wlispen, ags. wlisp 'mit der Zunge anstoßend'; — Antlitz, ags. and- 
wlita; — Radie, e. wreak; rächen, e. wreak, 1. ärgere; — Range zu nd. wrangen 'sich 
winden, ringen'; — Ränke, e. wrendi; — Rasen, mn6.wrase, nnd.wrose, vielleicht zu 
gr. eoaij (ersce) 'Tau'; — Recke, e. wretdi zu rächen; — reiben, ndl. wrijven; — reißen, 
e. write; — Reitet 'Drehstange', nd. wreil; — renken, ^.wrendi 'drehen'; — Riese, asächs. 
wrisiiik; — ringen, nd. wringen; — Riß 'Handgelenk', e. wrist; — Rüge, nd. wroge, wröge 
'Geldbuße' ; — Rüssel, ags. wröt 'Rüssel'. 

5. mb wird zu mm. 

dumm, e. dumb, gr. zv<pl6g (typhlös) 'blind'; — Hummel, e. humblebee: — Imme, 
ahd. imbi, gr. e^mig (empis) 'Stechmücke'; — Kamm, e. comb, gr. yöfifpog (gömphos); — • 
klimmen, e. climb; — krumm, e. crump; — Kummer, mhd. kumber, frz. encombrer; — 
Lamm. e. lamb gr. Rarfog (elaphos) 'Hirsch' aus *ebnbhos; — Lümmel, mhd. lumbel < 1. lum- 
bus 'Lende'; — Samstag, ahd. samba^tag; — schlimm, ahd. slimbi 'Schiefe'; — Schlummer, 
e. slumber; — Stummel, ahd. stumbal; — um, ahd. umbi, gx. aucpi (amphi); — Wamme, 
e. womb; — Zimmer, e. timber, gr. 6äi.mQ (ddmar) "Gattin'. 

6. 5 wird zu s anlautend vor /, m, n, w, t, p. 

Beispiele für st, sp, in denen ja auch die Schreibung bewahrt ist, 
s. § 17 b, c. 

Schlack, Schlackerwetter zu ahA. stach 'schlaff', gx. layagög (lagarös) 'schmächtig'; — 
sdilaff, dazu schlafen, abg. slabä 'schlaff; — sdilagen, air. slactha 'geschlagen'; — Schlange, 
lit. slinkti 'schleichen'; — Sdüehe, abg. sliva; ■— Schleim, zu lat. limax 'Wegschnecke'; — 
schliefen, schlüpfen, 1. lübricus; — schließen, ahd. slio:an, 1. claudo, ursprünglicher Anlaut 
skl-; — schlimm, lett. shps 'schräg, steil'; — schlingen zu Schlange s. d.; — Sdilitten, lit. 
sl'isti 'gleiten', abg. sledü 'Spur'; — schlucken, ix. sluccim 'verschlucken', gr. /.i','oj (lyzö) 
'schlucke'. 

Sdimach zu ahd. smnhi 'klein, gering', gx.^axpög (m'ikrös); — sdimal, 1. malus 'schlecht', 
gr. iLii]?.ov (mc'elon) 'Kleinvieh'; — schmauchen, gr. ouvyfiv (smijkhen) 'durch ein Schmoch- 
feuer allmählich verbrennen'; — schmelzen, gx. /^ilöco (meldö) 'schmelze aus'; — Schmer, 
lit. smars(t)vas 'Fett'; — Schmerle, gx. o/nägig (smäris) 'kleiner Meerfisch'; — Sdimerz, 
gx. a/iFoörö:, (smerdnös) 'schrecklich, gräßlich', 1. mordere; — Schmied, gx. o^th] {smtlce) 
'Schnitzmesser'; — schmiegen, lit. smiikti 'gleiten'. 

Schnabel, lit. sndpas; — Schnee, \. nix, gx.vF.lqjei {nephe) 'schneit'; — Schnur, ai.sndva 
'Band, Sehne'; — Sdinur, 1. nurus, gx. wog (nyös), ai. snu^ä 'Schwiegertochter'. 

Schwager, ai. svasurah 'zum Schwäher gehörig' ; — Schwäher, 1. socer, gr. sxvgög 
{hekyrös); — Sdiwaige 'Viehhof, vielleicht zu gx. oijy.ng {scekös) 'umzäunter Platz für junge 
Schafe'; — Schwamm, vielleicht zu gr. ooiMpög (somphös) 'schwammig'; — Sdiwan zu 
l. sonus 'Ton', eig. 'der Singschwan'; — schwarz, \. sordts 'Schmutz'; — Schwein 'Hirt', 
lit. svalnis 'der Gattin Schwestermann'; — Schwein, go\. swein, \. sulnus; — Sdiweiß, 1. 
südor, gx. idog (idos); — schwer, lii svarüs, \. serius 'ernsthaft'; — Schwester, \. soror; — 



42 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 



Sc/iu'ifgiT, 1. sucnis, gr. .'^rnu (hekyrii); — Sdiwirrrn 'Pfahl', ai. svi'mih 'Opferpfosten', 
l. surus 'Zweig, Pfalil"; — sdiwörcn, \. sermo, ai. svö rat i 'tönt, erschallt'. 

7. w nach / und r wird h. Im absoluten Auslaut war o entstanden, 
das später abfiel, so daß Formen mit und ohne ö nebeneinander stehen. 

albern, ahd. alawuri 'ganz wahr"; — Erbse, ahd. arawei'i, lat. ervum; — fahl, falb, 
e. falloiz', lit. palvas 'weißlichgelb'; — Farbe, mhd. varwe; — {Siiiaf)garbe, d\\± garwa, 
c. yarrow, — gelb, gehl, e. yrllou; 1. hrlviis; — gerben, ahd. garawen -.gar, ahd. garo; — 
herb. mild, herwer: — kahl. e. callow < 1. calviis; — Mehl. ahd. melo, c. meal, südd. 
Melberei; — Milbe, ahd. miliwa zu Mehl; — mürbe, ahd. muruwi; — Narbe, c. narrow 
'eng' ; — Sperber, ahd. sparw-ari, e. sparrow-hawk. 

8. /// wird schon ahd. z.T. zu nd, so daß in nhd. nd urtjerm. nf) und /z<i 

zusammengefallen sind. Das Englische unterscheidet die beiden Laute als th 

und d. Vor dem ersten ist der Nasal geschwunden. 

ander, e. other blind, e. blind; 

kund, e. -coiith linde, e. <'«rf; 

lind, e. //7/?r 'langsam' Z.fl«rf, e. land; 

Mund, e. mouth Linde, e. linden ; 

/?/rtrf, ags. hrlder gesund, e. sound; 

Sund-'Südcn' , e. 50u//2 Vr/rtrf, e. ic/'/zf/, 1. ventus. 

9. Schon vorahd. ist /z in unbetonter Silbe in einer Reihe von Fällen 
zu / geworden, sicher nach /. 

Esel, 1. asinus; — Kessel, 1. catmus; — Hettel 'junge Ziege', anord. hadna; — Himmel, 
got. himins; — Igel, gr. yyim; {ekhinos); — Kümmel, 1. cuminum: — Pidielhaube, mlat. baci- 
num 'Becken'; — Wirtel, abg. vreteno. 

Außerdem ist n nach einem vorausgehenden n geschwunden. 

König, ahd. kuning; — Pfennig, ahd. phanting. 

10. Die Gruppen br und bl scheinen inlautend zu fr und // geworden 
zu sein. Da in der Flexion neben Formen mit dieser Lautgruppe solche 
mit Zwischenvokal standen, so ergeben sich vielfach Doppelformen, vgl. 

VON Bahder IF. 14, 258 ff. 

Beispiele: Schaufel zu schieben; — ahd. weval 'stamen' zu weben, und so auch wohl 
Waffel hierher; — Frevel zu got. abrs 'heftig, stark'; — Schwefel neben got swibls; — Eifer 
zu ahd. eibar 'scharf; — sauber, alem. safer aus 1. söbrius; — Bafel neben Babel. 

Zum Teil handelt es sich hier auch um Entlehnungen aus dem Nieder- 
deutschen, indem das spirantische b durch / ersetzt wurde. 

11. Anlautendes pl ist zu // geworden. 

fliehen, got pliuhan hat also nichts mitfliegen, got. usflaugfan 'emporfliegen machen' 
zu tun; —flehen, got. gaplaihan 'freundlich zureden, liebkosen'. Außerdem steht noch / für p 
in finster, ahd. dinstar zu Dämmer. 

Weitere Abweichungen siehe unten Kapitel 11. 

Die Haupteigentümlichkeiten des Hochdeutschen gegenüber den andern 
germanischen Dialekten liegen in der hochdeutschen (zweiten) Laut- 
verschiebung, die schon in voraUhochdeutscher Zeit eingetreten ist. 

Dadurch werden: 

a) die stimmlosen Verschlußlaute p, t, k 

a) nach Vokalen zu dem entsprechenden langen (doppelten) Reibelaut, 



§ 31. Urgermanischer Konsonantismus. 43 

der nach langem Vokal gekürzt (vereinfacht) wird, also p zn ff (f); s zu ^7, (:;), 
nhd. SS, ß, s; k zu hh (h, ch)\ 

ß) im Anlaut und nach Konsonant zu Affrikaten pf z, kch (letzteres aber 
nur in oberdeutschen Mundarten). 

Anmerkung. Vor /-unterbleibt die Verschiebung des t. Es gibt kein zr im Anlaut 
Daher auch bitter zu beißen, got. baitrs. 

b) Altes p (engl, th), in alter Zeit noch th, dh geschrieben, wird d\ 
altes d wandelt sich zu t. 

Siehe darüber oben S. 10 ff. 

Eine weitere Eigentümlichkeit des Westgermanischen ist die sogenannte 
Konsonantendehnung. Vor y, w, /-, /, m, n werden die Konsonanten gedehnt, 
was durch Doppelschreibung zum Ausdruck gebracht wird. Da sehr häufig 
Formen, in denen diese Laute dem Konsonanten unmittelbar folgen, neben 
solchen stehen, in denen dies nicht der Fall ist, indem sich zwischen den 
beiden Lauten ein Vokal entwickelt hatte, so sind vielfach Doppelformen 
gebildet worden, von denen bald die eine, bald die andere gesiegt hat. 
Durch diese Konsonantenverschärfung werden eine Reihe von Ausnahmen 
der Lautverschiebung erklärt. So erwartet man, daß dem got. akrs, e. acre, 
lat. ager im Deutschen Acher entspricht, wie wir machen, e. to make finden. Die 
Grundform war aber akra, was zu a^Är führte, kk wird aber nicht verschoben. 

1. y- Verschärfung. Dies ist der häufigste Fall. 

ätzen, got. atjan : essen; — beizen : beißen-, — drüdien, an. prykja; — flügge : Flug; — 
ergötzen : vergessen; — heizen, e. heat aus *haitjan : heiß, ebenso Hitze, asächs. hittja; — 
hetzen: Haß; — hüpfen: hoffen; — Lücke: Loch; — netzen, goi. naijan : naß; — Metze : 
messen; — Netz, e. net, got. nati; — Redie, asächs. wrekkjo'FTemde.T' : rächen; — schwitzen : 
Schweiß; — schlüpfen : schliefen; — schöpfen, asächs. skeppian : schaffen; — sitzen, e. to 
Sit, gv. sCoficu {hezomai) ; — wecken: wach; — Weizen, e. wheat, got. Ivaiteis : weiß; — wetzen, 
e. to whet, got. gahjatjan; — Witz, e. wit : wissen. 

2. -zy-Verschärfung. 

Ache, got. ahia, 1. aqua; — Zeche, ags. teoh; — Axt, ahd. acchus, got. aqizi; — quick, 
queck, ags. cwicu; — nackt, got. naqaps; — Nixe, ahd. nicchessa, nihhus. 

3. r-, /-Verschärfung. 

Acker, e. acre, got. akrs; — wacker, ags. wacor; — Kupfer, e. copper; — tapfer, e. dapper 
'flink, gewandt'; — kitzeln, e. kittle; — sticket 'steil', ahd. stecchal. 

4. n-, m-Verschärfung. 

Roggen, ags. ryge, e. rye ; — Brocken, got. gabruka ; — Hopfen, e. hop ; — Atem, ags. ceäm. 

§3L Urgermanischer Konsonantismus. Der urgermanische Konsonantismus 
ist durch eine Reihe von Lautveränderungen, unter denen die germanische 
Lautverschiebung die wichtigste ist, vom Indogermanischen geschieden. 
Die Lautverschiebung besteht in folgenden Vorgängen: 

1. Die Tenues p, t, k (gr. lat./?, t, k) werden zu tonlosen Spiranten /, p, x. 

2. Die Medien b, d, g (gr. lat. b, d, g) werden zu /?, t, k (die der hoch- 
deutschen Lautverschiebung unterliegen). 

3. Die Mediäaspiratä bh, dh, gh (lat. /-, h-, -b-, -d-, -g- [-h-], gr. g?, ^, y) 
werden zu stimmhaften Spiranten b, ä, g, von denen sich b und g in einer 



44 ■ -TTEL. GESC • "' GRLNDSÄTZr DKR F. GIE. 



Reihe von deutschen Dialekten bis heute erhalten haben, während d früh- 
zeitig zu d und ahd. weiter zu t wurde. 

Sie sind oben S. 13 ff. dargestellt worden. 

4. Im Indogermanischen gab es Gutturale mit zc'-Nachschlag, etwa wie 
lat. gu, also kv, g"^, gh'^\ und diese werden germ. verschoben zu hw (got. h 
geschrieben), kw, gw. In der Verbindung gw geht entweder das g oder 
das Tc verloren, so daß Formen mit g und w nebeneinander stehen. 

a) Anlautendes hw wird nhd. h oder w. Beispiele für den Anlaut siehe 
oben S. 40. Im Inlaut schwindet das w. 

1. aqua, got. aha, d. Ache, Aa; — d. leihen, 1. linquo; — d. sehen, got. saihan; — d. er- 
wähnen, zu 1. Vax, gr. Itoz (epos) *Wort'. 

b) Idg.^' wird germ. zu kw, in welcher Verbindung das w z.T. schwindet. 
Lat. erscheint v-, -v-, -g- gr. b, d, g. 

Quaddel, gr. 6odtt)r (dotht^m 'Blutgeschwür'; — Quappe, abg. zaba 'Kröte'; — quedi, 
L vivos, gr. ßioi [bios 'Leben'; — e. queen. gr. -•»•»»; {gyn<k); — kommen, 1. venio, gr. 
ßairio {baino); — Kragen, gt. ßgöy/o.; (bröufüios) 'Luftröhre'; — Kröte, gr. ßadrayo^- (brä- 
takhos) 'Frosch'; — Kitt, \. bitümen 'Erdpech' mit b statt v, weil Lehnwort: — Anke 'Butter', 
1. unguen ; — nadit, goL naqaps, 1. nüdus aus *nogvedos. 

c) Idg. ghiV erscheint teils als g mit Schwund des w, teils als w mit 
Schwund des g. 

d. xrarm. 1. formus. gr. dtofiöc (thermos); — d. eng, got. aggwus, 1. angustus: — 
d. Sdinee, goL snaiivs. 1. ninguit. gr. rrUfn (niphe). 

In einer Reihe von Fällen verbindet sich das aus gw entstandene w 
mit dem vorhergehenden Vokal zu einem Diphthong. 

d. Niere, ahd. nioro, L nefrünes, gr. rttfor^ (nephros) ; — d. Aue aus *agwiö zu got. 
aha Wasser'. 

5. Die indogermanischen Labiovelare sind in einer Reihe unbestreit- 
barer Fälle zu reinen Labialen geworden. 

d. Wolf, 1. lupus, gx.i.iy.og (lykos), ai. vrkah; daneben an. ylgr 'Wölfin'; — d. vier, 
goL fidwOr. ai. catvarah. 1. quattuor; — d. fünf, 1. quinque, gr. hevti (pente) ; — d. Ofen, 
aber got. aühns. ai. ukhd 'Topf: — d. Zweifel zu ahd. zweho 'Zweifel': — d. zwölf. liL 
dvilika. 

6. Die Laute y, /, m, n, r, s, w, sind im Germanischen unverändert ge- 
blieben, abgesehen von gelegentlichem Schwund, Es folgt aber auch hier 
eine Liste der Wörter, die sichere Entsprechungen in den veruandten Sprachen 
haben, 

Jahn, aL jänah 'Bahn'; — Jahr. gr. &oa (horä); — Jammer, gr. ^usgoc {himeros) 
'sanft'; — gären, gr. JTf'w (zeöi; — Jäten, ai.Jdtate 'strebt, bemüht sich'; — Jodi. \.Jugum, 
gr. ^fvor [zygön,; — Judiert, \. jügerum; — Jugend, \. iuventus; — jung, \. juvenis. 

Ladis. üL Ui<i<ä, russ. losös» ; — Lamm, gr. e/jiq:(K (elaphos) 'Hirsch' ; — Land, abg. 
ledina "unbebautes Land'; — lang. 1. longus; — Lappen, gr./.oßög (lobös) 'Ohrläppchen'; — 
laß, l. lassus; — lassen, gr. /.t/deir (Ictden) 'müde sein'; — Laub, gr. }J.^o? (lepos), ).o:i6g 
{topos 'Schale, Hülse'; — Lauge, 1. laväre; — lecken, gr. i.eiyjir iltkhen\ 1. lingere; — 
ledten 'mit den Füßen ausschlagen', gr. /.«Lr, /Aybrjv \läks, lägdc^nr, — Leder, air. lethar; — 
Lefze, Lippe, 1. labium; — legen, abg. loziti; — Lehen, ai. rtknah; — Lehm. Leim. 1. limus; — 
leidit, gr. ixaxv: [elakhys); — leihen, 1. linquo, gr. /ftro» {lipo); — Lein. Linnen. 1. linum, 
gr. JLtror (Unon); — Geleise, l. /Tra 'Furche'; — Leiste 'Einfaßstreifen' vielleicht zu \. litus. 



§ 31. Urgermanischer Konsonantismus. 45 

'Strand'; — Lende, 1. lumbus; — lese, lit. lesii 'picke auf; — Licht, 1. lux, gr. IvyvoQ {lykhnos) 
'Leuchte'; — lieb, 1. labet; — Lied, gr. Ivaaa {lyssä) 'Wut'; — liederlidi, gr. KlEvdeqog {eleii- 
theros), 1. llber; — liegen, 1. lectus, gr. Ai^os {lekhos); — linde, 1. lentiis; — Linde, gr. i'Aar»; 
{elät(p); — link, a\. lauga- 'lahm'; — Lodie, gr. ^i>yo^ (lygos) 'biegsamer, junger Zweig'; — 
lodten, 1. lacio; — Loden, gr. Xümog {läsios) 'rauh, haarig'; — Loh 'Busch, Hain', 1. lücus; — 
Lohn, 1. lucrurn, gr. aMokaveiv {apolaüen) 'genießen'; — los, gr. Ivw {lyö), 1. so-lvo; — Lot, 
air. luuide 'Blei'; — I«c^5, gr. Ivy'^ {lytox); — lügen, abg. lügati; — Lust, 1. lasclvos, gr. 
hlaiofiai {lilaiomai) 'begehre'. 

machen, gr. //«y/s (inagis) 'geknetete Masse'; — Macht, abg. mostl; — mager, 1. macer, 
gr. fxaxQÖg {makrös); — Mahd, gr. äfitjrog {ämwtos); — mähen, 1. meiere, gr. d^a<w (amäö); — 
mahlen, 1. molo; — Mähne, 1. monlle 'Halsband'; — mahnen, 1. monere; — Mahr, poln. 
/norfl; — Mähre, kelt. marka; — Maisdie, abg. mezga 'Baumsaft'; — TWa/, 1. macala; — 
Alfl/z, gr. //£7<5f(i' {melden) 'erweichen'; — manch, ahg. münogil; — Mangel, \. mancus; — 
Mann, ai. mäniih; — yWarÄ 'Grenze', \. margo 'Rand'; — Mark 'meduUa', abg. mozgü, 
ai. majjan-; — Masche, lit. ma^^as 'Knoten'; — Mast, 1. malus (aus *mazdos); — Mast, 
'Fettmachung', ai. medah 'Fett'; — Maus, 1. /«m5, gr. ^D? (mys); — Meer, 1. mar^; — Mehl, 
alb. /n/>?; — mein, 1. mens; — meinen, abg. meniti; — melken, 1. mulgere, gr. df^iüysiv 
{amelgtn); — Meltau, 1. /n^/, gr. /ttUt (meli); — mengen, lit. minkiti 'kneten'; — messen, 
1. meditari, gr. /nideoüai {medesthai); — Ale^, gr. /<f/?y (methy) 'berauschendes Getränk'; — 
Metze, 1. modius; — /n/V/z, gr. e'/fe/e {emege); — michel 'groß', 1. magnus, gr. fisyaXo- (me- 
galo-); — Miete, gr. fiiad 6g (misthös) 'Lohn'; — milde, \. mollis; — minder, \. minus; — 
Minne, 1. memini, gr. ^dfiovu {memona) 'ich gedenke'; — Mist, 1. mingere, gr. <^uxsTv 
{omikhen); — mit, gr. /lerd (metä); — Mitte, \. medius; — Moder, ai. mütram 'Harn'; — 
mögen, gr. ^if/xog {mcekhos) 'Hilfsmittel'; — Mohn, gr. fiyx(ov (mäkön); — Möhre, serb. 
mrkva; — Mond, 1. mensis, gr. /»/v {man); — Moos, 1. muscus; — Mord, gr. ßgoxög {brotös) 
'sterblich'; — Mücke, I. musca, gr. /ivTu {myta); — Mühe, 1. möles, gr. ^iwlog {mdlos); — 
Mund, 1. mentum; — munter, lit. mandrüs 'munter'; — mürbe, gr. fiagaivoj {marainö); — 
Mut, gr. i^ifjvig {mcenis) 'Zorn'; — Mutter, \. mäter, gr. /«/t/;o [mtetöer). 

Nabe, ai. nübhi-; — Nabel, 1. umbilicus, gr. öf^iqmXög {omphalös) ; — Nachen, 1. navis, 
gr. vavg {naäs); — Nacht, 1. nox, gr. i'i;|' {nyx); — nackt, 1. nüdus; — Nadel, gx. vfixgov 
{nMron) 'Spindel' ; — Nagel, 1. unguis, gr. öVvf {6nyx) ; — nähren, zu genesen, gr. rg'o/««« 
'kehre heim'; — Name, 1. nömen, gr. öVo/<a {önoma); — Narbe, lett. nars 'Klammer, Schrauben- 
zwinge'; — Narr, lit. narsas 'Zorn'; — A^ase, 1. näsus, nares; — Natter, 1. natrix; — 
Nebel, 1. nebula, gr. vEcpslri {nephelce) ; — Neffe, 1. nepös, gr. dve^piög {anepsiös) 'Verwandter'; — 
nehmen, gr. j£,m£<v {nemen); — Nessel, ir. nenaid, lit. nendre 'Schilfrohr'; — A^^5/^, 1. nldus; — 
Nestel, 1. «örf«5 (aus *nozdos); — A^^^^", 1. nassa 'Fischreuse, Netz'; — neu, 1. novus, gr. 
rf'oc {neos); — neun, 1. novem, gr. iji'ia {ennea); — Nichte, 1. neptis; — nieder, abg. «/^i* 
'abwärts, unten'; — Niere, 1. nefrönes, gr.vsqygog {nephrös); — niesen, russ. njüdiatl 'riechen, 
schnupfen' ; — genießen, lit. naudä 'Nutzen' ; — Nixe, gr. vL^eiv {nizm) 'waschen' ; — Nord, 
gr. vBQTEQog {nerteros) 'unten'; — Not, apreuß. nautin 'Not'; — nun, 1. nunc, gr. v?»- {nyn); — 
A^u/, 1. nux. 

Rad, 1. ro^fl ; — Rahe, lit. re^/es 'Stangengerüst' ; — rasen, gr. eqcoeTv {eröen) 'fließen, 
strömen'; — räß, 1. rädere 'kratzen'; — Rast, gr. igcoy (eröce) 'Ruhe'; — raten, ahg. raditi 
'sorgen'; — rauben, 1. rumpere; — rauh, 1. rüga; — Raum, 1. rüs; — rausdien, ai. röiaii 'ist 
unwirsch, zürnt' ; — redit, 1. rectus, gr. oQsxTog (orektös) ; — recken, 1. regere, gr. öqeyeiv {oregen) ; — 
/?^rfe, 1. ratio; — regnen, 1. rigüre; — Reihe, ai. /"e^/zä 'Strich, Linie'; — reiten, gall. reda 
'Wagen' ; — reuten, aw. rao{i)(7ja 'reutbar' ; — Riegel, l.arcere 'verschließen', gr. «oxftr {arken) 
'abwehren' ; — Riemen, gr. QVf^ia (ryma) 'Zugseil' ; — Riff, 1. ripa, gr. igUrr] {eripn^) 'Absturz' 
Abgrund'; — rinnen, 1. rivus; — Rippe, abg. rebro; — Roggen, lit. rugial; — Rost, lit. rüsvas 
'rotbraun'; — rot, 1. ruber, gr. sQv&gog {erythros); — Rübe, X.rapa, gx.gdnvg {räpys); — rüdien, 
1. vergere; — Ruder, 1. remus; — Ruhe, gr. eqwt] {eröS); — Rune, air. rün 'Geheimnis'; — Rute 
1. radius; — rütteln, 1. vertere. 



46 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

säen, 1. stvi; — Säge, I. secure; — sagen, 1. in-sece, gr. n-rmf {innepe) aus *ensekwe; — 
5fl/i/if,ai.5(ma 'Oberstes derSomaseihe'; — 5a//e, lit.Ä/^/os 'Strick zum Anbindendes Viehs'; — 
Salbe, gr. f).n<>.: {t'lpos) 'öl', kypr. .•/v«,- (elphos) 'Butter'; — Salweide, 1. salix; — Salz, I. sal, 
gr. (Ji/.c (hiils); — Samen, 1. sitnen; — -5o/w, e. 5fl/r;f, 1. similis, gr. 'v/o,- (/zow()5); — Sa/2</, gr, 
\f'äitni>(K (psämathos); — satt, I. satur, gr. «oroc (rfa/os) 'unersättlich'; — Sattel, abg. sedlo; — 
Sau, I. 5M.?, gr. (■■; (hys); — sauer, gr. |io«V (Ä5yrö5), lit. s/iras 'salzig'; — saufen, ai. süpa^ 
'Brühe, Suppe'; — saugen, \.sügo; — Säule, gr. it/.<>y (ksylon) 'Holz, Balken, Knüttel'; — 5flU5^/i, 
abg. sysati 'pfeifen, zischen'; — secfis,\.sex, gr. t; (heks); — sehr,\.saevus; — Seim, gr. m'uv/.o^ 
{/laimylüs) 'sül3, einschmeichelnd': — sind. 1. sunt; — sein, I. suus; — Senesdiall, I. senex; — 
Sense, I. saana; — Sessel, I. sella, gr. *•/./.« {hello); — sidi, I. s^, gr. t'(he); — sie, gr. fj {hai); — 
sieben, I. Septem, gr. e.-iTä{heptd); — Sieg, gr. >7;s/>' {ekhen): — Sm/z, gr. lo'oc («f)os) aus *5no- 
wos ; — Sippe, ai. sabhn 'Versammlung' ; — Sitte, gr. rOog (ethos) ; — sitzen, 1. sedcre, gr. eCount 
{hezomai); — Sohn, Vit süniis; — 5o///- 'trocken' gr. «ro,- (flr?05); — Sonne, l.sol; — sudien, 
I. 5«^//'<' 'nachspüren, wittern'; — Süd (aus sund), gr.vöxog (nötos) aus ^snotos; — Sühne, 
hsanus 'gesund'; — süß, l.suuvis, gr. »y^i's {h(edijs). 

Anmerkung 1. Inlautend ist 5 nach dem Vernerschen Gesetz zu got. z, d. r geworden, 
s. oben § 18. 

Anmerkung 2. Vor stimmhaften Lauten ist 5 im Indogermanischen zu z geworden. 
Mit den idg. Medien ist dies germanisch zum stimmlosen 5 geworden. 

Ast, gr. iKo; {özos), Grdf. *ozdos; — fisten, l.pcdere aus *pezdere; — Geist, zx.htdah 
'Zorn'; — Gerste, \. hordeum aus *horzdeum; — Mast, \. malus aus '-mazdos; — Mast, ai. 
midas 'Fett'; — A^^5/, I. nidus aus *nizdos; — Nestel, 1. nödus aus *nozdos; — Brüsdi 'Mäuse- 
dorn', Wtbrüzgas 'Gestrüpp'; — Wisdi, 1. virga; — Maisdie, abg. mezga 'Baumsaft'. 

Vor den idg. Mediäaspiratä, germ. Medien entsteht r: Gerte, goi. gazds, \. hasta; — 
Mark, abg. mozgü ; — Miete, got. mizdo, gr. uia&ög (misthös). 

wadien, I. vegere; — Wadis, ahg.voskn; — wadisen, I. auger e,gr.aF^Ftv{aexen); — Wadie, 
lit. vagis 'Zapfen. Pflock'; — wadier, ai. vajra- 'Donnerkeil'; — Wade, I. vatius 'einwärts- 
gebogen, krumm'; — Waffe, gr. o:^/.ov (höplon); — Wage, I. vectis 'Hebel'; — Wagen, l.vehis, 
gr. oy_o;{ökhos) ,Wagen'; — wägen, l.veho, gr.dyjouat {okheomai) 'fahrt ; — Wahn,\.venari; — 
Wahn 'leer', I. vanus; — wahr, l.virus; — wahren, gr. 6oäco [horäö); — Waid, 1. vitrum; — 
Wald, ai. vatah 'eingehegter Platz, Garten'; — walken, ai. välgati 'bewegt sich heftig, springt 
umher'; — Walm, ai. urmlh 'Woge'; — walten, I. valure; — Wanst, 1. venter; — Wasser, gr. 
vbwo {hydör) ; — Wate, lett. wad{u)s .großes Zugnetz' ; — waten, I. vüdere; — Watt, 1. vadum ; — 
weben, gr. vffalvco (hyphainö); — Wedisel, 1. vices; — Wedt, lit. vagis 'Zapfen, Pflock'; — Weg, 
lit. ve'ze 'Wagen, Schlittengeleise', I. via ; — wehen, gr. «//o< {äiesi); — wehren, gr. eovaOai (ery- 
sthai); — weidien, gr. olyrirai (oignynai); — Weide, 'Baum', gr. hia (iten), oiartj {oisyce); — 
Weide,!, vtnari; — weifen 'haspt\n',].vibrdre ; — Weigand 'Kämpler' , X.vinco; — weihen, 
1. victima; — Weise, gr. I6ia (ideä); — welken, lit. vilgiti 'befeuchtend glätten'; — Welle, lit. 
vilnis; — Welt aus wer-alt, l.vir; — werden, I. verto; — Werk, gr.soyov {ergon); — wert, 
1. vorsus ; — gewesen, ai. väsati; — Wespe, I. vespa ; — Westen, gr. k'ontoog {hesperos), I. vesper; — 
Westerhemd, 1. vestis; — Wette, \, vas; — Wetter, lit. vttra 'Sturm'; — Widit, abg. veUl'\y\ng, 
Sache'; — Widder zm \z\..vetus, gr. fVoc {etos) 'Jahr', vgl. vitulus 'Kalb'; — wider, ai. vitaräm 
'weiter' ; — Wiebel, lit. vdbalas 'Käfer' ; — Wiede 'Holz' in Wiedehopf, air. fid; — wild, ai. vfthä 
'nach Belieben'; — Wille, ahg.volja; — Wind, l.ventus; — wir,\ii.vedii 'wir beide'; — wirken, 
nf':<o {rez(i); — wissen, 1. vidcre,gr.oiiSa {oida); — Witwe, \.vidua; — Wolf, 1. lupus, gr. }.vy.o^ 
(lykos); — Wolke, abg. vlaga 'Feuchtigkeit'; — Wolle, X.lCina. gr. '/.rp-o; (Icinos); — wollen, 
1. volo; — Wort, X.verbum; — wünsdien, ai. vdij'chati; — würgen, abg. t/r^s^/ 'binden'; — 
Wurm, 1. vermis; — Würz, I. radix; — wüst, 1. Vcistus; — Wut, I. vätes. 

Von r, /ist w im Neuhochdeutschen geschwunden, s. oben S. 41. Post- 
konsonantisches w ist vielfach geschwunden, ebenso J im Althochdeutschen 



§ 31. Urgermanischer Konsonantismus. 



47 



nach allen Konsonanten mit Ausnahme von r. Hier hat es sich teilweise 

bis ins Neuhochdeutsche als g erhaUen. 

Ferge, ahd. ferio -.fahren; — St. Märgen zu Maria; — Sdierge, ahd. scario zu Schar; — 
Statt eines idg. w erscheint in einer Reihe von Fällen ein k, das wohl 

auf kw zurückgeht. 

quick, Quecksilber: 1. vtvos; — ahd. zeihhur 'Schwager', gr, dai'ig {dawr), ai. dtvd; — 
Nadien-.l.navis; — spudzen, Speidiel : speien; — Spedi -.gx. jiUov {piön), zi. plvan 'itii' ; — 
hacken : hauen. 

Die genauem Bedingungen dieses Lautwandels sind unklar. Es ist 
daran zu erinnern, daß im Ostgermanischen und Nordischen manchem a 
ein g vorgeschlagen wird. 

Die Vertretung dieser Laute in den verwandten Sprachen ist aus nach- 
folgender Tabelle zu ersehen. 



Idg. 


Got. 


Ahd. 


Ags. 


Air. 


Lat. 


Griech. 


Aind. 


Slaw. 


Lit. 


p 


/, t> 


f,b 


P7d 


- 


P 


-T 


P 


P 


P 


t 


P,ä 


d,t 


t 
k 


t 


T 


t 


t 


t 


k 


h,S 


h.g 


h.g 


k 


X. 


k,s 


k: s 


k, s 


kW 


h,f,b. 

w,g 


h, f, b, 

w,g 


h,w,g,f 


k 


qu,k 


71, T, y. 


k. c, 


k, c, c 


k 


bh 


b 


b 


b 


f-, -b- 

f-, -d-, 
-b- 


cp 0-r) 


bh {h, b) 


b 


b 


dh 


a 


t 


a 


d 


9. (r) 


dh {h, d) 


d 


d 


gh 


er 

o 


g 


ff 


g 


h-, g-, 
-h-, -g- 

/-> 

-gu-,v 


x(-) 


h 


g,z 


g,^ 


ghw 


W-,-g-,-W- 


w, -g-, 

-w- 


w,-g-,-w- 


g 


T, ^, '/. 


h 


g, z, dz 


g 


b 


P 


Pf-, -ff- 


p 


b 


ß 


b 


b 


b 


d 


t 


z-, -33-, 5 


t 


d 
g 


d 


Ö 


d 


d 


d 


g 


k 


k-, -ch- 


k 


g 


7 


g,J 


g,z 


g,^ 


gw 


q 


kw, k 


kw, k 


d,g 
r 


v,gu,g 
r 


ß, S, 7 
9 


g,J 


g, z, dz 


g 


r 


r 


r 


r 


r 


r 


r 


l 


l 


l 


l 


l 


l 


l 


r{[) 


l 


l 


n, m 


n,m, vor/z 

ge- 
schwun- 
den 


n, m, vor 

/z ge- 
schwun- 
den 


n, vor Spi- 
ranten ge- 
schwun- 
den 


m, n 


m, n 


/', '■ 


m, n 


m, n, 
vor Kon- 
sonanten 
zur Na- 
salierung 
geworden 


m,n, 
vor Spi- 
ranten zur 
Nasa- 
lierung 
geworden 



Außerdem erlitt der germanische Konsonantismus noch Veränderungen 
durch Assimilation von Konsonanten. Von diesen Veränderungen sind die 
wichtigsten folgende. 



48 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 



7. //-Assimilation. 

a) In wird zu //. 

d. Wolle, got. wulla, liL vilna, lat. Inna; — d. Welle, lit. vilnis; — ± Stellen, ai. sthitnd 
aus *sthlnü 'Pfosten'; — d. Fell, \. pellis; — d. voll, \. pUnus, \\t. pUnas. 

b) Die indogermanischen Verschlußlaute // werden zur Doppeltenuis, 
wenn der Akzent foli,^te, also -kn-', -gn-, -ghn- zu kk, -pn-\ -bn-, -bhn- zu 
pp (jetzt pf\ -tn-', -dn-, -dhn- zu tt (deutsch tz). Durch dieses vielbesprochene 
Gesetz erklärt man manche Ausnahme der Lautverschiebung. 

d. Locke, lit. liignas 'gebogen, krumm'; — d. lecken, gr. /.lyrrifty (likhneüin); — d.weiß, 
a\. ivltnalj; — d. stagniim 'stehendes Gewässer', anord. stakke 'Heuschober'. 

Demgegenüber hat Trautmann, Germanische Lautgesetze, Königsberger 
Diss. 1906 S. 64 ff. auf zahlreiche entgegenstehende Fälle hingewiesen: 

Rogen, lit. ktirkulal 'Froschlaich'; — /4/z«^, ahd. agana 'Spreu', gr. «/»•»/ {äkhnce); — 
Degen, gr. jixvov {t^knon) 'Kinn'. 

Ich glaube indessen nicht, daß das Gesetz dadurch erschüttert wird, 
vor allem, da eine irgendwie einleuchtende Erklärung von Fällen wie 
zodien: ziehen; nicken: neigen und andern nicht gegeben ist. 

c) nw zu nn: 

d. dünn, ahd. diinni, 1. tenuis; — d. Kinn, gr. ;f>rc (genys), 1. dentes genumi 'Backen- 
zähne'; — d. minder, ahd. minniro, 1. minu-o; — d. rinnen zu lat. hvus; — d. Sinn, gr. 
v6(K (nöos) 'Sinn' aus ^snowos mit Schwebeablaut ; — d. beginne, ai. hinvati 'setzt in Bewegung'. 

8. dl zu //, Vgl. SiEVERs, Indogermanische Forschungen 4, 335. Da 1)1 
bleibt und im Deutschen als dl erscheint, so erhalten wir nebeneinander 
Formen mit -d{e)l- und -//- als grammatischen Wechsel. 

wallen neben ahd. wadalun 'umherstreifen', dazu Wadel; — Stall neben Stadel; — 
ags. bin 'Beil' neben Beil, ahd. bihal aus ""bipla; — Knolle, Knollen neben Knödel; — 
Keil neben dial. Keidel; — Pfuhl 'Sumpf neben dial Pudel. 

9. zl, zn, zm, zw, nach dem Vernerschen Gesetz aus sl, sn, sm, sw ent- 
standen, scheinen zu //, nn, mm, ww assimiliert zu sein. 

/Cro//^ 'Haarlocke' : Ärflus. Doch kann dessen s auch auf ^/ zurückgehen; — rfem, got. 
pamma, ai. tdsmud; — b-in, got. im, ai. dsmi 'bin*. 

10. Dental - Dental wird zu ss. Dieses 55 fällt im Nhd. mit dem aus t 
verschobenen ;; zusammen, und man muß daher das Niederdeutsche oder 
Englische heranziehen, um die Laute zu unterscheiden. 

gewiß, got. unwissa 'ungewiß'; — miß. got. missa zu meiden. 

Mit Vereinfachung des 55 nach langem Vokal oder Diphthong: 

Aas. ahd. ns zu essen, e. eat,\. edere; — weise, engl, wise zu wissen, t. towit 'nämlich' ; — 
leise zu linde; — Meise 'Tragreff zum Tragen' zu anord. meita 'abhauen'; — Haus vielleicht 
zu Hütte; — Mus, Gemüse zu nd. Mett in Mettwurst. 

In einer Reihe von Fällen steht für tt scheinbar st 
du weißt, got. waist, gr. oln&a {pisthä) zu X.vidire; — Last: laden; — rüsten: ags. 
hreodan 'schmücken', gr. xogvooto (koryssö) aus *korythj0 'wappne'. 

11. Aus -mn- ist -^/7- geworden. 

Da neben den Formen mit mn solche mit Mittelvokal standen, so finden 
wir Formen mit mn (woraus nhd. mm) und bn nebeneinander. 
Himmel, got. himins, e. heaven. 



§ 32. Störungen der Lautgesetze. 49 



12. mr wurde zu mbr, ml zu mbl, woraus im Anlaut br und bl. 

brackig zu Meer, 1. mare; — braten, gr. ßgänao» iprässö) 'siede, braue' (gr. 6r aus /wr) ; — 
Bregen, gr. ßQF/„n<k {brekhmös) 'Vorderkopf' ; — Brink 'erhöhter Grasplatz, Grasrein' : 1. margo 
,Rand, d. Mark'Qx&nzt ; — brummen, \. fremo, gr. ßatuw (bremo); —blau, gr. jnhiQ (melas) 
'schwarz', Ht. melinas 'blau' ; — Blei, irgendwie mit gT.fwÄißog (molibos) zusammenhängend. 

Inlautend finden wir: 

Ampfer, ai. amläh 'sauer'. 

Anmerkung. Die Richtigkeit dieses Lautgesetzes wird von Per Persson, Beiträge 
zur indogermanischen Wortforschung 27 ff., stark angezweifelt. Es ist dies einer der Fälle, die 
für die Wortforschung typisch sind. Jeder wird zugeben, daß die aufgestellten Etymologien 
nicht die Sicherheit haben wie andere, und man wird ohne weiteres zugeben, daß auch 
andere Erklärungen möglich sind, wie deren Persson zur Genüge bietet. In solchen Fällen 
handeh es sich dann um ein Abwägen, welche Erklärungen die größere Wahrscheinlichkeit 
haben und da bleibe ich bei meiner Ansicht. Man kann außerdem nicht nachweisen, was 
aus idg. mr-, ml- sonst geworden ist. 

13. Zwischen s und r entwickelt sich ein t. 

Strom zu gx.Qew {reo) aus *srewö 'fließe'; — Ostern zu ai. usrdh 'hell', l.auröra; — 
Strick zu ai. sraj 'Gewinde'; — Schwester zu lat. soror (aus -"swesor) ; —finster zu I. tenebrae 
(aus Henesrae), ai. tämisru 'dunkle Nacht'. 

14. In Verbindung von mehreren Konsonanten fällt einer zuweilen aus. 
Hier ist ein Feld, wo sich die Forschung noch immer betätigen und immer 
neue Etymologien aufstellen kann. 

Ganz sicher schwindet h vor 5 -|- Konsonant. Mist, got. maihstus, zu 1. mingere; — Laster 
zu ahd. lahan 'tadeln'. 

15. Doppelkonsonanten werden nach langem Vokal vereinfacht, z. B. got. 
slepan, ahd. slaffan, dann släfan. 

§ 32. Störungen der Lautgesetze. In dem vorhergehenden Abschnitt sind 
zahlreiche Beispiele gegeben, in denen die Laute des Germanischen den 
Lauten der verwandten Sprachen regelmäßig entsprechen. Der Stoff ist ge- 
häuft, um jedem zu zeigen, wie groß oft das Material ist, auf das wir uns 
stützen. Will man die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Etymologie be- 
urteilen, so muß man unbedingt die Lautgesetze kennen, und man muß 
sehen, ob eine Etymologie allen Lautgesetzen entspricht. Eine Gleichung 
1. pater, gr. mxTi'io (patcer), d. Vater war erst in dem Augenblick völlig begründet, 
als man gesehen hatte, daß jeder einzelne Laut in diesem Wort jedem der 
verwandten Sprachen genau entspricht, also v = \.p, a = \. a, t = got, d 
= \. t nach dem Vernerschen Gesetz, r = r. In diesem und zahlreichen 
andern Fällen ist der Nachweis völlig gelungen. In andern Fällen war die 
völlige Übereinstimmung nicht so leicht nachzuweisen, und die Arbeit der 
Forschung besteht darin, hier immer größere Klarheit und Sicherheit zu 
schaffen, wozu natürlich auch immer neue Verbindungen von Worten kommen. 

Wir haben oben gesehen, daß die Lautgesetze durch andere Lautgesetze 
beschränkt werden, und daß man durch Aufhellung solcher Beschränkungen 
zahlreiche Fälle erklärt hat. 

Aber die Störungen der Lautgesetze sind nicht allein durch besondere 
Gesetze bewirkt, sondern auch durch eine Reihe andrer Umstände, namentlich 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 4 



50 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

durch die sogenannten Analogiebildungen, die Volksetymologie und 
die Entlehnungen. 

§ 33. Störungen der Lautgesetze durch Analogiebildungen. Die Analogie- 
bildungen kötnien wir hier ganz kurz behandeln, obgleich sie in der 
eigentlichen Grammatik eine große Rolle spielen. 

Das Kind, das zu sprechen beginnt, lernt zunächst einige Worte, die 
ganz allein stehen. Vermehrt sich sein Wortschatz, so werden im Gehirn 
verschiedene Worte miteinander verbunden, und es werden nunmehr un- 
willkürlich neue Formen gebildet. So bekommt das Kind z. B. das Gefühl für 
die Bildung des Partizipiums mit ge und t, und es kann nun auch Formen 
hervorbringen, die es vielleicht nie gehört hat. Daß es dabei manchmal 
Fehler macht, daß es ,ge/iaut sagt statt ,geliauen\ ist allbekannt. Vielfach 
liegen die Analogiebildungen so nahe, daß sie von mehreren Menschen 
gleichzeitig vollzogen werden, und dann hat eine solche Analogiebildung 
Aussicht, allgemein üblich zu werden. Durch die Analogiebildungen werden 
besonders die „Unregelmäßigkeiten" der Sprache beseitigt. Wenn es mhd. 
noch geniiten heißt zu miden mit regelrechtem grammatischem Wechsel, 
heute aber gemieden, so ist nicht etwa ein Wandel von t zu d eingetreten, 
sondern gemieden ist eine solche Analogiebildung. Derartige Fälle lassen 
sich zu Hunderten anführen, und es sind daher die Worte am besten zur 
Feststellung der Lautgesetze geeignet, die am wenigsten mit andern Worten 
assoziiert werden. Naturgemäß müssen die Analogiebildungen eine Zeitlang 
neben den alten Bildungen stehen, und es kann dann der Fall eintreten, 
daß die alte Bildung mit besondrer Bedeutung fortlebt. So hieß es gedeihen, 
Part, gediegen, wie ziehen, Part, gezogen. Gediegen hat sich aber nur als 
Adjektivum erhalten, während das Partizip gediehen neu gebildet ist. Ein 
solch alleinstehendes Wort ist dann ausgezeichnet geeignet, die lautgesetz- 
liche Behandlung erkennen zu lassen. 

§34. Störungen durch Volksetymologie. Die sogenannte Volksetymologie, 
•auf die ich ausführlicher im fünfzehnten Kapitel zu sprechen komme, be- 
steht darin, daß alleinstehende und darum unverständliche Wörter an andere 
ähnlich klingende angeglichen werden. Dabei werden natürlich auch die 
Laute nicht selten in eigenartiger Weise verändert, ohne daß man dabei 
von Lautgesetzen sprechen kann. 

§ 35. Störungen durch Entlehnung. Vielfach sind die Lautgesetze auch 
durch Entlehnungen gestört. Lehnwörter gibt es in jeder Sprache, und es 
bildet ein wichtiges Kapitel sie festzustellen. Bei vielen Worten liegt es auf 
der Hand, daß sie entlehnt sind. Aber bei andern tappte man im Dunkeln. 
Erst die wissenschaftliche Lautlehre hat hier Klarheit geschaffen und es 
uns in vielen Fällen ermöglicht, Lehnwörter scharf von dem ererbten Sprach- 
gut zu scheiden. Seit wir aber diese beiden Bestandteile der Sprache von- 
einander sondern können, hat man auch oft Störungen der Lautgesetze durch 
Annahme von Entlehnung beseitigt. Wir wollen das an einigen Beispielen 



§ 33—35. Störungen der Lautgesetze. 51 

zeigen. Wir liaben oben § 15 die germanische Lautverschiebung besprochen 
und gesehen, daß einem lat. gr. p im Deutschen ein / antwortet. Die Bei- 
spiele waren ziemlich zahlreich, aber man kann auch sehr viele anführen, 
in denen einem lat. gr. p ein pf entspricht. 

Pfaffe = gr. .-ra.Ttts 'geringer Geistlicher'; — Pfahl ~ l.palus; — Pfalz = X.paiitium; 
— Pfanne vielleicht = X.patina 'Schüssel'; — Pfau — l.pdvo; — Pfeffer = \.piper\ — Pfeife 
= 1. ptpa 'Röhre' ; — Pfeil = X.ptliun ; — Pfeiler = ml. pilarius ; — Pfingsten = gr. 7ievri]y.oozri 
{pent(ckost('e) ,der fünfzigste'; — Pfirsidi = \. persiciim 'persischer' (nämlich 'Apfel'); — 
Pf ister 'Bäcker' = l.pistor; — Pflanze = Lplanta ; — Pflaster ^ gr. lat. emplastrum ; — Pflaume 
= gr. jiQoviiivov {prümnon); — Pforte = l.porta; — Pfosten — l.postis; — Pfründe = ml. 
provenda; — Pfühl = Lpulvlnus; — Pfund = l.pondus; — Pfütze = Lputeus. 

Obgleich also das Verhältnis lat, p ^ d. pf in zahlreichen Worten auf- 
tritt, so sind doch alle diese Worte zweifellos aus dem Lateinischen oder 
Griechischen entlehnt. Das läßt sich schon daran erkennen, daß es sich 
nur um einzelne Worte ohne wesentliche Ableitungen handelt. Außerdem 
stimmt der Lautübergang von p zu f zu dem Gesetz der Verschiebung bei 
den beiden anderen Verschlußlauten, da k zu c/i, und t zu p verschoben 
wird, und drittens muß es auffallen, daß es sich hier immer nur um lateinisch- 
deutsche, höchstens griechisch-deutsche Entsprechungen handelt. 

Wir sind also der Annahme, daß etwa idg. p im Deutschen auch zu 
/?/ geworden wäre, enthoben. 

Und dieser Gesichtspunkt der Entlehnung hilft uns weiter in vielen 
andern Fällen. Selbst für die Worte innerhalb des Deutschen kommt er in 
Betracht. Wenn wir heute sagen der Rücken, aber der Rucksack, so stimmt 
das scheinbar nicht zusammen. Tatsächlich ist der Umlaut des ii vor ck in 
einzelnen Dialekten, vor allem im Oberdeutschen unterblieben. Worte also, 
die ein u statt eines zu erwartenden ü zeigen, werden meist aus dem Ober- 
deutschen stammen. Wir haben jetzt nebeneinander drucken und drücken. 
Es ist dasselbe Wort. Das erste ist oberdeutsch, und dieses oberdeutsche 
Wort kam als eine Bezeichnung des Buchdruckens in die allgemeine Schrift- 
sprache. In § 170 ist dieser Gesichtspunkt ausführlich und mit reichem Bei- 
spielmaterial erörtert. 

Da im Deutschen sich der Konsanantenstand mehr wie in andern Sprachen 
verändert hat, so sind wir in der glücklichen Lage, die Entlehnungen besser 
als in andern Sprachen und oft auch zeitlich sehr genau festzustellen. Daraus 
lassen sich dann wieder kulturhistorische Schlüsse und andere Folgerungen 
bedeutsamer Art ableiten. 

Ich hoffe, man wird erkennen, daß die genaue Erforschung der Laut- 
lehre der Grund- und Eckstein aller etymologischen Forschung gewesen ist, 
ist und bleiben wird, und man wird es auch verstehen, wenn in dem 
Betrieb unsrer Wissenschaft die Lautlehre eine so gewichtige Rolle spielt. 
Ohne die sichere Grundlage der Lautlehre, die wir heute haben, würde die 
Etymologie immer ein bloßes Raten geblieben sein, sie würde sich niemals 
zu fester Begründung haben erheben können. Dies wird man am besten 

4* 



52 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Etymologie. 

erkennen, wenn man einmal ein etymologisches Werk aus dem 18. Jahr- 
hundert oder selbst aus dem Anfant^ des 19. Jahrhunderts vornimmt. Man 
wird hier immer nur ein Raten finden und neben dem Richtigen unendlich 
viel Falsches antreffen. 

§ 36. Darstellungen der Lautlehre. Ich verzeichne daher hier die gram- 
matischen Darstellungen, in denen die Lautlehre behandelt ist. 

K. Brugmann, Grundriß der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen, 
Bd. 1 * Lautlehre, 1897. — Derselbe, Kurze vergleichende Grammatik der indogermanischen 
Sprachen. 1902. — A. Norekn, Abriß der urgermanischen Lautlehre, 1894 (reiches Material). — 
F. Kluge, Vorgeschichte der germanischen Dialekte, in Pauls Grundriß der germanischen 
Philologie, 3. Aufl., 1913. — W. Streitberg, Urgermanische Grammatik, 1896. — R.Löwe, 
Germanische Sprachwissenschaff, in der Sammlung Göschen, 2. Aufl. — A. Holtzmann, 
Altdeutsche Grammatik, 1870. — F. Dieter, Laut- und I-ormenlehre der altgermanischen Dia- 
lekte. Erster Halbband: Lautlehre des Urgermanischen, Gotischen, Altnordischen, Alteng- 
lischen, Altsächsischen und Althochdeutschen, 1898. — Wilmanns, Deutsche Grammatik. 
Erster Band: Lautlehre, 2. Aufl., 1897. — O. Behaghel, Geschichte der deutschen Sprache, 
in Pauls Grundriß, 4. Aufl. 1915. 

§ 37. Etymologische Wörterbücher des Deutschen. Unter den deutschen 
Wörterbüchern erwähne ich an dieser Stelle zunächst die, die sich im wesent- 
lichen mit der Etymologie beschäftigen. 

Das erste brauchbare etymologische Wörterbuch war Weigands Deutsches 
Wörterbuch. Es ist 1909 1910 in fünfter Auflage erschienen, bearbeitet von 
K. V. Bahder, H. Hirt und Dr. Kant, herausgegeben von H.Hirt. Das Buch 
war seinerzeit eine ausgezeichnete Leistung, und so habe ich gern dazu 
beigetragen, durch eine neue Bearbeitung das Werk wieder zugänglich zu 
machen. Das Material in diesem Buche ist zum größten Teil aus dem Wei- 
gands entnommen, und ich muß zur nähern Begründung der aufgestellten 
Etymologien auf dieses Werk verweisen. 

O. SCHADES Altdeutsches Wörterbuch, 2. Aufl., 1872—1882, verzeichnet 
den Wortschatz der altern Zeit mit Heranziehung der Etymologie. Am An- 
fang ist es infolge widriger Umstände etwas dürftig, in den spätem Teilen 
aber gibt es reichhaltige Literaturangaben, so daß es für den Forscher un- 
entbehrlich ist. Es ist jetzt ein neuer Abdruck erschienen. 

Der größten Verbreitung erfreut sich F. Kluges Etymologisches Wörter- 
buch der deutschen Sprache, zuerst 1884; jetzt liegt die 8. Auflage vor. Das 
Werk war seinerzeit eine praktische Verarbeitung der bei Weigand und 
Schade niedergelegten Ergebnisse, wobei der Verfasser in der neuern sprach- 
wissenschaftlichen Entwicklung stehend das Falsche leicht beseitigen konnte. 
Heute steht es trotz mancher Vorzüge nicht mehr ganz auf der Höhe. Es 
fehlen vor allem viele anerkannte Etymologieen, und manche Irrtümer 
schleppen sich von Auflage zu Auflage fort. In den neuern Auflagen hat 
der Verfasser auch viele neu aufgekommene Wörter aufgenommen. Aber 
die Angaben über ihr erstes Auftreten sind oft genug unzureichend. Zudem 
ist die Auswahl der aufgenommenen Wörter ganz willkürlich, und es ist so 
eine Zwiespältigkeit in das Werk gekommen. Daß die wissenschaftliche 



§ 37—39. Etymologische Wörterbücher. 53 

Literatur nicht angeführt ist, und daß wir überhaupt kein Werk besitzen, 
in dem diese verzeichnet ist, wird sich jedem, der auf diesem Gebiet arbeitet, 
als fühlbarer Mangel erweisen. Nur einen gewissen Erzatz bieten die An- 
gaben im Weigand und in der deutschen Bearbeitung von Talk-Torp, s.§ 38, 2. 

Die sonstigen Werke können schon wegen ihres geringen Umfangs 
auf höhere Bedeutung keinen Anspruch machen. Zu nennen sind noch: 
Tetzner, Deutsches Wörterbuch; Reclam; ganz brauchbar. — R. Loewe, 
Deutsches Wörterbuch; in der Sammlung Göschen, 1910. Selbständig und 
ganz brauchbar. — P. J. Fuchs, Deutsches Wörterbuch auf etymologischer 
Grundlage mit Berücksichtigung wichtigerer Mundart- und Fremdwörter 
sowie vieler Eigennamen, Stuttgart 1897. Nach Behaghel, Literaturblatt für 
germ. und rom. Phil. 1898, 56 f., ist der Verfasser kein eigentlicher Fach- 
mann, gibt aber eine besonnene Auswahl des von andern Gefundenen, und 
das Werk sei daher im allgemeinen zu empfehlen. Vor andern Werken ist 
geradezu zu warnen. 

§ 38. Etymologische Wörterbücher der übrigen germanischen Sprachen. Mit 
Vorteil wird man auch oft bei etymologischen Studien die Werke heran- 
ziehen, die die übrigen germanischen Sprachen behandeln. Ich gebe hier 
eine Liste des Wichtigsten. _i 

1. Gotisch: S. Feist, Grundriß der gotischen Etymologie, 1888. Heute völlig überholt 
durch C. C. Uhlenbeck, Kurzgefaßtes etymologisches Wörterbuch der gotischen Sprache, 
2. Aufl., Amsterdam 1900. S. Ffist, Etymologisches Wörterbuch der gotischen Sprache mit 
Einschluß des sogenannten Krimgotischen. Halle 1909 f. Es ist ein größeres Werk, das aber 
leider den Anforderungen, die man an ein so umfangreiches Werk stellen muß, nicht 
entspricht. 

2. Skandinavisch: Hjalmar Falk und Alf Torp, Etymologisk Ordbok over det norske 
og det danske Sprog, Kristiania 1903. Gut; auch in deutscher Bearbeitung erschienen, Heidel- 
berg 1907, mit reichhahigen Literaturangaben im Anhang. Daher auch für die deutsche Ety- 
mologie von Wichtigkeit. — E. Jessen, Etymologisches Wörterbuch der dänischen Sprache, 
1892. — Tamm, Etymologisk Svensk ordbog, Stockholm; unvollendet. 

3. Niederländisch : Frank, Etymologisch woordenboek der nederlandsche taal, s'Graven- 
hage 1892. Nach Kluge gearbeitet, aber mit vielen selbständigen Artikeln und Ergänzungen. 
Eine neue wesentlich verbesserte Auflage besorgte N. van Wijk. 1910. 

4. Englisch : Kluge-Lutz, Engiish Etymology, 1898. — W. W. Skeat, An etymological 
dictionary of the Engiish language, arranged on an historical basis, 3. Ausg., Oxford 1898. 
Skeat, Concise Etymological Dictionary of the Engiish language. 

5. Gesamtgermanisch: Falk und Torp, Wortschatz der germanischen Spracheinheit, 
Göttingen 1909; auch unter dem Titel: FiCK, Vergleichendes Wörterbuch der indogerma- 
nischen Sprachen, 4. Aufl., Bd. 3. 

§ 39. Etymologische Wörterbücher der indogermanischen Sprachen. Auch 

diese wird man nicht selten benützen müssen. 

1. Altindisch: C. C. Uhlenbeck, Kurzgefaßtes etymologisches Wörterbuch der alt- 
indischen Sprache, Amsterdam 1898. 

2. Iranisch: Chr. Bartholomae, Altiranisches Wörterbuch, 1904. Ein unentbehrliches 
Werk für den, der das Iranische heranziehen will. 

3. Neupersisch: H. Hörn, Grundriß der neupersischen Etymologie, 1893. Als Ergänzung 
dazu H. Hübschmann, Persische Studien, 1895. 



54 Erstes Kapitel. Geschichte und Grundsätze der Ety-mologie. 



4. Ossetisch: H.l Ii'HSCiiMANN, Ktymolojjic und Lautlclirc der ossetischen Sprache, 1887. 

5. Armenisch: H. Hühschmann, Armenische Studien I. ürundzüye der armenischen 
Etymologie, 1883. — Derselbe, Armenische Grammatik, I. Armenische Etymologie, 1897. 

6. Albanesisch : ü. Mkylr, Etymologisches Wörterbuch der albanesischen Sprache, 1891. 

7. Slawisch: A\iklosisch, Etymologisches Wörterbuch der slavischen Sprachen, 1886; 
vergriffen und zum Teil veraltet. Es wird ersetzt durcii ein im Erscheinen begriffenes Werk 
von E. Bernkker, Slavisches etymologisches Wörtcrl)uch, in der Indogermanischen Biblio- 
thek, herausgegeben von Hirt und Streitberg, Heidelberg 1908. 

8. Litauisch fohh. Im Litauischen sind sehr viel Fremdwörter aus dem Slawischen. 
Sie sind von A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauisclien, Weimar 1887, 
untersucht. Einen kleinen Ersatz für diesen Teil des idg. Sprachgebietes bietet E. Berneker, 
Die preußische Sprache, Straßburg 1896 und R. Traut.mann, Die altpreußischen Sprachdenk- 
mäler, Göttingen 1910, in der die allpreußischen Wörter etymologisch behandelt sind. 

9. Keltisch: W. Stokes, Urkeltischer Sprachschatz. Vergleichendes Wörterbuch der 
indogermanischen Sprachen von August Fick. 4. Aufl., 2. Teil, Göttingen 1894. 

10. Lateinisch: die altern Wörterbücher sind überholt durch A. Walde, Etymologisches 
Wörterbuch der lateinischen Sprache, Heidelberg 1905. 2. verb. Aufl. 1910. Ein sehr zuverläs- 
siges Werk mit reichen, nahezu vollständigen Literaturangaben. Da das Lateinische sehr 
viele Worte mit dem Germanischen gemein hat, so ist dies Werk auch für das Deutsche 
sehr nützlich. Ein vollständiger neuhochdeutscher Index ermöglicht das leichte Auffinden 
der deutschen Wörter. 

11. Romanisch: da wir sehr viele Fremdwörter aus dem Romanischen entlehnt haben, 
so wird die Benutzung der romanischen Sprachen oft zur Notwendigkeit. Als etymologische 
Werke sind zu nennen: G. Körting, Lateinisch-romanisches Wörterbuch (Etymologisches 
Wörterbuch der romanischen Hauptsprachen), 3. Aufl., 1907, mit reichen Literaturangaben. — 
Körting, Etymologisches Wörterbuch der französischen Spraclie, Paderborn 1908. — Hatz- 
feld-Darmesteter-Thomas, Dictionnaire gcneral de la langue fran9aise, Paris, o. J. ; sehr gut. — 
Meyer-Lübke, Romanisches etymologisches Wörterbuch. Heidelberg 1900. Im Erscheinen. 
Ersetzt Körting. 

12. Griechisch: G. Curtius, Grundzüge der griechischen Etymologie, 5. Aufl., 1879. 
Ein seinerzeit vortreffliches Werk, das naturgemäß heute mit Vorsicht benutzt werden muß. 
Wegen der reichhaltigen Litcraturangaben aber noch unentbehrlich. — W. Prellwitz, Ety- 
mologisches Wörterbuch der griechischen Sprache, 2. Aufl., 1905. — L. Meyer, Handbuch der 
griechischen Etymologie, 4 Bände, 1901. Wenn dies Werk vor dreißig Jahren erschienen 
wäre, würde es seinerzeit sehr verdienstlich gewesen sein. So stellt es nur den Stand der 
Dinge zu dieser Zeit dar. — E. Bois.^CQ, Dictionnaire etymologique de la langue Grecque, 
1907; im Erscheinen, aber nahezu vollendet. 

13. Indogermanisch: Aug. Fick hat den Versuch gemacht, ein .Vergleichendes Wörter- 
buch der indogermanischen Sprachen" zu schreiben. Von der 4. Auflage, bearbeitet von 
A. Bezzenberger, Aug. Fick, Whitley Stokes, Falk und Torp sind Teil 1, 2 und 3 er- 
schienen, 1890 ff. Der erste Teil behandelt den Wortschatz der Grundsprache, der arischen 
und westeuropäischen Spracheinheit und stammt von A. Fick. Doch ist dieser Teil mit 
Vorsicht zu benutzen. Teil 2 siehe unter 9, Teil 3 siehe § 38, 5. Das Werk ist damit ab- 
geschlossen. 

§ 40. Etymologische Zusammenhänge innerhalb des Deutschen. Die Aufgabe, 
die wahre Herkunft der Wörter zu enthüllen, wird indessen nicht dadurch 
gelöst, daß man ein Wort in irgendeiner andern Sprache nachweist, viel 
wichtiger ist schließlich der große Zusammenhang, in dem die Wörter inner- 
halb unsrer eigenen Sprache stehen, wie R. Hildebr.a.nd in der Vorrede zum 
fünften Band des Grimmschen Wörterbuches S. X so treffend bemerkt hat. 



§ 40. Etymologische Zusammenhänge innerhalb des Deutschen. 55 



Allerdings mußte man sich diesen Zusammenhang meistens erst mühsam 
zusammensuchen, und es ist daher von Bedeutung, daß wir dieser Mühe 
heute in etwas überhoben sind. Wir verdanken das Bruno Liebich mit 
seinem Werke 'Die Wortfamilien der lebenden hochdeutschen Sprache als 
Grundlage für ein System der Bedeutungslehre', nach Heynes deutschem 
Wörterbuch bearbeitet, Breslau 1899, 2. Aufl. 1905. — Wenn man das Werk 
aufschlägt, so sieht es sehr sonderbar aus, da nur einfach eine Anzahl von 
Worten zusammengestellt sind. Aber es sind eben solche, die etymologisch 
zusammenhängen. Man findet hier die Ableitungen und die Zusammen- 
setzungen beieinander und außerdem die Worte, die, lautlich oft einander 
ganz unähnlich, doch zusammengehören. Es ist demnach hier ein Teil 
dessen erfüllt, was Hildebrand gefordert hat. Das Werk ist von der wissen- 
schaftlichen Kritik mit Unrecht zum Teil ungünstig aufgenommen worden, 
hat aber in Lehrerkreisen mit Recht Beifall gefunden, wie die zweite Auf- 
lage beweist. Vgl. auch J. Schneider, Wortfamilien der deutschen Sprache, 
Paderborn 1900 und G. Stucke, Deutsche Wortsippen. Ein Blick in den Ver- 
wandtschaftszusammenhang des deutschen Wortschatzes, Ansbach 0. J. [1912]. 

Ich gebe wenigstens ein paar Beispiele aus dieser Art der Betrachtung. Man sieht 
z. B. bei Liebich mit einem Blick, wie sich die alte indogermanische Wurzel '^'bher, ai. bharati 
,er trägt', l.fero, gr. (pego} (Jero) usw. im Germanischen verzweigt hat. Wir finden also Eimer 
mit den Zusammensetzungen Aschen-, Blech-, Brunnen-, Feuer-, Holz-, Kühl-, Kupfer-, Löth-, 
Melk-, Milch-, Pumpen-, Scliöpf-, Wassereimer. Hieran lassen sich z. B. die verschiedenen 
Bedeutungen der Zusammensetzungen leicht entwickeln. Zuber; Radeber, Radeberge, Rad- 
wer; Bärme: Bahre, Mist-, Toten-, Tragbahre; bahren, aufbahren; bärtig, eben-, edel-, 
halb-, ritterbärtig, Ebenbürtigkeit; Bürde, Leibesbärde; bürden, entbürden, überbürden. 
Überbürdung, aufbürden; gebären, Geburt, Wieder-, Erst-, Früh-, Fehl-, Spottgeburt, ge- 
bürtig; edel-, hodiedel-, erst-, fremd-, hoch-, neu-, wohl-, hochwohlgeboren; ein-, erd-, staub-, 
angeboren; mißgebären, Mißgeburt; nachgebären, Nadigeburt, nadigeboren; urbar; gebaren, 
Gebarung; gebären, Gebärde, Geberde, ungebärdig, gebärden. 

Eine andere weitverbreitete Sippe ist essen. Ich führe hier nur die einfachen Worte 
an: essen, essend, das Essen, Esser, eßbar; Obst; Aaß; Zahn, zahnig, zähnig, zahnen, 
Zähnen, Zander; Zinne; fressen, Fresser, Fraß, gefräßig; Aas, aasig, aasen, äsen, atzen, 
ätzen usw. 

Die verbreitetste germanische Wurzel ist wohl stehen, ai. tiHhämi ,ich stehe', gr. ör?;- 
{stte) lat. stäre. Liebich verzeichnet 460 Worte, die dazu gthöTtn: stehen, stehend, -steher, ent- 
stehen, gestehen, verstehen, Stehauf, First, stät, stet, Staden, Gestade, Statt, Stätte, Stadt, 
gestatten, Stand, Stendel, Ständchen, ständig, ständiscch. Stunde, stunden, Star, starr, stier, 
störrig, Stute, Stuhl usw. Wahrscheinlich ist die Sippe noch viel umfangreicher, da noch 
eine ganze Reihe anderer Wortsippen dazu gestellt werden müssen. 

Natürlich muß man bei vielen Wörtern, um den Zusammenhang zu 
verstehen, die etymologischen Wörterbücher nachschlagen, aber es ist uns 
gerade durch Liebichs Wortfamilien die leichte Möglichkeit gegeben, dies 
zu tun, und daher ist das Werk für praktische Zwecke sehr nützlich. Wer 
sich irgendeine größere Sippe hernimmt und den einzelnen Gliedern sorg- 
fältig nachgeht, wird durch die neue Erkenntnis und das tiefere Eindringen 
in den Bau der Sprache reiche Anregung erhalten, die auf seine Tätigkeit 
zurückwirken wird. 



56 Zweites Kapitel. Die Sammlung des V 



§ 41. Bedeutungslehre. Schließlich ist dann bei der Aufsuchuns:^ von 
EtymoloiTien die Bedeutunj^ zu beachten. Es gibt auch bei der Bedeutung 
Veränderungen, die zu Ergebnissen führen, welche scheinbar kaum zu vereinen 
sind. Hat man aber die Mittelstufen zur Verfügung, so erscheint das, was 
so weit voneinander steht, durch eine Reihe deutlich erkennbarer Übergänge 
verbunden. Wir behandeln die Bedeutungslehre im letzten Teil. Jedenfalls 
ist von einer guten etymologischen Erklärung zu fordern, daß sie auch die 
Bedeutungsverschiedenheiten zufriedenstellend aufhellt. 

Alles in allem hat die etymologische Forschung im 19. Jahrhundert zu 
außerordentlich wertvollen, vollständig fest begründeten Ergebnissen geführt. 
Wenn man die Fülle des Geleisteten übersieht, wenn man es vergleicht mit 
dem, was noch vor hundert Jahren geäußert wurde, so wird man mit der 
frohen Hoffnung erfüllt, daß auch die Folgezeit noch manchen dunkeln 
Punkt aufklären wird und daß wir immer tiefer in den Wunderbau der 
Sprache und in das Leben der Wörter eindringen werden. 



Zweites Kapitel. 
Die Sammlung des Wortschatzes. 

§ 42. Allgemeines. Wollen wir wissen, woher ein Wort stammt, so 
müssen wir es zunächst geschichtlich soweit verfolgen, als dies möglich ist. 
Dazu dienen die Wörterbücher, die den in frühern Zeiten gebrauchten 
Wortschatz verzeichnen. Es gibt hier drei Arten, solche, die den Wortschatz 
der altern Zeit aus den überlieferten Literaturdenkmälern sammeln und ver- 
arbeiten, andere, die sich die Aufgabe gestellt haben, den Wortschatz ihrer 
Zeit teilweise oder vollständig zu verzeichnen, und drittens Werke, die beides 
vereinigen. Werke der zweiten Art, die wir seit dem 16. Jahrhundert be- 
sitzen, werden, sobald sie erschienen sind, geschichtliche Urkunden, die den 
großen Wert haben, uns über den Wortschatz ihrer Zeit zu unterrichten. 
Je vollständiger derartige Werke sind, um so größere Bedeutung haben sie 
als geschichtliche Zeugnisse. So ist das Wörterbuch von J. H. Campe aus 
dem Anfange des 19. Jahrhunderts heute deshalb so beachtenswert, weil es 
bestrebt ist, den W^ortschatz möglichst vollständig aufzuzeichnen. Für die 
Frage, welche Worte im 19. Jahrhundert neugebildet sind, ist also dieses 
Werk geradezu unentbehrlich, wenn es auch sonst in der Geschichte der 
wissenschaftlichen Lexikographie nicht gerade hochsteht. 

Wer sich mit Wortforschung befaßt, muß natürlich alle Werke dieser 
verschiedenen Arten kennen, und so folgt hier eine Übersicht, die uns zu- 
gleich einen Einblick in die Geschichte der Wortforschung bietet. 

§ 43. Der Wortschatz bis zur Reformation. Da die Kirchensprache in West- 
europa anfänglich Lateinisch war, so mußten die deutschen Geistlichen 



§ 43. Der Wortschatz bis zur Reformation. 57 

Lateinisch lernen, sie mußten die Bibel und andere kirchliche Texte über- 
setzen können. Um dies zu erreichen, legte man lateinisch-deutsche Voka- 
bularien oder Glossensammlungen an. Man begann im 8. Jahrhundert mit 
dieser Arbeit und setzte sie durch die Jahrhunderte hindurch fort. Einige 
dieser Glossen sind alphabetisch, andere sachlich geordnet nach gewissen 
Gesichtspunkten der Bedeutung, wieder andere folgen den Wörtern eines 
Textes. Das reiche Material in diesen Glossen, die von E. Steinmeyer 
und E. Sievers unter dem Titel ,Die althochdeutschen Glossen', Bd. 1 — 4, 
Berlin 1879 ff., herausgegeben sind, kann noch nicht völlig ausgenützt werden, 
weil eine lexikalische Verarbeitung, ja selbst ein Index, fehlt. 

Außerdem besitzen wir aus der althochdeutschen Zeit zahlreiche Literatur- 
denkmäler, deren Wortschatz mitsamt dem der damals bekannten Glossen 
von E. G. Graff in seinem Althochdeutschen Sprachschatz oder Wörterbuch 
der althochdeutschen Sprache, Berlin 1834 — 1842, nebst Index dazu von 
Massmann, ebenda 1846, verarbeitet ist. Dieses für seine Zeit außerordentlich 
bedeutende Werk ist noch heute unentbehrlich, da es durch nichts anderes 
ersetzt worden ist. Es sind aber seit Graffs Zeit viele neue Texte gefunden 
worden, deren Wortschatz natürlich in diesem Werke nicht verzeichnet ist, 
so daß man aus dem Fehlen eines Wortes bei Graff nicht immer sicher auf 
das Fehlen des Wortes überhaupt schließen kann. Manche vereinzelt da- 
stehende sonderbare Form beruht auch auf falscher Lesung, und es ist da- 
her immer nötig, in solchem Fall die Formen an der maßgebenden Stelle, 
den neuen Ausgaben, nachzuschlagen. 

Außerdem gibt es eine Reihe von SpezialWörterbüchern zu einzelnen Schriftstellern, 
nämlich: K. Weinhold, Glossar zu Isidor in seiner Ausgabe, Paderborn 1874, ersetzt durch 
das Glossar in der Ausgabe von Hexch, Der althochdeutsche Isidor, Straßburg 1893. Der- 
selbe gab auch die Monsee-Fragmente mit einem Glossar heraus. Straßburg 1891. — E. 
Sievers, Glossar zu Tatian in seiner Ausgabe, 2. Auflage, 1892. — J. Kelle, Glossar zu 
Otfrids Evangelienbuch; der Ausgabe des Evangelienbuches dritter Band, Regensburg 
1879—1881. — R. Heixzel. Wortschatz und Sprachformen der Wiener Notkerhandschrift; 
I. Wortschatz. Sitz.Ber. der Wiener Akad. 80. 1875, S. 679—744. 

Auf altniederdeutschem Gebiet haben wir auch eine Reihe von 
Glossaren, außerdem das umfängliche Literaturdenkmal des Heilands. Ein 
volLständiges Wörterbuch dazu bietet Schmeller, Glossarium saxonicum, 
München 1840, und die Heliandausgabe von M. Heyne, während die Aus- 
gabe von Behaghel ein Glossar enthält. Die kleinen Texte sind jetzt heraus- 
gegeben und mit Glossar versehen von E. Wadstein, Kleinere altsächsische 
Sprachdenkmäler mit Anmerkungen und Glossar; auch unter dem Titel: Nieder- 
deutsche Denkmäler, herausgegeben vom Verein für niederdeutsche Sprach- 
forschung, Band VI, Norden und Leipzig 1899. Dazu kommt noch J. H. Gallee, 
Vorstudien zu einem altniederdeutschen Wörterbuche, Leiden, Brill 1908. 

In der mittelhochdeutschen Zeit sind irgend welche wissenschaft- 
liche Bestrebungen auch noch nicht zu verzeichnen. Der Wortschatz ist in 
der neuern Zeit gesammelt worden von W. Müller und Fr. Zarncke in 



58 Zweites Kapitel. Die Sammlung des Wortschatzes. 



dem Mittcllioclidciitschcn Wörterbuch, 4 Bände, Leipzi,!:^ 1854. Doch berück- 
sichtigt dieses Werk im wesentlichen nur die poetische Literatur. Außer- 
dem ist die Anordnunin nicht rein alpiiabetisch, sondern sie folgt etymo- 
logischen Rücksichten, indem sie die zusammengehörigen Worte an einer 
Stelle bespricht, was zwar für die Sprachgeschichte von Vorteil ist, der 
Benutzung aber einige Schwierigkeiten bietet. Als Ergänzung dazu dient 
M. Lexkr, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 3 Bände, 1869 — 1878, ein 
Werk, in dem die Prosa mehr zu ihrem Recht kommt und die Belege bis 
in das 15. Jahrhundert reichen. Beide Werke sind indessen natürlich auch 
nicht vollständig, da neue Texte immer auch neue Worte ergeben. Immer- 
hin aber liegen hier ausgezeichnete Leistungen vor, die nur einiger Er- 
gänzung bedürfen. Eine weitere Ergänzung bietet Ffmnz Jellinek, Mittel- 
hochdeutsches Wörterbuch zu den deutschen Sprachdenkmälern Böhmens 
und der mährischen Städte Brunn, Iglau und Olmütz (13. — 16. Jahrb.), 
Heidelberg 1911. — Ein kleines Werk ist M. Lexer, Mittelhochdeutsches 
Taschenwörterbuch, das in immer neuen Auflagen erscheint. 

Anmerkung. Außerdem sind eine ganze Anzahl mittelhochdeutscher Texte mit In- 
dizes, Glossar oder vollständigem Lexikon herausgegeben. 

Der Wortschatz des Mittelniederdeutschen ist in dem großen mittel- 
niederdeutschen Wörterbuch von Schiller und Lübben, Bremen 1875 — 1881, 
gesammelt worden. Das Werk ist vergriffen. Einen Ersatz bietet vorläufig 
das mittelniederdeutsche Handwörterbuch von August Lübben, Norden und 
Leipzig 1888 (ohne Belege, aber sonst reichhaltig und zuverlässig). 

§ 44. Wörterbücher der neuern Zeit. Der Gedanke, wirkliche Wörterbücher 
zu schaffen, ist erst in der Renaissance entsprungen. Man braucht nur an 
die großen Thesauri für die lateinische und griechische Sprache zu denken, 
die zu Beginn der neuen Zeit geschaffen sind. Zum Verständnis des Grie- 
chischen und Lateinischen schuf man wirkliche Wörterbücher, in denen das 
Lateinische durch die Landessprache erklärt wurde. Dann drehte man die 
Sache um und schuf auch deutsch-lateinische Werke, zunächst zu rein prak- 
tischer Verwendung, dann aber auch in immer größerer Vertiefung zu wirk- 
lich wissenschaftlichen Zwecken. Von Jahrhundert zu Jahrhundert hat diese 
Tätigkeit zugenommen, weil auch die Erkenntnis zunahm, daß in unserm 
Wortschatz ein Teil unsrer Eigenart liegt. Ein gewaltiges Stück deutscher 
Gelehrsamkeit und deutschen Fleißes spiegelt sich in diesen Leistungen. 
Die Ausarbeitung eines Wörterbuches gehört zu den entsagungsreichsten 
Tätigkeiten, die es gibt, und Kaspar Stieler, der Spate, hat in seinem Sprach- 
schatz 1691 emen lateinischen Spruch Scaligers ,zur Lust also verteutschet': 

Wen strengen Richters Spruch zur langen Qual verteilt, 
sein Leben kümmerlich mit Ach und Weh zu rädern: 
dem darf kein Zuchthaus nicht der Kräfte Mark entädern; 
nicht Schürfen, Steinschnitt nicht, und, wenn er Eisen feilt. 
Man laß' ein Wörterbuch nur den Verdammten schreiben. 
Dies' Angst wird wohl der Kern von allen Martern bleiben. 



§ 44. WÖRTERBÜCHER DER NEUERN ZEIT. 59 



Wer diesen Teil der Geschichte der germanischen Philologie genauer 
übersehen will, der sei auf K. von Raumer, Geschichte der germanischen 
Philologie, vorzugsweise in Deutschland, 1870, verwiesen und auf H.Pauls 
Darstellung desselben Gebietes in seinem Grundriß der germanischen Philo- 
logie, 2. Auflage, Band 1. 

Zunächst setzte man in den spätem Jahrhunderten die Tätigkeit fort, 
die mit der Anlegung der Glossare der althochdeutschen Zeit begonnen hat. 
Wir besitzen aus dem 14. und 15. Jahrhundert eine große Anzahl von 
Glossaren, zuerst lateinisch-deutsch, dann aber auch deutsch-lateinisch. 
Was wir auf diesem Gebiete wissen, verdanken wir im wesentlichen der 
unermüdlichen Tätigkeit von Lorenz Diefenbach. Er gab zuerst heraus ein 
Glossarium latino-germanicum mediae et infimae aetatis, 1857, dann das 
Novum glossarium latino-germanicum mediae et infimae aetatis, 1867, in 
denen die Quellen verzeichnet sind. Da aber in diesen beiden Werken das 
lateinische Wort voranstand, so bedurfte es langwieriger Arbeit, es aus- 
zunutzen. Dem ist abgeholfen durch das 'Hoch- und niederdeutsche Wörter- 
buch der mittleren und neueren Zeit. Zur Ergänzung der vorhandenen 
Wörterbücher, insbesondere des der Brüder Grimm von Lorenz Diefenbach 
und Ernst Wülcker, 1885'. In diesem Werk ist ein überaus reichhaltiger 
Stoff zur Altersbestimmung deutscher Wörter geboten. 

Das erste Werk, in dem das Deutsche vorangestellt wurde, ist der 
Teiithonista des Gerhard van der Schueren, Köln 1477. Es behandelt die 
Mundart von Kleve. Da das Werk nur in wenigen Exemplaren vorhanden 
ist, so war die neue Ausgabe, Leiden 1804, sehr verdienstlich. Aber sie gab 
nur den niederländisch-deutschen Teil. Erst jetzt ist das ganze Werk bequem 
auszuschöpfen, nachdem auch der Inhalt des lateinisch-niederdeutschen Teils 
in den andern hineingearbeitet ist in dem Werke: G. van der Schuerens 
Teuthonista of Duytschlender. In eine nieuwe bewerking vanwege de Maat- 
schappij der Nederlandsche Letterkunde uitgegeven door J. Verdam, Leiden 
1896. Immerhin bleibt dies Werk noch ein Lexikon gewöhnlicher Art. In 
gleicher Weise haben wir auf deutschem Boden das Werk von Dasypodius, 
Dictionarium germanico-latinum, das dem Dictionarium latino-germanicum, 
Straßburg 1535 u. ö., angehängt war. Ein deutsch-lateinisches Wörterbuch 
schuf dann JosuaMaaler unter dem Titel ,Die Teutsch Sprach', Zürich 1561, 
mit einer Vorrede von C. Gesner. Das Werk beruht auf dem Dictionarium latino- 
germanicum von JoH. Frisius, Zürich 1541, zweite erweiterte Auflage 1556 u.ö., 
das eine Bearbeitung des lateinisch-französischen Wörterbuchs von Robert 
Stephanus war; dadurch ist eine große Reichhaltigkeit des Wortschatzes 
erzielt. Es folgt dann das Etymologiciim (ursprünglich Dictionarium) Teu- 
tonicae linguae des Kilianus Duflaeas (Kiel aus Düffel in Brabant), Ant- 
werpen 1574, dritte Ausgabe 1599. „Es verzeichnet", sagt Paul, „den Sprach- 
schatz des Brabantischen mit Berücksichtigung schon veralteter Wörter, er- 
streckt sich aber auch über die übrigen niederfränkischen Mundarten, und 



50 Zweites Kapitel. Die Sammlung des Wortschatzes. 



schließt auch das Sächsische und selbst das Oberdeutsche nicht ganz aus. 
Mit der praktischen Tendenz vereinii^t sich hier ein wissenschaftliches Streben, 
indem in der dritten Ausijabe vielfach Etymoloj^ien bcij^efüs^t sind, die der 
Verfasser mit Sori^falt iiiul nicht ohne eine i^ewisse Kritik aus verschiedenen 
Autoren zusammeuLictra.i^cn hat." Diese Vorzüj^je haben es bewirkt, daß 
das Werk 1623 und 1632 von Potter und 1777 noch einmal von Hasselt 
herausgegeben worden ist. 

Das erste eigentlich deutsche Wörterbuch ist ein Reimwörterbuch von 
Erasmus Alberus unter dem Titel Novum dictionarii genus, Frankfurt 1540. 

Ein wirklich wissenschaftliches deutsches Wörterbuch erschien erst im 
17. Jahrhundert. Georg Henisch ließ, Augsburg 1616, ein großes Werk er- 
scheinen ,Tcutsche Sprach und Weißheit', das zwar noch das Lateinische 
hinzufügt, aber das Deutsche ganz selbständig behandeU. Leider ist nur 
ein Band vollendet worden, der bis G reicht. 

JusTUS Georg Schottelius veröffentlichte 1663 seine Aus führ/ ic/ie Arbeit 
von der Teutsdien Haiibt Sprache, von der namentlich der sechste Teil 
,Die Stammwörter der Teutschen Sprache' wichtig ist, weil er ein Wörter- 
buch bietet. Weiteres Material findet sich auch sonst in dem Werke. So sind 
die Ableitungen und Zusammensetzungen im zweiten Buch verzeichnet. — 
1686 erschien Georg Liebes Teutsches Wörterbüchlein; 1691 Kaspar Stieler, 
Der deutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs. Hier ist der Sprach- 
schatz nach Wurzeln und Stämmen geordnet, und das Werk ist daher nicht 
immer leicht zu benutzen, aber außerordentlich reichhaltig. Der Verfasser 
nennt sich den Spaten. Am Schluß befindet sich ein alphabetischer Index, 
der indes in manchen Exemplaren fehlt. In spätere Zeit fällt des Schlesiers 
Christoph Ernst Steinbach, Deutsches Wörterbuch 1725 und Vollständiges 
deutsches Wörterbuch 1734. 

Sehr umfassende Sammlungen zu einem deutschen Wörterbuch unter- 
nahm JoH. Leonh. Frisch. Da er aber diese nicht völlig aufarbeiten konnte, 
veröffentlichte er 1741 in kürzerer Fassung sein Teutsch-lateinisches Wörter- 
buch. „Es ist ein wirklich historisches Wörterbuch", sagt Paul, „in dem bis 
in das 15. Jahrhundert zurückgegriffen wird, ungemein reichhaltig, mit Be- 
legen für die nicht mehr allgemein üblichen Wörter und Gebrauchsweisen 
und mit vorsichtigen Etymologien." 

Etwas früher erschien das deutsche Kayserliche Schul- und Kanzelei- 
Wörterbuch von von Antesperg, Wien 1738, das mir nicht zugänglich ist. 

Neben diesen wissenschaftlichen Werken, die nicht allzu zahlreich auf- 
treten, sind aber für den Zweck, das erste Erscheinen eines Wortes zu be- 
stimmen, auch die gewöhnlichen seit dem 16. Jahrhundert auftretenden 
Wörterbücher von hoher Bedeutung, also die deutsch-lateinischen, deutsch- 
französischen Werke usw., weil hier oft ein sehr reicher Stoff aufgespeichert 
ist. Wenn auch die erste Aufnahme in den Wörterbüchern dem wirklichen 
Aufkommen eines Wortes wesentlich nachhinkt, so zeugt doch die Auf- 



§ 45. Adelung. ßl 



nähme für eine gewisse allgemeine Verbreitung. Diese Wörterbücher haben 
bei den neuern Lexikographen mehr und mehr Beachtung gefunden. Es 
kommt bei ihnen natürlich sehr darauf an, aus welcher Gegend die Ver- 
fasser stammen. Der Süddeutsche verzeichnet manchmal andere Wörter als 
der Mitteldeutsche oder kennt Worte nicht, die bei diesem auftauchen. 

Leider sind diese Werke, da sie sonst weiter keine Bedeutung haben, 
vielfach vernichtet und schwer aufzutreiben. Manche kommen ja noch vor, 
viele befinden sich auf Bibliotheken. Da ein Verzeichnis derartiger Werke 
fehlt, so gebe ich hier die, die mir bekannt geworden sind. 

Aler Paul, Dictionarium germanico-latinum, Köln 1727. — Castelli, Italiänisch-teutsch 
und teutsch-ital. Wb., Leipzig 1700/1709. — Dentzler Joh. Jak., Clavis germanico-latina, 
1709/1713. — Dhuez Nathanael, Dictionaire Frangois-Alleman-Latin et AUeman-Franfois- 
Latin. Revue, corrigee en cette edition, Leiden 1642. — DuEZ N., Dictionarium Gallico-Ger- 
manico-Latinum und Dictionarium Germanico-Gallico-Latinum. 3. Ausgabe. Amsterdam 
Elzevier 1664. Sehr reichhaltiger Wortschatz. — von Erberg Matthias, Das große Universal- 
und vollkommene dictionarium, Nürnberg, Martin Endters 1710. — Haas Johann Gottfried, 
Neues Teutsches und Französisches Wörterbuch. 2 Bde. Leipzig 1786 und 1788; Vollstän- 
diges deutsch-lateinisches Handwörterbuch, Zwickau 1801 (1811). —Hederich Benj., Teutsch- 
Lateinisches Lexikon, Leipzig 1729, 1736. — HULSIUS L., Dictionarium Teutsch-Italiänisch und 
Italiänisch-Teutsch, Frankfurt a. M. 1605. — Kirsch, Abundantissimum cornu copiae linguae 
latinae et germanicae selectum, Noribergae 1718, 1723. — Kramer Matthias, Das neue 
Dictionarium oder Wort-Buch in Teutsch-Italiänischer Sprach, Nürnberg 1678. — Kramer 
Matthias. Königliches Nider-Hoch-Teutsch und Hoch-Nieder-Teutsches Wörterbuch, Nürn- 
berg 1719. — Kramer M., Neues Deutsch-Holländisches Wörterbuch, 4. Auflage durch A. 
A. von Moerbeck, Leipzig 1787. — [Ludwig], Teutsch-Englisches Lexicon, Leipzig 1716. — 
Neues Teutsch-Frantzösisch-Lateinisches Dictionarium oder Wortbuch, Genf, in Verlegung 
Wiederholds 1669. — Neues Dictionarium oder Wörter-Buch Für einen Reisenden. Teutsch- 
Frantzösisch- und Lateinisch, Genf 1683. Eine neue mit erst aufgekommenen Wörtern ver- 
mehrte Auflage erschien ebd. 1695. — Nieremberger Benedict Friedrich, Deutsch-lateinisches 
Wörterbuch, Regensburg 1753. — Nouveau dictionnaire AUemand-Frangois, Straßburg 1762. 
— Pomey (Pomai) Franciscus, Das Große Königliche Wörterbuch I Teutsch-Frantzösisch- 
Lateinisch, Frankfurt a. M. 1690. Auch 1709. — Rädlein J., Europäischer Sprachschatz, Leip- 
zig 1711. — RoNDEAU, Neues Teutsch-Frantzösisches Wörterbuch. Verbesserte Auflage. 
Leipzig 1765. — Stoer J., Dictionarium Germanico-Gallico-Latinum, Genevae 1662. — 
Weber Johann Adam, Teutsch-Lateinisches Universal- Wörter-Buch, Chemnitz 1734. 3. Aus- 
gabe, Dresden 1770. — Weismann, Erycus, Lexicon bipartitum, latino-germanicum et ger- 
manico-latinum, Stuttgardiae 1715. — Wilhelmi Joh., Gerlacus, Lexicon Germanico-Latinum, 
Frankfurt a. M. 1706. 

§ 45. Adelung. Wenn man die Wörterbücher bis zur Mitte des 18. Jahr- 
hunderts übersieht, so läßt sich ein stetiger Fortschritt nicht verkennen. Von 
dem bloßen Aufzeichnen wichtiger Wörter gelangt man zu immer größrer 
Vollständigkeit. Damit verbunden erscheint aber auch ein Sinn für Etymo- 
logie, der sich vor allem durch Heranziehung der altern Sprachstufen und 
der verwandten germanischen Sprachen offenbart. Dieser Fortschritt voll- 
zog sich nicht allein in Deutschland, sondern auch in den andern Ländern 
germanischer Zunge. Man beeinflußte sich gegenseitig. Dies zu verfolgen 
ist hier nicht der Ort. Zweifellos hängt das Vorwärtskommen auch mit der 
ganzen geistigen Entwicklung zusammen. Seitdem Thomasius die erste Vor- 



62 Zweites Kapitel. Die Sammlung des Wortschatzes. 

lesung in deutscher Sprache iichaltcn hatte, brach sich das Deutsche immer 
milchtiger Bahn. Dazu tauchten die altern Urkunden der deutschen Spraciie 
aus der Ver.tjangenheit auf. Man erkannte, daß die deutsche Sprache eine 
Geschichte habe. Daneben aber entwickelte sich die deutsche Gemein- oder 
Schriftsprache, und nun kam es darauf an, zu wissen, was in dieser ge- 
bräuchlich und angewendet werden durfte. Die Wörterbücher wollen nun- 
mehr belehren und den Weg zur richtigen Ausdrucksweise führen. Es sind 
denn auch Mitteldeutsche oder in Mitteldeutschland Lebende, die die neuen 
Wörterbücher schaffen. 

Im 18. Jahrhundert schwang sich, wie bekannt, Gottsched zum Richter 
darüber auf, was richtiges Deutsch war, und es ist nicht wunderbar, daß 
er nach seinen grammatischen Arbeiten über die deutsche Sprache in seinem 
Alter noch beabsichtigte, ein deutsches Wörterbuch zu schreiben. Er kün- 
digte, wie Adelung sagt, wenige Jahre vor seinem Tode ein deutsches 
grammatisches Wörterbuch an, welches, wie er am Schlüsse der deshalb 
bekannt gemachten Nachricht versicherte, ganz Deutschland zum Wegweiser 
dienen sollte, seine Sprache grammatisch, d. i. richtig zu reden und zu schreiben. 
Es ist aber nicht mehr als ein Probebogen erschienen. Adelung sagt weiter: 
„Dieses Werk war nicht die Frucht einer vieljährigen Sammlung oder Vor- 
arbeitung, wie man wohl von einem Manne hätte erwarten können, der 
mehrmals von sich zu versichern pflegte, daß er sich über dreißig Jahre 
mit der deutschen Sprache beschäftigt habe. Es war ein flüchtiger Einfall, 
der eben so flüchtig in das Werk gesetzet und durch die leichtesten Mittel, 
die nur möglich waren, ausgeführet wurde." Auf Anregung des Verlegers 
sollte nach Gottscheds Tode Johann Christoph Adelung (1732 — 1806) das 
Werk fortsetzen. Was vorlag, war aber zu unbedeutend, und so schuf er 
ein völlig neues Werk. 1774—1786 erschien sein ,Versuch eines vollstän- 
digen grammatisch-kritischen Wörterbuches der hochdeutschen Mundart', 
1793—1801 eine zweite Auflage, die sich nicht mehr ,Versuch' nennt. 
Beachtenswert ist der Ausdruck , kritisch' auf dem Titel. Er soll andeuten, 
daß hier ein Buch erscheint, welches in kritischer Auswahl den deutschen 
Sprachstoff vorlegt. Es war die Fortsetzung und der Beschluß der lange 
wirkenden Einheitsbestrebungen, und es hat zweifellos nach dieser Richtung 
gewirkt. Hat doch selbst Goethe den Adelung besessen, benutzt und seine 
Werke danach verbessern lassen. 

Über die Grundsätze bei seiner Arbeit hat sich Adelung S. XIII aus- 
gesprochen. Besonders habe er es sich angelegen sein lassen, die Kunst- 
wörter aus allen Lebensarten, Künsten und Wissenschaften zu sammeln, weil 
viele derselben selbst eingeborenen Deutschen unverständlich und fremd 
seien. „Zusammengesetzte Wörter sind nur alsdann mit aufgeführt worden, 
wenn ihre Bedeutung aus der Zusammensetzung selbst nicht sogleich merklich 
wird. Gar zu niedrige und pöbelhafte Wörter darf man hier nicht suchen. 
Ist in einem oder dem andern Falle eine Ausnahme gemacht worden, so 



§ 45. Adelung. §3 



wird ein scharfsinniger Leser sogleich selbst sehen, warum sie nötig gewesen. 
Eigentlich ist dieses Wörterbuch nur solchen hochdeutschen Wörtern ge- 
widmet, welche noch jetzt gangbar sind. Allein, da verschiedene ältere 
Schriften noch täglich gelesen werden, so habe ich auch die in denselben 
vorkommenden veralteten oder provinziellen Wörter, Bedeutungen und Wort- 
fügungen mitaufgeführt, sollte es auch nur geschehen sein, um den un- 
kundigen und ausländischen Leser zu warnen. Dahin gehören die ver- 
alteten oder provinziellen Wörter, welche in Lutheri Übersetzung der hei- 
ligen Schrift, in Opitzens, Logaus, Flemmings und anderer schlesischen 
Dichter Schriften vorkommen." Doch ist mit der Aufnahme solcher Wörter 
sparsam verfahren. Auch die ausländischen Wörter sind nur mit Auswahl 
aufgenommen. 

„Einer der vornehmsten Bedürfnisse", sagt er weiter, „schien mir die 
Bemerkung der Würde nicht bloß der Wörter, sondern auch ganzer Redens- 
arten zu sein; ein Umstand, dessen Versäumung den Nutzen so vieler 
anderen Wörterbücher gar sehr einschränkt. Ich habe zu dem Ende fünf 
Klassen angenommen: L die höhere oder erhabene Schreibart; 2. die edle; 
3. die Sprechart des gemeinen Lebens und vertraulichen Umganges; 4. die 
niedrige und 5. die ganz pöbelhafte." Es ist zu bedauern, daß Adelung 
diesen Gesichtspunkt doch nur zu einem bescheidenen Teile durchgeführt 
hat, und daß er namentlich die Volkssprache sehr gering schätzte. Wir 
wissen heute, daß in ihr ein guter Kern steckt. So sagt er denn auch: „Die 
Sprichwörter gehören größtenteils in die niedrige und pöbelhafte Sprache. 
Ich habe es daher nicht der Mühe wert gehalten, sie zu sammeln und noch 
weiter fortzupflanzen. Wer in ihnen und andern schmutzigen Blümchen 
des großen Haufens den Kern der deutschen Sprache sucht, der kann einen 
reichen Vorrat davon in Gottscheds Sprachkunst finden." 

Sehr richtige Grundsätze hat Adelung über die Anordnung der Be- 
deutungen. „Die Bedeutungen, welche in den meisten Wörterbüchern nur 
auf gut Glück durcheinander geworfen zu werden pflegen, sind der Sache 
gemäß geordnet, das ist, wie sie vermutlich aus- und aufeinander gefolgt 
sind." Alles in allem ist Adelungs Wörterbuch ein sehr achtbares Werk, 
das noch heute seinen Wert nicht verloren hat. Wichtig ist es für unsere 
Zwecke, weil es uns einen Überblick über die Sprache des 18. Jahrhunderts 
gibt. Adelung hat aber auch als Normgeber eine außerordentlich hohe Be- 
deutung. Die wichtige Frage, wie er auf die Ausbildung des Wortschatzes, 
das Zurückdrängen gewisser Worte oder die Einführung neuer gewirkt hat, 
ist noch nicht genügend untersucht. Einen Anfang dazu macht die Arbeit 
von Max Müller, Wortkritik und Sprachbereicherung in Adelungs Wörter- 
buch, Palästra, herausgegeben von Brandl und E. Schmidt, XIV, 1903. 

Anmerkung. Kleinere und unbedeutendere Werke der spätem Zeit sind : JOH. Richter, 
Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 1791. — K. Ph. Moritz, Grammatisches 
Wörterbuch der deutschen Sprache, 1793—1800. — Chr. Fr. Trg. Voigt, Deutsches Hand- 
wörterbuch für die Geschäftsführung, den Umgang und die Lektüre, 1805. 



54 Zweites Kapitel. Die SAiMMLUNO des Wortschatzes. 

§ 46. Campe. Mit dem Anfang des neuen Jahrhunderts trat ein anderes 
umfangreiches Wörterbuch ans Licht, das Wörterbuch der deutschen Sprache 
von JoACHiiM Heinrich Camf^h, Braunschweig 1807.') BekanntUch hat sich 
Jak. Grimm in der Vorrede zum deutschen Wörterbuch sehr ungünstig über 
Campe ausgesprochen. Und in vielen Punkten mit Recht. Als wissenschaft- 
liche Leistung steht Campcs Werk nicht hoch, es läßt sich mit dem Adelungs 
gar nicht vergleichen. Aber doch hat es für uns eine hohe Bedeutung, und 
die liegt in seiner Reichhaltigkeit. Campes Absicht war, wirklich den Sprach- 
schatz seiner Zeit vollständig aufzuzeichnen. Zu seinem Unternehmen hatte 
ihn das Fehlen vieler Wörter bei Adelung veranlaßt, und das Werk war 
zunächst geradezu als ein Ergänzungswörterbuch zu Adelung aufgefaßt. 
Das vollständige Verzeichnen des Wortschatzes der Zeit ist jetzt eine wissen- 
schaftliche Forderung, und man darf es daher nicht unterschätzen, daß 
dieser Versuch schon am Anfang des 19. Jahrhunderts unternommen wurde. 
Auch Campe hat natürlich nicht alles verzeichnen können, aber die Wahr- 
scheinlichkeit, daß ein Wort bei ihm fehlt, ist viel geringer als in den 
frühern Werken. Nach einer Berechnung Bernds sind in dem Wörterbuch 
über 50000 Worte angeführt, die nicht bei Adelung stehen, und mit Stolz 
hebt Campe hervor, daß es sich nicht etwa nur um Zusammensetzungen 
handle, sondern daß auch eine Fülle einfacher Wörter wie wogen, lullen, 
bangen, flaggen, branden, kreisen (in allgemeiner Bedeutung) neu auf- 
geführt seien. An Zusammensetzungen nennt er u. a. ärztlich, Allheit, Be- 
freier, bekritteln, Beieber, Beleuchter, Besatz (statt dessen Herr Adelung 
nur das Zwitterwort Bordierung angab), bestimmbar, Beurteiler, Bewerber, 
dörflich, entwirren, Erguß, Erzieher, Feinheit. 

Jak. Grimms Zorn erregte es auch, daß Campe durch eine Reihe von 
Zeichen den Wortschatz der verschiedenen , Schreibarten' zu unterscheiden 
suchte und einem ausgedehnten , Purismus' huldigte. Über letztern denken 
wir heute sicher anders als Grimm, und ebenso über die Unterscheidung 
der , Schreibarten'. Es ist ganz anziehend, die Ansichten Grimms im Rahmen 
der Zeitgeschichte aufzufassen. Für Adelung und Campe war die Unter- 
scheidung der verschiedenen Schreibarten, der Sprache der gewöhnlichen 
und der höherstehenden Menschen etwas ganz Selbstverständliches, während 
Grimm sich in diesem Punkt als Romantiker und Demokrat zeigt, dem 
jedes Wort gleich gilt. Wenn das auch für die Wissenschaft richtig ist, 
wenn auch die Mundart und die mundartlichen Wörter dieselbe, ja fast 
noch größere Anziehungskraft besitzen als die Schriftsprache und die schrift- 
sprachlichen Wörter, so sind doch auch die Unterscheidungen Campes von 
höchster Bedeutung, weil gerade in ihnen das kulturgeschichtliche Element 



M Das Werk ist nicht von Campe be- Druckschriften Verfasser des von J. H. Campe 

arbeitet, sondern nur von ihm angeregt. J. veranstalteten und herausgegebenen Wörter- 

G. Radlof und Th. Bernd haben es ge- buchs". 
schaffen. .Th. Bernd nennt sich jedoch in 



§ 46. Campe. 65 



der Sprache zur Geltung kommt. Wie die Geschichte die Entwicklung aller 
Gesellschaftsschichten betrachten muß, so muß das auch die Wortgeschichte 
tun, und die Sprache ist nun einmal an den Menschen und an die Gesell- 
schaft gebunden. 

Mir scheint das Campesche Werk durch den in ihm aufgespeicherten 
Stoff von ganz hervorragender Wichtigkeit zu sein, und deshalb will ich 
noch etwas ausführlicher darauf eingehen. 

Campe wendet, wie wir weiter unten sehen werden, eine Reihe von 
Zeichen an. Diese sind für das Aufkommen und den Gebrauch der Wörter 
seiner Zeit sehr lehrreich, so daß eine Sammlung und Verarbeitung dieser 
Wörter für die Geschichte des Wortschatzes der neuern Zeit dankbar zu 
begrüßen wäre. Da mit diesen Zeichen schon gewisse Ziele, denen die 
Wortforschung nachstreben muß, angedeutet sind, so gebe ich hier einige 
Beispiele, teils um zu weiterer Sammlung anzuregen, teils um zu zeigen, 
wie sich schon in hundert Jahren der Wortschatz wieder verändert hat. 
Gerade die Beteiligung unserer Literatur an der Ausbildung des Wortschatzes 
durch Wiederbelebung alter und Schaffung neuer Worte würde sich durch 
eine Untersuchung des Campeschen Wörterbuches zeigen lassen. Campe 
bietet mit diesen Zeichen durchaus nichts Neues. Schon Steinbach hat einige. 
Aber in dieser Fülle treten sie erst bei ihm auf. 

Anmerkung 1. Campe unterscheidet folgende Punkte: 

1. * Veraltete Wörter, die aber von guten Schriftstellern schon wieder erneuert sind 
oder die Erneuerung zu verdienen scheinen, z. B. Hüne für Riese. „Manche Wörter, die 
Adelung zu den veralteten zählt, sind jetzt so sehr wieder in Umlauf gesetzt, daß wir ihnen 
gar kein Zeichen beizusetzen brauchen, wie bieder, beginnen." Ich führe natürlich nur 
solche Worte an, die heute wieder üblich geworden sind: Fährlichkeit, Fehlwort, Feld- 
hauptmann, Feudite, flugs, Frauengemadi, Frevel, munden, mundtot, Sadiwalter, der Sang, 
sdiädigen, Sdiädiger. 

2. ** Veraltete Wörter, die der Erneuerung nicht mehr fähig zu sein scheinen, z. B. bold, 
das noch in Trunkenbold, Raufbold, Reimbold vorliegt, das Saalgut, das Sadis (Messer), 
Sdialksrat, handhaft, Heerfahrt, Heim n. u. a. 

3. O „Neugebildete Wörter, die teils von guten Schriftstellern bereits angenommen 
und gebraucht, teils von achtungswürdigen Sprachforschern geprüft und gebilligt sind, mit 
Ausschluß der Campeschen neuen Wörter, als welche, zu noch größerer Warnung, ein be- 
sonderes Zeichen erhalten, z. B. prallweidi für elastisdi." 

Dieses Zeichen gewährt uns also einen Überblick über die Wörter, die man am An 
fang des 19. Jahrhunderts als neu empfand. Ob sie wirklich neu waren, ist freilich eine 
andere Frage. Immerhin dürfte es sich lohnen, einige anzuführen, um zu zeigen, daß wir 
dieses Gefühl der Neuheit vollständig verloren haben. 

Allheit, alljährlidi, allmonatlidi, ansprudisvoll, Emporkömmling (Parvenü), Erken- 
nungszeidien. Fabelwelt, Fabelreich, Falkenblidi, Fahrdamm (Chaussee), Fallsudit, Fall- 
sdiirm, Farbensinn, Farbenduft, Farbenbogen, Familienleben, Familienglüdi, Faniilienhaupt> 
Fedithandsdiuh, feenhaft, Fehljahr, Fehlgewinn, Fehlfarbe, Fehlblatt, Feigling, Felsen- 
bedien, Feldsdiule, Fernsidit, Fiditenhain, Festgetümmel, fessellos, Fistelstimme, Fliegen- 
falle, Freisinn, Freimut, freigeistig, Frauenherz, fraglidi, haarbreit, Haarstern, hageldidit, 
Halbheit, Halbfahr, Halsring, haltlos, Hämmling, nadihaltig, Sadiwert, Sadiinhalt, sädi- 
lidi, Sagengesdiidite, Sdiamgefühl u. a. 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 5 



56 Zweites Kapitel. Die Sammlung des Wortschatzes. 



4. O .Neue Wörter von zwcifelliaftem, noch nicht ausgemachtem Werte. Dieses Zeichen 
erlialten oiinc Ausnahme alle diejenigen Campesclien Wörter, die man in das Wörterbuch 
aufnclimcn zu müssen glaubte, weil sie schon in gelesenen Scliriften vorkommen.* 

Campes Verdienste liegen bel<anntlich liauptsilciiiich auf dem Gebiete der Ver- 
deutschung von Fremdwörtern. So viele ihrer auch spurlos verschwunden sind, so bleibt 
doch eine ganz hübsche Zahl, die wir Campe verdanken, und viele andere verdienen noch 
heute volle Beachtung. Ich gebe auch hier einige Beispiele. 

Lehrgang für Kursus, folgeredü für konsequent, dauerlos für ephemerisch, Dienst- 
anweisung für Instruktion, Süuleneingang für Prostyios, fabellehrig für mythologisdi, 
Fahr gut, Fallbeil für Guillotine, Fahr mittel für Vehikel, falscfinamig, Fanggier für Ko- 
ketterie, Fechteisen für Rappier, Feldkrümer für Marketender, Fernsdireiber für Telegraph, 
Bittsteller für Supplikant, Hafendamm für Molo, Handelsvertrag für Kommerztraktat. 

Derartige Fälle zeigen doch auf das deutlichste, daß eine zielbewußte Verdeutschung 
nicht ohne Folgen bleiben kann. Campes Leistungen nach dieser Richtung sind zweifellos 
von hohem Werte, und sein .Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer 
Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke", neue Auflage, Braunschweig 1813, ist noch 
heute mit Vorteil zu benutzen. 

5. (*^) Neue (auch ältere) Wörter, die zwar von bedeutenden Schriftstellern herrühren 
oder doch von ihnen gebraucht worden sind, die aber, irgendeiner fehlerhaften Eigenschaft 
wegen, die Aufnahme nicht zu verdienen scheinen. Hierher gehören eben die Verdeutschungen, 
die nicht durchgedrungen sind, und die man daher oft anführt, um jene Bestrebungen lächerlich 
zu machen, z. B. Einzögling und Finzöglingsredit für Eingeborener und Eingeburtsrecht, 
Indigennt (.Adelung); Fünftelsaft für Quintessenz (Bürger); Entknotigung für Katastrophe 
(Wieland); Füller im Trochäus, fade, Fremlenmäddien. Wie die letzten Beispiele beweisen, 
hat Campe noch nicht das letzte Wort gesprochen, da wir diese Worte sehr wohl ge- 
brauchen können. 

6. -\- bezeichnet die landschaftlichen Wörter. Auch hier zeigt es sich, daß wir heute 
manches ganz anders empfinden. Beispiele sind: t/ra// (Lessing), risdi {QüTgtr). pladdern, 
dammein, Däumerling (Goethe), dazumal, dereinstig, um deswillen, sabbern, Sälen , schmutzig 
machen', Salm (Psalm), Satte, sdiäditen, Forke, freiheitlidi, flau, Flaumen, Flabbe, Feuer- 
eisen, Ferge, feilsdiend, Fasdüng, fauchen, Faustbüdise, fahnden, freundwillig, feilsdien, 
firn, Firnewein, Haareule, sidi hägen, hahnbüdien, häklig, Halde, hasten. 

7. X „NMedrige, aber deswegen noch nicht verwerfliche Wörter, weil sie in der ge- 
ringen (scherzenden, spottenden, launigen) Schreibart und in der Umgangssprache brauchbar 
sind." z. B. besdilabbern (Goethe), blaßäugig. die Edier, ehegestern, Ehehälfte, Ehekrüppel, 
Ehrentag, ehrenthalben, Ehrentrunk, erangeln, Fabelei, Fabelhans, Fabelschmied, faden- 
scheinig, fadenadtend, Falsdimünzerei, Farbenklavier, Faselei, Faselhans, faselig, faseln, 
faselnackt, Faulbett, faulenzen. Februar, Fechthandwerk, Federheld, Federlesen, Feger, 
Fersengeld, Fettwanst, Fibel, Fiedel, Figur, fingersdidi, Firlefanz, fispern, fix, Fladishaar, 
Fladiskopf, fladierig. Flattergeist, Flaus, Flausdi, Fläz, fletsdien, Flidierei, flink, foppen, 
Frack, frank, Franze, Franzmann, Fratz, Freiersmann, Freßsadi, Freudenpost, Frühgottes- 
dienst, funkelneu, haarfein, haarsdiarf, Habenidits, häklig, Halunke, Hampelmann, hand- 
breit, Leibgeridit. mummeln, Mundwerk, munkeln, Muselmann, Sabbat. Säbelbein, sadit, 
Saffian, Sago, Salbader, Sauessen, Saufaus, Saufbruder, saufen, Sdiandmaul. 

8. X .Niedrige Wörter, die ans Pöbelhafte grenzen, und deren man sich daher sowohl 
Ln der Schriftsprache, selbst in der untern, sowie auch in der bessern Umgangssprache 
enthalten soHte. die aber dennoch in Bühnenstücken wie im geraeinen Leben, wiewohl nur 
im Munde ungebildeter Personen, vorkommen*, z.B. Freßsack. Lausekerl, Rotznase, bockenzen, 
Saufgurgel, Saufsack, Saukerl, Finkeljodien, Hahnrei, Freund Hain, halsbrechend, Hans- 
wurst. 

9. A Wörter der höhern dichterischen Schreibart, z. B. Windsbraut für Orkan, rosen- 



§ 47. Grimm. 67 



fingrig, erklimmen, erkunden, erraffen, Drommete, Feierkleid, Fittich, hadern, harmlos, 
harren, Meerschau, hehlen, hehr. 

10. A Dergleichen Wörter, wenn sie zugleich neu sind; z. B. Abstamm für Nach- 
kommenschaft, Glutgeloder für auflodernde Glut (Tiedgc), Salzflut (Voß), sdulengetragen 
(Schiller), einherfliegen, Fadtelfilngling, Farbenfeuer, farrenäugig, Feierklang, Feldgesang, 
Feldmann, felsab, Felsaltar, Felsbrust, Felsburg, Felsenbrust, Felsenkette, Felsenquell, 
Festgeläute, Festmahl, Festschmaus, Festschmuck, Feuerauge, Feuerblick, Feuerflut, Feuer- 
seele, Flammenauge, Flammenkuß, Flammenmeer, Flammensäule, -schild, -schrift, -tod, 
Flügelschlag, freudenarm, freudetrunken, Frühlingshauch, frührot, Hall, hallen, heimat- 
los, heimatlich. 

11. OA Dergleichen Wörter, wenn sie von Campe herrühren, z. B. Antlitzseite für 
Fassade, Prachttor für Portal. 

12. OX Neue Wörter für die untern (scherzenden, spottenden, launigen) Schreibarten, 
z. B. Lichtenbergs Zierbengel für Incroyable, Geldschaffer für Finanzier, Alltagssprache, 
Alltagsgesicfit, einhergaukeln, Faulpfründe für Sinekure, Felsennest, Fettpfründe für Prä- 
latur, Fladikopf. 

13. OX Dergleichen Wörter, die von Campe herrühren, z. B. Stelldidiein für Rendezvous, 
Teufelsanwalt für advocatus diaboli. 

Man erkennt aus dieser Übersicht, welcher Wert der Campeschen Arbeit 
innewohnt.. Wir werden in den spätem Teilen auf die von Campe ein- 
geführten Unterscheidungen ausführlicher zu sprechen kommen und zeigen, 
wie wichtig diese sind und wie bedeutungsvoll es ist, daß wir für den 
Anfang des 19. Jahrhunderts die verschiedenen Arten des Wortschatzes 
auseinanderzuhalten imstande sind. Aber eine Bemerkung sei gleich hier 
gestattet. Die poetische Sprache beruht zum guten Teil darauf, daß sie von 
der Alltagsrede abweichende Worte braucht. Gehen Wörter der poetischen 
Sprache in die Alltagssprache über, so können wir die ursprüngliche dich- 
terische Ausdrucksweise nicht mehr nachempfinden. Unsere großen Dichter 
haben unsere Sprache nach dieser Richtung zweifellos ungemein bereichert, 
aber manche Stellen bei ihnen haben dadurch an poetischer Kraft eingebüßt, 
daß die Worte allgemein üblich geworden sind. 

Anmerkung 2. Auf Campe folgten dann einige kleinere Wörterbücher, die keine 
wesentliche Bedeutung haben und hier nur der Vollständigkeit wegen erwähnt werden: 
Heyse, Handwörterbuch der deutschen Sprache, Magdeburg 1833—1849. — Örtel, Gram- 
matisches Wörterbuch der deutschen Sprache, München 1829 ff. — Kaltschmidt, Gesamt- 
wörterbuch der deutschen Sprache, Leipzig 1834. — K. Schwenk, Wörterbuch der deutschen 
Sprache, Frankfurt a. M. 1834. — Weber, Kritisch-erklärendes Handwörterbuch der deutschen 
Sprache 1837 f., 11. Aufl. Leipzig 1872. — Wenig, Handwörterbuch der deutschen Sprache, 
Erfurt 1821, 5. Aufl. 1870. — W. Hoffmann, Vollständigstes Wörterbuch der deutschen Sprache, 
6 Bände, Leipzig 1859—1861. 

§ 47. Grimm. Nun war aber in Deutschland seit dem Beginn des 19. Jahr- 
hunderts die Sprachwissenschaft mächtig aufgeblüht, die wissenschaftlichen 
Anforderungen an ein Wörterbuch hatten sich vertieft, und so faßten die 
Männer, die selbst am meisten mit zu der neuen Entwicklung beigetragen 
hatten, den Plan, ein neues Wörterbuch zu schreiben. Das deutsche Wörter- 
buch der Brüder Grimm war ein Eigenunternehmen, geboren aus der Not 
der beiden Gelehrten, die ihrer Stellung entsetzt waren. Es war ursprüng- 

5* 



68 Zweites Kapitel. Die Sammlung des Wortschatzes. 

lieh in verhältnisniilßiij kleinem Umfanj^ j^cplant, es sollte ein Hausbucii, 
ziigäni^licli für weite Kreise und benutzbar für jedermann, werden. Jak. Grinmi 
spricht darüber in foli^'ender viel bespotteter Weise (Wörterbuch 1, XII): 
„Einen Haufen Bücher mit übelcrfundenen Titeln t^ibt es, die hausieren 
iijehcn und das bunteste und unverdaulichste Gemisch des manni^jjfaltcn 
Wissens feiltra^en. Fiinde bei den Leuten die einfache Kost der heimischen 
Sprache Eini^anf^j, so könnte das Wprtcrbuch zum Hausbedarf, und mit Ver- 
langen, oft mit Andacht gelesen werden. Warum sollte sich nicht der Vater 
ein paar Wörter ausheben und sie abends mit den Knaben durchgehend 
zugleich ihre Sprachgabe prüfen und die eigene anfrischen? Die Mutter 
würde gern zuhören." 

Zweifellos lag die Begabung der Brüder Grimm nicht gerade auf der 
lexikalischen Seite, wenngleich das Genie nie etwas ganz minderwertiges 
bieten wird. Aber das Werk hat sich ganz anders entwickelt, als es geplant 
war. Es wurde im Jahre 1840 begonnen. Natürlich können die ersten Teile 
schon deshalb nicht mehr genügen, weil der Wortschatz bald eines Jahr- 
hunderts in ihnen fehlt, abgesehen davon, daß wir heute auch schon wieder 
ganz andere Anforderungen an ein Wörterbuch stellen als damals. Bereits 
bei Lebzeiten der Brüder waren einige Hilfsarbeiter hinzugetreten. Nach 
ihrem Tode wurde das Werk von mehreren Gelehrten fortgesetzt, aber auch 
diese sind schon dahingesunken, und ein neues Geschlecht arbeitet nun 
an dem Werk. 

Die ersten Bände sind von den Brüdern Grimm fertiggestellt. Jakob hat 
die Buchstaben A, B, C, E und F zum größten Teil geliefert, Wilhelm das 
D bearbeitet. K. Weigand hat F zu Ende geführt, N, O, P, Q und T (bis 
Todestag) stammt von Lexer, V (bis versch recken) von E. Wülcker, W (so- 
weit bearbeitet) von v. Bahder. Die beste Leistung der altern Generation 
ist zweifellos die von R. Hildebrand, der K und einen Teil des G (fortgesetzt 
von Wunderlich) geschrieben hat. Den größten Anteil aber hat M. Heyne. 
Über die Art, wie dieser seine Aufgabe aufgefaßt hat, gibt seine eigene 
Erklärung Auskunft. Nachdem zwei Bände, jeder in acht Jahren, von ihm 
vollendet worden seien, habe er sich sagen müssen, daß die noch aus- 
stehenden Bände noch etwa vierundzwanzig Jahre in Anspruch nehmen 
würden. Im 48. Jahre stehend, habe er sich für so lange Zeit nicht binden 
wollen, und es sei ihm für das Werk als Gewinn erschienen, wenn dessen 
Ende in kürzerer Zeit zu ermöglichen wäre. Man könne einem Adoptiv- 
kinde zuliebe nicht auf eigene Arbeit verzichten. Diese Erwägungen hätten 
einen Plan „kollektiver Arbeit" nahe gelegt. Infolgedessen sei von 1889 ab ein 
Assistent angestellt worden, im Jahre 1891 zwei weitere Hilfsarbeiter hinzu- 
gekommen, Doktoren, die unter seiner Aufsicht ganze Artikelreihen selb- 
ständig herstellten. Dann aber sei „vorgeschrittenen Zöglingen" (Studenten!) 
des Göttinger deutschen Seminars die Arbeit unter Überwachung, Prüfung usw. 
übergeben worden. „Endlich", so schließt die Vorrede, „sind auch einzelne 



§ 48. Kleinere Werke der neuern Zeit und Sonderwörterbücher. 69 

Artikel in den letzten Lieferungen von mir selbst geschrieben worden." Es 
sei eben nicht anders gegangen, und dies müsse „mit mancher Unvoll- 
kommenheit und Ungleichmäßigkeit, die dieser Art der kollektiven Tätigkeit 
notwendig anhaftet, aussöhnen." 

Gewiß haften dieser Art der Arbeit Mängel an, aber man hätte es mit 
Freuden begrüßt, wenn auf diese Weise in absehbarer Zeit ein Abschluß 
des Werkes erzielt worden wäre. Immer und immer wieder haben einzelne 
und Gesamtheiten, z. B. die germanistischen Sektionen auf den Philologen- 
versammlungen auf stärkere Förderung des Werkes gedrängt, das nun doch 
einmal beendet werden mußte. Aber erst jetzt, nachdem sich das Reich und 
die Berliner Akademie der Sache angenommen haben, ist eine entschiedene För- 
derung eingetreten. In Göttingen ist unter der Leitung von Edward Schröder 
ein Mittelpunkt für die Sammlung weitern Stoffes geschaffen, der die Mit- 
arbeiter mit neuem Stoff versorgt, und am Werke selbst sind eine Menge 
neuer Kräfte tätig, im ganzen jetzt fünfzehn. Und von diesen liegen auch 
schon wirkliche Leistungen vor, während von manchem der früher an- 
gegebenen Mitarbeiter nie eine Zeile erschienen ist. Vgl. über die Entwick- 
lung des Grimmschen Wörterbuchs und über die Arbeit daran A. Götze, 
Wiss. Beih. z. Zeitsch. d. A. Deutschen Sprachvereins 4, 86 ff. und A. Schirmer, 
Akademische Rundschau 1912/13 694 ff. 

Entsprechend der ganzen Geschichte des Werkes sind die einzelnen 
Teile sehr verschieden gearbeitet. Als dürftig müssen wir jetzt die ersten 
Bände empfinden. Aber wenn auch die Teile der neuern Mitarbeiter ganz 
auf der Höhe stehen, so leiden sie doch an einer kaum übersehbaren Aus- 
dehnung. Schon Hildebrand brauchte für den Artikel Geist 118 enggedruckte 
Spalten und für Genie 54, Wunderlich aber für gewinnen 146, für Gewalt 
184. Wer soll da das Wörterbuch noch benutzen können, zumal auch der 
Druck wenig übersichtlich ist. Weniger wäre entschieden mehr gewesen. 

Grimm ist, wie wir gesehen haben, nicht vollkommen. Der Plan eines 
großen wissenschaftlichen Wörterbuches, eines Thesaurus linguae teutonicae, 
wie ein solches andere Völker besitzen oder in Angriff genommen haben, 
bewegt schon lange weite Kreise. Aber vor der Vollendung des Grimm- 
schen Werkes ist nicht daran zu denken, ihn zu beginnen. Es wäre auch 
besser, zunächst einmal die ersten drei Bände von Grimm neu zu bearbeiten. 

§ 48. Kleinere Werke der neuern Zeit und Sonderwörterbücher. Neben den 
Grimm, der wegen seines Umfanges im wesentlichen auf die gelehrten Kreise 
beschränkt bleiben wird, sind im Laufe des 19. Jahrhunderts kürzere selb- 
ständige Werke getreten. 

D. Sanders, V/örterbuch der deutschen Sprache, 2 Bände, 1860—1865. 
Dazu ein Ergänzungswörterbuch, 1879 — 1885. Eine kürzere Fassung, Hand- 
wörterbuch der deutschen Sprache, ist 1912 in 8. Auflage erschienen, be- 
arbeitet von J. Ernst Wülfing. Sanders hat das Verdienst, die neuere Li- 
teratur ausgiebig berücksichtigt zu haben. 



70 Zweites Kafmtel. Die Sammlung des Wortschatzes. 



K. WhicjAND, Deutsches Wörterbuch, 1857 — 1871. Weii^and bearbeitete 
ein ähcres Buch von Schmittheiincr, das sich aber unter seinen Händen zu 
einem neuen Werke j^cstaltcte. Es war seinerzeit, wie auch Jakob Grimm 
anerkannte, eine ganz vortreffliche Leistung, die der Verfasser durch immer 
erneute Arbeit auf der Höhe erhielt. 1881 kam die vierte Auflage heraus; 
während des Druckes starb der Verfasser, Nachdem es lange Zeit vergriffen 
war, ist es jetzt in fünfter Auflage erschienen, neubearbeitet von v. Bahder, 
Kant und Hirt, Gießen 1909,1910. Weigand gab die Bedeutungen sehr genau 
an, er suchte das erste Auftreten der Worte zu bestimmen, und berücksich- 
tigte auch die dialektischen und die fremden Wörter. Dazu kam die Etymo- 
logie. Alle diese Vorzüge sollen auch nach den Absichten der Bearbeiter 
in der neuen Auflage vorhanden sein, und so wird sich das Werk seinen 
gebührenden Platz wieder erobern. i) 

M. Heyne, Deutsches Wörterbuch, 3 Bände, 1890—1895. Heynes Werk 
will ein kleiner Grimm sein und dem Verlangen nach einem handlichen, 
brauchbaren und zuverlässigen Wörterbuch abhelfen. Das hat es auch getan. 
Es bietet viele schöne Belegstellen aus der neuern Literatur, einen wesent- 
lichen Fortschritt bedeutet es indessen nicht. Die etymologische Seite tritt 
etwas zurück. 

H. Paul, Deutsches Wörterbuch, 1 897, 2. Auflage 1 908. Dies Werk wendet 
sich an alle Gebildeten, die ein Verlangen empfinden, ernsthaft über ihre 
Muttersprache nachzudenken. In erster Linie hat der Verfasser an das Be- 
dürfnis der Lehrer gedacht, die Unterricht im Deutschen zu erteilen haben. 
Er verzichtet auf eine vollständige Aufzählung sämtlicher Wörter und Wort- 
bedeutungen, insbesondere der selbstverständlichen Ableitungen und Zu- 
sammensetzungen, sowie auf überflüssige Erklärung des allgemein Verständ- 
lichen. Auch die landschaftlichen Verschiedenheiten sind berücksichtigt, so- 
weit sie in die Umgangssprache der Gebildeten und die lokale Schriftsprache 
hineinragen. — Ziemlich beträchtlich sind die Abweichungen von dem jetzigen 
Sprachgebrauch bei den klassischen Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts. 
Auf diese Abweichungen hinzuweisen ist der Verfasser besonders bemüht 
gewesen. Auch die noch viel bedeutendem der Lutherschen Bibelübersetzung, 
soweit sie sich in den gangbaren Ausgaben finden, sind berücksichtigt. 
Vor allem aber sucht der Verfasser eine Entwicklung der Bedeutung zu geben, 
und nach dieser Richtung ist sein Werk das beste, das wir haben. In der 



') Weigands Wörterbuch hat in der neuen gehenden Sammlungen v. Bahders, zu denen 

Auflage viel Anerkennung gefunden. Man die reichen Kenntnisse Dr. Kants kamen. Für 

nennt es jetzt das beste deutsche Wörter- mich nehme ich vor allem das eine Verdienst 

buch und zitiert es mit unter meinen Namen in Anspruch, daß ich. da auch Dr. Kant das 
als Weigand-Hirt. Ich möchte aber auch hier, , Werk nicht vollenden konnte, in die Bresche 

wie in der Vorrede hervorheben, daß es trotz gesprungen bin und es beendet habe. Mich 

der neuen Bearbeitung der alte Weigand ge- veranlaßte dazu die Erkenntnis, daß mit dem 

blieben ist und daß diesem das Hauptver- alten Weigand in seiner neuen Bearbeitung 

dienst zukommt. Die Grundlage für die Neu- eine wirkliche Lücke ausgefüllt werden würde, 
bearbeitung bilden die umfangreichen, weit- 



§ 49. Aufgaben der Wortforschung. 71 

ersten Auflage wurde die Etymologie kaum berücksichtigt, in der zweiten 
tritt der Verfasser aus seiner Zurückhaltung heraus. Indessen wird das, was 
er bietet, keinen befriedigen, so daß es besser gewesen wäre, die Etymo- 
logien wären ganz fortgeblieben. 

Für die Zeit des Neuhochdeutschen braucht man zunächst, wie man 
glauben möchte, kein erklärendes Wörterbuch, und so sind wir dement- 
sprechend an Sonderwörterbüchern recht arm. Und doch sind diese als 
Grundlage für den künftigen Thesaurus unbedingt notwendig. Wir müßten 
Wörterbücher für einzelne Zeitabschnitte, wie etwa das sechzehnte Jahr- 
hundert, haben, oder auch für einzelne Schriftsteller wie H. Sachs, Goethe. 
Es liegen hier sehr dankenswerte Aufgaben vor. Im folgenden führe ich 
an, was bisher vorhanden ist. 

Um das Verständnis des Frühneuhochdeutschen zu erleichtern, hat 
A. Götze ein Frühneuhochdeutsches Glossar herausgegeben, Bonn 1912. 
Für Luther hat Ph. Dietz „ein Wörterbuch zu Dr. Martin Luthers deutschen 
Schriften" Leipzig 1870 begonnen, das leider nur bis H gediehen ist, aber 
bis zu diesem Buchstaben recht wertvoll ist. 

In der seit 1862 erschienenen deutschen Bibliothek, herausgegeben 
von H. Kurz, in der der Esopus von Burkhard Waldis, die simplizianischen 
Schriften von Grimmeishausen und Fischarts sämtliche Dichtungen vorliegen, 
finden sich stets kurze Wörterverzeichnisse, die natürlich nur der Erklärung 
dienen sollen, aber doch dankbar zu begrüßen sind. Auf Gottscheds Be- 
deutung für die deutsche Sprache hat Eugen Reichel wiederholt hingewiesen 
und auch seine Begeisterung für ihn in die Tat umgesetzt, einmal in dem 
kleinen Gottsched Wörterbuch, Berlin 1902 Gottsched-Verlag, in dem die 
Wörter und Wortzusammensetzungen verzeichnet sind, die Gottsched an- 
geblich für unsere Schriftsprache teils neu geschaffen, teils aus alten Schriften 
hervorgesucht und wieder zum lebendigen Besitz unseres Volkes gemacht 
hat. Aber Reichel überschätzt Gottsched zweifellos. Ein wirklicher Neu- 
schöpfer ist er kaum gewesen. Vieles, was Reichel für ihn in Anspruch 
nimmt, ist wesentlich früher belegt. 

Sehr wertvoll ist sein großes Gottschedwörterbuch, Berlin 1906, Gott- 
schedverlag, von dem bis jetzt allerdings nur der erste Band vorhegt. 

§ 49. Aufgaben der Wortforschung. Aus dieser Übersicht kann man er- 
kennen, was die deutsche Lexikographie bisher geleistet hat und was sie 
noch leisten muß. Daß das deutsche Wörterbuch nur stellenweise den An- 
forderungen entspricht, die an ein wirklich wissenschaftliches Wörterbuch 
der deutschen Sprache zu stellen sind, ist schon bemerkt worden. Abgesehen 
davon, daß der endgültige Abschluß noch in weitem Felde steht, müßten 
auch die ersten drei Bände völlig neu bearbeitet werden. Aber auf dem 
bisherigen Wege der Zersplitterung und der Einzelarbeit werden wir nie- 
mals zu dem ersehnten großen deutschen Wörterbuch kommen, dem Wörter- 
buch, das schon Leibniz erstrebte, und das immer wieder gefordert werden 



72 Zweites Kapitel. Die Sammlung des Wortschatzes, 



wird, bis es zur Vollciiduii.cj S«^la"i?t. Welche Anforderungen an ein solches 
Werk zu stellen sind, wird der Leser aus der Darstellung dieses Buches, 
das die verschiedenen Seiten der Wortforschung behandelt, ersehen können. 
In Kürze hat sie Paul, SB. der phil. Kl. d. K. Bayer. Akad. 1894 S.53, formuliert. 
Es ist zu erstreben: 

1. eine möglichst genaue Abgrenzung der Sphäre des Gebrauchs für 
jedes Wort und jede Verwendungsweise; 

2. Festsetzung, in welchen Verkehrskreisen ein Wort gebraucht wird; 

3. Fesstellung des räumlichen Gebrauchs eines Wortes; 

4. Feststellung, welchen Gebrauchskreis die technischen Ausdrücke haben. 
Das sind natürlich Forderungen, die nur für die Gegenwart völlig gelöst 

werden können. Paul hat mit Recht darauf hingewiesen, daß es nur eine 
Epoche gibt, in der uns der Wortschatz mit allen seinen Verwendungsweisen 
und seinen Bedeutungen völlig bekannt ist, und das ist die Gegenwart. 
Im Hinblick auf die geschichtliche Entwicklung wird diese gar leicht ver- 
nachlässigt, während sie doch gerade den höchsten Wert hat. Natürlich 
muß das große Wörterbuch auch die geschichtliche Entwicklung berück- 
sichtigen, wie das ja schon bisher geschehen ist. 

Ehe aber ein solches vollkommenes Unternehmen ins Werk gesetzt 
werden kann, müssen noch die mannigfaltigsten Vorarbeiten geschaffen wer- 
den. Der Wortschatz müßte systematisch von vielen gesammelt werden. Wir 
müßten zu manchen Schriftstellern, wie Goethe, Schiller, Herder, Wieland, 
erst Sonderwörterbücher haben, damit wir den Wortschatz jedes einzelnen 
Schriftstellers überblicken könnten. Kurz es ist auf dem Gebiete der deutschen 
Wortforschung unendlich viel zu tun, es sind unendlich viele Mitarbeiter 
nötig; das Schöne dabei aber ist, daß hier schließlich jeder Gebildete mit- 
arbeiten kann. Er braucht sich zunächst nur auf einen kleinen Kreis zu 
beschränken. Vgl. zu dieser Frage noch W. Meyer-Lübke, Aufgaben der 
Wortforschung, Germ.-rom. Monatsschrift 1, 634 — 647; H. Suolahti, Über 
Methoden und Aufgaben der deutschen Wortforschung. Neuphilol. Mittcil. 
1909, 28—44 f. 

§ 50. Wörterbücher für den Lehrer. Es fragt sich nun, welches Wörterbuch 
der Lehrer benutzen soll. Das Grimmsche Wörterbuch ist natürlich nicht 
überall zugänglich und für den gewöhnlichen Gebrauch auch zu umfang- 
reich. Alle andern aber erfüllen doch nur einiges von dem, was man 
braucht. Kluge ist etymologisch und legt neuerdings auf die Altersbestimmung 
der Worte einiges Gewicht. Doch ist nach dieser Richtung seine Arbeit 
ganz unzureichend und wird entschieden durch Weigand übertroffen, der 
auch viele Ableitungen und Zusammensetzungen, dazu die Fremdwörter mit 
aufnimmt. Bei Paul findet man vor allem die Bedeutungsentwicklung. Heyne 
will ein kleiner Grimm sein und hat infolgedessen sehr viel Worte ver- 
zeichnet. Ausgezeichnet ist er durch Heranziehung der Gebrauchsweise der 
neuern Schriftsteller. 



§ 51. WÖRTERBÜCHER DER ÜBRIGEN GERMANISCHEN SPRACHEN. 73 

So wird man also mit einem Werke nicht auskommen. Welches man 
bevorzugen will, muß sich nach den Neigungen des einzelnen richten. 

§51. Wörterbücher der übrigen germanischen Sprachen. Da man nicht selten 
bei der Wortforschung zu den übrigen germanischen Sprachen greifen muß, 
so seien hier die wichtigsten Werke aus diesen Gebieten angeführt. 

1. Gotisch: VON der Gabelenz und Lobe, Glossarium der gotischen Sprache, Bd. II 
Abt. 1 der Wulfilaausgabe 1843, ziemlich vollständig. — E. Schulze, Gotisches Glossar. 
Mit einer Vorrede von Jakob Grimm, 1848. Angabe sämtlicher Stellen, doch zum Teil auf 
einem veralteten Text beruhend. — Das Beste bietet jetzt Streitberg, Die Gotische Bibel. 
Zweiter Teil: Gotisch-Griechisch-Deutsches Wörterbuch, Heidelberg 1910, weil sein Text 
auf den neuen Lesungen der italienischen Handschriften beruht. 

2. Skandinavisch: Altnordisch und altisländisch: Sv. Egilsson, Lexicon poe- 
ticum antiquae linguae septentrionalis, 1844 — 1860. Neue Ausgabe von F. Jönsson, Kopen- 
hagen 1913 ff. — JoH. Fritzner, Ordbok over det gamle norske Sprog, 1862 — 1867, 
2. Aufl. 1886 ff. — MöBius, Altnordisches Glossar. Wenn das Werk auch nur den Wort- 
schatz einer bestimmten Anzahl von Texten umfaßt, so ist es doch sehr nützlich ge- 
wesen. — G. ViGFUSSON, Icelandic-English Dictionary, 1869. Hier ist auch der poetische 
Wortschatz aufgenommen. — G. T. ZoEGA, A concise dictionary of Old Icelandic, Oxford 
1910. — H. Gering, Vollständiges Wörterbuch zu den Liedern der Edda, 1902. — Jon. 
Thorkelsson, Supplement til islandske Ordbeger, 1876. Anden Sammling, 1879—85, 
Tredje Sämling 1890 — 94 lieferte wertvolle Nachträge zu den übrigen Wörterbüchern. — 
Neuisländisch: G. T. ZOEGA, Ensk Islensk Ordabok (englisch-isländisch), Reykjavik 1896. 
Islensk-ensk Ordabok 1904. — Jonas Jonasson, Ny dönsk ordabok (dänisch-isländisch), 
ebenda 1896. — Norwegisch: Aasen, Ordbog over det norske Folkesprog, 1850, 2. Aufl. 
Norsk Ordbog 1873. — H. Ross, Norsk Ordbog 1889 ff. — Shetlandsinseln: Jakob 
Jakobsen, Etym. ordbog over det norröne sprog pä Shetland. Köbenhavn 1908 ff. — 
Schwedisch: A. F. Dalin, Ordbok öfver svenska spraket, Stockholm 1850—53. — K. F. 
SöDERWALL, Ordbok öfver svenska Medeltidspraket, Lund 1884 ff. — Rietz, Svensk dialekt 
lexikon, Malmö 1867. — Ordbok öfver svenska spraket, utgifven of Svenska akademien, 
Lund 1893 ff. Das Wörterbuch gibt eine geschichtliche Darstellung des Wortschatzes der 
schwedischen Reichssprache vom Jahre 1520 bis zu unsern Tagen. Vgl. darüber ZfdW. 7, 322. 
Es entspricht v.nserm Grimm. B. Hesselmann, Ordbok öfver Upplands folkmäl. Stockholm 
1915. — Für den praktischen Gebrauch ist zu empfehlen Hoppe, Stockholm 1892. — 
Dänisch: Dansk Ordbog, udgiven under Videnskabernes Selskabs Bestyrelse, 1791 — 1906. 

— Chr. Molbeck, Dansk ordbog 2 Bde. 1833, 2. Aufl. 1854—59. Handwörterbuch, aber 
sehr vollständig. — O. Kalkar, Ordbog til det äldre danske Sprog, 1300—1700, Kopen- 
hagen 1880 ff. — Molbeck, Dansk Dialektlexikon, 1833—1841. — Deutsch-dänisch: 
Bresemann, 2 Bde. 1852—55, Grönberg, 4. Aufl., 2 Bde. 1864, Helms, 2 Bde., 6. Aufl. 
1895, Kayser, 4. Aufl. 1900. 

3. Niederländisch: A. C. Oudemans, Middel- en Oudnederlandsch Woordenboek, 
Arnstein 1870. — E. Verwijs und J. Verdam, Middelnederlandsch Woordenboek, Haag 
1885 ff. — J. Verdam, Middelnederlandsch Handwoordcnboek, s'Gravenhage, 1908, 1911. — 
DeVries und Te Winkel, Woordenboek der Nederlandsche Taal. Entspricht unserm Grimm. 

4. Friesisch: K. von Richthofen, Altfriesisches Wörterbuch 1840. — J. Halbertsmas, 
Lexicon frisicum, 1874 (unvollendet, bis F.). — W.Dijkstra und B.Hettema, Friesch Woorden- 
boek, 3 Bände, Leeuwarden 1890. Band 4 enthält ein Namenwörterbuch von Winkler, 1898. 

— Waling Dijkstra, Friesch Woordenboek, Leeuwen 1909. — J.Schmidt-Petersen, Wörter- 
buch und Sprachlehre der Nordfriesischen Sprache nach der Mundart von Amrum und 
Föhr, Petersen Husum 1912. — P. Möller, Wörterbuch der Sylter Mundart. Jb. d. Ham- 
burger Wissensch.Anstalten. 1915. 



74 Drittes Kapitel. Entlehnungen aus dem Germanischen. 



5. Englisch: Bosworth-Toller, An Anglo-Saxon Dictionary 1882; jetzt das beste 
altenglischc Wörterbuch; dazu ein Supplement. Oxford 19Ü8 ff. — Grein, Sprachschatz der 
angelsächsischen Dichter, 2 Bände 1H61 — 1864. Sammlung des Wortschatzes der angel- 
sächsischen Dichtungen mit reichem Stellenverzeichnis. Unter Mitwirkung von F. Hoi.T- 
hausen neu herausgegeben von J. J. Köhler, Heidelberg 1912 f. — H. Sweet, Glossar zu 
den Oldest English Texts. — H. Sweet, The Student Dictionary of Anglo-Saxon, Oxford 
1897. — Stratmann, Old English Dictionary, 1864 ff. 3. Aufl. 1878, behandelt die Sprache 
des 1 2. — 1 4. Jahrhunderts. — Sl ratmann, middlc English Dictionary. reviscd by H. Bradley, Ox- 
ford 1891. — James Murkay, New english dictionary, 1884. — Al. Schmidt, Shakespeare- 
Le.xikon, 1874. 2. Aufl. 1886. — Wriüht, The English Dialect Dictionary 1896 ff. 

§ 52. Zeitschriften. Der deutschen Etymologie und Wortforschung sind 

natüdich sehr viel einzelne Arbeiten, teils Monographien, teils Aufsätze in 

Zeitschriften gewidmet. Fast alle sprachwissenschaftlichen und germanistischen 

Zeitschriften enthalten auch Beiträge zur Wortforschung. Daher folgt hier 

eine Liste. 

1. Sprachvergleichende Zeitschriften: Kuhns Zeitschrift für vergleichende Sprach- 
wissenschaft, Berlin 1852 ff. Abgekürzt KZ. — Bezzenbergers Beiträge zur Kunde der indo- 
germanischen Sprachen, 1877 ff. Abgekürzt BB. — Brugmann und Streitberg, Indo- 
germanische Forschungen nebst Anzeiger, 1892 ff. Abgekürzt IF. — 2. Germanistische 
Zeitschriften: Haupts Zeitschrift für deutsches Altertum, 1841 ff. Abgekürzt ZfdA. — Pfeif- 
fers Germania, 1856 — 1892. Abgekürzt Germ. — Zachers Zeitschrift für deutsche Philo- 
logie, 1869 ff. Abgekürzt ZfdPh. — Paul-Braune, Beiträge zur Geschichte der deutschen 
Sprache und Literatur, 1874 ff. Abgekürzt Btr. — Journal of germanic Philology, 1897 ff. — 
Lyons Zeitschrift für den deutschen Unterricht, 1886 ff. Abgekürzt ZfdU. — S.Zeitschriften 
für Wortforschung: Sanders' Zeitschrift für deutsche Sprache, 1887 ff. — Kluges Zeit- 
schrift für deutsche Wortforschung, 1901 ff. Abgekürzt ZfdW. — Auch die Zeitschrift des 
allgemeinen deutschen Sprachvereins (abgekürzt ZADS.) ist hier zu nennen, namentlich 
aber die Wissenschaftlichen Beihefte dazu (abgekürzt WB.). 



V Drittes Kapitel. 

Entlehnungen aus dem Germanischen. 

§ 53. Bedeutung der Entlehnungen für die Wortgeschichte. Wenn wir die 
deutschen Worte an der Hand der Denkmäler zurückverfolgen, so gelangen 
wir bis an den Ausgang des 8. Jahrhunderts. Dazu kommen aus früherer 
Zeit die bei römischen Schriftstellern und in Inschriften überlieferten Namen, 
zu denen sich auch einzelne Wörter gesellen. Bedeutend weiter führt uns 
die Sprachvergleichung; aber es gibt noch eine andere unmittelbare Quelle, 
die wir zunächst ins Auge fassen müssen, das sind die germanischen Wörter, 
die in fremde Sprachen entlehnt worden sind. Entlehnungen aus dem 
deutschen Sprachschatz haben zu allen Zeiten stattgefunden, und es bildet 
die Untersuchung dieser Wörter eine wichtige Aufgabe der Wortforschung. 
Sie zeugen von der politischen oder kulturellen Herrschaft des deutschen 
Volkes, und sie sind in mehr als einer Hinsicht wichtig. Zunächst werden 
gewiß nur Worte entlehnt, die in der Sprache häufig gebraucht werden 



§ 53. Bedeutung der Entlehnung für die Wortgeschichte. 75 



oder etwas sehr Ausgeprägtes bezeichnen, so daß wir dadurcli ein Hilfs- 
mittel bekommen, die Verwendungsweise des Wortes zu bestimmen. Zweitens 
sind Worte oft schon in Zeiten herübergenommen worden, für die eine 
schriftliche Überlieferung fehlt. Nicht selten beginnt aber auf dem fremden 
Sprachgebiet die Überlieferung früher, oder es läßt sich aus andern Um- 
ständen die Zeit der Entlehnung und damit das Vorhandensein des Wortes 
in unsrer Sprache für eine frühe Zeit genauer feststellen. Und drittens haben 
sich sogar manchmal in fremden Sprachen Worte erhalten, die im Ger- 
manischen ganz und gar verloren gegangen sind oder wenigstens in unserm 
Deutsch nicht mehr gebraucht werden. So gibt es ein altbulg. kladezi 
.Brunnen', das auf ein got. '-'kaldiggs, eine Ableitung von kalt zurückgeht. 
Diese bemerkenswerte Bildung ist weder im Gotischen selbst noch anderswo 
erhalten. Nach Kluge stammt abg.gospod/ 'Herr' aus einem got gastifads 
= I. hospes aus '--'hostipots, was sehr ansprechend ist. Unser Wort blond 
ist aus dem Romanischen entlehnt, frz. blond, ital. biondo, mlat. blundiis. 
Das romanische Wort aber stammt vermutlich aus dem Germanischen, wenn- 
gleich es dort nirgends mehr erhalten ist. Wenn solche Fälle wie diese nicht 
gerade häufig sind, so geschieht es um so häufiger, daß jetzt verlorene 
Worte in der fremden Sprache noch vorliegen. So ist das frz. gonfanon 
, Fahne' aus dem ahd. gundfano , Kriegsfahne' entlehnt, gant , Handschuh' 
stammt aus ahd. want, das wir nur noch in der Seemannssprache als Wanten 
.Seemannshandschuhe* haben. Andere Beispiele sind: ixz. guerre aus ahd. 
werra ,scandalum' zu wirren; frz. gage aus germ.-got. wadi .Pfand', d. 
Wette; frz. senechal, ital. siniscalco setzt ein germ. sina-skalks aus sina ,alt' 
zu loX. senex \xn6. skalks , Knecht' voraus; frz. hetre ist aus einem Wort ent- 
lehnt, das nur noch mundartlich als Heister fortlebt. Weitere Beispiele siehe 
unten § 59. 

Nicht selten haben wir dann später das ursprünglich deutsche Wort 
wieder zurück erhalten, wie z. B. Email. Es stammt aus einem Wort, das 
unserm Schmelz zugrunde liegt; Fauteuil ist aus einem alten faldestaol 
herübergenommen, das wir jetzt noch umgewandelt in Feldstuhl besitzen; 
Loge ist das altgerm. ^iaiibja, jetzt Laube; Marschall aus frz. marechal 
ist ahd. marahskalk eig. , Pferdeknecht' zu marcha , Pferd', jetzt Mähre. 
Weitere Beispiele findet man in der unten angeführten Liste der Entlehnungen 
ins Französische § 59 und § 243. 

Daneben bieten sich als Ergebnis dieser Untersuchungen kulturgeschicht- 
liche Erkenntnisse aller Art. Diese aus dem Germanischen entlehnten Worte 
liefern Zeugnisse für die Geschichte und Kultur der Deutschen, für ihre 
kriegerische Tüchtigkeit und manche andere Eigenschaft. Sie geben Kunde 
von der Herrschaft der Goten in Italien und Spanien, der Franken in Frank- 
reich usw. Wenn diese Völker ihre Herrschaft und ihre Sprache nicht er- 
halten konnten, so haben sie doch unvergängliche Spuren von ihrem Da- 
sein in der Sprache hinterlassen. 



76 Drittes Kapitel. Entlehnungen aus dem Germanischen. 



Eine ircjendwie erschöpfende Angabe der in fremde Sprachen ent- 
lehnten Wörter wird hier nicht geboten, sondern nur eine allgemeine Über- 
sicht. Nur mit den Lehnwörtern, die das Französische aus dem Deutschen 
erhalten hat, mache ich den Zwecken dieses Buches entsprechend eine 
Ausnahme und führe zahlreiche Beispiele an. 

§ 54, Wege der Entlehnung. Zwei Bemerkungen sind hier noch voraus- 
zuschicken. Erstlich kann ein Wort zunächst immer nur in die Nachbar- 
sprache entlehnt werden. Zweitens kann es dann aber wandern und in 
weite Fernen gelangen. Da aber germanische Stämme zur Zeit der Völker- 
wanderung fast alle Teile Europas berührt haben, so ist auch in ziemlich 
entfernten Gegenden unmittelbare Entlehnung nicht ausgeschlossen. Die 
Entscheidung, was wir anzunehmen haben, wird sich auf Grund ge- 
schichtlicher und sprachlicher Erwägungen meist treffen lassen. Wenn wir 
also germanische Lehnwörter im Neugriechischen finden, so ist gewiß un- 
mittelbare Entlehnung aus der Sprache gotischer Stämme nicht ausgeschlossen, 
aber doch nicht sehr wahrscheinlich, weil die Berührung nur oberflächlich 
und kurz gewesen ist. Über die Gesetze, nach denen die Entlehnung vor 
sich geht, vgl. § 97. 

§ 55. 1. Entlehnungen ins Lateinische und Griechische. Bei ihnen handelt 
es sich um Bezeichnungen für Gegenstände, die den Alten ursprünglich 
unbekannt waren und ihnen erst im Norden entgegentraten. Die Wörter 
aber sind deshalb wichtig, weil sie uns zum Teil in sehr altertümlicher 
Lautgestalt entgegentreten. Freilich läßt sich nicht immer entscheiden, ob 
das Wort unmittelbar aus dem Germanischen oder erst durch Vermittlung 
des Keltischen nach dem Süden gekommen ist. So nennt Cäsar die alces^ 
jetzt Elch, den nriis, jetzt Auerochse, ganta ,Gans' erwähnt Plinius, glesum 
, Bernstein', ags. gUrre steht bei Tacitus. Natürlich wird nur weniges in die 
Schriftsprache der Römer eingedrungen sein, viel mehr sicherlich in die 
Volkssprache, und eine Anzahl von Worten, die gemeinromanisch sind, 
dürften schon in alter Zeit entlehnt sein. So finden wir in allen romanischen 
Sprachen eine Reihe germanischer Farbenbezeichnungen wie blanco, briino, 
gnso, blavo, falvo, blondo, , blond'. Letzteres aber ist im Germanischen 
überhaupt nicht belegt. Eine eingehende Behandlung der hier vorliegenden 
Frage bietet J. Bruch, Der Einfluß der germanischen Sprachen auf das 
Vulgärlatein, Heidelberg 1913. 

§ 56. 2. Die germanischen Lehnwörter im Finnischen. 

Literatur: W. Tho.msen, Über den Einfluß der germanischen Sprachen auf die fin- 
nisch-lappischen, deutsch von E. Sievers, 1870; S. 9 sind die altern Arbeiten über den 
Gegenstand besprochen. — E. N. Setälä, Zur Herkunft und Chronologie der älteren ger- 
manischen Lehnwörter in den ostseefinnischen Sprachen, Album Donner 1905. — T. E. 
Karsten, Zur Frage nach den ,gotischen' Lehnwörtern im Finnischen, Idg. Forsch. 22. 290 ff. 
T. E. Karsten, Altdeutsche Kulturströmungen im Spiegel des finnischen Lehnworts, IF. 26, 
236 ff. — E. N. Setälä, Studien aus dem Gebiete der Lehnbeziehungen. S. A. aus 
Finnisch-Ugrischen Forschungen t2. — Außerdem besteht noch eine weitverzweigte Literatur, 



§ 56. 2. Die germanischen Lehnwörter im Finnischen. 77 

die kaum zu überblicken war. Datier ist es seiir dankenswert, daß finnische Forscher uns 
über das, was erschienen ist, unterrichtet haben: E. N. SetäLÄ, Bibliograpiiisches Verzeichnis 
der in der Literatur behandelten älteren germanischen Bestandteile in den Ostseefinnischen 
Sprachen. S. A. aus den Finnisch-Ugrischen Forschungen 13. Festgabe für Viih. Thomsen 
2. Teil, Helsingfors 1912—1913. — W. Schlüter, Über Beeinflussung des Esthnischen durch 
das Deutsche. S. B. der gelehrten Esthnischen Gesellschaft 1909. Einen allgemein unter- 
richtenden Aufsatz bietet jetzt T. E. Karsten, Die germanischen Lehnwörter im Finnischen 
und ihre Erforschung. Germ.-rom. Monatsschrift 6, 65 ff., der auch auf einige Mängel des 
bibliographischen Verzeichnisses von Setälä hinweist. — T. E. Karsten, Germanisch-finnische 
Lehnwortstudien, Helsingfors 1915. Dazu WiKLUND, IE. 38, 48 ff. 

Die Finnen, ein Volk nicht indogermanischier Sprache, wohnen seit 
langer Zeit im Norden Europas in den Gebieten, die sie jetzt noch inne 
haben. Daß sie von der germanischen Kultur beeinflußt sind, darf man 
nach der allgemeinen Lage der Dinge als selbstverständlich annehmen. 
Wie stark aber dieser Einfluß gewesen ist, das hat erst die Arbeit von 
Thomsen klargelegt, und vor allem hat sie unzweifelhaft festgestellt, daß 
die große Masse der Worte, die dem Finnischen und Germanischen ge- 
meinsam sind, aus dieser Sprache in jene entlehnt sind. Dabei ist nun noch 
mancherlei auffallend. Zunächst das Alter der Entlehnungen, denn sie gehen 
weit in die vorliterarische Zeit zurück. Und zweitens die Treue, mit der 
die ursprünglichen Formen bewahrt sind. Da die finnischen Sprachen nicht 
derartig einschneidende Lautveränderungen erlitten haben, wie die ger- 
manischen, so treten uns im Finnischen oft genug die germanischen Worte 
ganz oder beinahe in der Form entgegen, die wir als urgermanisch er- 
schließen können. 

So haben wir: kar. agja 'Spitze', d. Edze; — l\nn. aka na 'palea', d. Ahne; — ankea, 
d. eng; — arina, d.Ern; — armas 'gratus, carus', d. arm; — autia 'desertus, non cultus', d. 
öde; — haikara 'ardca, ciconia', ahd. /z^/^/ro 'Reiher'; — harras 'ardens, incitatus; pietate 
ardens', d. hart; — havakka, haiikka, d. Habidit; — jukko, d. Jodi; — kaisla. d. Geißel; — 
kana 'gaWma, 6. Hahn; — kattila, d.kessel; — kaunis, d.sdiön; — kaura, d. Hafer; — 
keihäs, d. Ger; — kello, d. Schelle; — kernas, d. gern; — keula{s), d. kiel 'Schiff; — 
kulta, d. Gold; — kuningas, d. König; — kuiiro, kuuru 'Versteck', d. kauern; — laina 'mu- 
tuum', d. Lehen; — lanimas, d. Lamm; — lantio, d. Lende; — laiitta 'ponto, ratis', d. Floß; 
— leipä, d.Laib; — liina, d. Lein; — liuta 'Schar, Menge', d. Leute; — luode, d. Flut; — 
maha 'venter', d. Magen; — mallas, d. Malz; — multa 'humus, pulvis terrae', d.Müll; — 
myyriäinen 'Ameise', d. Miere; — naappa 'Schöpfgefäß', d. Napf; — napakaira 'terebra', d. 
Naber, Näber,ahd. naba-ger; — naula, d. Nagel; — neula, n{i)ekla, d. Nadel; — nuora 'restis, 
funis', d. Schnur; — pade, d. Pfad; — paita, d. Pfaid; — palje, d. Balg; — pankko, d. Bank; — 
panta, d. Band; — patja, d. Bett; — pelto, d. Feld ; — putina, d. Bütte; — puutio d. Pfütze; — 
raaka, d. Rahe; — raippa, d. Reif 'Seil'; — rengas, d. Ring; — riita, d. Streit; — ruoke, d. 
Bruch 'Hose'; — ruoto, d. Rute; — saip(p)ua, saip{p)io, d. Seife; — sairas, d. sehr; saivo 
'klare Stelle im See', d. See; — satula, d. Sattel; — siula, d. Segel; — taika, d. Zeichen; — 
tanko. d. Stange; — teljo, d. Diele; — tina, d. Zinn; — vaiva, d. Weh; — äiti 'Mutter' 
got. aipei. 

Die Heranziehung des Finnischen ist demnach für die Wortforschung 
in den altern Sprachperioden sehr wichtig. — Der Ort, wo diese Ent- 
lehnungen stattgefunden haben, ist noch nicht mit genügender Sicherheit 
ermittelt. Die Hauptmasse stammt aus dem Skandinavischen, doch sind 



78 Drittes Kapitel. Entlehnungen aus dem Germanischen. 

wahrscheinlich auch Germanen, die in den baltischen Provinzen gesessen 
haben, die Vermittler ^^ewesen. Auf das Gotische ist kaum zurückzugehen. 

§ 57. 3. Germanische Lehnwörter im Preußischen und Litauischen. Da WO 
in geschichtlicher Zeit die alten Preußen sitzen, finden wir nach den Nach- 
richten der Römer die Goten, und es ist daher ohne weiteres anzunehmen, 
daß das Gotische auf das Preußische und weiter auch auf das Litauische 
eingewirkt hat. In der Tat gibt es einige, wenn auch nicht allzu zahlreiche 
altgermanische Wörter im Preußischen und Litauischen, vgl. Hirt, Beitr. 23, 
344 ff. Später von dem Beginn der deutschen Ordensherrschaft an haben 
dann die Preußen und Litauer zahlreiche deutsche Worte aufgenommen, 
Prkllwitz, Die deutschen Lehnwörter im Preußischen und Lautlehre der 
deutschen Lehnwörter im Litauischen, Göttingen 1891, hat sie gesammelt 
und bearbeitet. Jetzt ist das Litauische stark mit deutschen Worten durchsetzt. 

§ 58. 4. Die germanischen Lehnwörter im Slawischen. 

Literatur: Safarik. Slavische Altertümer 1, Leipzig 1843, S. 429, 440. — Miklosich, 
Die Fremdwörter in den slawischen Sprachen, Denkschriften der Kaiserl. Akad. d. Wiss., Wien 
1867, phil.-hist. Klasse Bd. 15. — Matzenauer, Cizi slova ve slovanskych retech. VBrnö 1870. 
— Uhlenbeck, Die germanischen Wörter im Altslavischen, Archiv für slav. Phil. 15,481 ff. — 
Hirt, Zu den germanischen Lehnwörtern im Slavischen und Baltischen, Btr. 23, 330 ff. — 
R. Löwe, Altgermanische Elemente der Balkansprachen: 4. Slawisch; KZ. 39, S. 313 ff. — 
A. Brückner, Cywilizacja i jr-zyk. Szkice z dziejöw obyczajowosci-polskiej in der Bibljoteka 
Warszawska 1898 Band 3 und4, selbständig 1901. — J. Peisker, Die älteren Beziehungen 
der Slawen zu Turkotataren und Germanen; SA. aus der Vierteljahrsschrift für Sozial- und- 
Wirtschaftsgeschichte 3, S. 57 [243] ff. — O. Schrader, Die germanischen Bestandteile des 
russischen Wortschatzes und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung; WB. z. ZADS. 4. Reihe, 
Heft 23, 24 S. 99. — G. Borchling, Die niederdeutschen Elemente in den deutschen Lehn- 
wörtern des Polnischen. Verh. d. 50. Versammlung deutscher Schulmänner in Graz 1909. 
S. 140 l. 

Die Zahl der germanischen Fremdwörter im Slawischen ist schon in 
alter Zeit sehr bedeutend und hat sich mit der Zeit immer noch verstärkt. 
Wann dieser Einfluß und die Herübernahme von Worten begonnen hat, 
wissen wir nicht genau. Vermutlich hatte sie in der Zeit der Wanderung 
und der Herrschaft der Goten in Osteuropa angefangen, während sich 
später die dauernde Einwirkung an den Grenzen hinzugesellte. Die frühesten 
Einwirkungen fallen in eine Zeit, in der die slawischen Stämme noch auf 
ziemlich engem Räume beieinander saßen. Da die große Masse der alten 
Fremdwörter allen slawischen Sprachen gemeinsam ist, so ist diese An- 
nahme eine notwendige Voraussetzung, 

Oft genug läßt sich aus den lautlichen Verhältnissen nicht sicher ent- 
scheiden, ob ein slawisches Wort aus dem Germanischen entlehnt oder ur- 
verwandt ist. In solchem Falle müssen bei der Untersuchung die andern Um- 
stände, die wir unten angeführt haben, herangezogen werden, und es senkt 
sich dann meistens die Wagschale zugunsten der Annahme von Entlehnung. 

Auf die russische Sprache im besondern hat noch die schwedische 
gewirkt, da die Schweden die Gründer des altrussischen Reiches waren. 



§ 59. Die germanischen Lehnwörter in den romanischen Sprachen. 79 

Ihre Sprache haben sie zwar bald aufgegeben, aber die alten Namen be- 
hielten sie bei, und manche sind dann von den Russen wieder zu uns 
gekommen. Vgl. GDS. 99. 

§ 59. 5. Die germanischen Lehnwörter in den romanischen Sprachen. 

Literatur: F. Kluge, Germanen und Romanen in ihren Wechselbeziehungen. Grd. 
d. rom. Phil. 1, 385-397. — F. Kluge, Germanen und Römer. Grd. d. germ. Phil. 1'. — E. 
Waltemath, Die fränkischen Elemente in der franz. Sprache, Paderborn 1885 (Straßb.Diss.). — 
G. Mackel, Die germ. Elemente in der franz. und provenzalischen Sprache. Frz. Studien 
6, 1 Heft. Dazu A. Pogatscher, ZsfrPh. 12, 550. — W. Brückner, Charakteristik der germ. 
Elemente im Italienischen, Basel 1899. — M. GoLDSCHMiDT, Zur Kritik der altgerm. Elemente 
im Spanischen, Bonn 1887. — W. Meyer-Lübke, Einführung in das Studium der rom. 
Sprachwissenschaft^, Heidelberg 1909 S. 51 ff. Allgemeine unterrichtende Übersicht. — Eugen 
Ulrix, De Germaansche Elementen in de Romaansche Taalen. Proeve van een germaansch- 
romaansch woordenboek, Gent 1907. Hier findet sich auch die weitere Literatur. — D. Behrens, 
Beiträge zur französischen Wortgeschichte und Grammatik, Studien und Kritiken 1910. 

Im allgemeinen sind wir gewöhnt, uns als die zu betrachten, die von 
den Romanen zahllose Lehnworte empfangen haben, und in der Haupt- 
sache ist es ja so auch seit Jahrhunderten gewesen. Aber es gab auch 
eine Zeit, in der es einmal anders war. Zur Zeit der Völkerwanderung 
waren die Germanen die Sieger. Es gibt nur wenige Teile des gewaltigen 
römischen Reiches, die die Germanen auf ihren Wanderungen nicht berührt 
haben. Ja, auf der Balkanhalbinsel, in Italien, in Frankreich und Spanien 
haben sie zum Teil jahrhundertelang geherrscht. Eine solche Herrschaft 
konnte nicht ohne Einfluß auf die Sprache der unterworfenen Völker bleiben, 
und tatsächlich sind alle romanischen Sprachen voll von Entlehnungen aus 
dem Germanischen. Diese Erscheinung hat natürlich die Romanisten seit 
langem beschäftigt, und die Literatur darüber ist außerordentlich reichhaltig. 
In dem oben zuletzt angeführten Werk von Ulrix ist sehr viel zusammen- 
getragen und eine gute Übersicht gegeben. 

Es kann auch hier nicht unsere Aufgabe sein, diese Frage irgendwie 
zu erschöpfen, da sie uns ja nicht unmittelbar angeht; nur mit den ger- 
manischen Lehnwörtern im Französischen wollen wir uns etwas ausführ- 
licher beschäftigen. 

Die Entlehnung germanischer Worte ins Französische beginnt sehr 
früh, da ja zweifellos schon die alten Gallier germanische Wörter herüber- 
genommen haben. Dann empfingen die Römer germanische Worte, die 
auch ins Französische übergingen. In der Zeit der Völkerwanderung sind 
eine große Anzahl gemeinromanischer Entlehnungen vollzogen. Die Haupt- 
masse aber kommt durch die Frankenherrschaft im 5. Jahrhundert. Ich gebe 
im folgenden ein reiches Material, wobei ich mich auf die Sammlungen 
von Hatzfeld-Darmesteter in ihrem Dictionnaire stütze. Ich verzichte aber 
darauf, die Form, aus der das französische Wort entlehnt ist, genau zu er- 
schließen, weil dazu eine Kenntnis der Lautveränderungen im Französischen 
gehört, die ich nicht besitze. Aber da es uns hier nur auf die Wortgeschichte 



80 Drittes Kapitel. Entlehnungen aus dem Germanischen. 

ankommt, so scheint mir dieser Mangel nicht von allzu großer Bedeutung 
zu sein. Jedenfalls wird man über die Fülle der entlehnten Worte erstaunt 
sein. Sie geben Kunde von der lange andauernden Herrschaft, die die 
Franken über unser westliches Nachbarland ausgeübt haben. 

adoiiber 'ausbessern' aus germ. ''diibban 'schlagen'; — affre 'Schrecken, Entsetzen', 
ahd. eibar 'scharf, bitter'; — agace 'Elster', ahd. agalstra; — aigrette 'Reiher', ahd. heigir; — 
agraffe zu ahd. krapho Haken'; — alise 'Eisbeere', d. Erle; - allen 'Gut', ahd. allöd 
'Allodium'; — andie 'Mundstück an Blasinstrumenten', ahd. andia 'Röhre'; — aiine 'Elle', 
ahd. alina, elina; — avadiir 'schlaff werden', ahd. wcihhen 'weich machen'; — babine 'Lippe', 
alem. ftrt/>/J<' 'Schnauze'; — balle 'Ball', ahd. balla; — ban 'feierliche Bekanntmachung' von 
bannir, ahd. bannan, ban; — banc, ahd. bank; — bände 'Binde, Band' aus bende, ahd. binda; 

— bannii'ie 'Banner', vgl. got. bandi 'Band, Fessel'; — bar 'ein Fisch', a\\d.bars; — bütir 
'heften, reihen' aus *bastjan, ahd. bestan: — bau 'Querbalken', ahd. baldio; — 6a«rf 'Hirsch- 
hund', ahd. bald 'schnell'; — baudrier 'Wehrgehänge', ahd. balderih; — bcdeau 'Pedell', ahd. 
bital 'Büttel'; — beffroi 'Warte', ahd. bergvrit; — beton 'erste Milch' von afrz. bet, ahd. biost 
'Biestmilch'; — biez 'Mühlgerinne', ahd.bed 'Bett'; — biere 'Bahre', ahd. bara 'Bahre'; — bla- 
fard bleich, blaß, matt', ahd. bleih-varo 'bleiclifarben'; — blanc, ahd. blank; — biet 'überreif, 
anfrk. biet 'bleich'; — bleu, ahd. blao ; — bloc, ahd. blodi 'Block'; — borde 'Hütte', ags. bord; — 
bouc, ahd. bodi; — bourg, ahd. bürg; — bouter urspr. 'stoßen', agerm. '''boutan. ahd. bOzzan 
'stoßen'; — bradiet 'Spürhund', ahd. bracdio; — braise 'glühende Kohlen', ahd. brasa; — 
branicr 'wie ein Hirsch schreien', ahd. breman, davon Brunft; — brand , Ritterschwert', germ. 
*brand; — brandon 'Strolifacker, germ. 'brand; — breche 'Lücke, Bresche', ahd. bredia; — 
brelan 'Spiel', ahd. bretlinc, Dim. von Brett; — bretne, ahd. brahsema 'Brassen'; — bride 

Zaum, Zügel', ahd. britil; — broder 'sticken', germ. -brozd 'Spitze'; — brosse, germ 
*burstja, 'Bürste'; — *roü(^<? 'Staubregen', brouet 'Bouillon', d. brodeln; — brouir 'versengen', 
mild, brücjen; — brouter 'abgrasen', germ. '-'bruston; — broyer 'zerbrechen', ahd. bredian; — 
bru 'Schwiegertochter', got brüps; — brun, ahd. brün; — buee 'feuchter Dampf, Wäsche', d. 
baudien, ndd. büken; — buron 'Sennhütte', ahd. bnr; — butin 'Beute', d. Beute; — carcan 
'Halseisen', ahd. querca; — diambellan 'Kammerherr', ahd. kamarlinc; — diamois, d. Gemse; 

— diarivari, der zweite Bestandteil zu d. wirren; — chaton 'Ringkasten', d. Kasten; — 
choisir, zu ahd. kiosan 'wählen'; — diope, d. Sdioppen; — diopper .stolpern', d. sdiuppen; 

— dioqucr'%{o2>tn, vielleicht zu engl, to s/iok; — ciron 'Milbe', ahd. siuro; — clapet 'Klappen- 
ventil', d. Klappe; — clapper mit der Zunge schnalzen', d. klaffen ; — clendie, d. Klinke; — 
codie 'Schiff, ahd. cocdxo; — cotte 'Weiberrock', d. Kotze; — crabe, d. Krabbe; — crampon 
d. Krampe ; — credie, d. Krippe ; — cresson, d. Kresse ; — Croupe, d. Kropf; — crudie, d. Kruke ; — 
danser 'tanzen', ahd. dansün 'ziehen'; — dard 'Wurfspieß', ags. darod; — de-diirer, andfr. 
skcrran; — rft^-^a^rjt?//- 'aufgeben, fahren lassen', d. werfen; — de-rober 'stehlen', d. rauben; — 
rfrflg^^o« 'Wurzelschößling', d. treiben, Trieb; — e -b loui r %\tndtn , d. blöde; — ^ca/V/e 'Schuppe', 
got. skalja 'Ziegel'; — ecale 'äußere Schale', ahd. scala 'Schale'; — edianson 'Mundschenk', 
d. Schenke; — ediarpe '^'md(i, Szhäx\)t' , d.Sdiärpe; — cdiauguette 'Warte, Warthäuschen', 
d. Sdianmacht; — ediine 'Rückgrat', d. Schiene; — edioppe 'Krambude, Schuppen', d. 
Sdiuppen; — eclisser 'spalten', d. sdileißen; — ecofier 'Schuhmacher', d. Sdiuh; ecot 
'Baumstumpf, Reiser', d. Sdioß; — ecrevisse 'Krebs', d. Krebs; — ecume 'Schaum', d. 
Sdiaum; — ef-frayer 'erschrecken', d. Friede; — elingue 'Seilschlinge', d. Sdilinge; — 
email, ags. smelt, d. Sdimelz; — empan, afrz. espan Spanne', d. Spanne; — hardi, d. 
hart; — f'parre 'Sparren', d. Sparren; — epargner, d. sparen; — epeidie 'Buntspecht', 
d. Spedit; — epeler buchstabieren', got. spillön 'verkünden, erzählen'; — eperlan, d. 
Spierling; — eperon, d. Sporn; — epervier, d. Sperber; — ^^p/Vr 'erspähen', d. spähen; 

— epieu 'Spieß', agerm. ""speot; — epoule, d. Spule; — estamper, d. stampfen; — estoc 
'Baumstamm', d. Stodi; — estrif, d. Streit; — esturgeon, ahd. sturio 'Stör'; — etat 
•Fleischertisch', d. Stall; — faite 'Giebel, First', d. First; — falaise 'steiles Gestade, Klippe', 



§ 59. 5. Die germanischen Lehnwörter in den romanischen Sprachen. 81 

d. Felsen; — fanon 'Fähnlein', d. Fahne; — fauder 'zusammenlegen', d. falten; — fauteuil. 
d. Feldstuhl; — fauve 'falb', d.falb; — feurre, fouarre 'Futterstroh', ahd.fuotar 'Futter'; — 
feutre 'Filz', d. Filz —fief 'Lehen, ahd. Jehu 'Vieh'; — flan 'Torte', ahd. flado, 'Fladen'; — 
flatir 'hämmern', and. flat 'flach, glatt'; — f latter 'schmeicheln', ebenfalls von flat; — flot 
'Welle, Woge', got flüdus 'Flut'; — flou 'weich, sanft', d. lau; — fourbir 'putzen, polieren', 
ahd. furbjan 'reinigen, putzen'; — fournir 'mit etwas versehen', ahd. frumjan 'fördern, voll- 
bringen'; — /ourr^-fl« 'Scheide, Futteral', got. /örfr 'Scheide', d. Futter, dazu auch fourrer 
'mit Pelz verbrämen, füttern'; — frais, ahd. frisk 'frisch'; — franc 'frei', d. Franke; — freux 
'Saatkrähe', ahd. hruoh 'Krähe, Häher'; — frimas 'Reif, ahd. hrlm 'Reif; — froc 'Mönchskutte', 
d. Rodi;— gage 'Pfand', got. wadi 'Pfand', d. Wette; — gagner 'verdienen', ahd. weidinön 
'weiden, jagen'; — gant 'Handschuh', ndd. Wanten 'Seemannshandschuh'; — garder 'beob- 
achten, halten, wehren', d. warten; — garnir 'versehen mit etwas', d. warnen; — gaudiir 
•sich werfen, schief werden', d. wanken; — gaufre 'Wabe, Waffel', d. Waffel; — gazon 'Rasen', 
ahd. waso 'Rasen'; — gene 'Geständnis', zu ahd. je han 'bekennen', noch in Beidite; — gerbe, 
d. Garbe; — gerfaut 'Geierfalk', ahd. gtr-falko; — giron, mhd. gere 'keilförmiges Stück an 
einem Kleide'; — glisser, d. gleiten; — gonfanon 'Kirchenfahne', ahd. gundfano; — gres 
'Sandstein', ahd. grioi 'Sand'; — gi'Ufe 'Kralle', von d. greifen; — gris 'grau', d. greis; — 
grommeler, d. grummeln; — gruau, d. Grütze; — gruyer 'Forstmeister', zu d. grün; — guede 
'Färberwaid', d. Waid; — guerdon 'Belohnung', zu d. wider; — guere, ahd. weigaro 'heftig, 
sehr'; — guerir, d. wehren; — guerre, ahd. werra 'Streit', wirren; — guider, got. witan; — 
guimpe 'Schleier', d. Wimpel; — guiper 'mit Seide überspinnen', got weipan 'bekränzen'; — 
guise 'Art, Weise, Sitte', d. Weise; — hadie 'Axt, Beil', d. Hippe; — haie 'Hecke', d. Ffag; — hai'r, 
d. hassen; — haire 'härenes Gewand', zu d. Haar; — halle, d. Halle; — hameau'VJtilti, Dörf- 
chen', d. Heim; — hanap 'Humpen', d. Napf; — handle 'Hüfte', d. Hanke; — happer 'gierig 
schnappen', d. happen; — harde 'Rudel', d. Herde ; — hareng, d. Hering; — harpe, d. Harfe; — 
häte 'Eile', got. haifsts 'Streit' ; — haiibert 'Y^anztxhtmd' , mhd. /za/s&^rc 'Panzerhemd' ; — haveron 
'wilder Hafer', d. Hafer; — havre 'Hafen', d. Hafen; — heaume, d. Helm; — heberge, d. Her- 
berge; — heron 'Reiher', ahd. heigir; — hetoudeau, d. Hagestolz; — hetre 'Buche', ndl. 
heester; — /zo/z/2i> 'beschimpfen', d. höhnen, dazu honte; — houe'Hazke' , d. Haue; — houseaux 
'Gamaschen', d. Hose; — houx 'Stechpalme', ahd. hulis; — jardin, d. Garten; — /a/d 'häßlich', 
d. leid; — laper 'lecken', engl, lap; — latte, d. Latte; — ledier 'lecken', ahd. lediün; — lippe 
'vorstehende Unterlippe', d. Lippe; — löge 'Hütte, Verschlag, Loge', ahd. louba 'Laube'; — 
loquet 'Klinke, Drücker', zu got. lakan 'verschließen'; — lot 'Los', got. hlauts 'Los'; — madre 
'gefleckt, gemasert', d. Maser; — malle 'Felleisen', ahd. malaha ; — marais 'Sumpf, Morasf , 
d. Marsdi; — marc 'Gewicht', d. Mark; — mardie 'Grenze', d. Mark; — mare 'Pfuhl', ahd. 
■■tnara, vorauszusetzen als Grundwort ixxx Marsdi; — maredial, ahd. marahscalk; — marquer 
'zeichnen, bezeichnen', d. merktn; — marsouin, d. Meersdiwein; — martre, d. Marder; — 
mät, d. Mast; — mesange, d. Meise; — meurtre, got. maürpr'M.OTd' ; — morille, d. Mordiel; — 
wor/ze 'traurig, finster', got. wazir«a/z 'trauern'; — moufle 'Fausthandschuh', and. (latinisiert) 
muffula ; — mousse, d. Moos; — mulot ,Feldmaus', zu mul in Maulwurf; — nantir 'ein Unter- 
pfand geben', zu d. nehmen; — navrer 'verwunden', zu d. Narbe; — nord, d. Nord; — orgueil 
'Hochmut, Stolz', zu ahd. urguol 'insignis'; — ouest, d. West; — quille 'Kegel', d. Kegel; — 
rang 'Reihe, Ordnung', d. Ring; — räpe 'Reibeisen', d. Raspel; — regretter zu got. grttan 
'weinen'; — ridie, d.reidi; — r/d^r 'runzeln, kräuseln', ahd. garidan; — rodiet 'Chorhemd', 
zu d. Rodi; — roseau 'Rohr, Schilf, d. Rohr, got. raus; — rotir, d. rösten; — rouir 'Flachs 
rösten', vgl. d. verrottet; — sale, ahd. salo 'schmutzig'; — salle, d. Saal; — senedial, 
germ. '-sini-scalk 'Altknecht'; — serancer 'hecheln', d. Sdiranze und Sdirunde; — souper, 
super, d. saufen; — sud, d. Süden; — sur, d. sauer; — taisson, d. Dadis; — taper 
'klappsen', von ahd. tappa 'Hand'; — targe 'Tartsche, Schild', ags. targe; — tarir 'aus- 
trocknen', zu dörren; — tette 'Zitze", ndd. Titte; — tique, d. Zedie; — tombtr, engl. 
to tiimble 'umstürzen'; — touaille 'Rolltuch', zu ahd. twahan 'waschen'; — toupet, d. 
Zopf; — tourbe, d. Torf; — trappe 'Falltür', in der lex salica trappa; — tre-budier 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 5 



82 Viertes Kapitel. Urschöpfung und künstliche Worte. 



'stolpern', zu 6. Raiidi; — ^r^f^ 'Waffenstillstand', a\\(\. triiiwa 'Treue'; — troene 'Hart- 
riegel', ahd. [harOtrugil. 

Aus dieser Liste mag man ersehen, wie tief und nachhaltig der Einfluß 
des Germanischen auf das Französische schon in alter Zeit gewesen ist. 
Besonders beachtenswert erscheint, daß Ausdrücke wie Nord, Süd, West 
entlehnt worden sind. Es weist dies auf eine starke Überlegenheit der ger- 
manischen Schiffahrt hin, worauf schon G. Baist, ZfdW. 4, 257, Germanische 
Seemannsworte in der französischen Sprache, hingewiesen hat. Auf die 
Lehnworte der neuen Zeit einzugehen muß ich unterlassen, obgleich auch 
sie manches Bemerkenswerte bieten. 

§ 60. 6. Die deutschen Lehnwörter in den sonstigen Sprachen. Es ist nicht 
möglich, die Wirkungen des hochdeutschen Wortschatzes auf die andern 
Sprachen mit irgendwelcher Ausführlichkeit darzustellen. Es mangelt dazu 
der Raum, es fehlen aber auch noch die Vorarbeiten. So begnüge ich mich 
mit einigen Andeutungen. 

Das Hochdeutsche bekommt früher eine geschriebene Literatur als das 
Niederdeutsche, es regt sich dort eher die mönchische Gelehrsamkeit, und 
so ist es kein Wunder, daß es mehr und mehr in seinem Wortschatze auf 
die Sprache Niederdeutschlands abzufärben beginnt. Dieser Einfluß ist mit 
den Jahrhunderten immer stärker geworden und heutzutage ist das Nieder- 
deutsche von hochdeutschen Worten durchsetzt, ebenso natürlich das Nieder- 
ländische. Nicht minder ist das heutige Skandinavische sehr stark dem 
deutschen, insbesondere natürlich dem niederdeutschen Einfluß ausgesetzt 
gewesen. Wäre das Niederdeutsche zur deutschen Schriftsprache geworden, 
so würde dieser noch viel stärker geworden sein. 

Anmerkungl. Vgl. hierzu M. Kristensen, Fremmeordene i det aeldeste danske skrift- 
sprog. Diss. Köbenhavn 1906. Ida Marquardsen, Der Einfluß des Mittelniederdeutschen 
auf das Dänische im 15. Jahrh. Btr. 33, 405— 458. Frank Fischer, Die Lehnwörter des Alt- 
westnordischen I.Teil, Berl. Diss. 1909. Das Ganze als Band 85 der Palästra. 

Ein gewaltiger Strom deutscher Worte ergießt sich weiter nach Osten 

und Südosten. Zahlreiche deutsche Worte sind in die Balkansprachen und 

schließlich bis ins Neugriechische vorgedrungen. 

Anmerkung 2. Vgl. über die Lehnwörter der altern Zeit in diesen Gegenden Thumb, 
Germanistische Abhandlungen, Herm. Paul dargebracht, S. 225 ff. (dazu Hesseling, Byzant. 
Ztschr. 12, 595). R. Löwe, Altgermanische Elemente der Balkansprachen, KZ. 39, 265 ff. 
KisCH, Altgermanische Elemente in Rumänien. Festgabe zur Feier der Einweihung des neuen 
evangelischen Gymnasial-, Bürger- und Elementarschulgebäudes in Bistritz (Siebenbürgen). 
Zugleich Beilage zum Programm des Bistritzer Obergymnasiums. Vgl. Litbl. 1913, 46. — 
1. Borcia, Deutsche Elemente im Rumänischen, Leipzig 1908, Barth. — Über die deutschen 
Elemente im Ungarischen siehe Lumtzer und Melich, Deutsche Ortsnamen und Lehn- 
wörter der ungarischen Sprache. Innsbruck 1900. 

Selbst in das heutige Englisch sind deutsche Wörter gedrungen, vgl. 
A. EiCHLER, Hochdeutsches Sprach- und Kulturgut im modernen englischen 
Wortschatze, Anglia Beiblatt 19, 238. 

§ 6L Rückblick. Überblickt man die vielen germanischen Worte, die 



§ 61. Rückblick. § 62. Urschöpfung. 83 

ihren Weg nach auswärts gefunden haben, so wird man billig erstaunt sein 
über ihre Menge. Sie dürften an Zahl denen wenig nachgeben, die wir 
selbst aus andern Sprachen aufgenommen haben. Die Wege, die sie ge- 
gangen sind, entsprechen den Wegen der deutschen Geschichte und der 
deutschen Kulturentwicklung, wie wir sie aus andern Quellen kennen. In 
manchen Punkten zeugen sie freilich von einer Wirksamkeit der Germanen, 
wie sie keine Geschichte kennt. Von dem nachhaltigen Einfluß der Ger- 
manen auf die Finnen würden wir ohne die Kenntnis der Lehnworte wenig 
ahnen, und noch weniger würden wir ahnen, daß in den baltischen Pro- 
vinzen schon sehr früh germanische Stämme gesessen haben. So liegt denn 
schon hier ein Fall vor, wo die Wortforschung der Geschichte als helfende 
Dienerin zur Seite steht. Damit stoßen wir auf eine Aufgabe der Sprach- 
forschung, deren Bedeutung zuerst J. Grimm klar erkannt hat. Daß diese 
Untersuchungen aber auch dazu beitragen, das Alter germanischer Wörter 
genauer zu bestimmen, was ja für unsere Zwecke die Hauptsache ist, das 
dürfte aus dem Angeführten klar hervorgehen. 



Viertes Kapitel. 
Urschöpfung und künstliche Worte. 

§ 62. Urschöpfung. Wenn man die Aufgabe erfüllt hat, ein Wort mög- 
lichst weit zurückzuverfolgen, so ist damit noch immer nicht in allen Fällen 
die Frage nach der wahren Herkunft der Worte gelöst. Auch im Indo- 
germanischen treten uns fertige, nicht weiter erklärbare Wörter entgegen. 
Man sollte sich m,it dieser Erkenntnis begnügen. Aber der menschliche 
Geist ruht nicht. Er möchte trotz der scheinbaren Unmöglichkeit, weiter 
vorzudringen, gern wissen, wie gerade dieses Wort, diese Lautgruppe zu 
dieser bestimmten Bedeutung gekommen ist. Wollten wir hierauf eine Ant- 
wort geben, so müßten wir das schwierige Problem des Ursprungs der 
Sprache erörtern und vielleicht die vielen Versuche, diese Frage zu lösen, 
um einen neuen vermehren. Das wollen wir aber nicht tun. Indessen ist 
doch darauf hinzuweisen, daß die Schöpfung der Sprache nicht ein ein- 
maliger Vorgang gewesen ist, sondern daß zu allen Zeiten Grundbestand- 
teile der Sprache — man nennt sie Wurzeln — neu gebildet worden sind. 
H.Paul hat dies mit Urschöpfung bezeichnet. 

„Das Wesen der Urschöpfung", sagt er in seinen Prinzipien der Sprach- 
geschichte, „besteht darin, daß eine Lautgruppe in Beziehung zu einer 
Vorstellungsgruppe gesetzt wird, welche dann ihre Bedeutung ausmacht, 
und zwar ohne Vermittlung einer verwandten Vorstellungsgruppe, die schon 
mit der Lautgruppe verknüpft ist." Diese Lautgruppe muß aber dem Vor- 
stellungsinhalt entsprechen, es muß eine innere Beziehung zwischen der 
Lautgruppe und der Bedeutung vorhanden sein, wenn sich eine solche 

6* 



84 Viertes Kapitel. Urschöpfung und künstliche Worte. 



Benennung verbreiten soll. Es muß, kurz gesai:jt, der Lautgruppe ein ge- 
wisser lautmalender Charakter eigen sein. 

Wir können ein ganz neues Beispiel für diese Art der Urschöpfung 
anführen. Es ist das Wort Töfftöff für Automobil. Daß wir hierin ein 
durchaus richtiges Wort vor uns haben, unterliegt ja keinem Zweifel, und 
ebenso, daß wir hier dem Ursprung sicher nachkommen können. Es wird 
wohl kaum gelingen, die Lautgruppe töfftöff vor Auftreten der Automobile 
nachzuweisen, sie ist vielmehr die Wiedergabe des von den Fahrern ge- 
gebenen Warnungszeichens, die man zu der Vorstellungsgruppe Automobil 
in Beziehung setzt. Daß sich dieser Ausdruck hätte durchsetzen können, 
ist unbestreitbar. Ähnlich steht es mit dem vor etwa vierzig Jahren auf- 
gekommenen Krikri. Dieses, einen eigentümlichen knackenden Ton hervor- 
bringende Instrument war sicher nach seinem Ton benannt. Weiter nenne 
ich Klimbim und Tingeltangel, die sogar Duden verzeichnet. Wir sehen 
also, wie Worte in unsrer Zeit neu entstehen können, und wir schließen, 
daß es so auch in frühern Zeiten gewesen ist. 

§ 63. Lautmalende Wörter. Nun gibt es in unsrer Sprache eine ganze 
Reihe von Worten, die erst verhältnismäßig spät auftreten, zum Teil gewiß 
deshalb, weil die Überlieferung lückenhaft ist, zum Teil aber auch weil sie 
auf ähnlichem Wege, wie die oben erwähnten, entstanden, also wirklich Ur- 
schöpfungen sind. Paul hat eine große Anzahl derartiger Worte zusammen- 
gestellt, und es hat sich dabei gezeigt, „daß es vorzugsweise solche sind, 
die verschiedene Arten von Geräuschen und Bewegungen bezeichnen". Für 
mich unterliegt es keinem Zweifel, daß viele der von Paul angeführten Worte 
tatsächlich lautmalender Natur sind: 

baffen, bambeln, bammeln, bardauz, bummeln, bimmeln, batzen (nd. schallend auf- 
fallen), patsdien, bauzen (= batzen 'bellen'), belfen, belfern, blaffen, blarren. blerren. 
blatzen, platzen, pletzen. bletschen. pletsdien, platsdiern, planschen, panschen, plätschern, 
blodern, plaudern, blubbern, plappern, blauzen, böller, bollern, bubbeln, bullern, ballern, 
boldern, poltern, bompern, bumpern, buff, buffen, puff, puffen, burren. bubbeln. puppein, 
puppern, dudeln, fimmeln, fummeln, flattern, f linder, flindern, Flinderling, flandern, flink, 
f lodern, flunkern, flüstern, gackeln, gackern, gacksen, gagagen, gatzen. gautsdie. gautschen. 
ganzen, gidisen. kicksen, girren, glucken, glucksen, grackeln, hampeln, happen, hummen. 
humpen, humpeln, hätscheln, holpern, hurren. huschen, hussen. jaulen. Jodeln, Johlen, 
kabbeln, kakeln, keckern. kidiern, kirren, kischen 'zischen', klabastern, Klachel oder 
Klädiel, bayer. 'Glockenschwengel oder anderes baumelndes Ding', klaffen, kläffen, klap- 
pen, klappern, klatschen, kletzen, kieschen {— klatschen). Klimbim, klimpern, klirren, 
klitschen, Klunker, knabbeln. knabbern, knadien, knacks, knarpeln. knarren, knarzen, 
knarsdien. knatsdien, knattern, knirren, knirschen, knittern, knurren, knasdieln. knaspeln, 
knastern, knisten, knistern. Knaster (-hart), knatsdien, knetsdien, knitsdien, knutschen, 
knattern, knittern, knuffen, knüffeln, knüllen, knuppern, knurren, knuspern, koken, 
kollern, kotzen, kullern, krabbeln, kribbeln, krakeln, krakeln, kraspeln, kreischen, kreißen, 
kuckern 'cucurire', lode/n, lullen, mauen, mucken, mucksen, mummen, munkeln, nutsdien. 
paffen. Pamps. pappen, patschen, piepen, pfusdien. pimmeln, pimpeln, pimpelig, pinken, 
pisdi, pispern. pladdern, plantschen, plappern, plärren, platschen, platzen, plaudern, plotz. 
plumpen, plumpsen, potz, prasseln, pratsdien, prusten, puffen, pumpen, quabbeln, quab- 



§ 63. Lautmalende Wörter. § 64. Entwicklung der lautmalenden Wörter. 85 

belig, quackeln, quaken, quäken, quatschen, quiken. quietschen, rappeln, rapsen, rascheln^ 
rasseln, räuspern, rempeln, Rummel, rumpeln, \rüppeln, sdüabbern, schlampen, schlam- 
pampen, schlockern, sdilottern. schlürfen, scfimettern, Sdinack, sdinadien, sdinattern. 
sdinarren. sdirill, sdiummeln, schwabbeln, sdiwappen, sdiwirren, stöhnen, stolpern, strullen. 
summen, surren, tatschen, tätsdien, tätsdieln, ticken, torkeln, turzeln (hessisch = torkeln), 
trällern, tuten, wabbeln, wibbeln, watscheln, wimmeln, wimmern, wudeln, ziepen, zirpen, 
zischen, zischeln, zullen, zulpen, züsseln 'schütteln', zwitschern. Weitere Fälle hat O. Weise, 
ZfdU. 19, 510, in einem lesenswerten Aufsatz zusammengestellt. 

Wenn auch einzelne dieser Worte sicher ursprüngHch nicht lautmalend 
sind, so dürfte es doch für die meisten zutreffen. Und wenn man sich 
genau beobachtet, so wird man finden, daß man nicht selten selbst solche 
Wörter neu bildet, die freilich als Augenblicksschöpfung und Erzeugnis eines 
einzelnen keine Wahrscheinlichkeit haben, fortzuleben. 

Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt, 
Da ringelt's und schleift es und rauschet und wirrt. 
Da pispert's und knistert's und flistert's und schwirrt; 
Nun dappelt's und rappelt's und klappert's im Saal. 

Mit diesen Worten hat Goethe im Hochzeitslied zweifellos die Geräusche 
nachahmen wollen, und wir empfinden den lautmalenden Charakter seiner 
Worte ganz deutlich. Die i- Vokale drücken das feine Geräusch aus, während 
mit den a-Vokalen der vierten Zeile ein kräftigeres Treiben eintritt. Ob 
man sich von jedem Wort eine klare Vorstellung machen kann, ist sehr 
die Frage. 

§ 64. Entwicklung der lautmalenden Wörter. Wenn also in der Sprache 
stets neue Lautgruppen hervorgebracht werden, namentlich um Geräusche 
und ähnliches zu bezeichnen, so fragt es sich, wie die weitere Entwicklung 
vor sich gegangen ist. Nun, das ist leicht zu zeigen. Wenn Töff-töff das 
Automobil bezeichnet, so hat hier schon ein Bedeutungsübergang statt- 
gefunden, und das Wort hat sich von seiner Herkunft bereits losgelöst. 
Es könnte ja auch ein anderes Annäherungszeichen für die Automobile 
als das bisherige eingeführt werden, auf das die Lautgruppe töff nicht 
mehr passen würde, diese aber doch als Bezeichnung beibehalten werden. 
Dann hätten wir ein Wort, dessen lautmalende Herkunft nicht mehr zu er- 
kennen wäre. 

Ein anderes Beispiel ist das folgende. 

bim-bam-bum gebrauchen wir heute lautmalend, um die Glockentöne 
zu bezeichnen, und zwar verbinden wir mit bim den Begriff eines hohen, 
mit bum den eines tiefen Tones. Sobald diese Lautgruppen geschaffen 
waren, konnte man Wörter davon ableiten, wie wir denn wirklich bimmeln 
haben. Dies bedeutet ,mit einem feinen hohen Ton längere Zeit klingeln'. 
Es liegt also schon mehr darin, als in dem einfachen bim. Mit dem Glocken- 
ton ist aber zweifellos die Bewegung des Klöpfels auf das engste verbunden, 
und daher tritt sehr leicht eine Bedeutungsübertragung ein von dem Ton 
auf die Bewegung des Klöpfels, die wir in bammeln, mundartlich für 'sich 



8^ 



ViERTKS Kapitel. Urschöpfung und künstliche Worte. 



hin und her bewegen' haben. Weiter in der Bedeutunj:jscntwicklunj^ ist 
bummeln ge^jangen. Auch liier ist die älteste Bedeutung 'tosen, lärmen'. 
Grimm führt aus dem Mhd. an des pumblens do die kuo verdrose\ daraus 
entwickelte sich 'sich hin- und herbewegen': die Arme bummeln lassen, 
und schließlich 'zwecklos hin- und hergehen, nichts tun'. Das Bremische 
Wörterbuch kennt alle drei Bedeutungen 'liSuten, schweben und schlendern'. 
Wenn heute aber der Student bummelt, so können wir in dieser Ausdrucks- 
weise die ursprünglich lautmalende Herkunft des Wortes nicht mehr er- 
kennen. 

Natürlich sind es zunächst hauptsächlich Interjektionen, die durch Ur- 
schöpfung neu hervorgebracht werden. Aber von ihnen können dann leicht 
zahlreiche Wörter neugebildet werden, wie folgende Beispiele noch zeigen 
mögen. Patsch ist eine Interjektion des schallenden Schlages oder auf- 
schlagenden Schalles. Davon dann Patsch m. 'schallender Schlag oder Fall' 
und patschen 'patschend aufschlagen', bes. im Wasser, dann überhaupt 'im 
Wasser herumgehen'. Patsdi m. oder Patsdie f. bedeutet den 'Straßenschmutz', 
und weiter 'Not und Verlegenheit' in der Redensart in der Patsche stecken. 
Weiter heißt Patsdie auch 'die Hand', vgl. Patschhand, sicher vom Ein- 
schlagen der Hände. Von patsdien ist patsdieln oder pätsdieln abgeleitet, 
das jetzt 'mit dem Ruder leicht und wiederholt auf dem Wasser aufschlagen' 
bedeutet. — Eine andere ähnliche Interjektion ist puff oder buff. Davon 
stammt Puff oder Buff m. 'dumpfer Schall ausbrechender Luft', dann auch 
'Schlag, Stoß'. In weiterer Bedeutungsentwicklung gehören dazu Puff 'bau- 
schiger Ärmel, aufgeblähtes kugelförmiges Kissen, eine Art Bier (in Halle)'; 
Puffer 'Knallbüchse' (Zeesen wollte Pistole mit Tasdienpuffer verdeutschen) 
und 'eine Art Kartoffelkuchen', benannt weil er beim Backen pufft. — Von 
der Interjektion pimni oder pimp stammt pimmeln oder pimpeln 'sich über 
kleine Unannehmlichkeiten immerfort beklagen'. 

Weitern Stoff bietet J. Reinius, Onomatopoetische Bezeichnungen für 
menschliche Wesen, bes. im Deutschen und Englischen. Studier i modern 
spnikvetenskap, utgivna av nyfilologiska sällskapet i Stockholm. Upsala 
1908, Heft 4. 

Leider fehlt es an einer ausreichenden Sammlung der Interjektionen 
für das Deutsche. Einiges steht bei J. Griau\, Deutsche Grammatik 3, 288 ff., 
Paul, Prinzipien ^ S. 157 ff. In sehr dankenswerter Weise hat uns aber Les- 
kien eine Sammlung derartiger Worte aus dem Litauischen gegeben, Idg. 
Forschungen 13, 165. Wir sehen hier unter wesentlich einfachem Verhält- 
nissen als im Deutschen eine geradezu überwältigende Fülle von Inter- 
jektionen und davon abgeleiteten Worten auftreten. 

Besonders deutlich zeigt sich die urschöpferische Kraft der Sprache 
bei der Benennung der Vögel. Dank der ausgezeichneten Arbeit von Suo- 
lahti. Die deutschen Vogelnamen, Straßburg 1909, erblicken wir hier den 
Stoff in außerordentlich bequemer Weise. Aus den Mundarten läßt sich 



§ 65. EINFLUSS DER KlNDERSPRACHE. 87 

außerordentlich viel nach dieser Richtung zusammenbringen. Ich führe einiges 
an, was mir ganz sicher scheint. Kuckuck; für Wiedehopf erscheint Hupp- 
hupp, Wuppwupp, Wuddwudd; Fink; Steiermark. Tschirg 'Sperling', Pirol, 
auch Byrolt, Bierholer, Vogel Bulo u. a., Krähe; Gockel, Kikeriki, Puthuhn, 
Glucke, Kurrhahn, Uhu. 

Anmerkung. Reicher Stoff findet sich auch bei W. Wackernagel, Voces variae 
animantium, 2. Aufl., Basel 1869. Vgl. dazu auch J. Winteler, Naturlaute und Sprache. 
Ausführungen zu W. Wackernagels Voces variae animantium. 1892. 

Wir haben hier also ein sehr anziehendes Gebiet vor uns, von dem 
es nicht wunderbar ist, daß es vielfach zu Untersuchungen gelockt hat, 
freilich meist von Leuten, die mit der Sprachwissenschaft nur sehr lose 
Fühlung hatten. Es ist ja auch zu verlockend, so in den Ursinn der Worte 
einzudringen. Aber es ist gefährlich dieses Gebiet zu betreten, und es sei 
daher hier eine Warnungstafel aufgerichtet. Es ist schon längst darauf 
hingewiesen, daß nicht alles, was uns lautnachahmend klingt, es auch wirk- 
lich ist. Wir sind unserseits geneigt, durch eine Art Volksetymologie, manches 
fälschlich als lautnachahmend aufzufassen. So könnte man bei stehen an 
Ableitung von der Interjektion st\ denken. Bei brodeln hat man unwill- 
kürlich die Empfindung der Bewegung. Aber man täuscht sich hier. Auf 
diesem Gebiet kann uns nur eingehende, vorsichtige Untersuchung von 
den heutigen Worten ausgehend, zu einwandfreien Ergebnissen führen. 
Leider ist aber gerade dieses Gebiet der Tummelplatz der Laien, und es 
gibt eine ganze völlig wertlose Literatur, die Versuche enthalten, alles laut- 
nachahmend zu erklären. 

§ 65. Einfluß der Kindersprache. Aber es gibt noch einen andern Weg 
zur Schaffung neuer Worte; er führt über die Kinder und ihre Sprache. Das 
Kind bringt selbst frühzeitig eine Anzahl einfachster Lautgruppen pa, ma, 
ta, ba, na hervor. Diese natürliche Erscheinung wird dadurch verstärkt, daß 
ihm die Mutter oder Pflegerin derartige Silben vorspricht, und daß das 
Kind damit allmählich einen bestimmten Sinn verbindet. So sind Mama 
und Papa entstanden, Worte, die heute eine ganz bestimmte, aber leicht 
abzuleitende Bedeutung haben. Wird nun ein solches Wort von den Kindern 
und später auch von den Erwachsenen beibehalten, so werden es Sprach- 
bestandteile, deren Ursprung man nicht immer leicht erkennen kann, nament- 
lich wenn sie durch die lautliche Entwicklung der Sprache verändert sind. 
So entwickelt sich aus dem idg. '■^'mä-ma im Germ. *niö-niö, das lautgesetz- 
lich weiter zu Muhme führt. Da Mama immer wieder neu erzeugt wurde, 
so konnte dieses Wort eine besondere Beziehung auf ein andres weibliches 
Wesen annehmen. Derselbe Stamm Hegt auch unserm Memme zugrunde. 
Es bedeutet ursprünglich 'Mutterbrust, Euter', daneben auch 'die Mutter', 
dann 'die Amme', 'die Kinderfrau' und schließlich 'einen feigen', 'weibischen 
Menschen'. Ebenso verhält es sich mit der Form bäbä. Abg. baba, lit. boba 
heißt 'alte Frau, Großmutter'. Bei uns wird daraus '*böbö und jetzt Bube. 



88 Viertes Kapitel. Urschöpfung und künstliche Worte. 



Vgl. auch en.i^l. baby. Man hat also bei uns bä mit anderm Bedeutungs- 
inhalt ausgestattet. Daneben haben wir schwdb. Babc 'Brot', Schweiz. Babi 
'Gericht aus Brotschnitten und Äpfeln', onid. Babe, Bäbe 'Art Kuchen'. Die 
Lautgruppe pa wird nicht nur zur Bezeichnung des Vaters, sondern auch zur 
Bezeichnung des Essens gebraucht, in pap. Davon stammt dann pappen 
'essen', Pappe 'der Brei' und schließlich Pappe 'Kleister, gekleistertes Papier'. 
Sobald einmal ein Wort von seiner ursprünglichen Gebrauchssphare los- 
gelöst ist, so sind den Bedeutungsveränderungen keine Schranken mehr 
gesetzt. So gehen denn auch Vater und Mutter, idg. *patfr und '■rnntir 
wahrscheinlich auf die Lallsilben pa und ma zurück, die nach dem Muster 
andrer Wörter mit Suffixen versehen sind. Es gibt auch Fälle, wo die ver- 
schiedenen Sprachen die gleiche Lautgruppe hervorbringen. So finden wir 
z. B. aind. lälati 'tändelt, scherzt, spielt'. Dazu stimmt bulg. lelcm 'ich wiege', 
abg. lelja 'Tante', lit. Ulr 'Puppe', lit. lalüoti 'lallen', gx.XaXäo (laleo) 'schwatze', 
d. lallen, alles Worte, die auf die Silbe le, la zurückgehen, aber sehr 
verschiedene Bedeutungen angenommen haben. Unser lullen tritt erst neu- 
hochdeutsch auf mit den Bedeutungen 'an der Brust saugen', 'eine Melodie 
leise vor sich hinsingen', 'den Harn lassen'. Dazu stellt sich lautlich ent- 
sprechend aind. lulati 'bewegt sich hin und her', tschech. lulati 'wiegen, in 
Schlaf singen', russ. IJülIka 'Wiege'. Die verschiedenen Bedeutungen lassen 
sich nur verstehen, wenn man von einer Lallsilbe lu-lu ausgeht, mit der 
man verschiedene Bedeutungen verband. Ebenso findet sich die Lallsilbe 
am in verschiedenen Sprachen, d. Amme gr. äfipäq {ammäs), bask. ama 
'Mutter', usw., ta in jüddeutsch Tatte, 1. tata, gr. rdia (tdta). Auf at geht 
alem. ätti, ahd. atto, got. atta 'Vater' zurück (wovon Attila, d. Etzef), und 
dies findet sich noch in lat. atta, gr. äxTa (atta) 'Vater', ir. aite 'Pflegevater', 
abg. oticl 'Vater'. 

Anmerkung. Weiter gehören noch hierher babbeln, Bas, Base, Bemme, Mimi für 
Mildi, Nanne 'Vater' (schles.), Ninne 'Wiegenkind, Wiege', pipi, Popo, pupen, Puppe, 
puppern, tattern. Tote 'Pate', Zitze, nd. Titte aus titi. 

So haben wir denn in der Urschöpfung eine Quelle für die Entstehung 
neuer Worte. Freilich darf man ihre Zahl nicht allzuhoch einschätzen. Je 
jünger sie sind, mit um so größerer Sicherheit wird man sie auszuscheiden 
imstande sein. Man beachte auch, daß es meist Verba, selten Bezeichnungen 
für Gegenstände sind, die auf diese Weise entstehen. 

In der Kinder- oder Ammensprache spielt ein wortbildender Vorgang 
eine Hauptrolle, die Wiederholung oder Reduplikation. Aber es ist das 
eine so einfache Erscheinung, daß sie auch sonst hervortritt. In unsrer Um- 
gangssprache hat die Wiederholung eine verstärkende Wirkung, wie z. B. in 
komm, komm!, ein alter, alter Mann-undi das dürfen wir wohl auch z. T. 
wenigstens für die sonstigen reduplizierenden Bildungen unsrer Sprache 
voraussetzen. Im Germanischen tritt als wortbildendes Element noch der 
Ablaut hinzu. 



§ 66. KÜNSTLICHE Worte. 89 



So finden wir Fickfacker, Gickgadi, Gickelgackel, Hickhack. Klingklang. Krimskrams, 
lirumlarum, Muffmaff. ritsdiratsdi, ripsraps, Sdinickschnack. Sdinippsdinapp, Singsang. 
Tingeltangel, tipptopp, Wirrwarr, Zidizack. 

Diese Bildungen sind unverkennbar. Es kann aber sehr leicht wegen 
der Häufung der gleichen Buchstaben eine Dissimilation und ein Verlust 
einzelner Laute eintreten, so daß dann im Laufe der Zeit die Wiederholung 
nicht mehr zu erkennen ist. Das war schon im Indogermanischen der Fall. 

Von derartigen alten Bildungen haben wir: beben, ahd. bibcn; — Biber, ai. babhnis 
'braun'; Pfeifholter 'Schmetterling' aus mhd. vlvalter; — zittern, ahd. zitterön, anord. 
titra; das zweite t ist wegen des r nicht verschoben. 

§ 66, Künstliche Worte. Es gibt noch eine andere Quelle für die Be- 
reicherung unseres Wortschatzes, die allerdings erst in neuerer Zeit zu 
wahrer Blüte gelangt ist, es sind das die rein künstlichen Sprachen und 
Wörter. R. M. Meyer hat in seinem anregenden Artikel IF. 12, 33 f. und 242 f. 
manches besprochen, was hierher gehört. Er hat gezeigt, daß sich die künst- 
lichen Bildungen, die z. B. bei Dichtern als Interjektionen auftreten, doch 
an den gegebenen Sprachstoff anschließen müssen. Nach dieser Richtung 
ist indessen die Sprache kaum bereichert worden. 

Weiter hat die Wissenschaft mit ihrer in der Neuzeit so außerordent- 
lich gesteigerten Tätigkeit vor allem das Bedürfnis, neue Bezeichnungen zu 
schaffen. Im allgemeinen benutzt sie hierzu den Stoff der griechischen und 
lateinischen Sprache, den sie zu immer neuen Worten verarbeitet. Ander- 
seits verwendet sie auch die Namen bedeutender Männer, um allgemeine 
Bezeichnungen zu schaffen. So haben wir für elektrische Maße die Aus- 
drücke Volt nach VoLta, Watt, Ampere, Ohm, in denen nunmehr die Erin- 
nerung an die großen Entdecker fortlebt. 

Einen besondern Fall bildet das Wort Gas. Es ist eine freie Schöpfung 
des Alchimisten van Helmont in Brüssel (t 1644), das er wohl in Anlehnung 
an gr. ydog gebildet hat. Wir empfinden dies nicht einmal mehr als Fremd- 
wort. Auch der Handel und die Industrie sind an der Bildung künstlicher 
Worte stark beteiligt. Doch sind sie etwas andere Wege gegangen. Wir 
finden hier, wie Schirmer, Wörterbuch der deutschen Kaufmannssprache 
XLIII bemerkt, zwei Arten : Schutzmarken- und Initialkurzwörter. 

Während man als Schutzmarke früher einfach den Namen des Her- 
stellers oder Fabrikanten eines Artikels wählte — so haben wir eine Henry 
Clay, einen Kodak, einen Arnheim (Geldschrank), einen Blüthner (Flügel) 
— wählt man seit den 90er Jahren unter dem Einfluß des Warenzeichen- 
gesetzes reine Phantasienamen, zunächst aus dem griech.-lat. Sprachmaterial, 
geht dann aber zu Erfindungen beliebiger Art über. Schirmer führt a. a. O. 
Verse aus dem Ulk an, in denen diese Namen zusammengestellt sind. Sie 
sind in der ZADSV. 1910 Nr. 5 wieder abgedruckt. 

In der Tat eine reiche Fülle, und trotzdem ist der Stoff nicht erschöpft. 

Die Initialkurzwörter, d. h. die Bildung eines neuen Wortes aus den 
Anfangsbuchstaben mehrerer anderer, haben eine längere Geschichte. Es 



90 Fünftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

gellt, kann man sagen, auf die alte Sitte des Akrostichons zurück, und 
anderseits gehört es gewissermaßen auch liierher, wenn man im Altertum das 
Wort lyßv:: 'Fisch als' "hioor:: XnioTÜ^, i>eov vlög, oodd'jo deutete, obgleich hier 
wohl der umgekehrte Vorgang vorliegt. 

Zu wirklicher Einführung in die Sprache ist es wohl erst im 19. Jahr- 
hundert gekommen, und zwar zunächst in England, wo wir Ibea finden für 
Imperial British East Africa, wonach man bei uns Doa ^ Deutschostafrika 
geschaffen hat. Für den Exporthandel dienen auch bei uns die englischen 
Abkürzungen c//"= cost, insurance, freight und/o/; = free on board. Weiter 
sind dann bei uns entstanden: Hapag = Hamburg-Amerikanische Paket- 
fahrt-Aktiengesellschaft, Bedag = Berliner Elektrizitäts-Droschken-Aktien- 
gesellschaft, IIa = Internationale Luftschiffahrts- Ausstellung (1909) und viele 
andere, die der Leser aus eigener Kenntnis hinzufügen kann. 

Während es sich in diesen und andern zahlreichen Fällen um in ihrer 
Geltung beschränkte und vielfach wieder verschwindende Worte handelt, 
sind andere durchgedrungen. Der Name der Hakatisten, der Vertreter des 
Deutschtums im Osten ist gebildet aus den Anfangsbuchstaben der Be- 
gründer des Ostmarkenvereins, Hansemann, Kennemann, Tiedemann, und 
der Name der Kadetten, einer russischen Partei, ist eine Kürzung für kon- 
stitutionelle Demokraten. Teetotaler aus engl, teetotaller ist Kürzung für 
temperance total. 

Ob diese Bildungen schön sind, tut hier nichts zur Sache. Ich glaube 
nicht, daß ein auch noch so starkes Eifern sie wird beseitigen können, da 
sie praktisch sind. Was die Stenographie getan hat, indem sie sogenannte 
Siegel anwendet, d. h. einen Buchstaben für ein ganzes Wort anwendet, 
das kann auch die Sprache tun. Es sind eben Abkürzungen, und die heutige 
Sprache strebt nach Kürze. 

Psychologisch steht es mit diesen Vorgängen sozusagen auf einer Linie, 
wenn die Anfangsworte eines Satzes als Wort verwendet werden. 

Für diesen Vorgang haben wir folgende Beispiele: 

Tedcum, nach den Anfangsworten desambrosianischen Lobgesangs: Te deumlaudamus. 
Requiem, nach den Anfangsworten reqiiiem aeternam dona eis. 
Reseda, aus dem Anfang der lateinischen Zauberformel rescda morbos reseda 
'stille die Krankheilen!' 

§ 67. Geheimsprachen. Von einer künstlichen Umgestaltung des Sprach- 
stoffs kann man auch bei den Geheimsprachen reden. Hier ist vor allem 
die Gaunersprache wichtig, die wir § 197 behandeln. Sie strebt durch Um- 
stellen von Silben, Einschieben von Buchstaben die Sprache unkenntlich 
zu machen. Dasselbe findet sich als Spielerei auch bei unsrer Jugend. So 
gibt es eine p-Sprache, bei der ein p mit einem Vokal in jeder Silbe ein- 
geschaltet wird . Aus wir wollen fortgehen macht man wipir wopollepen foport 
gepehn. F. Seiler, ZfdGymnasialwesen 64, 447 kennt eine ^-Sprache: wibir 
wobolleben gebehn. Herr stud. Gotthard Krämer teilte mir 1911 Proben einer 



§ 67. Geheimsprachen. § 68. Die verschiedenen Schichten des Wortschatzes. 91 



«//-Sprache mit (aus Tisch wird Tinifisdi, aus Stuhl Stunifuhl) und einer 
«/-Sprache {Stunjiihl für Stuhl). Letzteres hätten sie als Kinder spanisch 
genannt. Es gibt noch viele andere Arten. 

Die Pennälersprache, die wir § 180 behandeln, zeigt kaum viele selb- 
ständige Züge, und so wird hier ohne Zweifel ein Zusammenhang mit der 
Gaunersprache bestehen. 

Bemerkenswert ist nun weiter, daß derartige Bildungen manchmal eine 
weitere Verbreitung gewinnen. So hat Kluge stibitzen als eine Bildung 
der ^-Sprache aus stitzeti aufgefaßt. Gewiß mit Recht. Neuerdings hat 
H. Schröder in seinem Buche 'Streckformen; ein Beitrag zur Lehre von 
der Wortentstehung und der germanischen Wortbetonung, 1906', mit diesem 
Grundgedanken eine große Fülle von bisher ganz dunkeln Worten erklärt. 
Es gibt eine Menge von Worten, die in der Literatur wenig gebraucht 
werden, aber in der Umgangs- und niedern Sprache nicht selten sind, die 
schon dadurch auffallen, daß sie dem Grundgesetz der germanischen Be- 
tonung widerstreiten, indem sie den Ton auf der zweiten Silbe tragen. 
Sie leben in allen Gegenden Deutschlands, haben aber gewöhnlich nur ein 
beschränktes Verbreitungsgebiet. Von den bei Schröder angeführten werden 
dem einen diese, dem andern jene bekannt sein. Ich führe die mir geläufigen 
an: Halunke, Philister, Kabäche, Kabuse, Latiichte, pardauz, rabänzen {mir 
als rabäntern geläufig), rabätzen, rasäunen, schmarotzen, kuränzen, kra- 
keelen, Kalmüser, Klabautermann, Kladderadatsch, salbädern, scharwenzeln, 
Menkenke. Von diesen sind einige mir zweifellos durch die Literatur geläufig 
geworden, andere aber leben in meiner Heimatsmundart. Nach Schröder 
sind diese Worte gebildet durch künstlichen Einschub einer Silbe. So er- 
klärt er Halunke aus Hunke, Filister aus Fister, Latuchte aus Luchte, par- 
dauz aus bauz, rabänzen aus ranzen, mhd. ranzen 'ungestüm hin- und 
herspringen', rabätzen aus ratzen, rasäunen aus raunen usw. Kann man 
auch bei einzelnen Worten die Erklärung anderswo suchen wollen, so halte 
ich doch den Grundgedanken für unzweifelhaft richtig. Diese Worte sind 
künstlichen Ursprungs, wenn wir auch noch nicht genau wissen, in welchen 
Kreisen derartige Worte gebildet sind. Da sie sich aber über ganz Deutsch- 
land verbreitet finden, so wird man in der Tat an die Gauner als Schöpfer 
denken dürfen. Behaghel schreibt sie allerdings einem Spieltrieb der 
Sprache zu. 

Fünftes Kapitel. 
Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

§ 68. Die verschiedenen Schichten des Wortschatzes. Mit den im vorigen 
Kapitel behandelten Worten, die auf Urschöpfung beruhen oder auf künst- 
lichem Wege entstanden sind, haben wir nur einen kleinen Teil des Wort- 



92 FOnftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

Schatzes besprochen. Es bleibt noch die überwältigende Mehrheit zurück. 
Diese ihrer Herkunft nach zu untersuchen und in ihrer Entwicklung zu 
verfolgen, bildet eine wohl niemals ganz zu erschöpfende Aufgabe. Von 
allen Seiten kommen neue Zuflüsse zu unserm Wortschatz hinzu, alle Zeiten 
haben neue Worte geschaffen, außer durch Urschöpfung, durch Ableitung 
und Zusammensetzung. Die Arbeiten, diese zeitlichen Schichten, diese ver- 
schiedenen Zuflüsse streng zu sondern, stehen noch in den allerersten 
Anfängen. Es sind bisher nur einige allgemeine Übersichten gegeben. 
So enthält der Gesamtindex zu Kluges Etymologischem Wörterbuch von 
V. F. Janssen, Straßburg 1899, eine Zusammenstellung der aus dem Indo- 
germanischen stammenden Wurzeln, die in germanischen Worten stecken. 
Eine zweite Abteilung stellt die Wurzeln zusammen, die nur im Germanischen 
belegt sind. Natürlich ist manch einzelner Fall heute anders aufzufassen, 
aber das ist nicht der größte Mangel. Dieser besteht darin, daß nur Wurzeln, 
keine Worte aufgeführt sind. Wurzeln sind leere Abstraktionen. Ein wirk- 
liches Leben haben nur die Worte. Eine dringend notwendige Aufgabe 
wäre die Sammlung aller deutschen Worte, die sich in gleicher oder nur 
durch besondere Umstände veränderter Gestalt in andern indogermanischen 
Sprachen nachweisen lassen. Ich gebe im Verlauf der Darstellung wenigstens 
die Anfänge einer solchen Sammlung, indem ich für eine Reihe kultur- 
historischer Begriffsgattungen die in andern Sprachen belegten Worte anführe. 
Kluges Wörterbuch selbst enthält eine chronologische Darstellung des 
neuhochdeutschen Wortschatzes, die für manche Zwecke gut zu verwerten 
ist. Ferner hat Bruno Liebich im Anhang zu seinen Wortfamilien einen 
etwas erweiterten Versuch gemacht, die verschiedenen Bestandteile der 
deutschen Sprache zu sondern, und es ist wohl angebracht, seine Übersicht 
hier wiederzugeben. Er unterscheidet Wortfamilien (Wurzeln) und Worte. 
Die einzelnen Worte, die von einer Wurzel abgeleitet sind, können ganz 
jung sein, selbst wenn die Wurzel aus dem Indogermanischen stammt, und 
daher haben diese Angaben nur den Wert, daß sie uns sagen, von welchen 
Stämmen die Worte abgeleitet sind. Wir finden nach ihm folgendes: 

Familien o„ Abgele^ete „^^ 

1. Indogermanische Familien 318= 11,9 13860= 29,1 

2. Europäische FamiHen 343 = 12,8 11729 = 24,7 

3. Germanische Familien 504 = 18,8 10171 = 21,4 

4. Westgermanische Familien 211 = 7,9 2362 = 5,0 

5. Deutsche Familien 159 = 5,9 1178 = 2,5 

6. Aus andern germanischen Sprachen . . 39 = 1,5 137 = 0,3 

7. Althochdeutsche Familien 94 = 3,5 393 -= 0,8 

8. Neuhochdeutsche Familien 62 = 2,3 144 = 0,3 

9. Aus dem Lateinisch-Romanischen . . . 497 = 18 , 5 4840 = 10,2 

2227 = 83,1 44814 = 94,3 



§ 69. Die Stammwörter indogermanischer Herkunft. 93 

Übertrag: 2227 = 83,1 44814 = 94,3 

10. Aus dem Griechischen 219 = 8,2 1412 = 3,0 

11. Aus dem Keltischen 25 = 0,9 429 = 0,9 

12. Aus dem Balto-Slawischen 38 = 1,4 106 = 0,2 

13. Aus andern indogermanischen Sprachen 43= 1,6 168= 0,3 

14. Aus dem Semitischen 76 = 2,8 327= 0,7 

15. Aus dem Uralaltaischen 13 = 0,5 42 = 0,1 

16. Aus andern Sprachen 39 = 1,5 233 = 0,5 

2680 = 100,0 47531 = 100,0 

Diese Übersicht mag einen Begriff davon geben, wie man sich unsern 
Wortschatz seiner Herkunft nach zusammengesetzt vorstellen kann. Faßt 
man, was, wie wir sehen werden, allein richtig ist, indogermanische und 
europäische Familien zusammen, so ergeben sich die stetig abnehmenden 
Zahlen 661:504:211:159. Die Zahlen für die Worte sind dagegen nur 
nach der Richtung zu brauchen, daß sie uns zeigen, aus welchen Bestand- 
teilen die Worte bestehen, einen historischen Wert haben sie nicht. Würden 
wir die Worte allein in Betracht ziehen, so würden sicher die wenigsten 
Worte aus dem Indogermanischen, die meisten aus dem Deutschen stammen. 

Die Fülle dieses Stoffes läßt sich nun ohne weiteres in drei Gruppen 
zerlegen: 1. die Stammwörter, d. h. solche Wörter, die überhaupt nicht 
oder nur von einer Wurzel abzuleiten sind, 2. die große Menge der Ab- 
leitungen und Zusammensetzungen und 3. die Fremdwörter, die seit 
ältester Zeit in unsere Sprache aufgenommen worden sind und dort zum 
Teil Heimatsrecht erlangt haben. Wir werden später eine Anzahl von Worten 
nach Begriffsgattungen geordnet untersuchen, wobei wir alle drei Gruppen, 
da uns das am besten zu sein scheint, vereinigen. Jetzt wollen wir zunächst 
einige allgemeine Punkte erörtern. 

§ 69. Die Stammwörter indogermanischer Herkunft. Es ist, wie wir gesehen 
haben, sehr beliebt, bei den Stammwörtern indogermanische, europäische, 
germanische, westgermanische und deutsche Wortfamilien zu unterscheiden. 
Aber diese Einteilung leidet an sehr beträchtlichen Mängeln, die um so mehr 
hervorzuheben sind, als noch sehr viele Forscher mit diesen Begnffen 
schalten. Indogermanisch nennt Liebich solche Wortfamilien, die auch im 
Indischen vorkommen, während mit europäisch solche bezeichnet werden, 
die im Indischen nicht belegt sind. Diese Unterscheidung hat keinen Wert. 
Sie stammt noch aus einer Zeit, als man das Indische ungebührlich über- 
schätzte, und das Studium des Indischen und das Studium der Sprach- 
wissenschaft eins zu sein schienen. Nun ist ja das Indische eine Sprache, 
die durch ihren wohlerhaltenen grammatischen Bau stets den Sprach- 
forscher entzückt hat, die aus sehr alter Zeit überliefert ist und einen 
außerordentlich reichen Wortschatz besitzt, aber das Indische ist nicht das 
Indogermanische, und diese Sprache hat ebensogut wie jede andere zahlreiche 



94 FOnftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

alte Wörter verloren und durch neue ersetzt. In den heutigen neuiranischen 
Mundarten, die vom alten Iranischen abstammen, welches mit dem Indischen 
einst eine einheitliche Sprache bildete, kommen immer mehr Worte zum 
Vorschein, die das Indische nicht mehr kennt, die aber in einer oder in 
mehrern europäischen Sprachen wiederkehren und so die Gewißheit ge- 
währen, daß sie einst im Indischen vorhanden waren und nur frühzeitig 
verloren gegangen sind. 

§ 70. Europäische Wortfamilien. Die Ansetzung von europäischen Wort- 
familien, d. li. von Sprachstämmen, die in den meisten europäischen Sprachen, 
aber nicht im Indischen belegt sind, hätte nur dann einen Sinn, wenn einmal 
eine Spaltung der Indogermanen in Arier und Europäer eingetreten wäre, 
und die Europäer alsdann längere Zeit miteinander gelebt und wahrscheinlich 
Kulturfortschritte gemacht hätten. Da jede Zeit neue Worte bildet, so würde 
sich diese Gemeinschaft wohl auch in der Sprache nachweisen lassen. Tat- 
sächlich hat man in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine solche 
Spaltung in Arier und Europäer angenommen. Diese ist aber längst als unhaltbar 
zurückgewiesen, und nur auf dem Gebiet der Wortforschung zeigt sich heute 
noch die Nachwirkung davon. Die Bedeutung des Indischen ist früher arg über- 
schätzt worden. In einer ganzen Reihe von Fällen ist die Sprachwissen- 
schaft in der Irre gewandelt, weil sie das im Indischen Vorliegende für ur- 
sprünglich ansah. Mit vieler Mühe haben wir uns jetzt davon freigemacht, 
aber noch immer wirkt dies Trugbild nach. Das Indische hat keine größere 
Bedeutung als Griechisch, Lateinisch, Germanisch, Slawisch, und wir könnten 
ebensogut Gruppen bilden: alle Sprachen außer Griechisch, alle Sprachen 
außer Slawisch usw. Daher müssen wir also diese beiden Abteilungen: 
indogermanische und europäische Bestandteile vereinigen. 

§ 71. centum- und sa/em-Sprachen. Wenn diese Unterscheidung hin- 
fällig ist, so fehlt hingegen eine andere, die erst in der neuern Zeit be- 
deutungsvoll geworden ist. Wir sind jetzt imstande, schon in der indo- 
germanischen Ursprache zwei Mundarten zu unterscheiden, eine westliche, 
zu der das Germanische mit dem Griechischen, Keltischen, Italischen und 
Illyrischen gehört, und eine östliche, zu der die übrigen Sprachen, also 
Arisch, Litu-Slawisch, Albanesisch, Armenisch, Thrako-Phrygisch gerechnet 
werden. Zwischen diesen beiden Gruppen besteht ein wesentlicher Unter- 
schied in der Behandlung der Gutturale. Den westlichen Ä-Lauten ent- 
sprechen im Osten Zischlaute, z. B. gr. exazöv (hekatön) lat. centum, ir. ket, 
d. hundert gegenüber lit. sinitas, abg. stito, aw. satdni, aind. iatdm. Man 
nennt sie daher auch centum- und satemS^xdichtn. Eine lautliche Ver- 
schiedenheit, wie sie zwischen diesen beiden Gruppen vorliegt, bedingt 
noch nicht eine Verschiedenheit des Wortschatzes. Aber es wäre wohl der 
Mühe wert, einmal zu untersuchen, ob sich auch im Wortschatz dialektische 
Unterschiede in der gleichen Richtung zeigen. Mir scheint etwas Derartiges 
nach den Zusammenstellungen, die ich mir gemacht habe, tatsächlich vor- 



§ 72, Germanische Sprachfamilien. §73. Ihre Beurteilung. 95 



zuliegen. Es wäre also möglich, daß eine Reihe von Worten nicht schon 
in indogermanischer Zeit, sondern erst damals geprägt sind, als sich die 
östlichen Stämme von den übrigen getrennt hatten. Für die germanische 
Wortforschung ist indessen auch dies ohne Bedeutung. Eine Zusammen- 
stellung des Wortschatzes der centum-Spiachen findet man bei A. Fick, Ver- 
gleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen I* 345 ff. Hieraus 
wäre ihr Sonderwortschatz leicht auszuziehen. 

§ 72. Germanische Sprachfamilien. Es folgt bei Liebich dann die ziemlich 
zahlreiche Abteilung der germanischen Familien, d. h. solcher Worte, die 
zwar in allen germanischen, aber in keiner der verwandten Sprachen nach- 
zuweisen sind. 

Bei diesen erhebt sich die Frage: sind diese Worte erst im Sonder- 
leben des Germanischen neu gebildet, oder stammen sie auch aus älterer 
Zeit, und sind sie nur in allen andern Sprachen verloren gegangen? Es ist, 
wie wir gesehen haben, nicht zu leugnen, daß in allen Zeiten auch so- 
genannte Wurzeln, Grundwörter neu gebildet werden können, aber immer- 
hin doch nicht in so reicher Anzahl, wie nach der Darstellung Liebichs 
angenommen werden müßte. Zudem wird diese Kategorie von Tag zu Tag 
verringert, indem der Spürsinn der Forscher auch für diese scheinbar ger- 
manischen Worte Verwandte in andern Sprachen auffindet. Wahrscheinlich 
wird so mit der Zeit nur noch ein kleiner Teil von Worten übrig bleiben, 
der sich nicht in den verwandten Sprachen nachweisen läßt. 

Wir wollen sehen, wie wir diese Worte zu beurteilen haben. 

§ 73. Ihre Beurteilung. Wenn man das Vorkommen der auch außerhalb 
des Germanischen belegten germanischen Worte betrachtet, so gibt es eine 
nicht allzu beträchtliche Anzahl, die in allen indogermanischen Sprachen, 
wenigstens in ihren ältesten Stufen, erhalten sind. Dahin gehören z. B. die 
Zahlwörter. Bei andern Worten fehlt die eine oder die andre, oder es fehlen 
mehrere Sprachen, obgleich man bestimmt vermuten kann, daß das Wort 
auch in diesen einst vorhanden war. So haben sich die Wörter Sohn und 
Tochter in den meisten indogermanischen Sprachen erhalten, mangeln aber 
dem Lateinischen, wo sie durch fillus und filia ersetzt sind. Das idg. Wort 
für Vater fehlt dem Litauischen und Slawischen. Die gotische Bibel bietet 
uns für Mutter aipel und nicht das idg. und gemeingerm. Mutter, und fadar 
ist nur einmal belegt, sonst dafür atta. Und so geht es weiter. Manche 
Wörter sind nur in drei, andere nur in zwei und schließlich eine ganze 
Anzahl nur noch in einer andern Sprache außer dem Germanischen nach- 
zuweisen. Wie haben wir uns diesen Tatsachen gegenüber zu verhalten? 
Für unsere Zwecke kann man den ersten Punkt, daß also ein Wort noch 
in zwei oder mehr Sprachen außerhalb des Germanischen belegt ist, ganz 
außer Betracht lassen. Diese Worte sind für uns zunächst indogermanisch. 

Dagegen bedarf die Frage, wie es zu beurteilen ist, wenn Worte nur 
noch in einer andern Sprache auftauchen, einer besondern Besprechung. 



96 FÜNFTES Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

Fassen wir die Sachlage rein systematisch, so können natürlich alle Mög- 
lichkeiten vorkommen, nämlich indisch-germanische, slawisch-germanische, 
keltisch-germanische, lateinisch-germanische, griechisch-germanische Glei- 
chungen, wobei ich von den unbedeutendem Sprachen hier absehe. Tat- 
sächlich sind auch alle diese Kombinationen durch eine Reihe von Bei- 
spielen zu belegen, wie weiter unten zusammengestellt ist. Die Inder so- 
wohl wie die Hellenen sind nun von den Germanen seit langen Zeiten 
getrennt, wir haben nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, daß sie sich 
einmal näher berührt hätten und daß infolge dieser Nachbarschaft Worte 
herüber und hinüber gegangen wären, und daher sind diese Gleichungen 
ohne weitere Bedeutung. Die Worte, die in diesen beiden Sprachgruppen 
noch vorhanden sind, werden den übrigen Sprachen nicht gefehlt haben; 
sie werden erst im Laufe der Zeit verloren gegangen sein. 

Anders steht es mit den drei übrigen Gruppen. Die Slawen und Kelten 
sind seit alter Zeit Nachbarn der Germanen. Zwischen benachbarten Völ- 
kern findet aber leicht ein Austausch von Worten statt, so daß wir es zum 
Teil bei derartigen Gleichungen mit Entlehnungen von einer Sprache zur 
andern zu tun haben können. Wenn wir auch in den Lautverhältnissen 
manchmal einen Anhaltspunkt haben, diese Frage zu entscheiden, so ist 
das doch nicht immer der Fall, und es bleibt ein Rest von Worten, bei 
dem wir keine Entscheidung treffen können. Nun wird man, da wir indisch- 
germanische und griechisch-germanische Gleichungen antreffen, auch eine 
entsprechende Anzahl keltisch-germanischer und slawisch-germanischer er- 
warten müssen, die ebenso zu beurteilen wären, wie die oben genannten. 
Nur wenn die Zahl über das normale Maß hinausginge, müßte man an be- 
sondere Ursachen denken. Tatsächlich halten verschiedene Forscher dieses 
Maß für überschritten und suchen infolgedessen nach besondern Gründen. 
Sie finden sie in der alten Nachbarschaft der Stämme, die schon in der 
indogermanischen Zeit bestanden haben soll. Um dies zu verstehen, möge 
man folgendes bedenken. Die indogermanische Sprache muß einen ge- 
wissen Raum eingenommen haben, und es können, ja es müssen in ihr 
schon mundartliche Verschiedenheiten vorhanden gewesen sein. Insbesondere 
werden für gewisse Begriffe eine Reihe von Synonymen bestanden haben, 
von denen ein jedes eine gewisse Verbreitung hatte. Nennen wir die Varie- 
täten ABC usw., so ist die Möglichkeit vorhanden, daß eine Anzahl von 
Worten in den zusammenhängenden Dialekten ABC lebte, während in DEF 
andere Ausdrücke dafür bestanden. Anderseits kann es eine Gruppierung 
CDE und FAB usw. gegeben haben. Wurden nun diese Dialekte selbständig, 
d. h. räumlich getrennt voneinander, so zeigt sich eben doch noch die 
einstige Zusammengehörigkeit in gewissen Übereinstimmungen des Wort- 
schatzes. 

So könnte man also keltisch-germanische und slawisch-germanische 
Übereinstimmungen, wenn sie wirklich in stärkerer Zahl aufträten, als man er- 



§ 74. Partielle Gleichungen. 97 



warten dürfte, dadurch erklären, daß diese Völker auch in vorgeschichtlichen 
Zeiten Nachbarn waren, und daß gewisse Worte nur in dem beschränkten 
Gebiet vorhanden waren, das sie einnahmen. Aber tatsächlich sind die be- 
sondern Übereinstimmungen eben nicht groß, sie gehen über das zu er- 
wartende Maß nicht hinaus. Außerdem sind diese Völker kaum Nachbarn in 
alter Zeit gewesen. Die Urheimat der Germanen liegt in Norddeutschland 
und Skandinavien, die der Slawen in Mittelrußland, die der Kelten ist nicht 
genau zu bestimmen, aber kaum in Gallien oder Süddeutschland zu suchen. 
Wenn also bei Entsprechungen zwischen den genannten Sprachstämmen 
der Verdacht der Entlehnung auszuschließen ist, so haben diese Ent- 
sprechungen das Anrecht, ebenso beurteilt zu werden, wie die oben ge- 
nannten indisch- und griechisch-germanischen. 

Etwas anders scheint es mit den lateinisch-germanischen Gleichungen 
zu stehen. Schon Lottner hat KZ. 7, 18 auf die verhältnismäßig große Anzahl 
von Worten hingewiesen, die nur in diesen beiden Sprachen auftreten, wäh- 
rend bereits 1848 J. Grimm bei E. Schulze, Gotisches Glossar XIV „die 
Verwandtschaft gotischer und lateinischer Zunge in Wörtern, wobei kein 
Gedanke an äußere Entlehnung ist", hervorhob. In der ZfdPh. 29, 296 f. 
habe ich den Stoff noch vermehrt. Wenn man den germanischen Wort- 
schatz etymologisch behandelt, so wird man sehr häufig am ehesten An- 
knüpfung im Lateinischen finden. Eine sehr merkwürdige Erscheinung, da 
die Sprachen erst in historischer Zeit wieder in Berührung gekommen sind. 
Die Zahl der besondern Übereinstimmungen schien mir tatsächlich über 
das zu erwartende Maß hinauszugehen, und man würde dies kaum anders 
als durch die Annahme erklären können, daß die italischen Stämme einst 
nicht allzuweit von den germanischen gesessen haben. Die Möglichkeit 
dieser Voraussetzung ist gar nicht zu bestreiten, da wir ja im Laufe der 
Geschichte sehen, wie Goten und Langobarden Reiche in Itahen gründen, 
denen nur infolge der besondern Umstände kein so günstiges Geschick wie 
dem der Römer beschieden war. Aber die unten angeführten Zusammen- 
stellungen werden zeigen, daß auch diese Auffassung trügerisch sein dürfte. 
Tatsächlich gibt es vielleicht ebensoviel germanisch-indische Gleichungen 
als germanisch-lateinische, und es ist daher auch dieser Punkt von keiner 
besondern Bedeutung. 

Anmerkung. Einen kräftigen Anwalt hat die Annahme germanisch-itaHscher Ver- 
wandtschaft bei Kluge, Urgermanisch S. 4, gefunden, der allerdings hier, wie so oft, seine 
Vorgänger nicht nennt. Ich für meine Person kann auf den Wortschatz nicht soviel Ge- 
wicht legen, wohl aber zeigen sich merkwürdige Übereinstimmungen in der Flexion, vgl. 
Verf., Idg. Forsch. 17, 278, Indogermanen 2, 612, so daß auch mir verhältnismäßig enge 
Beziehungen zwischen Italisch und Germanisch zu bestehen scheinen. 

§ 74. Partielle Gleichungen. Derartige Wortübereinstimmungen, die nur 
in einem Teile der indogermanischen Sprachen zu belegen sind, nennt man 
partielle Gleichungen. Scheint der Ausdruck auch nicht ganz logisch 
zu sein, so ist er doch kurz und verständUch und mag daher hier bei- 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 7 



98 Fünftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

behalten werden. Wir sehen in diesen partiellen Gleichungen nichts be- 
sonders Bemerkenswertes, sondern eine ganz natürliche Erscheinung. Immer- 
hin bedarf sie noch einiger Worte der Erklärung, denn es ist doch in der 
Tat merkwürdig, daß sich die Bezeichnung für den einen Begriff gut er- 
halten hat, für einen andern aber nicht. Daß mit dem Faktor indogermanischer 
mundartlicher Verschiedenheit nicht viel anzufangen ist, scheint mir sicher 
zu sein. Bestimmte Tatsachen lassen sich nur selten dafür anführen. Außer- 
dem haben wir mit dem in allen Zeiten eintretenden Ersatz alter Worte 
durch neue zu rechnen, dessen Gründe so mannigfaltig sind, daß man 
damit nicht viel erklären kann. Der Hauptgrund für das Absterben von 
Wörtern liegt aber in einem Umstände, den wir ausführlicher erörtern müssen. 

§ 75. Wortreichtum in älterer Zeit. Die Untersuchung des Wortschatzes 
einfacher V^ölker hat gelehrt, daß diese zum Teil sehr reich sind an Worten, 
wo wir arm sind, daß ihnen aber die Ausdrücke für allgemeine Begriffe 
vielfach fehlen. So sagt z. B. K. von den Steinen in seinem äußerst wert- 
vollen Buche 'Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens' S. 80: „Ganz be- 
sonders eigentümlich berührte mich ihre Freude über den Reichtum ihres 
Wörten-orrates. Sie bekundeten ein großes Vergnügen, für jedes Ding auch 
ein Wort zu haben, als wenn der Name selbst eine Art Ding und Besitz- 
gegenstand wäre. Daß die Zahl der Begriffe in erster Linie vom Interesse 
abhängt, lag klar zutage. Auf der einen Seite im Vergleich mit unsem 
Sprachen eine Fülle von Wörtern wie bei den Tier- und V^erwandtennamen, 
auf der andern eine zunächst befremdende Armut. . . 

Die eigentliche Armut steckt in dem Mangel an übergeordneten Be- 
griffen wie bei allen Naturvölkern. Sie haben ein Wort für 'Vogel', das 
wahrscheinlich 'geflügelt' bedeutet, aber die Nordkaraiben haben einen andern 
Stamm, toro- oder tono-, der bei den Bakairi noch bestimmte, sehr gewöhn- 
liche Vögel, eine Papageien- und eine Waldhuhnart, bedeutet. Jeder Papagei 
hat seinen besondern Namen, und der allgemeinere Begriff 'Papagei' fehlt 
vollständig, ebenso wie der Begriff 'Palme' fehlt. Sie kennen aber die Eigen- 
schaften jeder Papageienart sehr genau und kleben so an diesen zahlreichen 
Einzelkenntnissen, daß sie sich um die gemeinschaftlichen Merkmale, die 
ja kein Interesse haben, nicht bekümmern. Man sieht also, ihre Armut ist 
nur eine Armut an höheren Einheiten, sie ersticken in der Fülle des Stoffes 
und können ihn nicht ökonomisch bewirtschaften. Sie haben nur erst einen 
Verkehr mit Scheidemünze, sind aber im Begriff ihrer Stückzahl eher über- 
reich als arm zu nennen." 

Diese Ausführungen sind von hoher prinzipieller Bedeutung für die 
ganze Auffassung der Wortentwicklung, und sie können auch auf die Er- 
scheinungen auf indogermanischem Gebiet sehr wohl angewendet werden. 

Auf Ahnliches, \kie uir es bei den Bakairi finden, hat J. Schmidt, Kritik der Sonanten- 
theorie 37, für die Litauer hingewiesen: .Der Farbensinn der Litauer steht noch auf der 
Stufe der Natur\'ölker. Bei mehreren Farben sind sie noch nicht wie die Kultur\ölker zu 



§ 75. Wortreichtum in älterer Zeit. § 76. Vereinfachung. 99 



allgemeinen Bezeichnungen aufgestiegen, sondern bei den einzelnen Tönen stehen ge- 
blieben. Für 'grau' haben sie nicht weniger als vier oder fünf einfache Worte: pilkas (nur 
von Wolle und Gänsen), sirnias, sirvas (nur von Pferden), semas (nur vom Rindvieh), 
zilas (Haare des Menschen und des Viehs außer Gänsen, Pferden, Rindvieh) usw." Ähn- 
liches können wir selbst noch in unsrer Sprache beobachten, reden wir doch nicht von 
einem schwarzen, roten, weißen Pferd, sondern von einem Rappen, einem Fuchs, einem 
Sdiimmel, und keinem wird es einfallen, einen weißen Ochsen einen Sciiimmel zu nennen. 
Wir sprechen nicht von einem männlichen, weiblichen, verschnittenen, unerwachsenen 
Pferde, sondern von einem Hengst, einer Stute, einem 'Wallach, einem Füllen. Ebenso von 
einem Stier oder Bullen, einer Kuh, einem Ochsen, einer Färse, einem Kalb. Vgl. noch 
die Ausführungen von Usener, Götternamen 317 ff., und Osthoff, Vom Suppletivwesen 
der indogermanischen Sprachen, Heidelberg 1899. 

Weiter steht die Jägersprache noch auf einem durchaus altertümlichen Standpunkt, 
wenn sie die Glieder und Tätigkeiten der Tiere je mit einem besondern Ausdruck belegt 
Für den Jäger hat der Hase nicht Ohren, sondern Löffel, das Wildschwein Gehör, das. 
Edelwild Luser oder Lausdier, Sdiüsseln oder Gehör, der Hund Behang, in einzelnen 
Rassen Lappen, aber der Spitz Ohren. Man braucht also hier ganz absichtlich die be- 
sondern Ausdrücke. 

Auch die Landwirtschaft unterscheidet durch eine Fülle von Worten die besondern 
Unterarten einer Tätigkeit. Wenn man den Menschen, den Haustieren, den Schwertern, den 
Schiffen und andern Dingen Namen gibt, so ist das schließlich nichts anderes. Und erst 
in neuerer Zeit haben wir die Unterscheidungen zwischen Tier und Mensch geschaffen, 
die sich in den Worten essen — fressen, trinken — saufen. Haut — Fell u. a. zeigen. Für 
die Bewegung einer Flüssigkeit haben wir fließen, strömen, laufen, rinnen, rieseln, tröp- 
feln, sickern, quellen, sprudeln usw., für unsere eigene Bewegung gehen, eilen, laufen, 
rennen, hasten, stürmen. 

Für regnen gab schon Campe, Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung S. 57 
folgende acht niederdeutsche Wörter an: 1. es mistet von dem feinsten Staubregen, 2. es 
schmuddert, d. i. es regnet ein wenig und fein, 3. es stippert, d. i. es fallen einzelne und 
zwar gleichfalls feine Regentropfen, die aber schon etwas größer als bei dem Misten und 
Schmuddern gedacht werden, 4. es regnet, 5. es pladdert, d. i. es regnet stark und laut, 
6. es guddert, wodurch das Geräusch des bei einem sehr starken Regen von den Dächern 
herabströmenden Wassers ausgedrückt wird, 7. es gießt und 8. es gießt mit Mollen. Da- 
von sind mir allerdings nur 2, 4, 5, 7, 8 geläufig. Dafür kenne ich aber noch es fiselt 
vom feinen Regen und es drasdit vom starken Platzregen. 

Bei Campe a. a. O. sind dann noch weitere wichtige Bemerkungen und Beispiele zu 
finden. Die ältere Sprache verfügte also, wie sich aus dem Angeführten mit Sicherheit er- 
gibt, in gewisser Hinsicht über einen größern Reichtum an Worten, als wir heute besitzen. 

§ 76. Vereinfachung. Aus dieser Fülle von Ausdrücken hat nun die eine 
Sprache bei der notwendig fortschreitenden Verallgemeinerung der Begriffe, 
indem die Bezeichnungen z.T. gleichbedeutend wurden, das eine, die andere 
das andere Wort beibehalten, und darin liegt zweifellos mit ein Hauptgrund, 
daß nicht alle Gleichungen in allen Sprachen erhalten sind. Manchmal 
können wir bei genauer Untersuchung den Unterschied der Bedeutung 
noch erfassen. So haben wir z. B, mehrere Worte für eins im Indogerma- 
nischen. Von diesen bedeutet wohl idg. *sem, gr. eh {lies) 'zusammen', 
idg. *oinos, lat. ünus, got. ains, 'einer von mehreren', gr. oh? (oios) 'allein'. 
Bei andern aber entgeht uns der Sinn. Weshalb verwendete man zwei 
Ausdrücke für 'Feuer', lat. ignis, ai. agnih, neben gr. tivq {pyr), ahd. f'iur? 



100 Fünftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

Wenn wir mehrere Bezeiclinuni^cn für 'Nebel' finden, lat. ncbiila, d. Nebel, 
gr. oitlyh] {omiklilcc), abg. nügla, so mag man bedenken, daß auch die 
Engländer mist und fog unterscheiden. Weitere Beispiele lassen sich mit 
Leichtigkeit beibringen. Anderseits fehlen selbst uns noch manchmal zu- 
sammenfassende Ausdrücke für getrennte Begriffe. Um Lehrer und Lehrerin 
zusammen zu bezeichnen, hat man erst neuerdings den Ausdruck Lehr- 
person geschaffen. Bei den Tiernamen erkennt man die zusammenfassenden 
Jüngern, wenn auch trotzdem recht alten Ausdrücke an dem neutralen Ge- 
schlecht: das Pferd, das Rind, das Huhn, das Schaf; vgl. auch das Kind, 
das Weib neben Sohn und Tochter, Frau, Jungfrau, Maid. Ausdrücke 
wie Flora, Fauna für die Pflanzen- und Tierwelt eines Landes sind den 
Anforderungen der Wissenschaft entsprechend erst in neuerer Zeit gebildet 
worden. Der Ausdruck für Ehe taucht erst bei Notker auf. Es ist eine 
dankenswerte Aufgabe, diesem Aufkommen von Ausdrücken für Allgemein- 
begriffe und dem damit verbundenen Absterben einzelner Worte nach- 
zugehen. Es würde von hier aus auf die geistige Entwicklung eines Volkes 
Licht fallen. 

Und dann darf man doch nicht vergessen, daß in jeder Sprache immer 
wieder neue Worte aufkommen und alte in Verlust geraten. Wäre dem 
nicht so, so brauchten wir uns keine Mühe zu geben, das Gotische zu 
lernen, wir würden es nach Erlernung der Flexion verstehen. 

§77. Geringe Bedeutung der partiellen Gleichungen. Die partiellen Glei- 
chungen haben für uns also nur eine recht geringe Bedeutung, für die 
Zwecke der Etymologie genügt es vielmehr vollkommen, wenn wir ein 
Wort außerhalb des Germanischen nachweisen können. 

Es kann das, was wir ausgeführt haben, noch durch eine Parallele aus 
dem Germanischen selbst weiter erläutert und erhärtet werden. Liebich unter- 
scheidet gemeingermanische, westgermanische und deutsche Gleichungen, 
d. h. Worte, die in allen germanischen Dialekten, insbesondere auch im 
Nordischen vorkommen, solche, die im Gotischen und Nordischen fehlen, 
und schließlich solche, die nur auf deutschem Boden belegt sind. Hätten 
wir nun nicht die Hilfe der verwandten Sprachen, so würden wir auch 
hieraus Schlüsse zu ziehen versuchen. Die verwandten Sprachen aber 
zeigen uns, indem sie das entsprechende Wort erhalten haben, daß oft 
genug Worte, die nur im Deutschen belegt sind, aus der idg. Urzeit stam- 
men müssen, daß also die übrigen germanischen Dialekte das Wort ver- 
loren haben. 

Beispiele hierfür sind: d. Schwager zu ai. svasurah; — Felber 'Weidenbaum', ahd. 
felawa zu osset. färw 'Erle'; — Hader 'Lumpen' zu ai. sithiräh 'locker'; — Rotz, gr. 
xooi>sa (köryza) 'Schnupfen'; — Wabe zu \. favus; — Ahorn, 1. acer; — Fichte, gr. jisvxt) 
{pei'ikae) u. a. Dasselbe gilt von den übrigen Dialekten. Auch sie besitzen Worte, die sonst 
im Germanischen nicht belegt sind, wohl aber in den andern indogermanischen Sprachen 
wiederkehren. 



§ 78. Germanische Wortfamilien. IQI 



§ 78. Germanische Wortfamilien. Auch bei den Wortfamilien, die bisher 
außerhalb des Germanischen noch nicht nachgewiesen sind, haben wir es 
meist nicht mit Neuschöpfungen zu tun. Wenn, wie wir gesehen haben, 
die partiellen Gleichungen wahrscheinlich darauf beruhen, daß die Sprachen, 
die nicht daran teilnehmen, diese Ausdrücke verloren haben, und wenn sich 
schließlich diese partiellen Gleichungen nur auf zwei Sprachen erstrecken, so 
ist natürlich auch vorauszusetzen, daß gewisse Worte des Indogermanischen 
eben nur noch im Germanischen vorliegen. 

Anmerkung. Einen andern Gesichtspunkt für die Auffassung der dem Germanischen 
allein angehörigen Wortfamilien macht jetzt S. Feist, Btr. 36, 350 f. geltend. Er sieht darin 
Lehnwörter aus der Sprache einer von den Indogermanen unterworfenen Urbevölkerung. 
Abgesehen davon, daß Feist nach seinen eigenen Bemerkungen die Sache nicht übersieht, 
kann ich dieser Ansicht aus den § 97 erörterten Gründen nicht beitreten. Selbst wenn 
Feist mit seiner Annahme Recht hätte, daß die Germanen nicht eigentliche Indogermanen, 
sondern nur unterworfene wären, wären doch keine nennenswerten Bestandteile aus der ur- 
sprünglichen Sprache zu erwarten, genau so, wie wir keine bedeutenden Elemente des Kel- 
tischen im Französischen finden, obgleich hier die geschichtlichen Tatsachen ganz sicher sind. 

Es fragt sich nun, ob wir Mittel haben, zu erkennen, wann nur im 
Germanischen auftretende Wörter alt sind. In einer Reihe von Fällen läßt 
sich das wirklich bestimmen. 

1. Ziemlich zweifellos sind Worte, die Flexionsklassen folgen, welche 
im Germanischen aussterben, oder Worte, die mit Suffixen gebildet sind, 
welche im Germanischen nicht mehr produktiv sind, dem Verdacht aus- 
gesetzt, älter zu sein als die germanische Sonderentwicklung. Einige Bei- 
spiele mögen das zeigen. 

Das Indogermanische besaß eine sogenannte konsonantische Deklination, 
wie wir sie in gr. jiovg, nodög {pds, podös), lat. pes, pedis, also Teilen der 
griechisch-lat. dritten Deklination antreffen. Diese Deklination war schon im 
Indogermanischen nicht sehr häufig, und sie ist bereits in den ältesten 
Zeiten der germanischen Überlieferung fast vernichtet. Die meisten Wörter, 
die dieser Deklinationsklasse folgen, erweisen sich durch verwandte, die in 
den andern Sprachen vorkommen, unmittelbar als indogermanisch. So Fuß, 
\dit pes, gr. Tiovg ipäs); Zahn, lat. dens, gr. döovg (odus); Maus, lat. mus; 
Gans, lat. anser, gr. y/p' {khoen); Nacht, lat. nox, gr. vv^ {nyx); Tür, lat. 
fores, gr. f^u^a (thyra); Kuh, lat. bös, gr. ßovg (bus). 

Höchst wahrscheinlich werden aber auch die übrigen Worte nach der 
konsonantischen Deklination alt sein, so Winter, Genosse, Magd, Monat, 
Hand, Brust, Burg, Budie, Bruch (Hose), Eiche. Von keinem dieser Worte 
wird man das indogermanische Alter etwa aus kuHurhistorischen Gründen 
leugnen können. Bei einigen ist ja auch noch der Stamm in andern 
Sprachen belegt. Bei Brust wird das indogermanische Alter auch durch 
die ablautende Form ags. breost wahrscheinlich gemacht. 

2. Ein zweiter wichtiger Faktor ist der Ablaut. Er ist im Indo- 
germanischen entstanden, und zusammenhängende Worte, die ihn zeigen, 



102 Fünftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

müssen daher aus der indoj^^crmanisclien Urspraclic stammen, abt^eselicn 
von den Fällen, in denen ablautende Formen im Anschluß an andere Worte, 
namentlich im Anschluß an Vcrbalformen neu gebildet sein können. Wo 
aber dies nicht der Fall ist, da können wir mit ziemlicher Wahrscheinlich- 
keit auf indogermanisches Alter schließen. Vgl. oben das über Brust Ge- 
sagte. Andere Beispiele s\r\d Kern — Korn; Hahn — Huhn; Brett — Bord; 
goi. qens — qino 'Frau'; siecli — schwach; Kamm — Knehel usw. 

3. Ein drittes, indessen nicht so sicheres Hilfsmittel ist der Akzent- 
wechsel innerhalb eines Wortes. Das Germanische hat die freie Betonung 
des Indogermanischen in eine feste verwandelt, es läßt aber im gram- 
matischen Wechsel die alte indogermanische Betonung erkennen. Worte, 
die den grammatischen Wechsel zeigen, dürften also aus der Ursprache 
stammen, zum Beispiel d. Hase, e. hare; got. rdus, d. Rohr; got. Olopa-, 
ahd. bluot; ahd. zid — zit; got. ailhns, anorw. ogn 'Ofen'; ahd. hehara, 
ags. higora 'Häher'. Aber freilich kann dieser Akzentwechsel oder auch der 
grammatische Wechsel später manchmal neu geschaffen sein, so daß dieser 
Faktor nicht ganz sicher ist. 

§ 79. Neue Wortfamilien für die Schiffahrt. Mit den Worten, deren höheres 
Alter mit diesen Mitteln nicht zu erhärten ist, können wir freilich zunächst 
nichts anfangen. Sie wären aber nur dann auffallend, wenn sie sich zu ge- 
wissen kulturhistorischen Gruppen zusammenschlössen. Wenn ein Forscher 
späterer Zeit einmal ein Wörterbuch des 18. und des 19. Jahrhunderts ver- 
gliche, so würde er bemerkenswerte Unterschiede im Wortschatz antreffen. 
Er würde finden, daß Ausdrücke wie Eisenbahn und Dampfschiff und alles, 
was damit zusammenhängt, im 18. Jahrhundert noch nicht in den Wörter- 
büchern aufträten, und er würde mit Recht folgern, jene Worte seien im 
19. Jahrhundert gebildet worden, weil erst damals die entsprechenden Be- 
griffe aufgekommen seien. Ähnliches könnte man für den germanischen 
Wortschatz im Verhältnis zum indogermanischen zu erschließen versuchen. 
Eine Zusammenstellung des urgermanischen Wortschatzes findet man bei 
FöRSTEMANN, Gcschichte des deutschen Sprachstamms, Nordhausen 1874, 1 
S. 399 ff. Wenn dieses Verzeichnis auch heute veraltet ist und der Be- 
richtigung bedarf, so wird sich doch diese gleichmäßig auf alle Abteilungen 
erstrecken müssen. Bei Förstemann tritt aber kaum eine besondere Eigen- 
tümlichkeit des germanischen Wortschatzes hervor; er macht nur S. 454 
darauf aufmerksam, daß sich erst gemeingermanisch eine Fülle von Aus- 
drücken finde, die sich auf das Seewesen beziehen, woraus also zu schließen 
wäre, daß erst die Germanen mit der See bekannt geworden wären. Diesen 
Gedanken hat später O. Schrader in einem Vortrag wieder aufgenommen 
(Die Deutschen und das Meer, WB. z. ZADSV. Heft 11). Schrader vertritt 
die Ansicht, daß die Indogermanen am Schwarzen Meer gesessen hätten. 
Dies sei aber nicht zur Schiffahrt geeignet gewesen, und so hätte sich eine 
Ausbildung in dieser Kunst und zugleich die Entwicklung der sprachlichen 



§79. Neue Wortfamilien für die Schiffahrt. 103 



Ausdrücke erst vollzogen, seitdem die Germanen an die Ost- und Nordsee 
vorgerückt seien. Daß die Urheimat der Indogermanen am Schwarzen Meer 
zu suchen sei, wird bekanntlich stark bestritten. Eine große Anzahl von 
Forschern, darunter auch der Verfasser, vgl. seine Indogermanen und 
GDS. 15, setzt sie an die Nord- oder Ostsee. Ist das richtig, so kann 
doch immer nur ein Teil an der Küste gesessen und Schiffahrt betrieben 
haben. Die Züge der wandernden Indogermanen gingen in des Binnen- 
land, und diese Teile mußten natürlich die Ausdrücke, die sich auf Schiff- 
fahrt und Seewesen beziehen, schnell verlieren. So würde sich Förstemanns 
Beobachtung, wenn sie richtig wäre, anstandslos aus der Abwanderung 

vom Meer erklären. 

Und daß dies richtig ist, zeigen eine Reihe von Tatsachen. Die Germanen haben, 
wie wohl Iveiner bezweifelt, zu einem großen Teil an der Ost- und Nordsee gesessen. Von 
hier aus sind zahlreiche Stämme in das Binnenland gewandert, und diese haben tatsäch- 
lich See- und Schiffahrtsausdrücke eingebüßt. Vor allem sind die alten Bezeichnungen der 
Himmelsgegenden den Oberdeutschen verloren gegangen, vgl. Wehrle, Die deutschen 
Namen der Himmelsrichtungen und Winde, ZfdW. 7, 61, bes. 125. Wir gebrauchen für Süd 
die niederländische Form. Ufer = gr. i/jistgog aus *aperjos, also ursprünglich wohl die „See- 
küste" ist dem Oberdeutschen fremd. An. fj'ördr = lat. portus 'Hafen' ist den übrigen Mund- 
arten abhanden gekommen. Hafen wohl gleich mittelirisch ciian 'Seehafen' aus *kopno ist 
ein niederdeutsches Wort. 

Was wir hier deutlich vor Augen sehen, das kann natürlich auch für 
die übrigen indogermanischen Völker gelten. Nehmen wir als richtig an, 
daß die Indogermanen an der Ost- und Nordsee saßen, wie hätten sich 
wohl bei der Wanderung ins Binnenland bei den Slawen, die noch heute 
das Meer kaum berühren, bei den Indern und Iraniern, die durch weite 
Landstrecken ziehen mußten, bei den Römern und Griechen die alten Aus- 
drücke erhalten sollen? 

Tatsächlich können wir aber doch noch immer so viele Ausdrücke für 
Schiffahrt und Seewesen als alt nachweisen, daß wir den Indogermanen 
sehr wohl die Bekanntschaft mit beiden Dingen zuschreiben dürfen. Die 
Worte aber, die sich außerhalb des Germanischen nicht belegen lassen, 
sind nicht etwa klar verständliche Ableitungen, wie sie als Zeichen jüngerer 
Bildung zu fordern sind, sondern sie sind meistens ganz dunkel, so daß 
wir allen Grund haben, darin altes Erbgut zu sehen. Allerdings könnten 
darin auch Lehnwörter stecken, denn an den Nordmeeren wohnten auch 
andere Völker, und in späterer Zeit findet ein reger sprachlicher Austausch 
statt. Ich glaube aber nicht recht daran aus Gründen, die ich in meinen 
Indogermanen 1 S. 315 ff. ausgeführt habe. 

Im folgenden stelle ich nunmehr den Stoff zusammen. 

Meer, ahd. mmn., goi. marei L nnA marisaiws 'Mter', gemeingerm.; dazu au.muir, 
lat. mare, abg. morje n., lit. märes 'kurisches Haff und auch wohl aind. marjädä f. 'Meeres- 
küste, Grenze, Schranke' und miras m. 'Meer, Grenze' (unbelegt), mittelind, aus *marja. 
Das Wort ist entschieden alt (neutraler /-Stamm), könnte aber eine andere Bedeutung gehabt 
haben. Aber es ist durchaus unwahrscheinlich, daß sich die gleiche Bedeutung 'Meer' auf 
verschiedenen Sprachgebieten selbständig neu sollte entwickelt haben. 



104 Fünftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indoger.manischen Bestandteile. 



Ein andrer Ausdruck liegt vor in as. lagu 'See', air. lodi, lat. locus, vielleicht 'Sumpf, 
Landsce'. 

Gcmcingcrmanisch ist der Ausdruck See, ahd. seo m., got. saiws 'Landsee, Sumpfland'. 
Wenn auch das Wort noch nicht in andern Sprachen nachgewiesen ist, so ist doch eine 
Neubildung im Germanischen wegen der got. /-Flexion kaum möglich. Nur die Annahme 
einer Bedeutungsübertragung wäre denkbar. 

Schiff. Wir besitzen ein indogermanisches Wort: gr. rare (naüs), \ai. navis, das in 
an. nor 'Scliiff, naust 'Schiffsschuppen' und vielleicht auch in deutsch Nadien, ahd. nahho 
(gemeingermanisch) vorliegt (die Entwicklung eines Gutturals vor w kommt in einer ganzen 
Reihe von Worten vor). 

Schiff, got. skip n., das Wort ist gemeingermanisch, aber etymologisch nicht ganz 
klar, indessen auch nicht von einem andern Wort abzuleiten, also wohl alt. 

Boot stammt zunächst aus dem Englischen, mengl. bot, an. beit, und ist von Lidcn 
zu arm. phait 'Baumstamm' gestellt. 

Kahn ist unaufgeklärt, kann aber alt sein. 

Ahd. kiol 'Schiff, verschieden von Kiel 'Schiffskiel' ist unaufgeklärt, ist aber schon 
früh ins Finnische entlehnt. Wenn wir so verschiedene Ausdrücke für Schiff finden, so 
braucht uns das nicht wunderzunehmen. Der Seemann unterscheidet jede Art genau. 
Ein Kahn ist eben ein Kahn, ein Boot ein Boot, ein Kutter ein Kutter. Jeder dieser 
Ausdrücke bezeichnet heute an der Nordsee eine besondere Bauart, und man wird mit- 
leidig belächelt oder sogar zurechtgewiesen, wenn man die Ausdrücke falsch anwendet. 
Da immer wieder neue Bauarten aufkommen und zum Teil von fremden Gegenden her 
eindringen, so ist es leicht verständlich, wenn Ausdrücke für 'Schiffe' leicht entlehnt werden 

Die Bekanntschaft mit den Schiffen wird ferner durch die alten Ausdrücke Ruder 
und Mast gesichert. 

Ruder, ahd. ruodar, ags. roäor, e. rudder entspricht (mit Ablaut!) ai. aritram 'Ruder* 
und ist wurzelverwandt mit air. rame, 1. renius, gr. ioeiuö; {eretmös). Daneben steht das 
dunkle altnord. ags. ar, engl, oar (lit. vairas, lett. airis 'Ruder' können entlehnt sein). 

Mast bedeutet im Altgermanischen nur 'Mast' und entspricht genau lat. malus 
i^mazdos), das ebenfalls nur 'Mast' bedeutet. 

Der Ausdruck Segel, ahd. segal m., ags. segl, e. sail, an. segl n. ist gemeingerma- 
nisch, aber noch nicht im Indogermanischen nachgewiesen. Der Ausdruck kann jung sein, 
da wir eine ganze Reihe von offenbar jungen Bildungen für Geräte und Werkzeuge mit 
Suffi.'^ -/ haben {Meißel, Beutel, Hobel, Gabel), dessenungeachtet kann aber die Erfindung 
der Segel doch in sehr alte Zeiten zurückgehen. Denn dieses Wort kann ein anderes ver- 
drängt haben. 

Dazu kommen Ausdrücke für Welle, ahd. wella, lit. vilnis, abg. vlüna; ags. wielm, 
aind. iirmih; — Ufer, mhd. uover, ags. ofer zu gr. tj.ietoo; (ceperos) 'Festland'; — Hafen 
anoid. fjönlr 'Buciit, Fjord' entspricht mit Ablaut \al portus 'Hafen'; — d. Riff, lat. npa 
'der steile Rand, das Ufer eines Gewässers*. 

Diese Ausdrücke können sich natürlich auch auf Flüsse beziehen, aber es ist das 
nicht sehr wahrscheinlich, da sich, wie ich glaube, im wesentlichen die Ausdrücke erhalten, 
deren Inhalt von großer Bedeutung ist. 

Die germanischen Bezeichnungen der Himmelsrichtungen sind unzweifelhaft aus 
echtem alten Sprachgut gebildet. Nirgends aber sind diese Namen notwendiger als auf 
der See. Was kümmert es den Landmann, woher der Wind weht, der Seemann muß ihn 
aber beobachten. Tatsächlich stammen denn auch unsere Namen erst wieder von der See- 
küste. Aber sie sind nicht nur nach Oberdeutschland gewandert, sondern selbst die fran- 
zösische Sprache hat sie aufgenommen. 

Norden gehört zu gT.vigzeoog {nerteros) 'unten befindlich', umhi. nertru 'links'; — 
Süden aus *sunl} gehört zu Sund oder, was mir wahrscheinlicher ist, zu gr. vöxog (nötos) 



§ 80. Neue Worte des Germanischen. 



105 



'Südwind' aus *snoios; — Osten stellt sich zu lat. aurora, gr. inüi (ceös); — Westen zu 
lat. Vesper, gr. sajii-Qa (hespera). — Unser Schauer, ahd. as. ags. an. skur 'Unwetter', got. 
skura windis 'Sturmwind', engl, shower gehört zu lat. caurus 'Nordostwind', lit. s'auris 
'Nordwind', abg. severü 'Nord'. 

Natürlich ist auch der Ausdruck Wind alt, lat. ventus. — Sturm entspricht wohl 
gr. oQ^rj (hormce). 

Man hat oft darauf hingewiesen, daß sich Ausdrücke für Ebbe und Flut nicht im 
Indogermanischen nachweisen lassen. Aber Ebbe, and. ebbiunga 'Wallung' ist zweifellos 
ein alter Ausdruck, der im Germanischen nicht neu gebildet sein kann, und Flut, goi. flodus 
entspricht formell gr. jiXcoxö^ (plöiös). Der eigentliche Ausdruck für diesen Begriff ist aber 
wohl e. tide, d. Zeit, Gezeiten, dessen Herkunft noch nicht erklärt ist, der aber wegen des 
bei dem Wort vorliegenden grammatischen Wechsels (ahd. zit, zid) alt sein dürfte. Daß 
die Ausdrücke nur an der Seeküste beharren können, ist selbstverständlich. 

Besonders bemerkenswert ist ferner, daß gerade Ausdrücke für Seefische und See- 
tiere der Nordsee zum Teil in den verwandten Sprachen wiederkehren: 

Walfisch, ahd. wal, ags. hwoel, an. hvalr zu preuß. kalis 'Wels'; — Lachs, ahd. lahs, 
lit. laUm, russ. lososi 'Lachsforelle', poln. tosos 'Lachs'; — Stör, ahd. sturio, russ. osetrü, 
lit. erskstras; — Schade 'Maifisch', altir. scatan 'Hering', dazu Skadinavia. 

Diese Ausdrücke beweisen das meiste, da diese Fische zum Teil nur den Nordmeeren 
angehören. Andere Worte wie Düne, ndl. duin, ags. dun 'Hü^el', e. downs 'Dünen' zu 
air. dun 'Hügel', gall. dünum sind weniger bezeichnend.') 

Wenn sich einige Bezeichnungen wie Klippe, Strand, Geest nicht über das Ger- 
manische hinaus verfolgen lassen, so hat das nichts weiter auf sich. Die Worte sehen 
durchaus alt aus. 

Auch bei den Ausdrücken, die sich auf das Meer und die Schiffahrt 
beziehen, treten demnach im Germanischen nicht derartig viel neue Worte 
auf, daß wir aus ihnen die oben erwähnten Schlüsse ziehen könnten, viel- 
mehr finden wir gerade hier so oft die entsprechenden Worte in den ver- 
wandten Sprachen, wie nicht bei jeder andern Kategorie. 

§ 80. Neue Worte des Germanischen. Neu ausgebildet sind aber mög- 
licherweise im Germanischen eine Reihe von Worten, die sich auf die 
Standesgliederung beziehen. Man kann dies deshalb annehmen, weil diese 
Worte tatsächlich Ableitungen von andern Worten sind und zwar mit Suf- 
fixen, mit denen man damals regelrecht Worte bildete. Ich nenne hier nur: 
got. piudans 'König' von piuda 'Volk' ; — ahd. kuning 'König' von kunni 
'Geschlecht'; — ahd. walto 'dominus' von walten; — ahd. truhtin 'Herr' 
von '"truht 'Schar'; — ahd. truhtsajjeo 'der über der Schar sitzt'; — got. 
fraaja, altes Wort = a\. piirvja- 'der erste'; — ahd. herizogo 'der vor dem 
Heer herzieht' zu lat. dax; — ahd. herro, Komparativ 'der Vornehmere'; — 
ahd. grävio 'Graf, Vorsteher'; — got. gudja 'Priester', an. godl, nhd. 
gotte 'Pate'. 

Man beachte den wesentlichen Unterschied, der sich zwischen Worten 
dieser Art und den zuvor behandelten zeigt. 

Aber freiHch auch hier handelt es sich nicht um etwas begrifflich Neues, 
denn ein indogermanisches Wort für 'Herrscher' Hegt in ai. ra]ä, 1. rex, kelt. 



^) Man stellt gall. dünum gewöhnlich zu 
engl, town, d. Zaun. Dann könnte Düne nicht 



dazu gehören; aber die germ. Wörter brauchen 
nicht urverwandt, sie könn entlehnt sein.en 



106 FÜNFTES Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

rix vor; aber die erwühntcn Worte scheinen doch auf eine bedeutendere, 
neu ausij^cbildete Gliedcruni^ der Stände bei den Germanen hinzuweisen. 
Weiter sind zweifellos viele Worte für Werkzeuge und Geräte neu aus- 
gebildet, wie wir weiter unten sehen werden. 

§ 81. Material für die partiellen Gleichungen. Nachdem wir oben die 
Fragen, die sich an die partiellen Gleichungen knüpfen, im allgemeinen 
behandelt haben, scheint es mir doch angebracht zu sein, einen ausreichen- 
den Stoff vorzulegen, der jedem ein Urteil erlaubt. Abgesehen davon, daß 
damit ein beträchtlicher Teil der etymologischen Gleichungen vorgeführt 
wird, bewegt mich dazu der Umstand, daß die partiellen Gleichungen immer 
wieder zu allerhand Schlüssen herangezogen werden, ohne daß man sich 
auf wirkliche Tatsachen stützen kann. Denn seit Jon. Schmidt in seiner 
Schrift 'Die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen', 
1872, eine erste Liste derartiger partieller Gleichungen gegeben hat, ist der 
Versuch nicht wiederholt worden. Trotzdem nun heute diese Listen völlig 
unbrauchbar sind, da sich zum Teil manche Gleichungen als falsch er- 
wiesen haben, andere Worte, weil sie auch in einer dritten Sprache nach- 
gewiesen sind, nicht mehr angeführt werden dürfen, benutzt man sie immer 
doch noch. Oder man führt, wie dies Kluge, Urgermanisch 7 tut, keltisch- 
germanische und litauisch-slawisch-germanische Gleichungen an, deren be- 
trächtliche Anzahl dann verblüfft. Aber hier fehlt dann die Gegeninstanz, 
und daher nehme ich noch als Gegenzeugen das Lateinische und das 
Indische hinzu. Meine Listen werden freilich auch dem Schicksal unter- 
liegen, zu veralten, aber ich hoffe doch durch sie zu neuen Untersuchungen 
anzuregen und durch diese das ganze Problem aus der Welt zu schaffen. 

§ 82. Germanisch-italische Gleichungen. Schon oben S. 97 ist bemerkt 

worden, daß das Germanische eine große Menge von Worten nur mit dem 

Lateinischen teilt. Ich gebe hier meine frühern Listen in verbesserter Gestalt, 

wobei ich mich natürlich auf das ausgezeichnete Werk von Walde stütze. 

abziehen, got. aftiiihan, 1. abduco; — Adie, Aa, 1. aqua; Adisel, ahd. ahsala, 1. axilla, 
ala aus *aksla 'Flügel'; — bayr. Agn 'Spreu', got. ahana, alat. agna 'Ähre'; — Ähre, ahd. 
ahir, got. ahs, 1. aciis 'Granne, Spreu'; — bayr. Alm 'Alpe', 1. almus 'nährend'?; — Amsel, 
1. merula; — got. afjn, 1. anmis; — ahd. boian 'schlagen', d. in Amboß, 1. confutare; — 
braudien, 1. frux; — denken, 1. tongere "nosse, scire'; — Ding, 1. tempus; — Eber, 1. aper, 
abweichend abg. veprl; — Edte, 1. acies, auch gr. axig {akis), aber mit anderer Flexion; — 
an. ^^/fl 'Mangel', X.egere; — nisl. W^wr 'Schneegestöber', \. algeo; — Esdi 'OxXsWux', got. 
atisk -Saatfeld', \. ador; — Feifalter, \. papilio; — es fidtt 'es sticht', \. piget; — Finne 
'Floßfeder', l.pinna; — ahd. foh, \. paucus; — got. gaiteins, \. haedinus; — got gajuka, 
\.coniux; — Geiß, \. haedus; — gemein, got gamains, \. communis; — Gerste, t hor- 
deum; — Gerte, got gazds, \. hasta; — gewinnen, \. conor 'sich anstrengen' aus *cove- 
nor; — gießen, \. fundo mit ^/-Erweiterung gegenüber gr. yj«) {kheo); — grau l.ravus; — 
haben, 1 habere; — Hals, 1. Collum; — aschw. harger 'Opferstätte', 1. carcer; — {Hase), 
ahd. hasan 'grau, glänzend', 1. canus; — heben, got. hafjan, 1. capio; — ags. heden 'Koch- 
geschirr', 1. catinus 'Napf, Flasche, Schüssel'; — heuer, 1. hornus; — got. hidre 'hierher', 
1. citrd; — Hirsdi, ahd. hiru3, 1. cervus; — got. hlaiw 'Grabhügel', mhd. le, 1. clivus; — 



§ 83. Germanisch-keltische Gleichungen. 107 

ahd. horsc 'rasch', 1. coruscus 'schwankend, zitternd'; — Huhn, I. ciconia 'Storch'; — 
Hürde, 1. cratis; — e. hill, ags. hyll, 1. collis; — irren, I. errare; — an. kleiss 'stammelnd', 
\. blaesusl; — an. /f/o^ 'Schwertknauf', \. gladius; — Kuss, X.basiuml; — lang, \. lon- 
gus; — e. law, 1. lex; — Leim, Lehm, 1. limus 'Bodenschlamm'; — Leiste, 1. litus 'Strand'; — 
linde, 1. lentiis; — Lippe, 1. labium; — an. liiär 'Mchltrog', 1. Unter 'Kahn, Trog'; — Mast, 
\. malus; — Metze, \. modiiis; — dh(\. munt 'Hand', \. manus; — nackt, got. naqaps, 1. 
nudus aus *nogwedos (Suffix!); — neigen, got. hneiwan, 1. conivere; — nein, 1. noenum; — 
Nestel, 1. nodiis; — Nuß, 1. nux; — an. ördugr 'steil', 1. arduus; — Rede, got. rapjo 'Rech- 
nung, Zahl', 1. ratio (entlehnt?); — Regen, 1. rigare 'bewässern'; — got. rikan 'anhäufen', 
1. rogus 'Scheiterhaufen'; — Rispe, 1. crispus; — an. sattr 'versöhnt', 1. sacer; — sdiwarz, 
\. sordes 'Schmutz'; — Sdiwefel, l. sulpur; — sdiwellen, Schwall, \. salum 'Strömung des 
Flusses, hohe See'; — sdiwer, \. serius 'ernsthaft'; — ahd. intseffen 'einsehen', \. sapio 
'schmecken'; — got seipus 'spät', \. setius 'weniger'; — ■ got anasilan 'nachlassen, auf- 
hören, stillwerden', 1. silere; — got. simle 'einst, vormals', 1. semel; — sinnen, 1. sentio 
'fühle'; — zhd. skira 'Besorgung, Geschäft', e. shire, \. cura; — Spedit, \. picus; — got. 
stiwiti 'Erdulden, Geduld', \. Studium; — Gestrüpp, 1. rubus 'Brombeerstaude'; — Sühne, 
1. Sanas; — anord. tigenn 'vornehm', 1. dignus; — got pahan, 1. taceo; — Wabe, \. favus 
aus *wafos; — wahr, \. verus; — waten, l.vado; — got wulpus 'Herrlichkeit', \.voltus, 
vultus; — Wurm, 1. vermis; — wüst, 1. vastus; — Zehe, 1. digitus, (hal)lux aus *haldoix; 

— zeigen, ahd. zeigon, 1. -dicare; — zeihen, 1. dico; -- Herzog, 1. dux; — ziehen, tduco; 

— ahd. 2r 0^0/2 'ziehen', 1. ducare; — Zucht, 1. ductio; — Zunge, 1. lingua; — Zweifel, 1. 
duplus; — Zwirn, 1. bini. 

Die Fülle dieser Beispiele wird überraschen und hat mich seinerzeit 
überrascht. Ich habe damals aber nicht die übrigen partiellen Gleichungen 
zur Hand gehabt und mußte daher zu falschen Schlüssen kommen. Wir 
werden sehen, daß in den andern Gruppen die Anzahl gleichfalls nicht 
gering ist. 

§ 83. Germanisch-keltische Gleichungen. 

Literatur: Kluge, Urgermanisch 7; MuCH, Deutsche Stammeskunde, Sammlung 
Goeschen 1900, S. 44 ff. 

Von den keltisch-germanischen Entsprechungen ist es nicht immer leicht 
zu sagen, wie sie sich zueinander verhalten. Da wir jedenfalls keltische 
Lehnwörter in unsrer Sprache haben, die die Lautverschiebung mitgemacht 
haben — sei es, daß die Lautverschiebung erst nach der Entlehnung ein- 
trat, sei es, daß wir es mit Lautersetzung zu tun haben — , so läßt sich 
zwischen Urverwandtschaft und Entlehnung aus lautlichen Gründen nicht 
hinreichend sicher entscheiden. Man wird daher den Gesichtspunkt mit 
heranziehen müssen, wie weit die Worte in Raum und Zeit verbreitet sind, 
wie weit sie Ableitungen bilden und überhaupt im Kreise verwandter Worte 
stehen. Betrachtet man diesen Gesichtspunkt, so sinkt die Schale sehr zu- 
gunsten der Annahme von Entlehnung. Dazu kommt, daß sich die Worte 
auf gewisse kulturelle Erscheinungen beziehen, so daß auch hierdurch der 
Verdacht der Entlehnung gefördert wird. Ich habe das Werk von Stokes 
durchgesehen und daraus notiert, was mir mit einiger Wahrscheinlichkeit 
urverwandt zu sein schien. 

got. agls 'unschicklich, schimpflich', ir. äil (aus *agli) 'Schimpf; — Apfel, ir. aball, 
uball f. ; — Auge, ir. uag f. 'Höhle, Grab' ; — as. underbadon 'erschrecken', ir. fo-bothaim 



108 Fünftes Kapitel. Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

'constcrnor'; — ahd. bagan, ir. bagim 'streite'; — Beute, ir. buaid; — ags. breard 'Spitze', 
BorJ 'Scliiffsrand', ir. *ro/ 'Stachel'; — brennen, ah. brennim 'sprudelt'; — bringen, kymr. 
/i^-^Tt.:'/;^ 'dcduccre'; — an. (/d/Ar 'Mantclspangc', d.DoldiQ), ir. de/g 'Dorn' ; — ags. deorc 
'dunl<elfarbig', ir. derg 'rot'; — didi, '\r. tiiig; — drüdien, \r. truag 'elend'; — go{. dulgs 
'Schuld', ir. J/zX'«?«/ 'Pflicht, Gesetz, Recht'; abg. dlügil ist wohl entlehnt; — Durst, \r.tart; 

— ags. ear 'humus', ir. ur 'Erde, Lehm'; — got. -ei, ir. -/, suffigiertes Relativpronomen; — 
Eid, ir. oeth; — Erbe, \r.orbe Suffix!; — Faden, akyrwr. cteni; — Flur, \r. lar 'Flur, 
Boden': — fredi, kymr. rhewydd 'lascivia, lascivus"; — frei, kymr. rhydd 'frei', Bedeutung!; 

— (jabet, ir. gabul 'gegabelter Ast, Gabel'; — Geisel, ir. giall; — Grat, ir. gart 'Haupt'?; 

— ähd. hader-, gaW. catu- 'Kampf; — Hag, Hedte, akymr. fa/o« 'munimenta'; — Held, 
ir. calath 'hart'; — an. hella 'platter Stein, Schiefer', kymr. caill 'testiculus'; — got. hlei- 
duma, ir. de 'link'; — an. hrekja, ir. credit 'Wunde'; — an. hruga 'Hauie', ir. cruadi; — 
ahd. inadiri 'Eingeweide', mir. inathar; — ahd. jiht 'Aussage, Bekenntnis", kymr. iaith 
'Sprache'; — ahd. klenan 'kleben, schmieren', ir. glenim 'bleibe hangen'; — klug, ir. glic 
'klug, schlau' (?); — lasdi, ir. läse 'schlaff, träge'; — Latte, ir. slat, kymr. llath -Rutt'; — 
Laus, akymr. leu-eseticc 'von Läusen zerfressen'; — Leder, ir. lethar; — Letten, xr.lathadi 
'Schlamm'; — got. liugan 'heiraten', ir. luge 'Eid, Schwur'; — Lot, ir. luaide 'Blei'; — 
got. lubja- 'Gift', ir. luib 'Kraut, Strauch, Pflanze' ; — ahd. ludara 'Windel', kymr. Ilawdr 
'bracae; — Mähre, ir. marc, gall. marka; — mandier, got. manags 'viel', ir. menicc 'häufig, 
reichlich', abg. münogä ist wohl entlehnt; — dän. manke, ir. mong 'Mähne'; — Meudiel-, 
\r. ru-mugsat 'suffoderunt, i. e. abscondiderunt'; — ahd. gameit 'stoiidus, jactans', ir. miad 
'fastus'; — Mildi, ir. nielg; — miß-, ir. mis-; — mürbe, ir. meirb; — got. anananpjan 
'wagen', ir. neit 'Kampf; — ahd. nusca 'Spange, Schnalle', ir. nasc 'Ring'; — Rain, bret. 
reun, run 'Hügel'; — Rast, ir. arus, 'Wohnung' (?); — mhd. reben 'sich bewegen, rühren', 
xr.reb 'Spiel, Tücke'; — reiten, ir. riadaim 'fahre'; — ahd. n/n 'Zahl', ir. do-rimu 'enumero'; 

— Rinde, ir. rinde 'hölzerner Eimer'; — got. rodjan 'reden', ir. noraidin 'sage'; — t. roof 
'Dach', ir. cro 'Gehege, Stall, Hütte'; — Radien, ir. crocenn; — Rune, ir. run 'Geheimnis'; 

— Rüster, ir. ruaim 'Erle' ; — sdiinden, abret. scant 'Schuppe' ; — sdiwank, ir. seng 
'sch\ar\g'; — sdiwimmen, kymr. fl'ia/>'/ 'motus'; — gesdiwind, got swinps 'siarV.', ir. fetaim, 
setaim 'ich kann' ; — got. sinps 'Weg', ir. set 'Weg' ; — got. skeima 'Leuchte', ir. sciam 'Schön- 
heit'; — c. splint 'Splitter', ir. slind 'imbrex, pecten'; — Streifen, ir. sriab; — got tils 
•passend', ir. dil 'angenehm'; — Topf, ir. dabadi; — traut, ir. druth 'meretrix'. kymr. drud 
'carus'; — Wagen, ir. fen; — Weidwerk, ir. fiad 'Wild'; — Wert, air. früh- 'gegen'; — 
widieln, ix. figim 'webe'; — wild, kymr. gwyltt 'ferus, indomitus, sylvestris'; — ahd. witu 
'Holz', ir. fid 'Baum. Holz'; — Zaun, e. town, gall. dunon; — Zinne, ir. dind, dinn 'Hügel, 
Höhe'(?); — Zitze, ir. did. 

Anmerkung. Es sind in diese Liste auch Gleichungen aufgenommen, bei denen 
ich weiter unten annehme, das germanische Wort sei aus dem Keltischen entlehnt. Da 
sich dies aber nicht mit voller Sicherheit behaupten läßt, so mußten sie, als möglicher- 
weise doch urverwandt, hier ihre Stelle finden. Meine Liste wird dadurch um ein paar 
Nummern länger. Wir werden aber sehen, daß dies gar keine Bedeutung hat. Außerdem 
befinden sich unter den angegebenen Entsprechungen ein paar recht unsichere. Auch 
diese habe ich absichtlich aufgenommen. 

§ 84. Germanisch-litu-slawische Gleichungen. 

Literatur: J.Schmidt, Verwandtschaftsverhältnisse S. 36ff. (veraltet); Kluge, Grund- 
riß der germ. Phil.2 1,360 (bedarf der Berichtigung); in der neuen Auflage ist die Liste 
stark gekürzt; Uhlenbeck, Btr. 22, 539 ff. 

Die engere Zusammengehörigkeit des Germanischen mit dem Litu- 
Slawischen wurde schon vor langer Zeit vermutet, und diese Ansicht hat 
sich jahrelang einer unbedingten Anerkennung zu erfreuen gehabt. Ich kann 



§ 84. Germanisch-litu-slawische Gleichungen. 109 



ihr in Übereinstimmung mit den meisten Forschern nicht zustimmen, da 
sich in Laut- und Flexionslehre keine derartigen besondern Berührungs- 
punkte auffinden lassen, daß man auf ihnen ein Gebäude von solcher 
Mächtigkeit errichten könnte. Es bleiben also die Berührungen im Wort- 
schatz, die indessen auch nicht über das Maß dessen, was wir erwarten 
dürfen, hinausgehen. 

ander, lit. antras; — Aas 'Viehfutter', ahd. 03, lit. edis, abg.Jadi 'Speise'; — got. barn 
'Kind', lit. bernas 'Knecht, Jüngling'; — ags. bearu 'Wäldchen', abg. borü 'pinus'; — got. 
biuhts, \\i. jnnktas; — ags. blat 'bleich', abg. bledü; — blind, lit. bl{sta 'es wird Abend'; 

— ags. brigdel 'Zügel', abg. brüzdä; — Dorsdi, russ. treskü; — got. driiigan 'Kriegsdienste 
tun', lit. draügas, abg. drugii 'Gefährte'; — ahd. elbi-^, abg. lebedi 'Schwan'; — Ernte, got. 
asans 'Erntezeit', apreuß. assanis, abg. jeseni 'Herbst'; — Espe, lit. apusis, russ. osina, 
vgl. aber Liden, Idg. Forsch. 18, 490; — Faust, abg. pcstX; — got. fon, apreuß. panno 
'Feuer'; — frisdi, ahg. presinü; — Geiz, lit. geid'z'ü 'begehre', abg. Uda 'erwarte'; — Gerte, 
abg. zrl.di 'dünne Stange'; — ags. gleo, gleam 'Kurzweil', \\\. glaudas; — gleidi, lit. ligus 
'gleich'; — graben, leit grebt 'schrapen, aushöhlen', abg. greba 'grabe'; — n<\\. grendel 
'Balken', abg. gredu; — greifen, lit. gtieb'ii; — Hacksdi, 'unverschnittener Eber', 
Hagen 'Zuchtstier', abg. kocanü 'männliches Glied'; — got. hairpra 'Eingeweide', abg. 
cresla; — Harm, abg. sramu 'Scham, Schande'; — anord. hauss 'Schädel', lit. k'äuse; — 
helfen, lit. selpti; — ahd. hemera 'Nießwurz', abg. cemeri; — Hödzer, ahA.hovar, lit. kitprä 
'Höcker'; — anord. hros "Lob, Ruhm', abg. krasa 'Schönheit'; — ahd. hriubi 'Scabies', lett. 
kraupa 'Grind'; — got. harjis 'wer von mehreren', lit. kuris 'welcher'; — ahd. ilgi 'Hunger', 
Mi. isalkis; — noxsu. kage 'niedriger Busch', Wi.zagaras 'dürrer Ast'; — kauen, abg. zwq; 

— Klafter, \\i. giebls ' kxmvoW , lit. globti 'umarmen'; — an. klökkr 'schwach, gebrechlich', 
lit. gleznus 'weich, schwach, zart'; — knete, ahg. gnetq; — Ladis, Wt. laH^ä, russ. lösosi; 

— d. lähmen, abg. lomiti 'brechen'; — lesen, lit. lesti 'Körner aufpicken'; — got. lewjan 
'preisgeben', lit. l'äuti 'aufhören'; — e. limb 'Glied', lit. liemuö 'Baumstamm, Körper'; — 
Lo(ke, lit. lugnas 'biegsam'; — got. malma 'Sand', zermalmen, lit. melmuö 'Nierenstein'; — 
Masdie, lit. mäzgas 'Knoten'; — got. naus, abg. navl 'Leiche', apreuß. nowis 'Rumpf; — 
got. biniuhsjan 'ausspähen', russ. njüdiatl 'riechen, schnüffeln'; — Nutzen, lit. naudä; — 
Pfuhl, lit. bald 'Bruch', abg. blato "Sumpf (?); — poltern, lit. beldeti 'klopfen' ; — prickeln, 
lit. brH'u 'kratze'; — Qual, lit. gelä 'heftiger Schmerz'; — Quappe, apreuß. gabawo "Kröte', 
ahg. zaba 'Frosch'; — Rahe, lit. r ekles 'Stangengerüst zum Trocknen'; — reidien, lit. 
räizitis 'sich recken'; — Ring, ahg. krqgä, aber auch ai. 'irö^/za/a- 'Kette' ; — Rippe, abg. 
rebro; — Rogen, lit. kurkulal, russ. krjakü 'Froschlaich'; — ags. rot 'freudig, froh', abg. 
radü 'gern'; — Rumpf, abg. rqbä 'Tuch, Gewand'; — ahd. skalm -Kahn', abg. clünii; — 
d. scheinen, abg. sinqti; — sdilingen, Sdilange, lit. slihkti 'schleichen', abg. slqku 'krumm'; 

— Sdinabel, lit. snäpas; — sdireiten, lit. skrindu, skristi 'schnell laufen, fliegen'; — an. 
sikr 'Schnäpel', russ. sigä, lett. siga; — got. skewjan 'wandern', lit. suolials 'im gestreckten 
Galopp'; — Spanferkel, mhd. spen 'Mutterbrust', lit. spenis 'Saugwarze'; — ags. sot, lit. 
södis, abg. sazda 'Ruß'; — Stab, lit. stäbas 'Götzenbild'; — Stein, abg. stena 'Mauer'; — 
Stör, lit. er sketras, aprtn^. esketres, russ. osetrü; — ndl. stront 'iaeces\ ahg. trqdil 'Art 
Krankheit'; — Stute, ahg. stado 'Pferdeherde'; — Sdiwein 'Hirt', ahd. geswio 'Schwager, 
Schwestermann', lit. svalnis 'des Weibes Schwestermann'; — Teil, abg. dein; — norw. tira 
'gucke, spähe', lit. dirsti 'hervorgucken'; — Tobel, abg. dupll 'hohl'; — got. peih'ö 'Donner', 
abg. ^flca 'Sturzregen'; — anord. pidurr, lit. tetervinas, ahg. tetrevi 'Vogelart' ; — got. plus 
'Knecht', d. in Demut, lett. teksnis 'Aufwärter'; — anord. pömb, lit. timpa 'Sehne'; — got. 
propjan 'üben', abg. tratiti 'verbrauchen, ausgeben'; — an. pungr 'schwer', abg. tegota 
'Schwere'; — Wadis, ahg. voska (lit. väskas entlehnt); — got. wairilo 'Lippe', apreuß. 
warsus; — Wedi, lit. vagis 'Keil'; — Welle, lit. vilnis, abg. vlüna; — Wetter, abg. vedro 



1 10 Fünftes Kapitel, Das Alter der Worte. Die indogermanischen Bestandteile. 

'gutes Wetter'; — Giebel, ahd. wibil 'Käfer', \\{. väba/as; — Wicht, got. waihts 'Sache'» 
abg. vesti; — zwölf, lit. dvilika. 

Zweifellos wird sich dieses Material noch vermehren, sobald wir nach 
Vollendung von Bernekers Werk ein ausreichendes etymologisches Wörter- 
buch der slawischen Sprachen besitzen. Aber es ist kaum wahrscheinlich, 
daß er so wachsen wird, wie es nötig wäre, um darauf die Annahme 
näherer Verwandtschaft zu gründen. 

§ 85. Germanisch-arische Gleichungen. Zwischen dem Germanischen und 
dem Arischen hat noch niemand besonders nahe Beziehungen innerhalb der 
indogermanischen Sprachen vermutet. Es dürfte daher die Anzahl von 
Gleichungen, die wir nur in diesen beiden Sprachen antreffen, ein Maßstab 
dafür sein, was wir überhaupt zu finden erwarten dürfen. J. Schmidt hat in 
seinem Werke S. 50 nur fünfzehn derartige Gleichungen zusammenbringen 
können, und dieser Zahl gegenüber mußten allerdings die sechzig bis 
hundert Gleichungen, die er sonst nachzuweisen imstande war, stark in die 
Wagschale fallen. Ich war daher selbst erstaunt über die beträchtlich größere 
Anzahl, die sich bei näherer Untersuchung ergab. Eine Fehlerquelle kann 
ich aber nicht entdecken. 

got. afar 'hinter', ai. äparam 'nachher'; — an. agn 'Lockspeise, Köder', ai. äsanam 
'Speise'; — got. aljan 'Eifer', ai. arih 'verlangend'; — an. all 'Keim, Keimblatt', ai. aukurdh 
'Sproß, junger Schoß'; — an. ama 'plagen', ai. ämiti 'dringt an, bedrängt'; — Alp, ai. ^bhi'ih 
'geschickt'; — Atem, ai. atmä 'Hauch'; — Auer, ai. usräh 'Stier'; — bitter, ai. bhidräh 
'zerspaltend' (unbelegt); — got. bleil)s 'freundlich, barmherzig', ai. mritjati 'löst sich auf; 

— Bremse, ai. bhramaräh 'Biene'; — mhd. diehter 'Enkel', ai. tokdm 'Nachkommenschaft, 
Kinder'; — an. drak 'Streifen', ai. dhräjas 'Streichen, Zug': — ags. dyn 'Lärm', ai. dhünih 
'rauschend'; — eigen, ai. ts'e 'hat zu eigen'; — Eis, awest. isav- 'eisig'; — an. eisa 'einher- 
stürmen", a\. i'<ate 'enteilen, fliehen"; — &\\A. enka 'Schenkel', ai. äugam 'Glied, Körper'; 

— ags. ent 'Riese', ai. ädrih 'Stein, Fels'; — Felber, oss. färw 'Erle'; — feucht, ai. 
päijkam 'Schlamm'; — flink, ai. sphuliugah 'Funke'; — Flins, Flinte, ags. flint 'Kiesel', 
ai.pindah 'runde Masse'; — an. /ramT 'Schaum', ai. pröthati 'schnauhi' ; — Frohn, got. 
fräiija 'Herr', ai. purvjah 'vorderer'; — Futter, got. fodr 'Scheide', ai. pätram 'Behälter, 
Gefäß'; — ags. hafola 'Kopf, ai. kapälam 'Schale, Hirnschale"; — Häher, ai. sikharäh 

'spitzig'; — got. hairus 'Schwert", ai. süruh 'Geschoß"; heit, got. häidus 'Art und Weise', 

ai.ketiih 'Lichterscheinung, Helle'; — heiter, ai. citräh 'glänzend'; — Helm, ai. sdrma 'Schirm"; 

— Herde, ai. sardhah ; — mhd. hirmen 'ruhen, rasten', ai. srämjati 'wird müde'; — an. 
hrekja 'quälen', a\. karjati 'quält"; — got. hrisjan 'schütteln", ai. kridati 'spielt'; — Huf, 
ahd. saphäh; — got. -hun, ai. canä, Partikel; — got. hundafaps 'Herr von hundert', ai. 
satäpatili; — got fvapjan 'schäumen', ai. kvdthaii 'kocht, siedet'; — is\. hvoma 'gierig 
verschlingen', a\. camati 'schlürft'; — an. kalfe 'Wade', ai. gulphüh 'Fußknöchel'; — got. 
kilpei 'Mutterleib', ai.jathäram 'Bauch'; — as. kniobeda 'Gebet auf den Knien', ai.jnubädh 
'die Knie beugend'; — ags. colt 'junges Es^füllen', ai. gardabhüh 'Esel'; — Kram, ai. 
grämah 'Schar, Haufe, Gemeinde", vgl. aber auch abg. gramada 'Haufe'; — Lehen, ai. 
'reknah 'ererbter Besitz, Eigentum, Habe"; — got. leipan 'gehen', d. leiten, awest. raep 
sterben"; — Unk, ai. lauga- 'lahm'; — Lünse, ai. anih 'Achsennagel'; — got. mawilö 
'Mädchen', ai. mahila 'Frau'; — ags. molda 'Kopf, ai. mürdhä 'Stirn, Vorderkopf; — 
nieder, ai. nitaräm 'unterwärts, gesenkt'; — an. örr 'Narbe', ai. äruh 'Wunde'; — got. qens 
'Weib', ai.Janih (Suffix!): — mhd. räm 'Schmutz, Ruß', ai. rämäh 'dunkelfarbig, schwarz'; 

— got. reiran 'zittern", ai. leläjati; — Reute, awest. raoiSja- 'urbar zu machen"; — Sahn 



§ 85. Germanisch-arische Gleichungen. § 86. Schlussfolgerungen. 1 1 1 



a\. sänuh 'Oberstes eines Dinges'; — schartig, ai. ^/za^//i 'Scharte' (unbelegt); — Sdinake, 
engl, snake 'Schlange', ai. nagä'i 'Schlange'; — Schrulle, ai. krudhjate 'zürnt'; — Schwager, 
ai. svasnrah; — mhd. selken 'tröpfelnd niederfallen', ai. srjäti 'entläßt, schießt, läßt 
fliehen'{?); — Sippe, ai. sabhä 'Versammlung'; — Sorge, a\. sürk<ati 'kümmert sich'; — 
got spaiirds 'Rennhahn', a\. sprdh 'Wetteifer, Kampf; — stark, ptrs. sutnrg; — Strick, ai. 
sräj 'Gewinde'; — Tanne, ai. dhännh 'Bogen'; — Tudi, ai. dhvajäh 'Fahne'; — mh. turst 
'Kühnheit', ai. dhf.UHi; — got. papro 'dorther', ai. tdträ 'dort'; — und, ai. citha 'weiter'; — 
wacker, ai. väjrah 'Donnerkeil'; — Wahl, ai. värah 'Wunsch. Wahl'; — Wald, ai. vatah; — 
ahd. walni, ai. ürmlh 'Woge'; — as. wanatn 'glänzend', ai. vamdh 'lieb, lieblich'; — Wanst, 
ai. vaniiti'ih 'Mastdarm'; — Ware, ai. vanik 'Kaufmann'; — weiß, ai, svitnah; — wieder, 
a\. vitaräm; — goi. wripus 'Herde', a\. vrätah 'Haufe, Schar'; — wünschen, a\. vämhati; 
— an. ylgr, a\ vrkih 'Wölfin'; — a\\<\. zorft 'hell', ai. ddrpanah 'Spiegel'; — ahd. zouwen 
'fertigmachen, bereiten', ai. duväh 'hinausstrebend, unruhig'. 

Ich verzichte darauf, die germanisch-griechischen Gleichungen zusammen- 
zustellen. Aber wer dies nachholen wird, dürfte finden, daß auch hier die 
Zahl beträchtlicher ist, als man bisher annahm. 

§ 86. Schlußfolgerungen. Diese Listen sind, denke ich, lehrreich genug. 
Wir finden 102 lateinisch-germanische, 87 keltisch-germanische, 94 litu- 
slawisch-germanische und 88 arisch-germanische Gleichungen. Diese Zahlen 
können sich natürlich durch neue Entdeckungen, Hinzukommen übersehener 
Gleichungen etwas verschieben, aber doch nicht, wie ich glaube, so weit, 
daß sich auffallend große Verschiedenheiten in den Zahlen ergeben, Ver- 
schiedenheiten, die uns wirkliche Schlüsse erlaubten. Man wird also nun 
wohl einsehen, daß sich eine nähere Verwandtschaft des Keltischen oder 
des Litu-slawischen mit unserm Sprachstamm mit Hilfe der partiellen 
Gleichungen nicht begründen läßt, und daß die partiellen Gleichungen 
keine besondere Bedeutung haben. Diese sind ebensogut indogermanisch 
wie alle andern, und die übrigen Sprachen, die nicht daran teilnehmen, 
werden die Worte auch besessen, aber wieder verloren haben. 

Sobald wir also ein Wort des Germanischen in einer andern indo- 
germanischen Sprache nachgewiesen haben, so spricht alle Wahrscheinlich- 
keit dafür, daß es indogermanisch war. Damit ist dann seine weitere Er- 
klärung jener ältesten für uns erkennbaren Zeit zugeschoben. Manchmal 
wird sie gelingen, in vielen Fällen auch nicht. Wir haben ferner gesehen, 
daß selbst Worte indogermanisch sein können, die nur im Germanischen 
nachweisbar sind, ja daß davon eine gewisse Anzahl indogermanisch sein 
muß. Man könnte diese, wenn man die Zahl sämtlicher partieller Gleichungen 
hätte, sogar berechnen. 

Damit können wir diesen allgemeinen Abschnitt über die indogerma- 
nischen Bestandteile unsres Wortschatzes schließen, im einzelnen werden 
wir später noch mancherlei zu betrachten haben. 



112 Sechstes Kapitel. Ableitung, Zusammensetzung und anderes. 

Sechstes Kapitel. 
Ableitung, Zusammensetzung und anderes. 

§ 87. Veränderung der Worte im Anlaut. Verkürzung. Allgemeines. Neben 
den Grundworten der Sprache, d. h. solchen, die nicht weiter zerlegbar 
sind, steht die große Menge der Ableitungen und Zusammensetzungen. 
Ehe wir auf diese eingehen, sei noch zunächst auf ein paar Erscheinungen 
allgemeiner Art aufmerksam gemacht. Die Sprachwissenschaft lehrt jetzt 
bekanntlich, daß nicht das Wort die Grundlage des Sprechens ist, sondern 
der Satz. Wenn man auch über die Richtigkeit dieser Anschauung im 
Zweifel sein kann, so ist es doch sicher, daß gewöhnlich die Worte nicht 
vereinzelt, sondern im Zusammenhang mit andern, in sogenannten Sprech- 
takten stehen. Im besondern werden Artikel und Präpositionen fast stets 
mit dem abhängigen Wort vereinigt, und es kann sehr leicht kommen, daß 
dabei die ursprüngliche Silbengrenze verschoben und so die eigentliche 
Herkunft verschleiert wird. 

So sagt man in Norddeutschland um un(d) dum, über un(d) düber, was eigentlich 
um und um, über und über ist. Sobald sich die Worte* dum und düber aus diesen Ver- 
bindungen loslösten, würden wir ein neues Wort haben. Hier ist das nicht geschehen, 
wohl aber in andern Fällen. So ist das durch Luther in die Schriftsprache eingeführte 
Otter aus Natter entstanden, offenbar, indem man n als unbestimmten Artikel faßte. 
Ebenso engl, adder. Aus Nachen ist am Mittelrhein Adie geworden. Nd. Olm 'Holz- 
fäulnis' ist aus Molm entstanden. Orange geht auf ai. narauga- 'Orangenbaum' zurück. 

Häufiger ist die Hinzufügung neuer Elemente. 

Für Guten Abend sagen wir Nahend, eis. Nowe. Diese Verbindung ist eigentlich ganz 
fest; nur läßt das Bestehen des Wortes Abend immer noch den Ursprung erkennen. Nieder- 
deutsch sagt man Mars statt Arsdi. Obd. ist Nast für Ast. Nobiskrug 'Schenke des 
Teufels, Hölle' geht auf gr.-lat. abyssus zurück. 

Daß ein derartiges Zusammenwachsen in fremden Wörtern besonders 
häufig eintritt, ist leicht zu verstehen. 

So ist al in Wörtern arabischer Herkunft, wie Alkohol, Alkoven, Alkali neben 
Kali, Aldiemie neben Chemie der arabische Artikel al. Der französische Artikel /- ist in 
folgenden Fällen festgeworden: labet sein, werden ist frz. /« bete; Lafette, Uz. l'affüt, 
bei Wallhausen 1617 die Affuite; — Lärm, Alarm, ital. a l'arme 'zu den Waffen'; — 
Lasur geht aui Azur zurück; — Lomber ist Uz. l'hombre von span. hombre 'der Mann'. 
Vgl. hierzu L. SIjtterlin und A. Waag, Deutsche Sprachlehre für höhere Lehranstalten, 1905, 
S. 45; — Otto Heilig, Angewachsene, bezw. losgetrennte Teile in Ortsnamen, ZfdU. 11, 
728 ff.; Keiper, Angewachsene und losgetrennte Wortteile in süddeutschen Dialektwörtern, 
ZfdU. 24, 249 ff. 

Eine andere Erscheinung ist die auf psychologischen Gründen be- 
ruhende Verkürzung längerer Wortgruppen. Die Sprache ist dazu da, etwas 
zu vermitteln, und es genügt daher oft genug, nur einen Teil dessen aus- 
zusprechen, was man sagen will, weil man damit auf ein volles Verständnis 
rechnen kann. Besonders stellt sich in gewissen Verkehrskreisen leicht eine 



§ 88. Lebende und tote Suffixe. 113 

solche Verkürzung ein. Wir sagen Nabend für guten Abend, eig. ich wünsche 
einen guten Abend, Mahlzeit für gesegnete Mahlzeit. Man bestellt ein 
Pilsener beim Kellner, und der Kellner seinerseits bestellt ein Pils. Viele 
derartiger Verkürzungen sind allmählich in der Sprache ganz fest geworden. 
So sagen wir Auto für Automobil; — Piano für Piano forte, und haben sogar die 
Ableitung Pianino; — aus mhd. eltermuoter 'Gxo2>m\i\itx' entstand Elter, aus \\d\.viola 
da braccio (Armgeige) Bratsche, aus viola di gamba (Bein) Gambe, aus engl, terrierdog 
Terrier. 'Weiter Tram aus Trambahn; — Trampel 'ungeschicl<ter Mensch' aus Trampel- 
tier; — Wehrmann aus Landwehrmann; — Z,e/5 'geisthches Lied' aus mhd. kirleis von 
gr. xvQiE iUrjaov {kyrie eleceson 'Herr, erbarme dich'); — Hälfe 'Halbbauer', aus Half- 
winne; — Kerf aus Kerbtier; — Kilt 'Nachtbesuch', ahd. kwilti werk 'Abendwerk'. 

Nunmehr kommen wir zu den Ableitungen und Zusammensetzungen. 
Wir haben darin zwei Mittel, durch die die indogermanischen Sprachen 
von jeher imstande gewesen sind, neue Worte zu bilden, und gegenüber 
diesen beiden wortbildenden Mitteln tritt das der Urschöpfung ganz be- 
trächtlich zurück. Während die Möglichkeit der Zusammensetzung, nament- 
lich im Deutschen, nahezu unbegrenzt ist, und deshalb auch nur an- 
deutungsweise gestreift werden kann, erfordern die Ableitungen eine etwas 
eingehendere Betrachtung. Natürlich gehen eine ganze Reihe von abgelei- 
teten Wörtern in die indogermanische Grundsprache zurück. Aber darauf 
kommt es uns hier weniger an als auf die wortbildenden Teile selbst. 

Anmerkung. Der Ausdruck 'Suffix', der als Bezeichnung der wortbildenden Teile 
geläufig ist, hat in neuerer Zeit zu Bedenken Anlaß gegeben. Der Ausdruck suffixus 'an- 
gefügt' veranlaßt leicht zu der Meinung, daß es sich bei den Suffixen um einst selbständige 
angetretene Wörter handele. Das trifft zwar in einer ganzen Reihe von Fällen zu, aber nicht 
in allen. Meines Erachtens liegt kein Grund vor, das Wort deshalb aufzugeben. Jedenfalls 
sollte man, wenn man es durch ein anderes ersetzen will, ein deutsches Wort dafür ge- 
brauchen. Mit den neuerdings vorgeschlagenen Ausdrücken Formans, formantisdi oder 
Formativ kann ich mich nicht befreunden. 

§ 88. Lebende und tote Suffixe. Bei den Ableitungen der Worte besteht 
ein wesentlicher Unterschied im Hinblick auf unsere Zwecke, ich meine 
die geschichtliche Entwicklung des Wortschatzes, nämlich der, ob mit einer 
Ableitung noch immer neue Worte gebildet werden können oder nicht, ob 
ein Suffix, wie wir wissenschaftlich zu sagen pflegen, produktiv, lebend 
ist oder nicht. Ein paar Beispiele mögen das veranschaulichen. Ein Suffix 
ist produktiv oder lebendig, wenn man imstande ist, damit neue Worte zu 
bilden. Das gilt z. B. von -ieren — denn Worte wie telegraphieren, tele- 
phonieren sind sicher jung — , ebenso wie von -ler, z. B. Freischärler, 
Autler. Andere dagegen sind unproduktiv, tot. So bildete man in früherer 
Zeit mit -t weibliche Abstrakta, z. B, Macht von mögen, Kunst von können, 
Gunst von gönnen, Vernunft von vernehmen, List von einem Verb got. 
lais 'ich weiß', Gift 'Gabe' von geben, -dürft in Notdurft von dürfen, 
Flucht von fliehen, Ankunft von kommen, Schuld zu sollen. Fahrt zu fahren, 
Tat zu tun. Statt zu stehen, Saat zu säen, Glut zu glühen, Blut, Blüte 
zu blühen, Naht zu nähen. Sucht zu siech, Zucht zu ziehen, Geduld zu 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 8 



114 Sechstes Kapitel. Ableitung, Zusammensetzung und anderes. 

lat. tuU usw. Sind auch diese Bilduiii^en noch ziemlich zahlreich, so ist 
es doch seit geraumer Zeit nicht mehr möglich, neue Wörter auf diese 
Weise hervorzubringen. 

Können wir also feststellen, wann ein Suffix aufgehört hat, produktiv 
zu sein, so haben wir damit die Zeit festgelegt, vor welcher ein Wort, das 
mit diesem Suffix versehen ist, gebildet sein muß. Sehen wir umgekehrt 
im Laufe der Zeit ein Suffix erst entstehen und produktiv werden, so haben 
wir damit den Zeitpunkt, nach welchem ein Wort, das dieses Suffix zeigt, 
gebildet sein muß. Auch hier ein Beispiel. Im Urgermanischen konnte man 
von Verben durch ein «-Suffix Nomina agentis bilden, z. B, Bote zu fielen, 
Gehilfe, Steinmetz, alid. steinniezzo zu got. maitan 'behauen', Nac/ikommey 
Blindschleiche, ahd. blintslidio, Anwalt, ahd. anawalto, Herzog, ahd. heri- 
zogo, Sdienkc, Scherge zu Schar, Heuschrecke, Schurke zu ahd. firskurgan 
'verstoßen'. Diese Bilduiigsweise steht in althochdeutscher Zeit in voller 
Blüte, mittelhochdeutsch kommen noch einige neue, früher nicht belegte, 
hinzu, aber dann stirbt das Suffix ab und wird durch Bildungen mit -er 
ersetzt, z. B. Esser, ahd. e.yjo, Geber, ahd. gebo, Helfer, ahd, helfo, Spreclier, 
ahd. spreäio. Dieses Suffix ist noch heute lebendig. Bei ihm können wir 
nun aber die Zeit der Entstehung ziemlich genau feststellen. Es lautet ahd. 
ari, got. -areis und ist sicher aus dem lat. -arius entlehnt. Wir haben dem- 
nach die feste Tatsache, daß alle Wörter mit Suffix -er erst in nachchrist- 
licher Zeit entstanden sind. Die oben gegebenen Beispiele zeigen aber, 
daß nicht selten das jüngere Suffix an die Stelle des altern getreten ist, 
so daß also schließlich der Begriff, der mit dem Wort bezeichnet wird, 
auch schon in früherer Zeit durch den gleichen Stamm ausgedrückt ge- 
wesen sein kann. Jedenfalls sind die Bildungen mit toten Suffixen wert- 
voller als die mit lebenden. 

Eine genaue Beachtung dieser Punkte wird uns vor Fehlschlüssen be- 
wahren, wie sie jedem Etymologen — den Verfasser nicht ausgenommen — 
unterlaufen. Ich möchte einige Beispiele anführen. Unser Wort Fuß, got. 
fotus, kehrt in den übrigen Sprachen wieder, gr. .tojV {päs), lat. pes, ai. 
päd usw., nicht aber Hand, got. handus. Woher stammt dieses Wort? Nach 
Kluge von dem gotischen Verbum hinpan 'fangen'. Dem widerspricht aber 
die Bildung des Wortes, Hand ist ein konsonantischer Stamm, und diese 
waren im Urgermanischen kaum noch produktiv. Daher geht das Wort, 
auch wenn wir kein entsprechendes Wort in den verwandten Sprachen 
auftreiben können, bis in die indogermanische Grundsprache zurück. 
Tatsächlich gehört es zu gr. y.ard {katd), eig. 'mit der Hand'. Kluge leitet 
auch Hund, Grundform hunda- von got, hinpan 'fangen' ab, also eigent- 
lich 'der Fänger'. Aber auch in diesem Fall läßt die suffixale Bildung 
die Annahme bedenklich erscheinen. Man sollte hunto erwarten mit dem 
Nomina agentis bildenden /i-Suffix, Daher bleibt die alte Verbindung mit 
gr. xvoiv {kyon), lat. canis wahrscheinlicher. Auch das Wort Milz können 



§90. A. Ableitungen, die aus selbständigen Worten entstanden sind. 115 

wir nicht über das Germanische hinaus verfolgen. Trotzdem wird es alt 
sein, weil wir es mit den Mitteln der germanischen Suffixlehre nicht er- 
klären können. Denn, wenn Kluge, EWß., sagt: „Die Sippe gehört wohl 
zu der in Malz steckenden germanischen Wurzel melt 'erweichen, schmel- 
zen' in Rücksicht auf das der Milz zugeschriebene Verarbeiten, Auflösen, 
Flüssigmachen verschiedener Säfte", so wird man diese Erklärung kaum 
ernst nehmen dürfen, ganz abgesehen davon, daß die Stammbildung un- 
klar bleibt. Das Wort ist tatsächlich, wie die meisten andern Körperteil- 
namen, unerklärbar. 

§ 89. Literatur und Allgemeines. Wie die Lautlehre ist also auch die 
Stammbildungslehre für die Wortforschung von höchster Bedeutung. Wir 
besitzen glücklicherweise eine Reihe vortrefflicher Darstellungen dieses Ge- 
bietes, auf die ich den Leser verweisen kann. 

Zunächst Brugmann im zweiten Band seines Grundrisses, 1906, dann Kluge, Nomi- 
nale Stammbildungslehre der altgermanischen Dialekte, 2. Auflage, Halle 1899, und WiL- 
MANNS, Deutsche Grammatik, zweiter Band, 2. Auflage, Straßburg 1899. Namentlich dieses 
letzte Buch erfüllt alle die Anforderungen, die der Lehrer stellen muß. 

Im Hinblick auf diese Werke dürfte es genügen, wenn wir uns an dieser Stelle auf 
das Notwendigste beschränken und nur das hervorheben, was für die Geschichte unseres 
Wortschatzes von Bedeutung ist. Kann es doch überhaupt nicht unsere Aufgabe sein, eine 
vollständige Suffixlehre zu geben. 

Der Ausdruck „Suffix" bedeutet „hinten angefügt", und die Gram- 
matiker drückten damit die Meinung aus, daß es sich in den Suffixen um 
einst selbständige Wörter handelt. Das ist in der Tat für eine ganze Reihe 
von Fällen richtig, für andere aber nicht. In diesen beruhen die Suffixe 
auf falscher Abteilung der Bildung, vgl. unten keit. Dazu kommen dann 
die entlehnten Suffixe, die eine nicht geringe Bedeutung haben. 

Nach diesen drei Abteilungen können wir die deutschen Suffixe ein- 
teilen und zu ihrem Verständnis kommen. Aber wenn wir das getan haben, 
so bleibt immer die große Zahl derer übrig, die aus dem Indogermanischen 
stammen. Gewiß können wir auch manche von diesen durch eine dieser 
drei Möglichkeiten erklären. Aber bei den meisten versagen diese. Wenn 
man die Darstellung in Brugmanns Grundriß ansieht, so haben wir es im 
Indogermanischen bei den Suffixen mit ganz einfachen Elementen zu tun, 
nicht bloß vokalischen wie /, u, o, ä, die sich als selbständige Elemente 
verstehen ließen, sondern auch mit konsonantischen, wie t, k, r, l, n, deren 
Herkunft bisher ein Rätsel war, das sich aber, wie wir sehen werden, lösen läßt. 

§ 90. A. Ableitungen, die aus selbständigen Worten entstanden sind. Eine 
ganze Reihe unserer Ableitungen sind tatsächlich selbständige Worte ge- 
wesen, d. h. zweite Glieder von Zusammensetzungen. Der Weg, auf dem 
ein solches Wort zum Suffix wird, ist sehr einfach. Es braucht als zweites 
GHed der Zusammensetzung nur ziemlich häufig aufzutreten und mit dem 
Grundwort einigermaßen zu verwachsen. Geht es dann etwa noch als selb- 
ständiges Wort verloren, so ist das Suffix fertig. 

8* 



116 Sechstes Kapitel. Ableitung, Zusammensetzung und anderes. 

1. -heit ist ahd. heit m. f. 'persona, sexus, Rang, Stand', mhd. heit i. 'Beschaffenheit, 
Art und Weise", ags. had m. 'Stand, Geschlecht, Art und Weise, F-jgenschaft', an. heit/r m. 
'Ehre', goi. fiaidiis m. 'Art und Weise' zu aind. kctüU m. 'Lichtcrscheinunß, Helle, Bild, 
Zeichen". Komposita mit -fielt treten nur im Westgermanischen auf und bedeuten 'den 
Stand, die Art und Weise des Grundwortes', z. B. Gottheit. Kindheit, Bosheit, Wahrheit. 

Anmerkung 1. -keit, das mit -heit eins ist, hat nie als selbständiges Wort be- 
standen. Es ist dadurch hervorgegangen, daß -heit an Adjcktiva auf -ec trat. Aus der Form 
-ek(h)eit wurde -keit abstrahiert. Die Bildung ist erst mittelhochdeutsch. Indem -keit noch- 
mals an Adjektiva auf -ig trat, entstand seit spatmittelhochdcutscher Zeit -igkeit, das zum 
Teil eine andere Bedeutuug a\s -heit hat: Dichtheil — Diditigkeit, Kleinheit — Kleinigkeit, 
Neuheit — Neuigkeit, -heit ist bis jetzt lebendig geblieben. 

Anmerkung 2. Heit ist in der Wetterau noch als selbständiges Wort erhalten, 
z. B. lediger Heit 'ledigen Standes', Junger Heit 'in der Jugend", besoffener Heit 'in be- 
trunkenem Zustand", kleiner, großer Heit 'als Kind, als erwachsener Mensch'. Auch in der 
Pfalz und im Südfränkischen kommt es noch vor. 

2. -sdiaft. Dieses Suffix gehört zu sdiaffen. Es kommen zwei selbständige Worte 
vor: a) erst mhd. sdiaft f. 'Geschöpf, Gestalt, Bildung, Beschaffenheit', ahd. gi-skaft dss., 
ags. ge-sceaft 'Geschöpf, Schöpfung. Schickung', got. gaskafts f. 'Schöpfung, Geschöpf 
und b) ahd. scaf 'modus', an. skap n. 'Geistesbeschaffenheit, Sinn". Zusammensetzungen 
mit skaf erscheinen zeitlich früh, erst seit dem 10. Jahrhundert solche mit -skaft, die indes 
auch angelsächsisch sind. Die Grundbedeutung des Suffixes ist nicht so klar, wie die von 
-heit. .Sie bezeichnen mehr die Tätigkeit, den Zustand, das Verhalten und das Verhältnis, 
und daraus entwickelt sich früh ein kollektiver Sinn." Das Suffix ist bis in die Neuzeit 
lebendig geblieben. 

3. -tum, mhd. ahd. tuom 'Satzung. Sitte, Herrschaft. Macht', ags. dorn, an. domr 'Ot- 
richt, Entscheidung", got. doms 'Urteil, Sinn'. Das Wort gehört zu tun, bewahrt aber eine 
weitere, anschaulichere Bedeutung als dieses. Zusammensetzungen mit diesem Suffix fehlen 
nur dem Gotischen. Lebendig bis in die Neuzeit. 

4. -ian geht zum Teil auf ndd. Jan = Johann zurück, so in Dummrian, Liederian, 
ähnlich wie wir Faselhans, Prahlhans haben. 

5. -lidi, mhd. ahd. hh, as. ags. an. lik. got. leik 'Leib, Körper'. Dieses Wort ging mit 
dem Grundwort Komposita ein, die man mit einem Ausdruck der indischen Grammatik 
ßrt//ut;r//j/-Komposita nennt, d. h. eigentlich 'viel Reis". Als Adjektivum verwendet meint 
es "viel Reis habend". Daher bedeuten denn diese Bildungen mit -lidi ,die Gestalt, das 
Aussehen dessen habend, was das Grundwort besagt". Schon J.Grimm, Gramm. 2, 660, hat 
beobachtet, daß die Bildungen auf -lidi im Althochdeutschen gern eintreten, wo das Ad- 
jektivum mit einem abstrakten Substantivum verbunden wird. .Otfrid braucht sua^lih, 
zuweilen auch suay, bei den abstrakten Wörtern Tat, Mut, Gelüste, Milde, aber von 
Honig, Mildi, Apfel würde er nur sua^i brauchen: armalih setzt er zu Mut. Wille, Tat, 
Brust, Lust, Strafe usw., hingegen armu wihtir, arme Joh ridie." Die ursprüngliche Be- 
deutung findet sich heute noch bei einer Reihe von Farbenbezeichnungen: weißlidi, bläu- 
lidi und einigen andern Worten wie länglidi, rundlidi. Als Suffix tritt -lidi schon im 
Gotischen auf und bleibt bis heute lebendig. 

Anmerkung 3. Durch falsche Abstraktion entstanden -/^//i/z (mittelhochdeutsch sehr 
häufig, dann aber absterbend, jetzt noch gemeiniglidi) und -erlidi (lüdierlidi, fürditerlidi). 

6. -sam ist das Adjektivum ahd. samo, engl. 5flw^, got. sa sama 'derselbe', gr. o/^d? 
{homös). Zusammensetzungen mit -sam bedeuten 'entsprechend', mühsame Arbeit 'eine 
Arbeit, die mit Mühe verbunden ist, der Mühe entspricht". Schon im Gotischen kommt 
lustusama 'ersehnt" vor. Die Bildungen können noch als lebendig gelten. 

7. -bar, ahd. -bari ist Adjektivbildung zu dem Verbum heran 'tragen, bringen', und 
auf diese Bedeutung lassen sich viele ältere Bildungen ohne weiteres zurückführen. Die 



§91. B. Ableitungen, die durch falsche Trennung entstanden sind. 117 



Bildungen sind im Althochdeutschen noch nicht häufig, werden dann aber im Mittelhoch- 
deutschen und Neuhoclideutschen sehr produktiv. 

8. -mäßig, erscheint ahd. als -ma^i. ^03/ verhält sich zu tney^an, wie bari zw heran 
Die Erweiterung mit g hatte auch -bari. Während hier -barig untergegangen ist, ist um- 
gekehrt -moeze geschwunden. Althochdeutsch sind nur wenige Bildungen belegt. Das 
Suffix wird erst im Neuhochdeutschen recht produktiv. 

9. -haft findet sich got. als iiafts, ahd. mhd. haft 'gefesselt, gebunden' und ent- 
spricht etymologisch dem lat. captus. Eine Erweiterung davon ist haftig. 

§ 91. B. Ableitungen, die durch falsche Trennung entstanden sind. Wenn wir 
neben die Ableitungssilben -heit, -schaft, -tum, -lieh, -bar solche wie -ung, 
-nls, -In, -lg, -Lcht, -dien, -lein stellen, so wird man sie vom neuhoch- 
deutschen Standpunkt nicht von den erstgenannten Bildungen unterscheiden 
können. Man würde, hätte man keine Überlieferung, hier ebensogut an 
eigendiche Zusammensetzung denken dürfen wie bei jenen ersten. Trotzdem 
liegt die Sache anders. Keines dieser Suffixe ist ein selbständiges Wort 
gewesen, sondern alle sind erst allmählich entstanden. Dies weist also 
darauf hin, daß gleich aussehende Sprachteile einen recht verschiedenen 
Ursprung haben können, und dies ist besonders bei den Versuchen, die 
Elemente älterer Sprachstufen aufzuhellen, wichtig. 

1. -nis. Vgl. über die Geschichte dieses Suffixes, dessen Aufhellung erst nach vielen 
Irrwegen gelungen ist, VON Bahder, Die Verbalabstrakta in den germanischen Sprachen, 
Halle 1880, S. 109 ff. Dieses Suffix erscheint schon im Gotischen meistens als -(i)nassus, 
z. B. fraitjinassus 'Herrschaft' zu frauja -Herr', ibnassus 'Gleichheit' zu ibns 'eben'. Nur 
einmal finden wir -assus in ufar-assus 'Überfluß' zu iifar 'über'. Es war also das ur- 
sprüngliche Suffix -assus. Da dies aber gewöhnlich an Wörter auf -n trat, was im Gotischen 
tatsächlich meistens noch der Fall ist, so schied das Sprachgefühl ein -nassus ab. Das 
Suffix -assus ist aber in dieser Gestalt auch nicht in den verwandten Sprachen nach- 
zuweisen, sondern nach den germanischen Lautgesetzen aus -at-tus (siehe oben § 31, 10) 
entstanden, d. h. das bekannte Suffix -tu, lat. -tus, ist an Verben got. auf -atjan getreten, 
die den gr. auf -;w (-20), dyoiu'Coj (onomdzo) aus '■'onomadjo entsprechen, und nunmehr 
ist ein -assus als besonderes Suffix aufgefaßt worden. Wie die Entwicklung weiter vor 
sich gegangen, ist nicht ganz klar, zumal das Suffix in althochdeutscher Zeit in verschie- 
denen Formen auftritt. 

2. -ung, -ing, -Ung: Achtung, Schilling, Flüchtling. So selbständig diese Suffixe 
aussehen und so verschiedene, aber doch bestimmte Bedeutung sie haben, so sind sie 
doch alle erst durch falsche Abstraktion entstanden. 

a) Suffix -ung, ahd. -unga bildet seit althochdeutscher und wahrscheinlich sogar seit 
urgermanischer Zeit Abstrakta, die schon in den ältesten Zeiten fast ausschließlich von 
Verben abgeleitet sind. Trotzdem ist dieses Suffix von nominalen n-Stämmen ausgegangen, 
an die das indogermanische Suffix -k, germanisch nach dem Vernerschen Gesetz g, ge- 
treten ist. Produktiv bis in die Neuzeit. 

b) Suffix -ing bildet maskuline Bezeichnungen von Tieren und Personen und ist jetzt 
unproduktiv. Die Enstehung war die gleiche. 

c) Indem -ing an Stämme auf / antrat, wurde -Ung als ein einheitliches Suffix auf- 
gefaßt. Dieses lebt neuhochdeutsch in vielen Worten fort und ist gelegentlich noch lebendig. 

3. -in: Königin, Freundin. Dieses Suffix bildet movierte Feminina seit althoch- 
deutscher Zeit. Es stecken darin alte /?-Stämme. Das Suffix ist noch lebendig. 

4. -idit in Didzidit u. a. ist nicht mehr lebendig. Über die Entstehung vgl. WiLMANNS 
Deutsche Grammatik^ 2, 367. 



118 Sechstes Kapitel. Ableituno, Zusammensetzung und anderes. 

5. -(e)! bildet u. a. Bezeichnungen von Werkzeugen, Geraten, Hilfsmitteln usw. Es 
hat verschiedenen Ursprung und ist nicht mehr produktiv. 

Anmerkung. Eine ausführliche Erörterung der hierher gehörigen Bildungen bietet 
G. Wollermann. Studien über die deutschen Geriltnamen, Göttinger Diss. 1909. — Die 
ältesten Beispiele zeigen Sciiwundstufe, wie Sdililssel : sdiließen; — Zügel : ziehen; — 
Würfel •.werfen; — Gürtel : goi. bigairdan; — Sdilegel : sdilagen usw. 

6. -sal in Drangsal, ahd. -sal, got. -sl ist unerklärt. Im allgemeinen unproduktiv. 
Daneben von Verben abgeleitet -sei in Rätsel. Erst spätneuhochdeutsch. 

7. -dien, -lein sind Diminutivsuffi.xe. Das erste niederdeutsch, das zweite ober- 
deutsch, und dadurch für die Erkenntnis, woher ein Schriftsteller stammt, von Bedeutung. 
Ebenso aber auch für die Bestimmung der Herkunft von Worten. So sind Heimdien, 
Be ff dien, Frettdien. Kanindien, Veildien, Sdiippdien, Mäddien norddeutsch, Sdierflein, 
Zipperlein süddeutsch. 

§ 92. C. Entlehnte Ableitungen. Neben diesen einheimischen Suffixen 
stehen nun meri<würdigerweise eine ganze Reihe entlehnter, von denen 
wenigstens zwei unbestreitbares Bürgerrecht in der deutschen Sprache ge- 
wonnen haben. Der Hergang ist sehr einfach. Es werden eine Reihe von 
Worten mit dem gleichen Suffix entlehnt, und dieses wird dann auch auf 
einheimische Wörter übertragen. 

1. -er, ahd. -äri, got. -areis ist aus dem Lateinischen -arius entlehnt; darauf weist 
die Lautgestalt mit Sicherheit. Vgl. Wilmanns, DGr.^ 2, 283. Das Suffix wird in althoch- 
deutscher Zeit produktiv und ist es noch. 

Anmerkung 1. In einigen Fällen scheint in -er ein altes Element -war zu stecken, 
vergleiche ags. Romware, Cantware 'Kenter" und die in römischer Überlieferung auftretenden 
Amsivarii, Baiuvarii. 

2. -ei, mhd. -le stammt aus dem Romanischen und tritt im Mittelhochdeutschen zu- 
erst auf. Auf den fremden Ursprung weist noch der Ton. 

Anmerkung 2. Im Neuhochdeutschen haben sich daraus noch die beiden Suffixe 
-erei und -elei entwickelt. Durch neue Entlehnung kommt auch -ie vor. 

3. -ieren wird aus französischen Verben auf -ir seit dem 12. Jahrhundert auf- 
genommen, und immer noch wuchert dieses Element weiter. 

4. -tat in Majestät, Trinität u. a., stammt natürlich im letzten Grunde aus lat. -tä 
-tätis, ist aber durch französische Vermittlung zu uns gekommen. Schon mittelhochdeutsch 
begegnet triniteit, magesteit. Die Aussprache tat beruht wahrscheinlich auf der ost- 
französisch-pikardischen Form -tet. 

5. -lei in mandierlei, vielerlei ist im Mittelhochdeutschen noch ein selbständiges 
Wort. Man sagte maneger leie Hute. Dieses lei stammt aus afranz. ley, das auf lat. legem 
'Art und Weise' zurückgeht. 

6. Eine sehr lange Geschichte hat das Suffix -sdic. das in der Volkssprache zur Be- 
zeichnung weiblicher Personen, der Frau eines Mannes dient, z. B. Bäckersdie 'die Frau 
des Bäckers". Es stammt zunächst aus dem Niederdeutschen und kam hierher aus dem 
Französischen -e.'^se, das auf spätlat. -issa zurückgeht, und dies ist wieder aus dem griech. 
-irson {-issa) entlehnt, das sich erst in der Koine recht ausbreitet Eine Nebenform ist 
-issin, z. B. Diakonissin. 

7. In neuhochdeutscher Zeit werden noch eine ganze Reihe von fremden Suffixen 
aufgenommen, z. T. unter dem Einfluß der Studentensprache (s. u. § 181). 

a) age aus frz. -age in Takeläge, Passage, Stellage, Blamage. Im Obersächsischen 
ist das Suffix recht verbreitet: Bammelasdie. Fressasdie, Futterasdie, Kledasdie, Sdienkasdie, 
Spendasdie; — b) -allen von lat. -alia in Sdimieralien, Viktualien, Lappalien; — c) -ant, 
Paukänt, Defraudünt; — d) -aner (Weimaraner), -iner (Anhaltiner), -enser (Hallenser) 



§ 92. C. Entlehnte Ableitungen. § 93. D. Die ererbten Wortbildungselemente. 119 



stammt aus den lateinischen Matrikeln; — e) -ist, Hornist, Zinkenist; — f) -iade, 
Jobsiade, Jeremiade, nach frz. iade, gr. lä? (-ids); — g) -ier, Kneipier, Suitier, Pumpier; — 
h) -ikus, Luftikus, Pfiffikus; — i) -mang in knappemang; — V) -ös, in pediös, 
sdiauderös; — 1) -ur in Frisur, Tortur. Montur. 

§ 93. D. Die ererbten Wortbildungselemente. Was nach Abzug der bisher 
besprochenen wortbildenden Elemente noch übrig bleibt, ist recht be- 
trächtlich. Es handelt sich hier im wesentlichen um das aus dem Idg. Über- 
kommene. Sie alle zu besprechen, ist nicht möglich, und ich kann auch 
hier nur einiges Allgemeine geben. 

Zunächst sind eine ganze Reihe von Worten suffixlos geworden, weil 
die auslautenden Vokale geschwunden sind. 

So sind endungslos geworden ursprüngliche o-Stämme, die Nomina actionis männ- 
lichen Geschlechts seit idg. Zeit sind. 

Sie stehen in Verbindung mit Verbalstämmen und zeigen meist die Stufe des Sin- 
gulars des Präteritums, vgl. oben S. 38, 39. Vgl. Sang, Zwang, Drang, Klang, Stank, 
Sdiwang, Trank, Staub, Raudi wohl zu riechen. Gang zu lit. zeng ii 'schreite', Teig zu 
got. deigan 'kneten', Sdmee, got. snaiws zu ahd. sniwan, Dampf zu mhd. dimpfen 'er- 
sticken' usw. 

Ebenso Nomina actionis auf -/, wie 1. ignis 'Feuer', vgl. oben S. 39, 2. 

Adjektiva waren vielfach «-Stämme, wie im Griech. yhv; (ha^dys) 'süß'. Sie liegen im 
Gotischen noch deutlich vor: eng, got. aggwus; hart, got. hardus: dürr, got. paürsus; 
viel, got. filu. 

In andern Fällen bleiben einzelne Konsonanten übrig. So bildet t weib- 
liche nomina actionis, wie Trift, vgl. S. 39, 2. Dieses t geht auf idg. ti zurück, 
bei dem wir wieder fragen müssen, wie es entstanden ist. Sicher gelten 
für das Indogermanische dieselben Entstehungsmöglichkeiten wie für das 
Germanische, d. h. es sind selbständige Wörter zu Suffixen geworden, oder 
es haben falsche Teilungen des Wortes stattgefunden und schließlich können 
auch Suffixe entlehnt sein. 

Für die erste Möglichkeit darf man z. B. folgende Fälle in Anspruch 
nehmen: 

a) lat. -tat, -tut, got. -dup in mikildüps 'Größe'. Es gehört zu ai. täviti 'ist mächtig'. 
Vgl. Meyer-Lübke, Arch. f. lat. Lex. 8, 334 und Prellwitz, Bezz. Beitr. 22. HO. 

b) Das Suffix -n bildet im Idg. zum großen Teil Substantiva aus Adjektiven, vgl. gr. 
ovgavicüv (üranion) 'der Himmlische' : ovoäviog (aninios) 'himmlisch', 1. Rüfo : rüfus 'rot'. 
Im Germanischen wird das schwache, d. h. substantivierte Adjektiv sowie eine Reihe 
Nomina so gebildet. Es steht nichts im Wege, in dem n ein angetretenes Pronomen mit 
der Bedeutung 'der" zu sehen, vgl. abulg. onu 'er' und die ganze Bildung mit dem nach- 
gesetzten Artikel des Nordischen. 

Die zweite Möglichkeit ist ganz gewöhnlich. Aber auch wenn wir 

diese erschöpft haben, so bleiben noch eine grosse Anzahl von unerklärten 

Suffixen übrig, und zwar von Suffixen, die anscheinend keine Bedeutung 

haben. 

Solche Suffixe sind: 

k, g: \. sene-c-s neben Gen. senis; — \. pau-cus, ahd. föh, neben got fawai, t.few; 

— ahd. as-k 'Esche' neben lit. üos-is 'Esche'; — mundartl. Wisdie aus *wis-ka neben Wiese. 

t, d: got. sal-t 'Salz' neben gr. «7? {hal-s); \. pecu-d neben pecu, got faihu, Vieh; — 



120 Sechstes Kapitel. Ableitung, Zusammensetzung und anderes. 

as. hiru-t neben 1. cervos; — d. Hun-d neben 1. canis; — anord. Olpr 'Bier' aus *alu-t 
neben lit. alns. 

i. goL niihi-ls 'groß' : 1. mag-nus; — got. sitls. d. Sesse/ : Sitz; — hoh-l: 1. cavus; — 
Achsel : Achse. 

r: d. Wasser, gr. vdioo (hydor) : ai. Instr. ud-a; — Ostern : ai. uiäs 'Morgenröte'; — 
locher : liich; — I. ruber : d. rot; — heiser : heis; — wacker : o'rtfl'i, 

/i: 1. ornus aus *osinos : anord. os-At. lit. lios-is; — d. ahorn : 1. Of^r; — 1. nun-di- 
nae 'Neun Tage", got. sin-tci-ns : I. dies usw. 

Auch /, //. om sowie andere Kiemente kommen so vor. 

Zur Erklärung bietet sich ein bisher nicht beschrittener Weg. An die 
Fürwörter treten in allen Sprachen sehr häufig verstärkende Partikeln. Ich 
nenne nur 1. is-te, ille aus '^is-le, ipse aus '-'is-pse, hi-c got. sa-h, sa-ei, 
ains-hiin. Ursprünglich treten diese an die flektierten Kasus an, aber all- 
mählich werden sie mit dem Stammwort zu einer einzigen Bildung ver- 
eint und statt im Innern am Ende flektiert. So ist bekanntlich unser Pro- 
nomen dieser entstanden, vgl. GDS. 36. Und so denke ich mir die Ent- 
stehung vieler Suffi.xe. Es handelt sich um das Antreten deiktischer Ele- 
mente, die z. T. zunächst die verschiedenen Personen ausgedrückt haben 
mögen, wie lat. hie über 'dieses mein Buch', iste Über 'dieses dein Buch' 
und dann allmählich ihre Bedeutung verloren haben. Viele Suffixe sind 
tatsächlich bedeutungslos. Es ist aber wichtig, sie abzutrennen, um die 
wahre, ursprüngliche Form des Wortes kennen zu lernen. 

§ 94. Zusammensetzungen. Die Fälligkeit, Worte zusammenzusetzen, um 
dadurch einen neuen Begriff auszudrücken, war schon in der indogermanischen 
Grundsprache vorhanden, und sie hat sich durch alle Zeiten hindurch bis 
in die Gegenwart hinein erhalten. Nicht in allen Sprachen gleich gut. So 
ist das Lateinische verhältnismäßig arm an Zusammensetzungen, im Ger- 
manischen aber können wir tatsächlich von einer unbegrenzten Möglichkeit 
sprechen. Die Fähigkeit ist so groß, daß Tag für Tag neue Zusammen- 
setzungen gebildet werden. Manche von ihnen bleiben bestehen, andere, 
und zwar die meisten, vergehen wieder. Das Fortleben hängt natürlich 
von Zufälligkeiten ab. 

In der Auffassung der Zusammensetzungen sind wir in der neueren 
Zeit wesentlich weiter gekommen. Es handelt sich bei ihnen nach der 
gewöhnlichen Auffassung um eine Vereinigung zweier oder mehrerer Worte 
zu einer Einheit. Aber das ist durchaus nur das Äußerliche, das Wesentliche 
ist in vielen Fällen, daß durch die Verbindung zweier Wörter eine neue 
Bedeutung entsteht, und daß eben nur diese Verbindung diese Bedeutung 
hat. Daher fassen wir heute auch ganze syntaktische Verbindungen als 
Komposita auf, wenn wir auch zufällig die Worte nicht zusammenschreiben. 
Wenn ich sage: ich nehme die Feder in die Hand, so kann man das nicht 
als Kompositum ansehen. Aber die Redensart in die Hand nehmen hat 
auch schon eine übertragene Bedeutung: er hat die Sache in die Hand 
genommen, und in diesem Falle müssen wir die Redensart als eine Einheit 



§94. Zusammensetzungen. 121 



auffassen und daher als Zusammensetzung betrachten. Weitere Beispiele 
dieser Art werden jedem leicht einfallen. Doch kommt diese Art für uns 
hier wenig in Betracht. Für uns ist das EntwicklungsgeschichtHche wertvoll, 
und das betrifft die äußere Form. 

Im Indogermanischen wurde in der Zusammensetzung die bloße Stamm- 
form, oder wie ich es nenne, der Kasus indefinitus, der unbestimmte Kasus, 
verwendet, was aus einer Zeit stammt, als es noch keine Flexion gab. Am 
deutlichsten liegt diese Art im Griechischen vor. So heißt es z. B. yoovoloyia 
{khronologiä) 'Zeitrechnung', zusammengesetzt aus xQovo- (khrono-) und 
-log-. Ein khrono- gibt es aber sonst in der Sprache nicht, sondern nur 
einen Nominativ ygorog (khrönos). Ebenso finden wir got. gastl-gods 'gast- 
frei', während es sonst gasts heißt, und eine Form gasti- ganz unerhört 
ist. Ebenso heißt es got. auga-daüro: Augentür 'Fenster' gegenüber Nom. 
augö, bropra-lübo 'Bruderliebe' gegenüber Nom. bropar. Diese Art der Zu- 
sammensetzung hat sich nun in ungestörter Entwicklung bis zum heutigen 
Tag erhalten. Wir sagen gastfrei, Bruderliebe, gottlos. Es ist ganz klar, 
daß der erste Bestandteil mit dem Nominativ nichts zu tun haben kann, 
er ist aber mit dem Nominativ äußerlich zusammengefallen. 

Auf der anderen Seite kann natürlich auch jede syntaktische Ver- 
bindung zu einer Einheit zusammenwachsen, z. B. schon got. baürgs-waddjas 
'Burgmauer', worin baiirgs der Genitiv zu Nom. baiirgs ist, bei uns Gottes- 
acker. Im Gegensatz zu der eigentlichen Komposition in den oben ge- 
nannten Fällen nennt man diese die uneigentliche, denn es ist ja keine 
Zusammensetzung in der altindogermanischen Art, sondern ein Zusammen- 
wachsen. 

Nun bestand aber seit indogermanischer Zeit ein besonderes Kenn- 
zeichen der Komposition darin, daß die bloße Stammform verwendet wurde, 
und dieses Gefühl, das Kompositum deutlich kenntlich zu machen, führt 
im Griechischen und Lateinischen zur Ausbildung des sog. Kompositions- 
vokals. Im Germanischen war dieser auch vorhanden, aber er ging im 
Laufe der Sprachgeschichte verloren, und es war nunmehr kein Unterschied 
mehr zwischen Kompositionsform und Nominativ vorhanden. Offenbar lag 
es aber im Sprachgefühl, hier einen Unterschied zu haben, und so hat 
man in steigendem Masse „unechte" Komposita gebildet. Hier spielen nun 
zwei Formen eine Rolle, erstens die Genitive der Maskulina auf -{e)s und 
die Genitive der schwachen Feminina auf -en. Man flektierte ursprünglich 
die Erde, der Erden, wie ja auch Schiller noch sagt: Fe st gemauert in der 
Erden, machte dann aber den Genitiv dem Nominativ gleich, behielt ihn 
indessen in der Zusammensetzung bei: Erdenkloß, Frauenzimmer, und 
hatte damit wieder ein Mittel, die Kompositionsfuge auszuzeichnen. 

Das -s, das jetzt Endung des maskulinen Genitivs ist, hat sich im 
Laufe der Zeit auch ungeheuer ausgedehnt und ist auf Feminina über- 
tragen worden. Es wird gegen dieses Binde 5 heute unglaublich geeifert. 



122 Sechstes Kapitel. Ableitung, Zusammensetzung und anderes. 



wahrend doch in diesen Bilduntjcn nur ein tief innerhch begründetes Sprach- 
bedürfnis zum Ausdruck kommt. Vgl. auch GDS. S. 293. 

In gewissem Sinne läßt sich also aus der Form der Zusammensetzung 
auch ihr Alter erschließen. Das Hinausschreiten des s über seinen alten 
Bereich beginnt erst im 16. Jahrhundert, und insofern kann man sagen, 
daß keine Bildung mit unechtem .v älter als diese Zeit ist. Aber freilich 
hat sich das s in vielen f-'ällen in die fertige Form eingedrängt, so daß eine 
Sicherheit nicht vorhanden ist. 

Unter den Zusammensetzungen, deren Zahl ja unbegrenzt ist, sollen 
hier nur die mit Präpositionen gebildeten ihrer Eigenart und Bedeutung 
wegen kurz besprochen werden. Freilich ist dies ein sehr schwieriges Ge- 
biet, und trotz aller aufgewandten Mühe ist es in den meisten Fällen noch 
nicht gelungen, die Entwicklung der mit Präpositionen zusammengesetzten 
Bildungen klar zu legen. 

Anmerkung. An Literatur ist folgendes zu verzeichnen: Erik Wei.lander. Die Be- 
deutungsentwicklung der Partikel ab in der mittelhochdeutschen Verbalkomposition. Ein 
Beitrag zur wissenschaftlichen Bedeutungslehre, Uppsala 1911. — A. Hittmair, Die Partikel 
be- in der mhd. und nhd. Verbalkomposition, Wien 1882. — Th. Jakob. Das Präfix er- in 
der transitiven mhd. und nhd. Verbalkomposition, Programm Döbeln 1900. — K. Dahm, 
Der Gebrauch von gi zur Unterscheidung perfektiver und imperfektiver Aktionsart im 
Tatian und in Notkers Boethius, Leipzig Diss. 1909. — Eckhardt, Das Präfix ge- in ver- 
balen Zusammensetzungen bei Berthold von Regensburg. Leipzig Diss. 1899. — Berner, 
Die mit Partikel ge- gebildeten Wörter im Heliand, Land Diss. 1900. — VAN SWAAY, Het 
prefix ga-, gi-, ge-, zijn geschiedenis, en zijn invloed op de „Actionsart" meer bijzonder 
in het Oudnederfrankisch en het Oudsaksisch, Utrechi 1901. Vgl. Wust.'v^ann, AfdA. 29, 
187—192. — Maier, Das g^-Partizip im Neuhochdeutschen, Freiburg Diss. 1901. — H. 
Sperber, Studien zur Bedeutungsentwicklung der Präposition „über*, Uppsala 1915. — 
M. Leopold, Die Vorsilbe i'er- und ihre Geschichte, Breslau 1907, Germanistische Ab- 
handlungen 27. — Zur Behandlung des Artikels ver im deutschen Wörterbuch, Jahresber. 
des evangel. Gymn. zu St. Elisabeth in Breslau 1910. — Fridolin Purtscher, Die un- 
trennbaren Partikeln im althochdeutschen Tatian, Leipzig Diss. 1902. — R. Leinen, Über 
Wesen und Entstehung der trennbaren Zusammensetzung des deutschen Zeitwortes, Straß- 
burg Diss. 18^1. 

Eine zusammenfassende Darstellung bietet Wil.manns Deutsche Grammatik 2, 128 ff.; 
3, 508 ff. — Außerordentlich wertvoll sind die Bemerkungen H. Pauls in seiner Abhandlung 
.Über die Aufgaben der wissenschaftlichen Lexikographie" S. 79 ff. und die Darstellung der 
einzelnen Präpositionen in seinem deutschen Wörterbuch. An ihn schließt sich die oben 
genannte Arbeit von Wkllander an, die an einem ganz durchsichtigen Beispiel die Ent- 
wicklung einer Partikel zeigt. 

Die Zahl der im Deutschen vorhandenen Präfixe ist nicht allzu groß, 
und man ^unterscheidet dabei feste und unfeste Zusammensetzungen. D\. 
unfesten Zusammensetzungen zeigen deutlich ihren Ursprung und haben 
meist eine ganz anschauliche Bedeutung, z. B. übersetzen in er setzte über. 
Da wir auch sagen können er setzte über den Fluß, so sieht man deutlich, 
wie dies Präfix aus einem Adverbium entstanden ist. Derartige Fälle müssen 
uns bei der Untersuchung der Bedeutungsentwicklung der untrennbaren Zu- 



§94. Zusammensetzungen. 123 



sammensetzungen leiten, und Wellander hat nach dieser Richtung in der 
Darstellung des Präfixes ab eine vortreffliche Grundlage gegeben. An dieser 
Stelle müssen wir uns aber mit einigen allgemeinen etymologischen Be- 
merkungen begnügen. 

Die deutschen Präfixe sind zum guten Teil aus dem Indogermanischen 
ererbt, sie haben aber im Laufe der Zeit an ihrer anschaulichen Bedeutung 
eingebüßt, so daß heute von dieser des öfteren gar nichts mehr zu spüren 
ist. Dazu kommt, daß sich unter der gleichen Form Wörter verschiedener 
Herkunft verbergen. 

So entspricht unter dem lat. inter 'zwischen' und dem lat. infra 'unterhalb', die 
erste Bedeutung treffen wir in iinterbredien, unterdessen, unterhandeln, unterreden, unter- 
sagen (nach lat. interdicere), untersdwiden, unterwadisen, unterwegen, während die zweite 
Bedeutung vorliegt in unterbinden, untergehen, unterjodien, unterkommen, untersdiieben, 
untersdüagen usw. 

Einen noch verwickeiteren Ursprung hat ver, für das im Gotischen 
drei verschiedene Formen vorliegen, die wahrscheinlich auf noch mehr ver- 
schiedene indogermanische Formen zurückgehen. Dadurch wird es außer- 
ordentlich schwierig, das Alte und Ursprüngliche zu erkennen. Es genügt 
natürlich nicht, die einzelnen Präfixe ihrer Herkunft nach zu sondern, denn 
sicher bilden sich auch neue Gebrauchsweisen aus, die mit der ursprüng- 
lichen Bedeutung nicht das geringste zu tun haben. Aber sicher muß jede 
Darstellung, die auf Verständnis rechnen will, die geschichtliche Ent- 
wicklung darlegen, also mit dem Indogermanischen beginnen. Leider ist 
das ohne eingehende Untersuchung nicht möglich, und ich kann eine solche 
an dieser Stelle nicht nachholen. 

Die Zahl der Präfixe ist im Deutschen dadurch vermehrt worden, daß 

sich einzelne infolge der Betonung in zwei Formen gespalten haben. Denn 

nach dem Gesetz der germanischen Betonung trägt das Nominalpräfix den 

Ton, das Verbalpräfix ist unbetont. 

So haben wir änt- und ent- : in Ant/aß 'Sündenerlassung, Ablaß' und entlassen: 

— ür- und er-' : Urheber und erheben; — Urkunde und erkennen; ■ — Urlaub und er- 
lauben; — Ursprung und erspringen; — Urständ und erstanden. 

ab, engl, of, got. af entspricht 1. ab, gr. a.-cö {apö). Die Grundbedeutung ist 'von 

— weg', und diese hat sich in vielen Fällen ganz klar erhalten. 

So in abhanden, Ablaß, got. aflets 'Erlaß', ablehnen, Absage, absdiredien, abseits, 
Abstand, abtragen, abtreten, Abweg, Abwesenheit. 

an. engl, on, gehört zu gr. drä {anä), lat. an in anhelare 'auf, in die Höhe'. Die 
Bedeutung 'in die Höhe', die man mit Wahrscheinlichkeit als ursprünglich ansetzen darf, 
ist im Germanischen nur noch wenig zu spüren, vielleicht als Postposition in bergan, 
himmelan. 

auf, ahd. af, e. up, got. iup 'aufwärts' ist in den verwandten Sprachen nicht nach- 
zuweisen. Es zeigt die Bedeutung 'aufwärts' noch in zahlreichen Fällen. 

So in aufbauschen, aufbieten (mhd. ufbieten 'in die Höhe heben'), Auffahrt, auf- 
führen, Aufgang, aufgeblasen, aufkommen, aufredit, Aufruhr, Aufsatz, aufwadien, auf- 
wedien. 

aus, ahd. ü^, e. out, got. fä. Die ursprüngliche Bedeutung ist 'außen, hinaus'. Es 
gehört vielleicht zu ai. ud 'in die Höhe, heraus'. 



124 Sechstes Kapitel. Ableitung, Zusammensetzung und anderes. 



be-, ahd. 6/, c. be, goi. bi entspricht zu einem Teil zweifellos dein zweiten Teil von 
von gr. ü/K/i {amphi), I. ambi- und hat in diesem Fall die Bedeutung 'um — herum'. 

In einer Reiiie von Fällen zeigt sich dies darin, daß wir got. bi durch um zu ersetzen 
haben: \io{. hibintJan 'umbinden'; — bit^airdan 'umgürten'; birinnan 'umdrängen, um- 
geben'. Bei uns liegt diese Bedeutung, wenn aucli nur undeutiicii, noch vor in bedenken 
'von allen Seiten in Gedanken betrachten'; — befanden zu ahd. bivahan 'umfangen'; — 
befassen, eig. 'herumfassen'; — begehen (ein Fest), eig. 'einen Umgang machen"; — be- 
graben heißt offenbar 'ringsum graben', got. bigraban 'mit einem Graben umgeben'; — 
begreifen, eig. rings umiiergrcifen', vgl. ahd. Talian 1, 4 finstarnessi tliaz {lio/it> ni be- 
griffnn (umfassen); — bekleiden, eig. 'umkleiden'; — beklemmen, eig. 'von allen Seiten 
zusammenpressen': — besdiränken 'ringsum mit Schranken versehen'; — besdineiden, I. 
circumcidere; — besdinuppern 'an etwas herumricchen'; — besdiwOren, got. biswaran setzt 
ein Herumgehen voraus; — besitzen, got. bisitan 'herumsitzen, umherwohnen'; — be- 
stedien, aus der Bergmannssprache, eig. 'ringsumher erprobend stechen' usw. 

Anderseits scheint be auch dem aind. abhi, 1. ob, abg. oba mit der ursprünglichen Be- 
deutung 'auf — zu, auf — hin' zu entsprechen. 

Vgl. goL biqiman 'überfallen', ahd. biqueman 'herbeikommen, herankommen', e. become, 
d. bekommen; — beladen, berühren, besdiatten, bededien. 

ent-, betont ünt-, ahd. ant-, int-, got. and-, anda- gehört zu gr. avii {anti) 'gegen', 
I. ante, ai. dnti 'sich gegenüber, vor sich, in der Nähe'. In einer Reihe von Fällen liegt 
die ursprüngliche Bedeutung 'entgegen, gegenüber' noch vor. 

So vor allen bei den Substantiven Antlaß 'Ablaß', Antlitz, Antwort, got. andawaürdi; 
ferner in got. andniman eig. 'entgegennehmen', d. entnehmen, ahd. intneman 'entgegen-, 
zusichnehmen"; — got. andhafjan 'antworten', eig. 'entgegenhalten'; — got. andrinnan 
'entgegenrennen'; — got. andsaljan 'entgegensetzen', d. sidi entsetzen, eig. 'sich gegen- 
übersetzen' aus Furcht; — empfangen, ahd. intfalian 'entgegengreifen'. Aus solchen Fallen 
hat sich schon früh die Bedeutung 'von — weg' und des Gegensätzlichen, Negativen ent- 
wickelt, z. B. got. andhamon, d. entkleiden; — got. andhidjan, d. enthüllen; — got. and- 
ietnan 'entlassen werden", d. entlassen; — entkommen, entfalten, enthaupten usw. 

Anderseits entspricht ent- aber auch dem got. in, lat. in, gr. iv (en) 'in, hinein'. 

Vgl. got. inbrannjan 'in Brand stecken", ahd. intbrennen, d. entbrennen; — got. in- 
sandjan 'hin-, hineinsenden', d. entsenden; — got. instandan 'nahe bevorstehen', d. ent- 
stehen; — got. intandjan 'verbrennen", d. entzünden; — got. inwagjan 'in Bewegung 
setzen', d. unentwegt. 

er-, vollbetont ur-, goi. us-, uz-, ur- (aus -uds) gehört zu ai. ud 'empor, hinauf, 
hinaus'. Diese Bedeutung dürfte die ursprüngliche sein. 

Sie zeigt sich wohl noch in got. urreisan 'aufstehen', urrinnan 'aus-, aufgehen" us- 
hlaupan 'aufspringen', uskeinan 'hervorkeimen', ussailvan 'in die Höhe sehen', ersehen^ 
usstandan 'auferstehen', ussteigan 'hinaufsteigen', d. ersteigen, uswakjan, d. erwedien; — 
ferner noch erbauen, erriditen, ersdiredien, eig. 'aufspringen", ersprießen, erziehen, er- 
heben u. a. und am deutlichsten in einigen nominalen Bildungen wie Urheber von mhd. 
urhap 'Anfang, Sauerteig', eig. 'das Emporheben", Ursprung, Urständ 'Auferstehung". Über 
die weitere F.ntwicklung s. unten. 

ge-, got. ga- bedeutet zuerst 'zusammen" und deckt sich in dieser Bedeutung mit 
1. cum, obgleich es noch nicht gelungen ist, die beiden Formen lautlich zu vereinigen. 

Vgl. got. gabairan 'zusammentragen, vergleichen". \. conferre; ,— gabaür "das Zu- 
sammengebrachte, Sammlung, Steuer', d. Gebühr, d. Bauer, ahd. gibilro 'der mit einem zu- 
sammenbaut'; Gebrüder, Gesdiwister, got. ^aö///</ö«, eig. 'zusammenbinden', d. Gebinde, 
Gededi, gefrieren 'zusammenfrieren", got. gagaggan 'zusammenkommen', got. gahaitan 'zu- 
sammenrufen', Gemahl, ahd. gimahalo zu ahd. gimahalan 'zusammen sprechen', got. gajuka 
'Genosse', 1. coniux; — got. gamains, d. gemein, 1. communis 'der mit mir die Mauer teilt'; — 



§94. Zusammensetzungen. 125 



got. gamarko 'Grenznachbarin', d. Gemarkung; — Genosse zu {ge)nießen 'Nutzen haben', 
wie got. gahlaiba zu lilaifs 'Brot', Kom-pagnon zu \at.panis; — gerinnen, got. garinnan; 
— gesamt; — gesdiehen gehört zu abg. skokn 'Sprung', es heißt also 'zusammenspringen, 
zusammentreffen'; — Geschiebe; — Geselle zu Saal, Gespan 'der die gleiche Spannarbeit 
verrichtet', Gespiele, Gespräch; — Gevatter, 1. compater; — gewinnen, 1. conor aus *co- 
venor; — Gewissen, 1. conscientia; — gewohnt heißt eig. 'zusammenwohnend'. Die alte 
Bedeutung ist also noch gelegentlich zu spüren. Weiteres s. unten. 

miß- ist im allgemeinen klar. 

mit, got. mip entspricht gr. ttyiä {meto) 'zugleich, zusammen', ist aber im Germanischen 
eine unechte Präposition und ganz deutlich. 

nadi, got. neh) gehört zu nahe und bedeutet eig. 'in die Nähe'. 

Die alte Bedeutung findet sich in Nadibar. Weiter hat es sich zu 'hinterher' ent- 
wickelt, so in nadisehen, Nachsdirift usw. Nachahmen kommt von mhd. amen 'ein Faß 
durchmessen' von mhd. ame, ome 'Maß, Ohm'. 

nieder, ahd. nidar ist eine Erweiterung von ni, ai. ni, wie ai. nitaräm 'unterwärts'. 
Das einfache ni steckt wahrscheinlich in Nest, 1. nidiis, idg. *t^^os, einer Zusammen- 
setzung mit *sed- 'sitzen'. ^^ 

ob und ober- sind klar. Sie gehören mit über zusammen. 

über, got. ufar ist gr. vjisq (hyper), 1. s-uper. 

Alte Beispiele sind: überfüllen, got. ufarfidljan; — übergießen, go\. ufargiutan 'über- 
vollgießen'; — sich überheben, got. iifarhafjan sik; — überhören, got. ufarhauseins 'Un- 
gehorsam'; — überschatten, got. iifarskadwjan. 

um, ahd. iimbi ist eine Ablautsform zu gr. ancpl (amphi) 'herum'. Die Bedeutungs- 
entwicklung ist verhältnismäßig einfach. ^j 

ver- ist vielleicht das schwierigste deutsche Präverbium, weil es auf drei verschie- 
dene gotische Formen zurückgeht, nämlich fair-, faür- und fra-, die vielleicht ihrerseits 
auch noch mehrfachen Ursprung haben. 

got. fair- entspricht ai. pari, gr. nsQi {perl), 1. per. Schon im Indogermanischen war 
die Bedeutung verzweigt, ohne daß wir den ursprünglichen Sinn feststellen können. 

Eine Bedeutung ist jedenfalls 'umher, herum, um'. Wir haben diese in got. fair- 
greipan 'ergreifen', eig. wohl 'herumgreifen'; got. fairweitjan 'umherspähen', 1. pervidere 
'umherspähen'. Daneben drückt fair- aber auch das 'hindurch' und damit die Erreichung 
eines Zieles aus. So in got. fair-aihan 'teilhaftig sein', fairhaitan 'verheiße', fairrinnan 
'sich erstrecken, reichen, gelangen', fairwaürkfan 'erwirken, erwerben'. Das einzige Bei- 
spiel, das heute noch möglicherweise hierher gehört, ist verstehen, eig. 'sich rings herum- 
stellen'. 

got. fra- entspricht 1. pro, gr. jiqö, ai. prä- und bedeutet ursprünglich 'vorwärts, voran, 
fort', woraus sich dann zahlreiche neue Bedeutungen entwickeln. 

got. /rfl-Z7«g/ön 'verkaufen'; — goX. fradailj an, ± verteilen; — got. fragiban 'ver- 
geben, verleihen, schenken', d. vergeben ; — got. fragildan, d. vergelten ; — got. fraitan 
'fressen, aufzehren', eig. 'fortessen', d. fressen, ai. pra ad-; — got. fraletan 'freilassen'; — 
fraliusan, d. verlieren; — got. franiman 'in Besitz nehmen', d. vernehmen; — got. frarinnan 
'sich verlaufen', d. verrinnen; — got. fraslindan, d. verschlingen; — got. frawairpan 'vtx- 
werfen, zerstreuen'. 

got. faür- entspricht wohl gr. .Tood (parä) 'bei, entlang', aber auch \. prae 'vor' und 
por 'hin', so daß es also schon eine gemischte Präposition war. 



') Da ahd. umbi, gr. aiupl {amphi) neben 



rechnen. Ich nenne nur neben aus ahd. in 



ahd. bi steht, so liegt klärlich eine Zusammen- eben 'in gleicher Linie', binnen aus bi innen. 
Setzung aus zwei Präpositionen vor, aus an Ein altes Beispiel ist unser zu, ahd. zuo, 
und *bhi (s. oben). Mit der Tatsache der Zu- asächs. tö, aus t, der Schwundstufe zu got. 

sammensetzung müssen wir überhaupt öfter | at, 1. ad 'zw" und der Präposition o, s. u. 



126 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

goi. faürbiuäan, d. verbieten; — goi. faürdammjan, d. verdammen; — got. faürlagian, 
6. vorlegen, verlegen; got. faiirrinnan 'vorlicryelicn', d. verrinnen. 

zer- hat die Grundbedeutung 'auseinander' und entspricht lat. dis-, gr. d<ä (rf/d). Merk- 
würdigerweise erscheint im Gotisciien niclit das zu erwartende tis, sondern dis, was bis 
jetzt nodi nicht erklärt ist, wohl aber auf einer besondern [Entwicklung des Gotischen be- 
ruhen muß. Denn an eine Entlehnung des gotischen dis aus lat. dis ist kaum zu denken. 
Die Bedeutung ist meistens noch ganz klar wie in zerbredien, zerfallen, zerfetzen, zer- 
gehen, zergliedern, zerlassen, zerlegen, zerlödiern, zersdiellen. zerspalten, zersplittern. Eine 
übertragene Bedeutung haben wir in zerknittern, zerknüttern, das nach Fällen wie zer- 
splittern, zertrümmern gebildet ist. 

Diese andeutende Übersicht möge für die präpositionalen Zusammen- 
setzungen genügen. Nun aber muß noch ein Hauptpunkt erörtert werden. 
Heute ist der eigenthche Sinn der Präpositionen in einer ganzen Reihe 
von Fällen vollständig verblaßt, trotzdem hat aber das zusammengesetzte 
Verbum einen gajÄbcstimmten Sinn. So bildet be- z. B. Verba, die 'mit 
etwas versehen' bcaeuten. 

So beerdigen, befähigen, befehden, befehligen, befriedigen, begeistern, begnadigen, 
begünstigen, behaart, behaftet, behändigen, beherzigen, bekleiden, bekümmern, belagern, 
belästigen, beleidigen, belustigen, bemänteln, bemeistern. bemitleiden usw. 

Dagegen drückt er- in einer ganzen Reihe von Fällen nichts weiteres 
aus, als daß die Handlung zu einem Abschluß gelangt, vollendet ist. Man 
nennt dies perfektiv, vgl. GDS. 89 ff. 

So haben wir blidien und erbliiken; — erbosen 'böse werden'; — fahren und er- 
fahren, eig. 'das Fahren beendigen'; — kennen und erkennen; — erlangen; — liegen 
und erliegen 'zum Liegen kommen'; — lösdien und erlösdien; — messen und ermessen; 
— pressen und erpressen; — regen und erregen; — saufen und ersaufen; — sdieinen 
und ersdieinen; — trinken und et trinken usw. 

Diese Bedeutung ist dadurch zustande gekommen, daß die eigentliche 
Bedeutung der Präposition völlig verblaßt ist. Bei er- hat sich dies erst in 
der geschichtlichen Zeit entwickelt. Schon im Gotischen hat ga- dieselbe 
Rolle gespielt und sie bis zum Mittelhochdeutschen beibehalten. 

Heute haben wir nur noch erstarrte Reste. Eines der besten Beispiele ist gebären, 
got. gabairan ; got. bairan gehört zu lat. fero, gr. ri^eoco (phero) mit der Bedeutung 'tragen', 
also auch 'schwanger sein': gebären heißt die Handlung des Tragens abschließen. Weiter 
kann man hierher stellen: gehordien: hordien 'hören'; — gehören zu hören; — gelingen 
zu mhd. lingen 'vorwärtsgehen'; — geloben zu loben; — geraten zu raten; — getrauen; 
gewahren, gewinnen. 

Verdunkelte Vorsilben. Die Vorsilben haben, wie S. 123 hervorgehoben, 
infolge wechselnder Betonung des öfteren verschiedene Formen angenommen, 
und wenn sie unbetont waren, sind sie z. T. arg zusammengeschrumpft. 
Nicht selten haben sie sogar ihren Vokal gänzlich verloren, und sie sind 
dann heute nicht mehr als Vorsilben zu erkennen. 

So finden wir be- in bleiben, ahd. bi-liban; Blodi, ahd. bi-loh; ge- in Glaube, ahd. 
gi-loubo; gleidi, ahd. gi-Uh; Gleis, mhd. ge-leis; Gleisner, ahd. giädiisare; Glied, ahd. 
gilit; Glimpf, mhd. gelimpf ; Glüdi, mhd. gelüdie; Gnade, ahd. ginada; Graf, ags. ge-refa; 
grob, ahd. gi-rob. In gerade schreiben wir noch e, sprechen aber meist nur grade. 

Diese Erscheinung ist nun nicht nur dem Germanischen eigen, sondern 



§95. Lehn- UND Fremdworte. 127 

sie ist ebenso aus den romanischen wie aus den slawischen Sprachen durch 
zahlreiche Beispiele zu belegen, und ohne Zweifel dürfen wir die Möglich- 
keit dieser Erklärung auch für das hidogermanische in Erwägung ziehen, 
wie dies schon A. Pott Etymologische Forschungen II '^ 297 getan hat. Trotz 
des Widerspruchs von G. Curtuis Grdr. d. griech. Etymologie^ 32 hat Pott 
recht behalten, und es läßt sich heute schon ein reicher Stoff von Worten 
zusammenstellen, bei denen die Annahme, daß in dem Anlaut eine Vor- 
silbe steckt, willkommene etymologische Aufklärung bietet. Ich führe einige 

Fälle an. 

Idg. e, o verblaßter Bedeutung in Ast, gr. o'Zog (özos) 'Zweig', aus *o-zdos : *sed 
'sitzen'; Adel zu 1. tellas 'Erde', vgl. Grienberger. Unters, z. got. Wortkunde 104 ff. Da- 
neben die Präposition o in nodal; — die Schwundstufe d zu 1. ad, got. at steckt in 
zagen, air. ad-agur 'ich fürchte', ahd. zuo aus d + o; ni 'nieder' steckt in nest, 1. mdiis aus 
*ni-zdos zu '-^sed- 'sitzen'. Die beste Aufklärung aber erhält auf diesem Wege das sogenannte 
bewegliche s des Idg. Die Tatsachen liegen so, daß im Anlaut offenbar verwandter Wörter 
zum Teil das Mehr eines s erscheint. Vgl. Siebs, KZ. 37. 276 ff. In einer Reihe von Fällen 
scheint mir dieses 5 deutlich die Schwundstufe zu der Präposition l.gr. ex zu sein. Vgl. 
stoßen : \. extundere; sddießen : 1. excludere; sdiütten : 1. exciitere; sdilagen : gr. tx/.ay.zi^cj 
(eklakttzo) 'mit den Füßen hinten ausschlagen'; sdüappen : 1. elanibere-, sdieren : gx.fy.xelnoi 
{ekksro) -ganz kahlscheren'; sdüeißen : 1. elidere 'zerschlagen'; sdiledien : ledien, also eig. 
'auslecken': sdireien : \. crimen, irz.crier, also "herausschreien'; speien: gl. kx-jizvoj {ekptyo) 
'ausspeien'. 

Rückbildungen. Wenn wir die beiden Worte Kraft und kräftig nehmen, 
so sehen wir in kräftig eine Ableitung von Kraft. Wenn eine solche Auf- 
fassung auch in den meisten Fällen richtig ist, so doch nicht immer. Be- 
steht erst einmal im Sprachbewußtsein ein Gefühl für ein solches Ver- 
hältnis, so kann auch umgekehrt zu einem scheinbar abgeleiteten Wort 
ein Grundwort neu gebildet werden. Dasselbe Verhältnis wie oben besteht 
doch anscheinend auch zwischen Allmacht und allmächtig. Tatsächlich ist 
es anders; allmächtig kommt schon althochdeutsch und auch in den übrigen 
germanischen Dialekten vor, Allmacht fehlt im Mittelhochdeutschen und 
auch bei Luther, und ist offenbar erst wieder von dem Adjektivum gebildet. 

Andere derartige Fälle sind Befehl von befehlen; — Beleg von belegen; — Be- 
reidi von jetzt verlorenem bereidien; — Beridit von beriditen; — Beruf von berufen; 
Besatz von besetzen; — Verlag von verlegen; — Versand von versenden; — Be- 
sdieid von besdieiden usw. 

Man muß diesen Punkt stets berücksichtigen, um nicht zu falscher Auf- 
fassung zu kommen. 



Siebentes Kapitel. 
Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

§ 95. Lehn- und Fremdworte. Als dritte Gruppe unseres Wortschatzes 
lassen sich ohne weiteres die Fremdworte ausscheiden. Bei ihnen hat die 



128 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

Wortforschung insofern eine sehr dankenswerte Aufgabe, als wir sie meist 
von einer bestimmten Zeit, der Zeit der Aufnahme an verfolgen können. 
Und außerdem handelt es sich bei ihnen vielfach um große geschichtliche 
Strömungen, die zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Richtungen 
auftreten. Sie zeugen also in erster Linie von den großen Zusammen- 
hängen der Welt, und sie sind daher für die deutsche Wortforschung von 
großer Bedeutung. 

Man unterscheidet heute im gelehrten Sprachgebrauch Lehn- und 
Fremdwörter, indem man unter Lehnwörtern die Worte versteht, die voll- 
ständig in unsern Sprachgebrauch aufgenommen und eingedeutscht sind, 
während man mit Fremdwörtern deutlich erkennbare Entlehnungen be- 
zeichnet. Diese Unterscheidung kann aber nicht als wesentlich angesehen 
werden, sie ist ein Ergebnis der Zeit und des Zufalls. Den Worten Streik 
und streiken, obgleich es Entlehnungen der jüngsten Zeit sind, kann niemand 
die fremde Herkunft ansehen, und keiner wird sich bemühen, ein solches 
Wort auszumerzen, obgleich wir ein echt deutsches Wort, das oberdeutsche 
Ausstand, dafür haben. Aber von diesem läßt sich nicht leicht ein Verbum 
ableiten, und so hat das englische Wort seine Vorteile. Ebenso ist Scheck 
eingedeutscht. Andererseits ist die Ableitung -ieren schon im Mittelalter 
entlehnt worden und die mit ihm abgeleiteten Worte haben noch heute 
ihre undeutsche Art nicht verloren, obgleich auch recht deutsche Stämme 
mit dieser Endung versehen sind. Sehr wichtig ist auch, in welche Kreise 
ein Fremdwort eingedrungen ist. Je mehr es auch im Volke lebt, wie es 
zum Beispiel bei dem Worte Streik der Fall ist, um so weniger liegt die 
Möglichkeit vor, es auszurotten. Die Frage, wie weit man in der Um- 
deutschung gehen soll, wird uns weiter unten beschäftigen. 

Anmerkung. Um zu erkennen, wie weit ein Fremdwort volkstümlich geworden ist, 
muß man das Vorkommen in den Mundarten untersuchen. Natürlich bieten hier die Mund- 
artenwörterbücher reichen Stoff, es gibt aber auch eine Reihe dankenswerter Sonderunter- 
suchungen. Ich nenne hier: M. Besler. Die Forbacher Mundart und ihre französischen 
Bestandteile, Programm 1901. — R. Brandstetter, Drei Abhandlungen über das Lehn- 
wort. I. Das Lehnwort in der Luzerner Mundart. Wiss. Beilage zum Jahresbericht über die 
Höhere Lehranstalt in Luzern 1899 1900. — H. Hoff.m.xnn, Fremd- und Lehnwörter pol- 
nischen Ursprungs der schlesischen Mundart. ZfdeutscheMundart. 1910, 193—204. — 
Emil Jäschke, Lateinisch-romanisches Fremdwb. der schles. Mundart, 1908. — Phil. Lenz, 
Die Frremdwörter des Handschuhsheimer Dialekts, Progr. Baden-Baden und Konstanz 1887 
und 1896. — M. M.\rtin, Die französischen Wörter im Rheinhess.. Diss. Gießen 1914. — 
R. Mentz, Französisches im Mecklenburger Platt, Programme 1897 98. — K. Roos, Die 
Fremdwörter in den eis. Mundarten. Diss. Slraßburg 1903. 

Keine Sprache ist ohne Lehnwörter, da kein Volk allein und un- 
beeinflußt auf der Welt lebt. Ein jedes hat Begriffe und Wörter von seinen 
Nachbarn aufgenommen. Wie sehr das Germanische auf seine Nachbarn 
gewirkt hat, haben wir schon oben gesehen. Jetzt wollen wir das Um- 
gekehrte betrachten. 

§ 96. Kennzeichen der Entlehnung. Die sichersten Kennzeichen der Ent- 



§ 96. Kennzeichen der Entlehnung. § 97. Grundgesetze der Entlehnung. 1 29 

lehnung besitzen wir in der äußeren Gestalt der Wörter. Das Germanische 
betont in der Hauptsache die erste Silbe. Wörter, die davon abweichen, 
sind im allgemeinen fremd, und so läßt sich schon ohne Schwierigkeit ein 
großer Teil französischer und anderer Wörter ausscheiden. Zu beachten ist 
freilich, daß wir mit dieser Betonung auch neue Worte aus fremdem Stoff 
bilden. 

Infolge dieser Betonung sind weiter die Endungssilben meist zu 
schwachem e abgeschwächt. Wörter mit vollem Vokal an zweiter Stelle 
sind daher gewöhnlich nicht echt deutsch. Ferner besitzen fremde Sprachen 
Lautgruppen, die unsere Sprache nicht kennt, wie z. B. mouilliertes rC {nj), 
Kompagnon, t {Ij), Taille usw. Bei vielen in alter Zeit übernommenen 
Wörtern läßt sich aber die fremde Gestalt nicht unmittelbar erkennen. Wer 
würde Kiste, Keller, Kirche, Kaiser als fremd ansehen? Hier hilft uns 
nur die Sprachvergleichung und die durch sie entdeckten Lautgesetze. 

Je besser die Lautlehre ausgebildet wird, um so sicherer werden wir 
das einheimische Gut von dem fremden zu unterscheiden imstande sein. 
Aber lautliche Veränderungen sind nicht immer zur Hand. So läßt sich 
zum Beispiel nicht entscheiden, ob unser Wort Lein, ahd. lin aus dem 
lat. linum entlehnt oder einheimisch ist. Ich möchte daher auf ein nicht zu 
unterschätzendes Kennzeichen aufmerksam machen, das ist der Mangel an 
Ableitungen. Während nach den Zusammenstellungen von Liebich von den 
318 indogermanischen Familien 13860 Worte abgeleitet erscheinen, sind 
von den 497 Familien, die aus dem Lateinisch-Romanischen herrühren, 
nur 4840 Worte gebildet, darunter natürlich zahlreiche Zusammensetzungen. 
Man wird daher auch bei indogermanischen Worten, wenn sie wenige Ab- 
leitungen zeigen und sie ihrer Bedeutung nach entlehnt sein können, an 
die Möglichkeit fremder Herkunft denken dürfen. Und schließlich ist die 
Bedeutung des Wortes von ganz hervorragender Wichtigkeit für die Frage 
der Herübernahme. Zwar gibt es fast kein Begriffsgebiet, für das Ent- 
lehnungen mangeln — bei uns sind nur die Fürwörter ganz frei — , aber 
es bestehen doch wesentliche Unterschiede. Ausdrücke für konkrete Be- 
griffe, namentlich für Kulturgegenstände, werden viel leichter entlehnt als 
andere. Wenn sich außerdem die Wörter ganzer Begriffsgebiete an laut- 
lichen Kennzeichen als Lehnworte erweisen, so werden auch die entlehnt 
sein, die zu einer solchen Gruppe gehören, aber kein äußeres Merkmal an 
sich tragen. 

§ 97. Grundgesetze der Entlehnung. Weiter muß noch auf einige all- 
gemeine Fragen, die die Lehnwörter betreffen, eingegangen werden, auf 
die Fragen, wann und wie sie entlehnt werden, und nach welchen Gesetzen 
dies geschieht. Mit der wünschenswerten Klarheit sind diese Fragen zuerst 
von E. Windisch, Berichte der Kgl. sächs. Gesellsch. der Wissensch. 1897 
S. 101 ff., erörtert worden. 

Wenn zwei verschiedensprachige Völker nebeneinander wohnen, so 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 9 



130 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

wird es an der Grenze immer Menschen ^ebcn, die beide Sprachen be- 
herrschen. Diese bilden daher die pjegebenen Vermittler. Ebenso können 
aber auch versciiiedensprachige Völker untereinander gemischt wohnen, wie 
wir dies im deutschen Osten, im Balkan und anderswo noch heute häufig 
genug antreffen. In älteren Zeiten ist dies noch öfter der Fall gewesen. 
Und schließlich können Einzelne die fremde Sprache auf Reisen usw. 
lernen. Nun sollte zweifellos eigentlich die Entlehnung stets wechselseitig 
sein. Wenn wir indessen die geschichtlichen Tatsachen befragen, so zeigt 
sich eine solche wechselseitige Entlehnung verhältnismäßig recht selten, 
vielmehr nimmt gewöhnlich nur das eine Volk Lehnwörter in größerer 
Zahl auf, das andere nicht. Die Römer empfingen zahlreiche Lehnwörter 
von den Griechen und nicht umgekehrt. Die keltische Sprache ist von 
lateinischem Sprachgut durchsetzt, nicht umgekehrt. Wir haben sehr viel 
französische Fremdwörter, aber wenig slawische; dagegen hat das Fran- 
zösische seit dem 10. Jahrhundert wenig Deutsches aufgenommen, während 
das Slawische von deutschen Wörtern überfüllt ist. Es steht also unbedingt 
fest, daß gewöhnlich nur ein Volk die fremden Wörter aufnimmt, und es 
fragt sich nur, welches Volk das empfangende ist. Hierauf hat nun Windisch 
eine ganz bestimmte Antwort gegeben. Das Volk übernimmt die Lehn- 
wörter, das die Sprache des andern lernt, von dem also eine Anzahl 
Menschen zweisprachig sind. Auch das ist eine Tatsache, daß bei der Be- 
rührung zweier Völker nicht beide zweisprachig werden, sondern nur eins. 
So haben die Griechen selten Lateinisch, wohl aber die Römer Griechisch 
gelernt, während diese den Barbarensprachen kaum ihre Aufmerksamkeit 
zugewendet haben. Weder im Mittelalter noch in der Neuzeit haben sich 
die Franzosen bemüht, deutsch zu lernen, während sich oft genug Deutsche 
das Französische angeeignet haben. Dagegen fangen jetzt erst bei uns 
einige wenige an, eine slawische Sprache zu erlernen, während zahlreiche 
Slawen deutsch verstehen. Welches Volk die Sprache des andern lernt, das 
hängt weiter von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sonstigen Be- 
dingungen ab. Einerseits übt die höhere geistige Entwicklung eines Volkes 
den Anreiz aus, durch die Erlernung der Sprache mit dieser genauer be- 
kannt zu werden, anderseits wird sich das herrschende Volk selten dazu 
bequemen, sich die Sprache der Untergebenen anzueignen. 

Hat man nun eine fremde Sprache erlernt, so muß man diese rein 
sprechen, d. h. ohne Wörter aus der Muttersprache einzumischen, wenn man 
verstanden sein will. Denn diese Wörter sind ja im fremden Lande un- 
bekannt. Wenn ein Slawe sein Deutsch mit slawischen Ausdrücken versetzt 
sprechen wollte, würden wir ihn nicht verstehen. Dagegen nimmt der, dem 
eine fremde Sprache geläufig ist, mit Vorliebe Wörter aus dieser Sprache 
in seine eigene herüber, teils um sich zu brüsten und um sich ein be- 
sonderes Ansehen zu geben, teils auch weil sich die betreffenden Worte 
der eigenen Sprache nicht gleich im Gedächtnis einstellen. So kann 



§97. Grundgesetze DER Entlehnung. 131 



allmählich die eigene Sprache zu einer Mischsprache werden. Anderseits 
werden die Volksgenossen sich sehr leicht einige der fremden Worte des 
Zweisprachigen aneignen. 

Besonders lehrreich ist das heutige Deutsch in Amerika. Auch da, wo 
es sich erhält, nimmt die Sprache zahlreiche englische Worte auf, die aber 
ganz als deutsche behandelt werden. 

Anmerkung. Ich entnehme aus Erwin Rosen, Der deutsche Lausbub in Amerika 
1, 247, folgendes Beispiel: „Poppa (Papa), gib mir ein wenig small change (Kleingeld): 
ich mecht mir ein ticket (Karte, in diesem Fall: Los) für die lottery kaufe! Es gibt schene 
prizes von t/a/uaWe (wertvolle) Gegenstände." Oder: „Geh nur, mein Kind; aber tanz' mer 
net zu much (viel), damit du mir keine Kohld ketsche tust!" {to catch cold 'sich eine Er- 
kältung zuziehen'). 

Oder man nehme die Briefe Kaiser Wilhelms I. Er beherrschte natürlich 
das Französische, und so fließen ihm die fremden Ausdrücke, namentlich 
bei rasch hingeworfenen Schriftstücken, ganz ungesucht in die Feder. Den 
Gelehrten geht es ebenso. Es ist unstreitig für ihn viel leichter und be- 
quemer, viele Fremdwörter zu gebrauchen, als sie zu vermeiden. 

Das ist alles längst bekannt, wenn es auch nicht richtig gewürdigt war. 

Der gewöhnliche Gang der Dinge in allen den Fällen, wo ein Volk 
seine Sprache allmählich aufgibt, ist also der, daß die zweisprachigen 
immer mehr fremde Ausdrücke in ihre Muttersprache herübernehmen. 
So muß es in England gewesen sein nach der normannischen Eroberung, 
so war es bei den Albanesen, deren Wortschatz fast ganz romanisch 
geworden ist, so ist es bei den Wenden in der Lausitz oder so war es im 
Elsässer-Deutsch. 

Windisch ist von der Frage ausgegangen, weshalb im heutigen Fran- 
zösischen so wenig keltische Lehnwörter zu finden seien. Eine in der Tat 
zunächst auffallende Tatsache. Wir können ebensogut fragen, weshalb in Ost- 
deutschland, wo doch einst Slawen saßen, die allmählich germanisiert sind, 
so wenig slawische Fremdwörter im Deutschen vorhanden sind, oder wes- 
halb sich in Süddeutschland, wo der Grundstock der Bevölkerung keltisch 
war, keine keltischen Bestandteile im heutigen Deutsch finden. Das alles 
ist durch Windischs Abhandlung erklärt worden. In solchen Fällen, wo es 
sich um die Herübernahme einer Fülle von Fremdwörtern handelt, kann 
also nicht die Rede davon sein, daß mit den neuen Worten auch not- 
wendigerweise neue Begriffe eindringen müssen. Es können vielmehr gute 
einheimische Worte durch fremde ersetzt werden. Wir können verschiedentlich 
beobachten, daß Lehnwörter in starker Zahl eingedrungen sind, so z. B. 
im Albanesischen und Keltischen aus dem Lateinischen, im Finnischen aus 
dem Germanischen, im Litauischen aus dem Polnischen und Germanischen, 
im Englischen aus dem Französischen. In solchem Fall genügt der Grenz- 
verkehr nicht mehr zur Erklärung. Es muß vielmehr ein großer Teil der 
Bevölkerung oder wenigstens ein großer Teil der obern Schichten zwei- 
sprachig gewesen sein. Dann strömen Lehnwörter massenhaft zu. Wo aber 



132 Siebentes Kaf^itel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

nur die Grenzbevölkcruntr oder ein ^anz kleiner Teil des Volkes zwei- 
sprachij^ ist, da werden meist nur wirklich bedeutungsvolle neue Begriffe 
herübergenommen. Das niedriger stehende Volk aber wird dem höher- 
stehenden, das seine Sprache nicht lernt, immer nur Worte für Begriffe 
und Dinge übermitteln, die bei ihm in besonderer Art bestehen und für 
die daher das fremde Wort notwendig beibehalten werden muß. Das gilt 
z. B. bei uns zum großen Teil für die Worte, die wir aus dem Slawischen 
herübergenommen haben. 

Man kann also bei den Fremdwörtern von einem Strom und einem 
Gegenstrom reden. Der natürliche starke Strom flutet wie die allgemeine 
Entwicklung von Süden nach Norden, von Osten nach Westen, vom Orient 
zu den Griechen, von den Griechen zu den Römern, von diesen zu den 
Kelten und weiter zu den Germanen, Slawen, Finnen. Der schwächere 
Gegenstrom fließt den umgekehrten Weg, bringt weniger Worte, aber im 
allgemeinen nur solche, die neue Begriffe bezeichnet]. 

Die zahlreichen Fremdwörter des Französischen aus dem Germanischen, 
die wir oben besprochen haben, lassen sich nun auch erklären. Sie weisen 
nicht so sehr auf kulturgeschichtliche Einflüsse, als vielmehr auf die Herr- 
schaft der Germanen. Geraume Zeit hindurch müssen die Franzosen und 
die übrigen Romanen damals deutsch gelernt haben. 

§ 98. Zeit und Ort der Entlehnung. Die Frage, wann ein Wort entlehnt 
ist, muß für die Zeiten einer schriftlichen Überlieferung durch den Nach- 
weis des ersten Auftretens in ihr gelöst werden. Natürlich kann auch ein 
Fremdwort schon längere Zeit im Volksmund umlaufen, ehe es geschrieben 
auftritt oder in den Wörterbüchern verzeichnet wird. Aber das ist eben mit 
der Natur des Stoffes unweigerlich verbunden. Daneben liefert uns die 
Sprache selbst Hilfsmittel, die es uns manchmal ermöglichen, auch für die 
Zeiten vor der Überlieferung ziemlich genau die Zeit der Entlehnung fest- 
zulegen. 

Wir haben schon früher die Veränderungen der Sprache kennen gelernt. 
Jede Lautveränderung ist aber auf eine bestimmte Zeit beschränkt. Wird 
das Wort vor der Lautveränderung entlehnt, so macht es den Lautwandel 
mit, wird es nach Vollendung des Lautwandels herübergenommen, so bleibt 
es unverändert. Ein Beispiel möge das zeigen. In voralthochdeutscher Zeit 
ist p im Anlaut zu pf geworden. Worte, die vor der Zeit dieses Laut- 
wandels entlehnt sind, verschieben also p gleichfalls zu pf, z. B. Pfingsten, 
Pflaume usw., s. o. S. 12. Die spätem Entlehnungen behalten das p bei, 
z. B. Pein, Papst u. a. 

Umgekehrt können auch in der Sprache, aus der entlehnt wird, Ver- 
änderungen vor sich gehen, und wir sind dann imstande, zu bestimmen, ob 
ein Wort vor oder nach der Zeit dieses Lautüberganges entlehnt ist. So ist 
das lateinische c vor hellen Vokalen, wo es ursprünglich wie k gesprochen 
wurde, zu einem Zischlaut geworden. 



§ 98. Zeit und Ort der Entlehnung. 1 33 

Die altern Lehnwörter haben daher ^, die spätem dagegen z. Beispiele sind: Kaiser, 
1. Caesar; — Keller, 1. cellariiim; — Keller, jetzt Kellner, 1. cellarius; — Kerbel, 1. cere- 
folium; — Kichererbse, 1. cicer; — Kirsche, 1. cerasus; — Kiste, 1. cista gegenüber Zeder 
ahd. cedarboum, \. cedrus; — Zelle, mhd. zelle, \al cella; — Zent 'Gerichtsbezirk', mlat. 
centa zu lat. centum; — Zepter, mhd. zepter, 1. sceptrum; — Zimbel, ahd. zymbala, 
1. cymbaliim; — Kreuz, 1. cräcem. 

Je stärker sich also eine Sprache verändert, um so günstigere Be- 
dingungen haben wir für die Bestimmung des AHers der Lehnworte. Mit 
keiner Sprache ist es in dieser Hinsicht besser bestellt als mit dem Ger- 
manischen und Deutschen, weil in ihnen der Konsonantenstand durch die 
erste und zweite Lautverschiebung von Grund aus verändert worden ist. 

Die erste germanische Lautverschiebung hat fast alle Geräuschlaute 
betroffen, und sie ist daher sehr wichtig. Von der größten Bedeutung ist 
es deshalb auch, die Zeit ihres Eintritts festzustellen. Leider ist das bis heute 
noch nicht gelungen. Wir können nur sagen, daß die ältesten germanischen 
Lehnworte schon die Lautverschiebung aufweisen. 

Bei der Verwertung der Lautveränderungen muß man allerdings immer 
mit dem Faktor der Lautersetzung (Lautsubstitution) rechnen. Besitzt nämlich 
eine Sprache einen Laut der fremden Sprache nicht, so wird dieser nicht 
etwa genau nachgebildet, sondern es wird ein ähnlicher dafür gebraucht 
So haben die Litauer noch heute kein /, und sie setzen daher dafür/» ein, 
z. B. pärwas 'Farbe', ptbeUs 'Fibel', plela 'Feile', plnkas 'Flecken' usw.; 
den Russen mangelt unser deutsches h, das sie daher durch g wieder- 
geben, galstuk 'Halstuch'. Unser Volk kann das französische j nicht aus- 
sprechen, und es braucht dafür seh, z. B. Schenie. 

Es hat nun im Germanischen eine Zeit gegeben, in der es keine Tenues 
{p, t, k,) besaß. In dieser Zeit mußte es also die fremden Laute ersetzen, 
und zwar geschah das durch die Affrikaten oder Spiranten. Eines der ältesten 
Lehnwörter ist das Wort hanf, got. '-kanaps, das aus einer Form entlehnt ist, 
die dem griech.-lat. cannabis ähnlich lautete. Man nimmt gewöhnlich an, 
dies Wort müsse vor Eintritt der Lautverschiebung entlehnt sein, es kann 
aber zu einer Zeit geschehen sein, in der die Verschiebung der Tenues 
schon beendigt, die der Medien noch nicht vollendet war. 

Nachdem ferner die Tenues zu Spiranten, die Medien zu Tenues ver- 
schoben worden waren, besaß das Germanische keine Medien mehr, da ja 
die jetzigen b, d, g noch Spiranten waren, und es konnte daher die griechisch- 
lateinisch-keltischen Medien nicht genau wiedergeben, ersetzte sie vielmehr 
durch Tenues. So haben wir noch in verhältnismäßig später Zeit Graecus 
entlehnt. Es lautet aber in der ältesten Form got. Kreks, d. h. man hat für 
das g ein k eingesetzt. 

Anmerkung. Diese Erkenntnis ermöglicht es uns, noch eine Anzahl andrer Wörter 
als mögliche Lehnworte in Anspruch zu nehmen, die man früher für urverwandt gehalten 
hat. So ahd. slio'jan aus 1. excladere; got. kustus 'Prüfung' aus 1. gustus; ahd. kostön aus 
l.gustare; got. lekeis 'Arzt' aus dem Keltischen, air. liaig; d. Zaun, e. town aus Reit, -dünunt 



134 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

in Liigdünum. Die Entscheidunjj. ob diese Worte wirklich entlehnt sind, muß in andern 
Gründen als denen der Laulyeschiclite gesucht werden. 

Aus allen diesen Uniständen foli^t, daß bei der Ermittlung der Zeit der 
Entlehnuntj einige Vorsicht zu walten hat. 

In Bezug auf den Ort der Entlehnung ist es selbstverständlich, daß 
ein Wort nicht allerorten, sondern meist an einer bestimmten Stelle ent- 
lehnt wird. Um festzustellen, wo dies geschehen ist, haben wir verschiedene 
Hilfsmittel: erstens die Verbreitung der Wörter im Deutschen. Ein Wort 
im Nordwesten wird nicht gerade aus dem Italienischen, eins im Osten 
nicht gerade aus dem Französischen stammen. Rhein. Kordel und österr. 
Spagat stammen aus verschiedenen Gegenden, jenes aus dem Französischen, 
dies aus dem Italienischen; zweitens kommt die äußere Form in Betracht. 
Südd. Kästen 'Kastanie' weist auf ein rom. '■'castinia, während die uns ge- 
läufige Form castanea lautet. Jene Form liegt im oberital. casteha vor, und 
damit ist also der Ursprungsort gegeben. Gletscher geht natürlich auf lat. 
glacies zurück, zeigt aber eine eigentümliche Entwicklung des c. Wir finden 
die gleiche Entwicklung in der alpinen Bezeichnung Tschingel aus lat. 
cingüliim; und aus der Gegend, die lat. c vor i zu tsch wandelte, stammt 
Gletscher. Vgl. hierzu die außerordentlich anregende Arbeit von Jud, Pro- 
bleme der altromanischen Wortgeographie, Zeitschrift für romanische Philo- 
logie 38,1 ff. 

Wir gehen nunmehr dazu über, die verschiedenen zeitlichen und ört- 
lichen Schichten der Lehnworte zu besprechen. 

§ 99. Lehnworte im Indogermanischen. Von den durch die Vergleichung 
erschlossenen indogermanischen Worten können natürlich manche entlehnt 
sein, da auch das Indogermanische sicher nicht ohne Lehnworte gewesen 
ist. Leider sind wir kaum in der Lage, solche mit Sicherheit nachzuweisen. 
Imm.erhin hat zum Beispiel die Zählweise Einflüsse von selten des Baby- 
lonischen erfahren, wenn wir auch keine Lehnworte nachweisen können. 
Dazu kommen vielleicht einige andere Ausdrücke. Unser Wort Stern, got. 
stairno, 1. Stella, gr. äoj{]o {astoer), aind. str weist auf eine indogermanische 
Grundform "^'astero. Dies könnte aus dem semitischen Namen des Abend- 
sterns, der in den Götternamen Astarte, Ischtar vorliegt, stammen, vgl. 
Zlhaiern in E. Schrader, Die Keilinschriften und das Alte Testament, 3. Aufl., 
S. 425. Weiter kann man am ehesten Entlehnung vermuten bei den Namen 
der Kulturpflanzen, der Haustiere, der Metalle. Aber etwas Sicheres läßt sich 
bis jetzt noch nicht ermitteln. 

§ 100. Die Lehnworte des Germanischen. 

Literatur: Eine gute, lesbare Darstellung, die die Lehnwörter der gesamten deutschen 
Entwicklung umfaßt, bietet jetzt F. Seiler, Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel 
des deutschen Lehnworts. I. Die Zeit bis zur Einführung des Christentums, 2. Aufl. 19C5. 
IL Von der Einführung des Christentums bis zum Beginn der neueren Zeit, 2. Aufl. 1907. 
III. Das Lehnwort der neueren Zeit. Erster Abschnitt 1910. Zweiter Abschnitt 1912. 

Festen Boden in betreff der Lehnworte bekommen wir erst unter die 



§ 100. Lehnworte des Germanischen. § 101. älteste Schicht der Lehnwörter. 135 

Füße, wenn wir zu den geschichtlichen Zeiten hinabsteigen. Schon vor 
Beginn der christhchen Zeitrechnung beginnen die ersten deutlich erkenn- 
baren Entlehnungen ins Germanische und seitdem sind unzählige gefolgt, 
so daß unser Wortschatz mit Fremdwörtern stark durchsetzt ist. Viele 
Gebiete dieses Teils der Sprachgeschichte sind eingehend untersucht und 
haben zu höchst bemerkenswerten Aufklärungen kulturgeschichtlicher Art 
geführt. Man kann wohl sagen, daß dieser Teil der deutschen Wortgeschichte 
am besten aufgehellt ist und daß hier bis jetzt die meisten Ergebnisse er- 
zielt sind. 

§ 101. Die älteste Schicht der Lehnwörter. Welche Worte vor der ersten 
germanischen Lautverschiebung aufgenommen sind, läßt sich mit Bestimmt- 
heit nicht sagen, weil uns hier eben das Hilfsmittel der Lautveränderung 
fehlt. Es müssen hier also kulturhistorische Gründe für die Entscheidung 
herangezogen werden. Mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit sieht 
man als Lehnworte an: 

a) Die Namen einer Reihe von Kulturpflanzen wie//««/, ahd. hanaf, engl he mp 
zu lat. cannabis, gr. xdwaßig {kännabis). Nach Herodot 4, 74 wurde der Hanf besonders 
im Osten bei Thral<ern und Skythen angebaut, und man nimmt daher an, das Wort sei 
aus dieser Gegend zu den Germanen gelvommen. Da aber auch Südfrantcreich schon im 
3. Jahrhundert v. Chr. Hanfbau l<annte, so ist das nichts weniger als sicher. An und für 
sich könnte das Wort auch schon ins Indogermanische entlehnt sein. 

Erbse, ahd. arawei:j gehört wahrscheinlich mit lat. ervtim 'Art Wicke', gr. sQsßivüog 
{erebinthos), oooßog (örobos) 'Kichererbse' zusammen, kann aber nicht aus dem Griechischen 
oder Lateinischen entlehnt, aber auch schwerlich urverwandt sein. 

Linse, ahd. linsi zu lat. lens. Es gilt dasselbe. 

b) Metallnamen. Es wird jetzt immer deutlicher, daß die Bekanntschaft mit einer 
Reihe von Metallen in ziemlich alte Zeiten zurückgeht. Da aber die Bearbeitung der Metalle 
gewiß nicht an vielen Stellen aufgekommen ist, sondern immer nur jedes Metall ein Ur- 
sprungszentrum haben dürfte, so dürfen wir hier stark mit Entlehnungen rechnen. 

Unser Wort Silber, got. silubr hängt mit lit. sidäbras, abg. serebro zusammen und 
muß früh zu den Germanen gekommen sein, woher, ist unklar, vielleicht aus akkadisch 
sarpu 'Silber'. 

Das Wort Erz, ahd. arazzi, andd. arut geht auf eine vorgermanische Form *arud oder 
*orud zurück, die auffällig an sumer. unid 'Kupfer' anklingt. 

Blei, ahd. blio, Grundform *bhwas ist gleichfalls unerklärt. Da bl aus ml entstanden 
sein kann, so wären Beziehungen zu gr. ßölif^og (bölimos), fwhßog {mölibos) denkbar. 

c) Sonstiges. Affe. Hesych gibt an, die Kelten hätten das Tier abranas genannt. 
Man will dafür abanas lesen und meint, die Kelten hätten das Tier auf ihren Beutezügen 
kennen gelernt und das Wort mit dem Begriff den Germanen übermittelt. 

Auch unser Wort Pfad, e. path 'Weg' klingt auffällig an gr. jiÜTog (pdtos) 'Pfad, 
Weg' an, kann aber nicht daraus entlehnt sein. Kluge vermutet, es stamme aus dem Sky- 
thischen (vgl. aind. path- f., awest. pap- 'Weg, Pfad'), was nicht unmöglich ist. 

Humpen vielleicht ebendaher, awcst. x.umb-; es kann aber als Ablautsform zn Napf 
echtgermanisch sein. 

Anmerkung. Sicher werden wir hier nur einen geringen Teil der Worte erkennen, 
die wirklich entlehnt sind. Man bedenke, daß uns die Sprache vieler Völker Europas durch- 
aus unbekannt ist, so die der Illyrer, die in der nördlichen Balkanhalbinsel und in Ober- 
italien saßen. Auf Entlehnung aus Sprachen, die dem Germanischen eng verwandt waren, 



136 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

aber die Lautverschiebung nicht hatten, weisen eine Reihe von Worten. So gehört höchst 
wahrscheinlich got. kaupatjan 'ohrfeigen' : got. haubip, und ags. bepcscan 'betrügen' : got. 
bifaihon. Vgl. Kluge, Urgerm.' 46. 

§ 102. Die Einwirkung der Kelten. Cäsar sagt an einer bekannten Stelle 
in seinen Kommentaren, daß die Kelten einst den Germanen überlegen 
gewesen seien. Diese Ansicht, die man lange Zeit als wertlos beiseite ge- 
schoben hat, trifft zweifellos das Richtige, und neuere Forscher sind sogar 
soweit gegangen, den Kelten eine Herrschaft über die Germanen zu- 
zuschreiben, vgl. D'arbois de JuBAiNViLLE, Rcvuc historiquc 30 (1886) 1 — 48, 
Celtes et Germains 1886, Bremer, Deutsche Ethnographie in Pauls Grundriß 
der germanischen Philologie, Bd. 3, 787. Diese Ansicht ist nicht so aben- 
teuerlich, als sie zuerst erscheint. Sehen wir doch die Kelten im Dämmer 
der Geschichte als ein mächtiges eroberndes Volk, das nach Frankreich, 
Spanien, Italien, Griechenland seine Heerscharen entsendet und dort geraume 
Zeit die Herrschaft erringt. Warum sollen sie nicht auch die leicht zugäng- 
lichen Sitze der Germanen überflutet haben, zumal sie offenbar durch ihre 
eisernen Waffen rasch das Übergewicht gewinnen konnten. Aber geschicht- 
liche Zeugnisse für diese Annahme besitzen wir nicht. Da tritt nun die 
Sprache ein, die uns lehrt, daß die Germanen eine größere Zahl bedeutungs- 
voller Lehnwörter von den Kelten empfangen haben. Diese Lehnworte 
deuten auf einen Kultureinfluß, der ziemlich innige Berührung voraussetzt. 
Eine Reihe von Lehnworten zeigen die Wirkungen der germanischen Laut- 
verschiebung, doch läßt sich nicht sicher erkennen, ob die Worte vor der 
Lautverschiebung entlehnt sind und diese mitgemacht haben, oder ob die 
oben S. 133 erwähnte Lautsubstitution vorliegt. 

Unter den Lehnworten spielen die Personennamen unzweifelhaft eine 
wichtige Rolle. Immer wieder nimmt das schwächere Volk mit besonderer 
Vorliebe die Eigennamen des herrschenden Volkes an. So leben noch heute 
bei den Romanen die germanischen Eigennamen und zeugen von jener 
Zeit, in der germanische Stämme in den romanischen Ländern herrschten. 
Die römische Namengebung ist zum guten Teil etruskisch, die Russen be- 
sitzen in ihren Namen Igor, Riirik, Olga ein Kennzeichen jener Herrschaft, 
die einst die schwedischen Waräger aufgerichtet haben. Vgl. GDS. 99. 

Wenn wir nun bei Kelten und Germanen eine Reihe genau über- 
einstimmender Eigennamen finden, so könnten diese ja zum Teil aus der 
indogermanischen Urzeit stammen. Das ist aber bei einigen von ihnen nicht 
möglich, weil sie Elemente zeigen, die die Spuren keltischer Lautgebung 
tragen. So ist zweifellos unser Wort reich, got. reiks 'mächtig', reiki 'Reich' 
aus dem Keltischen entlehnt, denn es ist mit lat. rex verwandt und müßte 
im Althochdeutschen ""'rahs lauten. Nur im Keltischen ist das idg. e zn i 
geworden, und so ist nur hier die Lautform rix (vgl. Diimnorix) lautlich 
berechtigt. Dieses Wort riks finden wir aber auch in einer Reihe germanischer 
Eigennamen. Da in einigen auch das erste Glied zum KeUischen stimmt, 



§ 102. Die Einwirkung der Kelten, § 103. Einfluss der Griechen und Römer. 137 



z. B. kelt. Catiirix, ahd. Hadiinh, Teut{i)onx, ahd. Dlotnh, so sind diese 
ziemlich zweifellos aus dem Keltischen entlehnt, vgl. Bremer a. a. O. S. 53. 
Andere Namen, die einander vollständig gleichen, sind kelt. Catumaros zu 
Hadumar, Dagomaros zu Dagmar, Segomäros zu Sigmar u. a. Auf diese 
Namen ist mit Bremer ganz entschieden großes Gewicht zu legen. 

Dazu kommt eine beträchtliche Anzahl von Worten, von denen man mit 
Sicherheit oder großer Wahrscheinlichkeit die Entlehnung behaupten kann. 
Nur mit Wahrscheinlichkeit ist das bei denen der Fall, die die germanische 
Lautverschiebung mit durchgemacht haben. Sie könnten ebensogut ur- 
verwandt sein, aber allgemeine Erwägungen, namentlich die Bedeutung, 
sprechen für Entlehnung. 

reidi, got. reiks s. o.; — Amt, ahd. ambaht 'Amt', got. andbahts m. 'Diener' aus 
kelt. ambactiis, zusammengesetzt aus amb 'herum' und actus, Partizip von ago 'sende', 
also eigentlich 'Herumgesandter'; — Geisel, 3hd. gisal m. 'Kriegsgefangener', kelt. *geslo; 

— Held, as. helith, kelt. *kaleto 'hart'; — Eisen, ahd. isan, isani n., got. eisarn, kelt. 
*lsarno. Daß die Kelten die Träger der Eisenkultur waren, ist ganz sicher; — Lot, mhd. 
lot, engl, lead 'Blei', Urform *lauda, auf die auch air. liiaide weist; — welsdi, ahd. wal- 
hisc, abgeleitet von Walh, dem Namen des keltischen Volksstammes der Volcae; — Zaun, 
e. town, dazu der Gebirgsname Taunus aus kelt. -danutn in Lug-dnnum. Die Entlehnung 
folgt daraus, daß das echtgermanische Wort in Düne. ags. dän 'Hügel' vorliegt. 

Dazu kommen noch einige Worte, die an und für sich auch urverwandt sein können, 
aber doch mit größerer Wahrscheinlichkeit als Entlehnungen anzusehen sind: Eid, got. 
aips, air. oeth; — got. liugan 'heiraten', eigentlich 'einen Vertrag schließen', ahd. ur-liugi 
'Krieg', eigentlich 'außerhalb des Vertrages', jetzt noch in Orlogsdiiff, air. luige, kymr. 
llw 'Eid'; — frei, got freis, kymr. rhyd aus *(p)rijo (müßte sehr alte Entlehnung sein); 

— Erbe, got. arbja, air. orbe usw. 

Hierzu kann man möglicherweise manche der oben § 83 als kelto- 
germanisch aufgeführten Gleichungen stellen. 

Sehr bemerkenswerte Beziehungen zwischen Germanisch und Keltisch finden sich 
auch bei den Völker- und Ortsnamen. So entspricht der Name /y^55^A2 dem kelt. -Casses, 
Burgunden dem kelt. Brigantes. Das große mitteldeutsche Waldgebirge trägt den kel- 
tischen Namen Hercynia Silva, das aus *perkilnia entstanden ist, und dies entspricht genau 
mhd. Virgunt. 

§ 103. Der Einfluß der Griechen und Römer. Allgemeines. Wann der Ein- 
fluß der Sprachen des Südens auf die germanische begonnen hat, läßt sich 
nicht mit Bestimmtheit sagen. Es scheint, daß der Name Julius Cäsars, der 
als Kaiser bei uns fortlebt, das älteste lateinische Lehnwort ist. Es folgt dies 
aus der Wiedergabe des lat. ae durch germ. ai. Jedenfalls müßte man für 
ältere Lehnworte keltische Vermittlung annehmen. 

Je mehr dann die Germanen mit den Römern in Berührung kommen, 
um so stärker wird die Herübernahme von Lehnwörtern, und es ergießt sich 
nun durch Jahrhunderte hindurch ein starker Strom von Fremdworten über 
unsere Sprache. Die römische Sprache hat die unsere im Wortschatz so 
nachhaltig wie keine andere beeinflußt, wenn wir von den modernen Fremd- 
worten absehen. Die Zahl von 497 Familien, die aus dem Lateinisch- 
Romanischen entlehnt sind, ist wahrlich bedeutend genug. 



138 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

Neben dem Römischen zeigt sich aber auch ein Einfluß des Griechischen, 
zum Teil wohl durch das Lateinische und Romanische hindurchgehend, zum 
andern Teil aber auch unmittelbar wirkend, und zwar waren die Goten 
die Vermittler. Das Griechische muß das Gotische, solange es in der 
Balkanhalbinsel gesprochen wurde, stark beeinflußt haben. Außerdem wirkte 
die Bibelübersetzung, die manches Fremdwort beibehielt, vgl. K. Wkinhold, 
Die gotische Sprache im Dienste des Kristentums, Halle 1870, S. 36. Dann 
gründeten die Ostgoten ihr Reich in Oberilalien, wodurch ein Einfluß auf 
die Bayern in Oberdeutschland möglich wurde. Ihnen haben sie eine 
Reihe von griechischen Wörtern übermittelt, die diese dann weitergegeben 
haben. 

Die Zeit, wann die verschiedenen griechischen und römischen Lehn- 
wörter herübergenommen sind, läßt sich durch eine Reihe von Umständen 
ziemlich genau ermitteln. 

L Mitten hinein in die Zeit der Entlehnung fällt die zweite oder hoch- 
deutsche Lautverschiebung, nämlich in das 6. Jahrhundert. Sie besteht aus 
folgenden Vorgängen, t wird zu z oder {33) ss, p zu pf- oder -ff-, k zu -ch- 
verschoben. Diese Vorgänge sind aber nicht gleichzeitig. Zuerst wurde t 
zu z, dann p zu pf, zuletzt k zu eh. Während es Pforzheim heißt, lautet 
das Wort sonst Pforte aus lat. porta. Als dies Wort entlehnt wurde, war 
also die Verschiebung von t schon vorüber und t blieb daher unverändert, 
während p die Verschiebung noch mitmacht. Pech aus lat. picem zeigt da- 
gegen die verschiedenen Zeiten, in die die Verschiebung von p und k fällt. 

2. Aus der Gestalt des deutschen Wortes können wir auf die des ro- 
manischen zurückschließen, die es hatte, als das Wort entlehnt wurde. Das 
Lateinische hat im Laufe der Zeit im Volksmunde eine ganze Reihe von 
Veränderungen durchgemacht, die wir zeitlich annähernd bestimmen können. 
So wurde lat. c vor hellen Vokalen erst verhältnismäßig spät nicht mehr als 
Verschlußlaut gesprochen. Die meisten Entlehnungen ins Deutsche zeigen 
noch das k, Kaiser aus Caesar, Kichererbse aus lat. cicer, Kiste aus lat. cista, 
Pech aus \2i{. picem, Lärche aus lat. laricem; demnach fallen die Entlehnungen 
von Kreuz aus lat. crucem, Zeder aus lat. cedrus in spätere Zeit. 

In einer Reihe von Fällen weist das Germanische auf eine andere 
Lautform als die uns geläufige. Teils läßt sich alsdann mit Hilfe des Ger- 
manischen diese besondere Form erschließen, teils liegt diese im Vulgär- 
lateinischen vor oder wird auch von den romanischen Sprachen voraus- 
gesetzt. 

3. Die Angelsachsen haben das Festland etwa um die Mitte des 5. Jahr- 
hunderts verlassen. Wenn wir daher dieselben Lehnwörter im Angelsächsischen 
und im Deutschen finden und zwar umgewandelt nach den Lautveränderungen, 
die beide Sprachen seit dieser Zeit erlebt haben, so ist das Wort vor dieser 
Zeit entlehnt. So müssen daher die beiden Obstnamen Pf irsich und Pflaume, 
d. Pfirsich, ags. persoc, d. Pflaume, ags. plume vor der Zeit der Trennung 



§ 104. Der Einfluss der Griechen. 139 



entlehnt sein. Das Wort Pfirsich ist im Deutschen erst im 12. Jahrhundert 
nachzuweisen, muß aber mindestens 700 Jahre vorher zu uns gekommen 
sein — ein warnendes Beispiel dafür, nicht den äUesten Beleg dem Auf- 
kommen eines Wortes gleichzusetzen. 

§ 104. Der Einfluß der Griechen. 

Literatur: R. V. Raumer, Über den geschichtlichen Zusammenhang des got. Christen- 
tums mit dem Althochdeutschen, ZfdA. 6, 401. — W.Schulze, SB. d. Berl. Akad. 1905 
Nr. 36 S. 726 ff. — F. Kluge, Gotische Lehnwörter im Althochdeutschen, Btr. 35, 124, 
wieder abgedruckt in Wortforschung und Wortgeschichte 134 ff. 

Es ist klar, daß das Griechische nicht unmittelbar auf das Deutsche 
gewirkt haben kann, und trotzdem finden wir unzweifelhaft bei uns eine 
Reihe uralter Lehnwörter aus dieser Sprache. Das Rätsel löst sich, wenn 
wir die Goten als Vermittler annehmen, wie dies zuerst R. v. Raum er ge- 
sehen und Kluge eingehend nachgewiesen hat. 

Es handelt sich im wesentlichen um Ausdrücke des kirchlichen Ge- 
biets, und es ist wohl möglich, daß wir es in diesem Punkt mit den Ein- 
wirkungen des Arianismus zu tun haben. 

Pfaffe stammt aus gr. ::iajiJtag {pappäs) mit der Bedeutung 'niederer Geistlicher' 
wie slaw.-russ. popä, während im Romanischen papa 'pontifex' bedeutet. Das Wort zeigt, 
wie auch viele der folgenden, die Wirkungen der hochdeutschen Lautverschiebung und 
muß daher früh zu uns gekommen sein. Wir sagen Kirche, e. diurch, während das roma- 
nische Wort auf gr.-Iat. ecclesia zurückgeht. Man hat die verschiedensten Vermutungen über 
die Herkunft unseres Wortes aufgestellt. Heute kann man es als sicher betrachten, daß es 
auf gr. xvcnaxör {kyriaköii) 'Haus des Herrn' zurückgeht, das im Got. zu *kyriako wurde, 
woraus sich das weibliche Geschlecht im Althochdeutschen erklärt. Pfingsten dürfte 
ebenfalls auf das Gotisch-Griechische zurückgehen, gr. .tf iT/;p;oor;/ {pentcekostw), goX.painte- 
kuste, da hierfür Angelsachsen und Niederländer einen andern Ausdruck haben. Bayer. Pfinz- 
tag stammt aus gr. jt^utttii {pempke) 'fünfte'. Auch das Wort Heide ist nach W. Schulze, 
SB. d. Berl. Akad. 1905 Nr. 36 S. 726 ff., durch die Goten zu uns gekommen, und zwar 
müßten wir es dabei sogar mit einer gelehrten Herübernahme zu tun haben. Nach Schulze 
geht nämlich got. haipno mit der Schreibung ai für gr. f auf Uhog {ethnos) zurück, der 
Diphthong ai des Wortes in den übrigen germanischen Sprachen wäre dann nur so zu 
erklären, daß man in Deutschland das Schriftbild auf sich hätte wirken lassen und daher 
heidan sprach. Das hat ja allerdings seine Bedenken, aber die Entlehnung aus dem 
Gotischen dürfte doch feststehen. Ebenso stammt taufen aus got. daupjan. Es ist so- 
zusagen ein Übersetzungslehnwort. Im Gr. hat ßnjno) (bdpto) die sinnliche Bedeutung 'ein- 
tauchen' und 'taufen', während lat. baptizare nur die letztere hat. Nur ein Gote konnte 
also das Wort in dem spezifischen Sinne verwenden. Dazu kommen weiter nach Kluge 
ahd. as. Krist (engl. Christ mit ai geht auf irische Vermittlung zurück), Teufel, 
ahd. tiufal wegen des u statt zu erwartenden o, und dann auch wohl Engel, Bisdiof, 
e. bishop aus gr. tlT«Wo.To- (episkopos), d. Hölle, e. hell aus got. halja. und wenn Pfingsten 
gotisch ist, so könnte es auch Ostern sein. Kluge nimmt weiter Demut, heilig u. a. 
für möglicherweise gotisch in Anspruch. 

Wenn so der gotische Einfluß feststeht, so können natürlich auch andere Wörter aus 
dem Gotischen zu uns gekommen sein. So finden wir im got. paida 'Gewand', das aus 
gr. ßuit)] {baitie) stammt. Das Wort treffen wir wieder im bayr. Pfeit (s. c). Im Bayr. lebt 
auch D«/^ 'Fest' fort, das dem got. dulps entspricht. Auch hier kann man an Entlehnung 
denken. Sicher got. ist auch unser Maut 'Zoll', das wieder nur aus got. motu stammen 



^4 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

kann. Merkwürdig ist hier die mangelnde Lautverschiebung. Es muß also später entlehnt 
sein als Pfimtag. Auch das Wort Grieche, alid. Kriedxe stammt aus got. Kreks und 
Pflaume, e. pliim, wohl nicht aus 1. pnuium, sondern aus gr. ni/otuiw (pnimnon). — Un- 
zweifelhaft sind die Bayern die Vermittler gewesen. Ob aber der got. Einfluß von der 
untern Donau oder, was mir wahrschcinliclier ist, von Oberitalien ausgegangen ist, läßt 
sich nicht sicher entscheiden. 

§ 105. Der Einfluß der Römer. 

Literatur: R. v. Raumer, Die Einwirkung des Christentums auf die althochdeutsche 
Sprache, Stuttgart 1845: — H. Ebel, Über die Lehnwörter der deutschen Sprache (Programm 
des Erziehungsinstituts Ostrowo bei Filchne 1856); — W. Wackernagel, Die Umdeutschung 
fremder Wörter, zuerst 1861. jetzt Kleine Schriften 3, 252 ff.; — W.Franz, Die lateinisch- 
romanischen Elemente im Althochdeutschen, Straßburg 1884; — A. Pogatscher, Zur Laut- 
lehre der griechischen, lateinischen und romanischen Lehnworte im Altenglischen, Straßburg 
1888; — F. Kluge, Lateinische Lehnworte im Altgermanischen in Pauls Grundriß der ger- 
manischen Philologie, 2. Auflage, 1,333, 1901; dasselbe Werk in 3. Aufl. 1913 S.9ff.; — 
K. Later, De latijnsche woorden in het oud- en middelnederduitsch, Utrecht 1904; — 
Burckhardt, Untersuchungen zu den griechischen und lateinisch-romanischen Lehnwörtern 
in der altniederdeutschen Sprache, Göttinger Diss. 1904, auch in Steinhausens Archiv für 
Kulturgeschichte 1905, Heft 3 u. 4. 

Der Einfluß der römischen Sprache auf die germanische ist ganz ge- 
waltig gewesen. Wir haben dadurch eine Fülle von Wörtern bekommen, 
die ganz unser eigen geworden und durchaus nicht mehr zu besei- 
tigen sind. Sie wurden dem deutschen Munde angepaßt, nach deutscher 
Art betont und so durch Aufnahme von selten des Volkes ganz ein- 
gedeutscht. 

Wann und wie dieser Einfluß vor sich gegangen, läßt sich nicht mit 
Bestimmtheit sagen. Doch scheint unser Kaiser auf den Namen Julius 
Cäsars zurückzugehen (s. o.), also schon vor der christlichen Zeitrechnung 
zu uns gekommen zu sein. Aber man kann sehr wohl die Frage auf- 
werfen, ob nicht schon früher, wenn auch mittelbar wohl durch keltischen 
Einfluß, römische Worte zu uns gelangt sind. Dahin gehört z. B. got. alew 
'Ör aus lat. oleum, got peikabagms 'Feigenbaum' aus lat.ficus durch ein 
kelt. '■■■pikos. 

Der Hauptstrom freilich kam erst in der römischen Kaiserzeit, bedingt 
durch die teilweise Eroberung Deutschlands, die Romanisierung Galliens 
und die zahlreichen Germanen im. römischen Heer. Diese müssen doch un- 
bedingt zweisprachig gewesen sein, und ebenso gab es innerhalb Deutsch- 
lands gewiß zahlreiche Leute, die lateinisch sprachen. 

Anmerkung. Eine vom Lateinischen ausgehende alphabetisch geordnete Liste der 
dem Germanischen übermittelten Worte bietet Kluge, Grdr.^ 1, 833 (in der 3. Auflage 
nicht mehr), eine sachliche Zusammenstellung Seiler l'^, 24 ff., Kluge, Urgermanisch 11. 

Die Entlehnung erstreckt sich natürlich über einen längeren Zeitraum, 

und man kann unterscheiden zwischen Worten, die die Lautverschiebung 

zeigen, und solchen, die das nicht tun. Dazu kommt, daß die Lehnwörter, 

die das Althochdeutsche mit dem Angelsächsischen teilt, zumeist aus einer 

Zeit stammen, in der die Angelsachsen noch auf dem Festland saßen. 



§ 105. Der Einfluss der Römer. 141 

Was den Ort betrifft, wo die Entlehnungen stattgefunden haben, so 
kommt natürlich die ganze Grenze vom Süden bis zum Norden in Betracht. 
Doch ist nicht zu verkennen, daß ein Hauptstrom von Nordfrankreich 
(über Trier?) ausgegangen ist. 

Der Einfluß erstreckt sich auf die verschiedensten Gebiete des äußeren 
und inneren Lebens, auf das Kriegswesen, die Verwaltung und das Recht, 
die Schiffahrt, den Handel, den Steinbau, den Weinbau, das Münzwesen, 
die Küche, den Ackerbau, die Geflügelzucht, die Viehzucht, das Handwerk, 
die Kleidung, das Fuhrwesen, Musikinstrumente, Wohnung und Wohnungs- 
ausstattung, die Heilkunde, das Christentum, den Gartenbau, die Obstzucht 
und die Kirche, Da wir diese Gebiete in einer besonderen Übersicht be- 
handeln, so gebe ich hier eine Liste der noch vorhandenen Entlehnungen, 
wobei zu bemerken ist, daß eine große Anzahl in älterer Zeit vorhandener 
Fremdwörter wieder verschwunden sind. Vollständig ist die Liste nicht, 
insbesondere sind die spätalthochdeutschen Entlehnungen hier nicht auf- 
genommen. 

Abt, Almosen, Andaudie, Anker, Arzt, Back, Balsam, Bedier, Becken, Beete, Bern, 
Birne, e. pear, Bischof, Bolzen, Bottidi, Brief, Buchsbaum, Büdise, Buckel, Butte, Bütte, 
Dam(wild), e. doe, verdammen, dauern, Dediant, diditen, Dedier, Dom, Drache, eichen, 
Eimer, Elefant, Eppidi, Erz- in Erzbisdiof, Esel, Essig, Estridi, Fackel, falsdi, fälschen, 
Fasan, Feier, Feige, Fendi, Fendiel, e. fennel, Fenster, Fieber, Fimmel(hanf), Finne 
'kleiner Nagel', mhd. pfinne, firmen. Flamme, Flasdie, Flaum, Flegel, e. flail, Flinte, Föhn, 
Forke, Frudü, Galle 'Geschwulst', Gargel 'Rinne', Gelte, Gilte, Ginster, Glocke. Greif, 
Griffel, Grille, Gurgel, obd. Immi 'Hohlmaß', impfen, Kadiel, Käfig, kahl, Kahm, Kaiser, 
Kaidaunen, Kalk, Kammer, Kampf, Kandel, Kännel, Kännel, Kanker 'Krebsschaden an 
Pflanzen', Kante, Kanzel, Käpfer, Kämpfer, Kappe, e. cap, Kappes 'Weißkraut', Kapsel, 
Kardi, Karde, Karner, Kerner, Gerner, Karpfen, Käse, e. dieese, Kastell, e. Chester, 
Kästen, e. chestnut, Katze, e, cat, Kauf(mann), Kelch, Keller, Kellner, Kelter, Kerbel, 
e. chervil, Kerker, Kerze, Kessel, e. kettle, Kette, Kidier(erbse), Kipf(el), Kirsdie, Kiste, 
e. ehest, Klause, Kloster, erkobern, Koch, e. cook, Kodien, Kohl, e. cole, Koller, Kopf, e, 
cup, Kornelbaum, kosen, Kosten, Kreuz, Kübel, Küdie, e. kitdien, Kufe, Küfer, e. cooper, 
Kümmel, e. cumin, Kunkel 'Spinnrocken', Kupfer, e. copper, Kürbis, kurz, Küster, laben, 
Ladie, e. lake, Laie, Lärdie, Lamprete, Lauer 'Nach-, Tresterwein', Letter, ahd. lector, 
mhd. lecter, Lilie, Linie, Lor(beer), Lümmel, Mandel, Mange(l), Mantel. Marter, März, 
Mäsdiel 'männlicher (auch weiblicher) Hanf, Masse, Matte, Mauer, Maulbeere, e. mul- 
berry, Maul(esel), mausen, mausern, Meile, e. mite, Meister, Messe, Meßner. Mette, 
Metzger. Miete 'Kornhaufen', Minze, e. mint, mischen, e. mix, Mispel, Mohr, Mönch, e. 
monk, Mörser, Mörtel, Mösch, Most, e. must, Mühle, e. mill, Münster, e. minster. Münze, 
e. mint, murmeln, Muschel, Mull, Müll, Natur, Naue, None, e. noon, Nonne, e. nun, nüch- 
tern, Ohm, Öl, opfern, Orden, ordnen, Orgel, Padit. Pfadit, Pech, Pegel, Pein. Pelle. 
e. peel, pelzen 'pfropfen', Pesel, Pfiesel, Petter, Pfetter 'Pate', Pfahl, e. pole, Pfalz. 
Pfanne, e. pan, Pfarre, Pfau, e. peacock, Pfebe, Pfeffer, Pfeife, e. pipe, pfeifen, Pfeil, Pfeiler, 
Pferch, Pferd, P fetten, Pfirsdie. Pf ister, Pflaster, Pflanze, &. plant, pflanzen, ^, plant, pflüdien, 
e. pluck, Pforte, Pfosten. Pfote, Pfrille, pfropfen, Pfründe, Pfühl, Pfund, e. pound, Pfütze, 
t. pit, Pilgrim, Pilz, Pips, ohd. Pf ipfs, Plage, Planke, e. plank, platt, Pranke, predigen. 
Presse, Priester, Propst, Quitte, Quendel. Rede, Regel, Rettidi, Riegel(haube). Riemen. 
Sadi. e. sack, Säckel, Salm, Sarg, sauber, Saum(tier), Sdiaff, Sdiemel, Sdiindel, e. shingle. 
Schraube, sdireiben. e. shrive, Schrein, e. shrine. Schule, Sdiüssel, e. scuttle, segnen, Seide, 



142 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

Semmel, Senf, Siiiiel, e. sickle. shiier. Siegel. Sigrist, Sims. Soilcen, Sohle, e. sole, Söller, 
e. sollar. Span(ier). Speicfier. Speise, spenden, Spiegel. Spind. Sponde, Sporkel 'Februar', 
Spund, Stiel, stopfen. Stoppel, Straße, e. street. Strauß, Striegel. Stube. Tafel, ndd. Tiene 
'Holzgefäß', tilgen. Tinte. Tisdi. Titel. Ton. Torkel 'Kelter', traditen. Triditer. tilndien. Vers, 
Vesper, Wall. Wanne, Weidi- in Weidibild, Weiher, -weil in Ortsnamen, Weiler, Wein, Widie, 
Wimmer 'Winzer' , Winzer, Zelle. Zelter, Ziedxe, Ziegel, e. tile, Zoll, e. toll, Zöllner, t.tollner. 

Wenn man den Kultureinfluß der Römer, wie er sich in der Sprache 
zeigt, betrachtet, so erscheint er außerordentlich groß. Und es kann das 
ja auch nicht wundernehmen, da die Germanen bei den Römern eine 
weit überlegene Kultur vorfanden. In der Hauptsache machen diese Fremd- 
wörter den Eindruck, daß es sich fast immer um Herübernahme von Aus- 
drücken für Dinge handelt, die den Germanen fehlten, oder bei denen ihnen 
bei den Römern eine neue Verwendung entgegentrat. 

Jedenfalls ist um diese Zeit unsere Sprache auf das nachhaltigste be- 
einflußt worden. Da es sich aber bei diesen Worten um keine gelehrten, 
sondern meist um wirklich volksmäßige Entlehnungen handelte, so sind die 
Worte auch dem deutschen Sprachgeist angepaßt, und nur die gelehrte 
Forschung hat derartige Worte als fremde zu erkennen vermocht. 

Mit der althochdeutschen Zeit hört indessen der Einfluß des Lateinischen 
und Griechischen nicht auf. Das Lateinische blieb die Kirchen- und Ge- 
lehrtensprache, und so ist schon im Mittelalter, i) noch mehr aber seit der 
Zeit des Humanismus ein unendlicher Strom lateinischer und griechischer 
Elemente in unsere Sprache eingedrungen. Diese sind der Art ihrer Ent- 
lehnung nach noch heute meist wirkliche Fremdwörter und leicht zu er- 
kennen. Eine Reihe davon wird weiter unten zur Sprache kommen. 

§ 106. Französischer Einfluß. Nicht alle Entlehnungen, die aus dem 
Lateinischen stammen, rühren aus diesem selbst her. Oftmals liegen vulgär- 
lateinische Formen zugrunde, die man fast schon romanisch nennen kann. 
Dieser romanische Einfluß hört aber allmählich auf, und zur Zeit der 
Frankenherrschaft und der Karolinger hat nicht mehr das Germanische 
empfangen, sondern das Französische. Aber mit der Trennung des Welt- 
reichs Karls des Großen wird es auch in diesem Punkt wieder anders. 
Seit dem IL Jahrhundert beginnt der französische Einfluß. Große Land- 
schaften mit französischer Sprache, Lothringen, die Champagne, Burgund 
gehörten zum Deutschen Reich. Bereitwillig aber erkannte man in den 
Obern Kreisen der französischen Kultur den Vorrang zu. Eine große An- 
zahl Minnelieder, die bedeutendsten höfischen Dichtungen sind unmittelbar 
aus dem Französischen übersetzt worden, und aus einer Reihe sonstiger 
Anzeichen können wir die weit verbreitete Kenntnis der französischen 
Sprache in Deutschland feststellen. Alle diese Umstände führten einen 
Strom französischer Worte über das deutsche Land. Die Dichter mischten 
französische Brocken in ihr Deutsch, und man nahm das nicht übel. Tho- 



') Vgl. hierzu Paul Möller, Fremd- Mittelhochdeutschen und Mittelniederdeut- 
wörter aus dem Lateinischen im späteren sehen, Diss. Gießen 1915. 



§ 106. Französischer Einfluss. 143 



masin von Zirkläre lobt es sogar in der Vorrede zum „Wälschen Gast", 
obgleich er selbst keine Fremdworte verwenden will. 

Mit der ganzen Überlegenheit des Genies verspottet Wolfram von 
Eschenbach dieses Französeln seiner Zeitgenossen: 

herbergen ist losdiiern genant, 
so vil han idi der spradie erkant. 
ein ungefüeger Tsdiampaneys 

künde vil baz franzeys 

dann idi, swiedi franzoys spredie. Willehalm 237, 3. 

Trotzdem sind seine Dichtungen voll von Fremdwörtern, und ebenso 
steht es bei den andern Epikern. Sicher ist auch die Umgangssprache der 
höfischen Kreise nicht rein, sondern von zahlreichen französischen Fremd- 
worten durchsetzt gewesen; aber dieser französische Einfluß reicht in seinen 
Nachwirkungen auf die heutige deutsche Sprache bei weitem nicht an den 
lateinischen heran. Ein großer Teil der damaligen Fremdwörter ist wieder 
verloren gegangen, offenbar, weil diese nicht im Volksmunde, sondern nur in 
der Sprache der höfischen Kreise lebten. Es ist jetzt allgemein anerkannt, 
daß es eine mittelhochdeutsche Dichtersprache gegeben hat, es muß auch 
eine ritterliche Standessprache gegeben haben. Und diese sehen wir in den 
Ritterepen mit ihren zahlreichen besonderen Ausdrücken für Kampf und 
Turnier, Jagd und Spiel vor uns. Was wir an Lehnwörtern im 13. Jahr- 
hundert finden, bezieht sich im wesentlichen auf die höfische Gesellschaft, 
und so hat diese die Spuren in der Geschichte unserer Sprache hinterlassen. 

Während die Entlehnungen der älteren Zeit eingedeutscht sind, ist dies 
bei den Fremdwörtern der mittelhochdeutschen Zeit nicht immer der Fall. 
Die lateinische Endung -arius wurde zu dem echt deutsch klingenden -er 
und der Ton blieb auf der Stammsilbe, die französischen Elemente, die in 
den Worten auf -leren, ie^), jetzt -ei stecken, weisen mit ihrem abweichenden 
Tonfall noch immer auf die fremde Herkunft. 

Anmerkung. Über das Eindringen der französischen Worte haben gearbeitet: THEO- 
DOR Maxeiner, Beiträge zur Geschichte der französischen Wörter im Mittelhochdeutschen, 
Marburg 1897, untersucht nur lautliche Fragen. — J. Kassewitz, Die französischen Wörter 
im Mittelhochdeutschen, Diss. Straßburg 1890. — O. Steiner, Die Fremdwörter in den be- 
deutendsten mittelhochdeutschen epischen Dichtwerken, Bartsch, Germ. Stud. 2, 239 ff. — 
F. Piquet, De vocabulis, quae in duodecimo seculo et in tertii decimi principio a Gallis 
Germani assumpserunt, Pariser Diss. 1898. — Leo Wiener, American Journal of Philology 
16, 326 ff. verzeichnet die französischen Worte bei Wolfram, Kaindl, ZfRomPhil. 17,355, 
die bei Gottfried von Straßburg, und E. Schröder die bei Heinrich von Veldeke, als 
Exkurs in Carl Kraus' Arbeit Heinrich von Veldeke und die mittelhochdeutsche Dichter- 
sprache, Halle 1899. — H. Palander, Der französische Einfluß auf die deutsche Sprache 
im 12. Jahrhundert. Memoires de la societe neo-philologique ä Helsingfors 3, 78 bietet eine 
genaue Chronologie. 

* Zahlreiche französische Wörter auf -ie und Prophetie. Mit doppelter, ja drei- und 

sind in späterer Zeit noch einmal entlehnt. vierfacher Entlehnung ist bei zahlreichen 

Während die altern auf -ei ausgehen, lauten Worten zu rechnen. Doch kann dies hier 

diese auf -ie aus. So haben wir Partei und nicht weiter ausgeführt werden. 



Partie, Melodei und Melodie, prophezeien 



144 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 



Liste der entlehnten, bis heute erhaltenen französischen Wörter. 

Abenteuer. Ade, As, Barre, Bastard, birsdien, blond, Biidiel, Daus, doppeln 'im Spiel 
betrügen', I'ehl, fehlen. Fei, Fee. fein. Felleisen, Firlefanz, Firnis. Flöte, Form, Forst, 
Franse, galoppieren. Habit. Harnisdi. hurtig. Juwel, Karosse, Kastellan, Kissen, Koller, 
Kolter. Komtur. Konterfei, Kumpanei. Kumpan. Kuppel, kuppeln. Lanze, liefern, Litze, 
Manier, merci, Metall. Moralität, Morselle. f\ilast. Panier, Banner, Pause, Panzen. 
Part, auch in Widerpart, Partei, Pastete. Pavillon, Pidtelhaube. Pinsel, plan, Platz, 
Pöbel, Polier. Palier. Posaune, Preis, preisen, Prinz, prüfen. Quartier. Reuter, mndl. ruiter, 
Revier, Rotte, Sdialmei, Sdianze, in die Sdi. sdilagen, Mummensdianz, Senesdiall, Sold. 
Standarte, Tanz, tanzen, turnieren, die Grundlage von Turnen und Turner, Wams. 

Was den Ort betrifft, an dem diese Entlehnungen stattgefunden haben, 

so ist zu beachten, daß die höfische Kultur durch die Niederlande gegangen 

ist. Wie Heinrich von Veldeke als erster Meister der höfischen Dichtkunst 

gepriesen wird, so war auch sein Land das Muster höfischer Sitte. In den 

Niederlanden sind denn auch die Entlehnungen zum Teil eher zu belegen 

als im Hochdeutschen. Für diesen Weg spricht weiter die Herübernahme 

einiger niederländischer Wörter in dieser Zeit, z. B. wapen im Sinne von 

'Wappen' bei Wolfram, dörper 'Bauer, bäurischer, roher Mensch', worausTö/pel 

stammen soll, dörperheit, dörperUch. Da indessen das Niederländische dem 

Hochdeutschen sehr nahe stand und leicht ins Hochdeutsche umgesetzt 

werden konnte, so sind wir gewiß nicht in der Lage, alle Entlehnungen, 

die von dorther stammen, zu erkennen. 

Anmerkung. Zu den Worten, die sicher nicht oberdeutsch waren, gehören noch ors 
'Roß', ritter, bilde, gehiure, klar, kluoc, wert. Vgl. Steinmeyer, Über einige Epitheta der 
mittelhochdeutschen Poesie, Erlangen 1889. 

§ 107. Der italienische Einfluß. Auch zu Italien bestanden im Mittelalter 
lebhafte Beziehungen, und so beginnen von dieser Seite gleichfalls Fremd- 
wörter einzudringen, teils solche verschiedener Art, teils namentlich auf den 
Handel bezügliche. Es mag genügen, die wichtigsten hier zusammenzustellen. 
Eine genauere Untersuchung über die Zeit und die Wege des Eindringens 
wäre sehr dankenswert, zweifellos fällt sie vornehmlich in die Zeit, als die 
Städte mächtig aufblühten. 

Büffel, Dattel, Dukaten, Gant, ital. incanto aus inquanto 'wie hoch' (bietet ihr)?, 
Granatapfel, Kamille, Kampfer, Karat, Ketzer, kredenzen, von ital. credenza 'Glaube', 
dann 'das Vorkosten zu Treu und Glauben', zum Zeichen der Unschädlichkeit, der Gift- 
losigkeit, Lavendel, Mostert. Mostridi, Olive, Panzer, Proviant. Punzen, Reis. Sammet. 
Sdiarmützel, Sklave, spazieren, Spezerei, Spinat, Spinaz, Stiefel, tasten, Wirsing, lombard. 
verza, vgl. auch die Ausdrücke Welsdikohl, Mailänder, Savoyer Kohl. Zypresse. 

§ 108. Der Einfluß der östlichen Völker. Infolge des Ganges der Kultur- 
entwicklung sind die östlichen Völker hinter uns zurückgeblieben, und 
infolgedessen waren sie meist die Empfangenden, wir die Gebenden. 
Während das Russische, wie die übrigen slawischen Sprachen, zahlreiche 
Lehnwörter aus dem Deutschen enthält, sind wir verhältnismäßig arm an 
Lehnwörtern aus dem Slawischen. Wo wir welche aufgenommen haben, da 
handelt es sich dann meistens um Namen von Gegenständen, die neu in 



§ 107. Der italienische Einfluss. § 108. Der Einfluss der östlichen Völker. 145 

den Gesichtskreis der Deutschen getreten waren. Ein gemeingermanisches 
Lehnwort aus dem Slawischen gibt es überhaupt nicht, die frühesten Ent- 
lehnungen fallen in die spätalthochdeutsche Zeit, also in die Zeit, wo die 
Slawen weit nach Westen vorgedrungen waren, O. Schrader hat, Idg. 
Forsch. 17, 29 ff., die ältesten slawischen Lehnworte im Deutschen be- 
sprochen. Wenn man von allem Zweifelhaften und dem sicher Falschen ab- 
sieht, so bleibt sehr wenig für die althochdeutsche Zeit übrig; im 13. und 
14. Jahrhundert beginnen sich die Entlehnungen zu mehren, ganz so, wie 
wir das zu erwarten haben, aber erst in der Neuzeit werden sie beachtens- 
wert häufig. Ich habe im folgenden in alphabetischer Reihenfolge zu- 
sammengestellt, was wir an derartigen Worten besitzen. 

Beißker m. 'eine Fischart' um 1500 aus iszhtoh. piskor, ohersorh. piskor; — Doldi, 
im 16. Jh., poln. tschech. /«//o*; (?) ; — Dolman, um 1500 über Ungarn aus inxk. dolaman 
'Unterkleid von Tuch'; — Dolmetsch, poln. tlumacz, mad]. tolmdcz, türk. tilmatsdi (schon 
um 1300 mhd. tolmetsdie); — Drosdike f. aus poin. drozka (russ. dröski), Ende des 
18. Jh.; — dudeln, aus po\n. dudlic von diidy 'Sackpiciie' , im 17. Jh.; — Dussek 'Weid- 
messer', tschech. tesdk; — Düse, tschech. duse; — Elen, aus lit. elnis, ahg.jeleni 'Hirsch', 
bei Luther; — Gespan, mad]. ispan; — Graupe, im 15. Jh. belegt, vielleicht aus dem 
Slawischen, abg. krupa 'Krümchen'; — Grenze, aus poln. granica, im 13. Jh. im deut- 
schen Ordenslande herübergenommen, durch Luther gemeindeutsch geworden; — Grippe, 
aus russ. c/zr/jcd 'Heiserkeit'; — Gulasdi, madj. gulas; — Gurke, aus poln. ogurek, im 16. Jh., 
weiter aus spätgr. dyyovoioi' (angiirion) 'Wassermelone'; — Halunke, älter Holunke, im 
16. Jh. aus tschech. fiolomek 'nackter Bettler, Häscher'; — Haubitze, aus tschech. houfnice 
'Steinschleuder', durch die Hussitenkriege bekannt geworden; — Heidudi, im 16. Jh. aus 
dem Ungarischen, wo es einen Volksstamm mit besondrer Tracht bezeichnete; — Hetman, 
klruss. hetman; — Horde, im 16. Jh. aus tatarisch horda 'Lager'; — Husar, aus madj. 
huszür, eigentlich 'der zwanzigste', im 16. Jh.; — Jaudie, aus poln. jucha 'Brühe', einem 
alten indogermanischen Wort, das zu lat. y«5, gr. ^f'/ui] {zßmcs) gehört, im 16. Jh.; — Juditen, 
.aus mss. Juft, mit niederdeutscher Lautgebung, im 17. Jh.; — Kabadie, russ. kabäk, im 
18. Jh.; — Kalesdie, im 17. Jh. aus tschech. ^o/^sa 'Wagen': — Kandare, im 19. Jh. 
aus madj. kantar; — Kantsdiu, aus tschech. kancudi, poln. kahczuk, im 18. Jh., 
stammt aus \vixV.. kantsdiy; — Karausdie, \\i. karösas; — Karbatsdie, aus tschech. 
karabäc, poln. karbacz von türk. kyrbatsdi, im 17. Jh.: — Kaute 'Flachsbüschel', russ. kudetr, 

— Keiler, im 17. Jh. aus lit. kuills 'Eber'?; — Keusdie, slow, kajza 'Hütte'; — Knes, 
russ. knjazl; — Knute, aus russ. knut im 17. Jh.; — Krabate 'munteres wildes Kind', 
aus Kroat, im 30. j. K.; — Kretsdxam 'Dorfschenke', im Osten, schon im 14. Jh. entlehnt, 
sorh. korcma, tschech. krcma, poin. karczma 'Schenke'; — Krinitz, sorh. skrjenc; — 
Kumt, mhd. komat aus poln. chomat; — Kürsdiner, schon ahd. kursinna 'Pelzrock', 
aus ahg.krüznoQ); — Kutsche, um 1500 aus mad]. kotsi, Wagen aus dem Dorfe Kocz bei 
J^aab; — Kux, im 15. Jh. noch Kukus aus tschech. kukusQ); — Ludi, sorb. tuh 'Sumpf; 

— ostpreuß. Afarg'^//, ht. mergele; — Meiler, nach Heyne aus tschech. /tt/Y^r, milir. un- 
wahrscheinlich; — Nerz, Nörz 'kleine Fischotter und ihr Pelz', im 15. Jh. aus klruss. 
noryca, altpreuß. «flnc/V (Iltis); — Pachulke, poln. pachoJek; — Pallasdi, im 17. Jh. aus 
russ.-poln. /7o?a5; — Paprika, serh. päprika; — Peitsche, aus tschech. Wc im 15. Jh.; 

— Pekesdie, aus poln. bekiesa im 18. Jh.; — Petsdiaft, mhd. petsdiat aus tschech. 
pecet; — Plauze, poln. pJnca; — Plinse, im 16. Jh. aus russ. blinec '¥\aden' ; — 
Plötze, im 15. Jahrh. aus poln. plotka; — Pogrom, mss. pogröm; — Polka, tschech. 
pulka 'Halbschritt', 19. Jh.; — pomadig, aus poln. pomalu 'gleichgültig, langsam'; — 
Popanz, im 17. Jh. aus tschech. bobak; — Pomudiel 'Dorsch', poln. pomudita; — 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. AiifL 10 



146 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 

Prahm, iiilid. pram kleineres Flußscliiff, ein wahrsclieinlich von der Eibe licr ver- 
iKeifcles tscliccliisclies Wort 'pram'', — Preiselbeere, tscliecli. brnsnice; — pritsdiy 
tsciiecli. />ryr; — Pulk, poln.ptilk; — Pitsta, maA\. puszta; — Quark, spütmlid. twarc 
aus dorn Siawisclien, vgi. riiss.-poln. tvnrog; — Quas, sorb. kwas; — Rabisdi, tscliech. 
rabu'se; — Rapuse, fsciiccli. rabtise; — Reizker, riiss. riskov 'der rötliche'; — Robot, 
im Osten, ans tscliech. -poiii. rofro^rt, im 14. Jh.; — Säbel, aus tuss. siiblja, \)o\n. szabla, 
mad\. szablya. im 15. Jh.; — Saffian, aus tuss. safijan von iürk.-pers. saditjan, am An- 
fang des 18. Jh.; — sämisdi, tschech. zami^; — Sander, nsorb. zandor; — Sarraß, im 
18. Jh. aus po\n. zaraz 'für den Hieb'(?); — Sdiabracke, aus lürk. caprak, im 17. Jh.;^ 

— Sdiarwenzel, tschech. lervenecQ); — Sdiadit (Bergbau), nach Heyne aus tschech. 
zadiot 'unterirdischer üang'(??); — Sdiibbeke 'Holimdcrbccre', osorh. dziwi böz; — 
Sdimant, Sdinietten 'Sahne' aus \sc\\tQ\\. smetana, schon m\\d. smant; von Sdimetten 
siammt Sdimetterling; — Sdimasdie 'LammicW, i>o\n. smuiyk; — Sdimodi, slow, smok; 

— Sdiöps, schon m\i6. sdiopi aus tschech. 5/fO/)ff; — Sdiuppenpelz , poln. Ä7/^a; — 
Sobranje. bulg. sobranje; — Steppe, erst im 18. Jh. aus russ. step; — Sterlet, russ. 
sterljddi; — Stieglitz, im 14. Jii. stigeliz aus tschech. s/^/?/^c; — Strelitzen, russ. 
strelec; — Tolpatsdi. im 17. Jii. von madj. talpas 'breitfüßig'; — Tornister, aus tschech. - 
slowak. tanistra, die auf mgr. TÜyiaroov [tägistron] 'Futtersack' zurückgehen, im 17. Jh.; 

— Trabant, im 15. Jh. aus madj. darabant; — Trappe, tschech. -poln. drop; — 
Tsdiako, xnA^]. czäkö; — Tsdiapka, \>o\x\. czapka; — Tsdiardasdi, mad\. czardas^ 

— Ukas, aus xuss. u käs, im 19. Jh.; — Ukelei, poln. uklej: — Ulan, aus {nrk. oghlan 
'junger Mensch', im 18. Jh. über Polen zu uns gekommen; — Vampir, aus s&rb. vampir 
um 1730; — Weidiselzopf , aus poln. wieszczyce, 1734 bei Steinbach; — Werst, russ. 
versti'i; — Wildsdiur, aus poln. wilczura 'Wolfspelz', im 18. Jh.; — Wrnke, poln. 
brukiew. — Zeisig, aus tschech. ci'.ek, schon mhd. zise, zisec; — Zieselmaus, ahd. 
sisimüs. wohl entlehnt aus einem slawischen Wort, das in russ. süsol, süslik 'muscitellusV 
bulg. s«5f/ 'Ratte', tschech. sysel 'Erdziesel' vorliegt; — Zille, russ. cSln; — Zobel, im 
11. Jh. belegt, aus russ. söboli 'Hermelin'; — Zodie, russ. sodiü. 

Zu diesen noch heute lebenden Worten kommen einige Entlehnungen^ 
die wieder verloren gegangen sind, und andere, die nur in den Mund- 
arten fortleben, wie z. B. das bayr. Kren 'Meerrettich', slaw. *chrenn aus 
pontisch-griech. y.eqaiv {kerairi). Von den früher weitverbreiteten erwähne ich 
noch Dilnätz 'ein geheiztes Gemach', ahd. tiirniza 'caumata', wohl aus 
russ. görnica 'Stube'. 

§ 109. Sonstige Einflösse sind im Mittelalter gering. Natürlich sind einige 
skandinavische und englische Worte zu uns gekommen. Es handelt sich bei 
ihnen um Ausdrücke für Kulturbegriffe, die durch niederdeutsche oder nieder- 
ländische Vermittlung ins Hochdeutsche dringen. Auch sie würden bei ge- 
nauerer Untersuchung manches Bemerkenswerte ergeben. 

§ 110. Die Entlehnungen der Neuzeit. Eine neue Schicht zahlreicher 
Lehnwörter brachte die Neuzeit. Man kann hierbei im allgemeinen drei 
oder vier große Strömungen unterscheiden. Mit dem Aufblühen der huma- 
nistischen Studien tritt das Lateinische und Griechische erneut in unseren 
Gesichtskreis; es dringen indessen nicht nur zahlreiche Wörter aus diesen 
Sprachen ein, sondern man bildet mit dem Stoff dieser Sprachen neue 
Worte, die Bürgerrecht genießen. Unsere ganze wissenschaftliche Ausdrucks- 
weise geht schließlich auf diese beiden Sprachen zurück, und wenn wir es 



§ 109. Sonstige Einflüsse. § 110. Die Entlehnungen der Neuzeit. 147 

auch hier vielfach mit dem Wortschatz der Sondersprachen zu tun haben, so 
dringt doch auch viel in die Umgangssprache ein. 

Wie im Mittelalter beginnt im 16. Jahrhundert das Französische aufs 
neue zu wirken, und dieser Einfluß hat fortgedauert, bis er im 19. Jahr- 
hundert etwas durch den englischen abgelöst wird. Vgl. GDS. 226. 

Und schließlich wird in der Neuzeit die ganze Welt erschlossen. Die 
Erzeugnisse aller Zonen kommen nach Europa, und die neuen Dinge werden 
meist mit dem Namen bezeichnet, den sie in ihrer Heimat trugen. So geben 
denn schließlich fast alle Sprachen und Gegenden ihre Karte bei uns ab, 
natürlich meistens nicht unmittelbar, sondern durch Vermittlung andrer 
Sprachen. Das möge man nicht übersehen, wenn man die unten angegebenen 
Listen betrachtet. 

Manche der Entlehnungen haben nur ein kurzes Dasein geführt, andere 
haben die Zeiten überdauert. Schon früh hat man gegen diese Eindringlinge 
geeifert und gekämpft, ebenso früh aber auch das Bedürfnis empfunden, 
besondere Verzeichnisse anzulegen, ein sichrer Beweis dafür, daß viele die 
Wörter nicht verstanden, daß wir es also mit dem Wortschatz einer be- 
sonderen Klasse zu tun haben. 

Ich verzeichne hier zunächst die wichtigsten Fremdwörterbücher, an 
deren Hand man einen Einblick in das Vorhandensein der gebräuchlichen 
Fremdwörter gewinnen kann. Leider sind mir die meisten nicht zugänglich 
gewesen, da die Leipziger Universitätsbibliothek daran sehr arm ist. Soweit 
ich die Bücher nicht selbst gesehen habe, sind die Titel eingeklammert. 

Ein Teutscher Dictionarius / dz ist ein außleger schwerer / unbekandter Teutscher / 
Griechischer / Lateinischer / Hebräischer / Wälscher und Frantzösischer / auch andrer Nationen 
Wörter / so mit der weil inn Teutsche sprach l<ommen seind / und offt mancherley irrung 
bringent hin und wider auß mancherley geschrifften / und gemainer Red zusamen gelesen / 
außgelegt / und also allen Teutschen / sonderlich aber denen so zu Schreibereien kommen / 
ufi Ampts Verwaltung haben / aber des Lateins unerfarn sind / zu gutem publiciert: durch 
Simon Roten, Augspurg 1571 und 1572. — Joh. Rud. Sattler, Teutsche Orthographey 
S. 484—566, 1607. — [Bernh. Heupoldus, Dictionarium, erklärend allerley schwäre un- 
bekannte teutsche Wörter, so in die Teutsch Spraach eingerissen, 1620.] — KiLlAN hat seinem 
Etymologicum einen Appendix peregrinarum, absurdarum, adulterinarumque dictionum an- 
gefügt. Mir ist nur die vierte Ausgabe von 1632 zugänglich. — [Matth. Zeiller, Episteln 
und Sendschreiben 3.30,294; 4,437. 1643.] — Teutscher unartiger Spraach-, Sitten- und 
Tugendverderber. 1644. — [Kasp. von Stieler, Zeitungs-Lust und Nutz, 1695.] — [Scheibner, 
Fagons de Parier, 1695.] — Juncker, Zeitungslexikon in Christian Weisens Curieuse Ge- 
danken usw., 1703. Dieses Werk will eine kurze und deutliche Erklärung geben, ,wo nicht 
aller, jedoch der meisten und vornehmsten in denen Zeitungen vorkommenden und nicht 
jedermann gleich verständlicher . . . Wörter". — Joh. Christoph Nehring, Historisch- 
Politisches-Juristisches Lexikon, 1696, 1710, 1717. — [Menantes, Die allerneuste Art höf- 
lich und galant zu schreiben, nebst einem zugänglichen Titulatur- und Wörterbuch, 1702.] — 
[J. H Spannutius, Teutsch orthographisches Schreib-, Conversations-, Zeitungs- und Sprich- 
wörterlexikon, 1720.] — Sperander, ä la mode-Sprache der Deutschen, 1727, auch 1728. — 
[Antonio Moratori, Bequemes Correspondenz- und Conversations-Lexicon, 1727.] — 
M. SiGis. Jac. Apini, Glossarium novum ad aevi huius statum adornatum in quo rerum 
novarum nomina vel nostra vel aliunde adscita, ut sunt officinarum, vestiaria, militaria, 

10* 



148 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 



proverbia item et alia ex variis Unguis et artibus in sermonc quotidiano aut relationibus 
publicis occurentia vocabula latine rcddita inveniuntur, 1728 — Belemnon, Curiüses 
Bauerniexicon. worinnen die meisten in unserer teutschen Sprache vorkommenden fremden 
Wörter erkläret. 1728. — Philander. Allerneuster Vorralh von Briefen. Denen ist beigefügt 
Ein Zcitungslexicon. Frankfurt, Leipzig 1748. — [R. P. Odilo Scmreger, Lustig- und nütz- 
licher Zcitverderber S. 1—82, 1754.] — (Jon. Friedr. Krackherr, Hand-Lexicon, 1766. 
Darin angehängt ein Jüdisch-deutsches und Rotwelsches Wortverzeichnis.] — [Beyschlag, 
Sammlung ausländischer Wörter, 1774.] — Versuch eines Verzeichnisses, wie man die aus- 
ländischen Wörter, die zum öftesten vorkommen, gut deutsch geben könne, in dem deutsch- 
orthographischen Handbuch. Bonn 1773. — [Zobel, Verdeutschungs-Wörterbuch (im .Neu 
eingerichteten Hand- und Reisebuch*), 1775.] 

Gute Dienste für die Altersbestimmung und das Vorhandensein von Fremdwörtern 
leisten auch die im 18. Jahrhundert auftauchenden Enzyklopädien und Konversationslexika. 
Ich nenne von ihnen: Johann HCbner. Staats-, Zeitungs- und Conversations-Lexicon, 
Merseburg 1709 u. ö. — Johann Hübner. Curieuses und reales Natur- Kunst- Berg- Gewerk- 
und Handlungs-Lcxicon, 1712. 1741 u. ö. — A.maranthes, Nutzbares, galantes und curiöses 
Frauenzimmerlexicon, 1715, 2. Auflage 1739. — KrCnitz. Ökonomisch-technologische Enzy- 
klopädie, 1773—1858. — J.ACOBSON. Technologisches Wörterbuch. Berlin 1781 — 1784. — 
Joh. Ferd. Roth. Gemeinnütziges Lexikon für Leser aller Klassen. Nürnberg 1788. 2. Auf- 
lage 1791. 3. Auflage 1805, 1806. — Enzyklopädisches Wörterbuch oder alphabetische 
Erklärung alier Wörter aus fremden Sprachen, die im Deutschen aufgenommen sind, wie 
auch aller in den Wissenschaften, bei den Künsten und Handwerken üblichen Kunstausdrücke, 
bearbeitet von einer Gesellschaft Gelehrter (herausgegeben von Heinse), 1. — 11. Band, Zeitz 
und Naumburg 1793 — 1805. 

Über die im Anfang des 19. Jahrhundeils bei uns gebrauchten Fremd- 
wörter sind wir ausgezeichnet unterrichtet. J. H. C.\.mpe hat ein Wörterbuch 
zur Erklärung und Verdeutschung der unsrer Sprache aufgedrungenen fremden 
Ausdrücke geschrieben; Braunschweig 1801, zweite .Ausgabe 1813. Bei seinem 
Sammeleifer wird ihm kaum viel entgangen sein, und wir können daher im 
allgemeinen getrost annehmen, daß das, was bei ihm nicht steht, erst später 
gebraucht worden ist. 

Anmerkung. H. Dlnger, Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremd- 
wörter, Leipzig 1882 S. 43 gibt eine Liste vön 314 heute noch vorhandenen Fremdwörtern, 
die sich bei Campe noch nicht finden, darunter solche wie Agitator, Aquarell, banal. 
Basar, Bluse, emanzipiert, Gulasch, Humbug. lyndien, massieren. Omnibus. Plaid, Plüsdi. 
Portemonnaie, rabiat, Reklame, Reservist. Sdiablone, Sdieck, Spezialist. Spionage, Streik. 
Torpedo. Turist. Veranda, Waggon usw. 

Dem Campeschen Werke sind im Laufe des 19. Jahrhunderts viele andere 
gefolgt, und heute gibt es eine ganze Reihe von Fremdwörterbüchern, die 
den Zweck verfolgen, die fremden Ausdrücke zu erklären. Sie haben für 
uns zunächst keine weitere Bedeutung, mit der Zeit aber werden diese Werke 
geschichtliche Urkunden. 

J. Kr. Schweizer. Wörterbuch zur Erklärung fremder, aus anderen Sprachen in die 
deutsche aufgenommenen Wörter und Redensarten, Zürich 1803, 4. Auflage 18-34. — Oertel, 
Gemeinnütziges Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der im gemeinen Leben vor- 
kommenden fremden Ausdrücke. Nach dem Plane des beliebten Rothischen Lexikons be- 
arbeitet, 2 Bände, Ansbach 1804, 5. Auflage 1830. — F. Erd.m. Petri. Neuer Dollmetscher usw. 
oder Verdeutschungs- Wörterbuch, Leipzig 1806; 4. Auflage unter dem Titel: Gedrängtes Hand- 
buch der Fremdwörter in deutscher Schrift- und Umgangssprache, Dresden 1823, 13. Auflage 



§ 110. Die Entlehnungen der Neuzeit. 149 

von E. Samostz, Leipzig 1879. — J. Ch. A. Heyse, Kurzgefaßtes Verdeutschungs- Wörterbuch, 
1807, 1809 und 1819, dann unter dem Titel: Allgemeines verdeutschendes und erklärendes 
Fremdwörterbuch; noch jetzt vorhanden und oft von Verschiedenen neu bearbeitet. — Jac. 
H. Kaltschmidt, Kurzgefaßtes Wörterbuch zur Verdeutschung der wichtigsten Fremdwörter 
und landschaftlichen Ausdrücke, dann unter dem Titel: Neuestes und vollständigstes Fremd- 
wörterbuch usw., S.Auflage 1876. — Dan. Sanders, Fremdwörterbuch, Leipzig 1871, 2. Auf- 
lage 1891. Dazu kommen noch zahlreiche andere Werke, die hier zu erwähnen nicht nötig ist. 

Um das erste Auftreten und die Verbreitung der Fremdwörter zu be- 
stimmen, sind wir außer auf diese lexikalischen Werke darauf angewiesen, 
dem ersten Auftreten der Fremdwörter in der Literatur nachzuspüren. Nun 
gibt es einige Schriften, die teils die Fremdwörter bevorzugen, teils viele 
anführen, um sie lächerlich zu machen und zu bekämpfen. In diesen wird 
man über die Sprache und den Wortschatz ihrer Zeit am besten unterrichtet 
werden. 

Während das Auftreten der Lehnwörter in der ältesten Zeit eingehend unter- 
sucht ist, haben für die Neuzeit genauere Untersuchungen erst spät eingesetzt. 
Als unwillkommene Eindringlinge schloß sie Jak. Grimm von seinem Wörter- 
buch aus, und erst die spätem Mitarbeiter haben mit diesem Grundsatz ge- 
brochen. Dagegen hat Weigand von Anfang an die Lehnwörter, wenn auch 
nur in Auswahl herangezogen und sie bis zu ihrem letzten Ursprung zurück- 
verfolgt. In der neuen Auflage sind sie eingehender berücksichtigt, und 
vom zweiten Drittel ab werden gewiß nicht viele fehlen, da ich mein Augen- 
merk darauf gerichtet habe, das Werk nach dieser Seite zu ergänzen. Freilich 
fehlen uns vielfach die Sammlungen, und so haben sich die Altersbestim- 
mungen häufig als zu jung erwiesen. 

Ein bedeutender Stoff für die Geschichte unsrer Fremdwörter ist in 
den Arbeiten über die Sondersprachen (Kapitel XII) enthalten, da diese viel- 
fach voll von Entlehnungen sind. 

An Einzelarbeiten sind mir noch bekanntgeworden: D. F. Malherbe, Das Fremdwort 
im Reformationszeitalter, Freib. Diss. 1906. — W. Strasdas, Das Fremdwort bei Goethe bis 
zu seiner Rückkehr aus Italien, Freib. Diss. 1907. — D. Meyer, Schiller und das Fremdwort. 
I. Das Fremdwort in Schillers Gedichten, Gott. Diss. 1910. — Klara Hechtenberg, Fremd- 
wörterbuch des 17. Jahrhunderts, Berlin 1904. Die Verfasserin hat ihren Stoff nicht erschöpft, 
sondern sich auf eine ganz willkürliche Auswahl beschränkt. Außerdem gibt sie vielfach 
nur allgemeine Belegstellen, so daß das Werk kaum brauchbar ist. — H. Weimer, Die 
Fremdwörter bei Lauremberg, Jahrb. f. ndd. Sprachf. 25, 70. 

Die neueste Zeit hat uns nun zwei größere Werke gebracht, die die 
bisher bestehenden Lücken ausfüllen wollen. Das erste ist ein deutsches 
Fremdwörterbuch von H.^ins Schulz, von dem der erste Band A — K Straß- 
burg 1913 jetzt vorliegt. Es ist ein gut angelegtes, übersichtliches Buch 
mit guten Belegstellen, die auf reichen Sammlungen beruhen. Wenn man 
auch manche Fremdwörter vermißt, so wird man sich doch im allgemeinen 
mit der Auswahl des Verfassers einverstanden erklären können. Über die 
Sprache hinaus, aus der das Wort entlehnt ist, verfolgt Seh. seine Wörter nicht, 
sondern behandelt sie nur im Rahmen des Deutschen. Mancher Leser wird 



150 Siebentes Kapitel. Die fremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 



dies vielleicht für einen Mangel halten, und er niul3 für weiteres Nach- 
forschen dann zum Wkigand greifen. 

Das zweite Werk ist das oben S. 134 genannte von Si:ili:r. Hier ist 
ein sehr schöner Versuch gemacht, die Aufnahme der Fremdwörter im 
grofJen Zusannnenhang zu behandeln. 

.Es haben sich", sagt der Verfasser 3. Band IV, ,in den vier Jahrhunderten seit etwa 
15(X) ungleich nielir Lehn- und F-remdwürter in unserer Spraclie heimisch gemacht, als in 
den anderthalb Jalirtausenden vorher. Dabei ist die Gescliiclite jedes Fremdwortes aufs 
engste verwaciiscn einerseits mit der Geschichte der Begriffe und Saciicn selbst, anderer- 
seits mit der f^ntwicklung der zu dem betreffenden Kulturkreise gehörenden einheimischen 
Ausdrücke. Wer also eine Geschichte des Fremdwortes schreiben will, der müßte streng 
genommen zugleich eine Geschichte des häuslichen und wirtschaftlichen Lebens, der Kunst 
und Literatur, der Wissenschaft und Technik, der Politik und Staatsverwaltung, des Heer- 
und Marinewesens, des Luxus und der Mode schreiben. Er müßte auch die Entwicklung 
des heimischen Sprachschatzes darstellen, mit einem Worte eine alles umfassende Kultur- 
und Sprachgeschichte liefern. Das konnte nicht meine Absicht sein. Mein Buch beansprucht 
selbstverständlich nicht, auf irgendeinem Gebiete etwas Erschöpfendes, sondern überall 
nur das Wichtigste und Bedeutsamste zu geben." 

Jedenfalls ist dem Verfasser ein guter Wurf gelungen, und das Buch 
ist daher nur zu empfehlen. 

Überblickt man die neuzeitliche Entwicklung des deutschen Wortschatzes 
in bezug auf die Fremdwörter und verfolgt deren Geschichte, so spiegelt 
sich darin die Geschichte des deutschen Volkes und seiner Kultur. Einerseits 
nehmen wir, zu je höherer Entwicklung die französische Kultur gelangt, 
immer mehr französische Worte auf — die Kenntnis des Französischen ge- 
hörte ja lange Zeit zu den notwendigen Bestandteilen der Bildung — ander- 
seits dringen durch das Aufblühen der humanistischen Studien, das Vor- 
herrschen des Lateins in dem gelehrten Schrifttum, die zunehmende Kenntnis 
des Griechischen zahlreiche griechische und lateinische Worte in die Gelehrten- 
sprache, weiter in die Sprache der Gebildeten und schließlich auch noch 
tiefer herab. Diese Vorgänge vermag ich nicht im einzelnen zu schildern, 
da dazu alle Vorarbeiten fehlen. 

Auf der andern Seite bringt uns das Zeitalter der Entdeckungen eine 
Erweiterung des Weltbildes und die Bekanntschaft mit vielen unbekannten 
Früchten, Stoffen, Pflanzen, Tieren, Gewürzen usw. Für viele dieser Dinge 
übermitteln die Seefahrer die einheimischen Namen, und unter diesen Namen 
werden dann die Gegenstände in ganz Europa bekannt. Wir haben, was 
diese Dinge betrifft, heute fast schon eine Weltsprache. 

Die Wortforschung weist uns nun oftmals mit völliger Bestimmtheit 
den Weg, auf dem diese neuen Gegenstände vorgedrungen sind, und so 
bietet auch hier wieder die Wortgeschichte wertvolle Beihilfen zur Kultur- 
geschichte. 

Es dürfte angebracht sein, an dieser Stelle wenigstens einiges aus dem 
reichen Stoff zusammenzustellen, wobei freilich zu beachten ist, daß auf 
diesem Gebiet die Anschauungen leicht wechseln, ich selbst auch nicht 



§ 110. Die Entlehnungen der Neuzeit. 151 



imstande bin, die Richtigkeit der aufgestellten Meinungen nachzuprüfen. 
Ich kann mich auch nicht in große kulturgeschichtliche Erörterungen ein- 
lassen, sondern kann nur die Worte kurz nebeneinander stellen. Wer nur 
■ein bißchen nachdenkt, dem wird dabei sofort manches auffallen, und es werden 
Kulturbilder vor ihm aufsteigen. Im übrigen verweise ich auf Weigands 
Wörterbuch und auf Seiler. 

a) Aus dem Niederländischen: Aktie, Besanmast, Boje, Börse, Brasse, bugsieren, 
Bugspriet, Büse, Deut, Dose, Fallreep, Flor 'Gewebe', Fodi, Garnele, Gracht 'Kanal', 
Hai, Harpune, Heilbutt, Jacht, Kajüte. Kaper, KUlver, Koje, Krakeel, Lackmus, lavieren, 
Lotse, Maat, Maatjeshering, Matrose, Niete, Nock, Paneel, peilen, pikfein, Pilot, Pinasse, 
Polder, Pottfisch, prassen, Presenning, Priem, Profos, Rabatte, Rabau, Raclies, Raigras, 
.Reede, Stramin, Süd. Talje, Tulpe. 

Wie eine einfache Durchsicht lehrt, handelt es sich bei diesen Ent- 
lehnungen in erster Linie um seemännische Ausdrücke, zu denen einige 
aus dem Handel kommen. Aber der ganze niederländische Einfluß wird 
•dadurch nicht klar, da wir sehr vieles aus dem Niederländischen übersetzt 
haben. Das Niederländische hat schon seit der mittelhochdeutschen Zeit 
einen anhaltenden Einfluß auf das Hochdeutsche ausgeübt. Vieles, was 
scheinbar aus dem Französischen stammt, ist durch niederländische Ver- 
mittlung zu uns gekommen. Vgl. F. Seiler 3, 91 ff. Dieser weist mit Recht 
darauf hin, daß das nördliche Westfalen und nordwestliche Hannover noch 
heute reich an volkstümlichen französischen Lehnwörtern sind, die meistens 
wohl durch die Niederlande zu uns gekommen sind. 

b) Aus dem Englischen. 

Literatur: R.F.Arnold, Die englischen Lehn- und Fremdwörter im gegenwärtigen 
Neuhochdeutsch, ZfdöstGymn. 1904, 91 ff. — H. Dunger, Wider die Engländerei in der 
deutschen Sprache, ZADSV. 14, 12. 

Während wir in früheren Jahrhunderten kaum unmittelbar englische Wörter 
-aufgenommen haben, hat sich das im Laufe des 19. Jahrhunderts stark 
geändert. 1795 gab Kinderlinq, Über die Reinigkeit der deutschen Sprache, 
eine Liste der Fremdwörter nach Sprachkreisen geordnet und führt darin 
S. 109 21 Wörter englischer Herkunft an. Davon stammen aber einige nicht 
aus dem Englischen. Dem gegenüber haf H. Dunger, Wörterbuch von Ver- 
deutschungen entbehrlicher Fremdwörter 1882 S. 12 148 englische Fremd- 
wörter angegeben. Es ist klar, der englische Einfluß ist im 19. Jahrhundert 
gewaltig gewachsen, und er wird entsprechend der Ausbreitung' unseres 
Handels und unseres Seewesens noch weiter wachsen. Man soll das nicht 
.2u sehr bedauern. Das Englische ist doch unsere nächste Verwandte und 
viele Worte, die von dort kommen, lassen sich leicht unserer Sprache an- 
passen, wenn wir nur so schreiben, wie wir sprechen. Wer sieht Worten 
wie treideln von e. HraiV 'Zugseil', trimmen aus e. trim 'in Ordnung bringen', 
Kutter, e. ciitter, Dock, e. dock, Messe 'Speiseraum der Schiffsoffiziere', e. mess 
den fremden Ursprung an? 

Aldermann, Baby, Beefsteak, Bill, Bombast, Bowle, boxen, Boykott, Dandy, Dodi. 
-Dogge, drainieren. Elfe, Farm, fesdi, Film, Flammeri, flirten, Folklore, Gallone. Gentleman. 



152 Siebentes Kapitel. Die iremden Bestandteile unseres Wortschatzes. 



Grog, Hunibiif^, Humor, hiirliburli, Harri. Indemnität. Interview, Jett, Jingo, Jobber, Jinicei. 
Jury, Jute, Kalmank. Keks. Klosett, Klitb, Kodak. Koks. Komfort, Konsols. Kontertanz 
'iJlndliclicr Tanz', Kutter, Lawn Tennis, Lloyd, Log, Lokomotive, Lore, lyndien, Motdi, 
.Mob. Mohär, Mull. I'addoik. Pamphlet, Park. Parlament. Pinsdier, Plaid, Plum/nidding, 
pokern. Pony. Propeller. Puddelofen. Pudding. Punsdi, Racket, Rekord, Revolver, Rips. 
Roastbeef, Robber, Rowdy, Rum, Rumpsteak. Sdial. Sdiedi. Sdieikpfeife, Sdiirting. Sdilips,. 
Sdiwindlrr, Skalp. Spleen. Sport, Star, Start, Steeplediase, Steward. Streik, Sweater. 
Tandem. Tank. Tattersall, Tender, Tip, tipptopp, Toast, trainieren, Trambahn, Tridi, 
Trust, Tunnel, Turf, Turnip, Verdikt, Waggon, Warrant, Whisky, Whist. 
Vertreten sind hier die meisten Gebiete der modernen Kultur. 

c) Aus dem Nordischen (Entlehnungen sind hier der Natur der Sache nacii wenig 
zaiiireich): Berserker, Brigg. Fjord, Jul, Lemming, Marwal, Renntier, Sild, Skalde, Ski. 
Tang, Tundra, Vielfraß 'gulo', norw. fjeldfross, cig. 'Bergkatcr', Waberlohe. Walküre^ 
Wingolf. 

d) Aus dem Französischen: Es erscheint mir unnötig, die uncndliclie Zahl von Lehn- 
wörtern, die wir aus dem Französischen aufgenommen haben, hier im einzelnen auf- 
zuführen. In fast unübersehbarer Menge haben wir sie seit dem 16. Jahrhundert erhalten, 
und noch hört der Strom nicht auf, wenngleich er sich in der letzten Zeit etwas verringert 
hat. Viele werden in der unten gegebenen systematischen Übersicht zur Sprache kommen. 
Zu bemerken ist, daß das meiste, was wir aus dem Spanischen, vieles was wir aus dem 
Italienischen und sonstigen Sprachen aufgenommen haben, durch französische Vermittlung 
zu uns gekommen ist. Man muß natürlich auch hier unterscheiden zwischen volkstüm- 
lichen und gelehrten Entlehnungen, was auf die verscliiedcnen Wege weist, die die Worte 
eingeschlagen haben. 

e) Aus dem Spanischen, Portugiesischen und Baskischen (natürlich meist durch 
französische Vermittlung): Alarm. Alligator. Andiovi, zunächst aus dem Ndl., angeblich 
baskisch. Armada, Autodafe {l. actus fidei). Bandelier. barodt, bigott, bizarr, Dodie, Dul- 
cinea, Eldorado, eskamotieren. Ferdinand, Fetisdi, Gala, Galan, galant, Gamasdie. 
Gitarre, Grande, Guerilla, Hermandad, Indigo, Infant. Kamarilla, karambolieren, Kargo,. 
Kastagnette, Knaster, Kolibri, Kork, Kosdienille, Kreole, Lakai, Mantille. Marmelade, 
Matador. Melasse, Merino, Mestize, Moskito, Mulatte, Neger, Palaver, Parade 'Truppen- 
schau', Potpourri, frz. Übersetzung des span. olla podrida, Romanze, Rosinante, Sdialuppe, 
Siesta, Silo, Tantes, Tornado, Vanille, Zambo, Zigarre. 

f) Aus dem Italienischen: Den Einfluß des Italicnischen im ausgehenden Mittelalter 
haben wir schon oben § 107 kennen gelernt. Seitdem sind aber weitere zahlreiche Wörter 
von dorther zu uns gekommen, besonders auf dem Gebiet des Handels, dem der Musik, 
dann aber auch in andern Künsten. Vielfach ist die ursprüngliche italienische Form durch 
die französische abgelöst, oder die französisclie herrscht in Nord- und Mitteldeutschland, 
die italienische im Süden. So sagt man statt Po//c^ aus hz. police in Östcncich Po Uz ze 
aus i{a\. Polizza. Statt Karosse hieß es noch im 17. Jh. auch Karotze aus ital. caroccio, 
statt Prozent sagt man auch noch Perzent, iial. percento usw. 

Agio, Akelei, Alber, Alt, Altan, Ammer. Arie, Aviso, Bagatelle, Bajazzo. Paias. 
Balkon, Ballett, Ballon, Bandit, Bank 'Kasse', Bankerott, Bankett, Baß, basta, Bastei, 
Bastonnade, Bdvedere, Bilanz, Binetsdi, Blodiade, Boskett, Bratsdie, Brente 'Gefäß',^ 
Brigade, Brokat, Büfett, burlesk. Canaille, Dilettant, Diskont, Dusdie, Fagott, Falsett,. 
Farinzudier, Fiasko madien. Filigran, Finte, Fratze, Fresko, Frettdien, Front, Furon, Galeere, 
Galerie, Gambe, Gant, Ganter, Gardine. Gesdiwader, Getto, Giro, Gondel, Granate, 
grotesk, Hatsdiier. Indossament, Kanone. Kanzone, Kapriole, Kapuze. Karfiol. Karrete^ 
Kartatsdie, Kartaune, Kartoffel. Kasematte. Kasino, Kasse. Kataster, Kavalkade, Klari- 
nette, Kohlrabi. Kolli, Konto, Kontrabaß. Korridor, krepieren, Kujon. Kulm, Kuppel, Lagune, 
Lava, Levante, Litze. Madrigal, ,\\akkaroni, Malaria, Marketender, Marone. Marzipan,. 



§110. Die Entlehnungen der Neuzeit. 153 



matsch 'Spiel verloren', Medaille, Miliz, Molo. Mosaik, Motette. Motto, Muster, netto, 
Nocke. null. Obligo, pari, Paroli, Partisan. Partisane. Passagier, Paste, Pastell, Pedant, 
Perüdke, Petarde, in petto, Pianoforte, Pidtelflöte. Pilaster. bayer. Plenie, Pokal, Polenta, 
Polizze, Poltron, Porto, Porzellan. Post. Posten 'Rechnungsbetrag', Postillion, Posto, 
Pratze, Probe, Profil. Prokura, Punzen. Putten. Rabatt, Rakete, Rastel(binder), Redoute, 
Regal, Regatta, Rest, Rikambio, Rimesse. Risiko, Salami, Salat, Saldo. Sdiarmützel, 
bayer. Sdiarnützel 'KrämerdiUt , Sdimirgel, sdiraffieren, Serenade. Similisteine, Skat. Skizze, 
Skorzonere, Soffitte, Solo, Sonate, Sonett, Sordine, Spagat, Spaß, Spesen. Spinett, Spon- 
ton, Stafette. Stanze, Stilett, stilisieren, stornieren, Strapaze, Strazze, Studi, Studio, Talar, 
Tarodi, Taste, Teditelmeditel, Tempo, Tenor, Terrakotta, Terzerol, Terzett, Tombola, Torso, 
Transit, Transport. Traß, Tratte. Triller, trillern, Trott, Trüffel, Valuta, Vetiurin, Violine, 
Vista, Zediine, Zervelatwurst. Zitrone. 

g) Aus dem Ladinischen, der romanischen Sprache in den Alpen: rodeln, lad. rodella 
'Rad, Scheibe', ir a rodellas 'hinunterkollern'; — /?«// 'Felslawine', lad. rovina 'Einsturz'; — 
Gletsdi(er) aus lat. glacies wie Schweiz. Tsdnngel aus cingulum. 

h) Aus dem Rumänischen: Bojar. 

i) Aus dem Persischen: Absinth, Azur, Basar, Derwisdi, Diwan, Ferman, Jasmin, 
Julep, Karawane, Lasur, lila, Limone, Myrte, Natde, Paradies, Pasdia, Rodie 'Turm', 
Saffian, Salamander. Sarabande, Satrap, Sdiadi, Sdial, Sdiikane, Serail, Seraskier, Serdar, 
Taft. Tiara, Tiger. 

k) Aus dem Indischen: Beryll, Brille, Dsdningel, Ingwer. Jute, Kampfer, Kermes, 
Ladi, Mandarin, Mosdius, Mull. Nabob, Nirwana. Opal. Orange. Pfeffer, Punsdi, Radsdia, 
Reis. Rupie, Sandarak, Sandelholz. Sdiakal, Smaragd, Veranda. Zebu, Zitz. Zudier. 

1) Aus dem Tamulischen. der einheimischen Sprache Indiens: Paria, Pompelmuse. 

m) Aus dem Malaiischen und Australischen: Bambus. Betel, Gingang, Gutta- 
perdia, Kakadu, Känguruh. Kasuar. Orang-Utan, Pagode, Sago, tätowieren, Tombak, 
Trepang, Zimt. 

n) Aus dem Ostasiatischen: Bonze, Dsdionke, Geesdia, Kotau. Kuli, Mammut. 
Padifong, Taifun. Tee, Yak. 

o) Aus dem Ägyptischen und Koptischen : Almanadi, Barke, Gummi, Oase, Papier. 

p) Aus dem Afrikanischen : Banane. Basalt. Gnu. Gorilla, Quagga, Sdiimpanse, Zebra. 

q) Aus dem Hebräischen sind die Entlehnungen auf verschiedenen Wegen zu uns 
gekommen, durch die Bibel, das Jüdisch-Deutsche und die Gaunersprache. Die letzte Art 
suche man unter Gaunersprache. 

1. Durch Vermittlung der Bibel: Aloe, Bisam. Cherub, Ebenbaum, genieren. 
Kamel, Koralle, Mammon. Manna, Passah. Sadi. Satan. Sdiibboleth. Sediel, Seraph, Zider. 

2. Aus dem Jüdisch-Deutschen stammen: Bodier. dibbern, auch däbern 'angelegent- 
lich besprechen', flöten gehen, Umdeutschung des jüd. -deutschen pleite gehen, s. Pleite. 
Geseier, Kabale. Kalle. Matze, Mausdiel, mesdiugge, Pleite, iüd.pleto 'Flucht', davon auch 
flöten gehen, Rebbes, Sdiabbes, sdiäditen, Sdiaddien 'Heiratsvermittler', sdiäkern, Sdiaiite, 
Sdiote, Sdiidisel. Sdimad 'Taufe', Sdunu, Sdimiil, Sdimus, sdiofel, Stuß, treife 'unrein'. 

r) Aus dem Arabischen: Admiral, Aldiemie, Algebra, Alkali, Alkohol, Alkoven, 
Ambra, Antimon, Aprikose, Arrak, Arsenal, Artisdwke, Atlas, Baksdüsdi, Balsam, Bardient, 
Berberis, Borax. Burnus, Dragoman. Droge, Elixir, Emir, Feluke, Gaset, Gazelle, Giraffe, 
Harem, Hasdiisdi. Islam, Joppe, Kadi, Kaffee, kalfatern. Kaliber, Kalif, Kandelzucker, 
Kandis, Karaffe. Karat, karmesin. Kattun, Kismet, Laute, Magazin, Maske, Matratze, 
matt, Mosdiee, Mufti. Mumie, Muselmann, Mütze, Naphtha. Natron, Papagei, Rakett, 
Razzia, Ribisel, Ries, Saflor 'Färbediestel', Saflor, Safran, Samum, Saphir, Sarazene, 
Sdiebedie, Sdiirokko, Sennesbaum, Sesam, Sirup, Sofa, Sultan, Sumadi, Talisman. Talk, 
Tamarinde, Tambur. Tara, Tarif, Tasse, tausdiieren. Theodelit, Watte, Wesir, Zibebe, Zibet, 
Ziffer, Zitwer. 



154 Achtes Kapitel. Kampf gegen die Fremdwörter. Verdeutschungen. 

s) Aus dem Syrischen uiid Orientalischen überhaupt: Alabaster, Arsenik. Bisam, 
Greif, assyr. kritb (hcbr. kernb). Jaspis. Satte. 

t) .^us dem Türkischen: liabusdie. lierf^amotte. Dolman. Dolmetsdi. Janitsdiar, 
Jurte. Kaftan. Kalpak. Kantsdnt, Karbatsdie. Kiosk. Üdaliske. Sdiabratke. Sdiagrin. 
Sdiarladi. Sorbett. Turban. Ulan. 

u) Aus dem Amerikanischen: Alpakka, pcruan.; Ananas, peruan.; Guano, peruan.; 
Hüngematte, karaib.; Jaguar, bras. ; Kakao, nicxik.; Kakerlak, südamerik.; Kanu, karaib.; 
Kantsdmk, siid;imerik.; Kondor, peruan.; Lama, peruan.; Mahagoni; Mais; Mokassin: 
Opossum; Orkan, karaib.; Palisornier, Polisander; Sdiokoladc, mc.xik.; Tabak; Tapioka, 
brasil.; Tapir, brasil.; tomaha(w)k, Indianersprache; Tomate, mexik.; Vigogne, peruan.; 
Wigwam, indianersprache. 

Welche l^'üllc von Beziehungen im Welthandel und Weltverkehr ent- 
rollt so die Sprache! Und dabei ist der Stoff nicht einmal erschöpft. Die 
trockenen Listen müßten nun freilich erst durch Erläuterungen kultur- 
geschichtlicher Art lebendig gemacht werden, doch übersteigt das den mir 
zur Verfügung stehenden Raum. 

Ein paar Bemerkungen mögen hier noch über die Fremdwörter in 
den Mundarten hinzugefügt werden. Auch die Mundarten enthalten zahl- 
reiche Fremdwörter. Z. T. stammen diese aus der Schriftsprache, d. h. aus 
der Sprache der Gebildeten, indem durch Nachahmung derartige Worte 
allmählich auch zu den unteren Volksschichten gedrungen sind, vgl. darüber 
-^ 175. Anderseits haben die Grenzmundarten aus den Nachbarsprachen 
eine Reihe von Wörtern aufgenommen, die nicht im ganzen Sprachgebiet 
verbreitet sind. So ist ganz klar, daß das Elsässische und aucl^ das übrige 
Alemannische zahlreiche französische Ausdrücke enthält, die sonst nicht 
bekannt sind, während anderseits die ostdeutschen Mundarten eine Reihe 
slawischer Ausdrücke aufweisen, die ihrerseits im Westen unbekannt sind. 
Das baltische Deutsch enthält esthnische Lehnwörter, vgl. H. Suolahti, Die 
esthnischen Worte im Deutschen der baltischen Ostseeprovinzen Neuphil. Mitt. 
1910, 99 — 129. Sehr bemerkenswert sind auch die Fremdwörter im Öster- 
reichischen und Bayerischen, wo sich noch eine Reihe italienischer Fremd- 
wörter erhalten haben, die auf den alten Handelsweg von Italien nach 
Deutschland hinweisen, wie Sporka, Spagat, Gant, Bollette, Skadenz, Sensal, 
Kassa, Polizze, vgl. darüber Schiraier Kaufmannssprache XXIX. 



Achtes Kapitel. 
Kampf gegen die Fremdwörter. Verdeutschungen. 

§ 111. Allgemeines. Dem Gange der Kulturentwicklung gemäß ist unsere 
Sprache dem Eindringen von Fremdwörtern stark ausgesetzt gewesen, in- 
dessen kaum mehr als die andrer Völker. In der altern Zeit findet eine 
natürliche Aufnahme von Lehnworten in die Volkssprache statt, und diese 
sind daher heute dem deutschen Sprachbau derartig angepaßt, daß sie als 



§111. Allgemeines. 155 



Fremdwörter nicht mehr zu erkennen sind. Ähnlich steht es mit den Ent- 
lehnungen aus dem Osten. Auch sie gehen durch den Volksmund und 
weisen daher in ihrer Form häufig nichts Fremdes mehr auf, höchstens daß 
eigentümliche Lautverbindungen den Kundigen auf die fremde Herkunft 
aufmerksam machen. Worte wie Dolch, Gurke, Peitsche klingen durchaus 
deutsch. Dem gegenüber ergießt sich schon im Mittelalter und zunehmend 
in der Neuzeit ein unendlicher Strom von Fremdwörtern in unsere Sprache, 
der nicht auf natürlichem Wege in das ganze Volk, sondern durch die 
Literatur, dadurch daß viele Gebildete die fremde Sprache erlernten, durch 
Nachäfferei und sonstige Umstände in die Sprache bestimmter Kreise ein- 
gedrungen ist. Es ist nach den oben gegebenen Ausführungen ganz klar, 
daß viele von diesen Fremdworten entbehrlich sein dürften, und es ist nur 
natürlich, daß deutsche Männer frühzeitig den Kampf gegen sie eröffnet 
haben. Vgl. darüber GDS. 231 ff. 

Dieser Kampf kann sich natürlich nur gegen jene mehr gelehrten Fremd- 
wörter der zweiten Art richten. Alles, was dem Geiste der deutschen Sprache 
entspricht, was eingedeutscht ist, was jeder versteht, darf nicht beanstandet 
werden. Fenster, das Zeesen noch durch Tageleuchter verdeutschte, wird 
keiner mehr entfernen wollen. Außerdem gibt es ein gewisses allgemeines 
Sprachgut, wie z, B. die Monatsnamen, an die man nicht tasten sollte. Aber 
sonst wimmelt unsere Sprache von Fremdwörtern, die recht wohl entbehrlich 
sind. In einer ganzen Reihe von Betrieben, in der Post, der Eisenbahn, 
dem Heerwesen hat bewußtes Eingreifen eine Reihe von Verdeutschungen 
geschaffen, die schon ganz oder beinahe eingebürgert sind. Meines Er- 
achtens sind die Fremdwörter nicht deshalb zu verwerfen, weil sie fremd 
sind, sondern im wesentlichen deshalb, weil sie nur einem kleinen Kreis 
unsres Volkes angehören, weil die große Masse sie nicht versteht und nichts 
damit anzufangen weiß. Man mustere einmal den Wortschatz der Mundarten, 
und man wird erstaunt sein, wie wenig Fremdwörter man im Grunde dort 
antrifft. Ebenso wenig gibt es in der schönen Literatur. Unsere großen 
Schriftsteller, die sonst manches Fremdwort in ihren Briefen gebrauchen, 
vermeiden es doch in ihren Werken, besonders in der Poesie. Die eigentliche 
Stätte des Fremdworts ist die gelehrte Literatur. Mancher Gelehrte hält mit 
Hartnäckigkeit an ihnen fest, und es ist nicht zu leugnen, daß man sie 
manchmal braucht, teils um m.it dem Ausdruck zu wechseln, teils weil 
manche Ausdrücke tatsächlich nicht entbehrlich sind. Oft genug gewährt 
auch der fremde Ausdruck einen etwas abweichenden Sinn, den der Schrift- 
steller gerade hervorrufen will. Trotzdem lassen sich die Fremdwörter in 
viel höherem Maße vermeiden, als es geschieht. Wer sich bemüht, auf seine 
Worte zu achten, dem wird das nicht schwer fallen, und er wird erkennen, 
daß man oft zu einer bessern Ausdrucksweise kommt, wenn man das Fremd- 
wort, das einem in die Feder fließen will, durch ein deutsches ersetzt. Gewiß 
muß man nachdenken, man muß oft den ganzen Satzbau ändern, aber zum 



156 Achtes Kapitel. Kampf gegen die Fremdwörter. Verdeutschungen. 

Schaden der Sache ist es meistens nicht. Die Schule hat natürlich die Ver- 
pflichtung, auf die Vermeidung der Fremdwörter hinzuwirken, und ich bin 
der Überzeugung, daß es nach dieser Richtung immer besser werden wird. 

Oft wird man freilich dem Einwand begegnen, daß ein Fremdwort 
nicht zu ersetzen sei. 

Aber dieser Einwand hält nicht Stich. Wenn nicht alles ersetzt werden 
kann, so doch vieles, und wer die Geschichte der Verdeutschungen über- 
blickt, der weiß, daß manches fremde Wort, einst für unentbehrlich gehalten, 
längst ersetzt ist. Als die ersten Luftballons erfunden worden waren, schrieb 
Wieland über die Ai^ronaiiten und die A^ropetomanie. Wer würde das 
letztere heute noch verstehen und gebrauchen? Hörsaal für Auditorium 
erschien im 18. Jahrhundert pedantisch. Und so kann man unzählige Beispiele 
anführen. Die bewußte Verdeutschung hat gute Erfolge gehabt und wird 
sie noch weiter haben. Freilich muß man eins bedenken. Nicht jeder 
Verdeutschungsvorschlag ist gut. Es müssen vielmehr wie überall in der 
Natur viele Keime ausgestreut werden, damit nur einige wenige aufgehen. 

Gehen wir nun zu der Tätigkeit der Männer über, die unsere Sprache 
durch ihre Verdeutschungen bereichert haben. 

§ 112. Verdeutschungen im Mittelalter. Still und bescheiden, doch darum 
nicht minder wirkungsvoll ist die Tätigkeit der frühesten deutschen Schrift- 
steller, jener alten Mönche, die unsere Vorfahren mit den Lehren des 
Christentums bekannt machten. Sie haben manches fremde Wort übersetzt: 
comnuuiio — gimeinida, Gemeinde; conscientia — giwi-jjem, Gewissen; 
Computer — givatero, Gevatter; convertere — bikeran, bekehren; confessio 

— bijiht, Beichte; pascha — Ostern; dies natalis — Weihnachten; gehenna 

— hella, quala; monacus — cinsidilo, Einsiedet. Schon im Got. findet sich 
armahairts nach lat. misericors; arman sik nach 1. misereri, woraus sich dann 
weiter barmherzig und erbarmen entwickelt haben. Andere Verdeutschungen 
sind leider nicht durchgedrungen, so wijjago oder forasago für propheta; 
boto oder zwelfboto für Apostel, während jungiro 'Jünger' gesiegt hat; 
ezt'art für presbyter, Priester. Wir hätten tatsächlich viel mehr haben 
können, vgl. Kluge, WB. z. Ztschr. d. ADS. 4, 143 ff. Bibel siegt erst im 
16. Jahrhundert, im Mittelhochdeutschen sagte man diu schrift oder da3 
buoch; im Evangelium sagen die Engländer ^05/7^/, ags. godspel, eig. 'Er- 
zählung von Gott'. Für Pate bestehen noch in den Mundarten alte deutsche 
Ausdrücke, alem. der Götti und die Gotte, got. gudja 'Priester', schwäb. 
Tot, während die Engländer godfather, godmother, godson, goddaughter 
verwenden. Erzvater für Patriarch lebt fast bis in die Neuzeit. Für Pfingsten 
haben die Engländer mit ihrem whitsunday eine einheimische Bezeichnung 
geschaffen. 

Zu den durchgedrungenen Verdeutschungen gehören ferner die Namen der Wochentage: 
ahd. sunnuntag — dies solis; munintag — lünae dies; ziestag — Mortis dies: donarestag — 
Jovis dies; fnatag — Veneris dies; mittiwodia — media hebdomas. 



§ 112. Verdeutschungen im Mittelalter. § 113. Verdeutschungen in neuerer Zeit. 157 



Anmerkung. Der Dienstag hat mannigfache Namen, in Schwaben Ziestag, zu- 
sammengesetzt mit Ziu, dem altgermanischen Götternamen, auch Aftennontag, in Bayern 
Erditag, wohl aus gx.^'AoeoK iifiFna {*'Areos hd'niera); Dienstag ist aus Dingstag entstanden, 
siehe unten. Nur für Sonnabend, ahd. sunnnn-aband, das im wesentlichen mitteldeutsch 
und niederdeutsch ist, hat sich in obd. Samstag aus ahd. samba^tag von gr. oüftßuiov {säm- 
baton) das fremde Wort erhalten. Das Genauere über die Herkunft der deutschen Wochen- 
tage siehe bei Kluge, Wiss. Beih. z. Zsclir. d. ADSV. 2, 89 ff. Die Verdeutschung der Namen 
der Wochentage geht sicher in vorchristliche Zeit zurück. 

Die Namen der Wochentage müssen sehr bald volkstümlich geworden 
sein. Darum haben sie sich durchgesetzt. Nicht so steht es mit den Namen 
der Monate, die Karl der Große nach der Angabe Einhards 29 einführte. 
Er nannte sie bekanntlich Wintarmanoth, Hornung, Lentzin-, Ostar-, Wlnne-, 
Brach-, Heimi-, Aran-, Witu-, Windiime-, Herbist- und Heilagmanoth. Nur 
Hornung und Wonnemonat sind einigermaßen gebräuchlich. Karl nannte 
letztern Winnemanoth, d. i. 'Weidemonat', was das Volk umgestaltet hat. 
Weiteres bei K. Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869. Auch 
die deutschen Namen der Winde sollen von Kaiser Karl herrühren. 

In der Zeit, als unsere höfische Poesie blühte, ist ein Strom von Fremd- 
wörtern in unser Deutsch oder besser gesagt in die Sprache der höfischen Kreise 
gekommen. Ob sich damals schon Widerstände geregt haben, weiß ich nicht. 
Ich glaube es kaum, da wir es eben nur mit der Sprache einer gewissen 
Gesellschaft zu tun haben. Tatsächlich ist ja von den damaligen Fremd- 
wörtern nicht allzuviel geblieben, und was geblieben ist, läßt sich vielfach 
nicht mehr als Fremdwort erkennen. Vor allem gab es keine echte Prosa. 
Sie kam erst durch die Mystiker auf, und ihnen verdanken wir zweifellos 
manche Bereicherung unseres Wortschatzes (s. u. § 183), gewiß auch durch 
Verdeutschungen fremder Wörter. 

§ 113. Verdeutschungen in neuerer Zeit. Ein wirklicher Kampf gegen 
die Fremdwörter setzte erst wieder ein, als die fremden Wörter überhand- 
nahmen, im 16. Jahrhundert. Ein großer Teil der Gebildeten gebrauchte 
die lateinische Sprache, und daher behielt man viele ihrer Worte bei. Schon 
früh regte sich der Widerspruch. Im Jahre 1538 eiferte Gilg Tschudi aus 
Glarus gegen die latein und wälsche, d. h. französischen Wort, die in unser 
Tatsch, so eine ehrliche Sprach ist, hereingeschleppt werden. Er kehrt seine 
Erbitterung gegen die niiwen tatschen Cantzler, die so naseweis sind, auch 
die consistorischen Schreiber, also gegen die Bevölkerung der Büros im 
allgemeinen. 

Im 17. Jahrhundert wurde man sich der Sprachmischung allgemeiner 
bewußt, und Dichter und Schriftsteller wie Opitz (Aristarchus sive de con- 
temptu linguae Teutonicae), Moscherosch (Gesichte, ä la mode Kehraus), 
Lauremberg (im dritten Scherzgedicht), Grimmelshausen (Teutscher Michel) 
klagen darüber oder suchen mit der Geißel der Satire dagegen zu kämpfen. i) 



^) Ausführlicheres darüber bei Dunger, Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher 
Fremdwörter, 1882, S. 29 ff. 



158 Achtes Kafmtel. Kampf gegen die Fre.mdwörter. Verdeutschungen. 

Es kam dann zur Gründun<4 der Sprachgesellschaften, die neben der 
Förderuii<( des Deutschen als Dichterspraclie auch den Zweck verfolj^ten, 
die Sprache von der Einmischung fremder Wörter zu reinii^en. V^i. darüber 
GDS. 239 f. 

Unter den Männern, die durch ihre zahlreichen Verdeutschungsversuche 
berühmt oder berüchtigt geworden sind, ist vor allem Philipp von Zesen 
(1619 — 1689) zu nennen. Was er versucht hat, zeigt am besten das Nach- 
wort zu der „Adriatischen Rosamund" 1645. Jetzt hat H. Harbrecht ein 
Verzeichnis der von Zesen verdeutschten Lehn- oder Fremdwörter gegeben, 
ZfdW. 14,71 ff. Zweifellos hat Zesen manche Verdienste. 

Von seinen Verdeutschungen nenne icli: Adresse: Ansdirift; Annalen : Jahrbüdier; 
Antipoden : Ge^enfüßler; Assekuranz : X'crsidierung; Asyl : Freistatt; Bastion : Bollwerk; 
Bibliothek: Büdierei; Bouquet: Blumenstrauß; Chanssee : Steinweg (in den Städten noch 
vielfach als Straßennamen erhalten); Chemie : Sdieidekunst; dedizieren : übereignen; Dia- 
lekt : Mundart; Dictionnaire : Wortbudi; Edio : Widerhall; Epilepsie : fallende Sudit; Funda- 
ment : Grundstein; Galerie : Kunstkammer; Geometer : Feldmesser; Gouverneur : Statt- 
halter; Journal : Tagebudi; Kobold : Poltergeist; Konfession : Glaubensbekenntnis; Lot- 
terie: Gliidisspiel; maskieren: vermummen; Original: Ursdirift usw. 

Anmerkung 1. Vieles, was man Zesen zuschreibt, ist allerdings weit älter. So 
kommt selbständig schon im 16. Jahrhundert vor. und im 14. bereits selbstende. Vollmadit 
ist bereits 1372 belegt. Vertrag erscheint im 15. Jahrhundert. Ich kann allerdings nicht 
übersehen, wie weit Zesen zur festen Einbürgerung dieser Wörter beigetragen hat. 

Anmerkung 2. Vergleiche über diese Zeit noch folgende Arbeiten: K. Dissel. Philipp 
von Zesen und die deutsch gesinnte Genossenschaft, Hamburger Programm 1890. — C. Prahl, 
Philipp von Zesen. Ein Beitrag zur Geschichte der Sprachreinigung im Deutschen, Danziger 
Programm 1890. — H. Schultz, Die Bestrebungen der Sprachgesellschaften des 17. Jahr- 
hunderts für die Reinigung der deutschen Sprache, Gottingen 1888. — H. Wulff, Der Puris- 
mus in der deutschen Litteratur des 17. Jahrhunderts, Straßburger Dissertation 1888. 

Für das 17. Jahrhundert ist hier neben andern auch noch vor allem 
JusTUS Georg Schottel zu nennen. Er führt in seinen Werken die Ver- 
deutschung der grammatischen Kunstausdrücke völlig durch. Ist auch 
mancher Vorschlag schon vor ihm geäußert worden, und ist auch mancher 
nicht durchgedrungen, so liegt doch in seiner Tätigkeit eine hochbedeutsame 
Leistung vor. Sie sollte uns Mut machen, auch auf diesem Gebiet nicht 
von der Verdeutschung zu lassen. 

Auch im 18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts fehlt es nicht an 
Bestrebungen zur Reinigung der deutschen Sprache. Unsere Kenntnisse 
darüber sind durch eine Reihe von Abhandlungen S. Klee.manns bereichert 
worden, Der Kampf gegen das Fremdwort, ZfdW. 1, 37; Deutsche Sprach- 
pflege in den 'Literaturbriefen", ZfdW. 7, 152 ff.; Das 'Sendschreiben eines 
Landpriesters', ZfdW. 7, 241 ; Fremdwörter und Verdeutschungen des 18. Jahr- 
hunderts, ZfdW. 8, 49; Ein Reichsfreiherr des 18. Jahrhunderts als Sprach- 
reiniger, WB. z. ZADSV. 4, 156 ff.; Die Mitarbeiter der 'Allgemeinen deutschen 
Bibliothek' als Sprachrichtcr und Sprachreiniger, WB. z. ZADSV. 4, 120. 

Im Anfang des 18. Jahrhunderts herrschte die Sprachmengerei wie zuvor. 
Das Bestreben der 'Puristen' des 17. Jahrhunderts war ziemlich spurlos 



§ 113. Verdeutschungen in neuerer Zeit. 159 



vorübergegangen. Wenn sich auch vereinzelte Stimmen hören heßen, wenn 
sich auch Christian Wolff große Verdienste um die Verdeutschung der wissen- 
schaftHchen, besonders der philosophischen Sprache erworben hat, vgl. Paul 
PiUR, Studien zur sprachlichen Würdigung Chr. Wolffs, Halle 1903, so er- 
strebte doch erst Gottsched wieder eine durchgreifende Sprachreinigung, 
ohne daß er hiermit einen wirklichen Erfolg gehabt hätte. Gottscheds Ver- 
dienst aber ist es, daß um 1750 wenigstens die Sprache der Literatur auf- 
fallend rein war. Aber die Vornehmen hielten an der französischen Sprache 
und den Fremdwörtern fest, und erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts 
trat die Wendung langsam ein. 

„Bald nach 1750", sagt Feldmann, ZfdW. 7, 245, „begannen die jüngeren 
deutschen Schriftsteller einer neuen weitgehenden Sprachmengerei zu huldigen, 
besonders nach dem Vorgange Wielands, der in bewußtem Gegensatz zu Gott- 
sched das Recht für sich beanspruchte, selbst in die Sprache der Dichtung 
fremde Wörter nach Belieben und Bequemlichkeit einzumischen. Eine Unzahl 
von Fremdwörtern hat Wieland seinen Lesern geläufig gemacht — viele 
davon stieß er später, besonders bei der Neubearbeitung seiner Werke 1794 
und folgende Jahre, wieder aus, nachdem er wiederholt von seinen Be- 
urteilern, zuerst von Lessing im 14. Literaturbrief, wegen Sprachmengerei 
getadelt worden war." 

Eine große Hilfe hat die Verdeutschung dadurch bekommen, daß die 
Behörden auf Ersetzung fremder Wörter durch deutsche drängen. Hier ist 
vor allem der Generalpostmeister Stephan seit 1874 in seiner Verwaltung 
vorangegangen und hat vieles erreicht. Wir sagen jetzt nach ihm einschreiben 
für rekommandieren, postlagernd für poste restante, Umsdilag für Kuvert, 
Beiwagen statt Beichaise usw. Ebenso ist die Sprache der Heeresverwaltung, 
der Gesetzgebung, der Bahn von vielen unnötigen Fremdwörtern gesäubert 
worden. Mögen auch hier manche Sonderbarkeiten untergelaufen sein, im 
großen und ganzen ist der Weg doch der richtige gewesen. Und dabei 
möge man eins bedenken: die Geschichte der Verdeutschungen lehrt, daß 
frühere Zeiten manche Verdeutschungen für ganz schlecht gehalten haben, 
die heute keinen Anstoß mehr erregen, Bittsteller für Supplikant wurde von 
der Jenaer Litteraturzeitung als unerträglich verdammt, Sterblichkeit für 
Mortalität wurde von Adelung heftig bekämpft, Gemeinplatz für locus 
communis aber als ganz verwerflich bezeichnet. So wird auch manches 
Wort, das uns heute noch seltsam klingt, nach einer Reihe von Jahren 
ganz eingebürgert sein. 

Im folgenden gebe ich aus den verschiedenen Sammlungen eine Reihe 
gut gelungener und ganz oder nahezu ganz durchgedrungener Ver- 
deutschungen oder Ersetzungen fremder Ausdrücke durch deutsche. 

anbequemen, accomoder {Eude des 18. Jh.s); — Anmerkung, observati'o {Schotte]); 
— ausdrudisvoll, expressif (Ende des 18. Jh.s); — Brudistück, fragmentum (1642); 
Durdimesser, diameter {Sturm 1670): — eingefleisdit , incarnatus; — Einsdiiebsel, 
Parenthese {Gottsched); — einverleiben, incorporare {16. ih.); — Emporkömmling, 



160 Acutes Kapitel. Kampf oügen die Fremdwörter. Verdeutschungen. 

parvenu (um 1780); — endgültig, definitiv (noch nicht bei Campe); — Erblasser, 
Testator {\663); — Erdgesdioß, Parterre {ütn 1800); — Erdkunde, Geographie (1774); 

— Erdzunge, Isifimus (1745); — Feldmesser , Geometer {\6\6); — folgeredit, kon- 
sequent (Knigge 1788); — Freidenker, c. frcethinker {\7\5); — Gabelf rülistiidi, frz. 
dejeuner ä la fourdiette; — Gastfreund, 1. hospes (1561); — Gegenstand, 1. objectum 
(1691); — Gemeingeist, a. public spirit (Herder); — geviert, quadratus (ahd.); — 
Gleidier, Äquator (\74\); — gleidi na mig, homonym {\559); — Glüdisritter, avan- 
turier (1775); — Gnadenwahl, Prüdestination (1663); — Grundsatz, Axiom (1641); 

— Halbwelt , Uz. dcmimonde (\9. ih); — Handstreidi, hz. coup de main (\9. ih.); — 
harmlos, c. harmless {\S.ih.); — Hausmeier, major domus {\6. Mi.); — Hellseher, 
Uz. clairvoyant {\7 10); — Hilfsquelle, ressource {Withnd {\773): — Hinterwäldler, 
amerili. backwoodsman; — Jungfernrede, e. maidenspeedi (1836); — Kaisersdinitt, 
1. Sectio caesarea (1789); — Kleinmeister, Uz. petit-maitre (18. Jh.); — Leitartikel, 
c. leading article (19. Jh.); — Mitleid, Sympathie {\7. Jh.); — Mittelalter, \. medium 
aevum (18. Jh.); — mittelländisdi, 1. mediterraneus; — Mittelstraße, goldene, 
\. aurea mediocritas {Vd.ih.); — Mundvorrat, Proviant {1777); — Nachschrift, Post- 
skriptum (1678); — Naturgesdiidite, historia naturalis (1777); — N aturrecht. jus 
naturale {\73S); — Nießbraudi, usus fructus {\7. i\\.)\ — postlagernd, poste restante 
(19. Jli.); — seine Redmung finden, Uz. trouver son compte (Lessing); — Redinungs- 
absdiluß, Bilanz (BGB.); — Rechtsdireibung, Orthographie {\57\); — Sdiäferstunde, 
Uz. l'heure du berger {\7l\); — selbstisch, egoistisdi (18. Jh.); — Selbstherrscher, russ. 
samoderlec, gv. arzny.nÜTion {autokrätor); — Sinngedidit, Epigramm (1649); — sinnver- 
wandt, synonym (18. Jh.); — Standort, Garnison (19. Jh.); — Statthalter, 1. locum- 
tenens {15. Jh.); — Steindruck, Lithographie {\9. M\.); — Tagebudi, Journal (1642); — 
Tagegelder, Diäten (Wit\and); — Tatkraft, Energie {\8.M\.); — Tatsadie, e. matter of 
facts, l.res facti; — Teiler, \. divisor {A.. Riese); — Teilhaber, Kompagnon {\7\6) ; — Ton- 
setzer, Komponist {\8. Jh.); — Tragweite, Uz. portee {\84S); — Übertrag, Transport 
(17. Jh.); — Umstände, Uz.circonstance; — Umwelt, dän. omwerden, Milieu; — Un- 
ausspr edlliche n,e.inexpressibles{\9. Jh.); — unf ehlbar,\.infallibilis; — Unternehmer , 
Uz. entrepreneur {\9.Jh.); — Uraufführung, Premiere {20. Jh.); — Urbild, Original 
(1716);— Verbrauch, Konsumtion{[7S0); — Verhältnis, Proportion{\667S{u!m); —ver- 
tonen, komponieren (Ende des 19. Jh.s); — Vielweiberei, Polygamie (1691); — Vogel- 
perspektive, Uz. ä vue d'oiseau (J. Paul); — Volkswirtsdiaft, Nationalökonomie 
(19. Jh.); — Vollmacht, \. plenipotentia (1372); — Vorgebirge, \. promunturium (1642); 
— Vorsitz, 1. praesidium (1678); — Waffenbruder, Uz. frere d'armes (Wieland); — 
wahlfrei, fakultativ (Ende des 19. Jh.s); — Wahlsprudi, Devise (Zesen 1648); — 
Wahlverwandtschaft, attractio electiva (1779); — Wahrnehmung, apperceptio 
(18. Jh.); — Wahrsprudi, Verdikt (um 1840); — Wandelstern, Planet (17. Jh.); — 
Wasserleitung, aquaeductus {\5. Jh.); — Wasserwage, libra aquaria (1716); — 
Weiditier, Molluske (19. Jh.); — Weingeist, Spiritus vini (18. Jh.); — Weißpfennig, 
Albus; — Weltbürger, Kosmopolit {1669); — Wendekreis, circulus tropicus {\7\3); — 
Wenigkeit, meine. 1. mea parvitas (1624 Opitz); — Wesentlidikeit , essentia (1482); — 
Wettbewerb, Konkurrenz {\9. Jh.); — Wetterglas, Barometer {\7\6); — Wieder- 
geburt, regeneratio (1678); — Wiedertäufer, anabaptista (1540); — Wiegendruck, 
Incunabel {\9. Jh.); — Wohlklang, euphonia {\7\6); — Wohltat, mhd., beneficium; — 
Wohlwollen, benevolentia (1678); — Wolkenkuckudisheim, gx.vEfps/.oy.oy.y.vyia {nephelo- 
kokkygia) (19. Jh.); — Wortforsdiung, Etymologie (1663); — Wortfügung, Syntax 
(1661); — Zahlwort, Numerale (1641 Schottel); — Zahlzeidien, Ziffer (Kinderling 
18. Jh.); — zahlungsfähig, solvent (1801); — zahlungsunfähig, insolvent (1801); — 
Zeitabschnitt, Moment; — Zeitalter, Säkulum (1786); — Zeitredinung, Chrono- 
logie i\7\6); — Zeitsdirift, Journal {\S. Jh.); — Zeitwort, K^rö (Schottel); — Zier- 
bengel, Incroyable; — Zweikampf, Duell (Zesen 1645). 



§ 113. Verdeutschungen in neuerer Zeit, 161 



Wer im einzelnen für die Sprachreinigung gewirtct hat, das festzustellen, 
liegt nicht in der Absicht dieser Arbeit. Aber auf das Verhältnis unsrer großen 
Dichter einzugehen, darf wohl gestattet sein. Wieland hat für die Verdeutschung, 
nachdem er zunächst einen andern Standpunkt eingenommen hatte, unendlich 
viel getan. Lessings Stellung erhellt aus dem 14. Literaturbrief. Schiller und 
Goethe gelten vielfach als Gegner der Sprachreinigung. Jener hat sich in dem 
bekannten Sinngedicht ausgesprochen, und von Goethe besitzen wir zahl- 
reiche Zeugnisse, das stärkste in einem Briefe an Riemer vom 30. Juni 1813. 

Einem Mann wie Goethe mußten allerdings die übertriebenen Versuche, 
all und jedes Fremdwort zu entfernen, lächerlich erscheinen. Er, der so viel 
für die deutsche Sprache getan hatte, erkannte, daß eben das sprach- 
schöpferische Genie auf diesem Gebiete das letzte Wort zu sprechen hat. 
Er hat dann auch nichts dagegen einzuwenden gehabt, daß seine Gehilfen 
die entbehrlichen Fremdwörter aus seinen Werken ausmerzten. Ähnlich sind 
ja auch andere Schriftsteller vorgegangen, ich nenne nur Gustav Freytag. 

Unter den 'Puristen', die Schiller verspottet, sind vor allem Voss und 
J. H. Campe zu verstehen. Letzterer hat am meisten getan. Er gab ein 
Wörterbuch heraus „zur Erklärung und Verdeutschung der unsrer Sprache 
aufgedrungenen fremden Ausdrücke"; zuerst 1801, dann stark vermehrt 
und durchgängig verbessert, Braunschweig 1813. In einem Werke, das all 
und jedes Fremdwort verdeutschen will, muß natürlich manches unterlaufen, 
was unbrauchbar ist, und es ist nichts leichter, als sich über Campe lustig 
zu machen. Trotzdem kann sein Werk noch heute von großem Nutzen sein, 
weil man in ihm, wenn nicht die richtige Verdeutschung, doch diejenige 
findet, die auf den richtigen Weg weist. Viele seiner Vorschläge verdienten 
auch heute noch wieder aufgenommen zu werden. 

Seinem Verdeutschungswörterbuche hat Campe seine Preisschrift voran- 
gestellt: Grundsätze, Regeln und Grenzen der Verdeutschung, eine Schrift, 
die noch heute lesenswert ist und durchaus richtige Grundsätze vertritt. 
Campes Tätigkeit ist noch nicht recht gewürdigt, und es läßt sich nicht 
übersehen, was er wirklich geleistet hat. Er hat ja in seinem Wörterbuch 
sein Eigentum durch das Zeichen o und OA gekennzeichnet, und man müßte 
daher einmal alle diese Wörter zusammenstellen. Eine große Menge davon 
ist heute durchgedrungen. 

Campe hat tatsächlich kräftig gewirkt, und wir können seine Arbeit 
bei Wieland, Jean Paul und selbst bei Goethe verfolgen. — In den 
Zeiten, als Preußen zertrümmert war, kam Campe wie gerufen. Fichte, 
Arndt, Jahn treten für Reinheit der deutschen Sprache ein; und auch in 
der Zeit nach den Freiheitskriegen setzt sich die Bewegung fort. Ich kann 
diese Sache nicht übersehen und bemerke nur, daß man damals auch 
Zigarre mit Glimmstengel verdeutscht hat, ein Wort, das heute nur noch 
eine spöttische Bedeutung hat, das aber G. Keller in der ersten Auflage 
•des grünen Heinrich ernsthaft gebraucht. 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 11 



162 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



im letzten Teil des 19. Jahrhunderts hängt das Wiederaufleben der 
Sprachreinigungsbestrebuiigen mit der Errichtung des Deutschen Reiches 
und mit dem zunehmenden Bewußtsein vorn Werte des deutschen Wesens 
zusammen. 1885 wurde der deutsche Sprachverein gegründet, der es sich 
unter anderm auch zur Aufgabe gesetzt hat, den deutschen Wortschatz zu 
reinigen. Er hat trotz mancher Übertreibungen seit dieser Zeit segensreich 
gewirkt. Um die Verdeutschung zu erleichtern, hat er eine Reihe von Ver- 
deutschungswörterbüchern herausgegeben, in denen manche gute Ver- 
deutschung zu finden ist. Daß man darin auch oft genug über das Ziel 
geschossen hat, ist selbstverständlich. 

Wer die Geschichte der Fremdwörter und der Bestrebungen zu ihrer 
Vermeidung überblickt, dem treten eine Reihe von Erscheinungen sofort vor 
Augen. Die Fremdwörter kommen in Fülle durch die gelehrte Bildung, und 
daher sind sie reichlich vorhanden in der Sprache der Gebildeten, während 
die des Volkes verhältnismäßig arm an ihnen ist. Von den erstem lassen 
sich zweifellos unendlich viel beseitigen, und man kann sicher ein gutes 
wissenschaftliches Buch schreiben, ohne allzu viele Fremdwörter zu gebrauchen. 
Auf diesem Gebiet sollte sich jeder Mühe geben, ein möglichst reines Deutsch 
zu schreiben, schon aus dem einfachen Grunde, weil er nur so allen ver- 
ständlich werden kann. Man bedenke, daß den Frauen im allgemeinen die 
Kenntnis des Lateinischen und Griechischen abgeht, und daß sie daher 
über viele Fremdwörter stolpern. 

Ist aber ein Fremdwort erst einmal ins Volk eingedrungen, so sollte 
man es aufgeben, es zu beseitigen. Das Volk schafft ja auch meistens sehr 
bald die nötige Eindeutschung, die die fremde Herkunft verschleiert. 

§ 113 a. Das Obersetzungslehnwort. Wir stehen seit mehr als einem Jahr- 
tausend unter dem Einfluß des Lateinischen und andrer romanischer Sprachen. 
Wir haben viele fremde Wörter herübergenommen und viele haben Bürger- 
recht bei uns gewonnen, während andere durch die oben geschilderte Tätig- 
keit einzelner Männer mit Mühe wieder entfernt sind. Es gibt aber noch 
einen andern Weg, und es hat stets einen andern gegeben, nämlich den^ 
die fremden Wörter gleich zu verdeutschen, d. h. also das Fremdwort ist nie 
ins Deutsche eingedrungen, vielmehr ist von Anfang an die Verdeutschung 
gebraucht worden. Zweifellos handelt es sich hier meist um Ausdrücke, mit 
denen ein neuer Begriff verbunden war. Man nennt dies nicht ganz 
treffend Cbersetzungslehnwort. Zahlreiche Beispiele kann man aus den Auf- 
sätzen von S. Singer, ZfdW. 3, 220; 4, 125 entnehmen. 

Hierher gehören wohl: 

allmäditig, I. omnipotens; — den Geist aufgeben, 1. reädere animam, frz. rendre 
l'äme; — Ausdrudi, Uz. expression; — Ausfuhr, hz. Export; — Ausstellung, Uz. 
exposition; — begreifen. \. comprehendere. Uz. comprendre; — Blinddarm. \. coecum 
intestinum; — Brief xvcdisel. Korrespondenz; — Dampf sdiiff, e. steamboat; — 
Dreibund, Tripelalliance; — Durdilaudit, \. illustris; — Ehrenpunkt, Uz. point 
d'honneur: — Eindrudt, 1. impressio; — Einkommen, e. income; — Eisenbahn^ 



§ 113a. Das Übersetzungslehnwort. § 114. Allgemeines. 163 

Uz. chemin de fer; — Hnte 'falsche Nachricht', ixz. canard; — Entartung, \. degene- 
ratio; — entwickeln seine Gedanken, \. explicare, Uz. expliquer; — entziffern, Uz. 
dediiffrer; — Erlöser, 1. redemptor; — Fortsdiritt. 1. progressus, Uz. progres; — 
Gegend, Uz. contree; — Gesiditspiinkt, Uz. point de vue, 1. punctum visus; — 
Gleidigewidtt, \. aequilibriuni; — tote Hand, 1. nianus mortua; — Kriegspfad, 
e. warpat/i; — auf dem Laufenden bleiben, Uz. rester au courant; — Lockspitzel , 
Uz. agent provocateur; — gute Miene zum bösen Spiel machen, Uz. faire bonne 
mine ä mauvais jeu; — Nichtstun, ital. far niente; — Rücksicht, 1. respectus; — 
Sammetpfötdien. Uz. patte de velours; — sdiöne Seele, Uz. belle äme; — Sdiutz- 
und Trutzbündnis, Offensiv- und Defensivbündnis; — Selbstverwaltung, c. self- 
governement; — Spiel des Zufalls, Uz. jeu da hasard; — Stammbaum, 1. arbor 
generationis; — stehenden Fußes, 1. staute pede; — Tagesordnung, Uz. ordre du 
jour; — Thronrede, e. speedi from the throne; — Trinkgeld, Uz. pourboire u. v. a. 
Auf der andern Seite kann sich bei einem deutschen Wort unter dem 
Einfluß eines fremden eine besondere Bedeutung entwickeln, d. h. bei einem 
fremden Wort, das einem deutschen in einer Bedeutung entspricht, finden 
sich auch andere Bedeutungen, und nun gebraucht man im Deutschen auch 
die sonstigen oder wenigstens eine andere Bedeutung. Das frz. repondre 
heißt im Deutschen antworten, es bedeutet aber auch 'entsprechen , und 
so ist es kein Wunder, wenn ein Schweizer Sprachforscher sagt: dies Wort 
antwortet dem und dem, statt entsprlclit. Einen der ältesten Fälle dieser 
Art haben wir wohl in unserem deutschen lesen. Es bedeutet zweifellos 
zunächst 'sammeln' und entspricht so lat. legere. Da dieses aber auch die 
andere Bedeutung 'Buchstaben zu Sinn und Bedeutung zusammenfassen' 
hat, so ist diese auch im Deutschen entstanden. Wir haben es also mit der 
Entlehnung einer Bedeutung zu tun.') Zahlreiche Beispiele findet man in 
den genannten Singerschen Aufsätzen. 



Neuntes Kapitel. 

Die Entwicklung des deutsciien Wortschatzes 

in einigen Hauptzügen. 

§ 114. Allgemeines. Wir haben in den bisherigen Abschnitten gesehen, 
daß sich der deutsche Wortschatz in drei Grundbestandteile zerlegen läßt, 
in die aus vorgeschichtlicher Zeit stammenden Grundwörter, mit denen man 
die Fälle von Urschöpfung vereinigen kann, in die Ableitungen und Zu- 
sammensetzungen, mit deren Hilfe die Sprache immer neue Worte schafft, 
und in die Lehnwörter. Es erschien uns in der ersten Abteilung nicht von 
wesentlicher Bedeutung, ob ein Wort außerhalb des Germanischen in 
mehreren Sprachen, oder ob es nur in einer belegt war; ja selbst die erst 



') Gewöhnlich erklärt man die Bedeutung aus dem Lateinischen entlehnt ist. Das Eng- 

■lesen' aus dem Sammeln und Zusammen- lische hat die alten Ausdrücke read, eig. 

setzen der Runen. Aber die gegebene Er- 'raten', und write, eig. 'ritzen', 
klärung ist wahrscheinlicher, weil schreiben 

ir== 



164 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung dls deutschen Wortschatzes. 



im Germanischen auftauchenden nicht ableitbaren Worte konnten wir nicht 
als von andrer Art ansehen als die zuerst genannten. Wollen wir nun zu einer 
Geschichte der Entwicklung des deutschen Wortschatzes gelangen, so stoßen 
wir dabei mangels Vorarbeiten auf vorläufig unüberwindliche Schwierigkeiten. 

Der Wortschatz ist nichts Festes, sondern etwas ewig Wechselndes. 
Zu allen Zeiten vergehen Worte, und alle Zeiten bringen neue Ausdrücke 
hervor. Sicherlich gibt es hierin Unterschiede. Zeiten großer Ereignisse, 
neuer Erfindungen, sozialer und politischer Umwälzungen, gesteigerter 
literarischer Tätigkeit sind zweifellos für das Aufkommen neuer Worte be- 
sonders bedeutungsvoll. Es gibt Jahrzehnte und Jahrhunderte, in denen 
neue Worte, wie im Frühjahr die Knospen nach befruchtendem Regen mit 
Macht hervorbrechen, und andere, die im wesentlichen nur von dem Über- 
kommenen zehren. Eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des 
deutschen Wortschatzes müßte den Anteil, den jedes Jahrhundert oder jeder 
bedeutungsvolle Zeitabschnitt an der Bereicherung unsres Wortschatzes ge- 
habt hat, klarlegen, indem sie die jeweils neu gebildeten oder neu in die 
allgemeine Umgangssprache aufgenommenen Worte zusammenstellt. Leider 
ist das heute noch nahezu unmöglich, da so gut wie alle Vorarbeiten fehlen. 
Wir können daher nur einige Bruchstücke geben. 

Wollen wir zu einer Entwicklungsgeschichte des deutschen Wortschatzes 
gelangen, so können wir unter anderm auch den Weg einschlagen, die 
Worte nach ihrer begrifflichen Verwandtschaft zusammenzustellen, um dann 
zu untersuchen, woher diese stammen. Dabei stoßen wir sofort auf eine 
Reihe von Begriffsgruppen, deren Ausdrücke wesentlich aus dem Indo- 
germanischen herrühren, während dies bei andern weniger der Fall ist. Da 
jene die Grundw^örter der Sprache bilden, so wird es verständlich, daß wir 
diese besonders stark heranziehen. 

§ 115. Zusammenstellung der Worte nach Begriffsgruppen. Stellt man die 
Wörter einiger Begriffsgruppen ihrer Herkunft nach zusammen, so ergibt 
sich, daß bei einigen fast alle aus dem Indogermanischen stammen, so 
z. B. bei den Zahlwörtern bis 100. Daraus kann man ohne weiteres folgern, 
daß die Indogermanen schon bis hundert gezählt haben, was immerhin 
eine nicht so ganz selbstverständliche Erkenntnis ist. Und so geht es 
weiter, überall lassen sich aus den sprachlichen Erscheinungen kultur- 
geschichtliche Erkenntnisse ableiten. Schon J. Grimm hat für eine derartige 
Betrachtungsweise in seiner 'Geschichte der deutschen Sprache' die Wege 
gewiesen, und es hat sich daraus eine eigene Wissenschaft, die indo- 
germanische Altertumskunde entwickelt. Als einen Teil ihrer Aufgabe kann 
man die Untersuchung der Frage betrachten, inwieweit sich aus den im 
Indogermanischen nachzuweisenden Worte Schlüsse auf die Kultur der Indo- 
germanen ziehen lassen. Freilich ist diese Frage noch nicht zur Genüge 
beantwortet. Während man früher frohen Mutes einfach die Worte zusammen- 
stellte und daraus seine Folgerungen zog, ist man heute skeptisch geworden. 



§115. Zusammenstellung der Worte nach Begriffsgruppen. 165 

Manche Forscher bezweifeln sogar die Möglichkeit ganz, mit Hilfe der 
Sprache etwas zu ermitteln. Der Grund an diesem Zweifel liegt vor allem 
darin, daß uns Arbeiten über den Wortschatz der Einzelsprachen fehlen, die 
diesen ohne vorgefaßte Meinung zusammenstellen und auf seine Trag- 
fähigkeit untersuchen. Und daher hoffe ich, in dem folgenden Abschnitt 
auch nach dieser Richtung etwas bieten zu können. 

Anmerkung 1. Die Hauptwerke über die indogermanische Altertumskunde sind: 
PiCTET, Les origines indoeuropeennes, 2. Auflage, Paris 1877; veraltet, aber wegen des darin 
enthaltenen Sprachstoffes noch immer wertvoll. — O. Schrader, Sprachvergleichung und 
Urgeschichte, 3. Auflage, Jena 1907. — O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen 
Altertumskunde, Straßburg 1901, -1. Lieferung 1917. Diese beiden Bücher, namentlich das 
letztere, enthalten viel sprachliches Material. — H. Hirt, Die Indogermanen, ihre Verbrei- 
tung, ihre Urheimat und ihre Kultur, 2 Bände, Straßburg 1906, 1907. Ich gebe mit den 
folgenden Zusammenstellungen eine gewisse Ergänzung zu meinem Buch. — S. Feist, 
Kultur, Ausbreitung und Herkunft der Indogermanen, 1913. — Auch Fr. Kauffmann, 
Deutsche Altertumskunde 1, 1913, in diesem Handbuch 5, 1, bietet wertvollen Stoff. 

Der erste, der den germanischen Wortschatz nach seiner Herkunft ge- 
ordnet und betrachtet hat, war Ernst Förstemann in seiner Geschichte des 
deutschen Sprachstammes, 2 Bände, Nordhausen 1874 f. Doch ist dieses 
Werk völlig veraltet. Einwandfreies reiches Material findet man bei M. Heyne, 
Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer: 1. Das deutsche Wohnungswesen, 
1899; 2. Das deutsche Nahrungswesen, 1901; 3. Körperpflege und Kleidung 
bei den Deutschen, 1903; die beiden letzten Bände sind leider nicht er- 
schienen. Dazu noch M. Heyne, Das altdeutsche Handwerk; aus dem Nach- 
laß; 1908. Als Bearbeiter des deutschen Wörterbuchs hat Heyne natürlich 
der Sprache seine besondere Aufmerksamkeit zugewendet, und es findet 
sich daher in diesen Büchern manche feine Bemerkung über den Wortschatz. 

In neuerer Zeit haben namentlich der Anglist Hoops und seine Schüler 
der systematischen Untersuchung des altenglischen Wortschatzes ihre Auf- 
merksamkeit zugewendet. Es sind uns eine Reihe tüchtiger Arbeiten be- 
schert worden, die auch der deutschen Etymologie zugute kommen. Diese 
Arbeiten werden seinerzeit genannt werden. Natürlich ist es nicht möglich, 
die Lücken auf diesem Gebiet in diesem Buche vollständig zu ergänzen, 
auch würde eine umfassende Darstellung des Wortschatzes nach dieser 
Richtung weit über den zur Verfügung stehenden Raum hinausgehen. 

Anmerkung 2. Da dem Lehrer nur das Lateinische und Griechische geläufig ist, 
beschränke ich mich bei der Angabe der Etymologien, wenn nicht besondere Umstände 
anderes erfordern, auf die Heranziehung dieser beiden Sprachen, und verweise im übrigen 
auf die etymologischen Wörterbücher. Im Germanischen führe ich die älteste Form an, 
also wenn die gotische belegt ist, diese neben der althochdeutschen. Von den nichtdeutschen 
Dialekten ist nur das Englische systematisch berücksichtigt worden, wie es dem Bedürfnis 
entspricht. Auf die Anführung von Literatur muß ich in der Hauptsache verzichten. 

§ 116. Die Zahlwörter. Die Grundbestandteile unsrer Zahlworte sind indo- 
germanisch. Sie haben sich in fast allen Sprachen gut erhalten, insbesondere 
stimmen alle germanischen Dialekte gut überein. 

Eins, got. ains, ahd. ein, e. one, lat. äniis, gr. oh'»] {oine) 'die Eins auf dem Würfel'. 



166 Neuntes Kapitel. Die Hntwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Zwei, got. twai in., twos f., iwa n., alid. zuwiir m., zwo f., zwei n., e. two, \.dtio, 
gr. livo (dyo). 

Anmerkung 1. zweite ist eigcntlicli eine Art Kullcktivnm und stellt für zweine, das 
nach zwe umgestaltet ist. Diese Form steckt noch in zwanzig, ahd. zweinzu^, Q.twenty. 
Es ist der Bildimg nach mit lat. bini zu vergleichen, vgl. Bhugm.ann, Abh. d. Silclis. Ges. 
d. Wiss. 25 Nr. 5 S. 24 und 34. 

Drei, got. preis, Ntr. jjrijn, ahd. dne, e. three, lat. tres, gr. rorU (trPs), idg. *trejes. 

\ 'ier , giii.fidiz'or, ahd. fior.c.fotir. lat. qnntttior, gr. jhuojFc {tettares). der. iiroftf(;{tetores). 

I'ürif, got. ahd. /im/, *:. /ive, \a[. qiiinque, gv. .ihiy (pente). 

Seiiis, got. saifis. ahd. se/is, e. six, lat. v<>^.v, gr. /.; (hex). 

Sieben, got. ahd. 5/6«//. c. seven, \a[. Septem, gr. .'.Tra {heptä). 

Aefit, got. ahtaii, ahd. fl///o, c. ^/^//^ lat. octü, gr. oÄir»/; {oktö). 

Neun, got. ahd. ///////, c. nine, lat. novem, gr. f'n/« [enn^o). 

Zehn, got. taihiin, ahd. zehan, e. /f//, lat. decem, gr. fV'^;« idcka). 

Eine besondere Ei^i^entümlichkeit des germanischen Zahlensystems bilden 
die Zahlen W/ und zwölf, got. ^z//////, twalif, e. elleven, huelf. Während 
diese in allen andern Sprachen durch Zusammenrückung von 1 und 10, 
2 und 10 gebildet werden (lat. u/idecim, diiodecini), zeigt das Germanische 
ein Element lif, das bisher noch nicht erklärt ist. 

Anmerkung 2. Im Litauischen wird ganz entsprechend lika gebraucht, aber bis 
zur 19. Ich glaube, daß hier ein etymologischer Zusammenhang besteht. 

Wahrend man früher an dieser Erscheinung aciillos vorüberging, hat Jon. SCH.MIDI, 
Die Urheimat der Indogermancn und das europäische Zahlensystem, Abhandlungen der 
Berliner Akademie 1890. darauf hingewiesen, daß wir es bei diesen Zahlworten mit den 
Spuren einer Zwölferrechnung zu tim haben. Wir finden wie nach 12 im Germanischen 
auch einen Einschnitt nach 60: go{. saihstigjus, ahd. sehsziig. aber 70 usw. goi. sihiintr- 
hiind, ahd. sibunzo. altsächs. antsibunta, ags. hiindseo/ontig, und drittens kommt hinzu, daß 
das alte Zahlwort für 100, got. hnnd = lat. centiim, gr. t:«a>'>r (hekaiön). vielfacii 120 be- 
deutet. Spuren dieser 12/60 er Rechnung finden sich auch im Griechischen und Lateinischen. 
Joh. Schmidt sieht darin einen Einfluß der baoylonischen Rechnung; vgl. noch Hirt, Die 
Indogermancn 2, 534. 

Die Zehner sind also ursprünglich von 20 — 60, jetzt bis 90, mit einem 
Element -zig, ahd. -zig, -ziig, got. -tigjus, engl, -ty zusammengesetzt, dessen 
erste Silbe nach den Gesetzen der Lautverschiebung zu lat. decem, gr. öty.n 
(deka) stimmt. 1) Die klassischen Sprachen weichen vom Germanischen ab, 
indem sie ein Element lat. -gint-, gr. -xorr- {-kont-) anfügen, das wohl aus 
'■■(de)komt entstanden ist (siehe unten) und also auch mit zehn zusammen- 
hängt. Im Germanischen sagte man also 'zwei Dekaden, drei Dekaden' usw. 

Weiter war im Indogermanischen ein Zahlwort für /zw/zö'^/'/^ ausgebildet: 
got. hiind == lat. centiim, gr. fxaTÖr (hekatön). Dies ist wahrscheinlich aus 
'■{de)k»)föm entstanden und bedeutet eigentlich 'eine Zehnheit' sc. von 
Zehnern. Wir gebrauchen in hundert jetzt eine Zusammensetzung, die zwar 
erst im 12. Jahrhundert belegt ist, aber da sie auch in den übrigen ger- 
manischen Sprachen erscheint, sehr viel älter sein dürfte: as. hunderod, 
ags. e. hundred, anord. hundrad. Den zweiten Bestandteil stellt man ge- 
wöhnlich zu got. rapjan 'zählen, rechnen', wobei mir die Bildung nicht klar ist. 

') In dreißig und vierzig ist das alte t verschieden verschoben worden. 



§116. Die Zahlwörter. 167 



Unser deutsches Wort tausend, ahd. diisiint, got pusnndi, e. thousand 
hatte ursprünglich keinen Zahlenwert, sondern bezeichnet 'eine große Menge', 
vgl. Hirt, Idg. Forsch. 6, 344. Es gehört zu einer Wurzel, die auch in 
Daumen u. a. steckt. 

Ebenso wie die Kardinalien sind auch die Ordinalien zum größten Teil 
indogermanisch. Ein Ordinale zu eins als unmittelbare Ableitung gibt es in 
keiner Sprache. Es finden sich dafür vielmehr Ausdrücke wie der vorderste. 
Unser erster, ahd. as. eristo, ags. aresta ist der Superlativ zu eher, ahd. eriro 
^der frühere', got. airiza. Engl, first ist unser Fürst, ahd. furisto, eigentlich 
■'der vorderste', zu dem Stamm vor, für. 

Der Ausdruck zzveiter ist eine späte Bildung des 15. Jahrhunderts. 
Früher gebrauchte man dafür ander, ahd. andar, e. other, got. anpar 'der 
•eine von zweien', das zu lit. ahtras, preuß. antars 'der andere' gehört. 

Der dritte, vierte usw. werden jetzt mit einem Suffix -t gebildet, das 
auf idg. -to, vgl. lat. sextiis, zurückgeht. 

Außerdem gibt es noch eine Reihe von Zahlwortbildungen, die dis- 
Iributiven Zahladverbien, in betreff derer ich auf die Handbücher verweise. 

Während für die Begriffe von drei an nur ein Ausdruck besteht, haben 
wir für eins und zwei mehrere. 

Eins bedeutet wohl ursprünglich das alleinstehende Einzelding. Da- 
Tieben gibt es noch ein anderes Wort, gr. ek [hes) aus '■sems, lat. sem in 
singiili, das nach dem damit verwandten d. samt, ahd. samant; zusammen, 
sammeln, gr.utia (hdma) die eins bedeutet, die aus der Vereinigung mehrerer 
Dinge entstanden ist. Wir besitzen es nur in der Bedeutung 'immer' in Singrün 
^Immergrün', Sündflut umgedeutet aus ahd. sinvluot. Dazu auch engl. some. 

Zzuei ist wahrscheinlich die zwei, die aus einer Einheit entstanden ist, 
vgl. entzwei. Für eine andere Art der Zweiheit, des Paares, haben wir das 
Wort beide, dessen erster Bestandteil xmigx.ufi-q}co {ämpho),\2i\..ambo zn- 
sammenhängt. Das de ist der Artikel, ohne den das Wort erscheint in got. 
■bajops, ags. begen. Engl, both ist aus bath entstanden und entspricht unserm 
beide. Näheres bei Weigand s. v. Ein dritter Ausdruck, der in lat. vi-ginti, 
gr. el'-y.ooi {ikosi) steckt, ist im Germanischen verloren gegangen. Man hat 
^s in Weih{e), eig. Gabeliweih) gesucht. 

Von den Zahhvorten sind eine Reihe von Worten abgeleitet, in denen man jene nicht 
mehr erkennt, nämlich Zwirn, mhd. zwirn m. 'zweidrähtiger Faden', e. ^wm^ 'Zwirn'; — 
zwischen, ahd. in zwisken, untar zwisken, e. betwixt 'zwischen'; — Zweig, ahd. zwigm., 
«. twig: — Zwiesel l. 'Gabel', ahd. zwisila f. 'Gabel, gabelförmiger Zweig' u. a. Von drei 
stammt Drell, das wahrscheinlich aus einem altern -'drinal entstanden ist, vgl. ahd. zwinal 
'gemellus', wovon ahd. zwiniling (engl, twinling), jetzt Zwilling, danach Drilling. 
Zwist, t.twist; — Zwitter, ahd. zwitarn 'Kebskind'; — Zwilch. Zwillich, Drildi, Drillidi 
'Gewebe aus zwei, drei Fäden', gehen auf ahd. zwilih, drilih 'zwei-, dreifach' zurück, 
■die Nachbildungen des lat. bilix, trilix 'zwei-, dreifädig' sind. In niederdeutscher Form 
liaben wir Twenter 'zweijähriges Pferd' aus twe-winter, wie lat. bimus aus bihimiis. Durch 
Umdeutung sind wohl Eimer, ahd. eim-bar, gr. lat. amphora und auch wohl Zuber, 
^hd. zwibar, mnd. tnbbe entstanden. 



168 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Außerdem i^ibt es noch eine Reihe von Zahlwörtern, die ursprüni^Hch etwas 
anderes bedeutet haben und erst aUmäiiHch zu ihrer Bedeutuni^ «gekommen sind : 

Mandel, iirspriinj^lich 'üetrcidcliaufcn', also zusamincngcstclltc üarbcn von 15 Stück; 
unklarer Herkunft: zu Manny -- Stiege "20 Stück'; unklarer Herkunft; auch im Krim- 
jjotischen als stega. — Sciiock, mhd. sdioc m. 'Haufe', ursprünglich wohl ein Oetreide- 
haufen von 60 Garben. — Wal! m. '80 Stück', bes. im Fischhandel, zurückgehend auf got. 
Wallis 'Stab', d. h. also, soviel Fisclie als auf einen Stock gehen. — Zimmer n. "ein 
Schock", oder 40, .50 Felle (im Pelzhandcl), mhd. zimber '40 Stück Pelzwerk', anord. timbrn. 
Entlehnt engl, timber. U7.. timbrc '40 Pelze'. Fig. woiil 'Stapel' und eins mit Zimmer. 

Über die eigentHche Bedeutung der Grundzahlworte wissen wir immer 
noch so gut wie nichts. Die eben erwähnten Zahlworte geben aber Anhalts- 
punkte, wie man sich ihre Entstehung zu denken hat. 

Kulturgeschichtlich wichtig bleibt es, daß wir bei den Indogermanen und 
Germanen die ausgesprochene Zehnerrechnung finden, die nur durch ein 
Zwölfersystem gekreuzt wird. Dagegen fehlt die Zwanzigerrechnung bei 
ihnen, die sonst in Europa mehrfach vorkommt, vgl. z. B. fr. quatre-vingt. 
Siehe darüber Hirt, Die Indogermanen 2, 531 ff. 

Entlehnungen sind auf dem Gebiete der Zahlworte nicht häufig, aber durchaus 
nicht ausgeschlossen. So wird im Spütmittelhochdeutschen Dutzend aus frz. douzaine, 
doppelt aus frz. double im Frühncuhochdeutsciien entlehnt. Schon in ahd. Zeit erhalten wir 
Dedier m. '10 Stück', das sich noch heute im Pelzhandel findet, aus 1. decuria. Die Aus- 
drücke für die hohen Zahlen, Million, Milliarde, gehören der neuern Zeit an, ersteres^ 
dem 17., letzteres dem 19. Jahrhundert. Man sieht, wie wir allmählich rechnen gelernt haben. 

Unsere Zahlzeichen nennen wir bekanntlich die arabischen, weil sie 
durch Vermittlung der Araber zu uns gekommen sind. In Wirklichkeit sind 
die Inder die Erfinder. Auch hierfür zeugt die Sprache. Unser Ziffer ist das 
arab. (ifr 'Null' und dies eine Übersetzung des altindischen sunja- 'leer'. 
Im 15. Jahrhundert findet es sich im Deutschen und geht um 1500 in die 
jetzige Bedeutung über. Für Null selbst entnehmen wir das ital. nulla eig. 
milla res, zuerst 1514. 

Die Zahlen sind in ihrer Bedeutung wenig veränderlich. Nur in zwei 
Fällen haben sie sich merkwürdig entwickelt. Wir sagen eine böse Sieben 
für 'böse Frau', und ei der Tausend. Die erste Ausdrucksweise geht auf 
das Karnöffelspiel zurück, in dem die Sieben eine Freikarte war, die alle 
andern stach. 1588 zeigt sich unter der Sieben die Gestalt eines bösen 
Weibes. Die zweite Redensart geht wohl auf Tausendkünstler zurück und 
meint den Teufel. 

§ 117. Die Körperteilnamen. 

Literatur: C. Pauli, Die Körperteile bei den Indogermanen, Programm, Stettin 1867. — 
O. SCHRADER. Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde S. 464. — Ad. Hollenberg, 
Sprachliche Untersuchungen, besonders etymologischer und onomatischer Art, angeknüpft 
an die deutsche Benennung des menschlichen Körpers und seiner Teile, Gütersloh 1895. — 
W. T. Arnoldson, Parts of the body in older Germanic and Scandinavian, Chicago 1915. — 
F. Thöne, Die Namen der menschlichen Körperteile bei den Angelsachsen, Diss. Kiel 1912. 

Auf keinem Gebiet, von den Zahlworten abgesehen, läßt sich der 
deutsche Wortschatz so häufig bis in die indogermanische Grundsprache 



§ 117. Die Körphrteilnamen. 169 



zurückverfolgen wie auf dem der Körperteilnamen. Das beruht darauf, daß die 
Indogermanen die Tiere, die sie aßen, stets selbst zerlegten, und daß daher 
Ausdrücke für alle einzelnen Glieder und Teile vorhanden waren. Sie 
blieben auch dauernd erhalten, weil in dieser Tätigkeit keine Veränderung 
des Lebens eintrat. Erst in der neuern Zeit findet ein völliger Wandel statt, 
und da sicher viele Menschen heute nie das Innere eines Tieres gesehen 
haben und nie sehen werden, so wird ihr Wortschatz auf diesem Gebiete 
Einbuße erleiden und hat ihn schon erlitten. 

Die Fülle der alten Ausdrücke dürfte billig in Erstaunen setzen. Trotz- 
dem gehen auch hier die Worte nicht durch alle Sprachen hindurch, ja 
einige germanische Ausdrücke lassen sich bis jetzt noch nicht in andern 
Sprachen nachweisen. Da sie 'indessen wie die andern altertümlich aus- 
sehen, so ist nicht etwa anzunehmen, daß diese Worte erst im Sonderleben 
des Germanischen neu gebildet seien, sondern wir müssen voraussetzen, 
daß die übrigen Sprachen die Ausdrücke verloren haben. Wahrscheinlich 
haben eben für gewisse Teile des tierischen Körpers mehrere Ausdrücke 
bestanden, wie dies noch heute in der Jägersprache der Fall ist. Als man 
im Laufe der geistigen Entwicklung immer mehr zusammenfaßte, gingen 
einzelne Ausdrücke allen Sprachen verloren, ebenso wie das Germanische 
einzelne Bezeichnungen verloren hat. Natürlich gibt es auch einige junge 
Ausdrücke, namentlich für Körperteile, die man nicht gern nennt, und auch 
Entlehnungen, aber es tritt dies doch sehr zurück. 

Es dürfte am besten sein, die Worte alphabetisch geordnet vorzuführen. 

1. INDOGERMANISCHE BESTANDTEILE. 

Adisel, alid. ahsala f., lat. ala 'Flügel', dim. axilla 'Achselhöhle'. Dazu mit Ablaut Schweiz. 
Üedis, ahd. uodiisa. 

Ader, ahd. adara f. 'Ader, Sehne', zu gr. i)Ton {wtor) 'Herz', i'iioor {<etron) 'Bauch'; ur- 
sprüngliche Bedeutung wohl 'Eingeweide'. 

Anke 'Nacken', ahd. anka 'Genick', got. halsagga 'Nacken', gr. ayy.wr {aukön) 'Ellenbogen'. 

Arm, ahd. ö/7?z, t. arm, got. ar ms, lat. armiis 'der oberste Teil des Oberarms, Schulter- 
blatt, Vorderbug'. 

Arsdj, ahd. nrs, e. arse, gr. oooo,- (örros) m. 'Steißbein, Bürzel'. 

Auge, ahd. ouga, c. eye, got. augo. Die Etymologie ist schwierig. Die Verbindung mit 
lat. oculus, gr. nam {össe) ist lautlich nicht möglich, man müßte "'ago oder ''awo erwarten. 
Manche nehmen nun an, daß die Form Auge aus diesen beiden Formen kombiniert 
sei, andere, daß das au von dem Wort Ohr, got. auso stamme. Beides sind aber nur 
Notbehelfe. So hat man denn das Wort ganz von lat. oculus getrennt und zu ir. üag 
'Höhle' aus aug- gestellt. Besonders auffallend wäre es nicht, wenn bei den Germanen 
ein besonderes Wort für 'Auge' aufträte, da man ja in der Jägersprache noch heute ver- 
schiedene Ausdrücke besitzt. 

Badie, zwei verschiedene Worte. Ahd. badio. auch in kinnibadio, gehört zu gr. (fayd)y 
(phagdn) (Hesych) 'Kinnbacken'; mhd. arsbad^e ist gemeingerm., tng\. badi 'Rücken' 
und wird mit air. öacr 'Haken, Hacke, Krummstab' verbunden, ist also wohl euphemistisch. 

Balg, ahd. balg m. (/-Stamm), eig. 'die abgezogene Tierhaut', daher got. öö/^5 'Schlauch', 
e. bellows 'Blasebalg', gehört zu lat. follis 'lederner Schlauch'. Wenn das Wort zu ahd» 
belgan 'aufschwellen' zu stellen ist, so wäre die Bedeutung 'Schlauch' als ursprünglich 
anzusehen. 



170 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Bart, ahd. hart, c. beard, lat. harba (eigentlich erwartete man '^farba, doch hat hier eine 

Assimilation stattgefunden). 
Braue, ahd. brawa, daneben anord. bntn 'Augenbraue' mit re^relrechtem Ablaut, zu gr. 

''.f/oiv (ophrys). abg. brnv, kelt. briva iiriicke'. 
Bregen, Lehnwort aus dem Ndd., mndd. bregen, engl, brain, von J. Sch.midt, Kritik der 

Sonantentheoric, überzeugend wieder zu gr. ßo^yna {bregmä), fioF/im (bn'khma), ßnryuö^: 

(brekhrnds) 'Vorderkopf' gestellt. 
Bug, ahd. buog 'Obergelenk des Arms. Achsel, Obergclenk des Beines. Hüfte, Bug der 

Tiere', e. bough 'Ast' und bow 'Bug des Schiffes' zu gr. .yij/;i\- (pakhys) (aus phökhys) 

'Ellenbogen, Unterarm. Armbug'. 
Darm, ahd. riarm zu gr. ro«/««- (trämis) 'der enge Raum zwischen den Beinen, vom After 

bis zur Scham". Entfernt verwandt ist vielleicht auch gr. Tot',ii,t {tniina) 'Loch, Öffnung'. 
Daumen, ahd. dnmo, e. thitmb zu aind. tutunu'ih 'stark'. 
Dickbein, ahd. dioh 'Schenkel', c. thigfi zu lit. taiikal 'Fett'. 
Izlle, ahd. elina, c. e/l, got. aleina bedeutet eigentlich 'Vorderarm' und gehört zu gr. km*'»;/ 

(o/enif), lat. ulna. Davon Ellenbogen, ahd. elinbogo. 
Enkel 'Fußknöchel', ahd. enkil, e. ankle zu ahd. enka 'Schenkel, Schienbein, Knöchel", 

und weiter zu gr. nw: (ijnykhs), I. unguis. 
Euter, ahd. utar. e. udder zu gr. orOan (utliar). lat. aber, aind. ndhar. 
Faust, ahd. //<5^ t. fist aus ''funhstis zu ^hg. prsti 'Faust'. 

Feder, z\\A. fi'dara, t. feather zu gr. .-ir^por (pterön), ahg. per o aus *petro 'Feder'. 
/•>//, ahd./VV •Haut". &. feil. got. -//// 'Haut' zu \a{. pellis. 
Ferse, ahd. fersana zu gr. .Tr.w>iYi (pterna) 'Ferse, Schinken', lat. perna 'die Hüfte nebst 

dem Fuße. Hinterkeule', aind. pär<nih 'Ferse'; im Englischen dafür heel 'Ferse', das 

wohl mit Haäien zusammenhängt. 
Fleisdi, ahd. fleisk, e.flesh. Die ursprüngliche Bedeutung ist wohl 'fettes Fleisch", weil 

ags. flicce, e. flitdi 'Speckseite" verwandt zu sein scheint. Weiter dazu vielleicht der 

Stamm von lit. pältis 'Speckseite'. 
Fuß, ahd. fuoi, e. foot, got fötus zu lat. pts, gr. .toi's- (piis). 
Fut 'cunnus', erhalten in Hundsfott, \a\. praepütium, \\{. paiitas 'Ei, Hode'. 
Galle, ahd. galla. c. gall, \at.fel. gr. zo/.i} {kholuK 
Garn 'der zweite Magen der Wiederkäuer', ahd. mitti-garni "Fettnetz inmitten der Därme', 

zu lit. zärna 'Darm', lat. haru- in hani-spex, gr. y^nißi] (khord(P) 'Darm'. 
Gaumen, ahd. goumo, guomo 'Gaumen. Kehle. Rachen", e. gums 'Zahnfleisch', zu lit. ^o- 

murls 'Gaumen'. 
Giebel, ahd. gibil 'Stirn- oder \'orderseite', got gibla "oberste Spitze, Zinne' zu ahd. ^^^0/ 

'Schädel. Kopf, urverwandt mit gr. y.Fr/a}.,'j (kephalu) 'Kopf". 
Glied, ahd. gilid 'Verbindung. Gelenk", ahd. lith, lid 'Glied', got. lipus, wohl zu \at lituus 

'Krummstab des Augurn". 
Hadisc (SchweinshadiseriK ahd. hahsa 'Kniebug des Hinterbeins', besonders vom Pferde 

gesagt, lat. coxa 'Hüfte', coxim 'kauernd', ir. coss 'Fuß', kymr. cors 'Hüftbein'. 
Hals, ahd. got. as. ndl. hals, e. to halse "umarmen", lat. collum. 
Hand, got. handus, e. hand, wahrscheinlich indogermanisch: vgl. Blankensten, Idg. 

Forsch. 21,99. 
Haupt, ahd. houbit. e. head, got. haubip. Neben der Form mit au steht in den Dialekten 

eine, die auf idg. a weist, an. höfud. und zu der lat. caput stimmt. Das au stammt ent- 
weder aus einer Form mit ähnlicher Bedeutung oder ist alte Ablautsform. idg. '^kwaput. 
Haut, ahd. hat, e. hide. lat. cutis, gr. y.vTo- ykytos) 'Haut. Hülle". Auch gr. oyciroc (skytos) 

'Haut, Leder", lat scütum 'Schild' gehört dazu. 
Herz, ahd. herza, e. heart, got. hairtö, lat. cor. cordis. gr. yamMa (kardia). 
Hirn, ahd. hirni "Gehirn", e. dial. harns 'Gehirn', ndl. hersen, Grundform hersnjom, zu 

lat. cerebrum aus ceresrom, gr. y.äoipov {kdru^nont aus ' karasnon 'Kopf. 



§117. Die Körperteilnamen. 171 



Höcker, erst mhd. hoger, dafür alid. hovar. zu lit. kuprä 'Buckel, Höcker". 

Hode, ahd. hodo mit mehrfacher Anknüpfung. 

Hörn, ahd. got. anord. ags. e. afries. hörn, lat. cornii. 

Hüfte, ahd. huf, e. hip, zu gr. y.vßo; {kybos) 'Höhlung vor der Hüfte am Vieh', -y.rßtiw 

(kybiton), lat. cnbitiim 'Ellenbogen', 
//z 5:"^ /-'das eßbare Eingeweide eines geschlachteten Tieres', zu l.////^5;'(7zfl, lit. {•<c'ö5 'Eingeweide'. 
Kehle, z\\<^. kela, lat. gula. 

Kiefer, mhd. kiver, kivel 'Kiefer, Kinnbacken', zu awest. zafar- 'Mund'. 
Kinn. ahd. kinni, t. chin, got. kinnus mit ursprünglicher Bedeutung 'Wange', wie noch in 

Kinnbein, zu gr. ytrv? (genys) 'Kinn, Kinnlade., Kinnbacke', lat. dentes genutni 'Backenzähne.' . 
Klaue, ahd. klawa, e. claw, ai. glaiih- 'Ballen', gr. y.ovrrk (gloutös) 'Hinterbacke'. 
Knie, ahd. kneo, got. knin, e. knee, mit Sciiwebeablaut zu lat. genii, gr. ;•'.■)■?■ (göny). 
Kragen, ursprünglich 'Hals', engl, cra^ 'Hals, Nacken', verwandt mit air. ^ra^^ 'Nacken', 

gr. ßgöyxog (bröukhos) 'Kehle, Gurgel'. 
Kropf, ahd. kroph, e. cro/; 'Spitze, Kornähre, Ernte', vielleicht zu gr. yof.-rö^ igfypös) 'gekrümmt'. 
Z.fl/?/'^«, ahd. /rt/7/7fl 'niederhängendes Zeugstück', e./fl/7 'Schoß', gr./.o/)'o-(/oftÖ5) 'Ohrläppchen'. 
lieber, ahd. lebara wird gewöhnlich zu gr. r/.T«o {hd'par), lat. iecur, ai. y^J^)/ gestellt. Doch 

macht der Anlaut / Schwierigkeiten. Ganz genau entspricht arm. leard aus *lepard. Es 

scheinen zwei verschiedene Wörter vermischt zu sein. 
Lende, ahd. lentl. zu lat. lambiis, abg. Icdvija 'Lende, Niere'. 
Lippe, nicht mhd., ahd., obd. Lefze, asächs. lepiir zu lat. labiiim. 

Mähne, ahd. niana, e. inane. Die ältere Bedeutung war vielleicht 'Hals', wie aus der Ab- 
leitung an. men, ags. mene, ahd. menni 'Halsschmuck' hervorgeht. Derselbe Stamm in lat. 

momle, altix. muince 'Halskette', aind./wa«/- 'Perlenschnur' und auch aind. wfl/zy<7 f. 'Nacken'. 
Mark, ahd. tnarg, e. marrow zu abg. mozg'n, awest. tnazga-, aind. majjän-. 
Mund, ahd. miind m., e. mouth, got. munps m. v.'ird gewöhnlich zu lat. mentuni 'Kinn' 

mit möglichem Bedeutungsübergang gestellt. Btr. 22. 228 habe ich hiermit gr. oinnc 

{Stoma), oTÖiiuTo; {stömatos) vereinigt. 
Nabel, ahd. nabalo m. mit Schwebeablaut zu gr. d/iiqpa?.ö; {omphalös), lat. iimbiliciis, air. 

imbliu, Ableitung von Nabe. 
Nadten, mhd. nadte, ahd. hnak, ags. hnecca mit der Ablautsform, die auch in d. Genick 

vorliegt, e. neck zu air. knokk, abret. knoch 'Hügel, Erhebung'. 
Nagel, ahd. nagal, e. nail. got. nagljan 'nageln', mit Schwebeablaut zu gr. öVi'if {önyx), 

lat. unguis, abg. nogiiti 'Nagel, Kralle'. 
Nase, ahd. nasa, e. nose zu lat. nasus, nares, ai. ndsa-, lit. nösis, abg. nosri. 
Niere, ahd. nioro, auch 'Hode' bedeutend, gehört mit Schwund eines g, Grundform 

*negwros zu gr. vErpnög {nephrös), lat. nefrönes, nebrundines. 
Nüster, ndd. nuster, e. nosirils zu Nase. 
Ohr, ahd. ora. e. ear, got. auso n. zu lat. auris, gr. oi\- (ms). 
ptnis, mhd. fisel, lat. ptnis aus *pesnis, gr. .-li'o,- (peos). 

Radien, ahd. (h)racho, e. rao^ 'Schöpsenhals' zu gr. y.rjuyur {kragön) 'laut schreiend'. 
Kippe, ahd. /7/7/70, e. r/'ö zu abg. /-^^ro 'Rippe'. 

Kücken, ahd. hrukki, e. r/ö^ö^f" zu air. krokenn 'Fell, Rücken', lat. r/v/x. 
Sdiädcl. mhd. ndl. sdiedel, vielleicht zu gx. y.oxrh) {kotylce) 'Höhlung, Becher', ai.catvala- 

'Höhlung', besser wohl zu Schale, ahd. skala aus *skei1la-. 
Sehne, ahd. senawa, e. 5//z^a; zu ai. snävan- 'Band, Sehne'. 
Sohle, ahd. 5o/fl 'Fußsohle' zu lat. solum 'Boden, Grundfläche, Sohle", solea; nach andern, 

aber kaum wahrscheinlich, entlehnt. 
Stirn, ahd. stirna zu gr. oriovor {sternon) 'Brust'. 
Vlies, mhd. Vlies, e.fleece. Dazu Flaus. Dazu vielleicht lat. plnma. 
Wade, ahd. wado, ursprünglich 'Muskel' bedeutend, wie noch in aisl. vödve; dazu viel- 
leicht abg. uda 'Glied' (MiKKOLA, Idg. Forsch. 23, 126). Anders KZ. 41, 396. 



172 Neuntes Kapitel. Die Bntwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Wanst, ahd. wanast zu ai. vaniHhüh "Hin^cwcide*. 

Warze, ahd. warza, e. wart zu pcrs. balu 'Warze' aus idg. '^vard', doch sind auch andere 

Anknüpfungen mögUch. 
Wo lle , alid. ii'oI/a,c.wool, goi.wulla zu la(. /dtui, gr. /.f/v»; (Idnos), abg.v/nna, Wi.vilna, aind. nrna. 
Zahn, ahd. zand. e. tooth, got. tim/uis zu lat. dens, gr, öAoi',- (odus). 
Zehe,aM.zeha, e. /o^.germ. Grf. Vo/Vi- zu lat. /;fl////.v 'große Zehe' z\xs*hal-doik-s und lat. digitus. 
Zunge, ahd. ziinga, e. tongiie, got. /m^^o zu lat. lingiia aus ^dingiia. 

2. GERMANISCHE UND DEUTSCHE BESTANDTEILE. 
Baiidi, d\\<^. büh, gemeingerm., aber nicht sicher erklärt. Vielleicht zu gr. vro.v»/ 
(physkii) 'Magen, dicker Darm". — Bein, ahd. ^^/>? n.. engl, bone 'Knochen", welches die 
ursprüngliche Bedeutung ist, vergleiche noch Elfenbein, Beinhaus, Gebein. Das Wort ist 
bisher in den verwandten Sprachen nicht nachgewiesen, aber gewiß uralt. Verwandtschaft 
mit \at. femur halte ich für möglich (Grundform *bhejemen-). — Blase, ahd. blasa 'Harn- 
blase'; von blasen. — Blut, ahd. bluot n., engl, blood. — Brust, got. brusts pl., mit Ab- 
laut dazu engl, breast (ags. bnost), also jedenfalls uralt, wenn auch in den verwandten 
Sprachen nicht sicher nachzuweisen. Vielleicht zu air. brn aus bruso 'Bug', bruinne 'Brust'. 
— Busen, ahd. buosani. c. bosom. — Drossel 'Kehle', fast nur noch in erdrosseln. 
ahd. droy^a, e. throttle. Daneben mhd. stroy^e, and. strota. — Drüse, ahd. druos, druosi 
, Drüse". — Eisbein 'Hüftbein', and. isben. Man hat, aber wohl mit Unrecht, gr. io^iov 
(«y^/j/o//) 'Hüftgelenk' verglichen. — Finger, ahd. fingar, c. finger. got. figgrs. — Floni 
,das Fett der Eingeweide'; aus dem Niederdeutschen; dazu mhd. flamme 'innere Fetthaut'. — 
Gelenk, mhd. gelenke zu Lanke, ahd. hlanka 'Weiche, Lende', e. link 'Kette, Kettenglied'. 
\. clingu 'umgürte', a'i. sn.ikhala 'Kette'. — Geweih, mhd. gewige, gewihe zu ahd. wig 
'Kampf, zu I. vincere. Dazu auch G^tc/c^;^ 'Geweih'. Eigentlich also 'die Kampfwaffe des 
Hirsches'. — Haar, ahd. har. e. hair. — Hadien 'Ferse', niederdeutschen Ursprungs. — 
Hanke 'Schenkel des Pferdes", entlehnt frz. handle 'Hüfte'. — Keldi 'Fetthaut zwischen 
Kinn und Hals', ahd. keldi, anord. /f/a/^/ 'Kinnlade' zu Kehle. — Knodien, Knödiel, 
KnObel (vgl. knobeln) sind unklar. Vielleicht stamm.verwandt mit Knie, grf. -knii-bilas, 
so daß eine Zusammensetzung vorläge. Knodien, Knödiel treten viel später auf als Knöbel. 
V^ielleicht liegt ein mundartlicher Lautübergang von Labial in Guttural vor. wie in tlügel für 
älteres hiibel, Hödier lux älteres hover. — Knorpel, erst spät belegt und mit vielen Neben- 
formen. — Kote 'unterstes Gelenk am Pferdefuß", mnd. kote, kiite 'Huf, Klaue'. — Kralle, 
erst im 16. Jh. belegt, vielleicht zu kratzen. — Kuttel 'Gedärme', md. kutiln. Wohl zu 
got. qifnis 'Bauch'. — Leib, ahd. lib 'Leben', e. life; gehört zu leben. — Leidie, ahd. lih 
'Leib, Fleisch", got. /p/ä; 'Fleisch, Leib. Leichnam". — Lunge, ahd. lungunna, t.lungs, eine 
ziemlich durchsichtige, in den verwandten Sprachen nicht vorliegende Ableitung zu lit. 
lengvas. aind. laghiih 'leicht'. Das indogermanische Wort gr. :r/.svito}%- {pleümön), lat. pulmo 
ist verloren gegangen. In Ostdeutschland gibt es für "Lunge" auch ein Lehnwort aus dem 
Slawischen. Plauze. — Magen, ahd. niago, e. maw 'Kropf, Magen'. Ich habe gr. (r,Ti'>)ii(t/o; 
(stömakhos) verglichen, was unsicher ist. — Maul, ahd. mula, got. in faürmüljan "das 
Maul verbinden". — Milz, ahd. milzi n., e. /«///"Milch, Fischmilch'. — Pfote, mx\d\. pote 
aus einer Grundform *pauta, worauf auch provenz. /7au/ö weist. — Rist 'Hand- oder Fuß- 
wurzelgelenk', e. wrist 'Handgelenk", wohl Abstraktbildung zu ahd. ridan, ags. wridan 
'drehen", das wir noch in Rcitel und Reiste und auch wohl in Reihen 'der erhöhte Teil 
des Fußes", ahd. nho 'Wade, Kniekehle' haben. — Rumpf, mhd. rümpf, e. rump 'Rumpf, 
Steiß'. — Runzel, ahd. runzila. Gleichen Stammes wie mhd. runke, e. wrinkle. — Rüssel. 
mhd. rtle^el, von ahd. ruo^^an 'die Erde aufwühlen', ags. wrotan, e. to root 'wühlen wie 
Schweine". — Sdieitel. ahd. skeitila 'Kopfwirbel, Scheitel, Haarscheide': junge Bildung 
zu sdieiden. — Sdienkel. mhd. ndl. sdienkel zu ags. sceanca, e. shank, und weiter zu 
Sdiinken. ahd. skinko. skinka 'Beinröhre, Schenkel". — Sdiläfe, ahd. slaf; wohl zu 
sdilaff; vgl. ahd. dunwengi 'Dünnwange". — Sdinauze, ndd. snüte zu sdineuzen. — 



§117. Die Körperteilnamen. 173 



Schulter, ahd. skultirra, e. Shoulder; niclit sicher erklärt. — Schwarte, mhd. swarte, 
swart 'behaarte Kopfhaut', mcngl. sward 'Haut', anord. svördr 'Kopfhaut, Haut, Walfisch- 
haut'. — Steiß, ahd. stiu'^, ndl. stuit. Vielleicht zu stoßen. — Tappe, mhd. tape. — 
Tatsdie *\\znA\ Nebenform von Tatze, mhd. tatze. — Triel 'Halslappen des Rindviehs", 
mhd. fr/WLippe, Mund, Schnauze, Rachen'. — Waffel 'Maul', erst nhd. zu ahd. wuoffan. 
e. weep, got. wopjan "laut rufen', abg. vabiti 'herbeirufen'. — Wamme, ahd. wamba 'Baucii, 
Wanst', e womb 'Schoß', got. wamba. — Wange, ahd. wanga, e.wangtooth 'Backenzahn', 
got. waggareis 'Kopfkissen'. — Zagel, ahd. zagal 'Schwanz der Tiere, Stachel der Biene', 
e. tail, got. tagt 'Haar'. 

Dazu kommt eine kleine Anzahl neuerer Bildungen, die teils auf Euphemismen be- 
ruhen, wie After, ahd. aftaro, eigentlich substantiviertes Adjektiv von ahd. rt//or 'hinten'; — 
der Hintere u. a.; teils auf Übertragungen wie Schwanz, ahd. swanz 'Schleppe, Schwanz' 
zu scfiwingen; — Sdiweif, ahd. sweif 'Umschwung, Besatz eines Kleidungsstückes, Schwanz' 
zu schweifen; — Augapfel, Linse im Auge und manches andere; — Antlitz, mhd. 
antlitze; daneben got. andawleizn, ahd. antlutti, antluzzi zu got. ludja 'Gesicht', ist jung 
wie gr. -Todöfo.Tor (prösupon). — Auch die Finger sind benannt, doch wechseln hier die 
Bezeichnungen; vgl. darüber W.Grimm, Über die Bedeutung der deutschen Fingernamen; 
gelesen in der Akademie der Wissenschaften, Berlin 1848, jetzt Kl. Sehr. 3, 425. 

3. LEHNWÖRTER 
sind in diesem Begriffskreis selten: Gurgel, ahd. gurgula aus \at gurgulio unter Ver- 
drängung des echtdeutschen mit dem Lateinischen urverwandten Wortes ahd. qu'erdiela. — 
Kaidaunen 'Eingeweide', aus mlat. caldüna, wohl als Name eines Gerichtes entlehnt. — 
Kopf, ahd. köpf, kupf 'Becher', noch in Tassenkopf, e. cup 'Becher, Obertasse' aus mlat. 
cuppa, jedenfalls als Gefäßname entlehnt und auf den Körperteil übertragen; vielleicht aber 
auch einheimisch. — Körper, im 13. Jahrhundert aus Xdit corpor-; es handelt sich hier 
um einen Allgemeinbegriff, der wohl unter kirchlichem Einfluß entlehnt ist. — Muskel 
und Nerv erst neuhochdeutsch aus \a\. musculus und nervus. — Panzen, Pansen, mhd. 
panze, über das Romanische aus lat.pfl/z^^x 'Wurst'. — Plauze, ostdeutsch, 'Lunge' aus dem 
Slawischen. — Pranke, Branke, s\)ä{mhd. pranke aus m\a.i. branca, hz. branclie 'Zweig. 

Man sieht also, die Körperteilnamen lassen sich in überwiegender Zahl 
bis in das Indogermanische zurückführen, und wo einmal eine Gleichung 
nicht über das Germanische hinausreicht, da dürften durch einen bloßen 
Zufall die Ausdrücke in den verwandten Sprachen verloren gegangen sein. 
Das ist verschiedentlich auch sonst eingetreten, denn eine ganze Reihe von 
Ausdrücken sind nur in der einen oder andern Sprache belegt. 

Wir haben noch heute für einzelne Körperteilnamen mehrere Ausdrücke. 
Für Hand lassen sich eine ganze Menge Bezeichnungen zusammenbringen, 
wie Patsdie, Pfote, Klaue, Flosse, la inaln, Tatze, Man sieht, sie stammen 
zum Teil aus dem Tierreich, und sie sind teilweise durch die Studenten- 
sprache aufgekommen. Es ist daher kein Wunder, wenn hinsichtlich dieses 
Begriffes auch die indogermanischen Sprachen auseinandergehen. Wir finden 
da: d^mdL.hästa-, awest.zasta-, altpers. dasta, griech. äyoorog (agostös) 'flache 
Hand'; — gr. jia/A/o] {palämce), \at palma, ahd. folma, ai.päni'-; — gr-x^^Q 
(kher), alb. dora, arm. jern; — lat. manus, ahd. munt 'Hand' (Schutz); — 
gr. Oevag {thenar) 'innere Hand', ahd. tenar 'flache Hand'; — gr. döjQov 
(döron) 'Handbreite', ir. dorn 'Faust, Hand'; — got. lofa, russ. lapa; — 
lit. rankä, abg. mka. 



174 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Ferner unterscheiden wir noch heute zwischen Huf und Klaue, es gibt 
verschiedene Ausdrücke für den Schwanz der Tiere, wir sprechen von Mund, 
Maul, Sdinauze, Rüssel, von Haut, Fell, Schwarte usw. 

Es folgt also daraus, daß in alter Zeit eine Fülle von Ausdrücken vor- 
handen waren, von denen im Verlaufe der sprachlichen Entwicklung einige 
verloren gegangen sind. Was wir durch Zusammensetzungen ausdrücken 
(Kalbs-, Schweins-, Rindsleber), dafür hatte man in alter Zeit besondere 
Worte. Ich unterscheide zwischen Kalhsfüßen und Schweinshachsen. 

Wenn man den Wortschatz der übrigen indogermanischen Sprachen heran- 
zieht, so erscheinen in diesen nicht wenige Gleichungen, die das Germanische 
verloren hat; ich nenne nur lat. os, natfs, pulmo, lien, gr. noyj:: {örkhis), lat. 
urnerus (noch in got. anis), die alle zweifellos indogermanisch waren. Was aber 
dem Germanischen recht ist, muß den andern Sprachen billig sein. Wir werden 
demnach nie imstande sein, sämtliche alte Ausdrücke zurückzugewinnen. 

An den Körperteilnamen läßt sich, um darauf zum Schlüsse hinzuweisen, 
auch ein gut Stück geistiger Entwicklung verfolgen, da man sich das Ge- 
müt, den Mut, den Zorn in gewissen Körperteilen wohnend dachte. Die 
Anschauungen haben in diesen Punkten vielfach gewechselt, die Sprache 
aber spiegelt in den heutigen Redensarten Altes und Neues wieder. So war 
die Leber bei den Alten der Sitz der Leidenschaft, und das findet sich auch 
bei uns. Man sagt: es ist mir etwas über die Leber gelaufen, um das 
Gefühl des Unmutes auszudrücken. Weshalb das freilich auch eine Laus 
sein kann, ist nicht klar. Frei von der Leber weg reden heißt eigentlich 
'sich von dem, was das Gemüt bedrückt, befreien'. Ähnlich werden auch 
die Nieren als Sitz der Lebenskraft und des Affektes angesehen. Dies hat 
wahrscheinlich biblischen Ursprung. Vergleiche du gerechter Gott prüfest 
hertzen und nieren, Jer. 11, 20. Besonders aber ist das Herz seit langem 
in der Volksanschauung der eigentliche Sinn des Gemütes, was sich in 
unzähligen Verbindungen und Redensarten kundgibt. 

Ich schließe hier gleich einige allgemeine Ausdrücke an, die sich auf 
das tierische und menschliche Leben beziehen: 

Atem (Nebenform Odem), ahd. atnm, adiim zu dX.dtmä 'Hauch. Atem, Geist'. — Dreck, 
mhd. drec 'ausgeworfener Unrat von Menschen und Tieren', zu gr. rni-i {tryx) 'Hefe, Un- 
reinigkeit'. — Harn, ahd. harn, e. skarn zu gr. ay.ih'j, oy.aiög (skdr, skatös). — Kot, ahd. 
qnat zu a\nd. gutham, av/. güpam 'Schmutz, Kot'. — Sdixveiß, ahö. swei^, t. sweat zu 
lat. sudor. — speien, ahd. spiwan, e. to spen', got. speiwan zu lat. spuere, gr. nrvFiv 
(ptyen). — Träne, ahd. trafian, daneben Zähre, ahd. zahar, c. tear, beide zu gr. däy.ov 
(däkry), lat. lacruma. Dazu gehört auch Tran. 

Bemerkenswert ist ferner, daß die germanischen Sprachen den Aus- 
druck Seele besitzen, ahd. sela, e. soul, got. saiwala, das sich lautlich mit 
gr. aiö/.og (aiölos) 'beweglich, schnell' decken könnte, ohne daß uns frei- 
lich die Bedeutungsentwicklung klar ist. 

§ 118. Die Tiernamen. Allgemeines. Die Namen unsrer wichtigsten Haus- 
tiere sowie einer großen Anzahl von wilden Tieren lassen sich ohne Schwierig- 



§ 118. Die Tiernamen. § 119. A. Die Säugetiere. 175 



keiten bis in das Indogermanische zurückverfoigen. Andere Ausdrücke, bei 
denen das nicht der Fall ist, scheinen trotzdem alt und in den andern 
Sprachen verloren gegangen zu sein. Man kann bei den Tiernamen den 
Grundsatz aufstellen, daß, je bedeutender und wichtiger ein Tier war, um 
so besser sich auch die alten Bezeichnungen erhalten haben. Bei den 
kleinern, den Vögeln, Insekten u. a., zeigen sich verschiedene Benennungen, 
ohne daß damit gesagt ist, daß man sie in alter Zeit überhaupt nicht be- 
zeichnet hätte. Wörter wie Laus und Wanze lassen sich nicht sicher über 
das Germanische hinaus verfolgen, Ausdrücke dafür hat man sicher schon 
in alter Zeit gehabt. 

Zu beachten bleibt bei den Tiernamen, daß noch heute als Erbteil einer 
altern Zeit häufig das männliche, das weibliche, das verschnittene, das junge 
Tier und andere Arten durch besondere Worte bezeichnet werden, wie z. B. 
Kuh, Stier, Ochse, Kalb, Färse, Sterke; Schaf, Widder, Hammel, Lamm; 
Ziege, Geiß, Bock, Kitze; Roß, Stute, Füllen, Hengst usw. Es läßt sich 
schon daraus erschließen, wie sehr man diese Tiere beachtete, und eine 
solche Fülle von Ausdrücken konnte nur vorhanden sein, wenn wir es mit 
Haustieren zu tun haben. Da sich nun auf diesem Gebiete zweifellos eine 
allmähliche Vereinfachung der Benennung beobachten läßt, so folgt daraus, 
daß in älterer Zeit noch mehr solcher verschiedenen Ausdrücke vorhanden 
gewesen sein müssen. Sind davon eine Reihe verloren gegangen, so er- 
klärt es sich, daß sich des öftern mit dem Deutschen verwandte Worte nicht 
nachweisen lassen. 

Entlehnungen gibt es auf diesem Gebiete eigentlich nur für die Tiere, 
die erst später in den Gesichtskreis der Germanen getreten sind, oder für 
Tiere, die in neuer Verwendung, neuen Rassen aufkamen. 

§ 119. A. Die Säugetiere. 

Literatur: H. Palander, Die althochideutschen Tiernamen. I. Die Namen der Säuge- 
tiere, Darmstadt 1899. — JoRDAN, Die altenglischen Säugetiernamen. Anglistische Forschungen, 
Heft 12; Heidelberg 1902. 

Ich ordne die Worte alphabetisch, doch sind die zu einer Tierart ge- 
hörigen Namen wie Roß, Stute, Hengst, Fohlen unter einem Worte, hier 
unter Pferd, behandelt. 

1. INDOGERMANISCHE UND ALTGERMANISCHE BESTANDTEILE. 

Aller in Aiierodise, ahd. ür zu aind. usrdh 'Stier', mit indogermanischem Schwund des 5- 
vor r, ursprünglich vielleicht eine Farbenbezeichnung, da aind. usräh 'rötlich' bedeutet. 

Bär, ahd. bero, e. bear zu lit. beras 'braun', also Braun, wie der Bär in der Tierfabel heißt. 
Das alte Wort \üx Bär, aind. rk^ah, lat. iirsus, gr. lloxio^ {ärktos). ist verloren gegangen, viel- 
leicht auf Grund abergläubischer Scheu, die den Namen des Bären auszusprechen vermied. 

Biber, ahd. bibar, e. beaver zu lat. jiber, gall. in Bibracte, lit. bebrus, abg. bebru. Auch 
dies ist wohl eigentlich eine Farbenbezeichnung, da das genau entsprechende aind. 
babhriih 'braun' bedeutet. Doch ist die Übertragung auf das Tier schon indogermanisch. 

Bildimaiis, ahd. bilih. Dazu ixz. belette 'Wiesel', kymx. bele 'Marder', l.feles. 

Dadis, ahd. dahs, sonst im Germanischen fehlend, aber frühzeitig ins Romanische ge- 
drungen, ital. tasso, ixz. taisson; Etymologie unbekannt. 



1 76 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Hidihorn, alid. vihhurne, ablautend an. ikorne, Grundform wohl *aika-wernan, dessen 
zweiter Bestandteil wahrscheinlich zu ibg. veverica, lit. t'oi'^r/'^ 'Eichhorn', \\\. va'tvaras, 
valveris 'Männchen vom litis und Marder', lat. viverra 'Frettchen' (aus einer nordischen 
Sprache entlehnt) gehört. 

Hl dl, ahd. elah, an. elgr, bei Cäsar alces zu russ. losi "Elcir, ai. isjah 'Antilopenbock'. 
Daneben mit anderm Suffix lilentier, das wohl aus dem lit. elnis stammL Dies gehört 
weiter zu abg. jeleni 'Hirsch', gr. a/./.ö,- {ellös) 'Hirschkalb'. 

Fledermaus, ahd. fl^darmiis, jledaremustro, e. flittermoitse; junge Bildung aus ahd. 
fli^diron 'flattern' und Maus. 

t'udis, ahd. fufis, c.fox; Femininum dazu ahd. foha, goL faii/io. an. foa 'Füchsin'; unerklärt, 
aber gewiß alt. 

Hamster, ahd. hamnstro 'Kornwurm'; Herkunft unbekannt. 

Hase, ahd. haso, e. hare zu apreuß. sasnis, kymr. ceinadi, ai. sasäli. 

Hermelin, ahd. harmo, ags. hearma, Ut sermud 'Wiesel', rätorom. karmü. das auf ein 
lat. oder kelt. karmon weist; Meyer-Lübke, Z. f. rom. Phil. 19, 97. 

Hirsdi, ahd. A/ru5. c. hart zu \a\. cervus, kymr. carw 'Hirsch', apreuß. 5/>ws 'Reh'. Das 
germanische Wort hat einen ableitenden Dental. Femininum dazu Hinde, ahd. hinta. 
e. hind zu gr. xrim^ (kemäs) 'Reh, Hirschkalb', lit. smiilis 'Rind ohne Hörner'. Man 
nimmt an, daß Hirsdi zu y.üja^ (kcras) 'Hörn' gehört, also der 'gehörnte' bedeutet, was 
eine Analogie in Spießer, ahd. spiy^o zu Spieß hätte. 

H und, ahd. hunt, got. hiinds, e. hound 'Jagdhund' zu gr. y.vwv (kyan), lat. canis mit ^Suffix. 
Die Ableitung von got. hinpan 'fangen' ist kaum glaublich, da wir dann einen /i-Stamm 
zu erwarten hätten. Als Femininum haben wir nur die junge Bildung Hündin, während 
in den Mundarten Worte wie Zohe, Zaupe, Zuppe, Tebe, Töle, Petze vorkommen. 
Davon ist zolia schon althochdeutsch. Es gehört wohl zu lat. diix, bedeutet also 'die 
Führerin', vgl. den Ausdruck Leithund; ndd. Töle ist Diminutivum dazu und aus 
*tauhilo entstanden. Andere Ausdrücke für den Hund sind unklar: Rüde, ahd. (h)rudio, 
ags. hryppa ist ins Slawische als chrutü 'Windhund' entlehnt; — Bradte, ahd. bradio 
'Spürhund', stellt man zu \at. fragrare 'riechen', was unsicher bleibt; — Windhund, 
ahd. allein ii>int "Windspiel' hat mit Wind nichts zu tun. Die Herleitung aus gall. Ver- 
trages, die Palander 37 versucht, scheint mir unmöglich. Dazu kommen eine Fülle von 
Bezeichnungen für einzelne Rassen. So Pudel, eig. 'Wasserhund' zu Pudel 'Sumpf. 
Tediel, Kürzung zu Dadishund, Mops zu muffig usw. Köter ist wohl 'der Kläffer' 
zu rheinfränk. kauzen 'bellen, kläffen'. 

Igel, ahd. igil zu gr. sypo; (ekhinos). ahg.jeli, lit. ezls. 

ntis. ahd. illi{n)tiso, zweifellos eine Zusammensetzung, vielleicht mit wiso zu Wiesel. 

Katze, Kater, schwierige Worte, die fast über ganz Europa verbreitet sind; zu frühest 
belegt in mlat. cattus, catta (um 500 n. Chr.); die Herkunft der Worte ist unklar; vgl. 
Weigand s. v. 

Ludis, ahd. luhs zu gr. }.(•■•: {lynx), lit. biUs. 

Marder, ahd. mardar{o), ags. mearp, aus dem Germanischen frz. marte, martre. 

Maus, ahd. mus, e. mouse zu gr. /u» {mys), lat. mos. 

Noß 'Nutzvieh', ahd. «03, e. neat zu genießen, Nutzen. 

Otter, ahd. ottar m. 'Fischotter', e. otter zu gr. Cdna (hydra). v(\)o; (hydros) "Wasser- 
schlange', lit. lidra, abg. vydra, ai. udräs 'Otter'. 

Pferd. Das Pferd war den Indogermanen zweifellos bekannt, und es haben dafür wahr- 
scheinlich mehrere Ausdrücke bestanden. Wir können verfolgen, wie im Lauf der Ge- 
schichte ein Ausdruck den andern ablöst. Das älteste Wort steckt in lat. eqiios, gr. 'ijtnog 
{hippos), as. ehu. wahrscheinlich noch in dem Zuruf für das Pferd jüh erhalten. Das 
Wort Stute, mhd. stuot f. 'Herde von Pferden' (vgl. Gestüt), engl, stiid 'Pferdeherde' 
gehört zu abg. stado 'Herde', woraus lit. stodas. Dies gehört zur Wurzel stha 'stehen' 



§ 119. A. Die Säugetiere. 177 



lind bedeutet soviel wie 'Stand'. Ein eigentliches Wort für die Stute ist also nicht naclt- 
^uweisen. Hengst, ahd. hengist, hangisto. Dazu mit grammatischem Wechsel an. 
.hestr aus *hanhistaz; ist wohl ein alter Superlativ zu lit. ^ankinti 'springen machen', 
.also eig. 'der gute Springer'. — Mühre, ahd. marah n. 'Roß, Pferd', wovon ahd. meriha 
^Stute, Mähre' eine /-Ableitung ist, engl, mare 'Stute'. Das Wort kehrt im Keltischen 
wieder, altir. mark, kymr. marcli 'Pferd', und unterliegt daher dem Verdacht der Ent- 
lehnung; — Roß, ahd. hros n. 'Pferd, Streitroß', engl, horse; unklarer Herkunft; — 
Gaul, mhd. ^«/; Herkunft ganz unsicher trotz Sommer, 1F. 31,362; — Schälhengst, 
beschälen, ahd. 5^^/o 'Zuchthengst', vielleicht zu gr. x»;/.fo»' (^«■/on) 'Zuchthengst', aind. 
id/o^/ 'springt' ; — Fohlen, ahd. /o/o, t. foal, got. fula zu lat. pullus, gr. jiöAog (pdlos) 
'junges Pferd, junges Tier'. Dazu Füllen. Weiter gibt es wieder eine Reihe von Namen 
für besondere Rassen, wie Percheron nach der frz. Provinz Perdie, Trakehner, 
Araber u. a. Ferner Wallach 'kastriertes Pferd', eig. 'Pferd aus der Wallachei', und 
ebenso Reiiß, eig. 'der Russe'. Ganz unklar ist Raun(e) 'Hengst', das sogar ins 
Finnische als riiuna entlehnt wurde. 

J^atte, ahd. rato, e. rat. Daneben Ratz, Ratze. Herkunft dunkel. 

J^eh, ahd. reh, e. roe; dazu das erst in neuerer Zeit belegte Femininum Ricke. 

Renntier aus dem Nordischen, ags. hrän, anord. hreinn; Herkunft unklar. 

Hind. Für diese Tiergattung gibt es eine Fülle von Bezeichnungen: Kuh, ahd. kuo, e. cow 
zu lat. 6ö5, gr. ßovg {biis); — Stier, ahd. stior, got. stiur '^loaxög', e. steer, gehört 
wahrscheinlich nicht zu gr.-lat. tauros, sondern zu ai. sthävirah 'stark, kräftig'. — Die 
Dialekte besitzen eine Menge von Ausdrücken für den Zuchtstier, wie das der Bedeu- 
tung des Tieres entspricht, so Bulle in Norddeutschland, mnd. bulle, e. bull, bullock, 
von W. Schulze zu gr. rpäVMg (phällos) 'Glied' gestellt. — Odise, ahd. ohso, e. ox, 
■got. aühsus (sie), kyvax.ydi 'Ochse', ai. ukm, aw. w/Jan 'Stier'; — Kalb, ahd. kalb n., 
«. calf, got. kalbö f. (= ahd. kalba, nhd. dial. kalbe 'weibliches Kalb, das über ein Jahr 
alt ist und noch nicht gekalbt hat'), vielleicht mit gr. öücpa'^ (delphax) 'Ferkel' ver- 
wandt; — Farre 'junger Stier', ahd. farro 'Stier' zu gr. jidgig {pöris), nöoxig (pörtis) 
'Kalb, junge Kuh'; davon abgeleitet Färse 'junge Kuh', mhd. verse; — Sterke 'Kuh, 
^ie noch nicht gekalbt hat', vielleicht zu got. staira 'unfruchtbar', lat. stenlis, gr. oxeqi- 
ffog {steriphos) 'unfruchtbar'; — der Ausdruck Rind selbst, ahd. hrind, daneben ags. 
hrjjper aus *hrunp- muß wegen des Ablauts alt sein; apreuß. klente 'Kuh' sieht man 
als verwandt an, doch macht das / Schwierigkeiten; besser vielleicht zu gr. y.ioag (keras) 
'Hörn', also 'Hornvieh'. 

Schaf. Auch hierfür gilt dasselbe wie für Rind. Der Ausdruck für das weibliche Schaf 
liegt noch in dem dialektischen Au vor, ahd. ou 'Mutterschaf, e. ewe, lat. ovis, gr. oig 
(öis); — der Schafbock heißt Ramm, ahd. ram, e. ram; vielleicht zu anord. rammr 
'kräftig', abg. ramind 'ungestüm, schnell'; — Widder, ahd. widar 'Schafbock', e. wether 
'Hammel', got. wiprus 'Lamm', wohl zu lat. vitulus, ai. vatsäh 'Kalb', eigentlich 'Jähr- 
ling', zu gx. Fiiog (wetos) 'Jahr'; — Lamm, ahd. lamb, got. lamb, e. lamb gehört zu 
gr. s2a<pog [elaphos) 'Hirsch' aus *elmbhos; — Sdiaf selbst ist unklar, ahd. scäf, e. sheep. 

Sdiatz, ahd. skaz 'Geld', got. skatts 'Geldstück, Geld', aber afries. sket 'Geld, Vieh', viel- 
leicht zu abg. skotü 'Vieh', das freilich auch entlehnt sein kann. 

.Schwein, ahd. swin, got. swe in, t. swine zu lat. suinus, abg. svinija, abgeleitet \on Sau, 
ahd. SU, e. 50a; zu lat. sus, gr. vg (hys); — Eber, ahd. ebur zu lat. aper; ob abg. vepri 
unmittelbar dazu gehört, ist fraglich; — Ferken, Ferkel, ahd. farheli(n), Diminu- 
tivum zu ahd. farah n. 'Schwein, Ferkel', e. farrow zu lat. porcus, gr. ^ÖQxog (pörkos) 
'junges Schwein'; — Faselschwein, ahd. fasal n. 'Zucht, Nackommenschaft von Tieren' 
zu mhd. visel 'penis', lat. penis {*pesnis), gr. niog (peos aus *pesos); — Bär 'Zucht- 
eber', ahd. ber, e. boar 'zahmer und wilder Eber'; — Bardi, Bordi 'verschnittener 
Eber', ahd. barah, t. barrow; — Geize 'verschnittenes Schwein', ahd. galza, e. dial. 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 12 



178 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

gilt, ilt, an. göltr, ai. huduh 'Widder' (?); — Badie das wilde Mutterschwein', woiil 
verwandt mit e. bacon 'Schinken'; — Keiler, 1608 wohl zu keilen; — Lehne 'die 
Bache', mlat. leha; — Range, älterind. ränge 'die Sau' zu mnd. wrangen 'sich winden'. 

Seehund. Es gibt dafür ein altgermanisches Wort ahd. sclah, ags. seolh, e. seal. 

Tier, ahd. tior 'wildes Tier", daher Tiergarten, e. deer 'Rotwild', got. dius 'wildes Tier'. 
Vielleicht zu lat. bestia oder zu ags. deor 'iapftr, kühn', ahd. tiorin, tiorlih 'wild, grimmig'; 
die Grundbedeutung ist jedenfalls 'wildes Tier'. 

Vieh, alid. //■/;/< 'Haustier', got. /fl/7iw 'Vermögen, Geld', e./^^ 'Bezahlung, Trinkgeld' zu lat. 
peciis {\g\. pecunia), also sicher das Haustier. — Eine andere Bezeichnung steckt in unsern» 
Sdiatz (s. o.). Zu beachten ist, daß schon das Indogermanische die Bildung 'Vierfuü' ge- 
prägt hat, ahd. fiorfuoy^i, ags. fyderfete, lat. quadrnpes. umbr. peturpiirsus. ai. catuipad. 

Walfisdi. ahd. walfisk, von ahd. wal, ags. hwo'l, anord. hvalr; dazu apreuß. 'Afa//s ' Wels' 
und vielleicht lat. sqiialus 'ein größerer Meerfisch". 

V^'elf, ahd. weif 'Junges von Tieren', e. whelp. 

Wiesel, ahd. wisula, e. weasel. 

Wisent, ahd. wisunt, daraus lat. bison. 

Wolf, ahd. wolf, got. wulfs, e. wolf zu lat. lupus, gr. kvy.oi (lykos). Eine Femininbildung 
in ahd. wulpa, an. ylgr, ai. vrkih und wohl auch in lat. viilpes. 

Ziege, ahd. ziga, ags. f/cc^« 'Zicklein', unaufgeklärt; es könnte durch Lautumstellung aus 
urgerm. git, einer Ablautsform zum folgenden, entstanden sein, oder zu russ. dikij 'wild* 
oder zu alban. rf/ 'Ziege' ; — Geiß, ahd. gei^, e. goat, got gaits zu lat. haedus; — ein 
drittes Wort steckt in Habergeiß 'Heerschnepfe', dessen erster Bestandteil zu ags. 
hivfer, anord. /ifl//- 'Bock', lat. cflp^r 'Ziegenbock' gx. y.ä.-xoo; {käpros) 'Eber' gehört; — 
Bodi 'das Männchen der Ziege, aber auch andrer Tiere', ahd. bodi, e. budi zu aw.bocc 
(oder daraus entlehnt^ und weiter dazu armen, buc 'Lamm', awest. buza- 'Bock'; — 
Kitze, ahd. kizzi(n) 'junge Ziege', dazu anord. kiil, daraus entlehnt e. kid 'Ziege', klingt 
an Zidie an. eventuell durch Umstellung; — Hettel, alem. 'junge Ziege', nr.hd. hatele, 
anord. ha<Uia. Verwandt mit ir. cit 'Schaf; — Hippe, Heppe mit dem Lockruf hepp^ 
hepp zusammenhängend. — Also auch hier haben wir wieder eine Fülle von Aus- 
drücken, zu denen noch andere kommen, wenn wir die verwandten Sprachen in Be- 
tracht ziehen. Alles dieses spricht für die Bekanntschaft mit der Ziege als einem Haus- 
tiere. Merkwürdigerweise fehlt aber bei dieser Gruppe das neutrale Kollektivum, das- 
wir sonst haben, das Rind, Sdiaf, Sdiwein, Pferd, die ja alle nachweislich spät sind,, 
aber doch die große Bedeutung der Tiere bezeugen. 

2. DIE ENTLEHNUNGEN. 

Zu den einheimischen Tiernamen sind im Laufe der Zeit manche neue ge- 
kommen. In der Hauptsache handelt es sich um Tiere, die neu in den Gesichts- 
kreis der Germanen getreten sind, in einigen Fällen auch um neue Rassen. 

Dam(hirsdi) , ahd. tamo, domo, t. doe 'Rehkuh' aus lat. däma und dies vielleicht 
aus dem Keltischen. — Elefant, ahd. helfant aus lat. elephant(em). — Esel, ahd. esil,. 
got. asilus aus lat. asinus. — Gemse, ahd. gami^a aus einem Alpenwort, das im 5. Jahr- 
hundert als camox belegt ist. — Kanindien, xnhd. künikhn aus lat.-iberisch curt/fu/u5. — 
Löwe, ahd. lewo, louwo, wohl nicht unmittelbar aus lat. leo. — Maul(tier) , ahd. muT 
aus lat. muliis. — Murmeltier, ahd. murmunto, murmuntin aus lat. mure(m)niont(isj, 
rhätorom. marmont. — Pferd, ahd. parafrit, pfarifrit, pferfrit, mhd. pfert aus lat. para- 
veredus (bei Cassiodor); die Herkunft scheint mir nicht aufgeklärt zu sein. — Zelter,. 
ahd. zeltari, wahrscheinlich aus span.-lat. thieldones (Plinius). 

Dazu kommen mehr durch gelehrte Vermittlung: Dromedar, mhd. tromedar, lat. drome- 
darius, eingedeutscht als -Trampeltier; — Giraffe, 15. Jh.. ital. girafa: — Hyäne, ahd. 
ijena aus lat. hyaena; — Leopard, ahd. leopardo, lebardo, lebart aus lat. leopardus; — 



§ 120. Schlussfolgerungen. Beweise für die Viehzucht. 179 

Panter, ahd. panter aus lat. panther, ebenso Parder, Pardel, ahd. pardo aus latpardo; 
— Pavian, 1551, frz. baboiiin; — Tiger, ahd. tigirtior aus lat. tigris. — Aus dem Kel- 
tischen könnte stammen: Mähre, ahd. marah, ags. mearh, an. mar r, kt\\. märkan (Paus. 
10, 19, 4\ ir. marc, kymr. manii 'Pferd'. Notwendig ist die Annahme indessen nicht. 

Entlehnt, aber unbekannt woher, sind wohl Katze, Ratte, Affe. 

Aus dem Slawischen stammen Zobel, Zieselmaus (siehe oben S. 146). 

Weitere an?uführen hat keinen Zweck. 

3. NEUBILDUNGEN 
sind verhältnismäßig selten. Ich nenne Steinbock, Seehund. 

§ 120. Schlußfolgerungen. Beweise für die Viehzucht. Aus den oben an- 
gegebenen Gleichungen folgt, daß die Indogermanen schon die wichtigsten 
Tiere, die in unsern Ländern leben, kannten. Daß man aber einige davon 
als Haustiere besaß, folgt zunächst nicht daraus, wohl aber 1. aus der Fülle 
von Ausdrücken für gewisse Tiere und 2. aus den Namen für Erzeugnisse 
der Tiere, die diese nur in gezähmtem Zustande liefern. Dazu gehören: 
Mildi, ahd. miluh, got. miluks, e. milk durch Anlehnung an melken, ahd. melkan, lat. 
mulgeo, gr. ans/.yco {amägo) aus ''debg entstanden und mit lat. lac (aus *dlac), gr. 
y(i/.a(xToc:) (gälakfos < dälaktos) verwandt. 
Dazu noch Ausdrücke wie: 

Sahne, spätmhd. sane (wovon wohl Senne); wohl zu aind. sänuh m„ sdnu n. 'Ober- 
fläche, Rücken, Höhe"; vgl. östtrr. Obers. — Rahm, mhd.roum, ags. r^aw zu awest. raogna- 
'Butter'. — Butter. Ein altes Wort im Butter liegt in alem. Anke, ahd. anko vor, das zu 
lat. unguo 'salbe' gehört (Butter diente zunächst zum Salben\ air. imb 'Butter', aind. djjam 
'Opferbutter'. — DasWort Butter, spätahd. 6///^rfl macht sprachgeschichtlich große Schwierig- 
keiten. Es stammt aus gr.-lat. butyrum, das ursprünglich ein skythisches Wort war. Wie sich 
dies hat verbreiten können, ist unklar. M. Heyne nimmt Vermittlung der Klöster an. — Käse, 
ahd. kdsi, e. dieese ist aus lat. cäseus entlehnt. Die Germanen besaßen aber ein einheimisches 
Wort anord. ostr (entlehnt \\nn. juusto), das wahrscheinlich zu XaX.füs 'Brühe' gehört. 

Aus Worten wie Milch, melken, Rahm, Anke folgt nun mit großer 
Sicherheit, daß schon die Indogermanen die Tiere molken und die Milch 
weiter verarbeiteten. 

Die Zähmung des Schafes ergibt sich aus dem Wort Wolle, ahd. wolla, 
got. wulla, e. wool zu lat. läna, !it. vüna, abg. vlüna, aind. ürtta. Nur das 
zahme Schaf hat Wolle. 

Für die übrigen Tiere ist ein solcher zwingender Nachweis nicht vor- 
handen. Doch gehören aus andern Gründen auch die Ziege, das Schwein 
und das Pferd zum Besitzstand der Indogermanen. 

Viehzüchter sind aber keine Nomaden. Für ein Nomadentum der Indo- 
germanen gibt es keine Beweise. 

Die Tiere hielt man in Herden. Auch für dieses Wort, ahd. herta, 
e. herd, got. hairda, gibt es eine Entsprechung in aind. särdhas 'Schar'. 
Dazu die Ableitung Hirt, ahd. hirti, e. herd, got. hairdeis, das ein älteres 
Wort gr. noifxrjv (poimwn) verdrängt hat. 

Hierher ferner Stute, ahd. stuot 'Herde von Pferden', ags. stöd 'Pferde- 
herde' zu abg. stado, lit. stodas 'Herde' (von Pferden); got. wripus 'Herde' 
(wohl für wrepus), dän. vraad, ags. wrcep 'Trupp, Herde' zu aind. vrtitah 

12* 



180 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



'Schar'; Kette (nur von Rebhühnern), ahd. kutti 'Herde, Schar', vielleicht 

zu lit. gi'iotas 'Herde'. Also auch hier wieder selbständige Wörter, wührend 

wir Rinder-, Sdiaf-, Zief^en/ienie sagen. 

Schließlich gibt es auch mehrere Ausdrücke für die Exkremente der 

Tiere : 

Mist, ahd. mist 'Kot, Dünger, Misthaufen', got. maihstus, e. mixen 'Misthaufen', zu 
lit. mielti 'misten', mieUai 'Mist'; — Dreck, mhd. drSc, anord. prekkr 'Dreck' zu lat. 
sterciis(>): — Kot. ahd. quat zu ä\nd. i^uihas, awesi. giipa- 'Kot, Exkremente'. Wahr- 
scheinlich liandelt es sich aucii hier um Ausdrücke, die die E.xkrcmente verschiedener 
Tiere bezeichnen, wie wir heute von Kuhfladen, Sdiaf ketteln, Ziegenbohnen, Pferde- 
äpfeln, Siimepfendredi sprechen. 

§ 121. B. Die Vögel. 

Literatur: Charles H. Whitman, The Birds of old English Literature, Journ. of 
germ. Phil. 2, 149 ff. — Hugo Suolahti. Die deutschen Vogelnamen. Eine wortgeschicht- 
lichc Untersuchung, Straßburg 1909. 

In dem Buch von Suolahti besitzen wir eine Darstellung der Wörter eines bestimmten 
Begriffsgebiets, wie wir sie sonst kaum noch haben, und man kann daher hier die Sprach- 
entwicklung gut überblicken. Indem ich mich an Suolahtis Darstellung halte, läßt sich 
etwa folgendes sagen: 

1. INDOGERMANISCHE BESTANDTEILE. 
Am meisten verbreitet sind die Bezeichnungen für Ente und Gans. 

F.nte. ahd. aniit, ags. ivnid, dän.-schwed. and zu lat. anas, anatis. gr, rty.nn (nii-ssa aus 
^^natja), lit. äntis, abg. a/t 'Ente', ai. atih 'ein Wasservogel". 

Gans. ahd. gans, e. goose zu gr. /_/]y {kh(Pn), lat. anser aus *hanser lif. :nsis, ai. hnsäh, hast. 
Soweit diese Wörter auch gehen und so sicher sie indogermanisch 

sind, so fehlt doch viel, daß sie in allen Sprachen auftreten. 
Weniger verbreitet, aber auch indogermanisch sind: 

Aar, erst poetisch seit dem 18. Jahrhundert wieder aufgenommen, ahd. aro, got. ara, e. dial. 
crn zu gr. ooyt; (örnis) 'Vogel' (der Stamm orni entspricht vielleicht ahd. arin f. 'Weibchen 
des Adlers'), abg. orllu, lit. erelis, körn, breton. er, kymr. eryr 'Adler'. 

Amsel, ahd. amsala, e. oiisel wohl zu lat merula (aus *mesula mit Schwebeablaut). 

Beldie 'Bläßhuhn', ahd. belihha, sonst nicht vorhanden, ist wahrscheinlich verwandt mit 
lat. fulica: gr. c/cüijoi; {phalaris). Zugrunde liegt ein idg. Wort für 'weiß', 

Drossel. Die Formen der Mundarten sind sehr mannigfaltig, doch lassen sie sich m. E. 
auf zwei Grundformen zurückführen, einerseits ein ' prausk, *prusk, wozu ahd. drosca, 
dröscala (woraus 'Drossel"), e. thrush. Dies könnte zu gr. lovyon- {tnjgön aus *truzgon) 
'Turteltaube' gehören. Und auf der andern Seite steht an. pröstr, dän. trost, schwed. 
trast, mhd. drostel, das zu lit. strazdas, lett. strazds 'Drossel', gr. aigovOog (strüthos) 
'Sperling' zu stellen ist. Die Form "pramstalon, e. throstle hat wohl den Nasal nach Amsel. 

Fink. ahd. f in ko, t. findi entspricht lautlich recht gut gr. o.tiyyoi {spingos) 'kleiner Vogel', 
vielleicht 'Fink' und a.-ri^a 'kleiner Vogel, Fink' aus *spingja. Es findet sich also im 
Griechischen dieselbe Doppelbildung wie im Germanischen, da e. findi auf *finki zurück- 
geht. Im Nordischen gibt es auch eine Form mit anlautendem s, schwed. spink 'Spatz', 
dän. dial. spinke 'eine Art Sperling'. Der Name wird auf der Nachahmung des Natur- 
lautes beruhen, wird aber als solcher schon indogermanisch sein. 

Gauch, ahd. gouh, ags. geac, dän. gjög, schwed. gjök hat Meillet, Mem. de la Soc. Ling. 
de Paris 12, 213 mit lit. gegu-i 'Kuckuck' verglichen, was sehr wohl angeht. 

Häher, ahd. hehara. ags. mit grammatischem Wechsel higora zu gz. y.iooa {kissa) aus 
*kikja; die Verwandtschaft von ai. kiki-ülivi-) 'der blaue Holzhäher' ist mir zweifelhaft, 



§ 121. B. Die Vögel. 181 



da dies lautnachahmend sein l<ann. Man i<ann weiter ai. sih/ianih 'spitzig', verglciclien, 
so daß der Vogel nach seinem spitzen Schopf benannt wäre. Dem Verhältnis von gr. 
kissa : d. Mäher ist das von lat. acies zu gr, uxgog {äkros) zu vergleichen, vgl. Hirt, 
Idg. Forsch. 32, 286. 

Hahn, Huhn, Henne. Unser Haushuhn ist zweifellos vom Süden oder Osten her ein- 
geführt worden und zwar in nicht allzu früher Zeit. Die oben genannten Ausdrücke 
sind aber echt germanisch, ja, da sie durch Ablaut verbunden sind, höchst wahrscliein- 
lich sogar indogermanisch. Man muß daher annehmen, daß sie ein anderes Tier be- 
zeichnet haben. Welche der wilden Hühnerarten {Reb-, Birk-, Auerhuhn) damit gemeint 
gewesen ist, läßt sich freilich nicht mehr ermitteln. Wenn das der Fall ist, so kann man 
natürlich got. hano nicht zu dem Stamm in lat. canere 'singen' stellen und als Sänger 
deuten, obgleich sonst der Hahn vielfach 'Sänger' genannt wird. Lautlich befriedigt der 
Vergleich mit lat. ciconia 'Storch', aber die Bedeutungen liegen wohl zu fern. — Wie 
auch sonst, sind nun an Stelle dieses alten Ausdrucks Neubildungen meist lautnach- 
ahmender Natur getreten, wie z. B. e. cock, frz. coq, dän. kok und das davon abgeleitete 
obd. Gockel. Das ebenfalls damit zusammenhängende slaw. kokos ist als Goksdi ins 
Schlesische gedrungen. \n den Mundarten bestehen auch Namen wie Kikeriki. — Für 
das junge Huhn ist ein besonderer Ausdruck in nM. Küken, e. cfiicken geschaffen 
worden, wozu obd. Küchlein, dessen Zusammenhang mit kok nicht sicher ist, aber doch 
wohl zu Recht besteht. Ein anderer Ausdruck steckt in dem aus Brentano bekannten 
Hinke l aus alid. huoni{n)kli(n), das mit einem auch sonst auftretenden verkleinernden 
Suffix gebildet ist. Über zahlreiche andere Namen, wie Pütt, Pntichen, eig. 'ein Lock- 
ruf, unterrichtet Suolahti S. 235. 

Kranial, ahd. kraniih, e. crane (daneben A\\±krano, mnd. kran, woher das heutige Kran 
m. 'Werkzeug zum Heben') zu gr. ;i'o((nx- (geranos) 'Kranich und Krahn', kymr. körn, 
o^flra/z 'Kranich' und mit abweichendem Suffix Vit. gerve, aprtuÜ. gerwe, abg. zeravl, lat. 
grus aus ' groiis. Das hohe Alter des Wortes beweist wieder die Ablautsform mnd. krün, 
die zu abg. ieravi stimmt. Eine Nebenform ahd. kreia verbindet Suolahti fälschlich mit 
lat. grus aus '''grois. Diese Herleitung ist aber sehr unwahrscheinlich, da grus auf grous 
zurückgeführt werden dürfte, kreia dürfte eher dem lit. gerve entsprechen. Die Grundform 
''krajja dürfte, was den Verlust des w betrifft, wie Ei zu lat. ovum zu beurteilen sein. 

Rabe, ahd. rabo, hraban, e. raven zu lat. cornlx, gr. HOQon'ij (korönce). 

Rebhuhn, ahd. reb(a)huon, vielleicht zu russ. rjabka 'Rebhuhn'. 

Schwalbe, ahd. swalawa, t. swallow, d&n. svale, schwed. 5f a/a ist von de Saussure mit 
gr. ä'/.y.vioy {hulkyön) 'der Meereisvogel' verbunden, v/as lautlich zweifellos möglich ist. 
Die Bedeutung bereitet aber Schwierigkeiten. Da das Wort im Griechischen auch 
'Sängerin' bedeutet, so ließe sich doch vielleicht eine Brücke über die Bedeutungen 
schlagen. Ober zu russ. solovej "Nachtigair. 

Sdiwan. Für Schwan gibt es zwei germanische Ausdrücke, ahd. swan, e. schwed. swan, der 
sich nicht über das Germanische hinaus verfolgen läßt, und ahd. elbis, das heute nur noch 
im Bernischen als Elbs fortlebt, verwandt mit russ. lebedi. Es hängt wohl mit dem Stamme 
fl/* 'weiß' zusammen. Demgegenüber wäre swan 'der Sänger', also der „Singschwan". 

Specht, ahd. speht, dän. spät zu \a\. picns 'Specht', pica 'Elster'. 

Sperling, mit Ableitungssilbe von ahd. sparo, got. sparwa, e. sparrow, zu apreuß. 5/;«r^//5 
'Sperling' {spergla-wanag 'Sperber'), gr. a.-ii-oyov'/.o^ (spergalos) 'kleiner Vogel', o.-iogyuo; 
{sporgilos) 'kleiner Vogel', orraijäaiov (sparäsion) 'ein dem Sperling ähnlicher Vogel'. 
Das ableitende g der nicht germanischen Wörter findet sich auch in ahd. sperke, das 
als Sperk, Spirk noch in obd. und md. Mundarten fortlebt. Außer dieser Bezeich- 
nung gibt es noch eine Reihe anderer. Nämlich Spatz, mM. spatz, vielleicht eine 
Koseform zu Sperling oder verwandt mit \a\.passer 'Sperling'; nd.Lüning, and. hliuning 
ist völlig unklar; am Mittel- und Niederrhein heißt er Musch, Mösdi, wohl entlehnt 
aus vulgärlat. 'muscio: lat. musca 'Fliege'. 



182 Neuntes Kaimtei.. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Star, ahd. stara, e. stnre und starling, dän. stär zu \dX.sturnus. Eine andere mundartliche He- 
zcichnunß \f.{ ^\\A.spra, sprea, 6a?.z\%Sprehe , Spraie, Spro, Spraft iisw. noch fortlebt. 

Storifi, ahd. stora/i, c. dän. schwed. 5/or/t, wolil verwandt mit gr. Ti'.iiyo^ (törgos) Geier" 
trotz der abweichenden Bedeutung. Die ndd. Benennung Adebar, mit mannigfachen 
Nebenformen, ahd. odobrro, ist dunl<el. ürimm deutete sie als .Giiiclibringer'. 

2. GERMANISCHE UND DEUTSCHE Bf-STANDTEILE. 
Ammer, ahd. amaro, t. yellow-ammer, vielleicht von amer 'Sommerdinkel' wie 
Hünfling zw Hanf. — Auerhahn, ahd. iir/iano; daneben orrehan und dieses zu schwed. 
orre 'Birkhuhn", was vielleicht 'das Männchen" bezeichnete, zu lat. verres 'Eber', aind. t/r<fln- 
'männlicli, zeugungskräftig" oder zu gr. tinntiv {ärsun) 'männlich'. — Auf 'Nachteule, Uhu', 
ags. «/, anord. ufr, vielleicht lautnacliahmend. — Dohle, mhd. dahele, ahd. tahala, taha. 
t.daw, idg.'tak^a, wohl lautnachalmiend. — Elster, ahd. agalstra mit zahlreichen Neben- 
formen, die Bhuinier, KZ. 34, 344—380 zusammengestellt hat. Dazu ags. agu. -- Entericii, 
ahd. antrehho, mnd. antredie ist eine Zusammensetzung mit dem im Englischen vor- 
liegenden drakc, ndd. drake. — lirpel, ndd., wohl zu ahd. erpf 'dunkelfarbig'. Dazu anord. 
/tjr/;r 'Haselhuhn'. — Eule, ahd. fiwila, t. owl. Vielleicht lautnachahmend. — Falke, ahd. 
falcfio, fehlt im Angelsächsischen. Das Wort wird teils als eciit germanisch, teils als Ent- 
lehnung aus dem Romanischen aufgefaßt. Jedenfalls ist er mit der Falkenjagd aufgekommen. 

— üiinter, obd G<?^5fr 'der Gänserich", ahd. ganazzo. ags. ganot, c. gannet 'SeevogtV 
hat mit Gans zunächst nichts zu tun. Daneben auch c. gander, ags. gandra. — Geier, 
ahd. gir, wohl zu Gier. — Gimpel, spätmhd. gümpel zu gnmpen 'hüpfen'. — fiabidit, 
ahd, habuh, e. hawk. schwerlich richtig als 'der Greifer" erklärt, zu got. hnfjan. lat. capio. — 
Kauz, spätmhd. /jr/2, vielleicht zu gT.ßrSn [byza) 'Eule'. — Kibitz. xnhd. gib i',, wohl laut- 
malend nach dem Ruf kibit, liiwit. — Krähe, ahd. kraja, krawa, e. crow, wohl von 
krähen. — Lerdie, ahd. lerahha, ags. lawerce, e. lark; Herleitung unklar; wohl eine Zu- 
sammensetzung. — Meise, ahd. meisa, e. tit-mouse-, vielleicht zu lat. merula, falls aus 
' misula. — Möwe, andd. meu, e. mew, anord. mar 'Möwe' Nach Uhlenbeck zu ai. mecaka- 
'dunkelblau'. — Naditignll, ahd. nahtagala. e. nightingale, eigentlich 'Nachtsängerin'. — 
Reiher, mhd. reiger, ags. hragrn; daneben ahd. heigaro; unerklärt, vielleicht lautnachahmend. 

— Sdierbe, ahd. scarva. scarba, ags. scra f. Wohl lautnachahmend. — Sdmepfe, ahd. 
snepfa, von dem langen Sdmabel benannt. — Sperber, ahd. sparwari; zusammengesetzt 
aus sparw- 'Speihng und aro 'Adler': \g\. ags. spearhafoc, e. sparrowhawk 'Sperber'. — 
Sprosser zu Sprosse 'Hautflecken'. — Taube, ahd. triba. e. dove. got. hraiwa-dnbo 
'Turteltaube'; Herkunft unklar; daneben im Germanischen noch andre Bezeichnungen. — 
Uhu, lautmalende Bildung, vgl. ahd. hüwo und üvo. — Vogel, ahd. fogal, e.fowl, got. fugls 
zu h\. paükitis 'Vogel'; das alte Wort für Vogel, lat. avis, aind. vi- vielleicht in Weihe, ahd. 
wio. das aber schwerlich richtig auch zu Geweih gestellt wird. — Waditel, ahd. wahtala; 
daneben quattulo; wohl lautnachahmend; unklarer Herkunft. — Wiedehopf, ahd. witu- 
Iwffa, -hopfa, eigentlich 'Waldhüpfer', in Wirklichkeit aber eine volkstümliche Umgestaltung 
des eigentümlichen Rufs des Vogels, nachdem er auch Hupphupp. Wuddwudd u. a. benannt wird. 

Wie wir schon in den angeführten Beispielen gesehen haben, liegen in 
den Vögelnamen oft deutlich erkennbare Nachbildungen der Laute und Rufe 
der Vögel vor. Nimmt man dazu die Namen in den Mundarten, wie sie Suolahti 
zusammengestellt, so wird der Stoff überraschend reichhaltig, und es ist kaum 
zu bezweifeln, daß wir mit dieser Erklärung auf dem richtigen Wege sind. 

Dazu kommen zahlreiche Namen, die an und für sich deutlich sind, wie Adier- 
männdien. Badistelze, Dompfaff nach der Ähnlichkeit mit der Kappe eines Dom- 
geistlichen, Kreuzsdinabel, Rotsdiwanz. Rotkehldien, Grasmüdie. Kern- 
beißer. Kohlmeise, Mauersegler, Raudisdiwalbe, Regenpfeifer , Sandläufer, 
Sdilüpfer, Seidenschwanz. Strandläufer. Würger usw. 



§ 122. Schlussfolgerungen. 183 



Verdunkelte Zusammensetzungen haben wir in: 

Kram(m(e)t)svogel, mlid. kranwitvogel zu ahd. krana-wita 'Kranichholz, Wacholder- 
staude; — Adler, mhd. arf^/fl/- 'Edelaar'; — Rohrdommel, dafür ahd. horotübil, während 
unser Wort eine Verwandte in ags. rarediimbla, mnd. raredump hat. Es liegt einerseits Be- 
ziehung auf Rohr, anderseits auf röhren 'schreien' und ahd. horo 'Schmutz' vor. 

3. ENTLEHNUNGEN 
von Vogelnamen sind schon früh vorgekommen. 

a) Aus dem Lateinisch-Romanischen sind in althochdeutscher Zeit entlehnt: 
Fasan, ahd. fasihon als Umdeutung von \a\.. gx. phasiönus 'Vogel vom Flusse 

Phasis'. Im 12. Jh. wird die französische Form entlehnt. — Greif, ahd. grifo aus vulgär- 
iai. griphus, das auf hehr, eher üb zurückgehen soll. — Pelikan, gr. \a{. pelicanus. — 
Pfau. ahd. pfa(w)o, t. peacodi, dän. paafugl, schwed. pnfiigl, \. pavo. — Sittidi, ahd. 
sitidi, lat. gc. psittaciis. — Strauß, ahd. sträi, ags. .itryta, lat. strathio. — .Turteltaube, 
ahd. turtnlataba, e. turtle durch kirchliche Vermittlung aus lat. turtur. 

Dazu kommen einige Namen, die sich nur mundartlich erhalten haben, so Merle am 
Mittel- und Niederrhein aus lat. merula und Mösdi am Niederrhein aus lat. musca. Ein 
Übersetzungslehnwoit liegt in Zaunkönig, lat. rPgulus vor. 

b) Aus dem Französischen kommen im Mittelhochdeutschen eine Reihe 
von Namen, die aber verloren gehen. Später bringt dann der Vogelhandel 
einige jetzt nicht mehr erhaltene itahenische Namen und die noch vor- 
handenen slawischen Stieglitz, Zeisig. Dazu kommt Trappe, poln. tschech. 
drop. In neuerer Zeit ist dann noch der Kanarienvogel eingeführt, und 
außerdem sind manche fremdländische Namen zu uns gelangt. 

§ 122. Schlußfolgerungen. Als bemerkenswert ergibt sich aus diesen 
Zusammenstellungen, daß die Namen der Tiere, die jetzt einen Bauernhof 
bevölkern, die Namen für Gans, Ente, Huhn, echt germanisch sind, obgleich 
•die Hühner sicher erst nach Deutschland eingeführt worden sind. Gans und 
Ente können freilich frühzeitig gezähmt gewesen sein, wenngleich sich dies 
nicht beweisen läßt. Denn der Ausdruck für Ei, ahd. ei, anord. egg (daraus 
€. egg) ist bedeutungslos. Das Wort gehört zweifellos zu lat. oviim, gr. fnöv 
(oli/ön), air. og, abg. j'aje. Die Grundform ist '-^ajjam, die mit den andern 
Worten vermittelt werden kann, wenn man den Schwund eines ziJ vor / 
annimmt. Man sammelte schon frühzeitig die Eier wilder Vögel, wie noch 
heute die der Kibitze. Also weist das Wort nicht auf Geflügelzucht. 

Eine wirkliche Geflügelzucht scheinen die Germanen erst durch die 
Römer kennen gelernt zu haben. Jedenfalls erhalten wir von ihnen eine 
ganze Reihe von Worten, die sich auf diese beziehen. Dahin gehören: 

Flaum, ahd. pfhima aus \a{. plunia; das echtdeutsche Wort ist Daune, mnd. dcme; — 
Käfig, ahd. kevia aus vulgärlat. cavia; — Mauser, mhd. miize, ahd. mii^^on 'sich 
mausern', aus \a\.mütäre; — Pips, ahd. pfipfi^ aus m\at pipita für pltmta. 

Wenn man die Vogelnamen in der Gesamtheit überblickt, so zeigt es 
sich, daß sie in vielen Fällen nicht über das Germanische hinausgehen. 
Daraus aber schließen zu wollen, daß man in indogermanischer Zeit die 
einzelnen Vögel noch nicht unterschieden hätte, ist vollständig hinfällig. 
Vergleiche das, was oben S. 98 über die Indianersprachen angeführt ist. 



184 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Der Mangel an Übereinstimmung bei den Vogelnamcn erklärt sich hier, 
wie so oft, aus der Fülle der Ausdrücke, die vorhanden war, und dadurch, 
daß die Vögel keine derartige Rolle in der Wirtschaft spielten, daß jede 
Bezeichnung hätte unverändert haften müssen. Um so bemerkenswerter 
sind die in allen Sprachen gleichmäßig auftretenden Benennungen für Gans 
und Ente, was eben auf die hohe wirtschaftliche Bedeutung dieser Tiere 
hinweist. Noch heute werden in Norddeutschland, namentlich auf den 
friesischen hiseln, Wildenten zu Tausenden gefangen und geschossen. 
§ 123. C. Die Fische. 

Literatur: J. J. KÖHLER, Die altenglischen Fischnamen, Heidelberg 1906. — Uhlen- 
BECK, De indogermaansche vischnanien. Ex serto naberico a philologis Batavis coUecto 
seorsum excusum, 1908. — Hirt, Idg. Forsch. 22, 65. 

Unsere Bezeichnungen der Fische gehen zum Teil in das indogermanische 
Altertum zurück, zum Teil sind sie nur gemeingermanisch, tragen aber einen 
solchen Sprachcharakter (nicht ableitbar von andern Worten), daß man auch 
diesen unbedenklich ein höheres Alter zuschreiben kann. Und selbst unter 
den erst auf deutschem Boden belegten sind einige offenbar recht alt. 
Natürlich gibt es auch Entlehnungen und Neubildungen. Wenn so mancher 
Name nur eine geringe geographische Verbreitung hat, so möge man be- 
denken: 1. daß der Fischfang der Natur der Sache nach nicht überall ver- 
breitet sein kann, 2. daß nicht jede Fischart überall vorkommt, und 3. daß 
die gleichen Fische auch heute noch in nicht weit voneinander entfernten 
Gegenden verschieden benannt werden. Brehm führt in seinem Tierleben, 
Fische 296, mehrere Beispiele dafür an, wovon ich eins in meinen Indo- 
germanen 2, 636 abgedruckt habe. Eine Sammlung der dem Volke bekannten 
Fischnamen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands wäre eine dankens- 
werte Aufgabe. 

1. INDOGERMANISCHE BESTANDTEILE. 
Aal, ahd. äl, e. ed. urgerm. *ela, gehört wahrscheinlich zu dem zweiten Teil von gx.ty/j).v; 
{ewkhelys), lat. anguilla, worin kein Suffix, sondern nur ein selbständiges Wort stecken kann. 
Asdie, Äsdie, ahd. asko mit Ablaut zu kelt. esox 'Hecht'. 
Dorsch, ndd. dorsdi, an. porskr zu russ. treskd 'Stockfisch'. 

Fisdi, ah6.fisk, got/isks, (t. fish zu \aX. piscis, u. iasc (ein anderes Wort gr.lyßi^ [ikh- 

thys], lit. luvis ist im Deutschen verloren gegangen, vielleicht aber in schwed. gös 

'lucio perca' erhalteni. 

Forelle, ahd. forhana; dazu ir. orc 'Lachs', erc Forelle', gi. r^t'jy.>i {perk(e) 'Barsch'; 

Feldien, eine Forellenart des Bodensees, hat wohl / für r, wie alem. kildie für kirdhe^ 

Hai aus nd\. haai zu anord. här und weiter zu amd. satiküli 'ein best. Wassertier'. 

Ladis, a\\d. lahs, schott. /öa' zu lit. lasisä, russ. /Ö505(( 'Lachsforelle', poln. /050< 'Lachs'^ 

jetzt auch im Tocharischen nachgewiesen. 
Ein jetzt verlorener wichtiger Fischname liegt in ahd. munewa, rniinwa 'capedo' vor, heute 
westfäl. mcene 'Elritze', hess. moene, mene. mine 'ein ähnlicher Fisch', dazu ags. myne 
'Elritze', e. minnow und weiter gr. iiairt] {maina>), fiani; {mainis), uaiviöioy (mainidion) 
"kleiner Meerfisch', russ. menl, menekn, menjüdifi 'Aalraupe', lit. menke, lett. menca 
•Dorsch'; vgl. SoLMSEN, KZ. 37, 584, Uhlenbeck, Beitr. 30, 334, Köhler, Die alteng- 
lischen Fischnamen 62; hier haben wir es also sicher mit einem indogermanischen 
Ausdruck zu tun. 



§ 123. C. Die Fische. 185 



Schleie, ahd. säo, ags. sli(w) zu lit. Ifnas, apr. Unis 'Schleie', gT./.n-fvc; {lineiis) 'Meerfisch'. 

Sdiade, Sdiaden (mundartlich), ags. sceadd 'Maifisch', c. shad, dazu nacli O. Schrader 
ir. scatan 'Hering', 

Schmerle, spätmhd. sniene, vielleicht zu gr. anaul^ {smaris) 'kleiner Meerfisch'. 

Stör, ahd. sturio, ags. styria, auch ins Romanische gedrungen. Urgerm. stur- gehört wahr- 
scheinlich mit Schwebeablaut zu lit. asstras, apreuß. esketres, russ. osetni. 
Hierzu kommt der Ausdruck Rogen, ahd. rogo, e. roan, roe, anord. hrogn n., pl. zu 

lit. kurkuldl 'Froschlaich'. 

2. GERMANISCHE UND DEUTSCHE BESTANDTEILE. 
Alant, ahd.alant, as. alund. Oh zu Aal? — Barsdi, ahd. bersih, t.barze; schwed. 
agborre zeigt Ablaut; — Blei aus dem Niederdeutschen, mnd. bleie f., e. blay, daneben 
mit Ablaut mhd. blidte; — Brasse(n), ahd. brahsenia, brahsa, e. brasse; — Bricke aus 
mnd. pricke; — Butt(e), ndd., e. bat zu ndd. biitt 'stumpf; — Döbel, im 15. Jh., zu 
döbel 'Püock' ; — Elritze, mhd. ahd. erlink, eig. 'Erienfisch'; — Flunder, mhd. vlunder, 
e. flounder, wohl eigentlich 'Plattfisch' zu gr. .-rhar^ {platys); — Härder, ndd. liarder, 
ags. heardhara; — Hausen, ahd. huso, mnd. hiisen. Das Verhältnis zu tschech. vyz, poln. 
wyz ist unklar; — Hedit, ahd. hediit, hachit, ags. hacod, hceced, vielleicht zu ahd. hedien 
'stechen', von seiner spitzen Schnauze; — Hering, ahd. haring, e. herring, im 6. Jahr- 
hundert mlat. haringus; jedenfalls nicht zu heer als 'Heerfisch'; unbekannter Herkunft; 
daneben anord. sild; — Kresse, ahd. kresso, vielleicht zu ahd. kresan 'kriechen'; — 
Quappe, ahd. quappa, besonders in Kaulquappe {Kaul aus Kugel); — Renke, mhd. 
rinanche 'Rheinanke'; anke ist dunkel; — Roche, aus mndd. rudie, dazu ags. reolihe, 
mengl. roughe, reighe, also mit Ablaut; — Scheiden, bayer. öst. 'Wels', ahd. skeida; — 
Sdiellfisdi, t. shellfish zu Sdiale, sdiellern, weil das Fleisch sich schilfert; — Sdinäpel, 
mnd. snepel : Sdinabel; — Scholle, mnd. sdwlle zu Sdiolle, \y\^ Sohle zu Sohle, Zunge 
zu Zunge; — Sprotte, aus dem Niederdeutschen, nd\.sprot, t.sprat; Herkunft dunkel; — 
Stint, aus ndd. st int, vielleicht zu mhd. stunz 'stumpf, kurz'; — Trüsdie, 1561 Trusch; — 
Wels, mhd. weis, wohl zu ahd. welira 'Walfisch', s. S. 178. 

3. ENTLEHNUNGEN. 
Aalraupe, ahd. nur nlpa, wohl entlehnt aus lat. rubeta 'Frosch, Kröte"; — Albe, 
Albel, mhd. albel, \. albula; — Alse, Alose, frz. alose, kt\t. alausa; — Anchovis, 
nd\. ans jovis, aus dem Baskischen; — Barbe, ahd. barbo, lat barbus; — Giebel, ahd. 
guva, lat. gobio; — Groppe, ahd. groppo, vielleicht mlat. carabus; — Kabeljau, Her- 
kunft dunkel; — Karpfen, ahd. karpfo, karfo, zuerst belegt im 6. Jahrhundert als mlat. 
carpa und über ganz Nordeuropa verbreitet, über Romanen, Germanen und Slawen; Her- 
kunft dunkel, wahrscheinlich aber nicht echt germanisch. Vielleicht zu aind. sapharali_ 
'Karpfenart', IW. supalas 'cyprinus dobula'; — Laberdan, 16..Jh., e. haberdine, Herkunft 
dunkel; — Lamprete , ahd. lampreta, ags. lempedu aus lat. lampreda, lampetra, dessen 
Herkunft dunkel ist. Ein offenbar sehr geschätzter Fisch, wie Lampreten volkstümlicli 
etwas sehr Feines bezeichnen; — Makrele, mhd. makrel, mlat. macarellus; — Muräne. 
mhd. muren. gr.-lat. muraena; — Orfe, ahd. orvo, gr.-lat. orphus; — Pf rille, mhd. 
pfrille, noch schwäb.-tirol., lat. perula; — Platteise, ■s.'pätmhd. blat(t)ise, l. platessa; — 
Sardelle, 1556, ital. sardella; — Sardine, 1495, \tal. sardina; — Salm, ahd. salmo, 
gall.-lat. salmo; dazu Saibling aus Sälmling 'der junge Lachs'; — Sohle, e. sole, lat. 
solea 'Sandale, Plattfisch'; — Turbo t, 1617, frz. turbot. 

An Entlehnungen aus dem Slawischen, die z. T. nur eine örtliche Ver- 
breitung haben, liegen vor 

Beißker, 15. Jh., slav/. piskor; — Karausdie, 16. Jh., lit. kan'iUs; — Pomndiel 
'Dorsch', poln. pomudiia; — Plötze, kaschubisch ploc; — Sander, Zander, obsorb. 
sandak; — Ukelei, poln. uklej. 



186 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Daß schon in alter Zeit der Fischfang bekannt war, ergibt sich zweifellos 
aus der Sprache. 

fisdien, goK. Jiskon, hi. piscari; — Angel, ahd. fl«^«/ 'Stachel, Spitze, Fischangcl', 
genau gr. i'tyxi/.a: {aukylos) 'krumm'; in n'/y.tornny {äukistron) 'Angel' haben wir eine Ab- 
leitung von demselben Stamm: - //fl/^i^/; 'Angelhaken, Angelrute', ah^. hämo, vielleicht 
y.u lat. //rtff/;« 'Haken, Angelhaken, Angel"; — Netz, ahd. m^zzi, c. net, go\. nati, dazu mit 
Ablaut anord. nut; zu lat. nassa 'Fischreuse, Netz, Schlinge"; — Reuse, ahd. rnsa, rnssa; 
wenn dies eine ablautende Weiterbildung zu got. raus, d. Rofir ist, muß das Wort sehr alt sein. 

Anmerkung. Ich bemerke, daß der Fang der Fische mit der Angel verhältnismäßig 
jtmg ist, und daß es eine ganze Fülle verschiedener Arten, iMsclie zu fangen, gibt, mit der 
Lanze, dem Buger), dem Dreizack, nachts mit einer Fackel im Wasser gehend usw.. so daß 
der Mangel an Namen für Fischereigeräte nicht weiter auffallen kann. 

Man sieht also, daß nicht nur eine ganze Reihe von Fischnamen gemein- 
germanisch sind, sondern daß auch nicht wenige in das indogermanische 
Altertum zurückgehen. Es ist demnach eine durch die Tatsachen widerlegte 
Behauptung von O. Schrader und andern, daß die Indogermanen die Fische 
nicht beachtet hätten. Die Namen einer Anzahl eigentlich nur in den nörd- 
lichen Meeren und den hineinmündenden Flüssen vorkommender Fische und 
Tiere, wie Aal, Ladis, Stör, Walfisch und Hummer, weisen auf die Nord- 
seeküste als ursprüngliche Heimat der Germanen und Indogermanen. 

Zweifellos wird sich mit der Zeit noch mancher andere Fischnamen als 
indogermanisch erweisen, wenn man erst noch die Ausdrücke der deutschen und 
skandinavischen Mundarten sowie die der slawischen genügend erforscht hat. 

§ 124. D. Sonstige Tiere. 

Literatur: JoHX von Zandt-Cortelyon, Die altenglischen Namen der Insekten. 
Spinnen und Krustentiere; Anglistische Forschungen 19, Heidelberg 1906. 

Auch auf diesem Gebiete finden wir einen guten Teil alten Sprach- 
stoffes, wenngleich natürlich auch Entlehnungen nicht fehlen. Wir unter- 
scheiden nur zwischen einheimischem und entlehntem Sprachgut. 

1. EINHEIMISCHES SPRACHGUT. 

Ameise, ahd. ämeiia, ags. a>mette, e. emmet, ant\ dunkel; vielleicht steckt darin eine Zu- 
sammensetzung von a 'ab' und meiiian. zu dem unser Meißel gehört, also 'die Ab- 
schroterin'. Ein altes indogermanisches Wort liegt vor in ndd. ndl. mier, krimgot. miera, 
ags. mijre. t. mire. das zu gx. iii-oinf: {mynweks), \a\. formten gehört. 

Assel 'Kellerassel', spätmhd. assel. gewöhnlich aus lat. asellus hergeleitet; doch erhebt 
dagegen die Formel Atzel Einwand. 
Eine reiche Benennung liegt für die Bienen vor. 

Biene, ahd. bini n., bia, ags. beo, e. bee, gemeingermanisch, aber in dieser Form nicht 
in den verwandten Sprachen; mit andren Suffixen lit. bitis, lett. bitte, apreuß. bite, ir. 
becfi, lat. fücus 'Biene'; — Bremse, niederdeutsche Form. ahd. bremo. vielleicht 
Brummerin', oder zu aind. bhramaräh 'Biene'; — Drohne, niederdeutsche Form, 
asächs. dran, e. drone, ahd. mit Ablaut treno zu gr. Ogwiai Uhröna.x) 'Drohne', redu- 
pliziert TffOgip-iii {tenthrcence), 'Art Wespe oder Hummel": — Hornisse, ahd. horna^, 
hurnui, e. hörnet zu lat. crabro 'Hornisse', abg. sni.^enl u.a.; — Hummel, ahd. hum- 
bal. e. humble-bee, vielleicht nasalierte Form zu gr. xtiq t'iv {kcephien) 'Drohne' oder zu 
apreuß. ca/w«5 'Hummel', \\{. kamrine '"Exdh'xtwt ; — Imme, ahd. />«&/ 'Bienenschwarm', 
erst spätmhd. 'Biene', ags. ymbe 'Bienenschwarm', gehört trotz geäußerter Bedenken 



§ 124. D. Sonstige Tiere. 187 



doch wohl zu gr. f7<.T('s- {etnpis) 'Stechmücke"; — Wespe, ahd. wefsa, e. wasp zu lat. 
vespa, lit. vapsä 'Bremse', abg. vosa 'Wespe'. — Dazu kommen die alten Benennungen 
für die Erzeugnisse der Biene, den Hon ig. Das älteste Wort dafür steckt in Met, ahd. 
meto 'Met', e. mead, abg. niedn, altpr. meddo, lit. mediis, awest. ma<hi- 'Honig', gr.iifOv 
(methy) 'Trunkenheit'; — außerdem haben wir gT. itf/.t (me/i), \a\. mel, got milip; — 
unser Wort Honig, ahd. hona(n)g, e. honey gehört wahrscheinlich zu aind. könakam, 
kaiScanäm, n. 'Gold", gr. y.vijy.o; (kncekos) 'Safflor', y.njy.ög {kmekös), dor. y.i-uy.i'i: {knakös) 
'gelb". Ob die Bedeutung 'gelb' oder 'Honig' älter ist, läßt sich nicht entscheiden, ich 
vermute das letztere; — Wadis, z\\d. wahs, tng\. wax zu Wi. vd^kas, dbg. voskn, zu 
wahseni?); \a\. cera ist im Germanischen verloren gegangen: — Wabe, ahd.waba l., 
■wabo m. 'Honigwabe'; der Zusammenhang mit weben erscheint möglich; im Lateinischen 
findet sich aber in genau der gleichen Bedeutung faviis, ein Wort, das dieselben Laute, 
nur in andrer Folge, enthält (idg. *bhawos und '^wabhos. wabha); unter diesen Um- 
ständen liegt der Gedanke einer Metathese sehr nahe, doch ist nicht zu sagen, welche 
Sprache das Ursprüngliche hat; — ein anderes Wort haben wir noch in Roß n. 'Honig- 
wabe", mhd. ra^, ra^e, andlxk. rata 'favus', nd\. raat f. 'Honigseim"; falls das Wort mit 
// anlautete, kann man die Wurzel von lat. crdtes 'Flechtwerk" vergleichen. — Man er- 
kennt aus dem hohen Alter der heutigen Ausdrücke, welche Aufmerksamkeit man den 
Bienen und ihren Erzeugnissen zuwandte. Das ist nur natürlich. Bot doch der Honig 
den einzigen Zucker, den man zur V^erfügung hatte. In der Hauptsache wird es sich 
natürlich um wilde Bienenstöcke handeln. 

Blutegel, ahd. egala. V^ielleicht zum ersten Bestandteil des folgenden. 

Eidedise, ahd. egidehsa, e. ask; der erste Teil wohl zu gr. s/idra iekhidna) 'Natter, 
Schlange"; aus Eid-edise ist £"c^5^ (1836) fälschlich in neuerer Zeit entnommen worden. 

Engerling, ahd. engirink 'Kornmade' von gleichbed. ahd. angar, vielleicht zu lit. ankHiral 
'Finnen, Engerlinge', poln. wcgry 'Schweinefinnen'. 

Ealter, s. Sdimetlerling; — Finne, mhd. pfinne, vinne, ndl. vi n 'Blatter'. 

Fliege, ahd. flioga, e. fly zu fliegen; daneben mit Ablaut anord. fhiga. 

Floh. ahd. flöh, t. flea, wird gewöhnlich zu fliehen gestellt, aber Urverwandtschaft mit 
lat. p'ilex ist kaum abzuweisen. 

Frosdi, ahd. frosk, e. d\a\. frosk, daneben t. frog und andere Nebenformen, die die Be- 
urteilung erschweren. Osthoff, Parerga, stellt es zu einer Wurzel, die 'springen, hüpfen" 
bedeutet habe und noch in unserm froh, freuen vorliegt. 

Gelse 'Schnake, Mücke', erst nhd. zu gelsen 'summen", gellen. 

Gnitte, niederdeutsch, oberd. Gnitze, dazu ags. gnwt. 

Heimdien, ahd. heimo 'Hausgrille'; dazu ags. hdma 'Hausgrille"; wohl zu Heini; — Heii- 
s dir e die, ahd. hewiskrekko, zu sdiredien, eig. 'aufspringen". 

Hummer, aus dem nord. humarr, zu gx. y-ämiaoo; {kämmaros) 'Seekrebs' und vielleicht 
aind. kamäthas (th aus rth) 'Schildkröte'. 

Käfer, ahd. kevar(o), t. chafer; wohl zu kiffen 'nagen"; ahd. mhd. auft^/ 'Kornwurm, 
Käfer', e. weevel ist verloren; es entspricht lit. vabalas 'Käfer'. 

Kanker 'Spinne'; dazu nordfries. kiinker 'Spinne', an. köngurvafa, vielleicht ursprünglich 
das Spinnengewebe, vgl. Spinnekanker, zu gr. yäyyoairu (gdt^graina) 'fressendes Geschwür". 

Krabbe, aus mnd. krabbe, e. crab; stammverwandt mit dem folgenden. 

Krebs, ahd. kreba^; unerklärt. 

Kröte, ahd. krota, kreta, wohl zu gr. ßäTou/n; (bätrakhos), (ioaTu/o; (brätakhos); die 
Form ßrmz- {brät-) stimmt zu der Ablautstufe krot. 

Laus, ahd. tiis, e. louse; vielleicht zu akymr. leu-eseticc 'von Läusen zerfressen". 

Lind(wurm) , ahd. lint 'Schlange', anoxd. linnr; unerklärt. 

Lurdi, nd. Lork, vgl. IF. 30, 266. 

Made, ahd. mado, got. mapa, mit ableitendem k e. niawk; unerklärt: vielleicht zu Motte. 

Milbe, ahd. milwa; zu Mehl, also Mehlwurm. 



188 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Molch, mhd. mol, molle, ahd. mol 'Eidechse, Molch'; unerklärt. 

Motte, spdtmhd. wo//^. c.moth; zu Made? 

Mü(iie, ahd. mucka, e. midge. anord. niij ohne Guttural; wurzelverwandt mit gx. in'hi (myia), 
das aber ein s verloren hat, vgl. lat. nuisca. 

Natter, ahd. natara, e. adder, mit Verlust des n wie auch in Otter, got. nadrs zu lat. 
natrix 'Wasscrschiangc'. 

Sifi, Nisse, ahd. hni^, e. n/f 'Lausei' zu gr. /<oi/,-, ;<oi/<5o,- {konis, konidos) 'Ei der Läuse'. 

Olm 'Molch' aus molm, zu Mohii. — Otter, s. Natter. 

Padde, niederdeutsch, c. paddodi. anord. padda; unerklärt. Dazu Sdiildpatt. 

Pieraas 'Regenwurm als Köder", mnd. piras, vielleicht Aas zum pieren 'anlocken". 

Qualle, nd. qiialle, wohl zu Qualster 'zäher Schleim'. 

Raupe, ahd. rnpa, lautlicli eins mit abg. ryba, das aber 'Fisch" bedeutet. Ist die Ur- 
bedeutung vielleiciit 'Wurm? 

Sdiabe, mhd. sdiabe 'Motte, Schabe', ags. nui-lsceafa 'Raupe', wohl zu sdiaben. 

Sdiildpatt, s. Padde. 

S dl lange, ahd. slango m. zu sdilingeri; dies Wort hat andere Ausdrücke verdrängt, kann aber 
auch vofgermanisch sein, da es vielleicht zu V.ymx. y-slywen, Slawen 'Aal' aus *slnngio gehört. 

Sdinietterling, erst neuhochdeutsch; die ältere Bezeichnung steckt in Falter, gekürzt 
aus mhd. vivalter, das mit lat. papilio, vesper(p)tilio eigentlich 'Abendfalter' wurzel- 
verwandt ist. Sdunctterling ist von Sdinietten 'Milchrahm' abgeleitet, das aus dem 
Tschechischen stammt. Die Erklärung liegt in dem Glauben, daß Hexen und elbische 
Wesen in Gestalt von Schmetterlingen die Milch stehlen oder sie verderben; daher 
auch Mildidieb, Molkendieb, Butterfliege, Buttervogel, e. butterfly. 

Sdmake, mhd. snake 'Schnake", zu mnd. snok 'junger Hecht', eig. 'Stecher". 

Sdmake 'Ringelnatter", niederdeutsch, t. snace zu z\nd. naguh 'Schlange'. 

Sdinedie, ahd. snei-ko. ndd. snigge, daneben mhd. snegel, e. snail, wohl zu aiid. snahlian 
'kriechen"; daneben Sdincgel. 

Spinne, ahd. spinna, eig. 'Spinnerin'; ein älteres Wort sicckt in Spinnekanker, %. Kanker. 

Spulwurm, im 15. Jh., zu Spule. 

Unke, erst neuhochdeutsch, dafür ahd. uhha 'Kröte', ags. >jce, ndd. Jtsdie; unerklärt. 

Wanze, mhd. wance, ahd. wantlus. — Werre, 'Maulwurfsgrille', 1540. 

Wurm, ahd. wurm 'Schlange, Spinne und überhaupt jedes Kriechtier', ags. wyrm "Drache, 
Schlange, Kriechtier" zu lat. vermis. 

Zedie ,xn\\d. zedie, ndd.ieke; man vergleicht arm. ^/z 'Zecke", lit. digiis 'stachlich, scharf, spitzig'. 

2. ENTLEHNUNGEN. 
Alligator, 1594, span. el lacerto; — Amphibie, 18. Jh., gr.-lat. amphibium, mit 
beidlebig verdeutscht; — Auster, ahd. aostar, lat. ostrea; — Basilisk, mhd. basiliske, 
gr.-lat. basiliscus; — Dradie, ahd. tradio, gr.-lat. dräkon; zunächst als Name für das 
römische Feldzeichen übernommen; — Garnele, Garnat, nd\. garneel, garnaat; — 
Grille, ahd. grillo, gr.-lat. gryllus; — Infusorien, verdeutscht Aufgußtierdien. 1670 ent- 
deckt; — Insekt, 1720, lat. insectum; ■- Kakerlak 'lichtscheue Schabe", über ndl. 
kakkerlak aus dem Südamerikanischen. Jetzt meist auf die Albinos übertragen; — Koralle, 
mhd. koral(le) zu lat.-gr. coralium; — Krake 'sagenhaftes nordisches Seeungeheuer', 
1775, norweg. krakfe; — Krokodil, mhd. kokodrille, kokatrille, gr.-lat. crocodilus; — 
Lazerte, s^an. lacerto; — Moskito, span. mosquito, 19. Jh.; — Muschel, ahd. muskula, 
lat. musculus; Miesmuschel ist mit Mies 'Moos" zusammengesetzt; — Polyp, erst nhd., 
gr.-lat. polypus: — Reptil, 19. Jh., lat. reptilis 'kriechend'; — Salamander, mhd. Sala- 
mander, gr.-lat. salamandra; — Skorpion, ahd. Skorpion, gr.-lat. scorpio; — Tarantel,. 
1676, ital. tarantola. nach der Stadt Tarent; — Viper, mhd. vipere, lat. vipera. 

§ 125. Rückblick. Blicken wir nunmehr zurück, so zeigt es sich, daß 
unsere Tierwelt im wesentlichen mit einheimischen Worten benannt ist. 



§ 125. Rückblick. § 126. Die Pflanzennamen. § 127. A. Die Bäume. 189 



Lehnworte haben sich doch nur wenige eingeschUchen. Man hat aus dem 
Vorhandensein derartiger Worte im Germanischen und Indogermanischen 
Schlüsse auf die ursprüngHchen Wohnsitze gezogen. In der Tat, wäre eine 
Anzahl von Tieren nur auf einem gewissen Gebiet verbreitet und könnten 
wir die Namen dafür in der Ursprache nachweisen, so wären derartige 
Schlüsse berechtigt. Es gibt einige solche Fälle, siehe oben S. 188 und ver- 
gleiche darüber Hirt, Die Indogermanen 1, 187 ff. Außerordentlich viel Aus- 
drücke sind aber noch dunkel, doch wird es zweifellos der Forschung noch 
gelingen, einen Teil davon zu erklären. 

§ 126. Die Pflanzennamen. 

Literatur: Hoops, Über die altenglischen Pflanzennamen, Freiburg 1889. — Hoops, 
Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen Altertum, Straßburg 1905. — BjöRKMAN, 
Die Pflanzennamen der althochdeutschen Glossen, ZfdW. 2, 202 ff.; 3, 263; 6, 174. — Pritzel- 
Jessen, Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. 
Aus allen Mundarten und Zeiten zusammengestellt. Hannover 1882. Reichhaltig, aber mit Vor- 
sicht zu benutzen. — R. Löwe, Germanische Pflanzennamen. Etymologische Untersuchungen 
vCodx Hirsdibeere, Hindebeere, Rehbockbeere und ihre Verwandten (Auch u.d.T. Germanistische 
Bibliothek, IL Abteilung, 6, Band), Heidelberg 1913. — Heinrich Marzell, Die Tiere in 
deutschen Pflanzennamen. Ein botanischer Beitrag zum deutschen Sprachschatze, Heidel- 
berg 1913. Mit einem reichhaltigen Verzeichnis der Literatur über Pflanzennamen. 

Das Gebiet der Pflanzennamen ist fast noch umfänglicher als das der 
Tiernamen und auch nicht annähernd zu erschöpfen. Wir geben denn auch 
nur eine Auswahl und teilen den Stoff in folgende Unterabteilungen: A. Die 
Bäume; B. Die Kulturpflanzen; C. Sonstige Plauzen. 

§ 127. A. Die Bäume. Fast für alle in Nordeuropa einheimischen Baum- 
namen haben wir nicht nur die gleichen Ausdrücke in allen germanischen 
Sprachen, sondern auch die verwandten Sprachen bieten Entsprechendes. 
Man schließt daraus mit Recht, daß die Urheimat der Germanen und Indo- 
germanen in einer Gegend gelegen haben muß, die über einen reichen Baum- 
bestand verfügte, der im wesentlichen aus den nordeuropäischen Bäumen 
bestand. Allerdings kehren die meisten Ausdrücke nicht im Indischen wieder, 
und darauf hat man früher großes Gewicht gelegt. Die Flora dieses Landes 
aber, das hätte man bedenken sollen, weicht so sehr von der Nordeuropas 
ab, daß das nicht wundernehmen kann. Auch die südeuropäischen Sprachen 
Griechisch und Lateinisch versagen des öftern bei der Vergleichung. Es 
gilt dafür derselbe Grund. 

Als eine auffallende Erscheinung tritt uns außerdem der häufige Wechsel 
der Bedeutung bei den Baumnamen entgegen, und zwar finden sich dabei 
ganz merkwürdige Sprünge. Wie das zu erklären, ist noch nicht genügend 
aufgehellt; ich kann es mir kaum anders vorstellen, als daß — eine Folge 
der Wanderungen — die Bezeichnung eines bestimmten Baumes zur all- 
gemeinen Bezeichnung für Baum wird und später wieder eine Speziali- 
sierung eintritt. Vergleiche weiter unten etwas Ähnliches bei den Ausdrücken 
für Getreidearten. 



190 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



1. INDOGERMANISCHE UND ALTGHRMANISCHE BESTANDTEILE. 

Ahorn, ahd. ahorn, lat. acer. 

Apfel, ahd. apful. c. apple, ir. aball, itball. lit. obuolas, ahg. jubln ko 'Apfel'; ein uraltes, 
jedenfalls nicht entlehntes Wort. 

Arve, Schweiz., 16. Jh., vielleicht zu mhd. arf 'Wurfspieß'. 

Baum, ahd. boiim, c. beam, vielleicht zu gr. qv/ia {phSima) 'üevkrächs'; unsicher. 

Birke , ahd.biridia, e.birdi, Ut.berzas, russ.beräza, aind. bhfirjas; dazu lat fraxinus'E%c\\c\ 

Biidie. ahd. buohha. \a{. fogus, gr. v »;;■'''-• {phipgös) 'Eiche'; während man frülier den Namen 
der Buche nur in diesen drei Sprachen fand, ist neuerdings der Stamm auch im Osten 
nachgewiesen; man stellt dazu kurdisch buz 'Ulme', abg. bnzu 'Hollunder', und Ost- 
hoff hat, Bezz. Beitr. 29, 249, gezeigt, daß der Name auch in einer Reihe von Ab- 
leitungen steckt. Dazu Bartholomae SB. Heidelberg 1918, 1 ff. 

liberesdie, erst im 16. Jh., vielleicht Aberesdie 'falsche Esche'. 

Eibe, ahd. iwa, t.yew zu preuß. iuwis 'Eibe', Wt jievü 'Faulbaum', abg. iva 'Weide', kymr. 
yw 'Eibe'; Weiteres bei LiDiiN, Idg. Forsch. 18,502. 

Ei die, ahd. eih, e. oak zu gr. uiyi-).iorp (aigi-lops) 'Eichenart mit süßen Früchten', lat. aes- 
culus 'Bergeiche'. 

Erle, ahd. erila (umgestellt aus elira, noch ndd. Eller), Else zu lat. alnus, ahg. j'elidia 'Erle'. 

Esdie,ahd.asc, e. ash zu abg. Jasika, Vit. üosis, lat.or««s 'wilde Bergesche', gr.')^r;/ (oxyie) 'Buche'. 

Espe, ahd. aspa, c. asp zu lit. apusis, abg. osina 'Espe', gr. «o.tj>/,- (äspris), aango; (äspros) 
'eine fruchtlose Eichenart". 

Eidite, ahd. fiuhta zu gx. :itvy.)] (peiiku-). 

Eölire, ahd. forafia, c. fir (aus dem Dänischen) zu lat. quercus aus '"perquos 'Eiche', dazu 
vielleicht auch a\nd. parkatih "ficus religiosa'; die Bedeutung 'Eiche' liegt auf deutschem 
Boden noch vor in \angob. fereha 'aesculus'; vgl. noch HOOPS, Waldbäume 119. 

Hasel, ahd. hasala, e. Iiazel zu lat. corylus, air. coli 'Hasel'. 

Heister 'junge Buche', mhd. heisrer, entlehnt frz. hetre zum lai. silva Caesia, andd. Hesiwald. 

Herlitze, ahd. arlizbourr, vielleicht zu Erle. 

Holunder, ahd. holuntar zu russ. kalina "wilder Schneeball' u. a. 

Kiefer, aus Kienföhre, zu ahd. kien, ags. cen 'Kiefer, Fichte'; unerklärt. 

Lehne, Lenne, zu anord. hlynr und abg. klenu 'Ahorn". 

Linde, ahd. linta, e. lind zu gr. fJ.üt»} {eldt<e) 'Fichte, Weißlanne', lit. lentü 'Brett'. 

/düster, air. ruai/n 'betula alnus'. 

Sdilehe, ahd. sleha, t. sloe, unerklärt; ahg. sliva 'Pflaume' ist wohl entlehnt. 

Tanne, ahd. tanna 'Tanne' zu aind. dhänvan- 'Bogen'?; vgl. HooPS a. a. O. 115; ursprüng- 
liche Bedeutung unsicher. 

Ulme, dafür ahd. elmboum, das echfdeutsche Wort, das zu lat. ulmus im Ablaut steht. 

Wadiolder, ahd. wehhaltar; unerklärt. 

Für Weide gibt es sogar mehrere Gleichungen, nämlich ahd. wida, gr. hea {itea) 

und mit Ablaut olaia (oisya), \ai. vitex, awest. vaeti-, \H. vitis 'Weidenrute'; — d. Sal- 
weide, ahd. salaha zu lat. salix; — e. willow zu gr. elixtj {helikce); — Eelber, ahd. 

felawa 'Weide' zu osset. färw, farwe 'Erle'. 

Der am weitesten verbreitete indogermanische Baumname steckt noch in e. tree 'Baum' 

(dazu d. Teer, e. tar), gotisch erhalten in triu n. 'Baum'; es gehört zu a\nd. däru, dru- 

'Holz', drumäh 'Baum', drunam 'Bogen'; awest. darav- 'Holz", alban. dru 'Holz, Baum'; 

abg. dr'evo 'Baum, Holz', russ. derevo 'Baum'; lit. dervä 'Kienholz', lett. darwa 'Teer'; agall. 

Dervum, Ortsname, 'Eichenwald', bret. kymr. derwen 'Eichen', air. dair 'Eiche', kymr. körn. 

dar 'Eiche'; gx. ööm- (döry) 'Speer', öov; (drys) 'Eiche'; xr\aktd. dägv/./.o^- {ddryllos) 'Eicht'. 

Über die ganze Sippe vgl. Osthoff, Etymologische Parerga 1, 102. Die Grundbedeutung 

wird 'Eiche' gewesen sein. Dazu gehört auch Hartriegel, ahd. liart-trugiL 

Anmerkung. Nach den Ausführungen Osthoffs a. a. O. ist die ganze Sippe sehr 

verzweigt, und sie liegt auch mehrfach in übertragener Bedeutung vor, vor allem in treu. 



§ 127. A. Die Bäume. 191 



ahd. giiriuwi, got. triggws, e. triie 'wahr', vielleicht aber auch in trauen, Trost und vielen 
Worten andrer Sprachen. Vgl. auch noch P. Waglef^, Die Eiche in alter und neuer Zeit, 
Gymnasialprogr., Würzen 1891; 2. Teil in Berliner Studien für klass, Philol. und Archäol. 13. 

Ein andres Wort für 'Baum' ist noch in Wiedehopf erhalten, ahd. wituhopfo, eig. 
'Waldhüpfer', zu ahd. w/V« 'Holz', e. tcoor/ 'Gehölz', air. //rf 'Baum', sowie \x\ Kramtsvogel, 
zsg. mit ahd. kranawitu 'Wacholder'. 

Ferner gehen aber auch die Bezeichnungen für Wald, Holz usw. in 
das Indogermanische zurück. 

Dem mhd. loh, noch erhalten in Water loo. Hohen lohe usw., entspricht lat. lücus; — 
unser Wald, ahd. wald, e. wold kehrt in aind. vatah 'Garten, Bezirk', vdti 'Baumgarten' 
wieder (/ aus It). Dazu auch vielleicht gx. a).aog (älsos) 'Hain' aus *waltJos; — Holz, 
ahd. holz, e. holt, gr. y./.ddo^ {kiddos) 'Zweig'; — Forst, ahd. forst kann Lehnwort, aber 
auch alt sein, siehe Weigand. 

Dazu kommen eine Reihe andrer Ausdrücke: 

Ast, ahd. ast, got. asts, gr. (i^og {özos), arm. ost; — Blatt, ahd. blat, e. ölade 'Blätt- 
chen, Strohhalm', vielleicht wurzelverwandt mit \a\. folium 'Blatt'; — Borke, aus dem 
Niederdeutschen, anord. börkr, e. bark 'Rinde'; vielleicht im Ablaut zu Birke; — Laub, 
ahd. loiib, e. leaf, got. laiifs wohl zu lit. Ifipas; — Rinde, ahd. rinta 'Baumrinde, Kruste', 
t.rind, daneben dial.hess.ra«cf^ mit Ablaut; — Reis, ahd. /zns 'Zweig', unerklärt; — Stamm, 
ahd. stam, e.stem zu stehen; — Straudi, mhd. strndi, ndl. struik. Wohl zu Strunk, md. 
Strunk; — Zweig, ahd. zwig, e.twig; jedenfalls Ableitung von zwei, aber wohl nicht jung. 

Auch für die Früchte sowie Erzeugnisse der Bäume gibt es alte 
Gleichungen, natürlich soweit man jene wirtschaftlich verwendete: 

Bast, mhd. hast, e. hast, dazu mit Ablaut ahd. Z;i/05/"Baststrick', vielleicht zu lat. fascia 
'Bmdt\ fascis 'Bund, Bündel, Paket'. — Edier, mhd. edier(n) 'Frucht der Eiche oder Buche', 
e. acorn 'Eichel', got, akran schlechtweg 'Frucht' zu kymr. aeron 'Früchte'. — Eidiel, ahd. 
eihhila; die Erklärung, daß Eidiel Verkleinerungswort zu Eidie sei, ist schwerlich richtig; 
eher vielleicht infolge Silbendissimilation aus *aiki-kila und letzteres zu lit. gile, abg. zeladi, 
lai. glans, gx.ßu/.avog (bälanos). — Harz, ahd. harz, auch harzuh, vielleicht stammverwandt 
mit gr. y.t]o6g (kcerös) 'Wachs'. — Hutzel 'getrocknete Birne', mhd. hutzel. — Kitt, ahd. 
quiti, kuti 'Leim', ae. cwidu 'Harz', lat. bitamen (aus dem Umbrisch-Oskischen), aind. jf(//« 
'Lack, Gummi", npers. zad 'Gummi'. — Laufet f. 'die äußere (grüne) Schale mancher 
Bay;nfrüchte', ahd. louft, wohl urverwandt mit glbd. tschech. poln. lupina, lit, lupinal 'Ob- 
schalen'. — Nuß, ahd. nus, ags. hnutu. e. nut zu air. knü, lat. nux; letzteres weist auf 
'■^dnuk, das germanisch-keltische Wort auf *knud. — Teer, aus dem Niederdeutschen, ndl. 
teer, e. tar, obd. eigentlich Zehr, gehört zu got. triu 'Baum', e. free. 

2, LEHNWORTE 

sind auf diesem Begriffsgebiet nicht gerade häufig. Vor allem kamen im wesent- 
lichen schon durch die Römer die südlichen Obstbäume mit ihren Früchten. 
Abele 'Pappel', mnd. abele aus afrz. aubel, lat. albellus. — Ammer, Amarelle , 
Wal. amarisca 'Weichselkirsche'. — Birne, ahd. bira aus xom. pera; die Entlehnung muß 
spät sein, nachdem die Verschiebung von p zu pf vorüber war, und das ist einigermaßen 
auffällig. — Budisbaum, ahd. budisboum aus rom. buxus, gr. .ti'^o.,- (pyxos). — Busdi, 
ahd. -busk, e. bush, mlat. buscus. — Ebenholz, mhd. ebboum, ebenus aus lat. ebenus. — 
Feige, ahd. flga aus xom. figa [lat. ficus). — Forst, ahd. forst aus xnlat. forestis; wird 
auch als echt deutsch angesehen, was aber weniger wahrscheinlich ist. — Kastanie, 
ahd. kestinna, t. chestnut, aus lat. castanea; unsere Form beruht auf neuer Entlehnung, auf 
alter obd. Kästen. — Kirsdie, ahd. kirsa aus lat. ceresia. — Kriedie 'Pflaumenschlehe', 
ahd. kriehboum, eigentlich 'die Griechische'. — Kornellkirsdie, ahd. kornulboum aus 
lat.cornus. — Lärdie, xnhd. lerdie aus lat. lariceni. — Lorbeer, ahd. lorberi, zusammen- 



192 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

fjesetzt aus lor -- lat. lauriis und beri 'lieerc'. — Mandel, ahd. mandala, aus vulgärlat. 
amandnlo, einer Umgestaltung von gi.anvy&ä).ii (amy^diild). — Maulbeere, ahd. murb^ri; 
niiir aus \a{. mi>nim 'Maulbeere'. — Mispel, ahd. mespila aus \at. mespilum. — Pappel, 
mhö. papel aus \a{. poptiliis. -- Pfirsidi, m\\d. pfersih aus \a\. prrsiciim, vulgärlat. /J^rs/ca; 
wenngleich das Wort althochdeutsch nicht belegt ist, muß es doch schon früh entlehnt sein, 
<la es die Lautverschiebung mitgemacht hat. — Pflaume, mhd. p/liime, ahd. p/mma aus 
\at. pntnurn. — Quitte, mhd. quiten, ahd. kutina aus mlal. cidonia, \at. cydonia, von der 
Stadt Kydon auf Kreta. — Ulme, mhd. ulmboum aus lat. ulmus. — Wallnuß, aus dem 
N'iederdeutschen. ndl. walnoot 'welsche Nuü'; im 13. Jahrhundert. — Zwetsdie, Quetsdie, 
im Mittelalter aus davascena für damascena "Pflaume von Damaskus'. — Zypresse, 
mhd. cipress aus ital. cipresso; ahd. kupfirboum. 

^ 128. Schlußfolgerungen. In den meisten Fällen lassen sich, wie wir 
«^'esehen haben, die deutschen Baumnanien bis in die verwandten Sprachen 
hinein verfolgen. Allerdings versagt hierbei, wi^ längst beobachtet worden 
ist, häufig das indische. Aber doch nicht in dem Maße, wie man früher 
angenommen. Bis ins Arische hinein gehen Tanne, aind. dhänvan- 'Bogen', 
vgl. Hoops, Waldbäume 117; der Stamm dem-, e. tree, ai. dam; Föhre, aind. 
parkati, n'ind. parg-ai 'Steineiche'; Birke, aind. bhurjah; Weide, awest. 
vaeti-;ah6.felawa,ossel/ärw;Budie,kuTd.buz'\J\me';Wald,am6.vafa-ü.a. 

Durch diese Gleichungen läßt sich die Urheimat der Germanen und 
Indogermanen ziemlich gut bestimmen. Denn die Bäume kommen nicht 
überall vor, vor allem nicht überall in dieser Fülle verschiedener Arten. 
Besonders wichtig ist die Buche, die wegen klimatischer Verhältnisse nicht 
über eine Linie, die von Königsberg nach der Krim geht, hinausreicht. 
Westwärts dieser Linie muß die Urheimat gelegen haben. 

Die treue Erhaltung der Baumnamen erklärt sich aus der wirtschaftlichen 
Verwendung. Man kannte die Eigenschaft jedes Holzes ganz genau, und 
wenn wir Großstädter sie nicht mehr kennen, der Bauer, der Tischler, der Stell- 
macher, der Bötticher usw. wissen genau, welches Holz sie anzuwenden haben. 

Zahlreich sind denn auch die Fälle, in denen in den indogermanischen 
Sprachen Gegenstände nach dem Holz benannt sind, aus dem sie gefertigt sind. 

As dl (in Asdikudien) bedeutet noch ostmitteldeutsch ein tiefes topfartiges Gefäß, 
während an. as^r 'Schiff heißt. Beide gehören zu Esdie. — Der Name Eibensdiütz weist 
darauf, daß mhd. iwe, Eibe in die Bedeutung 'Bogen' übergegangen war, vgl. auch gr. tö^ov 
(töxon) zu lat. taxus. — baudien, baudien, nd. büken 'Wäsche einweichen', hat Osthoff 
zu Bitdie gestellt, indem er die Bedeutungsentwicklung Buche > buchenes Gefäß annimmt. 
Vielleicht gehört auch Bandi hierher. — Sehr häufig werden Wälder- und Gebirgsnamen 
von Baumnamen abgeleitet. So ist das alte Bacenis Silva ein Buchenwald. Vgl. ferner 
Eidiidit. Büdiidit. Die anziehendste Ableitung dieser Art findet sich in dem alten keltischen 
Namen Hercynia Silva, das dem mhd. Firgunt entspricht, und zu Föhre, lat. quercus zu stellen 
ist, vgl. Hirt, Idg. Forsch. 1,480, und weiter gehört hierher lit. Perkänas, eig. 'der Eichengott'. 

§ 129. B. Kulturpflanzen. Ackerbauausdrücke. Die ältere Forschung hat 
nicht daran gezweifelt, den Indogermanen und damit auch den ältesten 
Germanen die Kenntnis des Ackerbaues zuzusprechen, weil eine Reihe von 
Kulturpflanzen, insbesondere die Getreidegräser, in verschiedenen Sprachen 
übereinstimmend benannt sind. Dazu kommen ebenso einige Ackerbau- 



§ 128. Schlussfolgerungen. § 129. B. Kulturpflanzen. Ackerbauausdrücke. 193 

ausdrücke. V. Hehn aber hatte gegen diese Schlüsse Einwände erhoben, 
die seinerzeit tiefen Eindruck gemacht haben. Besonders ist Hehns Ansicht 
dann durch die Werke O. Schraders verbreitet worden. Heute haben sich 
indessen die Anschauungen wieder gewendet. Nachdem ich schon vor vielen 
Jahren den Indogermanen den Ackerbau mit Bestimmtheit zugesprochen 
habe, vgl. Idg. Forsch. 5, 395 ff., Jahrb. für Nationalökonomie und Statistik, 
3. Folge, Bd. 15, 456 ff., hat sich neuerdings Hoops in weitangelegter Unter- 
suchung meiner Ansicht angeschlossen, vergleiche seine Waldbäume und 
Kulturpflanzen und meine Indogermanen. Wollte man diese Frage aber 
auch unentschieden lassen, so stimmen doch alle darin überein, daß die 
Germanen schon in der Zeit, als sie noch auf einem kleinen Gebiet ver- 
einigt saßen, den Ackerbau betrieben haben, wie außer andern Zeugnissen 
die allen germanischen Sprachen gemeinsamen Ausdrücke für die wichtigsten 
Kulturpflanzen und die Tätigkeiten des Ackerbaus beweisen. Allerdings be- 
schränkte sich der Anbau auf einzelne Früchte, und vieles haben die Ger- 
manen erst von den Römern kennen gelernt, wie die Sprache deuthch zeigt. 

INDOGERMANISCHE UND GEMEINGERMANISCHE BESTANDTEILE. 

Amelmehl 'Kraftmehl', zu ahd. amar 'Sommerdinkel'. 

Bohne, ahd. bona, e. bean; unerklärt, aber wohl alt, da die Bohne (sog. Saubohne) sehr 
früh angebaut ist. 

Dinkel 'Weizenart, Spelz', ahd. dinkel, vielleicht mit gr. r/y// (tiphce) wurzelverwandt. 

Erbse siehe S. 135. 

Flachs; der Flachs gehört zu den uralten Kulturgewächsen, die schon in den Schweizer 
Pfahlbauten angebaut wurden. Wir haben im Deutschen dafür drei Ausdrücke: Lein, 
Haar, Flachs. Lein, ahd. lin 'Flachs, Lein, leinenes Kleidungsstück', got. lein zu lat. 
linum, gr. Uvov {linon), abg. linü, lit. linal; das deutsche Wort könnte aus dem Latei- 
nischen stammen, doch ist dies nicht wahrscheinlich; — Haar, ahd. haru, anoid. hörr; 
Herkunft nicht sicher zu bestimmen; vielleicht mit Hede, mndl herde, e. hards ver- 
wandt; — Fladis, ahd. flahs, t.flax; Herkunft unklar. 

Gerste, ahd. gersta, ein nur deutsches Wort, zu lat. hordeum, gr. ;<fßdt] [krithce); — t.bar- 
ley 'Gerste' zu got. *bariz 'Gerste' (erhalten in barizeins 'gersten'), lat. /ar. Bei uns 
liegt es vor in Barn 'Krippe'. 

Hafer, ahd. habaro, aschwed. hafre, hagre und daraus entlehnt finn. kakra, daher Grund- 
form *kakro-, das vielleicht zu air. coirce 'Hafer' gehört. 

Hanf, siehe oben S. 135. 

Hirse, ahd. hirsi, hirso, wohl zu lat. Ceres 'Göttin der fruchttragenden Erde'. 

Ji Offen, ahd. hopfo, c. hop. Wohl ein echt germanisches Wort. Die v/irtschaftliche Ver- 
wendung des Hopfens ist aber jung. 

Korn, ahd. körn, e. corn, got. kaum, kaürnö zu \ai. gramim, ahg.zrnno 'Korn'. 

Kraut, ahd. krat 'Kraut, Kohl', asächs. krüd; vielleicht zu gr. ßQvov (bryon) 'Moos'. 

Mohn, mhd. mähen, mägen, ahd. (mit grammatischem Wechsel) mägo zu gv. fti^y.cov (mcekön), 
abg. makü, apreuß. moke. 

Möhre, ahd. mor(a)ha 'gelbe Rübe', e. more; verwandt mit glbd. serb. mrkva, gr. ßijdxavn 
{bräkana) 'wildwachsendes Gemüse'. 

Roggen, ahd. roü^o, t. rye (aus *rugi) zu lit. rugis 'Roggenkorn', abg. rüzl 'Roggen', 
thrak. ßgi'ia {briza), vgl. Hirt, Indogermanen 2, 654. 

.Rübe, ahd. ruoba, daneben räba (mit Ablaut), zu lat. rapa, rdpum, abg. repa, lit. rdpe; 
Entlehnung des germanischen Wortes aus dem Lateinischen ist unmögUch. 

«Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 13 



194 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Spelt, Spelz, ahd. spelta, spelza, e. speit; vgl. darüber HOOPS, Waldbäumc 416 ff. 
Weizen, ahd. weizzi, wei'ii, e. wheat, got. h'aiteis, Ableitung von weiß. 

Dazu kommen eine Reihe von Ausdrücken, die sich auf Eigentümlich- 
keiten der Getreidepflanzen beziehen: 

.Ahne 'Stenjjclsplittcr von Flachs oder Hanf, ahd. agana, got. ahana 'Spreu' i gram- 
matischer Wechsel!) zu \a{. agna 'Ährcnstachel', gr. ä/»// [<ikhn<f) Spreu', apreuß. flf*on5 
'Granne'. — Ähre, ahd. ahir, ehir, e. ear, got. ahs 'Ähre' zu lat. aciis 'Getreidestachel'. — 
Garbe, ^\\(^. garba, ai. ^roMa/* 'Handvoll'. — Halm, ah6. haim 'Gras-, Getreidestengel', 
e. halm zu lat. culmiis, gr. y.nkuno^ (kälamos), abg. slania. — Kaff, mhd. kaf, e. chaff zu 
ahd. kefa 'Hülse', das auch Käfer zugrunde liegt. — Samen, ahd. samo zu lat. semen, 
abg. se nie , Vit. sPmens. — Stroh, äh6. stnio, c. stniw zu lat. stramen Stroh'. 

Die Ausdrücke für die wichtigsten Kulturpflanzen gehen, wie wir ge- 
sehen haben, über die germanische Zeit hinaus, und dadurch wird das 
Vorhandensein eines Ackerbaues in alter Zeit äußerst wahrscheinlich. Die 
Sprache bestätigt diese Annahme weiter dadurch, daß eine Reihe über- 
einstimmender Ausdrücke für Ackerbau und für Ackerbaugeräte in den 
indogermanischen Sprachen vorhanden sind: 

Adier, ahd. ackar, c. acre, got. akrs zu \at. ager, gT.dyoös (agrös); das Wort bedeutet 
überall 'Acker', nur im Altindischen heißt äjrafi 'Flur'; die gleiche Bedeutung in den west- 
lichen Sprachen kann nicht auf Zufall beruhen; die Annahme, daß das Indische in der Be- 
deutung ausgewichen, ist sehr einfach. — Art 'gepflügtes Feld', namentlich in Artadier, 
Artfeld, Artland, ahd. a/-/ 'Bepflügung'. mhd. rtr/"Art' von ahd. enWi 'pflügen' und dies 
zu lat. arare, gr. uoöeiv [aröen); das Wort für 'Pflug', lat. aratrum, gr. ägotgov (ärotron), 
liegt noch in anord. ardr vor. — F^gge, ahd. egida zu lat. occa aus *oteka,. körn, oket, 
lit. akdcos 'Egge', gr. ö-inj {oximc) (bei Hesych). — Ernte, ahd. aran 'Ernte', got. asans 
•Ernte, Herbst' (grammatischer Wechsel!) zu ahg.jesem 'Herbst', apreuß. assanis. — Esdi 
'Ortsflur', ahd. ej^isk, got. atisk 'Saatfeld', vielleicht zu lat. ador 'Spelt'. — Feld, ahd. feld, 
e.fieldzü aind. prthiui 'Erde'. — Fiirdie, ahd. für uh 'Furche', z. furrow zu \ai. porca 
'Ackerbeet', armen, herk 'frisch geackertes Brachland', kymr. rhydi, air. redi 'Furche'. — 
mähen, ahd. maen, e. to moiz' zu gr. äftätiv (amäen) 'mähen', d. Mahd — gr. a/o/roc {ämcetos). 
— Pflug, ahd. pfluog, c. ploiigh; dies Wort ist oft besprochen worden; neuerdings hat 
Meringer, Idg. Forsch. 18, 244 wahrscheinlich gemacht, daß wir es mit einem alten, echt 
germanischen Wort zu tun haben; das Altnordische hat noch ardr (siehe oben unter Art), 
das Altenglische sulh — lat. sulcus 'Furche', das Gotische höha. — reuten (roden), ab- 
geleitet von ahd. riuti 'durch Roden urbar gemachtes Land"; dies entspricht genau awest. 
raodja, raoidja 'urbar zu machen'. 

§ 130. Schlußfolgerungen. Auch hier folgt aus den Tatsachen der Sprache 
ganz unweigerlich, daß die Indogermanen den Ackerbau mit den wichtigsten 
Kulturpflanzen nebst Pflug und Wagen kannten. Hat man sich einmal zu 
der Ansicht durchgerungen, daß der Ackerbau schon in indogermanischer 
Zeit die Grundlage der Wirtschaft bildete, so wird man nicht zweifeln, daß- 
sich in der Sprache noch sehr viel mehr Spuren dieser Tätigkeit nachweisen 
lassen. Meringer hat, Idg. Forsch. 16, 180, gezeigt, daß sich die Wurzel *wen^ 
die in wohnen, Wonne, gewinnen, lat. veniis u. a. vorliegt, auf den 
Ackerbau bezieht, d. h. daß sich die mannigfach verzweigte Bedeutungs- 
entwicklung dieser Basis aus der von 'ackern' erklären läßt (siehe unten 
§ 188). In ähnlicher Weise hat er dies für üben, ahd. uoben wahrscheinlich 



§ 130. Schlussfolgerungen. § 131. Kulturpflanzen, Entlehnungen. 195 

gemacht. Man kann die indogermanische Basis *bhewä, gr. cpvoi (phyö), lat. 
fui hinzufügen. So haben wir im Indischen bhus- 'tätig sein, sich bemühen', 
bhüman- n. 'Erde' und im. Deutschen bauen, ahd. buan 'pflanzen, bauen, be- 
bauen, wohnen, bewohnen', ßa//^/',derßaM. Weitern Stoff geben wir weiter unten. 

§ 131. Kulturpflanzen, Entlehnungen. Wir sind schon unter den oben 
besprochenen Ausdrücken für Kulturpflanzen einigen begegnet, für die man 
mit großer Wahrscheinlichkeit frühzeitige Entlehnung annimmt. Aber der 
Hauptstrom fremder Pflanzen, namentlich von Gemüsepflanzen, kommt erst 
mit der Römerzeit. 

Beete, aus dem Niederdeutschen, ahd. ^^30 aus lat. bi'ta; — Eppich, ahd. ephih 
aus lat. apiiim; — Fendi 'Art wilder Hirse', ahd. pfenih aus mlat. panicium von pänicum; — 
Fencfiel, ahd. fenahhal, t. fennel aus lat. feniculum, foeniculum; — Kappes, ahd. kabu-^ 
aus ital. capuccio von lat. caput; — Kerbel, ahd. kerfela, e. diervil aus lat. caerifolium; — 
Kichererbse, ahd. kidierra aus lat. cicer; — Kohl, ahd. kol, koli, e. cole aus lat. caulis; — 
Kümmel, ahd. kumil aus lat. cuminum; — Kürbis, ahd. kurbi^ aus lat. Cucurbita; — 
Linse, ahd. linsi(n); die unmittelbare Entlehnung aus lat. lens ist nicht sicher; — Minze, 
ahd. minza, e. mint aus lat. mentCh)a\ — Pfebe, ahd. pfedemo, gr.-lat. pepo; — Pfeffer, 
ahd. pfeffar, t. pepper aus \ai.piper; — Pflanze, ahd. pflanza, e. plant aus latplanta; — 
Pilz, ahd. buli-^ aus lat. boletus; — Quendel, ahd. quenala aus lat. conila 'Thymian'?; — 
Rettidi, ahd. retih, ratih aus lat. radic(emj; — Senf, ahd. senaf, got. sinap aus gr.-lat. 
sinäpi; — Widie , ahd. wicka aus lat. vicia. 

Unter den neu angebauten Kulturpflanzen ist dann aber vor allem der 
Wein zu nennen. Dem Wort selbst, ahd. win, e. wine, got. wein, kann 
man die Entlehnung aus lat. viniim freiHch nicht ansehen. Was aber die 
Entlehnung außer anderm sicher macht, ist der Umstand, daß fast alle 
Ausdrücke, die sich auf den Weinbau und die Weinbereitung beziehen, ent- 
lehnt sind. Dazu kommen eine Reihe von Gefäßnamen und sonstigen Aus- 
drücken, die höchst wahrscheinlich auch damit zusammenhängen. 

B edier, ahd. behhar, behhari aus mlat. biccarium; — Essig, ahd. e^^ih, got. akeit aus 
lat. acetum; — Flasche, ahd. flaska, e. flask aus mlat flasca; — Kelch, ahd. kelih aus 
lat. calic(em); — Kelter, ahd. kalktura aus lat. calcätära; — Kufe, ahd. kuofa, e. coop 
aus mlat. cöpa, Nebenform zu cüpa'YaW; dazu Kübel, mhd. kübel, mlat. cupellus ; — 
Läget, ahd. lägilla aus lat. lagena; — mischen, ahd. miskan, e. to mix aus lat. miscere; 
kann auch urverwandt sein; — Most, ahd. most, e. must aus lat. mustum 'Most'; — 
Ohm, mhd. dme, öme, e. awm aus mlat. ama 'Gefäß, Weinmaß'; — Pedi, ahd. peh, beh, 
e. pitdi aus lat. picem; — pflücken, mhd. pflücken, e. to pluck aus vulgärlat. *piluccare, 
ital. piluccare 'Trauben abbeeren'; — Presse, ahd. pressa, pfressa 'Weinkelter' zu lat. 
pressure; — sauber, ahd. siibar aus lat. sobrius; — Torkel 'Kelter', ahd. torkula aus 
lat. torculum; — Trichter, mhd. trihter, ahd. trahtari aus mlat. tractarius 'Trichter'; — 
Winzer, ahd. winzuril aus lat. vinitör(em). 

Die überlegenere römische Landwirtschaft brachte den Deutschen weiter 
eine Reihe von Geräten, die diese mit den Namen dafür übernahmen. 

Flegel (Dresdi-), ahd. flegil, e. flau aus lat. flagellum, um 400 n. Chr. 'Dresch- 
flegel'; — Forke, ahd. furka, t. fork ans lat. furca; — Sidiel. ahd. sihhila, t. sidile aus 
lat. secuta; — Stiel, ahd. stil 'Handhabe, Pflanzenstengel, Hakengerät' aus lat. stilus; — 
Stoppel, ahd. stupfala aus mlat. stupula für stipula 'Halm, Stroh, Stoppel'; — Wanne, 
ahd. wanna 'Getreide-, Futterschwinge' aus lat. vannus; nicht sicher, kann auch urverwandt sein. 

Weitere Entlehnungen an Kulturpflanzen kommen dann in den folgenden 

13* 



196 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Jahrliunderten zu uns, zum Teil mehr durch gelehrte Vermittlung. In den 
Klostergärten baute man Heil- und Würzpflanzen, aber auch Blumen. 

Aglei, Akelei, ahd. agaleia, ailieleia aus \ia\. aquilegia; — Alant, ahd. alant aus 
vulgärlat. ala; — Althee aus lat.-gr. olthaca 'Heilkraut'; — Anis, spätmhd. anis, enis aus 
gr.-lat. anisiim; — Attidi, ahd. atah, atnh aus \ai. acte, gT.uy.Tr/ 'Holunderbaum'; — 
Baldrian, mhd. baldrian aus mlat. Valeriana; — Bertram, ahd. berhtram umgedeutet 
aus \at-gT. pyretfiriim; — Betonie, ahd. betonia aus \a{. beionica, umgestaltet Batengel; 
— Binetsiii 'Spinat', friihneuhochdeutsch, aus \\a\. spinaccio 'Spinat'; — Borretsdi, 
mhd., ital. borragine; — Bürzel, ahd. burzela aus \at. portuläca; — Eibisdi, ahd. ibiska 
aus lat.-gr. ibiscum; — Ebritz, 1482 eberitz, gr.-lat. abrotonum; — Enzian, ahd. enzian, 
lat. gentiana; — Faseole, mhd. phasol, gx.AaX. phaseolits; — Galgant, ahd. galgan, mlat. 
galanga; — Gamander, mhd. gamandre aus ital. calamandrea; — Günsel, ahd. kunsele, 
m\a{. consolida; — Kamille, mhd. kamille aus \{a\. camomilla; — Karde, ahd. karto, 
karta, lat. Carduus 'Distel'. Davon Kardätsche; — Lattidi, ahd. lattuh aus lat. lactüca; — 
Lattidi, Huf lattidi, spätahd. hafleticha, lat. lapath(i)um; — Lavendel, mhd. lavendel 
aus mlat. lavendula; — Liebstödiel, ahd. lubistediil, durch Umdeutung aus lat. lubisticum 
für ligusticum; — Lilie, ahd. lilj'a aus \at. lilium; — Loldi, ahd. lolli, mhd. luldie aus 
\a\. lolium; — Majoran, s^äiahd. maiolan aus \a\. amaracus; — Odermennig, mhd. 
odermenie aus \a{. agrimonia; — Osterluzei, mhd. osterlucie aus mlat. aristolocia: — 
Pastinake, ahd. pestinak aus mlat. pastinacum; — Petersilie, ahd. pedarsilli aus 
m\at. petrosilium; — Polei, ahd. polei, poleia aus lat. pükium; — Rausch, mhd.rüschfe), 
lat. rüscum; — desselben Ursprungs ist Risch, e. rush; — Raute, spätahd. rfita aus lat. 
rata; — Rose, ahd. rosa aus lat. rosa; — Salbei, ahd. salbeia aus \at. salvia; — 
Sdiarlei, ahd. skaraleia, m\at. sc laregia; — Thymian, schon got. pymiama 'Räucher- 
werk' aus lat. thymiama; — Veilchen, mhd. viol aus \at. viola; — Zwiebel, ahd. zwi- 
bollo aus lat. cepula unter Anlehnung an Bolle. 

Zu diesen Kulturpflanzen gesellen sich dann in neuerer Zeit die zahl- 
losen Pflanzen des Orients und Amerikas, deren Namen zum Teil in der 
oben S. 152 gegebenen Übersicht über die Fremdwörter zu finden sind. 

Erwähnen will ich hier: Mais, aus dem Amerikanischen, dafür auch Welsdikorn; — 
Kartoffel, aus ital. tartufolo, woher auch Trüffel; daneben Erdapfel, Patate aus ital. 
s^an. patata; — Tomate, aus dem Mexikanischen; dafür Liebes-, Gold-, Paradiesapfel, 
in Österreich auch Paradeis. 

§ 132. C. Sonstige Pflanzen. Die Ausdrücke für die übrigen Pflanzen 
hier vorzuführen, erweist sich als unmöglich. Jeder weiß ja, welche über- 
wältigende Fülle von Verschiedenheiten innerhalb des Deutschen hier besteht; 
vgl. Prizel und Jessen, Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Immerhin 
kehren doch eine Reihe dieser Namen in den verwandten Sprachen wieder, 
andere sind gemeingermanisch oder nur deutsch, sehen dabei aber so alter- 
tümlich aus, daß man ihnen unbedenklich ein höheres Alter zuschreiben 
kann. Die Benennung einer Pflanze hängt natürlich mit dem Interesse zu- 
sammen, das sie erweckt. In alten Zeiten, wo man die Pflanzen vielfach 
zu Heil- oder Zauberzwecken benützte, auch mehr wildwachsende Pflanzen 
aß als heutzutage, wird daher eine genaue Unterscheidung nicht gefehlt 
haben. Aber diese Benennungen hafteten nicht so fest, daß sie nicht mit 
der Zeit durch neue hätten ersetzt werden können. Es dringen auch Ent- 
lehnungen ein, trotzdem man vielleicht die Pflanze schon benannte. Im 
folgenden gebe ich jedenfalls nur eine kleine Auswahl. 



1 



§ 132. C. Sonstige Pflanzen. 19/ 



Ampfer, ahd. ampfaro 'Ampfer' zu aind. amlah 'Sauerklee'; das Wort ist eigentlich 
ein AdjcKtivum mit der Bedeutung 'sauer', i<ann aber schon ursprachlich auf eine Pflanze 
übertragen sein. — Badibnnge, der zweite Bestandteil ist ahd. bungo 'Pflanzenknolle', 
das zu gi:..-iaxvg (pakhys), aind. bahiih gehört. Dazu auch Bingelkraut. — Beere, ahd. 
beri, e. berry; dazu mjt grammatischem Wechsel got. basi, ndd. besing; vielleicht zu ags. 
basu 'rot'. — Bilsenkraut, ahd. bilisa; daneben mnd. bilene, ags. beolene zu russ. betend, 
po\n. bieluii. — Binse, ahd. binu^, e. bent; aus bi und nat zu Nessel. — Brombeere, 
von ahd. bramo 'Dornstrauch', e. bramble 'Brombeerstrauch'; noch heute auch Bram, 
Bramen 'Besenginster, Pfriemkraut'. — Dill, ahd. dilli n., e. dill, gemeingermanisch. — 
Distel, ahd. distil, e. thistle, gemeingermanisch. — Dorn, ahd. dorn, e. thorn, got paiirnus, 
ahg. tränä, ai. /rnam 'Grashalm'. — Dor^ 'ährentragendes Unkraut im Getreide', ahd. turd, 
asächs. durth. — Dost, Dosten, ahd. dosto, tosto zu bayer. Dosten 'Busch'. — Efeu, 
ahd. ebehewi n., daneben ebahhi, ebah, ae. ifegn, e. ivy; Herkunft unklar; von Hoops 
als 'Kletterer' erklärt und zu lat. ibex 'Steinbock' gestellt. — Farn, ahd. varn, varm, e. fern 
zu a\. parnäm 'Flügel, Feder, Laub, Blatt'; wurzelverwandt sind auch Vit papärtis, russ. 
pdporot 'Farnkraut'. — Flieder, nd., ndl. vlier. — Garbe {Sdiafgarbe), ahd. garwa, 
t. yarrow. — Germer, ahd. germarram. — Gras, ahd.^m^ n., got. gras 'Kraut', t.grass; 
dazu mit Ablaut mhd. gruose 'junger Trieb", also jedenfalls alt; vielleicht zu einer Wurzel 
'wachsen', die auch in grün steckt und zu \at grämen 'Gras'. — Gundelrebe, ahd. 
gundereba. — Gundermann, ahd. gundram. — Hag(en) 'lebendiger Zaun', ahd. hagan 
'Art Dornstraugh' zu agall. caium 'Gehege'; dazu Hain aus hagan, H ainbudie, Hain- 
butte. — Heu, ahd. hewi, e. hay, got. hawi zu lit. i.tkas 'Grünfutter'. — Hiefe 'Hage- 
butte', ahd. /z/u/o 'Dorn', t. hip, ahg. sipdkd 'Wagtxost'. — //«/s^ 'Stechpalme', ahd. /zu/«, 
aix. cuileann. — Kettidi, nd. köddik, ags. cedelc. — Klee, ahd. kle(o). Gen. klewes; 
e. clover zeigt eine erweiterte Form ; was das urgerm. '^klaiwaz ist, bleibt unklar. — 
Klette, ahd. kletto, kletta, ags. cläte, e. clotbur, also mit Ablaut; vielleicht zu lat. glaten 
'Leim' u. a. — Kresse, ahd. kresso, e. cress. — Laudi, ahd. louh, e. leek 'Lauch'; ins 
Slawische entlehnt luk. — Liesdi 'Grasart', ahd. liska. — Aleide, spätahd. melda, viel- 
leicht zugx.ßUzov (bliton). — Miere (16. Jh.), mnd. mir. — Mistel^ ahd. mistil, e. mistle-. 

— Moos, ahd. mos, e. moss, altes Wort, da es Ablaut {ags. meos, d. Mies) zeigt; dazu 
lat. muscus, abg. mddid 'Moos'. — Mordiel, ahd. morhila 'Waldrübe', vgl. Weigand. — 
Nessel, ahd. ne^^ila, e.nettle; dazu lit nöter e, pxeuQ. noatis, aix . nenaid u. a. — Palme, 
ahd. palma, e. palm, lat. palma. — Päonie, spätahd. peonia aus gx. -lat. paeünia. — Porst, 
mhd. borse. — Rade(n), ahd. räto, andd. rado 'Unkraut'; die Kornrade ist ein altes 
Unkraut; der Name ist aber in andern Sprachen noch nicht nachgewiesen. — Ried, ahd. 
hriot; vielleicht zu air. craaid 'fest' . — Rohr, ahd. rör, got. raus, vielleicht zu gr. ogocfog 
'Rohr', serb. rögoz 'Riedgras', poln. rogöz 'Binse'. ~ Sdiierling, ahd. skeriling, skerning 
zu anord. dän. skarn 'Mist'. — Sdiilf, ahd. skiluf, kaum entlehnt aus lat. scirpus 'Binse', 
sondern zu Sdielfe 'Hülsenfruchtschote'. — Sdimiele, ahd. smelaha, wohl zu sdimal. — 
Sdiwamm, ahd. swamb 'Schwamm, Pilz', got. swamms; vielleicht zu gx.oourpS; {somphös) 
'schwammig'. — Segge 'Riedgras', aus dem ndd., e. sedge. — Semde 'Binse', ahd. semida. 

— Sinnau, mnd. sindouwe, eig. 'Immertau' zu sin in Singrün. — Torf, aus dem Nieder- 
deutschen; dazu ags. turf 'Rasen', anord. torf 'Torf, vielleicht zu aind. darbhdh 'Grasbüschel, 
Büschelgras'. — Trespe, xnhd. trefse. — Waid, ahd. weit, e.woad zu lat vitrum, gr. laäng 
(isätis); die Lautverhältnisse stimmen nicht ganz; der Zusammenhang ist aber unbestreit- 
bar; die Waidpflanze bot ein wichtiges Färbemittel. — Wau aus ndl. wouw, älter woude, 
e. weld. — Wermut, ahd. werimuota. 

Unendlich groß ist die Zahl der zusammengesetzten Pflanzennamen. 
Insbesondere spielen hier die Tiernamen eine große Rolle. Während H.Marzell 
(s. 0. S. 189) den reichen Stoff sorgfältig zusammengestellt hat, untersucht 
R. Löwe einen besonderen Fall, nämlich den Namen der Himbeere, der auf 



198 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

ahd. hintberi, also 'Beere der Hinde' zurückgeht. Er sieht den Grund der 
Benennung darin, daß die Pflanze kaum Dornen trägt, und daher als 'hornlos' 
gegenüber der Brombeere bezeichnet wurde, eine Erklärung, die ganz an- 
sprechend ist. 

Dazu kommen die Entlehnungen der neueren Zeit. 

Aster, 18. Jh., gr.-lat. aster; — Aurikel, 18. Jh., lat. auricula; — Endivie, 1400, 
\\d\. eRdivia; — Qeraninm, 1727, gx.yruürior {geränion); — Kalebasse, 1632, U.cale- 
basse; — Kalmus, 15. Jh., lat. calomus; — Karotte, 1616, frz. carotte; — Kolo- 
qiiinte, 15. Jli., mlat. gr. lat. fo/oo'"^/"'5; — Koriander, 15. Jh., la\. coriandrum; — 
Krokus, 17. Jh., gxAzL crocus; — Kulutmer, 15. Jli., \al cucumis: — Levkoie, 18. Jh., 
ital. leucojo; — Lupine, 1731, mlat. lupina; — Luzerne, 18. Jh., frz. lucerne; — 
Melone, 15. Jh., '\ia\. mellone; — Narzisse, 16. Jh., gxAat narcissus; — Porree, frz. 
porree; — Portulak, 15. Jh., \a\. portulaca; — Primel, 18. Jh., m\a[. primula; — 
Rapunzel, 16. Jh., m\at. rapuncium: — Rapünzchen, 1711, zum vorigen; — Reseda, 
18. Jh., aus der lat. Zauberformel reseda morbos; — Rosmarin, 15. Jh., e. rosemary, 
lat. rös marinus; — Sellerie, 17. Jh., frz. celeri; — Spargel, 15. Jh., mlat. sparagus; — 
Spieke, Spe ik'LaycndcW 1. spica; — Zichorie, 16. Jh., mlat. cidiorea, nebst vielen andern. 

Die sonstige Terminologie der Pflanzen ist außerordentlich dürftig. Be- 
merkenswerterweise ist der Allgemeinbegriff Pflanze, ahd. pf/anza, e. plant 
aus lat. planta entlehnt. 

Blatt siehe oben S. 191. — Blume, ahd. bluoma, bluomo, got. bloma (e. bloom 
entlehnt), alte Ableitung zu blühen. — Blüte, ahd. bluot zu blühen, ahd. bluojan, e. to 
blow zu lat. florere. — Busdi, ahd. -busk, c. bush aus mlat. buscus. — Knospe, erst 
frühneuhochdeutsch in der jetzigen Bedeutung; vnh± knospe 'Knoutn' . — Rebe, ahd. reba 
zu Rippe, eig. 'die sich schlingende'. — Schote, m\\d. schote, anoid. skaud 'Scheide' zu 
lat. endo 'Helm'. — Wurzel, ahd. wurzala, Zusammensetzung mit ahd. würz 'Kraut, Pflanze", 
e. wort 'Kraut', got. waürts 'Wurzel', das zu lat. radix gehört; der zweite Bestandteil -wal- 
gehört zu got. walus 'Stab', also ist die Grundbedeutung 'Krautstocii'. 

§ 133. Das Mineralreich. Man wird sich von vornherein sagen müssen, 
daß auf dem Gebiet der anorganischen Natur noch weniger Übereinstimmungen 
zu erwarten sind als auf dem der organischen. Zwar lebten die Menschen 
Europas einst in der Steinzeit, d. h. sie fertigten ihre Waffen und Geräte aus 
Steinen an. Dazu war nicht jeder Stein brauchbar, und die Überreste der 
Waffen und Werkzeuge zeigen uns, mit welcher Sorgfalt man die Natur be- 
obachtet und die tauglichen Stücke ausgesucht hat. Auch ein Handel in 
diesen brauchbaren Gesteinsarten, die nicht überall vorkamen, hat bestanden, 
und infolgedessen müssen auch Worte dafür vorhanden gewesen sein. Aber 
der Stein ist von dem Metall verdrängt worden, und es sind daher auch die 
alten Ausdrücke verloren gegangen. Immerhin bleibt doch noch einiges 
Bemerkenswerte übrig. 

Hammer, ahd. haniar, e. hammer 'Hammti' ist verwandt mit abg. kamy, \\\. akmuö 
'Stein', gx.ay.jtcov {äkmon) 'Amboß'; die ursprüngliche Bedeutung war also 'Stein', wie 
auch noch anord. hamarr 'Felswand, Klippe' bedeutet. Ähnlich steht es mit Messer, 
ahd. mes^i-rahs, daneben me^^i-sahs, also eigentlich 'Speisemesser'; sahs stellt man zu 
\at. saxum 'Fels', doch kann es freilich auch zu secare 'schneiden' gehören. — Stein, 
ahd. stein, e. stone, got. stains kehrt in abg. stena 'Mauer', stemmt 'felsig' wieder und hat 
weitere Verwandtschaft in gr. orla (stia) 'Kiesel'. — Fliese aus nd. flise, vielleicht zu ir. 



§ 133. Das Mineralreich. 199 



sliss 'Schnitzel'. — Flint noch erhalten in Flinte, ahd. flins, z. flint 'Feuerstein, Kiesel', 
"die vielleicht zu gr. :T).iv{)o:; (pllnthos), air. slind 'Ziegel', aind. pindah 'runde Masse, Klumpen' 
zu stellen sind. — Glas, ahd. glas, auch 'Bernstein', e. glass, ins Lateinische entlehnt 
glesiim 'Bernstein'. Es ergibt sich also, daß das alte Wort (mit grammatischem Wechsel 
ags. ^ter 'Bernstein, Baumharz'!) den Bernstein bezeichnete, welcher Name mnd. als 
bornstein eig. 'Brennstein' auftaucht. — Kiesel, ahd. kisil 'Kieselstein, Hagelstein, Schloße', 
mengl. o'//5^/ 'Kiesel', Ableitung von Kies, mhd.Ä/5; Herkunft unbekannt. — Lei f. 'Schiefer', 
mhd. leie, asächs. leia. — Quarz, mhd. quarz; zu gr. oäodw; (sdrdios), vgl. Sommer, IF. 
31,573. — Sdiiefer, ahd. skifaro 'Steinsplitter'; die jetzige Bedeutung erst neuhochdeutsch; 
zu nhd. Sdiebe 'Splitter von Hanf- oder Flachsstengel'. — Sdiwefel, ahd. swefal, swebal, 
got. swibls, gemeingermanisch, zu lat. sulpur, sulphur; vgl. Walde, Lat. Etym. Wb. s. v. — 
Spat, xnhd. spat 'blättricht brechendes Gestein, Splitter'; unerklärt. 

Wie man sieht, eine sehr dürftige Liste. Dazu kommen nun die verschiedenen Erdarten. 

Grand, aus dem Niederdeutschen, zu ags. grindan, e. grind 'zermalmen, mahlen' und 
lat. frendere; dazu auch vielleicht gr. ywöoog (khondrös) 'Graupe, Korn'. — Graus, 
G rauß 'Sttmschuü', mhd. grüj mit Ablaut zu Grieß, ahd. ^r/03 'Sand', e. grit. — Klei, 
ndd. klei 'Schlamm, Lehm, feuchte Erde', e. clay 'Ton, Lehm' zu gr. y/.oiö; (gloiös) 'dickes 
schmutziges Öl', lat.glüs, glaten 'Leim'. — Kohle, ahd. kol(o), e. coal, air.güal 'Kohle'. — 
Lehm, niederdeutsch, obd. Leimen, ahd. leime 'Lehm', e. loam 'Humus' zu lat. llmus 'Boden- 
schlamm. Kot, Schmutz', vgl. Walde; mit andrer Ableitung anord. /^/V 'Lehm'. — Letten, 
ahd. letto 'Lehm'; dazu \s\. ledja 'Lehm, Schmutz'; zu lat lutum 'Kot, Schmutz' oder zu 
apreuß. laydis 'Lehm', alb. l'ep-fJi 'feuchter Ton' oder zu ir. lathadi 'Schmutz'. — Mull, 
Müll, nd., obd. motte 'Erde', ahd. molta, e. mould, got. mulda. Wohl zu mahlen. — 
Sand, ahd. sant, e. sand zu gx.äi.mdog (ämathos), rpäuadog {psömathos). — Sdilamm, 
mhd. Slam; unerklärt. — Staub, ahd. stoub, got. stubjus zu stieben, ahd. stioban. — Ton, 
ahd. dnha, got. pdho, vielleicht zu lit. tdnkus 'dicht, dick'. 

In der unorganischen Natur gibt es nur ein Genußmittel, das für den 

Mensciien allerdings fast unentbehrlich ist, das Salz. Hier ist denn auch 

die Übereinstimmung der verwandten Sprachen fast vollständig. 

Salz, ahd. salz, e. Salt, got Salt; dazu lat. so/, gx.ä'/.g {hals), abulg. 5o/r, lett. 5ä/5, air. 
salann, hi.saldiis'sü^'; dazu auch Ablautsformen in Sülze, ahd. 5«/2a 'Salzwasser, Sülzwurst'. 

Der vorgeschichtliche Mensch, von dem wir wissen, daß er das Ge- 
schiebe der Flüsse auf brauchbare Steine sorgfältig durchsuchte, muß auch 
in Europa frühzeitig auf die Metalle aufmerksam geworden sein. Eine 
ganze Reihe von Bezeichnungen der Metalle gehen über das Sonderleben 
des Germanischen hinaus, während fast alle wichtigen Metalle im Ger- 
manischen gleichmäßig benannt sind. Freilich ist gerade bei ihnen der 
Verdacht naheliegend, daß wir es mit Wandern von Worten zu tun haben. 
Andere sind natürlich jung. 

Das verbreitetste Wort haben wir in aind. äjah, lat. aes, got. aiz, ahd. er 'Erz', das noch 
in ehern, a\d. erln vorliegt {Erz ist damit nicht verwandt). Was das Wort ursprünglich 
bedeutet hat, wissen wir nicht. — Blei, ahd. blio. Das Englische braucht dafür lead, 
mhd. lot 'Blei', verwandt mit oder entlehnt aus air. luaide. Blei selbst ist noch nicht recht 
erklärt. Persson, BB. 19, 273 vergleicht lit. blaivas 'licht, klar'. Da man aber urgerm. *bliwas 
auf *mliwas zurückführen kann, so ist auch Zusammenhang mit gr. fw/.tßo; {mölibos), 
uöXvßdo^ {mölybdos), ßö/.ißog {bölibos), ßäh^og {bölimos) möglich. Man sieht aus diesen 
verschiedenen Formen des Griechischen schon, daß es sich schwerlich um ein einheimisches 
Wort handelt. Die Worte würden dann aus einer gemeinsamen Quelle stammen. — Bronze, 
erst neuhochdeutsch, aus frz. bronze, das man auf aes Brundisium zurückführt. In Brindisi 



200 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

wurden berühmte Mctallarbeiten hergestellt. — ehern siehe oben. — Eisen, ahd. isan, 
isarn n., e. iron, got. eisarn hängt mit aUir. iarn aus *isarno zusammen und ist wahrschein- 
lich aus dem Keltischen entlehnt. Zusammenhang mit lat. aes, got. aiz ist kaum möglich. — 
fzrz, ahd. crizzi, anizzi, ariiz n., and. ariit, wohl altes Lehnwort aus sumerisch iiriid 
'Kupfer'. — Gold kam auch in Europa gediegen vor, und daher bestand wahrscheinlich 
ein alter Name. Ahd. e. gold, got. gulf) entspricht abg. zlato, Ictt. ze'lts. Wahrscheinlich ge- 
hört auch ai. Hntaka- aus *Haltaka 'ein Lündername', dann 'Gold aus Hataka' oder um- 
gekehrt 'Gold, Goldland' dazu. Man nimmt an, es habe das 'gelbe Metall' bedeutet. Aber 
möglicherweise steckt darin ein Ländername. — Kobalt und Nickel sind nach Kobold 
und Nidtel, zwei Namen für Berggeister, benannt. — Kupfer, ahd. kupfar, lat. aes Cyprium. 
'Zyprisches Erz'. — Messing, mhd. messinc, ags. mo'stling, anord. messing. Entsprechend 
slaw. *mosengjii. Wahrscheinlich auf den Volksnamen MonovroixtK {Mossynoikos) zurück- 
gehend. — Metall, mhd. rnetalle aus gr.-lat. metalliim, eigentlich 'Bergwerk. Grube". — 
Platin, 1736 entdeckt, span. pldtina del Pinto. — Quedisilber, ahd. qiWksilbar, c.quidi- 
silver, Nachbildung des lat. argentum vivum; quedi zu Xatvivus. — Silber, ahd. silbar, 
e. silver, got. silubr n. Ein verwandtes Wort kehrt in lit. sidnbras, abg. sirebro wieder. Die 
weitere Herkunft ist unaufgeklärt, vielleicht aus assyr. sarpn. — Stahl, ahd. stahal, e. stcel, 
gemeingermanisch, zu apreuß. staclan 'Stütze', lit. stilkle 'Pfahl', apreuß. auch panu-staclan 
'Vuerj'sen'. Also kein eigentlicher Metallname. — Zink, wohl von Zinken, weil sich das 
Metall in Form von Zinken absetzt. Alter dafür Galmei 'Kieselzinkspat', mhd. kalemine, 
über frz. calamine aus gr.-lat. carf/w/a. — Zinn, ahd. zin, e.tin; dunkel. Aus \at. stannum 
kann das Wort nicht stammen, vielleicht aber aus einer gemeinsamen westeuropäischen Quelle? 
Vgl. hierüber die ausführlichen Auseinandersetzungen von Sch.\de, Altdeutsches WB. s. v. 
Von sonstigen Ausdrücken wären hier noch zu erwähnen: Rost, ahd. ro5/, g. rust, 
von der Wurzel, die in rot steckt, aber jedenfalls alte Bildung. 

Alte Ausdrücke, die sich auf die Metallarbeit beziehen, lassen sich nicht 
erkennen. 

Sdimied, ahd. smid, e. smith; got. aiza-smipa 'Erzarbeiter' zeigt, daß die ursprüng- 
liche Bedeutung 'Kunstarbeiter' war. Das Wort gehört mit Gesdimeide und gr. nulh} 
(smJla) 'Schnitzmesser' zusammen. — Amboß, ahd. ana-boj, zu b'r^an 'schlagen', e. to 
beai. — Blasebalg, mhd. bUise-balc, zusammengesetzt mit ahd. balg 'Haut, Blasebalg', 
e. bellows 'Blasebalg', got. balgs 'Haut'. 

Auch die Bezeichnungen der Edelsteine haben ihre lange und äußerst 
anziehende Geschichte. Das Meiste und Beste findet man bei Schade, Alt- 
deutsches Wörterbuch in den Nachträgen zum 2. Bande. Manche Abschnitte 
bieten einen überreichen Stoff für die Herkunft und die Verbreitung der 
Namen für Edelsteine. Eine kurze Übersicht auch bei O. Schrader, Real- 
lexikon d. idg. Altertumskunde S. 151. 

Im Mittelalter kommen: 

Adiat, mhd. adiat(es), gr.-lat. adiätes. — Amethyst, mhd. ametiste, gr.-lat. ame- 
thystos. — Beryll, mhd. berille, gr.Aat. beryllos. — Diamant, Demant, mhd. diamant, 
irz. diamant, gr.Aat. adamiis. — Gemme, ahd. gimma. lat gemma. — Granat, mhd., 
mlat granatus. — Jaspis, mhd. jaspis, gr.-lat iaspis. — Karfunkel, mhd. karfunkel, 
lat carbunculus. — Karneol, 16. Jh., Hat carniola. — Kristall, mhd. kristal(le), gr.-lat. 
crystallus. — Magnet, mhd. magnes, magnet(e), lat. magnrs 'Stein aus Magnesia'. — 
Onyx, mhd. önix, gr.-lat. onyx. — Rubin, mhd. rubin, mlat. rubinus. — Saphir, mhd. 
saphir(e), gr.-lat. saphlrus. — Smaragd, ahd. smaragdus, gr.-lat. smaragdus. — Topas, 
mhd. topäze, gr.-lat topnzus. — Türkis, mhd. türkis, turkoys, Hai. turdiese, irz. turquoise. 

Dazu gesellt sich in der Neuzeit noch manches andere. Für die 



§ 134. Natur und Naturerscheinungen. 201 



sonstigen Gesteinsarten schafft man teils neue Namen, teils entlehnt man 
sie aus andern Sprachen. Ich führe wenigstens einiges an: 

Asphalt, aus gr.-lat. asphaltum. — Galmei s. o. — Gips, spätahd. gips aus gr.-Iat. 
gypsum. — Glimmer, \530 zu glimmen, mhd. glimmen 'glänzen', vielleicht zu gr. //.tagög 
(kfiliarös) 'warm'. — Gneis, 16. Jh., Nebenform zu Gneist Tunke', ahd. ganehaista, 
gneista mit andern Nebenformen. — Granit, mhd. grünlt, aus mlat. granitum marmor. — 
Graphit, 19. Jh., frz. graphite. — Keiiper, im 19. Jh. aus einer volkstümlichen Benennung 

im Koburgischen in die Wissenschaft eingeführt. — Klinker, nd., ndl., zu klingen. 

Kreide, spätahd. krlda, aus 1. crtta. — Löß , rheinischer Ausdruck, wohl zu lösen. — 
Marmor, 1480, dafür mhd. marmel, ahd. marmal. jetzt noch Marmelstein, auch 
Marbel, Marbel, aus lat. marmor. — Nagelfluh, Schweiz. — Mergel, ahd. mergil 
aus mlat. margila, urspr. keltisch. — Odier, mhd., aus gr.-lat. ödira 'Berggelb'. — Perle, 
ahd. perula aus mlat perula. — Porphyr, 16. Jh., aus frz. porphyre. — Salpeter, 15. Jh., 
mlat. salpetra 'Salzstein'. — Sdiladze, mnd. slagge von sdilagen. — Sdilier 'Mergel', 
mhd. slier 'Lehm, Schlamm' zu mhd. slier(e) 'Geschwür. Beule', also wohl 'schleimige Masse'. 

§ 134. Natur und Naturerscheinungen. In diesem Abschnitt ist sachliche 
Anordnung nötig. 

Himmel, ahd. himil, got himins, t. heaven; die Herkunft ist unsicher, eig. wohl 
'Decke'. — Sonne, ahd. sunna, e. sun, got. sunnu. Daneben Formen mit /, got. sauil, 
lat. so/, gx.ri'/.iog {hcsUos) aus *säwelios. — Mond, ahd. mlno, e. moon, got. mena; das 
gr. fit] y (m^n), Xai. mensis bedeutet nur 'Monat'. — Stern, ahd. stirno, e. star, got stairnö 
zu lat. Stella (aus *sterla), gr. aoz/jg (astdr); vgl. oben S. 134. 

Wolke, ahd. wolkan, e. welkin 'Himmel', zu abg. vlaga 'Feuchtigkeit', lit. vilgiti 
'feucht machen'. — Nebel, ahd. n'ebul zu lat. nebula, gr. vFffih] (nepheUe) 'Wolke'; ein 
andres Wort dafür e. mist wohl zu gr. oidyh] {omikhlce) 'Nebel'. — Regen, ahd. r'egan, 
e. rain, got. rign zu lat. rigäre 'bewässern'. Dieser Ausdruck geht nicht weit. Deshalb kann 
er doch sehr alt sein. Es hat eben im Indogermanischen mehrere Ausdrücke gegeben: so 
amd.varmm, ir. frass 'Regen' zu gr. foö>; (ersce), was aber 'Tau' bedeutet; \at imber, gr. 
oLißoo: (ömbros); lat plaere zu d. fließen, also pluit 'es fließt'. — Tau, ahd. tou, e. dew, 
anord. dögg; germ. Grundform *dawwa, die lautlich genau gr. Ooög {thoös) 'schnell' ent- 
spricht. Dies gehört zu Ohiv (theen) 'laufen', und dies zu aind. dhävate 'rennt, fließt', vgl. auch 
dhäutili 'Quelle, Bach'; vergleiche ferner die Bedeutungsentwicklung von Regen >Tau 
{gT. ego)] [ers(e]) und von fließen > regnen (lat pluere); damit ist die Etymologie sehr 
wahrscheinlich. — Sdinee, ahd. sneo, e. snow, got. snaiws zu lat. nix, nivis, gr. Akk. virfu 
(nipha). — Hagel, ahd. hagal, e. hail zu gr. ^ä/y.rj^ {käkhlcex) 'kleiner Stein, Kiesel'; da- 
. neben noch ahd. kisil 'Kieselstein, Hagelstein, Schloße', mengl. diisel, siehe oben S. 199. — 
Graupe stammt wohl aus slaw. krupa 'Getreidegraupe, Hagelschloße'. — Sdiloße, mhd. 
slüze 'Hagelkorn, Schloße', e. sleet 'Regen und Schnee', vielleicht verwandt mit gr. ya/.a'Ca 
(khälaza) oder mit Kloß, ahd. klöi 'Klumpen, Knolle usw.', t. cleat 'KtW . — Reif, ahd. 
hriffo. Daneben Formen mit m, ags. hrlm, e. rime. — Eis, ahd. is, e. ice zu awest. isav- 
'frostig, eisig'. — Frost, frieren; Frost, a!nd. frost, q. frost ist Ableitung von frieren, 
ahd. friosan, e. to freeze; dazu noch got. frius 'Frost, Kälte'. Zu lat. prmna 'Reif, aind. 
pru^vd 'gefrorenes Wasser, Reif. 

Blitz, mhd. blitze, blidiese von mhd. blikzen, ahd. blehhazzen, wurzelverwandt mit 
lat fulgur. — Donner, ahd. donar, e. thunder, lat. tonitrus. — Wind, ahd. wint, e.wind. 
got Winds, lat ventus. — Sturm, ahd. stürm -Unwetter, Kampf, t. storm, vielleicht zu 
gr. 6g firj {hormd) 'Ansturm' oder zu stören. — Sdiauer, ahd. säm/- 'Unwetter, Hagel',, 
e. shower 'Regenschauer', got. skara windis 'Sturmwind', gehört wahrscheinlich zu lat. 
caurus 'Nordostwind', lit. 5'äurc 'Norden', S'aurls 'Nordwind', abg. severä 'Norden'. Be- 
kanntlich bringt uns der Nordwestwind häufig Wetter mit Regenschauern. — Wetter, ahd. 
wetar, e.weather zu abg. vedro 'gutes^Wetter'; dazu mit Schwebeablaut lit dudra 'Flut, 



202 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Toben, Tosen, Stürmen'. In den letzten drei Worten könnten alte Windnamen stecken, 
sicher ist dies bei Schauer der Fall. 

Sonst haben wir noch: Bö, niederdeutsch, ndl. *«/, woraus (\'än. byge; unerklärt. — 
Bise 'Nordostwind', ahd. b'isa, ültcrnhd. ßeiswind, vielleicht zu ahd. bisnn 'voll Unruhe 
hin- und herrcnnen'. Eigentlich ein alemannisches Wort. Vgl. ZfdW. 9, 164. — Föhn, ahd. 
pfonno ist entlehnt aus \z{. favOniiis. Der Mangel an alten Windnamen fällt bei uns auf. Doch 
wird man die Namen der Himmelsrichtungen als Windnamen gebraucht haben, vgl. auch lat. 
allster zu deutsch Ost. Über weitere Windnamen vgl. a. a. O. In neuerer Zeit sind dann 
Orkan, 17. Jh., karaibisch iiragan, Taifun, 19. Jh., aus dem Chinesischen bekanntgeworden. 

Luft, ahd. hift, e. dial. lift, got. luftus. 

Wasser, ahd. wayjar, e. water, got. watö, gr. vScoo {hydür). — — a, adi in Fhiß- 
namen, Fulda, Salzadi, und als Aa, Adie noch erhalten, ist ahd. aha, got. aha, lat. aqua. — 
Fluß, erst nhd. in dieser Bedeutung; in alter Zeit bedeutet es 'das Fließen'. — Strom, 
ahd. ström, e. stream, anord. straumr zu thrak. Irovinoy [Strymön) und gr. yko (rfieo) 'fließe' 
aus *srewö. — Badi, ahd. bah, anord. bekkr, daraus e. bedi; gr. :it]yt) {piegu) 'Quelle' kann 
verwandt sein, wenn das Wort aus der Stellung als zweites Glied einer Zusammensetzung 
•wieder selbständig geworden wäre; sonst zu gT.it ßouai (phebomai) 'üiche', \it begu 'laufe'. — 
Quelle, ahd. qiiella zu quellen, ahd. quYllan, das zu aind.j«?/«//? 'Wasser', galati 'träufelt 
herab' gehören dürfte. — Brunnen, ahd. brunno, goi. brimna zu gr. '/omo (phrear) oder 
zu lat. femire, d. brennen, ir. brennim 'sprudeln', vgl. Sprudel, ndd. Sod zu sieden. — 
Moor, nd., ahd. muor, e. moor. Wohl im Ablaut zu Meer. — Tümpel, ahd. tumpfilo 
'Strudel', t.dimple 'QxÜbchtn', lit.r/Hm Was 'Schlamm im Wasser, Morast'. — Kolk, mnd.kolk. 

Land, ahd. lant, e. land, got. land 'Gegend. Land', ir. land, lann 'freier Platz, Fläche, 
eingefriedigtes Land, Hof, abg. Udina 'Heideland', wozu im V^okalismus schwed. linda 
'Brachfeld' stimmt. — Anger, gx.äyy.oc {äukos) 'Tal' — Flur, mhd. t/Zz/or 'Saatfeld', t.floor 
'Estrich. Vorplatz' zu ir. l'ir, kymr. llüwr 'Boden, Estrich', apreuß. plonis 'Tenne', lat. planus 
'glatt, eben'. — Erde, ahd. (/da, e. earth, got. airpa. Daneben ohne dentale Ableitung 
ahd. '^ro, das zu gr. rna^s (eraze) 'auf die Erde' gehört. — Gau, ahd. gawi, gewi, goi.gawi. 
Herkunft unsicher. — Aue, ahd. ouwa 'Wasser, Strom, Wasserland', anord. ey 'Insel', aus 
*agwjci, einer Ableitung von got. afva, lat. aqua. — Sumpf, ahd. sunft, e. swanip, got. 
swumfsl 'Teich'. Wohl zu Sdiwamm. — Rasen, spätmhd. rö5^, xnnAd. wrase; daneben 
obd. Wasen, ahd. waso 'Rasen, feuchter Erdgrund'; nach Kluge ist in letzterm Worte ein r 
ausgefallen. Vielleicht zu aind. varsäm 'Regen', gr. foo>; {ersic) 'Tau' mit der Grundbedeu- 
tung 'feucht'. — Heide, mhd. heide, e. heath, got. haipi 'unbestelltes Feld' zu gall. -citum, 
kymr. coit 'Wald', lat. -cetum in bü-cetum 'Kuhtrift'. — Mark, ahd. marka 'Grenze, Grenz- 
wald', got. marka 'Grenze' zu lat. margo 'Rand', npers. marz 'Grenze, Grenzland'. — Grund, 
ahd. grünt, e. ground, got. grundu-waddjus 'Grundmauer'. Vielleicht im Ablaut zu Grand 'Sand'. 

Für Berg usw. gibt es nicht allzuviel Ausdrücke: Berg, ahd. b\'rg, ags. beorh bes. 
'Grabhügel', got. bairgahei 'Gebirge' zu armen, ber'j 'Höhe', air. bri 'Berg' (formell mit dem 
zu Berg ablautenden Burg identisch); — Holm 'kleine Insel im Fluß oder See', aus dem 
Niederdeutschen entlehnt; altsächs. bedeutet das Wort 'Hügel', und es stellt sich daher zu 
lat. collis, culmen, wozu auch t.hill; — Hügel, erst nhd.. dafür mhd. hübet zu \\{. küpstas 
'Erdhöcker'; daneben steht ahd. buhil 'Hüg^V ; die beiden Worte hängen vielleicht zusammen, 
indem das eine aus dem andern durch Umstellung entstanden ist; daneben Haug, ahd. 
houc, t. how zu hodi; — Haar, westfäl., daneben //aa^ 'Gebirgsname' ; — das \a\. clivus 
findet sich in got. hlaiw 'Grabhügel', noch mhd: li-, ist aber dann ausgestorben. Manches 
steckt vielleicht noch in den Gebirgsnamen. — Weiter: Halde, ahd. ha Ida zu ahd. ha Id 
'geneigt'; — Leite, ahd. hlita, gr. y.üivi (klitijs). 

Tal, ahd. tat, e. dale, got. dal, abg. dolK 'Loch, Grube", gr. Oölo; (thölos) 'Kuppeldach'; 
— Sdiludit steht für Sdiluft, mhd. stuft und gehört zu sdilüpfen; — Klamm zu klemmen. 



§ 134. Natur und Naturerscheinungen. 203 

Daneben haben wir die Bezeichnungen für die Gegend am Meer und 
für die EigentümUchkeiten der Alpenländer. 

In dem ersten Fall sind eine ganze Reihe von Lehnwörtern neben die 
alteinheimischen getreten. Zu den oben S. 103 genannten Wörtern kommen: 

a) Einheimisches Gut: Geest, altfries. ^e5^, gi>si, eig. 'unfruchtbar'. — Marsch, 
mnd. marsch, e. marsh 'Sumpf. — Düne, nd., e. down 'Sandhügel' zu air. dün 'Hügel'. — 
Siel, mnd., afries. 5/7, vielleicht zu seihen. — Priel, nd., 'l<leiner Wasserlauf'. — Werder, 
Wert, mhd. wart, ahd. warid 'Insel', vielleicht zu ai. vär 'Wasser'. — Wiek 'kleine Meeres- 
bucht', nd., e. wick, wich zu weidien. — Nehrung, wohl zu e. narrow 'eng'. — Strand 
aus mnd. strant, e. Strand. — Sund, md. sunt, e. sound. — Watt, mnd. wat zu lat. vadum. 

b) Entlehnungen: Bai, frz. baie auf den Namen Bajae zurückgehend. — Golf, 
15. Jh., frz. golfe, gr.-lat. colpus. — Kap, 1616, ndl. cape, frz. cap von lat. caput 'Haupt'. — 
Küste, 17. Jh., dAxz. coste. — Sdiäre, 17. Jh., aus schwed. 5^är, dän.skjär zu e.shore. — 
Weiher, ahd. wlwari, lat. vlvarium. 

Die Alpenländer verfügen wieder über eine ihnen eigentümliche Be- 
zeichnungsweise wie: 

Alpe 'Bergweide', ahd. alpa mit dem Gebirgsnamen Alpen zusammenhängend. — 
Fluh, ähd. fluoh zu gv. n/.d^ {pldx) 'Fläche, Bergfläche, Plateau'. — Matte, ähd. mato, 
e. meadow. — Kees 'Gletscher', ahd. kes 'gelu'. — Gletscher stammt aus dem \at.glacips 
mit der Entwicklung von c zu tsch wie in Tsdiingel aus lat. cingulum. 

Daß es in alter Zeit Verkehrswege gegeben hat, brauchte als selbst- 
verständlich kaum hervorgehoben zu werden, wenn man es nicht tatsäch- 
lich bestritten hätte. 

Wir finden: Brücke, ahd. bracka, e. bridge; wahrscheinlich mit Braue verwandt. — 
Furt, ahd. fürt, t. ford, gaW. ritu- in Ritu-magus, akymr. r// 'Furt', awest. p^.?«? 'Durch- 
gang, Furt'; lat. portus 'Hafen' weicht in der Bedeutung ab, entspricht aber an. fjönfr 
Fjord'. — In Gesinde, ahd. ^/smrf/ 'Reisegefolge, Kriegsgefolgschaft' steckt ein Wort sind, 
ahd. sind 'Reise, Heereszug', got. sinps 'Gang' zu air. sei 'Weg'. — Weg, ahd. weg, e. way, 
got. wigs, lit. veze 'Wagen, Schlittengeleise'. — Specke 'Knüppelweg', and. spediia zu mhd. 
spadie 'dürres Reisholz'. — Ein altes Lehnwort scheint in Pfad, ahd. pfad, e. path vor- 
zuliegen, das mit gr. Tiäzog (pcltos) nicht urverwandt sein kann. Vgl. oben S. 135. — Von 
den Römern stammt 5^ rajö^, ahd. st rä'^a, e. street aus lat. (via) struta. — Gasse, ahd. 
g^35<^, got. gatwö 'Gasse' ist nicht sicher erklärt. — Dazu kommt dann in der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts das Wort Chaussee, über frz. Chaussee aus mlat. calciata 'mit 
Kalk gemauerte Straße'. 

Schließen wir hieran gleich die Ausdrücke für die Verkehrsmittel. Die 
Bekanntschaft schon der Indogermanen mit dem Wagen wird durch die 
mannigfachen Übereinstimmungen, die für die Bezeichnung des Wagens und 
seiner einzelnen Teile zwischen den indogermanischen Sprachen bestehen, 
sichergestellt. Wenn auch der Wagen ursprünglich ein Ackerbaugerät ist, 
das dazu dient, das Heu und das Getreide einzufahren, so tritt er uns auch 
schon früh als Verkehrsmittel entgegen. Im klassischen Altertum ist er all- 
gemein bekannt, und auch die Nordvölker sehen wir mit ihren Ochsen- 
wagen nach dem Süden ziehen. 

Nun zu den Ausdrücken: Wagen, ahd. wagan, e. wain ist zwar von einer weit- 
verbreiteten Wurzel, die in bewegen, lat. vehere steckt, abgeleitet, kehrt aber in dieser Ge- 
stah — nur air. fen zeigt das gleiche Suffix — nicht in den verwandten Sprachen wieder. 
Doch ist das nicht wunderbar. Gerade für den Begriff Wagen hat es von jeher, je nach 



204 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



der verschiedenen Form, mehrere Ausdrücke gegeben, von denen sich der eine hier, der 
andere dort crlialten hat. Dagegen sind die Namen der einzelnen Teile um so weiter ver- 
breitet. Adise, alid. a/isa, lat. oxis, gr. nifoy {dxnn). — Rad, ahd. rad, nur im Deutschen 
und Friesischen eriialten, aber idg., vgl. lat. rota, air. rotfi, lit. ratas, aind. räthah 'Wagen'. 
Daneben stand ein anderes Wort, e. wheel, ags. hweol, das zu gr. xvxko^ (kyklos) 'Kreis', 
aind. cakräm 'Rad' gehört. — Deidisel, ahd. dihsala zu lat. temo aus *tenksmo. — Nabe, 
ahd. naba, e. nave zu aind. ndbhi- und näbhjam 'Radnabe', preuß. nabis 'Nabe'. — Lünse 
'Achsnagel', spatmhd. lims, liinse, and. liinis zu aind. <ini)i aus *alni 'Lünse'. — Leudise 
'Stammleiste eines Leiterwagens', russ. Ijiisnjä. — Laune 'Deichsel zum Einhängen', mhd. 
lanne 'Kette'. — Wetter 'gabelförmiges Verbindungsholz am Wagen', ahd. wetero zu 
wetten 'binden'. — Zitter 'Vordeichsel', ahd. zeotar. Dazu Tuder, Tiider, nd. 'Spann- 
seil', e. tedder, tetiter. — Ortsdteit, 15. Jh., Sillsdieit zu Siele. 

Wagen ist aber das einzige alte Wort des Germanischen. Alle andern Ausdrücke 
sind Entlehnungen. Zunächst wirkt das Keltische ein. Die Kelten müssen schon früh ver- 
schiedene Arten von Wagen besessen haben, da sie ja auch den Römern mehrere Aus- 
drücke übermittelt haben. Zu uns kommt zuerst ein Wort, das nur noch mundartlich fort- 
lebt: Kar dl, ahd. karrtih aus lat. -gal. cflrn<ffl 'vierrädriger Reisewagen'. Dies ist abgeleitet 
von kelt. carrus, das ebenfalls entl^int wurde, ahd. karra, karro 'Karren", jetzt Karre, 
Karren. Nach unsrer heutigen Bedeutung zu urteilen, müßte es ein zweirädriger Wagen 
gewesen sein. — Dieses Wort lebte auch in den romanischen Sprachen weiter, und es 
sind zahlreiche Worte, die auch zu uns gedrungen sind, davon abgeleitet. Ich nenne Karosse 
1616, frz. carosse. Schon im Mhd. wurde dasselbe Wort aus dem ital. carrocio als Karrotsdie 
entlehnt. Karrete 1599, ital.-span. carreta; — Karriere 1616, frz. carriere 'die Laufbahn' 
mit bemerkenswerter Bedeutungsentwicklung. Karriol, Karriole 'leichte Halbkutsche', 
1714, frz. carriole. Davon karriolen. Ein andres im letzten Grunde keltisches Wort steckt 
in Benne 'Wagenkorb', im 16. Jh. (oder früher) aus frz. benne, gall.-lat. benna 'Art Wagen'. 

Die weitern Entlehnungen sind dann erst neuhochdeutsch. Kutsdie, um 1500, eig. 
Wagen aus Koszi bei Raab; — Kalesdie, im 16. Jh. aus dem Slawischen, tschech. kolesa, 
dem Plur. von kolo 'Rad'; — Karrete, 16. Jh., s.o.; — Chaise 'Halbkutsche', 17. Jh., 
frz. diaise 'Stuhl'; — Equipage, 17. Jh., frz. equipage; — Fiaker aus kz. fiacre, Anfang 
des 18. Jahrhunderts, benannt nach dem Heiligen Fiacre, dessen Bild das Zeichen des in 
der Straße St. Antoine zu Paris gelegenen Hauses war, in dem man solche Mietkutschen 
haben konnte; — Karriol(e) s. o.; — Berline, im 18. Jahrhundert aus frz. fr^r//n<' 'Ber- 
liner Wagen' (Wagen von Berlin nach Paris); — Phäethon, 18. Jh., irz. phaeton; — 
Kabriolett, 18. Jh.. frz. cabriolet; — Drosdike kommt Ende des 18. Jahrhunderts aus 
dem Russischen; — Kremser, im 19. Jahrhundert nach einem Hofrat Kremser, der solche 
Wagen stellte; — Omnibus, Name und Sache 1823 in Paris; — Tandem, e. tandem, 19. Jh. 

In neuester Zeit mehren sich die Entlehnungen, wobei das Englische [dogcart, gig) 
und vor allem das Slawische uns von ihrem Reichtum spenden. Die Russen verfügen über 
eine Fülle eigentümlicher Fuhrwerke, deren Namen man in den Romanen und Reisewerken 
findet. Da aber die Sachen selbst nicht bis zu uns vordringen, so kann bei diesen Aus- 
drücken auch nicht von eingebürgerten Fremdworten die Rede sein. 

Die neueste Zeit hat auf dem Gebiet der Fortbewegung ungeahnte Veränderungen 
hervorgebracht. Für die neuen Erfindungen mußte man natürlich auch neue Namen schaffen, 
und es ist recht belehrend, ein Beispiel der Benennung herauszugreifen. Als ersten Vor- 
läufer unsres Rades finden wir die Draisine, benannt nach dem Erfinder Drais. Dann 
kam die künstliche Bildung Veloziped auf, die bald vergessen sein wird. Unter eng- 
lischem Einfluß sprachen wir von Bicycle und verdeutschten dies dann durch Zweirad 
oder Fahrrad. Endlich aber kürzten wir das zu Rad und hatten nun die Möglichkeit, 
davon ganz eindeutige Ableitungen wie radeln, Radler, Radlerin zu bilden. Dazu 
kommt dann das Auto und die Luftsdiiffe. 

Älter als der Wagen ist vielleicht der Schlitten. Doch sind die Bezeichnungen jung: 



§ 135. Zeit und Zeiterscheinungen. 205 

Schlitten, ahd. slito, t. sied zu mhd. sllten, e. slide 'gleiten', Vit slisti; — Schleife, mhd. 
slei(p)fe 'schlittenartiges Gestell zum Fortschleppen von Lasten' zu sdüeifen, ahd. sUfan, 
c.slip. — Schlittschuh, ahd. skrit(e)skuoh, and. skridsköh 'Fliegeschuh zu weitem Schritt', 
zu sdireiten. — Ski entstammt dem Norwegischen und ist eins mit Scheit. 

FEUER, LICHT, WÄRME. 

Feuer, ahd. fiur, t. fire, got fön zu gr. nvg (pyr), umhr. pir. Ein zweites Wort für 
Feuer, \at ignis, ist im Germanischen verloren gegangen. — Funke, ahd. funko 'Funke', 
e. funk, mhd. auch vanke, wohl abgeleitet von got. fön, funins und zu aind. püvakäh 'hell- 
strahlend, flammend'. — Glut, ahd.gluot, e. ^/^^rf 'glühende Kohle', zu glühen, vielleicht ver- 
wandt mit lit. zlejä 'Halbdunkel in der Dämmerung'. — Licht, ahd. Höht, e. light, got. liuhap 
'Licht, Schein', mit Lohe, mhd. lohe 'Flamme', ahd. loug aus der Wurzel luk' 'leuchten' 
xn \ai. lü,x, gr. dfi(puvx7] [amphilykw) 'Zwielicht'. — Rauch, ahd. ro«Ä 'Rauch, Dampf, 
e. reek 'Dunst, Dampf zu riedien, ahd. riohhan 'rauchen, dampfen'. — Dampf , mhd. dampf, 
tampf, e. damp 'Feuchtigkeit' zu einem Verb mhd. dimpfen 'dampfen, rauchen'; dazu mhd. 
dempfen 'rauchen machen', d.h. 'das Feuer ersticken'. — Schatten, ahd. skato, e. shade, 
shadow, got. skadus zu gr. oy.ÖTog (skötos) 'Finsternis', air. scüth 'Schatten'. — Schemen, 
mhd. sdi'eme 'Schatten'; wurzelverwandt mit gr. oy.id (skia). 

Dazu eine Reihe von Adjektiven: 

warm, ahd. warm, e. warm, got. warm] an zu \at. formus, gr. &£Qfi6; (thermös). — 
heiß, ahd. heis, e. hot. — lau, ahd. hltio, urgerm. *hltwas zu lat. calere 'warm sein'. 

Besondere Beleuchtungsgegenstände hatte man in alter Zeit nicht, man benutzte den 
Kienspan. Und so stehen wir auf diesem Gebiet sachlich wie sprachlich unter dem Ein- 
fluß der Griechen und Römer. Leuchter erst mhd. — Nhd. belegt, aber gewiß älter ist 
Funse(l), Funzel ans Funksei und zu. Funke. — Fackel, ahd. fakala aus lat f acuta. — 
Lampe, mhd. lampe, hz. lampe. — Ampel, ahd. ampla, ampulla, lat. ampulla 'Flasche, 
Gefäß', die beiden letzten ursprünglich kirchliche Ausdrücke. — Kerze, ahd. kerza von 
ahd. karz "Docht, Werg', das aus lat. carta 'papyrus' stammen soll. — Krone, jetzt meist 
Kronenleuchter, mhd. kröne, lat. coröna. — Laterne, mhd. laterne, lat. la(n)terna. 

Merkwürdig wenig hat auf diesem Gebiet die Neuzeit gebracht. Ich finde nur: 
Kandelaber, irz. candelabre, Ende des 18. Jh., und Lüster 1773, hz. lustre. 

§ 135. Zeit und Zeiterscheinungen. Bei den Zeiterscheinungen sind gewisse 
Vorgänge so allgemein verbreitet, daß die Ausdrücke dafür eigentlich in jeder 
Sprache vorhanden sein müssen. Wenn sich trotzdem manche germanische 
Ausdrücke noch nicht in andern Sprachen nachweisen lassen, so kann der 
Grund nur in den Ursachen liegen, auf die wir schon des öftern hingewiesen 
haben: ursprüngliche Mehrheit von Ausdrücken und Verlust einiger, oder 
Neubildung im Laufe der Zeit. 

Die Bezeichnung der Nacht geht durch fast alle indogermanischen Sprachen hindurch, 
ahd. naht, e. night, got. nahts, lat. nox, gr. j-r; {nyx). Man rechnete früher nach Nächten, 
daher noch Fastnacht, Weihnachten, t. sennight 'acht Tage', fortnight 'vierzehn Tagt'. 

Bei Tag, ahd. tag, e. day, got. dags, versagen die klassischen Sprachen. Lat. dies, 
gr. tjfieoa {hdmerä) haben nichts mit unserm Wort zu tun. Tag hängt aber unzweifelhaft 
mit lit. dclgas m., dagä f. 'Ernte', apreuß. dagas 'Sommer' zusammen, die zu lit. degti 
'brennen', aind. ni-däghdh 'Hitze, Sommer' gehören. Abend, ahd. äbant, e. eve(ning). Im 
Altnordischen erscheint noch ein tiu dem Wort aptann, ags. ceften-tid. Erklärung schwierig. — 
Morgen, ahd. morgan, e. morning, got. maürgins, wohl zu lit. breksta 'es tagf {br aus mr). — 
Dämmerung, ahd. d'emar 'crepusculum' zu lat. tenebrae; weiter dazu auch finster, ahd. 
dinstar. Ein andres Wort lebt in nd. Udite fort, ahd. uohta 'Morgendämmerung' zu lit. 
anksti 'früh am Morgen'. 

Sommer, ahd. sumar, e. summer zu arm. amarn 'Sommer', awest. ham 'Sommer'. Die 



206 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Verwandtschaft mit gr. rj/i/oo (humerä) 'Tag' ist zweifelhaft, aber mir doch wahrscheinlich. — 
Winter, aM.wintar, e. winter, got. unntrus. — Frühling taucht erst im 15 Jh. auf und 
ist von früh mit Suffix -ling abgeleitet. Es hat das ältere Lenz verdr;Jngt, alid. lemo, das 
nach Ausweis mundartlicher Formen auf *lengzo zurückgeht. Althochdeutsch kommt auch 
lengizin vor; in dem zin steckt ein altes Wort für 'Tag', got. sin-teins 'jeden Tag', lat. «u/i- 
dinae. Das Wort bedeutet also eigentlich 'langer Tag'. Dieses Wort hat aber wieder das 
idg. *vesr, * vir {gr. nw [ear], lat. vir) verdrängt, das noch im an. z'«r vorliegt. — Herbst, 
ahd. herbist, c. harvest 'Herbst, Ernte". Wohl ein alter Superlativ zu lat. carpere mit der 
Bedeutung '(Zeit, in der) am besten zu pflücken ist'; also kein eigentlicher Jahreszeiten- 
name. — Jahr, ahd. y<?r, c.year, got. Jer zu abg.Jaru 'Frühling', gr. wo« (hörfi). Andere 
alte Ausdrücke sind verloren gegangen, so gr. hog (etos), vielleicht noch in Widder, ahd. 
ii'idar, e. ii>ether, eigentlich 'Jährling', wie lat. vituUis; — lat. anniis, got. ajjn. 

.Monat, ahd. nicmöt, c. nionth, got. mfinops, stammverwandt mit lat. niPnsis, gr. /</}•' 
(mien). — Daß es schon im Indogermanischen Monatsnamen gegeben habe, läßt sich nicht 
erweisen. Bei den Germanen werden uns bei Beginn der literarischen Überlieferung zwar 
echt germanische Namen angegeben, doch stimmen die Mundarten nicht überein, und sie 
sind frühzeitig durch die aus dem Lateinischen entlehnten Namen zum großen Teil ver- 
drängt worden. Über die Verdeutschungsbestrebungen Karls des Großen s. S. 157. Aber 
auch der große Kaiser hat nicht durchdringen können. Es haben sich nur einige dürftige 
Reste davon erhalfen. Hornung ist wenigstens noch bekannt. Es geht zurück auf ein 
verlorenes hörn 'Kälte', das zu anord. hiarn "hartgefrorener Schnee', russ. seren 'Reif, 
arm. saht 'Eis' gehört. Eigentlich bedeutet es der 'Sohn des Hörn'. Hörn heißt mundart- 
lich aber auch der Januar. — Mundartlich gibt es noch den Ausdruck Sporkel für Februar, 
unklarer Herkunft, vgl. Weigand^. — winnemänoth 'der Mai' hat sich umgedeutet als Wonne- 
monat erhalten, während er eigentlich 'Weidemonat' bedeutet. — Ebenso ist windume- 
manoth 'November', zusammengesetzt mit einem aus lat. vindemia 'Weinlese' entlehnten 
Wort zu Windmonat umgedeutet. — Von den lateinischen Monatsnamen haben einige 
eine Form, die auf alte Entlehnung in den Volksmund hinweist. So Jenner, März, 
Mai und mun&ar{\\c\\ Äugst, /!// 5/ 'Erntezeit'. Ausführlich über die ganze Frage handelt 
K. Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869. 

Bemerkenswert ist nun, daß wir die Benennung der Woche und ihrer Tage fast durch- 
gehend mit eigenem Sprachgut bestritten haben.' Es handelt sich dabei freilich um Über- 
setzungslehnworte. Vgl. S. 156. Wo die, ahd. wedia, e. week entspricht got wikö 'Wechsel, 
Woche' und hängt mit Wechsel zusammen. 

Wie weit in alter Zeit bestimmte Feste bestanden haben, läßt sich nicht 
sagen, da alles Alte von dem römisch-christlichen Einfluß überwuchert ist: 

Fest seit dem 13. Jh. aus lat festum; — Feier, ahd. fira 'kirchliches Fest, Ruhe 
von Arbeit' stammt aus lat. ffriae, woher Ferien im 16. Jahrhundert als gerichtlicher Aus- 
druck noch einmal entlehnt wird. — Das echt germanische Wort lebt in bayer. Dult fort, 
got. dulps 'Fest, Feier' zu apreuß. tuldisnan. — Von den großen Festen tragen Ostern 
und Weihnaditen echt deutsche Namen; ah6. östarun, t. Easter war der Frühlingsgöttin 
ags. Eöstre gewidmet, der Name gehört mit Osten zu lat. auröra, gr. >]r'j; (cpös). — Weih- 
nadit ist erst mhd. belegt, wihennaht aus ze wihen naht 'in der heiligen Nacht'. Dagegen 
stammt P///i^5r^n, ahd. fimfdmstim über got. paintekuste aus gr. .-if »•r;y;<oör>/ (pentiikostu) 
'der fünfzigste Tag" (nach Ostern). — In kleineren Kreisen bildete der Tag der Kirdi- 
weihe das Hauptfest. Das Wort ist im Volksmunde regelrecht entwickelt zu Kirb[e), 
alemannisch Kilbi, während Kirmes, nordengl. Kirkmass auf Kirdimesse zurückgeht, 
d. h. Messe, die zur Kirchweihfeier gelesen wurde. — Messe im Sinne von 'Jahrmarkt' 
findet sich seit 1329 und ist der kirchliche Ausdruck messa, indem sich nach der gottes- 
dienstlichen Handlung ein Austausch der Güter entwickelte. 

Die Bezeichnung der Tageseinteilung beruht im wesentlichen auch 



§ 136. Die Menschen untereinander, Familie, Staat usw. 207 



auf römisch-kirchlichem Ausdruck. Man nahm zunächst die kirchlichen 
Worte herüber. 

So haben wir nocli None, eig. 'die neunte Stunde' von 3 Uhr morgens gerechnet, 
also die Mittagszeit, ahd. nona, e. noon, afternoon. Auch Vesper, wenn auch meist in 
übertragenem Sinne, aus lat. vespera ist noch weit verbreitet. 

An allgemeiner) Ausdrücken haben wir: Stunde, ahd. 5/'««rfa, 5^««^ 'Zeitpunkt' (diese 
Bedeutung noch in 'die Stunde des Todes'). Offenbar gehört dies zu gestanden. — Weile ^ 
ahd. hwila 'Zeit, Stunde', e. white, got. hveila 'Zeit', wohl zu lat. quiPsco 'ruhe', genauer zu 
tranquillus 'ganz ruhig'. — Zeit, ahd. zit, zid, e. tide auch 'Flut', vgl. auch mnd. getide 
'Flutzeit', jetzt Gezeiten ist unerklärt. Daneben mit andrer Ableitung e. time. — Uhr, 
spätmhd. üre stammt zunächst aus dem Ndl. und weiter aus 1. höra. Die älteste Bedeutung 
ist 'Stunde'. — Minute, 1418 minat(e) stammt aus mlat. minutum. — Sekunde, im 
15. Jh. aus lat. secunda 'der zweite' (Unterteil). Eine verloren gegangene Zeitbezeichnung 
haben wir in Punkt, mhd. punkt 'kleinster Zeitteil' (noch in punkt zwei Uhr), aus lat. 
punctum. Dazu pünkttidi, eig. 'auf die Minute'. Die Bildung Jahrhundert ist eine be- 
wußte, rasch sich einbürgernde Verdeutschung von lat. saeculum, die zuerst im 17. Jh. bei 
S.V.Birken vorkommt. Ihm folgte im \%.ih. Jahrtausend {\7S\) und schließlich /a/zr- 
zehnt. Vgl. Feldmann, ZfdW. 5, 230. 

Um die nächste Zeit zu bezeichnen, gebrauchen wir eine Reihe alter Adverbien: 
gestern, ahd. gesteron, e. yesterday zu \ai. heri, gr. yßsg (khthes), ai. hjah. Merkwürdig 
ist, daß dieses Wort auch 'morgen' bedeuten kann, wie got. gistradagis 'morgen' und ahd. 
f'gestra 'übermorgen', jetzt ehegestern, zusammengesetzt mit ehe, ahd. er, e. ere, got. 
airis 'früher', zu gr. ägiaioy (äriston) 'Frühstück' aus *ajeriston 'gehörig'. — heute ist aus 
ahd. hiutagu 'an diesem Tage' entstanden, der Pronominalstamm hi steckt noch in heint 
'diese Nacht', ahd. hinaht, heuer, ahd. hiuro aus hiu järu 'in diesem Jahre' und ist doch 
wohl mit lat. hJc, hodic verwandt. — morgen, ahd. morgane, e. to morrow, got. in maürgin. 
— Dazu kommen noch: früh, ahd. fruo, gx.:iooH {pröi); — spät, ahd. spät i, got. spediza.^} 

Sehr spät sind die entsprechenden Ausdrücke für entsprechende größere Zeitabschnitte: 
Zukunft erscheint erst im 18. Jh. in dieser Bedeutung. Mhd. zuokunft ist 'das Herzukommen'; 
Vergangenheit erst bei Gottsched. Dagegen ist Gegenwart schon ahd. geginwerti. 

§ 136. Die Menschen untereinander, Familie, Staat usw. 

Li t e r a t u r : W. Deecke, Die deutschenVerwandtschaftsnamen, Weimar 1870. — Delbrück, 
Die indogermanischen Verwandtschaftsnamen; ein Beitrag zur vergleichenden Altertumskunde; 
Abh. der Sachs. Ges. der Wiss. 11 Nr. 5, Leipzig 1889. — O. Schrader, Reallexikon der indo- 
germanischen Altertumskunde, passim. — W. ScHOOF, Die deutschen Verwandtschaftsnamen, 
Ztschr. für hochdeutsche Mundarten 1, 193 ff., berücksichtigt auch eingehend die Ausdrücke 
der heutigen Mundarten. 

Die alten Germanen und Indogermanen legten, wie jetzt allgemein 
anerkannt ist, ein ganz anderes Gewicht auf die Verwandtschaft als wir. 
Während bei uns im wesentlichen nur die Einzelfamilie besteht, herrschte in 
altern Zeiten die Großfamilie und die Sippe. Auf ihnen beruhte zum großen 
Teil die staatliche Ordnung, vgl. darüber Hirt, Die Indogermanen 2, 409 ff. 

Infolgedessen gab es auch sehr viel mehr Benennungen für die ver- 
schiedenen Verwandtschaftsgrade als heute, und wir besitzen jetzt nur noch 
einen Rest jener früher vorhandenen. Man hat angenommen, daß sich die 
indogermanischen Verwandtschaftsnamen immer nur auf die Verwandtschaft 



^) Vgl. dazu K. Brugmann, Zu den Wörtern für heute, gestern, morgen in den idg. 
Sprachen. Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss. 1917, 1. 



208 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

nach der männlichen Seite bezogen liätten. Doch ist das ein Irrtum, vgl. 
Hirt, Idg. Forsch. 22, 78 ff. 

Alle Sprachen bezeichnen tatsächlich die Verwandtschaft nach beiden 
Seiten, darunter vor allem das Litauische und Slawische, die noch heute 
über eine Fülle von Benennungen verfügen. 

Bei den Verwandtschaftsbezeichnungen gibt es eine Reihe von Aus- 
drücken, die zweifellos aus der Kindersprache stammen. In der Schrift- 
sprache gebrauchen wir ja allerdings nur Papa und Mama neben Vater 
und Mütter, aber die Mundarten, die altern Zeiten und die verwandten 
Sprachen verwenden auch die übrigen Lallsilben, wie tata, nana, atta, 
baba usw. Vgl. darüber Schoof a. a. O. 

Eine Mehrheit der Benennungen für denselben Begriff ist auf diesem 
Gebiet von allem Anfang an vorhanden. Der Gote gebraucht atta neben 
fadar und besitzt nur aipei für 'Mutter'. Unsere jetzige Sprache verfügt 
für die beiden Begriffe je nach Stimmung, Stand und Stellung über eine 
ganze Reihe von Ausdrücken. 

A. BLUTSVERWANDTSCHAFT. 

Vater, ahd. fater, t. father, go\. fadar zu lat. pater, gx.nart'io {patu-r); daneben steht 
im Gotischen atta, das sich mit einer Ableitung im Alemannischen als Ätti erhalten hat. 
Offenbar ein Wort der Kindersprache. Eine Koseform dazu ist Attila, d. Etzel, — Mutler, 
ahd. muoter, e. mother, gotisch nicht belegt, zu lat. mäter, gT.fi/jTijQ {m<Pt(er); das Gotische 
hat aipei, dessen Herkunft ganz unklar ist. Diese Doppelheit der Benennungen kann nicht 
weiter wundernehmen, da ja auch wir über mehrere Ausdrücke verfügen, um Vater und 
Mutter zu bezeichnen. — Eltern, ahd. eltiron, altiron, Komparativ von alt. In den 
andern Sprachen werden andere Ausdrücke verwendet; daraus aber zu schließen, daß die 
Indogermanen den Begriff noch nicht bezeichnet hätten, ist durchaus unzulässig. Es hat 
eben mehrere Ausdrücke gegeben. — Amme, ahd. amma, noch schwäbisch in der Be- 
deutung 'Mutter'; anord. amma ist 'Großmutter'; Kosewort der Kindersprache. 

Sohn, ahd. sun(u), e. son zu amd. sümih, abg.synn, lit. sünüs; gr. i('ö; (hyiös) weicht 
im Suffi.x ab. — Tochter, ahd. tohter, e. daughter, got. daühtar zu gr. {hyuiyjQ {thygäl(er). — 
Kind, ahd. kind zur Wurzel idg. *gen 'erzeugen' = lat. genitum oder mit Ablaut nätum. — 
Knabe, ahd. knabo, e. knave, kaum zur gleichen Wurzel, sondern zu schwed. dial. knab 
'Pflock', knabbe 'Knollen, Klumpen', mit einer Bedeutungsentwicklung wie in Stift, Bengel. — 
Magd, Mädchen, ahd. magad, e. maid, got. magaps 'Jungfrau' von got. magus 'Knabe, 
Knecht' zu ir. macc; die Ableitung ist aber dunkel. 

Ein altgermanisches Wort für 'Kind, Mädchen' steckt in nd. Göre, t. girl, das Möller 
mit gx.nnoOfvo; {parthenos) 'Jungfrau' verbunden hat. — Bruder, ahd. bruoder, e. brother, 
got. bröpar zu lat f räter, gr. f/ijÜTioo {phrätür) 'Mitglied eines Geschlechts'. — Schwester, 
ahd. swester e. sister, got. swistar zu lat. soror aus *swesir. 

Was die weitere Verwandtschaft betrifft, so bestanden im Indogermanischen 
wahrscheinlich besondere Ausdrücke für die Geschwister des Vaters und der 
Mutter. 

Vatersbruder, ahd. fetiro, jetzt Vetter, Ableitung von vater, entsprechend gr. 
Ttnroiog (pätrösj, lat. patruus; die jetzige Bedeutung 'V^etter' kommt im Mittelalter auf; man 
gab gern auch einem Jüngern den Ehrentitel. — Mutterbruder, Oheim, ahd. üheim; 
der erste Teil des Wortes gehört zu lat. avunculus. — Vaterssdiwester, ahd. basa 
'Schwester des Vaters', Base, jetzt im allgemeinen Sinne gebraucht und ziemlich veraltet. 



§ 136. Die Menschen untereinander, Familie, Staat usw. 209 

Femininum zu Bas 'Meister, ehrende Anrede', wohl ursprünglich der Kindersprache an- 
gehörend. — Mutterschwester, ahd. muoma 'Muiterschwester', Muhme, Form der 
Kindersprache. — Neffe, ahd. n'efo zu lat. nepös 'Enkel'. — Nichte, aus dem Nieder- 
deutschen entlehnt, wo cht für ft steht, ahd. niftila, Verkleinerungsform zu ahd. nift, dem 
Femininum zu Neffe, aind. napti 'Tochter, Enkelin', lat. neptis 'Enkelin'. — Ahn, ahd. ano 
'Großvater', ana 'Großmutter' zu lat. anus 'alte Frau', apreuß. ane 'Altmutter' usw. Groß- 
vater und Großmutter tauchen erst spätmittelhochdeutsch auf, ersetzen aber natürlich 
andere Ausdrücke und sind vielleicht Übersetzungen von frz. grand-perc, grand' mere. — 
Enkel, mhd. enenkel, Ableitung von Ahn, also wahrscheinlich 'kleiner Großvater'. 

Die Entlehnungen auf diesem Gebiet Onkel, Tante, Cousin, Cousine sind 
■erst Ende des 17. Jahrhunderts herübergenommen, wohl unter der Einwirkung der Alamode- 
zeit, der wir auch Papa und Mama verdanken. 

B. DIE HEIRATSVERWANDTSCHAFT. 
Unter einfachen Verhältnissen unterscheidet man auch hier, ob die Ver- 
wandtschaft von Seiten der Frau oder des Mannes gerechnet werden muß. 
Aber diese Unterschiede sind frühzeitig verloren gegangen. 

Schwiegertochter. Das alte Wort war Sc^ /zur, ahd. snura, lat. nurus, gT.rrög (nyös). — 
.Schwiegervater (mspTünghch deiFrau), Schwäher, ahd. swehur, gotswaihra, lat. socer, 
gr. ixvQog (hekyrös). — Schwiegermutter, Sdiwieger, ahd. swigar, got. swaihrö, lat. 
socrus, gr. kxvQa (hekyrä). — Bruder des Mannes: ahd. zeihhur, ags. täcor, lat. levir, 
^r. 8aii)Q [dacsr). — Schwager, ahd. swägur 'Schwager' kehrt im Indischen als sväsurah 
wieder und bedeutet 'der zum Schwiegervater gehört'. — Sdiwester des Mannes: der 
alte Ausdruck gr. yalöco^ (galöös), lat. glös, abg. zülüva ist verloren gegangen. Dafür ahd. 
swegerinne. — Sdiwiegersohn: der altgermanische Ausdruck ist Eidam, ahd. eidum. 
.ags. ääum. Beziehung zu Eid, vgl. engl, son-in-law, ist mir höchst unwahrscheinlich; ebenso 
die zu got. aipei 'Mutter'. Also unerklärt, aber vielleicht alt. — Ein alter Verwandtschafts- 
ausdruck steckt auch in Schwein 'Hirt', e. swain 'junger Bursch, Schäfer' zu lit. svalnis 
^der Gattin Schwestermann', lett. swainis 'des Weibes Bruder'. 

Ehe und Eheschließung. Daß ein so abstrakter Begriff wie Ehe erst in jüngerer 
Zeit in der Sprache ausgebildet wird, läßt sich leicht verstehen. So kommt denn tatsäch- 
lich das Wort ahd. ewa mit der Bedeutung 'Rechtsverhältnis zwischen Mann und Frau' erst 
bei Notker vor, woraus natürlich nicht die Ehelosigkeit in früherer Zeit folgt. — Hoch- 
zeit bekommt seine heutige Bedeutung erst seit dem 13. Jahrhundert; früher galt dafür 
Brautlauf, ahd. brütlouft, gemeingermanisch, aber natürlich nicht in den verwandten 
Sprachen. — Heirat, ahd. hirät, eig. 'Zurüstung des Hausstandes'; es steckt darin ein 
altes Wort hi, das indogermanisch ist : got. heiwa-frauja 'Hausherr', ahd. hiwo 'Gatte, Haus- 
genosse', and. htwiski 'Familie' usw. zu lat. civis 'Bürger', ir. cia 'Mann', lett. scwa 'Weib'; 
ursprüngliche Bedeutung nicht klar. 

Die Ausdrücke für die Gatten wechseln im Laufe der Zeit sehr. Es gibt verschiedene 
Ausdrücke den verschiedenen Ständen und der verschiedenen Stimmung entsprechend: 
Gatte, Gemahl, Mann, Frau, Weib usw. Zu allen Zeiten wird zunächst die Bezeich- 
nung des männlichen und weiblichen Wesens überhaupt zur Bezeichnung von 'Ehemann' 
und 'Ehefrau'. So haben wir Mann und Frau. Mann ist alid. man 'Mensch, Mann', 
c. man, got. manna; in der Bedeutung 'Ehemann' seit dem 16. Jahrhundert; Frau, ahd. 
frouwa, weibliche Form von frö 'Herr' (s. unten), also bedeutet Frau eigentlich "Herrin'; 
die jetzige Bedeutung auch erst im Mhd. — Diese Ausdrücke haben die alten, ahd. gomo, 
erhalten noch m Bräutigam, zu lat. homo, und Kone, mhd. kone, ahd. qu'ma, t.queen, 
got. qens zu gr. yw/] {gynw) verdrängt. Der Gote aber sagt für 'Ehemann' aba, auch wair^ 
lat. vir. Gemahl, ahd. gimahalo 'Verlobter, Bräutigam, ehelich Verbundener', Gemahlin, 
-ahd. gimahala gehören zu ahd. mahal 'Vertrag, Ehevertrag' und gimahalan 'zusammen- 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Auf!. 14 



210 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

sprechen, sprechen', vgl. Hiltibrant gimahalta im Hildebrandshcd; Gatte, Gattin sind 
erst neuhochdeutsch; \\\\\^. gate neben iief^atc 'der (ileiclie, Genosse', asAzhs. gigacio 'seines- 
gleichen" bewaliren den aUcij Sinn. — Die Tatsachen der Sprache liegen so einfacli wie 
müghch. Es hat stets mehrere Ausdrücl<e gegeben, und einer liat den andern abgelöst. 
Freilich läßt sich hierbei vielleicht eine Entwicklung verfolgen. Nach Delbrück a.a.O. 439 
besteht die jüngste Schicht der Bezeichnungen darin, daü die beiden als zu einem Paare 
verbunden bezeichnet werden, lat. coniitx, gr. orCr; {syzyx), d. Gemahl; wenn er aber 
weiter hinzufügt: .der ürund, warum solche Bezeichnungen erst spät auftauchen, liegt auf 
der Hand. Die Stellung des Mannes zur Frau und die der Frau zum Manne waren nach 
alter Meinung zwei so verschiedene Dinge, daß man nicht darauf kommen konnte, Mann 
und Frau durch das gleiche Wort zu bezeichnen', so ist dieser Schluß so falsch, wie 
nur etwas sein kann. So gut erst das Esperanto darauf gekommen ist, ein patrino 'Mutter' zu 
bilden, während alle Sprachen Vater und Mutter durch besondere Wortstämme bezeichnen, 
ebensogut ist man erst spät dazu gelangt, die Ehegatten sprachlich zusammenzufassen. Haben 
wir es doch hier mit einem Allgemeinbegriff zu tun. Ausdrücke ähnlich unserm Mann und 
Frau haben auch in alten Zeiten genügt, um das wiederzugeben, was man sagen wollte. 
Auch die Ausdrücke für das Schließen der Ehe sind jung, d. h. sie haben andere abgelöst. 
vermählen gehört zum selben Stamm wie Gemahl, heißt also eigentlich 'versprechen'; 
verloben hängt mit geloben zusammen. — Witwe, ahd. wituwa, e. widow, got.widuwo^ 
lat. vidua, ir. fedb, ai. vidhdvä, abg. vidova, ein Wort also, das fast durch alle Sprachen 
hindurchgeht; dagegen ist IF/totr jung; hieraus folgt allerdings wohl, daß in alter Zeit der 
Tod des Mannes für die Frau von ganz anderer Bedeutung war wie das Umgekehrte. — 
Strohwitwe und Strohwitwer tauchen nahezu gleichzeitig 1715 und 1716 auf; das erstere 
jedenfalls als scherzhafter Ausdruck. Doch ist der ursprüngliche Sinn unklar. Vgl. Weigand*. 
— Waise, ahd. weiso; wohl zum gleichen Stamm wie Witwe und zu 1. dividere 'teilen, 
trennen'. — Braut, ahd. brät 'Neuvermählte', e. bride 'junge Frau', got. brüps 'Schwieger- 
tochter', vielleicht zu lat. Fnitis, einem Namen der Aphrodite, vgl. Braune, Btr. 32, 3ü. 
Bräutigam, ahd. brüti-gomo, e. bride-groom, got. brüp-faps {-faps zu lat potis- in possum^ 
gr. .Too/? {pösis) 'Ehemann', a'ind. pätih 'Herr, Qatte'j. 

Es ist schon oben darauf hingewiesen worden, daß die Ausdrücke für die Allgemein- 
begriffe Mann und Frau immer wieder auch für 'Ehemann' und 'Ehefrau' angewendet 
werden. Ausgenommen ist das Wort Mensdi, ahd. mannisko, Substantivierung eines Ad- 
jektivs got. mannisks, ahd. mennisk 'humanus', also recht jung, da es nur westgermanisch 
ist. Jung ist auch Weib, ahd. wib, e. wife, das sich schon durch sein neutrales Geschlecht 
als später Allgemeinbegriff enthüllt. Es steht in dieser Beziehung mit Rind, Sdiaf, Pferd 
auf einer Linie. Erklärt ist es noch nicht, auch nicht durch Bezzenberger, KZ. 41. 282. 
Selbst die unehelichen Verhältnisse haben schon in alter Zeit einen sprachlichen Ausdruck 
gefunden: Kebse, ahd. kebisa bezeichnete wohl ursprünglich 'die Sklavin', vgl. aiiord. kefsir 
•Sklave, Knecht'. — Kegel in der RA. Kind und Kegel bedeutet 'uneheliches Kind' und 
kommt zuerst mhd. vor. — Bankert, s{)ä\m\\d. bankart, bandiart, ndl bankaard hängt 
mit Bank zusammen. Andere Ausdrücke dafür sind Bankkind, Bänkling, Bankbein; — 
ähnlich ist Bastard, mhd. bastfhjart aufzufassen, entlehnt aus afrz. bastard und liängt 
mit mlat. bastuni 'Saumsattel' zusammen. Hahnrei scheint ursprünglich 'Hahnentanz' 
{Reihen) zu bedeuten, eig. 'einer, der den Hahnentanz mitmacht'. 

Die Neuzeit bringt dann eine Fülle fremder Ausdrücke, auf die wir hier nicht weiter 
eingehen wollen. 

C. DIE SIPPE. 
Der Mensch war in alter Zeit vornehmlich ein Glied seiner engern und 
weitern Familie. Die Begriffe 'Familie' und 'Sippe' spielen in alter Zeit eine 
viel bedeutendere Rolle als jetzt, wo sie ja kaum noch vorhanden sind. 
Die Ausdrücke dafür sind denn auch so ziemlich verloren gegangen. 



§ 136. Die Menschen untereinander, Familie, Staat usw. 211 

Den kleinsten Kreis 'die Familie' bezeichnete in alter Zeit wohl der schon besprochene 
Ausdruck hlwa-, got. heiwa-fraiija 'Hausherr', ahd. hiun 'beide Gatten', anord. hjan 'Mann 
und Frau, Ehepaar, Dienstboten'. Dazu and. hiwiski 'Familie, Hausgesinde, Haushaltung', 
noch nd. Hisdi. Den weitern Kreis benannte man Sippe, ahd. sipp(eja, ags. sibb, got. sibja 
'Blutsverwandtschaft', dazu aind. sabhd 'Versammlung der Dorfgemeinde', altserb. sebrü 
'freier Bauer', abg. sobistvo 'Eigenart, Wesen' u. a., vgl. Solmsen, Untersuchungen zur 
griechischen Laut- und Verslehre 200; die Grundlage ist ein *sebhä 'eigene Art', davon die 
y-Ableitung got. sibja. Eine ähnliche Entwicklung zeigt ahd. slafita 'Gesdiledit, Herkunft', 
eig. 'was nach einem schlägt'. — Ein Ausdruck für 'Verwandte' liegt in Alage, ahd. mag 
vor, das sich jetzt nur noch in Sdiwertmage und Spillmage, eig. 'Spindeimage', 'Ver- 
wandter der väterlichen und der mütterlichen Seite' erhalten hat. — Was wir Gesdiledit 
nennen, heißt ahd., neben gislahti, kiinni, e. kin, kind, got. kiini, von einer Wurzel, die 
in lat. gignere, gens, gr. yr/vouai (gignomai) 'werde geboren' vorliegt; kuni entspricht ganz 
genau lat. geniiis 'angeborener Schutzgeist', ist also 'das Angeborene'. Heute lebt der 
Stamm nur noch in König, ahd. kuning, eig. 'der zum Geschlecht gehört', 'Geschlechts- 
mann'; von derselben Wurzel ist noch gebildet got. ^«öy&5 'Geschlecht, Stamm', ahd. knuai, 
eine Ablautsform zu lat. gens und nätio. Die folgende größere Einheit bezeichnet dann 
got. piuda, ahd. rf/o/ 'Volk', erhalten in deutsdi {theodiscus ursprünglich nur von der 
Sprache), deuten und in Eigennamen, Dietridi usw.; dazu air. tfiath 'Volk', osk. touio 
'Volk, Gemeinde', lit. tautä 'Land'. Dieses Wort wird abgelöst durch Volk, ahd. folk 'Volk, 
Dienstvolk, Kriegsvolk, Haufe', t. folk, das nicht erklärt ist. Nation schließlich taucht im 

15. Jahrhundert auf. 

D. STÄNDE. 

Das dem gr. skevdeQoq (eleütheros), lat. liber entsprechende Wort scheint im Germanischen 
nicht mehr vorzuliegen, es sei denn in liederlidi und lotter, jedenfalls aber nicht in 
dem alten Sinne. O. Schrader verbindet damit Leute, mhd. //«^ 'Volk', ags. leode 'Ltütt\ 
ins Slavische entlehnt abg. Ijudii 'Volk', Ijudije 'Leute', also eigentlich 'die Freien'. Um 
das Wort zu erklären, müßte man von der Bedeutung 'Volk, Stamm' ausgehen, dann hieße 
gr. i?.rv&Fgog (eleütheros) 'zum Stamme gehörig'. Doch ist dies unwahrscheinlich, und das 
Wort gehört eher zu got. //«rfan 'wachsen', das wir noch xn Sommerlatte, Lode haben. 
Für 'frei' erscheint gemeingermanisch frei, ahd. frl, t.free, got. f reis. Im Altindischen ent- 
spricht genau prijäh 'lieb, beliebt, erwünscht. Gefallen findend an'. Die Vermittlung dieser ver- 
schiedenen Bedeutungen ist nicht gelungen. Vielleicht liegen doch verschiedene Worte vor. 

Für Herr liegt vor got. -faps in brapfaps, hundafaps 'centurio' zu gr. 7i6oig (pösis), 
öeo-ji6xt]g {desp6t(es), lat. in potes-tas; daneben steht got. fr auf a, ahd. frö, jetzt nur noch 
in Fron-leidinam, Frone, Fronfeste, fronen; dieses Wort hängt mit lat. pro, 
gr.:x()(> {pro) zusammen und bedeutet 'der erste, vorderste"; ihm folgt Herr, mhd. her re aus 
ahd.heriro, Komparativ zu hehr, ursprünglich 'grau', also 'der ältere' wie \at.senior, \ta\. signor. 

Außerd.em gibt es, wie wir schon oben S. 105 bemerkt haben, eine Reihe deutlicher 
Neubildungen. Beachtenswerterweise ist das alte Wort lat. rox, aind. rdjä im Germanischen 
verloren gegangen, und wird erst wieder aus dem Keltischen entlehnt, ebenso wie Amt 
(s. o. S. 136). Dazu kommt Kaiser aus lat. Caesar. 

Von den sonstigen Standesbezeichnungen bestreiten wir König (s.o.), Fürst, ahd. 
furisto, eig. 'der vorderste', e. first 'der erste', Herzog, ahd. herizogo, eig. 'Heerführer' 
zu Heer und lat. dux, Graf, ahd. gräfo, gräfio, eig. 'Vorsteher', so noch in Deidigraf, 
Salzgraf, unsichrer Herkunft, aus eigenem Sprachgut. 

Die mittelhochdeutsche Zeit bringt uns dann eineFüllefranzösischerStandesbezeichnungen, 
von denen sich /('«w/'ö« hält. Auch Prinz ist schon mhd.;;n«^^, hz.prince, von lat.princeps. 

In der Neuzeit hat sich der Stoff bedeutend vermehrt: Baron, schon mhd. barün' 
aber erst im 16. Jh. baron, aus frz. baron. — Kavalier, 1616, frz. cavalier. — Komtesse, 
frz. comtesse. — Marquis, schon mhd. markis und Markise, frz. marquise. — Frau und 

14* 



212 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Ftäiilein waren im 18. Jh. im wesentlichen auf die Angehörigen des Adels beschränkt, 
während die bürgerlichen Frauen Madame und Mamsell hießen, Ausdrücke, die heute 
tief gesunken sind. Auch Monsieur kommt in der Alamodezeit und hält sich noch volks- 
tümlich als Miisje. Die neuste Entlehnung ist t. gentleman, 1791. Im Anfang des 17. Jh. 
entlehnen wir auch Dame aus frz. dame, ital. dama, cig. lat. domina. Nur noch mundart- 
lich ist Dunzel aus frz. donceüe. 

Selbst auf die Dienerschaft erstrecken sich die Entlehnunj^cn. So erhalten wir mit 
den spanischen Wörtern Gala, Galan, galant ^uc\\ d\c Lakeien, span. /flfoj'o (16. Jh.). 

Für Diener gibt es eine ganze Reihe wechselnder Ausdrücke. Vgl. hierzu Brug- 
MANN. Zu den Benennungen der Personen dienenden Standes in den indogermanischen 
Sprachen, Idg. Forsch. 19. 377, von denen freilich keiner mit Sicherheit in das Indogermanische 
zurückzuführen ist. 

Diener selbst ist zwar erst mhd. von dienen, ahd. dionön abgeleitet. Aber dem 
Stamm haftet die Bedeutung schon seit dem Urgermanischen an, vgl. got. fyius 'leibeigener 
Diener. Knecht. Sklave', ahd. -rfm. ags. pfow. Dazu gehört natürlich Dienst, ahd. dionost 
und weiter Dirne, ahd. diorna. das wohl als 'Knechtstochter' aufzufassen ist; Demut, 
ahd. diomuoti. eig. 'Knechtessinn'. ein Wort, das offenbar vom Christentum geschaffen worden 
ist. Got. pius gehört vielleicht zu lett. teksnis "Aufwärter. Bedienter", ai. takuh 'eilend'. — 
Knedit, ahd. kneht, e. knight 'Rütef. — Sdialk, ahd. skalk, got. skalks 'Knecht, Diener' 
hat eine andere Bedeutung angenommen, die alte finden wir noch in Marsdiall, ahd. 
marahskalk (zu Mähre) und Senesdiall aus frz. senedial und dies aus einem deufsch- 
mlat. seniscalcus 'der alte Knecht' zu got. sineigs 'alt', lat. senex. — Auch in Arbeit 
steckt wohl ein altes Wort für 'Knecht', abg. rabti 'Knecht. Leibeigener', wovon rabota 
•Knechtsarbeit. Frondienst', das wir im 14. Jh. als /?ofro^ entlehnt haben. Sklave ist der 
alte Volksname der Slaven. 

Beachtenswert ist noch das Wort Adel. ahd. adal n. 'Geschlecht, von dem man 
stammt, bes. ausgezeichnetes', dazu mit Ablaut nodal 'Erbgut, Heimat'. Es gehört, wie 
A. Gebhard nach Frommann vermutet, zu einem germanischen *at, *öt 'Grundbesitz. 
Landgut', das noch \n Heimat, mhd. heimöte, got. haimöpli, ahd. heimödil und unter An- 
lehnung an öde in Einöde, ahd. einöti (bayer. noch £//2^/ 'einzelner Hof) vorliegt. Auch 
Armut, ahd. armuoti läßt sich als 'armseliges Gut' fassen. 

§ 137, Das Haus. 

Literatur: M.Heyne, Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer. Band 1: Wohnung; 
Leipzig 1899. — R. Meringer. Das deutsche Haus und sein Hausrat. 1906. - H. Schmockel, 
Das Siegerländer Bauernhaus nach seinem Wortschatz dargestellt. Ein Beitrag zur Haus- 
und Dialektforschung, Bonn 1911. 

Die Ansichten von der geringen Seßhaftigkeit der Germanen und Indo- 
germanen, die nur in notdürftig zusammengefügten Hütten gewohnt haben 
sollen, sind hoffentlich bald allgemein beseitigt. Schon die Sprache, ganz 
abgesehen von den Funden, zeigt uns, daß unsere Vorfahren in festen 
Häusern wohnten. Freilich hatten diese Häuser ein andres Aussehen als 
unsre Mietskasernen, aber von der Form und Gestalt mancher Bauernhäuser 
wichen sie nicht allzuviel ab. Es waren Holzbauten mit Strohdächern, bei 
denen auch das Flechtwerk eine bedeutende Rolle spielte. 

Der Steinbau stammt von den Römern, und das zeigt sich auch in 

der Sprache. 

1. EINHEIMISCHE BESTANDTEILE. 

Gaden, ahd. gadum. Nur hochdeutsch. ~ Haus, ahd. got. hüs, e. house. Vielleicht 
mit hatte verwandt, aus *hntta-. oder zu aind. kö'^ah 'Behälter. Vorratskammer, Schatz- 



§ 137. Das Haus. 213 



kammer'. — Hof, ahd.hof, vielleicht mit Ablaut zu gr. ^r/y.-ro,- (^(e/^o^), dtm Hube, Hufe, 
ahd. hüoba genau entspricht. — Ein altes Wort für 'Hofstatt' sieht Heyne S. 12 noch in 
ndd. Wörde, Wurd, asächs. ward 'Boden', ags. weord, wurd, wyrd, das er zu werden 
stellt. — Hütte, ahd. hutta, huttea. Aus dem Deutschen stammt e. hut 'Hütte'. Vielleicht 
zum vorigen, oder besser zu a\cm. Hotte 'hölzerne Bütte'. — Kate, Kote 'Hütte', eig. 
ndd., e. cot, daraus frz. cotte. Grundform ist idg. *gudom, die im Indischen gudä-xn. n. 
mit der Bedeutung 'Darm, Mastdarm, After' vorliegt. Ob sich die Bedeutungen vermitteln 
lassen, will ich nicht entscheiden. Jedenfalls gehören /Co /^z^ 'geflochtener Rückentragkorb' 
und Kieze 'Rindengefäß, Starkasten' hierher. — Koben, mhd. kobe 'Stall, Schweinestall', 
e. cove 'Obdach. Taubenschlag'. Das Wort hatte einst eine weitere Bedeutung, wie z. B. 
die Ableitung Kobold aus *kobwald 'Hauswalter, Hausgeist' zeigt. Zu gr. v^'■.^»/ (gyp<c) 'Erd- 
höhle, Gemach', aind. gup- 'behüten, bewahren'. Aus dem Deutschen dazu wohl noch 
Kober. — Sdieuer, ahd. skiura, sküra 'Scheuer', zu einer Wurzel skü 'bedecken', die 
auch in \di\.. obscarus steckt. — Sdieune, ahd. skugin, skugina 'Scheune'; falls ^ für y 
steht, dürften Sdieune und Sdieuer aus einem alten /-/n-Siamm erwachsen sein, wie ahd. 
wazzar und ^oi.watö, watins. — Sdinppen, ahd. skopf, noidengl. shippen 'Stall', e. shop 
'Laden' zu sdiieben. — Stadel, obd., ahd. stadal -Scheune, scheunenartiges Gebäude', 
anoTd. stödull 'Stall, Melkplatz', aind. sthaträrn 'Standort, Stelle'. — Stall, ahd. stal(l), 
e. stall 'Stall, Standort', wohl aus *stadlo zu lat. stabulum 'Stall'. 

Die Begriffe 'Haus, Hof, Zaun, Niederlassung' gehen gern ineinander 
über, indem ein Teil für das Ganze genommen wird. Welche Bedeutung in 
dem einzelnen Fall ursprünglich gewesen ist, läßt sich nicht immer sagen. 

Hierher gehören: 

Garten, ahd. garto. got. garda 'Qe.hege, Hürde'; daneben ahd. ^a/-^ 'Kreis, Garten', 
asächs. gard 'eingefriedigtes Grundstück', im PI. 'Wohnung, Haus', ags. geard 'Umfriedigung. 
Garten, Wohnung', e.yard -Hofraum', got. gards 'Haus'; Verwandtschaft kann bestehen, 
einerseits zu Gurt und lat. hortus, cohors 'Gehege, Hof. gr. yomog (khörtos) 'Gehege, Vieh- 
hof, Weideplatz', anderseits zu hX.iafdis 'großer umzäunter Weideplatz', oder amd. gi;hä- m. n. 

'Haus', awest. garada- 'Höhle', vgl. Weigand. wiek in Ortsnamen, z B. Osterwiek, ags. 

Wie, got. weihs 'Flecken, Dorf zu lat. vlcus, gr. oly.og (ptkos),. vgl. aber unten S. 216. Das 
Gehöft war durch einen Zaun abgeschlossen, ahd. zun, e. town, aus kt\i. danum. Dafür noch 
Etter, ahd. etar -Zaun' zu abg. odril 'Bettgestell', tschech. odr 'Pfahl', odry 'Gerüst in der 
Scheune'; damit vielleicht zusammengesetzt Gatter und Gitter. — Hürde, ahd. hurd, 
PI. hurdi 'Flechtwerk aus Weiden, Hürde, Tür', got. hai'irds 'Tür', e. fiurdle 'Hürde, Flecht- 
werk', daneben Horde, mnd. hord 'Flechtwerk einer Brücke', zu lat. crätes 'Flechtwerk'. — 
Tür, ahd. tun, eigentlich ein Plural oder besser gesagt ein Dual, lat. fores, gr. vvoa 
ithyrä); — gleichen Stammes ist Tor, ahd. tor, e. door, got. daür, lautlich entspricht lat. 
forum, \\i. dväras, abg. dvorn 'Hof; weshalb Tür ein Dual ist, lehrt ein BHck auf alte 
Bauernhaustüren, die einen obern und untern Flügel haben. — Riegel, ahd. rigil "Quer- 
holz zum Verschließen', e. rail zu lat. arceo. gr. aoyJco (arkeö), lit. rdktas 'Schlüssel'. — 
Sdilüssel, ahd. slu^^il, ndl. sleutel zu sdiließen, lat. claudere. — Zimmer, ahd. zimbar 
'Bauholz, Holzbau, Wohnung, Zimmer", e. timber 'Bauholz', got. timrjan 'erbauen' zu gr. 
MuEiv (demen) 'bauen', lat. donius, gr. 66uo; {dömos). — Sdiwelle, ahd. swelli. e. sill, 
wohl ablautend zu Säule, ahd. sül, got. sauls, gasüljan -gründen'; weiter vielleicht zu 
gr. ^v?.ov ixylon) -Holz, Balken, Knüttel'. — Laube, ahd. louba 'Galerie eines obern Stock- 
werkes, Schutzdach', anord. lopt 'oberes Stockwerk', zu lit. lubä 'Brett', lübös 'die bretterne 
Stubendecke'. — Dadi, ahd. dah 'Dach. Bedeckung, Decke, Verdeck', e. thatdi 'Strohdach'; 
es entspricht lat. toga 'Toga', eig. 'Bedeckung', mit Dehnstufe lit. stögas 'Dach', mit ^- Vokal 
fr. xeyog (tegos). — Saal, ahd. sal 'Haus, Wohnung', got. saljan 'Herberge finden', salipwös 
•Herberge, Speisezimmer', vielleicht zu lat. solum 'Boden'; jedenfalls zu abg. selitva 'Woh- 
nung'. — Halle, ahd. halla 'Tempel', e. hall; dazu ndd. hille (mit Ablaut) 'Ort über den 



214 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



X'iehstailen, wo Gesinde und Kinder zu schlafen pflegen", und weiter lat. cella 'Kammer. 
Zelle, gr. xtüm {kaliä) 'Hütte, Scheune, Nest'. — Ern, Eren, auch Ähren 'Hausrauni 
zwisclien der Haustür und den Zimmern desselben Stocks', ahd. arin, erin 'Fußboden, 
Altnr", wohl zu lat. nrea 'Tenne, innerer freier Hofraum'. — Heim, ahd. heim 'Haus, Wohn- 
orf, e. Itome. got. haims 'Dorf, Flecken' zu gr. y.o'tnj {kdm<r) 'Dorf. — Barn 'Krippe', ahd. 
barno. wohl zu got. tar/cfm^ "gersten', also 'Gerstenbehälter'. — Giebel . ^^6. gibil 'Siwn-, 
Vorderseite', got. gibla 'oberste Spitze, Zinne', urverwandt mit gr. xf^uh) (kephal,/) 'Kopf. — 
Fletz. aM. flazzi, flezzi. ags. //e/ 'platter, ebener Fußboden, Tenne, Hausflur', nhd. noch 
in ElOtz. Gehört zu gT..^/.ari\• (platys). — Flur, mhd. vluor 'Saatfeld', ags.//ör 'Estrich, 
Vorplatz", c.floor 'Estrich, Tenne'. Es entspricht ir. lar. kymr. llawr 'Boden, Estrich*, apreuß. 
plonis 'Tenne". - Wand. ahd. want 'Seite, Wand", e. wand, zu winden, eig. •flechten". 
Die Erklärung von Viand, als zu winden gehörig, geht im wesentlichen auf Meringek, 
Idg. Forsch. 17, 139 und Etymologien zum geflochtenen Haus, in Abhandl. z. germ. Phil., 
Festgabe für R. Heinzel, Halle 1898 zurück. Die geflochtene Wand hat in der Tat in alter 
Zeit eine außerordentliche Rolle gespielt, und noch heute kann man sie in Schäferkarren 
und an oberliessischen Häusern beobachten. Dasselbe wird durch die oben gegebenen 
Etymologien Hütte : Hotte, Kate. Kote : KOtze, Koben : Kober wahrscheinlich gemacht Die 
Hütte, die Kate und der Koben sind also ursprünglich geflochtene Behältnisse gewesen. 
Ebenso gehört AV//'/'^. ahd. krippa zu mhd. /fr^/»^ 'Korb". — Herd. ahd. //trrf Erdboden", 
e. hearth. — Sdilot. ahd. slöt. — Esse. ahd. essa. vielleicht zu I. anre 'brennen'. — 
Fenster. Dieses Wort ist freilich ein Fremdwort, und eigentliche Fenster hat es natürlich 
in alter Zeit nicht gegeben. Immerhin ist es bemerkenswert, daß die Germanen auch eigene 
Wörter dafür geschaffen haben, got. augadaiirö 'Augentür', e. wind-ow 'Windauge'. Man 
erinnere sich dabei an die kleinen augenähnlichen Luken alter Bauernhäuser und Scheunen. 

Der Hausbau erfordert gewisse Maße, und so seien hier die bemerkens- 
werten .ausdrücke hierfür eingeschoben. 

messen ist ein indogermanisches Wort, ahd. median, got. mitan. gr. iiirnor (metron) 
'Maß". Dazu mit Ablaut Maß f., ahd. mäia. masz n., ahd. me^, noch mundartlich Meß. 
Metze. ahd. mezzo = 1. modius. 

Als Maßeinheit dienen natürliche Dinge. 

Als kleinstes Maß findet sich bei verschiedenen indogermanischen Völkern dzsGersten- 
korn. 3\\d. gerstun körn. vgl. Hoops. Waldbäume 364. Weiter dienen die Glieder des 
Körpers, wie Finger. Hand, die Spanne, Fuß. Die Elle. ahd. elina. got. aleina ist eigent- 
lich die Länge des Vorderarms und ist mit lat. ulna, gr. di/.evt] {ölend-) Ellenbogen' eins. 
Weiter noch: Laditer. im Bergbau 'das Maß der ausgespannten Arme", mhd. lä/ter gehört 
vielleicht zu gr. /.außäreir {lambänin) 'fassen". — Klafter, ahd. kläfdra mit gleicher Be- 
deutung ist ein andres Wort und gehört zu lit. gUbti 'umfassen". 

Mit diesen Ausdrücken haben sich die Deutschen bis in die Neuzeit 
beholfen, indem man das Hauptmaß, den Fuß, noch in Zoll eingeteilt hat, 
erst spätmhd. zol. Die Herkunft ist dunkel. Erst in der Neuzeit ist mit dem 
Meter, frz. metre aus gr.-lat. metrum ein neues einwandfreies Maßsystem 
geschaffen worden. 

Als größere Flächenmaße gelten: Morgen, soviel man an einem Morgen umpflügen 
kann. — Rute. ahd. ruota. e. rod. Wohl eins mit 1. radius. eigentlich die Meßstange. — 
Hufe. gr. xi'/.T^: {k<ipos) 'Garten" waren dreißig Morgen. 

Bei den unsichern Verhältnissen der alten Zeiten spielte die sichere 
Anlage einer Wohnstätte eine notwendige Rolle. Eine alte im Germanischen 
verloren gegangene Gleichung für eine Art Festung liegt in gr. n6?.i^ (pölis) 
'Burg', a'ind. pur, Vit. pilis vor. Wir haben dafür: 



§ 137. Das Haus. 215 



Burg. ahd. bürg 'umschlossener, befestigter Ort, Burg, Schloß, Stadt", e. borough. 
got. baürgs 'Stadt'. Entsprechend air. bn 'Berg, Hügel', also auch mit Berg verwandt. — 
Dorf. ahd. dorf. e. thorp 'Dorf', got. paürp 'Bauland, Feld'. Verwandt mit lat. trabs 'Balken', 
osk. trhbum 'Gebäude', air. treb 'Dorf, lit. tröbä 'Gebäude'. 

An sonstigen Ausdrücken, die sich auf den Hausbau und ähnliches 

beziehen, sind noch zu erwähnen: 

Diele, ahd. dil, dilo. dili. dilla 'Brett, Bretterwand, Seitenwand des Schiffes, brettener 
Fußboden', ags. pel. pille Brett' zu lit. tilfi 'Kahndiele', abg. ti/o -Boden', lat. tellüs -Erde'. — 
Säule, ahd. 5«/, siehe oben S. 213. — Laden, mhd. /fl</^ -Brett. Bohle. Fensterladen. 
Kaufladen' zu Latte, ahd. latta. e. lath -Latte'. Dazu ir. slatfi 'Rute'. — Balken, ahd. balko. 
e. balk. Dazu mit Ablaut an. bjalke. ags. bolca. wohl zu lat. fu/cio 'durch Balken stützen, 
verpfählen". gr. rpd/.ay^ (phälai^x) 'Balken'. — Ofen. ahd. ofan, t. Oven, anord. ofn, ogn. 
got atihns mit auffälligem Wechsel von Guttural und Labial. Dazu aind. ukhd -Topf, i-rröc 
{ipnös) -Ofen'. Ursprüngliche Bedeutung vielleicht -Topf. — Rost. ahd. röst -Rost. Scheiter- 
haufen, Glut. Feuer". — Treppe und Stiege sind jüngere Bildungen, erstere ndd.. letztere obd. 
Ein älteres Wort steckt in Leiter, ahd. leitara, t.ladder. wurzelverwandt mitgr. y./.Tua:{klimax). 

2. ENTLEHNUNGEN. 
Eine große Fülle von Ausdrücken für das Haus und seine Teile geht, 
wie wir gesehen haben, in die urgermanische und vorgermanische Zeit 
zurück. Sicher haben die Germanen, wie schon aus den Tatsachen der 
Sprache folgt, feste Wohnhäuser, Ställe, Scheunen usw. besessen. Über die 
Formen der Häuser und über den Stoff, aus denen sie hergestellt waren, 
werden wir freilich auf Grund der Tatsachen der Sprache nicht ins klare 
kommen, da muß die Sachforschung eintreten. Finden wir im Norden der 
Alpen den Holzbau, was bei dem reichen Holzvorrat nicht w^eiter ver- 
wunderlich ist, so hatte der Süden Steinbauten errichtet, und mit dem Einfluß 
der Römer drang dieses"Steinhaus und zugleich die Worte für dessen einzelne 
Teile nach Norden vor. Tatsächlich finden wir zunächst eine Fülle von Lehn- 
worten auf diesem Gebiet, die aus dem Lateinisch-Romanischen stammen. 

Estriol, ahd. estirih. astrih aus mlat. astricnm. astracuni -Pflaster'. — Fenster, 
ahd. fenstar n. aus lat. fenestra. — Kachel, ahd. kadiala \. -irdenes Geschirr", spätmhd. 
auch 'Ofenkachel', aus einem vulgärlat. *caccalus. — Käfter. ahd. kaftere 'Bienenkorb". 
mlat. capisterium -Mulde. Trog" (?). — Kalk. ahd. kalk, auch kaldi. ags. cealc. t. dialk 
'Kreide" aus lat. calx. — Kammer, ahd. kamara f. aus lat. camara -Zimmer". — Keller. 
ahd. kellari m. aus lat. cellärium -Vorratskammer". — Kellner . mhd. kelncere m. neben 
^kUloere m. (daher der Name 'Keller") aus lat. cellärius -Vorsteher der Vorratskammer". — 
Kemenate, ahd. keminäta. mlat. caminata -heizbares Zimmer*. — Mauer ahd. mara f.. 
ags. mar aus lat. mürus mit Wechsel des Geschlechts, wahrscheinlich unter dem Einfluß 
germanischer Wörter mit ähnlicher Bedeutung. — Pfalz, ahd. pfalanza aus s^'atlat. palätium. 
palätia. — Pfeiler, ahd. pfiläri m.. e. pillar aus mlat. pilöre. pilärius. — Pflaster, ahd. 
pflastar n. 'Pflaster, Wundpflaster, Zement, Mörtel; Steinfußboden" aus mlat. plastrum dies 
aus gx. EfiTilaozoGv [emplastron]). — Pforte, ahd. pforta aus lat. porta. Eine ältere Ent- 
lehnung ist ahd. pforzih aus porticus. t. pordi. — Pfosten, ahd. pfost m. -Pfosten. Balken" 
aus lat. Akk. postem. — Pfütze, ahd. pfuzzi. e. pit -Grube' aus lat. puteus -Brunnen. 
Graben'. — Sdiindel. ahd. skintula aus lat. scindula. einer Nebenform von scandula. — 
Söller, ahd. soleri. e. sollar aus lat. sölärium -Söller. Terrasse". — Speicher, ahd. spihhäri 
'Kornboden. Speicher" aus lat. *5/7/cflr/um 'Kornhaus". — Stube, ahd. 5/u6a -heizbares Ge- 
mach', e. stove 'Ofen'. Ein genau entsprechendes lateinisches Wort fehlt, vgl. aber ital. 



216 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

sttifa, frz. cttwe. Über die Schwierigkeiten bei diesem Wort vgl. Körting, Roman. Wörter- 
buch. — tündien, ahd. tunih/iün aus lat. *Umicare, eig. 'bekleiden', vgl. ital. intonicare 
'tünchen, schminken'. — Turm, andfrk. turn, aUz. tarn. — Weidi-bild und -wik, -weig 
in Ortsnamen vielleicht aus \z{.vicus. — Weiher, ahd. wiM/(7/-/ aus \ai. vivärium 'Tier- 
garten. Fischbehälter'. — Weiler, ahd. wilöri aus mlat. vU/are 'Gehöft'. — Zelle, mhd. 
zelle aus lal. cella. — Ziegel, ahd. ziagal, c. tile aus lat. tegula. 

Eine große Fülle neuer Entlehnungen bringt dann das ausgehende Mittel- 
alter und die Neuzeit. Hier wird vor allen Dingen Italien einflußreich, das aller- 
dings zum Teil nicht unmittelbar, sondern durch französische Vermittlung wirkt. 

Alkoven, 1711, Uz. alcöve. — Arkade, 18. Jh., Uz. arcade. — Balkon, 17. Jh., 
\ia\.bolcone. — Balustrade, 1778, frz. balustrade. — Belvedere (1700), ital. belvedere. — 
Budoir, Uz. boudoir. — Erker, mhd., mlat. arcora. — Estrade, 1813, frz. estrade. — 
Etage, 1728, frz. etage. — Fassade, 1714, Uz.fafade. — Frontispiz, 18. Jh., Uz.frontis- 
pice. — Galerie, \616 Galerei, also schon mhd. einmal entlehnt, Uz.galerie. — Garde- 
robe. 16. Jh., Uz. garde-robe.— Hotel, 1734, Uz.hötel.— Kabinett, 1644, frz. cabinet.— 
Kamin, mhd. kamin, gT.-lat caminus. — Klosett, 1778, Uz. doset. -- Kolonnade, 
18. Jh., frz. colonnade, ital. colonnata. — Korridor, 1715, ital. corridore. — Kuppel, 
1678, \\a\.cüpola. — Loge, im 13. Jh., kö\n. loitsdie, aus Uz. löge von d. Laube. — logieren, 
schon mhd. losdiieren. Uz. loger. — Logis, schon mhd. logis, Uz. logis. — Mansarde, 
1712, Uz. mansarde. — Nisdie, 17. Jh., Uz.nidie. — Palais, 1703, Uz.palais. — Paneel, 
1727, ndl. paneel, aUz. panel. — Parkett, 1791, frz. parquet. — Pavillon, 1710, frz. 
pavillon. — Pilaster, 18. Jh., iia\. pilastro. — Plattform, 1716, Uz. plate-forme. — 
Podium, 1834, Uz.podium. — Portal, 1442, m\ai. portale. — Portier, 1727, Uz. portier. 

— Salon, 18. Jh., Uz. salon. — Spalier, 17. Jh.. ita\. spalliera. — Staket, 16. Jh.. 
aUz. estadiette. — Studi, \757, iia\. stucco. Uz. stuc. — Terrasse, 1710, Uz.terrasse. — 
Tresor, 15. Jh., frz. tresor. — Veranda, 19. Jh., t. Veranda und dies aus dem Indischen. 

— Villa, 18. Jh., lat. villa. 

§ 138. Hausgerät. Die Benennung der Hausgeräte ist nur zum geringsten 
Teil einheimisch. Das kann nicht wundernehmen, wenn man die überaus 
einfache Einrichtung mancher Bauernhäuser kennen gelernt hat. 

1. EINHEIMISCHES GUT. 

Bank, ahd. bank, e. bendi, zwar noch nicht recht erklärt, aber gewiß alt. — Stuhle 
ahd. stuol, e. stool, got stöls 'Thron', zu lit. pastölas 'Gestell', ahg.stoln 'Stuhl, Thron'; 
auch gr. ox/j'/.>) {sta>Up) 'Säule' ist stammverwandt; abgeleitet von der indogermanischen 
Wurzel sthä 'stehen'; zu verstehen hat man unter den alten Stühlen etwas unserm Hocker 
ähnliches. — Bett, ahd. betti, e. bed, got. badi; damit ist Beet identisch, doch ist dessen 
Bedeutung wohl erst abgeleitet. Bett hat man zu lat. f od io gestellt. — Polster, ahd. bolster 
wohl zu Balg und ai. barhih 'Opferstreu'. — Tisdi, ahd. tisk, e. disli 'Schüssel, Gericht', 
ist zwar aus lat. discus 'Schüssel' entlehnt, aber eben nicht mit der Bedeutung 'Tisch', son- 
dern mit der von 'Schüssel'. Der Bedeutungsübergang erklärt sich dadurch, daß man in 
alter Zeit das Gericht auf dem Tisch ins Zimmer trug. Ein altes Wort für 'Tisch' liegt vor 
in ahd. biot, ags. beod. got. Mups, wozu auch unser Beute 'Bienenkorb, Backtrog' gehört. 
Diese Bedeutungsentwicklung ist nur verständlich, wenn *biud- ursprünglich 'Baumstamm, 
Klotz' bezeichnete. — Sessel, ahd. sä3jal, e. settle 'Sitz, Sessel', got. sitls 'Sitz, Stuhl' zu 
lat. sella, gr. t-Ä/.a 'Sitz' (Hesych). — Sdirank, jung, zu sdiränken, Sdiranke, eig. 'Gitter- 
werk'. Daneben mundartl. Sdiank, ahd. skank 'Geschirrgestell'. Davon sdienken, ahd. 
skenken 'zum Trinken eingießen'. — Sdt ranne 'Bank zum Feilhalten', ahd. skranna. 

Dazu kommen die Gefäßnamen: 

Asdi, mhd. asdi zu Esdie; daher Asdikudien. — Äser, Äser 'Tasche zum Um- 
hängen', mhd., vielleicht zu essen. — Faß, ahd. fa^, e. vat; dazu mit Ablaut das KoUek- 



§ 138. Hausgerät. 217 



tivum Gefäß, ahd. gif ä^i; zu lit. jP//orf<75 'Topf, Gefäß'. — Groppen 'weiter eiserner 
Kochtopf; aus dem Niederdeutschen; zu alid. ^/77//70 'Röstpfanne'. — Hafen, ahd. hafan, 
zu haben, eigentlich also 'Behälter'. Dazu Hafner. — Hotte 'hölzerne Bütte', alemannisch, 
vielleicht mit Hätte verwandt. — Humpen, erst neuhochdeutsch, aber vielleicht alt; vgl. 
oben S. 135; daneben das merkwürdige Kump, Kampf, mhd. kumpf, e. comb, coomb und 
Kumme 'tiefe Schale, tiefer Tischnapf'. Ob hier irgendeine Verbindung mit gr. xvußog 
(kymbos) 'Gefäß, Becher', awest. /umbö 'Topf vorliegt, läßt sich nicht entscheiden. — Kanne, 
ahd. kanna, e. can. Daneben noch ohd. Kante, ahd. kanta. Dazu vielleicht m'n. gann 
'Kanne'. Und weiter obd. Kandel, ahd. kanala. — Kasten, ahd. kasto ist dunkel. Viel- 
leicht zu got. kas 'Gefäß'. Das damit reimende Kiste stammt aber aus lat. cista. — Keitel 
'Fischnetz' md. ostpreuß. — Kerne 'Butterfaß', mnd". kerne, e. diurn. Dazu kernen 'zu 
Butter rühren', e.diurn. — Ke s di e r 'k\tines Beutelnetz, Handfischnetz', ostdeutsch; Kieke, 
mnd. kike, dän. ildkikert. — Kiepe ist ein niederdeutsches Wort, mnd. kipe, mnd. kape, 
ags. cypa 'Korb', e. mundartlich kipe 'Fischreuse'. Das Wort ist in den germanischen 
Sprachen so weit verbreitet, daß es kaum aus lat. capa 'Tonne' entlehnt sein kann. — 
Kober, erst neuhochdeutsch; vielleicht mit Koben verwandt. — Kratten, ahd. kratto 
'Korb', e. crad/e 'Wiege'; daneben Krätze, ahd. krezzo. — Lade, mhd. lade, anord. hlada 
'Scheuer, Scheune', nicht mW Laden zusammenhängend. — Läse, mnd. täte zu lassen. — 
Mande 'Korb ohne Henkel', e. mand, maund 'Handkorb'. — Meise 'Tragreff auf dem 
Rücken', ahd. meis(s)a, anord. meiss 'Korb'. Vielleicht zu lit. mäi^as 'gestricktes Heunetz', 
ahg. media '¥t\\, Schlauch, Sack'. — Meste'Q&\ä2> zu Salz', wohl zu messen.— Metze, 
ahd. mezzo, daneben got. mitaps; zu messen. — Napf, ahd. hnapf 'Becher, Schale'; un- 
erklärt. Vielleicht mit Schwebeablaut zu Humpen. — Nößel, mhd. nce^^elln. — Pott, nd., 
t. pot, dän.pot, auch rom.-frz. po^, das doch wohl die Quelle ist. — Ranzen, zuerst 1510 
gaunerisch. — Runzel, mnd. renzel, rensei. — Rätter 'Sieb', von ahd. redan 'sieben', 
hi. kretalas 'Sieb'. — Reuse, ahd. ras (s)a, riusa, vielleicht zu Rohr. — Satte, Seite, 
erst neuhochdeutsch, aus ndd. satte; ob zu setzen} — Sdiaff 'oben offenes Gefäß von 
Böttcherarbeit', ahd. skapf 'Weingefäß', wohl ein einheimisches Wort, das zu Sdiiff im 
Ablaut steht, mit dem sich aber das entlehnte gr.-lat. skap{h)ium vermischt hat. Davon 
Sdieffel, ahd. skeffil. — Sdiale, ahd. skäla 'Trinkschale' entweder mit Ablaut zu Sdiale 
zu ahd. Skala 'Hülse einer Frucht', e. shale 'Hülse'; dazu got. skalja 'Ziegel', abg. skolika 
'Muschel', oder zu Sdiädel aus *skedlä. — Sdiänzdten zu hess. Sdianze 'grob gefloch- 
tener Weidenkorb', eins m\i Sdianze, ursprünglich 'Reisigbündel'. — «Sfl'?^'/'^^, ahd. skirbi 
'Scherbe, irdener Topf zu abg. J/-^/')! 'Scherbe'. — Sdioppen, wohl zu schöpfen.— 
Stande, nd. Stanne, ahd. stanta zu Stand. — Ständer, 1175 stanter. — Stauf 
'Becher', ahd. stouf zw lit. staubunas 'Stiel, Stengel'. — Stulpe 'Deckel zum Stülpen', nd. — 
Stunze, in nd. u. md. Mundarten weit verbreitet. — Topf, mhd. topf, e. top 'Kreisel'. — 
Trog, ahd. trog, e. trough, idg. *druk(is zu *dru 'Baum'. — Truhe, ahd. truha 'Kiste, 
Schrank'; vielleicht mit grammatischem Wechsel zum vorigen, aber eher zu ags. pr ah 
Trog, Kasten, Sarg', anord. /»rö 'ausgehöhlter Stamm oder Stein' zu lat. truncus 'Baumstamm'. — 
Tüte, nd., nd\. tuit 'Röhre' zu lit. rfarfß 'Röhre' ; hochd. Zotte, Zeute. — Zeine 'Korh'. 
ahd. zeinna, got. tainjö zu got. tains 'Zweig'. 

In den Mundarten werden sicher noch manche alte Ausdrücke für Gefäße 
und Behälter stecken. Aber ob viele davon Anknüpfung in den verwandten 
Sprachen finden würden, ist sehr die Frage, da wir ja auch bei den bisherigen 
wenig Verbindung mit den übrigen indogermanischen Sprachen herstellen 
konnten. Auf keinem Wortgebiet ist nun so viel entlehnt wie gerade auf diesem 
(siehe unten), und daher könnte in manchem der erwähnten Wörter wohl noch 
ein Fremdwort stecken. Diese Herübernahme hängt zweifellos damit zu-, 
sammen, daß man gern jedem Gefäß in neuer Form einen neuen Namen gibt. 



218 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

2. ENTLEHNUNGEN. 

In der altern Zeit werden entlehnt: Sdiemel, a\\6. skainal 'Schemel, Fußbank' aus 
\a\. scamellum; daneben mundartlich Sdiabelle. — Spiegel, d\\d. spiagal aus mlat. 
speglum = spiciilum. — Teppicfi, alid. tcppidi, tepid, Umbildung von lat. tapi-tum. — 
Tisdi, ahd. tisk, e. dish 'Schüssel, Gericht' aus lat. discus 'Schüssel', vgl. S. 216. — Sdirein, 
ahd. skririi, c. shrine, \at scnnium. — Spind, mnd. spinde, m\a\. spenda 'Speisekammer, 
Speisekasten', also zum gleichen Stimm wie spenden, ahd. spentnn, ital. mlat. spendere 
'ausgeben', von \z{. expendere. — Angster 'hohe enghalsige Trinkflasche', m\\d. angster. 
mlat. angiistriim. — Ar die, ahd. ardia, e. ark, got. arka 'Kasten', lat. arca, jetzt nur noch 
biblisch. — Bedier, ahd. behfiar(i) aus m\al. biccarium, das auf gr. ßTxog {bikos) 'Gefäß' 
zurückgeht. — Bedien, ahd. bedi'ifn) aus spätlat. baccmum 'Becken' von bacca 'Wasser- 
faß'. — Bottidi, ahd. botahha aus mlat. bntica von buta. — Butte, Bütte, ahd. biitin, 
bntinna, e. butt 'Faß' aus mlat. butina 'Flasche'. — Büttel, nd. buddel, dies aus mlat. 
botilia. — Eimer, ahd. eimbar, daneben amhar, wohl volksetymologisch umgestaltet aus 
gr.-lat. amphora. — Flasdie, ahd. flaska, e. flask aus m\a\. f/asca. — Gelte, Güte, ahd. 
gellita, gellida aus mlat. galleta, gallida 'Gefäß, Kübel'. — Keldi, ahd. kelih aus lat. 
calic(em). — Kessel, ahd. kei^il, e. kettle, got. katils aus lat. catinus 'Napf, Schüssel', — 
Kopf (noch in Tassenkopf), ahd. /fO/>/, kiipf 'Becher', e. cup 'Becher, Obertasse' aus lat. 
ctippa 'Becher'. — Korb, ahd. korb, wohl aus lal.corbem, trotz weiter Verbreitung im Ger- 
manischen und trotz der Ablautsform mhd. krebe 'Korb'. — Krause, Art Krug. Obd. hess., 
mhd. knise. Ans gr. y.oMoaöc (krössös) 'VJasser-, Öl-, Aschenkrug'? oder aus mlat. crucibulus 
'Becher'? — Kreisel, ursprüngl. 'Krug' zu Krause. — Krug, ahd. kruog. Kruke, and. 
krfika sind wohl Entlehnungen aus unbekannter Quelle. — Kübel, ahd. miluh-kubili aus 
einem roman. *cubel, prov. rubel, gr. y.i'.-iE}.).nr {kypellon). — Kufe, ahd. kuofa, e. coop 'Kufe' 
aus mlat. cöpa (Nebenform von cüpa). — Küpe, nd., Nebenform zu Kufe und wie dieses 
aus lat. citpa. — Läget, Leget , ahd. lägel(l)a, lat. lagPna 'Flasche'. — Mulde, nd. Molle, 
mhd. multer, ahd. muolt(e)ra, mulktra 'Melkgelte' aus lat. mulctra 'Melkkübel'. — Ohm, 
mhd. ^7^^, c. axz'm aus mlat. ama 'Gefäß, Weinmaß'. — Pfanne, ahd. pfanna, o.. pan, wohl 
aus lat. patina. — Pinte, 15. Jh., \xz. pinte. — Pulle, nd. pulle, lat. ampulla. — Sadi, 
ahd. sak(h), e. sadi, got. sakkus, lat.-gr. Saccus, hebr. sag. — Sdiaditel, spätmhd. ital. 
scatola. — Schüssel, ahd. skuyjila aus lat. scutella 'kleine Schüssel'. — Seidel, spätmhd. 
s'idel aus lat. situla 'Eimer'. — Tiegel, ahd. tegal 'Schmelztiegel' aus lat. tfgula, gr. Tt'iyuvov 
(tdganon). Es steckt aber auch wohl ein echt germanisches Wort darin. — Tonne, ahd. 
tunna, e. tun, wohl aus dem Keltischen, ir. tunna. — Triditer, ahd. trahtari aus mlat. 
tractarius. — Urne, 17. Jh., lat. urna. — Vase, 1568, frz. vase. — Zuber, ahd. zubar 
'Gefäß', dazu e. tub; nach Kluge aus lat. tubusQ). 

Wenn nun auch weiter schon in mittelhochdeutscher Zeit einige Ent- 
lehnungen auf dem Gebiet des Hausgeräts erfolgten, so kommt der Haupt- 
strom doch erst in der Neuzeit, und es zeigt sich hier der Einfluß weitet 
Fernen. Wir ordnen den Stoff hier einfach alphabetisch. 

Büfett, 1556, Schweiz, puffet, Uz. buffct, ital. buf et to. — Diwan, 1703, Uz. divan, 
pers. rf/a'<«n. — Fauteuil, 1727, Uz. fauteuil aus d. *faltstuol. — Gardine, 1598, aus 
ndl. gardyn, mlat. cortina. — Jalousie, 1710, frz. Jalousie, aber in der Türkei geprägt. — 
Kanapee, Anfang des 18. Jh., frz. canape, gr.-lat. cönöpium von gr. y.o'jyioy (könöps) 'Stech- 
mücke', also 'ein mit einem Mückennetz versehenes Ruhebett'. — Karaffe, Karaffine, 
Karwine, 17. Jh., frz. carafe, pers. qaräbü 'Flasche mit weitem Bauch'. — Kasserolle, 
1715, frz. casserole. — Kassette, 1773, Uz.cassette, ital. cassetta. — Kommode, 18. Jh., 
frz. commode, verdeutscht Bequemlade. — Kredenztisdi, 1540, von kredenzen. — Mar- 
kise, 1773, nach der Marquise Pompadour. — Möbel, 17. Jh., frz. meuble, lat. mobilis, 
woher auch Mobilien 1648.— Ottomane, 18. Jh., frz. o/to/wa«^ 'die Ottomanische', — 
Phiole, mhd.viole, gr.-lat. phiale. — Platte, 15. Jh., Uz. plat. — Präsentierteller, 



§ 139. Geräte, Werkzeug und dergleichen. 219 



18. Jh., von präsentieren, mhd.presenti'ren, hz. präsenter. — Rouleau, 1741, ixz.rouleau. — 
Schatulle, 1647, mlat. scatula. — Sofa, 1694, frz. sopha, arab. N«//fl. — Tablett, 19. Jh., 
frz. tablette. — Tasse, 1561, frz. tasse, arab. täsa. — Terrine, 1780, frz. terrine. — 
Vase, 1568, frz. z/flÄ^. 

§ 139. Geräte, Werkzeug und dergleichen. Über die verschiedenartigen 
Geräte und Werkzeuge, die man in alter Zeit benützt hat, unterrichten uns 
die Funde. Sie zeigen eine überraschende Fülle verschiedener Formen. 
Damit muß die Sprache Hand in Hand gegangen sein. Es müssen zahl- 
reiche Ausdrücke bestanden haben. Daß aber von diesen im Laufe der 
Zeit mit der Veränderung der Formen manche in Vergessenheit gerieten, ist 
eigenthch selbstverständlich. Trotzdem führt uns die Frage nach der Her- 
kunft nicht selten über das germanische Sprachgebiet hinaus. Als beson- 
dere Eigentümlichkeit haben wir schon oben S. 118 hervorgehoben, daß 
viele Werkzeugnamen mit dem Suffix -/ gebildet werden. 

Vgl. dazu Brasch, Die Namen der Werkzeuge im Altenglischen und Q. Wollermann a. a. O 

EINHEIMISCHES SPRACHGUT. 
Achse, s. 0. S. 204. — Ahle, ahd. ala (e. awl ist ein andres Wort) zu aind. ärä 'Pfriem, 
Ahle', lit. IIa (letzteres vielleicht aus einem got. *eld entlehnt). — Angel, ahd. anguL 'Haken, 
Angel', e. angle 'Angelhaken' zu gr. ayy.vXog {ankylos) 'krumm'. — Axt, ahd. ackus, e. ax, 
got. aqizi zu gr. ä'^lv)} (axince), lat. ascia 'Beil'. — Bahre, ahd. bura, e. hier zu Bürde, 
gebären, lat fero.^ — Band, ahd. bant, e. band zu binden; dazu Bendel, ahd. bentil. ■ — 
Barte, ahd. barta, eig. 'die Bärtige'. — Beil, ahd. bihal aus *biplom; dazu Bille 'Hacke 
zum Schärfen der Mühlsteine', ahd. bill 'Schwert', e. bill 'Axt, Hacke', beide zu beißen, lat. 
jindere 'spalten'. — Bengel 'kurzes stangenartiges Holz', mhd. bengel zu e. bang 'schlagen, 
prügeln' und dies vielleicht zu lit. Mo:^ 'Keule'. — Besen, ahd. besamo, g. besom. — 
Beutel in Loch-, Stechbeutel, nd., ndl. beitel zu beißen, lat. findo, ai. bhidurah 'spaltend'. — 
Beutel 'rundes Holz zum Mürbeschlagen des Flachses, nd. bötet, e. beeile zu ahd. bü^an 
'schlagen', e. beat, noch in Amboß. — Beutel 'Säckchen', nach E. Schröder bei Woller- 
raann (s. o.) wahrscheinlich der Behälter, in dem das Kerbholz mit dem Aufgebot umging, 
also zu bieten. — Bleuel 'flaches Holz zum Schlagen', ahd. blrdl zu bleuen, e. blow, got. 
bliggwan, lat fligere. — Block, ahd. biloh, gewöhnlich zu ahd. bilahhan 'verschließen' 
gestellt. Es wäre dann der Block, in den die Verbrecher gesperrt wurden. — Bohrer, erst 
1482 von bohren, lat foräre. Dafür älter bor. — Darre, ahd. darra zu dörren. — Dedisel 
'Breitbeil, Queraxt, wohl Krummhaue', ahd. dehsala, dehsa zu aind. täkiati 'behaut', lat. 
texer e 'weben', gr. ziy.Toyv {tektün) 'Zimmermann'. — Deichsel, s. o. S. 204. — Döbel 
^Zapfen', ahd. tubila, e. dowel, gr. rvffog {typhos) 'Keil'. — Draht, ahd. drat, e. thread, 
gr. iqiixög (trcetös) 'durchbohrt'. — Ducht 'Ruderbank', nd., hd. Duft, ahd. dofta. — Egge, 
s. 0. S. 194. — Falle, ahd. falla von fallan, ahd. fallan, e. fall, lit. püolu 'falle'. — Feile, 
ahd. fihala, e. file, anord. pel, urgerm. *pi)3hla-. — Felge 'eins der krummen Holzstücke 
des Radkreises', ahd. felaga. — Fessel, ahd. fe^-ßl 'Band' zufassen. — Futter, ahd. 
fuoter, got födr 'Schwertscheide', a\. putram 'Behälter, Gefäß'. Dazu auch Futteral. — 
Gabel, ahd. gabala 'Gerät der Landwirtschaft' zu ir. gabul 'gegabelter Ast, Gabel'. — 
Galgen, ahd. galgo, e. gallow, lit. ia/^a 'Stange'. — Geißel, ahd. geisila, ursprüngliche 
Bedeutung 'Stab', daher zu Ger. — Griffel, ahd. grifil zu greifen. — Gurt, mhd. gurt, 
Gürtel, ahd. gurtil, e. girdle, got gair da. Verwandt mit Garten. — Hadie, mhd.hadie, 
e. hadi, wohl zu hauen, lat. cüdo. — Haken, ahd. hag(g)o, hako, e. hook. — Halfter, 
ahd. halftra, e. halter zu ahd. halb 'Handhabe, Stiel', e. helve 'Stiel' und dies zu lit. kälpa 
^Querholz am Schlitten', apreuß. kalpus 'Rungenstock'. — Hamen, s. o. S. 186. — Hammer, 
ahd. hamar, e. hammer, ai. äsmä 'Stein'. — Har^e, ursprünglich 'ein Gerät ^um Trocknen 



220 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

des Getreides', e. harp. — Harke. Norddeutsch, mnd. harke, ai. khrgala- 'Bürste'. — 
Haspe 'Türhaken", mhd. haspe 'Garnwinde*, ahd. haspa 'soviel Garn wie auf einmal ge- 
haspelt wird", c. /jfl5/7 'Riegel'. Dazu Haspel, ahd. haspil. — Haue, ahd. houwa zu 
hauen. — Hebel, 1432, ahd. hefil(o) 'Hefe' zu heben, ahd. heffan, e. heave, 1. capio, gr. 
x<i:jt] {kdp(p) 'Griff. — Hechel, mhd. hediel, hachel, e. hatdiel, hackle. — Haft 'Hand- 
habe', ahd. hefti 'Messer-, Schwertgriff' zu haft, lat. captus. — Helm 'Stiel eines Hau- 
werkzeuges', mhd. halnie neben halp, ahd. halap, verwandt mit Halfter. — Henkel, 1480 
zu henken, hängen. — Hippe, ahd. heppa. happa 'Sichel'. Zu gr. a<o.-t('c (A-o/j/s) 'Schlacht-, 
Opfermesser'? — Hobel, mhd. hovel, hobel. Unklar. — Hülse, ahd. hulsa, e. hüll zu 
hehlen, hüllen. — Jodi, ahd. joh, t.yoke, goi. juk, \at.jugum, gr, ^vyöv (zygön). — Kamm, 
ahd. kamp, kambo, e. comb, gr. yö/nfo^ (gömphos) 'Zahn, Pflock'. — Karst, ahd. karst. — 
Kegel, ahd. kegil 'Pflock, kleiner Pfahl', abg. iezln 'Rute, Stab'. — Keil, daneben auch 
Keidel, uTgtTm.*kipla. — Kelle, ahd. kella. — Keule, mhd. kiule. — Kimme, ags. cimbing. 
Kiß, Kisse ianggestielte, hölzerne Scharre', ahd. kissa. — Klammer, mhd. klamer(e), 
daneben mhd. klampfer. — Klampe, mnd. klampe. — Klingel, 1624 von klingeln, ahd. 
klingilrm. — Klinke, md. klinke. — Kloben, ahd. klobo zu klieben, ahd. klioban, e. cleave, 
I. glubo, gr. ■■/.i-ffM (glyphn). — Klopf el, Klüpfel zu klopfen und mhd. klepfelzu klappen. — 
Klotz, mhd. /f/oz zu Kloß, ahd. /f/ujj, e. cleat, ai. gudah 'Kugel'. — Kluppe, spätahd. 
kluppa 'Zange' zu klieben. — Knebel, ahd. knebil zu Kamm und gx. ynu'po^'igömphos) 
'Pflock, Haken'. — Kneif 'kurzes, gekrümmtes Messer', mnd, knif, e. knife. — Kneipe 
Klemme, Zange', nd. kntpe zu kneifen. — Knüppel, mnd. knnppel zu Knopf. — Knüttel, 
ahd. knutil zu Knoten. — Kolben, ahd. kolbo, \. globus. — Krampe, and. krampo zu 
ahd. Ärra/H/»/ 'gekrümmt', lett. ^g^r/r^^a 'Runzel'. — Krapfen, ahd. /jn7/7/o 'Haken', mit 
Krampe verwandt. — Kräuel 'Gabel mit Haken zum Fassen', ahd. krawil von krauen, 
ahd, krouwön. — Kra.xe 'Traggestell", mhd. kredise. — Krempel 'Wollkamm' zu ahd. 
krampt 'Haken'. — Krücke, ahd. kruckia, e. crutdi. Zu ahd. krdko 'hakenförmiges Werk- 
zeug'? — Kufe, ahd. knofa, lit. zdgre 'Pflug'. — Latte, ahd. latta, e. lath, verwandt mit 
Laden. — Leine, spätahd. /ma, e, line zu Lein. — Leisten, ahd. leist, t. last. Zu Ge- 
leise. — Löffel, ahd. leffil zu ahd. laffan 'schlürfen', lat. lambere. — Lünse, s. o. S. 204. — 
Meißel, ahd. mei^il 'Meißel' zu ahd. meijan 'hauen, schneiden', got, maitan 'hauen', — 
Messer, ahd. me^y-rahs, eigentlicii Speise-(m^33;')messer {rahs aus sahs), mit grammatischem 
Wechsel. — Nadel, ahd. nädala, t.needle, got m-pla von nähen, ahd. ndjan, s. unten. — 
Nagel, schon urgerm. in übertragener Bedeutung, Siehe oben S. 171. — Nestel, ahd. 
nestilo, nestila, lat. nödus 'Knoten'. — Niet(e), mhd. niet(e) zu ahd, bi-hniotan 'befestigen', — 
Ort 'Schusterahle', ahd. ort, me. orrf 'Spitze, Waffenspitze', Grundform *uzda-. — Pflock, 
14. Jh„ mnd. pluk. — Pflug, s. o. S. 194. — Pfriemen, mhd. pfrieme, dazu ags. preon 
'Pfriem, Nadel', q, preen 'Gabelnadel'. — Pidie, 1420 bidie, Pidiel, mhd. bidiel 'Spitz- 
hacke' von bicken, picken, ahd. bickan 'angreifen, wonach stechen' zu gall,-lat. beccus 
'Schnabel', — Prickel, nd, 'Stecheisen', davon prickeln zu md. priken 'peinigen'. Viel- 
leicht zu lit, briezu 'kratze'. — Quirl, ahd. thwiril zu ahd. dweran 'drehen, rühren', lat. 
trua 'Rülirlöffel', gr. loorry, (toryme). — Rad, s. o. S. 204. — Rahe 'Segelstange', mhd. 
rahe, lit. re/f/»'5 'Stangengerüst'. — Rahmen, ahd. rama 'Säule, Stütze, Spanngestell beim 
Weben' zu got. hramjan 'kreuzigen', abg. kroma 'Rand', gr. xoEuafiai {kremamai) 'hange, 
schwebe'. — Raspe aus afrz. raspe, das aus germ. ahd. raspön 'zusammenraffen' gebildet 
ist, davon Raspel. — Rechen, ahd. redw, e. rake zu got. rikan 'anhäufen, sammeln', 
lat, rogus 'Scheiterhaufen'. — Reff 'Gestell', ahd. ref, e. rip 'Korb, Fischkorb', lat. corbis. — 
Reif. Reifen, ahd, reif'SeW, e. rope, got. skaudaraip- 'Lederriemen', — Reiter 'gröbstes 
Getreidesieb', ahd. rit(e)ra, e. riddle, lat. cribrum. — Riemen, ahd. riemo, e. ream, gr, ovfta 
{ryma) 'Zugseil'. — Riffel 'Raffkamm', ahd. riffila 'Säge', e. ripple 'Flachriffel' zu reffen, 
mhd. reffen. — Riester 'Pflugsterz', ahd. riostar, e. rest zu reuten? — Ring, ahd. hring, 
e. ring, abg. krqgii 'Kreis'. Dazu Rinken, ahd. hringa. — Rodien, ahd. rodio, e. rodi. — 
Röhre, ahd. rörra zu Rohr. — Ruder, ahd. ruodar, e. rudder, a\. äritrah 'Ruder', gr. 



§ 139. Geräte, Werkzeug und dergleichen. 22 1 



£u£Tii6v {eretmön), lat. re/nus. — Runge, spätmhd., e. ru^j^^ 'Querbalken des Schiffsbodens, 
Leitersprosse', got. hrugga 'Stab'. Vielleicht zu lat. crux. — Rute, ahd. ruoia, e. rod, lat. 
radiusl — Säge, ahd. sega, saga, e. saw zu lat. secäre. — Sattel, ahd. satul, t.saddle, 
abg. sedlo zu sitzen. — Säule 'Stechwerkzeug des Schusters', ahd. siula zu ahd. siuwan 
'nähen', e. sew, lat. suere, sätor. — Schaft 'Stange', ahd. skaft, e. shaft, lat. scäpus, gr. 
oy.t'jjiTQov {skwptron). — Scfiar in Pflugsdiar, ahd. skara, skaro zu scheren, ahd. skeran, 
e. shear, lit. s^fe/r^/ 'schneiden', gr. y.sigw ' (kerö) 'schere'. — Sdiaufel, ahd. sküfala, e. 
shovel zu schieben, ahd. skioban, e. shove, abg. 5Ä«6«^/ 'reißen, zupfen'. — Scheibe, ahd. 
skiba, t.shive, gr. öPior.Toc (skoipos) 'Töpferscheibe'. — Sdieide, ahd. skeida, e. sheath. — 
Sdielle, ahd. 5/j^//a zu ahd. skellan 'schellen'. — Sdiiene, ahd. Sife/Vza 'Metall- oder Holz- 
streifen', e.. shin. — Sdilegel, ahd. slegil zu sdilagen. — Schleuder, erst im 15. Jh., 
mnd. sluder. — Schloß, ahd. 5/03, 5/03, e. slot, sloat 'Riegel', Sdilüssel zu sdiließen. — 
Schnur, ahd. snuor; dazu got. snörj'ö 'Flechtwerk, Korb', ai. Ä/zä't/a 'Band, Sehne'. — 
Schwengel, mhd. swengel zu schwenken, ahd. swenkan zu schwingen. — Sech 'das nieder- 
hangende Pflugmesser', ahd. seh, zu Säge. — Segel, ahd. 5e^fl/, e. 5a//. — Seil, ahd. 
s^//, got. insailjan 'an Seilen hinablassen', abg. 5//0 'Seil, Strick'. Dazu auch Siele, ahd. 
silo 'Zugriemen' und dessen Nebenform Sill(e). — Senkel 'Haftband', ahd. senkil zu 
senken. — Sense, ahd. segansa, segesna, \. sacma. — Sieb, ahd. sib, e. sieve, vielleicht 
zu \. dissipäre. — Spachtel, dunkel. — Spake 'Handspeiche', ahd. spacka, spacko 'Reisig' 
zu spack. — Span, ahd. spän, o.. spoon 'LöiitV , gr. a(f)'/v (sphwn) 'Keil' — Spange, ahd. 
spanga, t. spangle 'Flitter'. — Sparren, ahd. sparro, t. spar, vielleicht mit Speer zu 
lat. sparus 'kurzer Jagdspieß'. — Spaten, nd., an. spado 'Hacke', e. spade, gr. onädt) 
{späthce). — Speiche, ahd. speicha, e. spoke. Zu lat. splca 'Ähre'? — Speidel, Speil, 
mnd. spile 'Steckholz'. — Spenadel 'Stecknadel', unter Einwirkung von Nadel umgestaltet 
aus ahd. spenala. Kaum entlehnt aus \a\. spinula, sondern zu Span. — Spindel, ahd. 
spin(n)ala. Daneben Spille, ahd. spilla aus *spinla. Zu spinnen. — Sporn, ahd. sporo, 
e. spur zu Spur und ahd. spurnan 'treten", e. spurn, lat. spernere. — Spriet, nd., mndl. 
spriet 'Segelstange', e. sprit 'Bugspriet' von sprießen s. u. — Spritze, mhd. sprütze zu 
spritzen, mhd. sprützen, und dies zu sprießen, mhd. sprießen, e. sprout. Vielleicht zu 
lett. spraujuos 'emporkommen'. — Spule, ahd. spuolo, e. spool. — Stachel, ahd. stadiil 
zu stechen. — 'Staken, nd., mr\d. stake, o.. stake, \qX\. stega, Stegs 'Stock, Stange'. — 
Stange, ahd. stanga, e. stang von e. sting, got. usstiggan 'ausstechen', vielleicht zu gr. 
aTÜyvi {stäkhys) 'Ähre'. — Stapel, nd., mnd. Stapel 'Säule, Pfahl', e. staple. — Stelze, 
ahd. stelza 'Holzbein zum Gehen', e. stilt. — Stempel, mhd. stempfei zu stampfen, 
ahd. stampfön, e. stamp, gr. ai.iftßco (stembö) 'durch Stampfen erschüttern'. — Steuer, nd., 
and. stiorwith 'Ring des Steuerruders' zu anord. staurr 'Pfahl', gr. ozavgög (staurös) 'Pfahl', 
lat. restauräre. — Stidiel, ahd. stidiil zu stechen. — Stift, mhd. stift, steft, ahd. steft 
'Nabe' zu steppen. — Stocher, Zahn- zu veraltetem stodien, das wohl mit Stock zu- 
sammenhängt. — Stock, ahd. stoc(h), e. stodi. Wohl zu lit. 5/(7^// 'steif in die Höhe stehen'. — 
Strahl, ahd. sträla 'Pfeil', ahg. st rela. Dazu Strähl 'Kamm', mhd. strcel. — Strang, 
ahd. sträng, t. string, lat stringere, gr.oxgayyäh] (strangälie) 'Strick'. — Strick, ahd. strik, 
a\. sraj 'Gewinde'. — Takel 'Flaschenzug', nd., mnd. takel 'Schiffsausrüstung'. — Tau, 
nd., mnd. touwe 'jegliches Gerät' zu got. taujan 'machen'. — Teudiel 'Wasserleitungsröhre' 
mhd. tiuchel. — Wagen, s. S. 2C4. — Walze zu walzen, ahd. walzan, got. waltjan 'sich 
wälzen'. Wohl zu Welle. — Wanne, ahd. wanna 'Getreide-, Futterschwinge', aus lat. vannus 
oder damit urverwandt. — Weck, ahd. weggi 'Keil', e.. wedge, lit vagis. — Wedel, ahd. 
wadal, wadil 'Reisbüschel zum Streichen und Peitschen im Bade'. Kaum zu wehen, son- 
dern zu wallen (mW II aus 31) 'in die Ferne gehen', ahd. wallön, Wadel, Wädel 'N[oT\d- 
phase', ahd. wedal 'Neumond'. — Wiege, mhd. wiege, wige, ahd. wiga, gewöhnlich waga 
zu bewegen. — Wirbel, ahd. wirfil 'Wnhelwmd' zu werben, ahd. hwerban 'sich drehen', 
got. hairban 'wandeln', gr. xagnög (karpös) 'Handwurzel', y.ao7täXif.iog [karpälimos) 'schnell'. 
— Wirtel, spätmhd. wirte(l) zu werden, ahd. werdan, got. wairpan, lat. vertere. — 



222 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Worfel zu ahd. winiworfa 'Wurfschaufcl' zu werfen. — Würfel, ahd. worfel zu Wurf, 
werfen. — Zain, Zein 'Weidengerte', z\\6. zein, c. toe in mistletoe. — Zange, ahd. 
zanga, e. tongs. Zu gr.iVty.ioj {däkmi) 'beiße'. Dazu nocii zanger 'scharf, ahd. zangar. — 
Zapfen, ahd. zapfo. e. tap. — Zarge 'Seiteneinfassung', ahd. zarga, e. targe. Zu abg. 
podragn 'Rand', gr. dniiooFnOni (drässesrfiai) "fassen'. — Zettel 'Aufzug eines Gewebes', 
spätmhd. Zettel zu zetten 'streuen', ahd. zetjan, gr. öaitonat {dateomai) 'verteile'. — Zeug, 
ahd. ^/^///g 'Gerät'. — Zaum, ahd. zoum, c.team zu ziehen. — Zügel , z\\A. zugil zw ziehen. — 
Za'f<* 'Holznagel', A\\d.zwec. Dazu r\oz\\ Zwecke, Zwidi, Zwidiel, mhd. zwickel 'KtW . 

LHHNWORTE. 
Kodier, ahd. kocdiar, m\a{. cucurrum. — A'o//^/- 'Pflugmesser', 1413, afrz. coltre. — 
Kordel 'SchnuT', xx\\\6. korde, irz. corde. — ^«/2^^/ 'Spinnrocken', ahd. konakla, mlat. 
conucula. — Kurbe, aViA. kurba, Uz. courbe. Dazu Kurbel. — Monge, Mangel 'Gläü- 
rolie für Wäsche', 15. Jh., mlid. mange 'Schleudermaschine' aus mlat. manga, mangana 
•Steinschleuder'. — Spatel , 15. Jh., mndl. spatel, e.spattle, spaddle, X.spathula. — Stöpfel, 
Stopfen, obd. für nd. Stöpsel zu stopfen, ahd. stopfön aus mlat. stuppäre von stuppa 
'Werg'. — Wanne, ahd. wanna aus 1. vannus oder damit urverwandt. 

Wenn man diesen außerordentlich reichhaltigen Stoff überblickt, so fällt 
die geringe Anzahl der Entlehnungen auf. Bis in die neueste Zeit ist die 
Sprache imstande gewesen, immer neue Worte zu schaffen. Anderseits sind 
auch von den altern Bestandteilen viele ganz deutlich, so daß die Zeit der 
Entstehung nicht allzu weit zurückliegen kann. Jedenfalls hängt wohl diese 
starke Entwicklung der Werkzeug- und Gerätenamen mit dem Aufkommen 
der Eisenzeit zusammen, in der sich die Werkzeuge und Geräte in hohem 
Maße vermehren konnten. 

Auf eine besondere Eigentümlichkeit aller Sprachen mag hier noch hin- 
gewiesen werden. Nicht allzu selten dienen Tiernamen zur Bezeichnung 
einzelner Geräte oder ihrer Teile. 

So haben wir einen Hahn am Faß und an der Flinte, während die Franzosen diien 
sagen. Hund bedeutet bei den Bergleuten einen offenen länglich viereckigen Kasten auf 
vier Rädern. Der Reißwolf ist eine Maschine zum Zerkleinern der Holzfasern. Der Kran 
ist nichts weiter als die unerweiterte Form von Kranich. 

§ 140. Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung. Die Kochkunst. Es versteht 
sich fast von selbst, daß wir auf diesem Gebiet wenig altes Erbgut zu er- 
warten haben, da noch heute die Namen der Gerichte vielfach schwanken. 
Wohl aber sind die Ausdrücke für die mannigfachen Arten der Zubereitung 
sehr verschiedenartig und zum Teil uralt. 

kochen, das heute üblichste Wort, ahd. kodiön, ist entlehnt aus lat. coquere, nebst 
Koch, ahd. kodi, e. cook, lat. coquus und Küdie, ahd. kudiina, e. kitchen, lat. coquina. 

Alt aber sind: backen, ahd. badian, e. to bake zu gr. cpwystv {phdgm) 'rösten'. — 
Brodem, ahd. brädam 'Hauch, Hitze' zu braten, ahd. brätan, vielleicht zu lat. fre tum 
'Brausen, Wallen, Hitze'. — brauen, ahd. briuwan, c. brew zu lat. fervi-re. — brühen, 
mhd. brüejen 'mit Heißem sengen"; mit dem vorigen verwandt. — dämpfen, ahd. dempfen 
'erlöschen, ersticken machen', von Dampf. — rösten, ahd. rösten 'auf den Rost legen, braten, 
rösten', Ableitung von Rost; entlehnt ins Romanische, frz. rötir; Grundform *raustjan. — 
schmoren, aus dem Niederdeutschen, ndl. smoren 'rösten, schmoren', ags. smorian 'ersticken'. 
— sieden, ahd. siodan, e. to seethe zu lit. kintü 'schmore', lett. sautet 'bähen, brühen', aind. 
ftt'a^/?fl// 'kocht' oder zu ahd. swedan 'langsam und dampfend brennen', wozu Schwaden, 
mhd. swadeni; ferner roh, ahd. Ärao 'roh, ungekocht, ungebildet', t.raw zu lat.cnidus. 



§ 140. Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung. Die Kochkunst. 223 



Es mögen die alten Namen für Speisen und Getränke folgen: 

SPEISEN. 

Aas 'Viehfutter', ahd. äj 'Speise', ahg.Jadi, lit. edis 'Speise', also Ableitung von essen, 
\at edere, gr. rösiy (edfin); daneben Aas 'verwesendes Fleisch", ahd. ä5 aus *ettam, eben- 
falls zu essen, in der Bildung mit lat. esiis 'Essen' zu vergleichen. — Brei, ahd. bn(o) zu 
\s.{. friäre 'zerreiben, zerbröckeln' oder fervPre'> — Brot, ahd. bröt(fi), e. bread zu brodeln 
und im Ablaut zu lat. dpfrutuni. — Brühe, mhd. brüeje von brühen. — Fladen -dünner, 
flacher Kuchen", ahd. //flrfo, flada zu \at puls, gr. .To7ro? (/7Ö/f05) 'dicker Brei'. — Futter, 
ahd. fuotar, e. fodder zu ahd. fuotian, e. feed 'füttern', gr. narioiiai {pateomai) 'esse', abg. 
pitati 'nähren, aufziehen'. — Grütze, ahd. gruzzi, t. grit, an. grautr. Dazu Gries und 
lat rüdus 'zerbröckeltes Gestein'. — Kuchen, ahd. kuodio, e. cake mit Ablaut, vielleicht 
Wort der Kindersprache. Andere Erklärungen bei Weigand. — Laib, ahd. hie ib, got hlaifs 
'Brot', e. in lord aus ags. hläford, hläfweard 'Brotwart', lady aus ags. hlcefdige 'domina', 
eigentlich 'Brotverteilerin' ; wohl zu lat. libum 'Kuchen, Fladen', vgl. aber Walde s. v. — 
Lebkuchen, mhd. lebekuodie, vielleicht Ablaut zu Laib. — Mus, ahd. muos 'gekochte, 
besonders breiartige Speise', wohl aus *mötta- zu got. mats 'Speise' (noch in Mettwurst 
und Messer, s. o. S. 220); Kollektivum dazu Gemüse, mhd. gemüese. — Nudel, erst 
seitdem 16. Jahrhundert belegt; unerklärt. — Obst, ahd. obai. — Wurst, ahd. wurst, 
nur deutsch, aber als Wort gewiß aU; wahrscheinlich zu wirken, wegen wursteln. 

GETRÄNKE. 

Ein altes Wort für Bier steckt in t. ale, dän. öl, ags. ealu zu lit. fl/«5 'Bier'; von 
diesem Stamm vielleicht auch lat. alütnen 'Alaun'. — Met, ahd. metu, e. mead zu aind. 
mädhu 'Honig, süßer Trank', gr. fts&v {methy) 'Trunkenheit'. — Bier, ahd. bior, e, beer; 
unerklärt. 

Der Branntwein wird zuerst 1360 in Frankfurt a. M. erwähnt. Schnaps ist eine 
ganz junge Bildung zu sdinappen und bedeutet eigentlich einen 'Schluck'. — Rotspon 
ist ein mecklenburgischer Ausdruck und bedeutet 'Rotwein vom Faß' ispan). 

Daß die Kunst des Bierbrauens sehr alt ist, wird durch die geschichtlichen Tatsachen 
erwiesen. Für das Deutsche folgt es auch aus dem Vorhandensein eines alten Wortes für 
Malz, ahd. malz, ein Wort, das ins Französische, Finnische, Slawische und Litauische ent- 
lehnt wurde. Es gehört zu gr. iis/.öen- (melden) 'erweichen, schmelzen machen'. 

Ein besonderes Kapitel bilden die Biere und ihre Namen. Wie noch heute viele 
Biersorten an gewisse Orte in betreff ihrer Hervorbringung gebunden sind, so ist es auch 
in alter Zeit gewesen. Kluge hat in seiner Studentensprache S. 22 ff. eine solche Fülle 
alter Biernamen zusammengetragen, daß man billig erstaunen muß. Schon im 16. Jahr- 
hundert bietet Fischart in seinem Gargantua S. 85 eine lange Liste, die freilich auf eine 
ältere Quelle zurückgeht. Von diesen alten zahlreichen Benennungen haben sich aber doch 
nur merkwürdig wenige erhalten, was sicher auf die gänzliche Umwandlung der Bier- 
bereitung im 19. Jahrhundert zurückzuführen ist. Ich finde nur Bock, im 16. Jahrhundert 
Ainbodi, eigentlich 'Eimbecker Bier'. — Broyhan bei Fischart, wurde früher noch in 
Halberstadt gebraut. — Gose, im 18. Jahrhundert in Goslar. — Mumme im 16. Jahr- 
hundert; noch heute in Braunschweig. — Rastram, Raster, in Leipzig seit 1484 nach- 
gewiesen, aber jetzt nicht mehr bekannt. Der Name stammt von dem Rechen, der zum 
Zeichen des Ausschanks herausgesteckt wurde. 

Was die Herkunft der Namen betrifft, so tappen wir meistens im Dunkeln. Wenn wir 
sehen, wie heute die Biere nach dem Orte ihrer Herkunft benannt werden. Münchener, 
Pilsener, Kulmbacher, so wird man für die altern Zeiten ähnliches vermuten dürfen, nur 
daß früher gewiß die Erzeugnisse auch nach den Häusern, in denen gebraut wurde, ihren 
Namen erhalten haben. In solchen Fällen kann Aufklärung freilich nur vom Zufall erwartet 
werden, wie wir denn zufällig wissen, um einen Fall auf verwandtem Gebiet heraus- 
zugreifen, daß der Danziger Ladis nach einem Hause heißt, das Zum Lachs benannt ist. 



224 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Es mögen hier nun gleich die Ausdrücke für essen usw. ihre Stelle finden: 
essen, ^\\A. CMan. e. to eat, \^{. cdere, gx. n^nv [edi-n). — fressen, ahd. vrey^an, 
e. /r^/ 'zerfressen', got. fra-itan, eigentlidi also 'ganz essen'. — kauen, ah6. kiuwan, 
e. to diew, abg. zivati. — beißen, ahd. biaan, e. to bite, lai. findere 'spalten'. — lecken, 
ahd. lädiön, e. to lick, got. laigön, gr. /.n'xFty (Itkhen). — saugen, ahdi. sügan, c. to suck, 
lat. sügere. — sdilürfen erst neiihoclideiilsch, aber wohl alt, vielleicht zu lat. sorbere. — 
sdilui-ken, ahd. *slukkon, gr. /.i'vVo' {lyzi-n) 'den Schlucken haben'. — trinken, ahd. 
irinkan. e. to drink, got. drigkan, sonst nicht nachzuweisen. — saufen, ahd. süfan, e. te 
sup 'schlürfen'; nicht im Indogermanischen. — wiederkäuen, dafür ein alter Ausdruck 
ahd. itrudiu, lat. ructo, gr, iQFvyo} (ereügö). 

Dazu satt, ahd. saf, got.saps zu lat. satis, satur. — Hunger, ahd. hungar, e. Hunger, 
got. hührus zu lit. kankä 'Qual'. — Durst, ahd. durst, e. thirst zu dorren und dürr. 

ENTLEHNUNGEN. 

Auch hier zeigt sich zunächt der römische Einfluß. Zu den ältesten Ent- 
lehnungen gehört die des Wortes Wein und alles dessen, was sich auf den Wein- 
bau und die Weinbereitungbezieht. Die Wortesiiid oben S. 1 95 zusammengestellt. 

Weiter brachte dann das Klosterwesen mancherlei. 

Speise, ahd. spisa, mlat spesa aus expensa 'das Ausgeteilte'. — Semmel, ahd. 
semala, lat. simila 'feinstes Weizenmehl'. — Butter, ahd. butera, e. butter, gr.-lat. butyrum. 
— Käse, ahd. käsi, e. dieese. lat. cäseus. — Märte 'Mischmasch, kalte Schale', ahd. meräta, 
aus lat. merenda 'Vesperbrot'. — Oblate, ahd. obläte, mlat. oblata. — Brezel, Prezel, 
ahd. prezitella, m\at bracitella von bracdiium 'Arm'. 

Der Einfluß der französischen Kochkunst ist in mittelhochdeutscher Zeit 
merkwürdig gering. Nur frz. soupe wirkt ein. 

In der Neuzeit dagegen tritt zunächst ein immer stärkerer Einfluß der 
französischen Küche ein, der unsere Speisekarte ganz verwelscht hat. 

Biskuit, 17. Jh., frz. biscuit, aber schon im 16. Jh. Biskotten, ital. biscotto. — Bonbon, 

18. Jh., frz. bonbon. — Bouillon, 1715, frz. bouillon. — Dessert, 18. Jh., frz. dessert. — 
Filet, 18. Jh., Ixz. filet. — Frikandeau, ixz. fricandeau. — Frikandelle, 1715, um- 
gestaltet aus \\.a\.frittadella. — Frikassee, 16. Jh., hz. fricassee. — Gallerte, im 16. Jh., 
aber schon mhd. galreide. Zu Gelee, Gelatine. — Gelatine, 1727, ixz. gelatine. — Gelee, 
1715, ixz. gelee. — Kandis, Kandelzudzer, im 16. Jh., frz. Sucre candi. — Karbonade , 
ndl. 1598, frz. carbonnade, ital. carbonata. — Kompott, 1801 bei Campe, im 16. Jh. Kom- 
post, ital. composta. — Konserve, 1580, XT\lat. conserva. — Kotelette, 1715, ixz. cöte- 
lette. — Krem, 1715, ixz. creme. — Makkaroni, 18. Jh., venez. macaroni. — Makrone, 
1700, ixz. macaron. — marinieren, 1678, ixz. mariner. — Marmelade, 1626, ixz. marme- 
lade, spax\. mermelada. — Marzipan, um 1500, ital. marzapane. — Mayonnaise, 

19. Jh., frz. mayonnaise. — Omelette, 1715, frz. Omelette. — panieren, 1739, ixz.paner. — 
Pralines, ixz. praline. — Prünelle, 1676, ixz. prunelle. — Poularde, 1739, ixz. pou- 
larde. — Ragout, 1650, frz. ragoüt. — Remo(u)ladensauce, ixz. remo(u)lade. — 
Salami, 19. Jh., ital.salame. — Sauce, Ib&l, alxz. sause. — Torte, 15. Jh., ixz.tarte. — 
Zervelatwurst, 1715, ital. cervellata. 

Erst das 19. Jahrhundert läßt auch die englischen Gerichte zu uns dringen. 
Beefsteak, t. beefsteak. — Flummri, 19. Jh., t. flummery. — Pudding, 1720, 
e. pudding. — Rumpsteak, t. rumpsteak. — Sandwich, 18. Jh., t. Sandwich. 

Wie auf dem Gebiet der Speisen besitzen wir auch auf dem der Ge- 
tränke eine große Fülle von Entlehnungen, und es ist wohl wert, sie ein- 
mal im Zusammenhang zu überblicken. Bemerkenswert bleibt, daß sich 



§ 141. Die Kleidung und ihre Herstellung. 225 



alte Entlehnungen und alte Namen fast gar nicht erhalten haben, obgleich 
schon die höfische Gesellschaft des Mittelalters über eine Menge von Ge- 
tränken und Getränknamen verfügte. 

Absinth, frz. absinthe, 19. Jh. — Arrak, um 1600, arah.' arag. — Benediktiner. — 
Champagner, 1727, nach h. vin de Champagne. — Chartreuse, modern. — Franz- 
branntwein, 1716. — Grog, 19. Jh., e.grog. — Kaffee, 17. Jh., arab. qahva. — Kakao, 
1628, mexik. Cflfflo. — Kardinal, 1791, t. cardinal; vgl. im 18. Jh. auch Bisdiof, wie 
z.B. in der Jobsiade. — Kognak, 1787, Uz. cognac. — Likör, 1776, ixz. liqueur. — 
Limonade, 1687, frz. limonade, ital. limonata. — Malvasier, mhd. malfasier nach der 
Stadt Napoli di Malvasia auf Morea. — Portwein, 18. Jh., t.portwine, Wein aus Oporto. — 
Punsdi, 18. Jh., t. pundi, aind. panca 'fünf. — Rum, 18. Jh., t. rum. — Sdiokolade, 
1678, mexik. diocollatl. — Sekt ist ursprünglich 'süßer Likörwein' von span. vino seco 
'Trockenbeerenwein' (schon 1647) und hat erst seit 1830 von Berlin ausgehend die Be- 
deutung 'Schaumwein' erhalten. — ■ Tee, 1706, aus dem Chinesischen. — Whisky, 1834, 
ir. uisce, eig. 'Wasser'. — Zider, 1753, frz. cidre. 

Auch sonst ist es anziehend und wertvoll, die örtlichen Namen für 
Speisen und Getränke hinsichtlich ihrer Verbreitung zu betrachten, ihre Her- 
kunft festzustellen. Denn es gibt bekanntlich in diesem Punkte in Deutsch- 
land unendliche Verschiedenheiten. 

§ 141. Die Kleidung und ihre Herstellung. 

Literatur: Lilly L. Stroebe, Die altenglischen Kleidernamen; eine kulturgeschichtliche 
Untersuchung; Borna-Leipzig, Heidelberger Diss. 1904. 

Um die Stoffe, aus denen die Kleidung in alter Zeit hergestellt wurde, 
zuzubereiten, bedurfte es der verschiedensten Tätigkeiten. Das Fell mußte 
abgezogen und gegerbt, die Wolle gerupft, gesponnen und gewebt werden. 
Noch verwickelter ist die Zubereitung des Flachses, Litauische Märchen 
erzählen, wenn sie etwas Langes berichten wollen, von der 'Qual des 
Flachses', wie man ihn sät, wie er wächst und reif wird, wie er gerauft, 
getrocknet, ausgebreitet, geröstet, aufgenommen, in die Brechstube ein- 
gefahren und wieder getrocknet wird, wie man ihn dann bricht, ausschwingt, 
hechelt, spinnt, webt, bleicht, schneidet und näht. Für alle diese Tätig- 
keiten und Vorgänge müssen einst Ausdrücke vorhanden gewesen sein, 
aber es ist natürlich heute kaum noch zu ermitteln, welche ursprüngliche 
Bedeutung an jedem der noch vorhandenen Wörter gehaftet hat. Ich stelle 
zusammen, was mir hierher zu gehören scheint. 

zehren, ahd. firzeran 'auflösen, zerstören, zerreißen', e. to tear 'zerreißen', got. 
gatairan 'zerstören, vernichten' zu gr. beoeiv {deren) 'schinden'. — sdiinden, ahd. skintan 
'enthäuten' war wohl das altgermanische Wort für 'Fell abziehen'. Es ist abgeleitet von 
einem Wort, das noch in Sdiinne 'Schuppe' vorliegt, vgl. auch an. skinn n. 'Haut, Fell, Pelz, 
Leder'. — gerben, ahd. garawen 'bereit machen' zu gar, hat erst seit etwa 1300 die 
heutige Bedeutung angenommen und hat natürlich andere Ausdrücke verdrängt. 

Leder, ahd. ledar, e. leather ist ein gemeingermanisches Wort von altertümlicher 
Bildungsweise. Man stellt es zu air. lethar, kymr. lledr, die von andern als nordische Lehn- 
worte betrachtet werden. Man kann es aus *dletrom und weiter aus *dretrom erklären und 
zu gr. heoto idero), d. zehren stellen. Es wäre dann die abgezogene Haut. — Die Wolle 
(got. wulla, e. wool, lat. läna) wird ursprünglich gerupft oder gerauft, raufen, ahd. roufen, 
goi. raupjan. — sdieren, ahd. skeran 'scheren, abschneiden', e. to shear 'scheren', zu 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. AufL 15 



226 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



gr. xetotiv {kerfn) 'scheren'. — flediten, ah6. f/ifhtan, hl plectere, gr. .tXexeiv {plikin). — 
spinnen, a\\d. goi. spirinan, c. to spin, dazu \\\. pinti 'fleclUeii'. — weben, ahd.wi'ban, 
c. weave zu gr. rvaücü {hyp/iolnö}. — bleuen, l-'ladis bleuen, ahd. bliuwan, c. btow, 
got. bliggwan zu lat fiigere 'schlagen*. — rösten, Flaclis, Hanf, ahd. nß^y-n 'faul werden", 
c. /o AO/ 'faulen'; dazu auch verrottet. — dedisen, niiid. rf^//5en 'den Flachs schwingen', 
aind. /«/t-'fl// 'behaut', XaL texere 'weben', eigentlich 'zuschlagen'. — nähen, ahd. nnjan, 
got. ni[)la 'Nadel', formell identisch mit lat. mre, gr. rtnv (n^f-n), die aber 'spinnen' be- 
deuten. Vgl. aber gr. )•*//«« {nä'nta) 'Faden', air. snüthe 'Faden'. Man könnte also für das 
Germanische eine Grundbedeutung 'fädeln' ansetzen. — sdineiden, ahd. snldan, got. 
sneipan; Herkunft unbekannt. — sdiroten 'grob in Stücke schneiden, zermalmen', ahd. 
skrötan, e. shred 'zerschneiden, abhauen". 

Während ursprünglich bei der Kleidung das Nähen die Hauptsache war und es ahd. 
nätare 'Sciincider' heißt, jetzt noch Nähterin, wurde später das Zuschneiden bedeutungs- 
voller, für das man sdiroten und sdineiden sagte. Daher der Sciineider auch Sdiröder heißt. 
Dies geht aber verloren und nur Sdineider hält sich. 

steppen, mhd. steppen aus dem nd., and. steppen 'stechen, zeichnen'. Dazu Stift. — 
walken, ahd. walk an 'walken, schlagen, prügeln' zu aind. t^«/^«// 'bewegt sich heftig, 
hüpft, springt". — stidten, ahd. stikken 'stechen, sticken' zu stedien, ahd. stähhan, e. to 
stitdi zu gr. aii^eiv {stlzin) 'punkten, stechen', lat. instigäre 'anstacheln, anreizen'. — 
stridien, ahd. strikkan 'schnüren, heften, flechten' von Stridi, ahd. strik, das zu aind. 
sräj 'Gewinde' gehört. — wirken, ahd. wirkan, got. waürkjan zu gr. Qe^eiv {rezön) 'tun', 
bezieht sich wohl auch teilweise auf die Tätigkeit des Webens. 

Was die Kleidung selbst betrifft, so gibt es im Germanischen eine 
Fülle von Ausdrücken, von denen sich eine Reihe ins Indogermanische 
verfolgen läßt, während andere in den verwandten Sprachen fehlen, aber 
ein recht altertümliches Aussehen haben. 

1. EINHEIMISCHES SPRACHGUT. 

Daß man Kleidung trug, folgt zunächst aus dem Ausdrucke für: 

nadit, ahd. nadiot, e. naked, got. naqaps, entsprechend lat. nudus {^ nogwodos) und 
bar, ahd. bar 'nackt, bloß', e. bare zu lit. biisas 'barfüßig'. 

Sonst finden wir noch: 

Ärmel, ahd. armilo zu Arm. — Bast, s. o. S. 191. — Borte, ahd. borto 'Besatz, 
Saum' zu ahd. bort 'Rand'. — Brudi, ahd. bruohha, bnioh, e. breedies. Dazu ags. brec 
'Steiß'; das kelt. bräca ist wahrscheinlich entlehnt. O. Schrader, ZfdW. 1, 238 vergleicht 
lat. suffrägines 'Hinterbug der Tiere'. — Fahne, ahd. fano, ursprünglich 'Zeugstück', t.fane 
'Dachfahne', got. fana 'Zeugstück, Schweißtuch', zu abg. opona 'Vorhang', Ui. pinti 'flechten'. 
— Faser, Fasen, ahd. faso, fasa wohl zu ahd. fi'sa 'Fruchtbalg, Spreu'. — Fü^:, ahd. 
filz, c.felt; dazu wohl ahg. pltisti 'Filz', \. pilleus 'Filzmütze', gr. .-rr/.o,- [pilos) 'Filz'. — 
Garn, ahd. gar n 'Gespinst, Faden, Netz' (ins Garn gehen), e.yarn, wohl zu ht. zdrna 
'Darm', eigentlich 'die aus getrockneten Därmen gedrehte Schnur'. — Gürtel, ahd. gurtil, 
e.girdle, dafür gr. ^iöv>j {zönce). — ^äß, mhd. hce3e. — Haube, ahd. hfiba, e. hive 'Bienen- 
korb', wohl zu gr. y.r.-Tt] {kypce) 'Höhle', lat. cüpa 'Tonne, Kufe'. — Hemd, ahd. hemidi 
'langes Haus-, Unterkleid", wohl zu ahd. hämo 'Hülle', ags. hama 'Kleid'. — Hose, ahd. 
hosa 'Beinstrumpf von Leder oder Zeugstoff zur Bedeckung des Unterschenkels', e. hose, 
eigentliche Bedeutung 'Strumpf. — Hut, ahd. huot 'Hut, Mütze', e. hood 'Haube, Kappe', 
daneben mit Ablaut e. hat; vielleicht verwandt mit lat. cassis 'Helm', lit. kuödas 'Schopf. — 
Kittel, mnd. kitel, unerklärt. Alte Entlehnung aus gr. ;^iroJr (khitön) halte ich nicht für 
unmöglich. Siehe unten Pfeit. — Kleid, mhd. kleit, ags. cläp, e. cloth, anord. kl^de 
'Zeug, Tuch, Kleid'. — Knoten, ahd. knodo, knoto, e. knot. — Köder, ahd. querdar 
'Docht'. — Laken, andd. lakan, ahd. lahhan, mtng\. lake. Vielleicht zu apreuß. /o^/zo 



§ 141. Die Kleidung und ihre Herstellung. 227 

'Hosen'. — Lappen, ahd. lappa 'Lappen, niederhängendes Zeugstück', ags. Iceppa, e. lap 
'Schoß, Zipfel am Kleid' zu gx.loßö.; {lobös) 'Ohrlappen'. — Lasche, mnd. las, c. lash 
'Schnur'. — Loden, ahd. lodo 'grobes Tuch', ags. loäa 'Mantel, Decke'. Vielleicht zu gr. 
Xüoiog (Idsios) 'zottig'. — Masche, ahd. maska, e. mash zu lit. mäzgas 'Knoten'. — Nestel, 
ahd. nestila 'Bandschleife, Binde' zu lat. nddiis 'Knoten'. — Riester 'Flicken' zu Altreis 
'Schuster'. — Rock, ahd. (h)rok 'Oberkleid, Rock'. — Saum, ahd. soum, e. seam zu ahd. 
siuwan 'nähen', lat. suere. — Schleier, mhd. slei(g)er, daneben slogier, md. sloiir, mndl. 
sluyer, mengl. sleir. Dunkler Herkunft. Vielleicht entlehnt. — Schnalle von schnallen, mhd. 
snallen zu schnell. — Sdiiih, ahd. skuoh, e. shoe, got sköhs; unklarer Herkunft; ein altes 
Wo rt gr. y.g}j.-zig (knepis) 'Schuh', lat. carpisculuni 'Schuhwerk', lit. kürpe, serb. krplje 'Schnee- 
schuh' liegt nur noch in ags. (h)rifeling vor. — Strumpf, mhd. strumpf, eig. 'Stumpf. — 
Troddel von mhd. trade 'Saum', ahd. trädo. — Tuch, ahd. tuoh zu aind. dhväjä- m. n. 
'Fahne'. — Wanten 'Seemannshandschuh', anord. vöttr, vielleicht zu winden. — Wat, 
ahd. wät zu lit. dudz'u 'webe'. — Wimpel, ahd. wimpal 'Stirntuch, Schleier', e. wimple 
'Wimpel, Schleier*. — Zwirn, mhd. zwirn, e. twine zum Zahlwort zwei. 

2. ENTLEHNUNGEN. 

Auf dem Gebiete der Kleidung gehören Entlehnungen zum Alier- 
gewöhnlichsten. Neue Formen, neue Schnitte, neue Stoffe durchziehen die 
halbe Welt. So haben denn die verschiedensten Zeiten und die verschie- 
densten Völker dazu beigetragen, unsern Kleidern die Namen zu geben. 

In alte Zeit geht zurück das got. paida, mhd. pfeit 'Gewand', wovon bayer.-österr. 
Pf eidler, aus gr. ßalz)] (bait^). 

Aus dem Lateinischen stammen in der ältesten Periode: 

Socke, ahd. sok 'Strumpf, e. sock 'Schuh' aus lat. soccus, gr. avy./Jg (sykkhis). — 
Sohle, ahd. sola 'Fußsohle', e. sole aus lat. sol(e)a. Nicht ganz sicher. — Sdiurz, 
Sdiürze, mhd. schürz 'gekürztes Kleidungsstück, Schurz' zu ahd. skurz, e. short, dazu, t.shirt 
'Hemd' aus lat. *excurtus, zusammengesetzt mit curtus. Doch ist diese Erklärung zweifelhaft. 

Ferner kam viel, wenn auch nicht alles, mit dem Christentum. 

Albe 'weißes Chorhemd der Geistlichen', ahd. alba, aus lat. alba 'die weiße'. — 
Kutte, mhd. katte 'Mönchskutte' aus mlat. cotta, cottas 'tunica clericis propria', die aber 
erst aus dem Germanischen entlehnt sind, jetzt Kotze 'grobes Kleid', ahd. kozza. — 
Floate, ahd. flodio, e.. flodi aus lat floccusQ). — Kappe, ahd. kappa, t. cap, ursprüng- 
lich 'Mütze mit kurzem Mantel' aus cappa, das allen romanischen Sprachen gemeinsam ist 
und vielleicht dem Keltischen entstammt. — Kasel, mhd. kasula, mlat. casula. — Mantel, 
ahd. mantal, mandal, etwa im 7. bis 8. Jahrhundert aus lat. mantellum von span. lat. man- 
tum. — Mütze, mhd. mutze, mutze, älter armuz, almuz 'Chorkappe der Geistlichen' aus 
mlat. almucium, armucia, woraus frz. aumusse 'Art Kapuze'. 

Dazu gesellen sich später: 

Pelz, ahd. pelliz aus mlat. rom. p^/Z/aß 'Pelz' (im 10. Jahrhundert). — Tasche, ahd. 
tasca, ital. tasca, dunkler Herkunft. — Wams, mhd. um 1200 wambais 'eine unter dem 
Panzer angezogene dicke Jacke', von byzant. ßd/nßa^ {bdmbax) 'Baumwolle', wovon mlat. 
bombasium, bambasium 'gesteppte Bettdecke, der gesteppte Rock unter dem Panzer'. 

An Stoffen gelangten um diese Zeit zu uns: Seide, ahd. (um 1000) sida aus mlat. 
ital. seta 'Seide', eig. 'starkes Tierhaar, Strähne'. 

Auch die spätere Zeit bringt immer Neues, und es ist wohl angebracht, 
einige dieser Worte nach Zeit und Herkunft zusammenzustellen. 

a) Stoffe: 

Atlas, im 15. Jahrhundert aus axah. atlas 'glattes, seidenes Tuch'. — Batist aus 
frz. batiste, benannt nach dem ersten Hersteller BaUiste Chambray aus Cantaing. Im 

15* 



228 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



18. Jalirhundert. — Brokat, 1717, \{a\. broccato. — Damast, 15. Jh., \\d.\. damasto. — 
Flanell, 1715, c. flannel, Uz. flanellr. — Flor 'dünnes, durchsichtiges Gewebe, bes. 
schwarz, zum Zeichen der Trauer', über n(i\. floers aus Uz. fleiirs 'Bhimcn', bildlich 'die 
feinste dünnste Sorte', Anfang des 17. Jahrhunderts entlehnt.— Fries, 1663, Uz. frise. — 
Gaze, im 17. Jahrhundert aus Uz. gaze, benannt nach der Stadt Gaza in Palästina. — 
Gingang, angeblich aus dem Javanisclien, 1775. — Jute, 19. Jli., t.jiite. — Kaliko, 
1773. frz. calicot. — Kamme rtucfi, 1585, Tuch von Cambrai. — Kanevas, 1646, frz. 
canevas. — Kasimir, Kasciimir, im 19. Jahrhundert nach dem Lande Kaschmir. — 
Kattun, schon mhd. cottun über ndl. kattoen aus Uz.coton, und dies aus dem Arabischen. — 
Krepp, 16. Jli., frz. crepe. — Macheier, mnd. 1330, wohl gleich Mohär, e. mohair und 
Mohr, 1715, frz. moire, arab. mudiajjar 'Zeugstoff aus Ziegenhaar' und Moire 1834. — 
Mancfiester, 18. Jh., \on Mandiester. — Molton, 1773, Uz. molleton. — Mull, 1783, 
e. mulmul, ind. malmal. — Musselin 'Nesseltuch', 1714, aus Uz. mousseline, benannt nach 
der Stadt Mosul am Tigris. — Nanking im 18. Jahrhundert, nach der chinesischen Stadt 
Nanking, vgl. Kittel 'ein glattes, schmales, baumwollenes Zeug', umgewandelt aus kitai, 
dem Namen von China in Rußland. .So enthält das Wort ein Stück chinesischer Kultur, 
das durch die Tatarei und Rußland zu uns gewandert ist." Hildebrand, Deutsche WB. — 
Plüsch, im 17. Jahrhundert aus Uz. peluche 'Zeug von Leinen und Kamelhaar'. — Rasch, 
1678, spätmhd. arrfl5, nach der Stadt Arras. — Samt, mhd. samlt, samät, aus mgr. I^d- 
Hixov {hexämiton). — Satin, mhd. salin, Uz. salin. — Schalaune, 15. Jh., von frz. 
Chälons. — Serge, Sersche, 14. Jh., frz. serge, lat. s'irica. — Taft, im 16. Jahrhundert 
aus ital. taffetä, und dies aus dem Persischen. — Trikot, e. tricot, Ende des 18. Jh. — 
Tüll, 19. Jh., nach der Stadt Tülle. — Vigogne, Uz. vigogne, span. vicu/la. 

b) Kleidungsstücke: 

Babusdie, Uz. babouche. — Barett, 1469, aus frz. barrette 'Mütze'. — Blankscheit, 
1700, Uz. plandiette. — Bluse, erst in neuerer Zeit aus frz. blouse. — Frack, im 18. Jahr- 
hundert, 1774 bei Goethe Werther, über Uz. frac aus e. frock. — Galosdie, im 15. Jahr- 
hundert cloczen aus Uz. galodie. — Gamasche, 1714, aü$ Uz. gomadie. — Glacehand- 
sdiuh, 19. Jh., Uz. gants glaces. — Jadte, 1417, aus aUz.jacque, dazu Jackett, 19. Jh., 
Uz.jaquette. — Kaftan, 1647, aus dem Türkischen. — Kamisol, 1643, Uz. camisole, 
ila\. camiciola. — Korsett, 1715, Uz.corset. — Kostüm, 18. Jh., Uz.costume. — Krino- 
line, um 1850, frz. crinoline. — Manschette, 1703, frz. mandiette. — Mantille, 1715, 
frz. mantille, span. mantilla. — Muff, Muffe, 1664, frz. moufle. — Neglige, 1755, frz. 
neglige. — Paletot, im 19. Jahrhundert aus Uz.paletot. — Pantalon, im 18. Jahrhundert 
aus Uz. pantalon. — Pantoffel, Ende des 15. Jahrhunderts aus ila\. pantofola. — Pele- 
rine, 19. Jh., Uz. pelerine. — Pumphosen, 1574, Zusammenhang mit nd. pump 'Ge- 
pränge', lai. pompa. — Robe, \7'2S, Uz. robe. — Sdiaube, spätmhd. sdiübe, wie Joppe, 
mhd. Jope, Joppe, juppe, mlai.jupa, aus dem Arabischen. — Spenzer, 1813, nach Lord 
Spencer. — Stiefel, mhd. stival im 1 1.;'12. Jahrhundert entlehnt aus ital. stivale. — Weste, 
im 18. Jahrhundert aus frz. veste von lat. vestis. 

§ 142. Körperpflege, Reinlichkeit. Aucli auf diesem Gebiet kann die 
Sprache manches bestätigen, was wir anderweit mit Sicherheit erschließen 
können. Zunächst verwenden alle einfachen Völker und auch die Germanen 
große Sorgfalt auf die Pflege des Haares und des Bartes. Es gibt denn 
auch auf diesem Gebiete eine Reihe alter Ausdrücke: 

Haar, ahd. här, e. hair. Herkunft unsicher. — Holle , nd. 'Haarschopf', mnd. hülle 
'Kopftuch', also gleich Hülle. — Lodie, ahd. lok, e. lodi zu lit. lugnas 'geschmeidig, bieg- 
sam'. — kraus, nur mhd. krüs; dazu Krolle 'Locke', mhd. krolle 'Locke', mhd. krol, 
mengl. cru/ 'lockig'. — Sdiopf, mhd. schöpf 'Haar oben auf dem Kopf, got. 5Äu/^ 'Haupt- 
haar'. — Strähne, ahd. streno. — Zagel 'Schwanz, Schweif, ahd. zagal, e. tail 'Schwanz', 



§ 142. KÖRPERPFLEGE, REINLICHKEIT. .§ 143. KAMPF UND WaFFENNAMEN. 229 

got. tagt 'Haar'. — Zopf, ahd. zopf 'Ende, Zipfel, Zopf, e. top 'Gipfel', mengl. tuft 'Locke', 
anord. toppr 'Haarbüschel'. — Bart, ahd. hart, e. beard zu lat. barba. — Schnurrbart, 
1768, Zusammenhang mit Schnurre 'M^\l\' zu mhd. s«M/-r^n 'rauschen, sausen'. — Kamm, 
ahd. kamb, e. comb zu gx.yöfKpo^ (gömphos) 'Pflock, Zahn'. — strählen ist das alte 
Verbum für 'kämmen'; ahd. Straten zu Strähl 'Kamm', von Strahl. — scheren, ahd. skSran, 
e. to shear zu gr. y.eioeiv {kiren) 'scheren'. 

Auf die Reinigung bezieht sich: 

Bad, ahd. bad, e. bath, altes Partizip zu bähen, ahd. bäen. — waschen, ahd. 
waskan, e. to wash, wohl zu \x.faiscim 'quetsche, presse zusammen'. Ein anderer Aus- 
druck für 'waschen' liegt vor in Zwehle, Quehle 'Handtuch', ahd. dwahila zu ahd. 
dwahan, got pwahan 'waschen', nhd. zwagen und dies zu ahd. dahj'an 'drücken', und 
weiter vielleicht zu zwingen, ahd. dwingan, e. twinge. Dazu apreuß. twaxtan 'Bade- 
schürze' und vielleicht gr. Trjxeiv {tceken) 'erweichen'. 

Eine sehr alte Erfindung der Nordvölker war bekanntlich die Seife; Plinius kennt sie bei 
den Kellen, das Wort ist aber echt germanisch, ahd. seifa, e. soap, vielleicht zu lat. sebum 'Talg'. 

In Lauge, ahd. louga, e. lye steckt die Wurzel von lat. laväre. Vgl. anord. laug 
'warmes Bad'. 

Eine uralte Sitte der indogermanischen Menschheit war das Tätowieren. Dieses 
Wort kommt im 18. Jh. aus dem Tahitischen und weist darauf hin, daß damals die Sitte 
stärker in den Gesichtskreis trat. Ob die heutige weitverbreitete Tätowierung auf Erhaltung 
des alten Brauches unter Verstärkung durch ausländischen Einfluß beruht oder ganz neu 
eingeführt ist, ist schwer zu sagen. Die christliche Kirche hatte sie jedenfalls verboten, 
aber trotzdem kann die Sitte weiter bestanden haben. Otto Lauffer spricht sich Wörter 
und Sachen 6, 1 ff. für die erste Möglichkeit aus, und in der Tat gibt es vereinzelte Zeug- 
nisse, die für die Fortdauer des Brauches zu sprechen scheinen. Ein alter einheimischer 
Ausdruck ist bisher nicht nachzuweisen. 

ENTLEHNUNGEN. 

Auf diesem Gebiet treten die Entlehnungen verhältnismäßig spät auf. 

Barbier, spätmhd. barbierer, von barbieren, frz. barbier. Daneben mit Dissimi- 
lation Baibier. — rasieren, 17. Jh., ixz.raser. — frisieren, 1673, Irz.friser. — Frisur, 
1694, ixz. frisure. — Für das jung entlehnte Friseur sagte man im 17. Jh. Frisierer. 

Dazu kommen: Chignon, 1773, hz. diignon. — parfümieren, 16. Jh., ixz. par- 
fumer. — Parfüm, 1801, ixz. parfum. — Perücke, 1650, Ixz. perruque. — Pomade, 
1678, ixz. pommade, ital.pomata. — Puder, 1669, ixz. poudre. — Toupet, 18. Jh., frz. 
toupet. — Tour, Haartour, 1694, frz. tour. 

Eines der wichtigsten Worte auf diesem Gebiete ist zweifellos Stube. 
Ahd. stuba bedeutet 'heizbares Gemach, bes. Badestube'. Dieselbe oder 
eine ähnliche Bedeutung zeigen auch die übrigen germanischen Sprachen, 
und es ist daher unbestreitbar, daß wir es hier mit einem Wort zu tun haben, 
das mit der Entwicklung der Warmbäder zusammenhäng,t. Während Heyne 
das Wort für echt deutsch hält, sehen andere darin ein Fremdwort. Wir 
finden auch im Romanischen frz. etiive aus volkslat. sfüfa, prov. estiiba. 
Die Herkunft dieser Wörter ist unklar. 

§ 143. Kampf und Waffennamen. 

Literatur: W. SCHIRLITZ, Die deutschen Waffennamen, Programm des Gymnasiums 
zu Stargard, 1844. — May Leansfield Keller, The Anglo-Saxon Weapon Names, treated 
archaeologically and etymologically. Anglistische Forsch. 15, Heidelberg 1906. 

Der Kampf der Stämme gegeneinander spielt in alter Zeit eine große 
Rolle, und dementsprechend sind auch Waffen und Waffennamen vorhanden 



230 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



gewesen. Die vollständige Umwandlung aber, die sich auf diesem Gebiet 
vollzogen hat, beeinflußt natürlich auch die Sprache, so daß die alten Aus- 
drücke verloren gehen. 

Schon die Allgcmeinbcgriffe für Kampf und Streit zeigen eine sehr beachtens- 
werte Entwicklung. Eine Reihe alter indogermanischer Ausdrücke sind vollständig verloren 
gegangen. So gr. ro/ziV»; {hysmincr) 'Schlacht", a\n6. jitdhjati 'kämpft'; agerm. *gundja, im 
Hildebrandslied güdea zu lit. ^//Iros 'Streit', wurzelverwandt mit gx.q^övog {p}iönos) 'Mord'; 
noch in Eigennamen wie Günther, Gudrun erhalten; ahd. hiltia 'Kampf, noch in zahl- 
reichen Eigennamen wie Hildegard, Hildegunde, Hildebrand, ist unerklärt; aus 
einem g^xm. werra {a\\^.*werra 'Ärgernis', mM. werre 'Krieg', jetzt Wirren zu wirren, 
ahd. wcrran 'durcheinanderbringen') wurde Uz. guerre entlehnt; ahd. mhd. wig 'Kampf, 
Schlacht, Krieg' zu goi.weifian 'kämpfen', verwandt mit lat.vinco (wovon das Partizip ahd. 
wigant, d. Weigand bis ins 18. Jh. fortlebte); ahd. urliugi 'Krieg', eigentlich wohl 'Vertrags- 
losigkeit' zu goL liugan 'heiraten', eig. 'versprechen'; noch in Or/og^sc^/// 'Kriegsschiff'. 

Erhalten hat sich Hader, im H.Jahrhundert hader, abgeleitet von ahd. hadu 'Kampf 
(noch in Hedwig), zu gr. yöroi {kötos) 'Groll', ir. cath 'Kampf. 

Unser Zwist, mhd. zwist, ndd. twist 'Streit' ist eine ähnliche Bildung wie lat. bellum 
aus duellum 'Zweikampf. 

Streit, ahd. strit, eigentlich wohl 'Anstrengung', vgl. ahd. einstrlti 'hartnäckig', asächs. 
strid 'Eifer'. Man stellt es zu lat. lis aus *stlis. 

Kampf, ahd. kämpf 'Zweikampf, Kampfspiel' tritt bemerkenswerterweise in Eigen- 
namen gar nicht auf, daher hat man an Entlehnung gedacht, und zwar aus lat. campus 
{Martins). Auf diesem campus fanden die Gladiatorenkämpfe statt. Ein solcher Bedeutungs- 
übergang ist ganz gewöhnlich. Hildebrand vertritt dagegen einheimischen Ursprung. 

Erst seit mhd. Zeit haben wir Krieg, das ursprünglich .Anstrengung" bedeutet Vgl. 
ahd. kreg 'Hartnäckigkeit', zu gr. ßoiaoüg (briarös) 'stark, heftig', vßoi? (liybris) 'Übermut'. 
Friede schließlich ist gemeingermanisch, ahd. fridu. Es gehört zu got. frijön 'lieben'. 

Wir haben also in den Ausdrücken für K rieg zunächst eine Mehrheit von 
Worten; dann aber treten zweifellos neue Worte auf, die die alten verdrängen. 

Die Geschichte der Waffennamen muß eine Geschichte der Waffen selbst 
sein. Es ist klar, daß infolge der großen Veränderungen, die sich auf diesem 
Gebiete vollzogen haben, nicht allzu viel Altes erhalten sein wird. 

1. ALTGERMANISCHES. 
Bogen, ahd. bogo, e. bow. Zu biegen. Eine Entsprechung des lat. arcus liegt in 
got. arfvazna vor. — Strahl, ahd. sträla 'Pfeif, abg. strela, wovon Strelitzen. — Sehne, 
ahd. senawa, e. sinew, gr. heg {ines) 'Sehnen'. — Ger, ahd. gerfo) 'Spieß', gall. laL gaesum. — 
Speer, ahd. sper, e. spear, wohl zu Sparren und lat. sparus 'kurzer Jagdspieß'. — Spieß , 
aihA.spioi. Verschieden von Spieß in Bratspieß, ahd. 5/7/3, e. spit zu spitz, ahd. spizzi. — 
Barte, ahd. barta 'AxV zu Bart; dazu Hellebarde, mhd. helmbarte. — Sdiwert, ahd. 
swert, t. sword. Herkunft unsicher. — Helm, ahd. heim, t. heim, got. hilms, ai. Särma 
'Schutz'. — Waffe, ahd. wäfan, e. weapon, vielleicht zu gr. onlov (höplon) 'Werkzeug, Gerät, 
Kriegsgeräf. — Gewehr, ahd. giwer 'Kampfwaffe, (Treib)-Stachel', zu Wehrund wehren, 
ahd. werien, got. warjan, zu gT.Fovadcu (erysthai) 'schützen, bewahren', lat. op^rJr^ "bedecken". 

2. ERSTE ENTLEHNUNGEN. 

Zunächst hat vielleicht das Keltische eingewirkt, doch können wir es 
dem Worte Ger nicht ansehen, ob es entlehnt oder urverwandt ist. Erst 
das römische Heerwesen bringt sichere Einflüsse. 

Armbrust, mhd. armbrust, umgedeutet aus mlat. ßrcu^a/w/a. — Bolzen, ahd. bolz, 
e. bolt, vielleicht aus lat. catapulta 'Wurfmaschine', dann auch 'Wurfgeschoß'. Doch ist 



§ 144. Krankheit und Heilung. 231 

dies nicht ganz sicher. — Dracfien, ahd. trah ho aus lat draco 'Kohortenzeichen'. — 
Kodier, ahd. kofi ha r, mlat cucurum. — Pfeil, ahd.pfi/, e. pile aus lat. pi tum. — Pfahl' 
ahd. pfäl, e. pole, pale aus lat. pälus, wohl durch den Limesbau veranlaßt. — Wall, mhd. 
■wall, asächs. wall, e. wall 'Mauer' aus lat. vallum. 

3. ENTLEHNUNGEN IN MITTELHOCHDEUTSCHER ZEIT. 

Die Ausdrücke für den Kampf in der Ritterzeit sind durchweg aus dem 
Romanischen entlehnt. Das mittelalterHche höfische Epos wimmelt geradezu 
von französischen Ausdrücken. Das meiste davon ist freilich wieder ver- 
loren gegangen, vgl. Seiler (oben § 100) 125. 

Erhalten haben sich: Flitz in Flitzbogen, 15.' Jh., \iz. fledie; auch noch in flitzen. — 
Harnisdi, mhd. harnas(di), frz. harnais, mengl. harnes 'Rüstung', kymr. haianiaez 'Eisen- 
geräte'. — Koller, rnhd. koll(i)er, frz. collier. — Lanze, 12. Jh., afrz. lance, gall. lat. 
lancea. — Panzer, mhd. panzier, ital. panciera. — Pidielhaube, mhd. bedienhübe, Zu- 
sammenhang mit Bedien. — Wams ist wohl ursprünglich eine Schutzbekleidung. Über 
die Herkunft s. o. S. 227. 

Wiederaufgenommen ist: Brünne, mhd. brünne, ahd. brunnia, got. brunjö aus kelt. 

air. bruinne 'Brust'. 

4. ENTLEHNUNGEN DER NEUZEIT. 

Bajonett, U . Jh., hz. ba'ionette. — Degen, \5. Jh., frz. dague. — Doldi, um 1500, 
lat. rfo/o 'Stockdegen'?, — Flamberg, frühnhd., hz. flamberge. — Flinte, 1663, ndl., zu 
t. flint, d. Flins 'Stein'. — Granate, 1616, ital. granata. — Haubitze, 15. Jh., tschech. 
houfenice. — Kanone, 1588, ital. cannone. — Karabiner, 1598, frz. carabine. — Kar- 
tätsche, 1691, \ia\. cartoccio. — Kartaiine, 1489, Wal. quartana. — Küraß, 15. Jh. 
frz. cuirasse 'Lederpanzer'. — Mörser, 15. Jh. = Mörser. — Pistole, 1664, frz. pistole. — 
Posten in Rehposten, frz. poste. — Revolver, 19. Jh., e. revolver. — Säbel, 15. Jh., 
Ungar, szablya. — Sarraß, 18. Jh., aus dem Poln.?. — Sponton, 1728, ital. spuntone. — 
Terzerol, 1644, ital. terzeruolo. — Tesdiing, 1834, Gewehr von Teschen. 

§ 144. Krankheit und Heilung. Auch auf diesem Gebiet kann die Sprache 
manches lehren, und wir würden bei eingehender Betrachtung eine ganze Ent- 
wicklungsgeschichte der menschlichen Anschauungen im Kleinen erhalten. i) 

Die wissenschaftliche Medizin hat das Bestreben gehabt, eine eindeutige 
Benennung einer jeden besondern Krankheit durchzuführen und hat dazu 
die lateinischen und griechischen Ausdrücke gewählt. Daneben bestehen 
aber alte, allgemeinere Ausdrücke im Volksmunde, deren erstaunliche Fülle 
und Verschiedenheit man jetzt bei M. Höfler, Deutsches Krankheitsnamen- 
buch, München 1899, überblickt. Dies Werk ist eine ganz hervorragende 
Leistung, das den überreichen Stoff der Krankheitsnamen in alphabetischer 
Reihenfolge darbietet. Aber freilich dieser Stoff müßte nun auch einmal 
systematisch zusammengestellt werden. Mit Recht sagt der Verfasser in der 
Vorrede: „Während die gelehrte Medizin es liebt, neue Benennungen ein- 
zuführen . . ., ist das Volk bei denjenigen Bezeichnungen geblieben, die ehe- 
mals gewählt wurden, um die äußerlichen Krankheitssymptome von andern 
zu unterscheiden oder um die vermeintliche Ursache bezw. deren Beseitigung 
anzudeuten. Seine Ausdrücke sind oft sehr treffend und vom Standpunkte 



') Vgl. hierzu auch J. Geldner, Untersuchungen zu altenglischen Krankheitsnamen. 
Progr. Augsburg 1908. 



232 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

der Kultur- und Medizingeschichte äußerst interessant. Innumerabiles morbos 
miraris? medicos numera! (Dcmokr. 11, 49). So viel ärztliche Systeme und 
Perioden, so viel Krankheitsnamen, die der getreue Widerhall der alten 
Schulleliren und der volksüblichen Auffassungen über Natur und Ursache 
der Krankheiten sind." Hat der Verfasser durch sein Wörterbuch der Wort- 
forschung einen unschätzbaren Dienst erwiesen, so sollte ihn die germanische 
Wissenschaft dadurch vergelten, daß sie diesen Stoff nach seiner Herkunft 
und den Anschauungen, die darin ausgedrückt sind, ordnet. Einiges darüber 
bei M.Heyne, Körperpflege und Kleidung, 1903, S. 114 ff. 

Zu den tief in dem Volksglauben wurzelnden Anschauungen gehört es jedenfalls, daß 
die Krankheit nichts Natürliches, sondern etwas von einem übernatürlichen Wesen An- 
gehextes ist. Man heilt die Krankheit daiier zunächst durch Bespredien. Den Rest 
jener alten Anschauung haben wir noch in Hexensdinß, schon ags. hcegtessan gescot; 
Schlag, schon got. 5/a//s als Krankheit; Alpdrücken, ags. ylfa gescol; Neidnagel, weil 
er durch Neid entsteht; Wediselbalg, mhd. wechselbalc 'ein krankes und deshalb unter- 
geschobenes Kind'; Tropf, mhd. tropfe, auch 'Schlagfluß', vgl. Weigand. Das sind ein 
paar Reste alter Anschauung, die wir heute noch haben. Dem mögen sich die sonstigen 

Ausdrücke anreihen. 

1. EINHEIMISCHES GUT. 

Beule, ahd. bülla 'Blatter', e. bile 'Geschwür'. Zu Bühel. — Blatter, ahd. blätara 
'Blase', e. bladder. Zu blähen. — Drüse, ahd. druos, druosi 'Drüse, eichelartige Ge- 
schwulst, Beule'. — Eiter, ahd. eitar 'Gift', e. atter 'Eiter, Gift'. Daneben ahd. eii 'Eiter- 
beule, Geschwür', und dies zu gr. oiSog (oidos), olS/ita {oidma) 'Geschwür'. — faul, ahd./w/ 
'verwesend', t. foul zu lat. p/is 'Eiter', gx. nToy (pyon). — /="rfl/5^rt 'Fallsucht', z\\d. freisa 
'Gefährdung', gotf raison 'versuchen', ai. -pre^ah 'Antrieb'. — Friese l zu frieren. — 
Gidit, xnM. gibt, ags. ^/7a/rt 'Gliederlähmung'. — Gnätze, \b. ih. gnaz. — Grind, ahd. 
grint zu Grand. — heiser, ahd. heis, heisi, e. hoarse. — Husten, ahd. huosto, e. fdial.) 
whoost zu aind. käsatf 'hustet', lit. kös'u 'huste', abg. kasllt 'Husten'. — judien, ahd. 
Jucdian, e. to itdi. — Krampf, ahd. krampfo, e. cramp zu ahd. krimpfan 'zusammen- 
ziehen, winden". — Masern, ahd. masala 'Blutgeschwulst' zu Maser. — Pfnüsel, durch 
Vischer bekannt geworden, zu alem. pfnüsen 'niesen'; vgl. dazu niesen, ahd. niosan, anord. 
hnjösa, ags. fneosan, e. to sneeze. — Podte, mnd. podte. — Qual, ahd. quäla, ags. cwalu 
'gewaltsamer Tod' zu lit. gelä 'Schmerz', abg. zali 'Leid'. — Quese, mnd. quese wohl zu 
quetsdien s. u. — Räude, ahd. (h)rada 'Räude, Scabies', anord. hrüär 'Grind auf einer 
Wunde'. Vielleicht stammverwandt mit Ui. crüdus. — Ritten 'Fieber', ahd. ritftjo, ags. 
hrida 'Fieber', ursprünglich wohl 'Zittern', vgl. air. crith 'das Zittern'. — Rotz, ahd. hroz 
'Rotz, Nasenschleim" zu gr.y.ogvi^a (köryza) 'Schnupfen, Katarrh'. — Sdimerz, ahd. smärzo, 
dazu sdimerzen, ahd. smerzan, e. to smart 'schmerzen, leiden'. Ursprünglich 'stechen', wie 
aus e. smart 'scharf, beißend, schneidig' und dem verwandten lat. mordire 'beißen', gr. 
o/ifo^a/.fo,- (smerdaleos) 'gräßlich' hervorgeht. Ein andrer alter Ausdruck für 'Schmerz' steckt 
in sehr, ahd. str 'schmerzlich', ser 'Schmerz', e. sore 'Schmerz, Wunde, schmerzhaft', 
got. sair 'Schmerz'. Stammverwandt mit air. säeth 'Leid, Mühe, Krankheit', 1. saevus. — 
Sdinupfen, spätmhd. sdmupf zu sdinauben. — Sdiorf, mnd. sdiorf zu sdiürfen. — 
Sdiwäre, ahd. swero 'Krankheit, Krankheitsschmerz'. Vielleicht zu awest. .v^ara- 'Wunde, Ver- 
wundung'. Dazu Gesdiwür, älternhd. Gesdiwär, ahd. giswer. — Sudit, in Schwindsudit usw. 
iu siedi 'krank'. Siehe unten. — wund, ahd. wunt, got. wunds, zu aind. ä-vätah 'unverletzt'. ~ 
Zipper lein zu zippen 'trippeln'. — Zitier odi 'Mal', ahd. zitaroh, e. tetter, ai. dadrüfi 'Aus- 
satz', lit. dedervine 'Flechte'. 

2. ENTLEHNUNGEN. 

Die Entlehnungen, die mit der Einwirkung der antiken Heilkunde zu 



§ 144. Krankheit und Heilung. 233 



uns gekommen sind, sind allmählich tief in das Volk gedrungen und können 
als eingebürgert gelten. 

Für Arzt besitzen die Goten das Wort lekeis, ahd. lähhi, e. leedi 'Tierarzt', das wohl 
aus kelt. air. /*fl/^ stammt. (Davon der Eigenname Z.ao'm^r); später dringt vom fränkischen 
Hofe das gr. aQxiaioög (ardiiairös), andd. ercetere, ahd. arzät 'Arzt' vor. Daneben kommt 
von den Römern zunächst: Pflaster, ahd. pflastar, t. plaster aus gx.Aai. hiTilaaroov {em- 
plastron); Büchse, ahd. bufisa aus m\a{. buxis, gr. .ti\*(V (pyxis) 'Büchse aus Buchsbaum- 
holz, Arzneibüchse' und Fieber, ahd. fiebar, t. fever aus \at. febn's. 

Später sind: Koller, ahd. kolero aus lat. diolera, gr. xoUoa (kholera). — Fistel, 
ahd. fistul 'Röhre', mnd. vistel 'Geschwür' aus lat. fistula 'tiefgehendes Röhrengeschwür'. — 
Af/5^/5«o'2^ 'Aussatz', mhd. miselsuht, ahd. m/5^/ 'aussätzig' aus \a\. misellus. — Apo- 
theke, mhd. apoti'ke aus gr. -\a\. apotheca 'Haus zum Kräuterverkauf. — Arzenei, mhd. 
arzenie neben arzätie neugebildet. — Pille, mhd. pillule aus \a\. pillula. — Mixtur, 
mhd. mixtüre 'Mischung', aus lat. mixtüra. — Latwerge, mhd. lactwärje, auch electuärfe 
aus lat. eclecluärium 'dicker Heilsaft' von gr. Ey.leixzixöv {eklektikön) 'auszuleckendes'. — 
f/Zx/r 'Kraft-, Heiltrank', s^t'aimhd. elixire, arab. ^/ iksir. — Lakritze, s^äXmhd. lakerize 
aus mlat. liquiricia, gr.-lat. glykyrriza 'Süßwurzel'. 

Die neuere Medizin bestreitet ihre Bezeichnungen im wesentlichen mit 
griechischem Sprachgut. Aus dem überreichen Stoff kann hier nur einiges 
mitgeteilt werden. 

amputieren (1801), lat. amputure. — A n a t o m i e {1565 Anatomey\), lat. anatomia. — 
Arterie (1532), gx. -\zi. arteria. — Asthma (18. Jh.), gx.äoOaa {asthmo). — Chiragra 
(18. Jh.), gx.-lai. chiragra. — C/z/rur^ (frühnhd.), gx.-lat. diirurgus. — C/zo/^ra (spät- 
mhd.), gr.-lat. cholera. — Diarrhöe (.1711), gr.-lat. diarrhoea. — Diät (frühnhd.), gr.-lat. 
diaeta. — Doktor (15. Jh.), gr.-lat. doctor. — drastisch (18. Jh.), gr.-neulat. drasticus. — 
Empiriker {IS. ^h.), gx.-lat. empiricus. — Epidemie (1728), gx.-lat. epidemia. — Epi- 
lepsie (1711), gr.-lat. epilepsia. — Exkrement (16. Jh.), lat. excrementum. — Extrakt 
(1585), nlat. extractus. — Furunkel (1588), lat. färunculus. — gastrisdi (18. Jh) zu 
gr. yaoxrjo {gastCer) 'Unterleib'. — Hämorrhoiden (18. Jh.), gr.-lat. hoemorrhois. — 
Homöopath (18. Jh.). — Hypochondrie {1115), gx.-lat. hypodiondria. — Hysterie 
(1813) zu gr. vazsga {hystera) 'Gebärmutter'. — Influenza (1791), ital. inflnenza. — 
Karbunkel (16. Jh.), lat. carbunculus. — Katarrh (17. Jh.), gx.-lat. katarrhus. — Ka- 
theter (17. Jh.), gr.-lat. catheter. — Klinik (18. Jh.), gr. x/.ntHTJ {klinikfs). — Klistier, 
mhd. klister, gr.-lat. clysterium. — Kolik (16. Jh.), gr.-lat. cölica. — Kur (16. Jh.), lat. cüra. — 
laxieren {1511), lat. laxäre. — Alediz in {15. Jh.), lat. mediana. — Melandwlie {1355), 
gx.-lat. melandiolia. — Miasma (1712), gx. fiiaofta {miasma). — Migräne (1727), frz. 
migraine, mlat. hemigrania, gr. yuuxoavla {hwmikrania). — Narkose (1712), gr. vÜQxcoaig 
{ndrkösis). — Obduktion (1791), lat. obductio. — operieren (17. Jh.), lat. operäre. — 
Opoldeldock, Schöpfung des Paracelsus. — Palliativ (18. Jh.), v\at. palliativ um. — 
Panazee (1595), gx.-lat. panacea. — Paralyse (1700), gr.-lat. paralysis. — Pastille 
(19. Jh.), lat. pastillus. — Pathologie {1694), x\lat. pathologia. — Pest {16. ]h.), lat. 
pestis. — Pestilenz (14. Jh.), lat. pestilentia. — Phlegma (1571), gx.-lat. phlegma. — 
Podagra, rx\hd. pödägrä, gr.-lat. podagra. — Poliklinik (1834) 'Stadtklinik'. — Puls, 
mhd. puls, ixz.pouls, mlat. pulsus. — Rachitis, gx. oo.yTxig {rhakhitis). — Rezept (15. Jh.), 
lat. receptum. — Rezidiv (1703), lat. recid/vus. — rheumatisch (18. Jh.), gr.-lat. r//^u- 
maticus. — sanguinisch (1523), nach lat. sanguineus. — Sanitätsrat, zsg. mit Sanität 
'Gesundheit' von lat. sünitäs. — Sassafras (17. Jh.), frz. Sassafras. — Schanker (1728), 
frz. diancre. — Scharlatan (17. Jh.), frz. charlatan. — Sdiarpie (18. Jh.), frz. dxarpie. — 
Skelett (17. Jh.), gr. oxe/.stöv {skeletön). — Skorbut (1703), spätmlat. scorbutum. — 
Skrofel (mnd. 1483), lat. scröfulae. — Sonde (1712), fxz. sonde. — Spital, xnhd.spitäl. 



234 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



auch Spittel, mlat. Iiospitale. — Symptom (18. Jh.), gr. ovunxionn {symptöma). — 
Syphilis, 1530 erfunden, künstliche Bildung in Anlehnung an Sipylus, einem Sohn der 
Niobc. — Therapie (18. Jh.), gr. Onjarrn'n {therapeia). — Tinkliir (16. Jii.), lat. tinctüra. — 
virulent (1813), lat. virulcntiis. 

Diese Ausdrücke bekommen erst rechtes Leben, wenn man sie in Ver- 
bindunii bringt mit den Anscliauungen der verschiedenen medizinischen 
Schulen. Aber ich übersehe dieses Gebiet nicht. Ich erinnere nur an die 
vier Humorcs des menschhchen Körpers, die dessen Konstitution bedingen. 
Bei den Ausdrücken Choleriker, Sanguiniker, Phlegmatiker und Melanclioliker 
denkt wohl kaum einer mehr daran, welche Anschauung den Worten zu- 
grunde liegt. Die Entwicklung des Wortes Humor aus lat. hxmor 'Feuchtig- 
keit' gehört in dasselbe Gebiet. Es bedeutete die „innere Feuchtigkeit, Flüssig- 
keit", die den Charakter und die Eigentümlichkeit des Menschen bestimmte. 
So spricht noch Goethe von gutem, bestem, üblem, sdilimmem Humor. Die 
Ausbildung der Bedeutung zu dem jetzigen Sinne geht aber in England 
vor sich, und erst durch Lessing sind wir recht mit ihr bekannt geworden. 

Über die Bezeichnung für 'sterben', 'Tod' usw. siehe § 204. 

§ 145. Tanz und Musik. 

Literatur: DANIEL Ff^yklund, Vergleichende Studien über deutsche Ausdrücke mit 
der Bedeutung Musikinstrument, Upsaia 1910. 

Von den Künsten ist der Tanz am weitesten verbreitet. Wir finden 
ihn bei allen Naturvölkern, und er hat sicherlich auch bei den Indogermanen 
nicht gefehlt. Aber es gibt je nach Ort und Zeit sehr verschiedene Arten, 
es kommen immer neue Formen auf, und so ist auf diesem Gebiet die 
Entlehnung die Regel. An alten Ausdrücken haben wir noch, z. T. aber in 
stark veränderter Bedeutung: 

sdierzen, mhd. sdierzen 'mutwillig, lustig springen', dazu mhd. sdiarz 'Sprung', 
sonst nicht vorhanden, vielleicht zu aind. kürdati 'springt, hüpft', gr. oy.aloetv {skairen) 
'tanzen', y.öoda'^ {kördax) 'ein Tanz'. Wegen des späten Auftretens und der geringen Ver- 
breitung liegt indessen der Gedanke an Entlehnung oder an eine Neubildung nahe. Man 
hat es zu ahd. skern 'Scherz, Lust' gestellt. Von der Verbreitung des Wortes zeugt die Ent- 
lehnung ins Italienische sdierzare, sdierzo. — Leidi, entlehnt aus mhd. leidi 'Gesang aus 
ungleichen Strophen", got. laiks 'Tanz', laikan 'tanzen' (umgedeutet noch in Wetter- 
leiiditen, mhd. weterleih) zu lit. /d/]g^J^/ 'wild umherlaufen'. Eins mit diesem Worte ist 
gr. rkekiCco {elelizo) 'mache erzittern'. Dasselbe ist Laidi 'Fischeier' mit merkwürdiger, 
aber ganz deutlicher Bedeutungsentwicklung. — Echt germanisch ist auch wohl Reihen, 
Reigen, mhd. reie. Wohl zu reihen 'sich begatten'. 

Sonst ist alles entlehnt. Im Althochdeutschen gebraucht man zunächst 
salzon aus lat saltäre. Im 11. Jahrhundert kommt aus frz. danse Tanz. 
Das französische Wort entstammt aber dem frk. danson 'ziehen, hinter sich 
dreinführen'. Dazu gesellen sich dann mehrere französische Tanznamen, von 
denen sich indessen nur Firlefanz in veränderter Bedeutung erhalten hat. 
Mhd. fi rief anz, firlafei 'lustiger Springtanz' aus frz. i^/r^/fl/ 'Ringeltanz'. 

Was wir sonst an Tanznamen besitzen, entstammt der Neuzeit. Die 
Ausdrücke sind alle recht jung, und jeder weiß ja, wie rasch sich auf diesem 
Gebiet die Sitte und damit die Sprache verändert. 



§ 145. Tanz und Musik. 235 



Ball, 17. Jh., ital. ballo, frz. bal. — Cancan, 2. Hälfte des 19. Jh., frz. cancan und 
dies aus \z[. quamqiiam. — Galopp, wohl erst im 19. Jh., hz. galop. In der Bedeutung 
'Sprunglauf des Reittiers' schon 1616. — Gavotte, 1791, ixz. gavotte. — Kontertanz, 
1771, c. countrydance. — Kotillon, 1791, frz. cotillon. — Ländler, Ende des 18. Jh., 
Bauerntanz aus dem Oberlandl, dem Land ob der Enns. — Masurka 'der masurische 
Tanz', findet sich 1740 am Hofe August III. von Polen und wird 1840 wieder neu belebt. — 
Polka, von [chtoh.piilka 'Halbschritt', 1835 aufgekommen, wurde in der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts so beliebt, daß man alles, was schön, elegant, fesch war, Polka nannte, und 
G. Keller sogar eines seiner Gedichte Polkakirdie überschrieb. — Polonaise, 1781, 
hz. polonaise. — Quadrille, 1728, frz. quadrille. — Walzer, 2. Hälfte des 18. Jh., von 
Obcrdeutschland vorgedrungen. Von walzen 'sich drehen'. 

Noch heute ist ja unsere Tanzkarte im wesentlichen französisch, und die 
neueste Zeit hat uns schon wieder neue Tänze und fremde Worte dafür beschert. 

Mit dem Tanz ist die Musik auf das engste verbunden.- Einfache Musik- 
instrumente finden sich schon auf der niedrigsten Stufe der menschUchen 
Entwicklung. Über diese waren die Germanen sicher weit hinaus, wie die 
im Norden gefundenen mächtigen metallenen Luren beweisen. Trotzdem 
stehen wir auch auf diesem Gebiet im wesentlichen unter fremdem Einfluß. 

Echt germanisch können sein: Geige, mhd. gjge (12. Jh.), an. gigia. Vielleicht zu 
anord. geiga 'schräg gehen'. Das Wort kam ab, weil es einen obszönen Sinn erhielt, ist 
jetzt aber wieder üblich. — Harfe, ahd. harpfa, e. harp, schon im 5. Jh. als germanisches 
Tonwerkzeug erwähnt. — Trommel, erst spätmhd. trumel, aber doch vielleicht echt ein- 
heimisch. Vielleicht zu Trumm 'kurzer Baumstamm'. — Hörn ist ein indogermanisches 
Wort, und gewiß wird das Hörn frühzeitig auch musikalisch benutzt sein, aber wann? 
wissen wir nicht. — Veraltet ist jetzt Sdiwegel, Sdiwiegel 'Querpfeife', noch obd., 
ahd. snegala 'Flöte', got. swiglja 'Flötenbläser'. Vielleicht zu lat. sibilare. 

Schwegel und Harfe sind also die einzigen sicher alten Namen für ger- 
manische Musikinstrumente. Unklar ist Pauke, mhd.puke, vielleicht zu Bauch. 

ENTLEHNUNGEN. 

a) Im Mittelalter: Potte 'Art Harfe', jetzt veraltet, ahd. lirotta, aus dem Kelt. — 
Fiedel, ahd. fidula, e. fiddle aus mlatvitala, woher ital. viola, kz.violine. — Pfeife, ahd. 
pfifa, e. pipe, mlat pipa 'Röhre'. — Flöte, mhd. vloite, afrz. flaute. — Posaune, mhd. 
busüne, afrz. buisine. — Sdialmei, mhd. schalemTe, afrz. chalemie. — Trompete, daneben 
Dromete, spätmhd. trumet(te), ixz. trompette. — Zimbel , ahd. zymbala, gr.-lat. cymbalum. 

Vieles, was damals entlehnt wurde, ist wieder verloren gegangen. 

b) In der Neuzeit. 

Wir stehen noch immer in der Musik völlig unter dem italienischen 
Einfluß, was sich zunächst in den Namen der Musikinstrumente zeigt, die 
fast völlig italienisch sind. 

Bratsche, 1678, ital. wo/a da braccio. — Cello, 1813, aus Violoncell(o) , 1727, 
ital. Violoncello. — Fagott, 1616, ital. fagotto. — Gambe, 1700, ital. viola di gamba. — 
Gitarre, 1615, span. guitarra. — Harmonika, 1763 erfunden. — Klarinette, 1791, 
frz. clarinette, ital. clarinetto. — Klavier, zunächst die Tastenreihe der Orgel, so 1616, 
frz. clavier. Als Name des Instruments seit Ende des 17. Jh. vorkommend. Als ältere Namen 
schon Anfang des 15. Jh. Klavizimbel, nlat. clavicimbalum, und Spinett, 1544, ital. 
spinetta. — Eine neue Abart ist das Pianoforte 'Hammerklavier', im 18. Jh. erfunden. 
Dafür auch Fortepiano, gekürzt Piano, und seit der Mitte des 19. Jh. das Deminutivum 
Pianino. Als deutscher Ausdruck hat sich Flügel, Anfang des 18. Jh., eingebürgert. — 



236 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Mandolirtc, 18. Jh., Uz. maruioline. — Oboe, 1703, Uz. haut-bois. — Pickelflöte, 
1809, ital. flaiito piccolo. — Violine, um 1700, itai. violino. — Zither, 1678, auch 
schon ahd. zitera, gr.-laf. kithara. 

Entsprccliend dem, was wir soeben angeführt haben, zeigen auch die 
sonstigen Ausdrücke für Musik meistens ein fremdes Gepräge. Bekannt 
sind die allgemein verbreiteten italienischen Bezeichnungen für die Zeit- 
maße {Tempo, ital. tempo) wie Adagio, Allegro, Andante, Presto, 
die wir schwerlich beseitigen können, obgleich einzelne Musiker wie 
Beethoven in seinen letzten Jahren, Schumann u.a. manchmal deutsche 
Ausdrücke vorgeschrieben haben. Wir haben es hier mit technischem Stoff zu 
tun, an den man nicht rühren sollte. Während diese Ausdrücke doch nur dem 
Musiker geläufig sind, sind andere tiefer in die Sprache eingedrungen. 

Arie, 17. Jh., ital. «r/rt. — Bariton (17. Jh.), i\a.\. baritono. — bravo, 1774, ital. 
bravo. -^ Duett, 18. Jh., \{d\. liuetto. — Fuge, 1616, '\\.dA. fuga. — Furore, 1854, ital. 
furore. — Kantate, 1712, '\{a\. cantata. — Konzert, 1650, '\{a\. concerto. — .Motette, 
1556, iiä\. mottetto. — Oper, 1681, ila\. opera. — Operette, Ende des 17. Jh., ital. 
operetta. — Primadonna, Ende des 18. Jh., i\al. prima donna. — Quartett, 18. Jh., 
\\a\. (juartetto. — Quintett, 18. Jh., \\z\. quintetto. — Rezitativ, \7\2, Ha\. recitativo. — 
Sinfonie, 1728, ital sinfonia. — Sonate, 17. Jh., \\a\.sonata. — Solo, 1712, ital. so/o. — 
Virtuose, 1710, ital. virtnoso. 

Alle diese Ausdrücke sind mit der italienischen Oper gekommen. Daneben stehen 
einige Worte französischer Herkunft: Ordiester, 1727, frz. ordiestre. — Ouvertüre, 
\1'T1, frz. Ouvertüre. — Potpourri, 1741, Uz. pot pourri, eigentlich ein Küchenausdruck. 

Aber damit ist der fremde Sprachstoff nicht erschöpft. Älter als der 
italienische und französische Einfluß ist der der Kirchenmusik mit ihren 
lateinischen Ausdrücken, ein Einfluß, der z. T. in die mittel-, ja althoch- 
deutsche Zeit zurückgeht. 

Akkord, \&.Sh.,m\z{.accordum. — Chor, mhd. ^ör 'Sängerschar', gx.-\a\.diorus. — 
Choral, frühnhd., mXzi, dioralis. — Diskant, mhd. discante, mlat. discantus, eig. 'der 
Gesang von zwei Stimmen'. — Harmonie, schon mhd. armonie, lat.-gr. harmonia. — 
Kapelle, m\ai. capella. — komponieren, 1517, ht.compünere; Komponisthei Lutlier. — 
Kontrapunkt, 1571, m\a{. contrapunctum. — Melodie, mhd. melodie, woraus Melodei, 
gr.-lat. melödia. — Musik, schon ahd. müsika aus gr.-lat. mäsica, aber seitdem öfter aufs 
neue entlehnt. — Note, ahd. nota 'Neume', lat. nota. — Partitur, 1673, mlat. partitura. — 
quinkelieren, ans quintclieren, mhd. quintieren, eig. 'in Quinten singen', m\a{. quintare. — 
Rhythmus, schon ahd. Dat. PI. ritmusen, gr.-lat. rhythmus. — Takt, 1572, lat. tactus. — 
Ton, mhd. tön, don, ahd. bei Notker tonus, gr.-lat. tonus. 

Die Musik hat stets im Volk eine große Rolle gespielt, und es kann 
daher nicht wundernehmen, wenn zahlreiche musikalische Ausdrücke eine 
allgemeinere Bedeutung bekommen haben. 

Ganz verständlicli sind: den Ton angeben; — die erste Geige spielen; — die 
alte Leier; — einem die Wahrheit geigen; — gelindere Saiten aufziehen; — 
seine Saiten nidit zu straff spannen; — der Himmel hängt ihm voller 
Geigen; — die lieben Engeldien singen hören. Wahrscheinlich stammt auch die 
Redensart etwas aus dem Effeff verstehen von dem musikalischen Vorzeichen 
// = fortissimo. 

Bemerkenswerter sind die übertragenen Bedeutungen von Ton, Takt, 
Stimmung, bei denen die musikalische Bedeutung bei weitem die ältere 



§ 146. Schule. Wissenschaft. 237 

ist. Auch Harmonie ist auf das allgemein Menschliche übertragen und 
hat in harmonisch eine besondere Bedeutung bekommen. Weniger hat sich 
Dissonanz eingebürgert, obgleich es auch häufig übertragen gebraucht wird. 
Am merkwürdigsten sind aber die folgenden Ausdrücke, die ganz unverständlich 
geworden sind, kunterbunt ist sicher = Kontrapunkt. Die früheren Deutungen, die 
an mhd. kunter 'Ungeheuer' anknüpften, sind verfehlt. In einem Liedchen aus dem 
15. Jh. (vgl. Weigand) heißt es noch: 

Spelmon, spon du deine Saita, 

daß es klingt fein contrabund. 

Ahnlich geht Larifari auf die Tonbezeichnungen der italienischen Solmisation des 
Guido von Arezzo zurück, wie es denn aus dem 15. Jh. überliefert ist: 

da sungen sie die messe terribilis 
La re fa re ut in excelsis. 

Und das mundartliche Fladuse 'Schmeichelei' ist Uz. flute douce lieblich klingende 
Flöte'. Dazu gesellt sich noch Sdiurrpfeifereien zw Sdinurrpfeife und verfumfeien, 
auch verbumfiedeln von nd. Bumfei, Fidelfumfei 'Violine, Bierfidel'. 

§ 146. Schule. Wissenschaft. Wir werden weiter unten die Sprachen der 
verschiedenen Wissenschaften behandeln. Hier soll nur auf das Älteste und 
Einfachste hingewiesen werden. Die Wissenschaft beginnt mit dem Lesen und 
Schreiben, Die Ausdrücke, die sich darauf beziehen, hängen zum guten Teil 
mit der ältesten germanischen Schrift, den Runen, zusammen. Bekanntlich 
berichtet Tacitus Germ. 10: Virgam fragiferae arbori decisam in stirculos 
ampiitant eosque notis quibusdam discretos super candidam vestem temer e 
ac fortaito spargunt. Mox, si publice consultetur, sacerdos civitatis, sin 
privatim, ipse pater familiae precatus deos caelumque suspiciens ter 
singulos tollit, sublatos secundiim impressam ante notam inte.pretatur. 
Aus diesem Tatbestand erklären sich zunächst die Ausdrücke Budi und Budistabe. 
Letzteres, ahd. buodistab, gemeingerm., ist ja nichts anderes als Budien-stab {virga frugi- 
ferae arbori decisa in surculos amputata). Etwas schwieriger ist Budi, ahd. buoh, e. bock. 
Got. bedeutet böka 'Buchstabe', der PI. bökös 'Buch, Schrift, Brief, also eigentlich 'die Buch- 
staben'. Got. böka hängt natürlich mit Budie zusammen. Ein andrer Ausdruck für die 
Schrift ist altn. ags. rwrt, ahd. /•w«a 'Schrift', jetzt Rune, aus dem Nordischen übernommen, 
got. heißt rüna 'mysterium'. Dazu noch raunen, ahd. rünen, urspr. wohl 'geheimnisvoll 
besprechen', dann etwa 'Zauber treiben', das Subst. räna zunächst 'Zauber', dann 'Zauber- 
zeichen'. Es gehört zu gr. sQswäv (ereunän) 'nachspüren'. Für sdireiben bilden sich im 
Germanischen aus eigenem Sprachgut verschiedene Ausdrücke. Engl, write, ahd. ri^^ian 
'scribere, exarare', jetzt reißen, \g\. Reißbrett, Reißfeder, Umriß, Riß, got. writs 
'Strich in der Schrift, Punkt', ist eigentlich ritzen, also von dem Schreiben in Holz her- 
genommen. Ähnlich anord. merkja, marka 'mit einer Marke versehen'. Got. heißt es meljan, 
unser malen, und anord. /(i aus *faihjan 'bunt machen' zu got. faihs, gx.noiy.ü.og (poikilos) 
'bunt'. Lesen, ahd. lesan. Dies bedeutet wie noch heute 'auswählend sammeln, aufheben, 
lesen', e. to lease nur 'Ähren lesen'. Jedenfalls ist 'sammeln' die ursprüngliche Bedeutung, ^ 
aus der sich, wie man meinte, die von 'lesen' auf Grund des Zusammenlesens der Runen- 
stäbe entwickelt haben soll. Das ist indessen wahrscheinlich falsch. Vielmehr liegt hier 
wohl eine Nachbildung des lat. legere, das 'sammeln' und 'lesen' hieß, vor, was um so 
wahrscheinlicher ist, als unser sdireiben aus dem Lateinischen entlehnt ist. Der Gote sagte 
siggwan, us-siggwan, eig. 'singen', was offenbar ein kirchlicher Ausdruck war, vom Vor- 
trag des Evangeliums hergenommen, der Engländer to read, ags. rwdan, d. raten, d. h. 



238 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

•die Runen erraten'. Diese Ansätze, die aus germanischem Sprachgut die wichtigsten Aus- 
drücke auf diesem Gebiete schufen, wurden aber durcli Entlciinungen aus dem Lateinischen, 
offenbar vermittelt durch die Klosterschuien, unterbrochen. 

sdireiben, ahd. skriban, ags. scnfan ist allerdings, wie Heyne mit Recht bemerkt, 
ein Lehnwort, das wegen der starken Flexion aus früher Zeit stammen muß. Er meint, es 
knüpfe an das scnbere m'tliUs an und sei erst später natürlich unter dem Einfluß der 
eigentlichen Bedeutung von lat. scnbere auf das Schreiben übertragen. — Sdiule, ahd. 
scuola, t. sdiool aus lai. scola. — Tinte, ahd. tinkta aus \al. tincta 'gefärbt, bunt". Da- 
neben in Niederdeutschland bladi zu engl, bladi 'schwarz'. Engl, ink stammt aus gr.-lal. 
encaustum 'das Eingebrannte'. 

Es kommen ferner- Alphabet, mhd. alpfabrte, gr.-lat. alphabetum. — Badiant 
(15. Jh.), lat. bacchantem. — Brief, ahd. briaf aus lat. breve. — Griffel, ahd. grifil, 
unter Anlehnung an greifen aus g\Aai. graphium. — korrigieren, 1421 korrigieren, lat. 
corrigere. — Linie, mhd. linie, aus \at. Imea. — Meister, ahd. meistar aus lai. magister. 
Hierher gehört auch diditen, ahd. dihtOn, tihtün 'in Versen erfinden und schaffend hervor- 
bringen" aus lat. dictäre. — Papier aus lat. papyrum, aber erst Anfang des 15. Jh. — 
Pergament, mhd. permint aus \a\. perganunum. — Sieget, ahd. insigili, goi. sigljö aus 
lat. sigillitm. — Silbe, ahd. sillaba aus lat.-gr. syllaba. — Tafel, ahd. tafala aus lat. 
tabula {t nicht zu z verschoben, also spät). — Vers, ahd.vers aus \ai. versus. 

Während im Mittelalter manches eingedeutscht wird, tritt mit der 

Humanistenzeit das Latein in der Lateinschule wieder in den Vordergrund 

und noch heute sind unsere Schulausdrücke im wesentlichen lateinisch. 

Ich beschränke mich hier auf die Nennung einiger Ausdrücke. 

Abiturient, Akademie, diktieren. Direktor. Disziplin, elementar, Elemente. Examen, 
Famulus, Gymnasium, Institut, interpretieren. Interpunktion, Karzer, Katheder, Klasse. 
Klausur, Kollege, Kurs, Lektion, Lineal, Lyzeum, memorieren. Pensum. Prämie, prä- 
parieren. Präzeptor. Professor. Realsdiule. Rektor, repetieren, rezitieren. Seminar, 
Stipendium. Studium. Zensur. 

Ähnlich steht es mit der hohen Schule, der Universität. Bekanntlich 
war hier die Vortragssprache durchaus lateinisch, bis Christian Thomasius 
die erste Vorlesung in deutscher Sprache hielt. Es kann daher nicht wunder- 
nehmen, wenn die Ausdrücke für Universitätseinrichtungen fast durchweg 
lateinisch sind. Es ist nicht möglich, hier des nähern darauf einzugehen. 
Es sei nur darauf hingewiesen, daß eine Reihe von lateinischen Ausdrücken 
auf verschiedenen Wegen z. T. tief in die Volkssprache eingedrungen sind. 

ad absurdum führen; — ad notam nehmen: — alter ego; — bona fide; — 
circa; — cum grano salis; — das Dekorum wahren; — in seinem Esse sein; — 
et cetera; — ex 'aus'; — extra {mir ist nicht recht extra); — Faktum; — Gaudium; — 
in nuce; — jemanden koram nehmen, koramieren; — Medium; — jemanden Mores 
lehren; — non plus ultra; — Notabene; — Odium; — per; — post festum; — 
prae {das Prä haben); — praeter propter; — Punktum; — stante pede; — 
sab rosa; super {-klug, -fein); — Unikum usw. 

§ 147. Rückblick. Wir haben im Verlauf dieses Kapitels eine Anzahl von 

Worten, nach Begriffsgruppen geordnet, an uns vorüberziehen lassen. Eine 

Reihe von andern wird der Leser in dem Abschnitt über die Berufssprachen 

finden, wo sie sich besser einordnen. Auf ausführliche Erörterungen und 

Folgerungen haben wir meistens verzichtet, weil der Raum beschränkt ist, 

und weil sie vielfach von selbst ins Auge treten. Der Leser muß natürlich 



§ 147. Rückblick. § 148. Die Farben. 239 

immer, wenn er sich noch eingehender unterrichten will, die etymologischen 
Wörterbücher und die Darstellungen der Kulturgeschichte zu Rate ziehen. 

Wir haben gesehen, daß neben die einheimischen Worte oft genug die 
fremden treten, und gerade diese sind für die kulturgeschichtliche Betrach- 
tung außerordentlich anziehend, da wir die Entlehnung meist ihrer Zeit und 
ihrer Herkunft nach genau bestimmen können. In solch einer nach Kate- 
gorien geordneten Betrachtung tritt die eigentümliche Art der Entwicklung 
unsres Wortschatzes deutlich hervor. Hier liegt aber nun ein Feld, auf dem 
noch viele arbeiten können. Wir stehen noch in den Anfängen, und jeder Ab- 
schnitt verdiente eine besondere eingehende Untersuchung. Es würde der beste 
Lohn für meine Arbeit sein, wenn sie zu solchen Untersuchungen anregte. 

Der Sprachstoff, den wir bisher betrachtet haben, bestand meistens aus 
Substantiven. Aber daneben steht der andere Teil des Sprachschatzes, die 
Adjektive, Verben, Pronomina usv^. Auf diesem Gebiet haben wir es viel 
seltener mit Entlehnungen zu tun, sie sind indessen nicht ausgeschlossen. 
Die Fülle des Stoffes ist freilich zu groß, als daß sämtliche Worte vor- 
geführt werden könnten. Ich beschränke mich daher auf eine Auswahl des 
kulturgeschichtlich Wichtigsten. 

§ 148. Die Farben, Zu den Eigenschaften der Dinge, die dem Menschen 
in der Natur entgegentreten, gehören vor allem die Farben. Die Völkerkunde 
lehrt uns, welche Vorliebe der primitive Mensch für diese Seite der Natur 
hat, und daß er mit Farben seinen Körper und seine Gebrauchsgegenstände 
schmückt. Von den alten Germanen im besondern berichtet Tacitus, Germ. 6: 
scuta lectissimis coloribus distingimnt. Tatsächlich ist denn auch die Zahl 
der Farbenbezeichnungen im Germanischen, die vorgeschichtlich ist, recht be- 
trächtlich, und von manchem Ausdruck, der sich vorläufig in den verwandten 
Sprachen noch nicht nachweisen läßt, wird man annehmen dürfen, daß er 
dort verloren gegangen ist. Denn die ältere Zeit verfügte, wie man mit 
Sicherheit annehmen darf, über viel mehr Farbenausdrücke als die jüngere. 
J. Schmidt hat in seiner Kritik der Sonantentheorie sehr Bemerkenswertes 
über die Farbenbezeichnungen der Litauer mitgeteilt, s. o. S. 98. Und wie 
bei den Litauern ist es auch anderswo gewesen, überall muß eine Fülle 
von Ausdrücken vorausgesetzt werden. 

Ich verzeichne zunächst die einheimischen Ausdrücke .-i) 
blank, ahd. blank, e. blank zu blinken. — blaß, ahd. blas 'weiß, weißlich', eig. 
wohl 'leuchtend' zu e. blaze 'brennende Fackel'. — blau, ahd. bUw, bläwer, e. blue (aus 
frz. bleu) nicht zu latflävus 'gelb' wegen der verschiedenen Bedeutung, sondern aus *mlewas 
und zu gr. ni'/.ag {melas) 'schwarz', lit. melinas 'blau' zu stellen. Der Bedeutungsübergang 
von blau zu sdiwarz und umgekehrt ist nicht selten. — bleidi, ahd. bleih, e. bleak. — 
blond ist erst um 1650 aus dem Französischen entlehnt, hier aber ein Lehnwort aus dem 
Germanischen. Das erschlossene urgerm. *blundaz hat einen Verwandten in aind. bradhndh 'röt- 

') Vgl. hierzu auch E. Schwentner, Eine ' nischen Farbenbezeichnungen, Diss. Münster, 
sprachgeschichtliche Untersuchung über den Göttingen 1915. 
Gebrauch und die Bedeutung der altgerma- j 



240 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



lieh, falb'. — braun, ahd. bnin, e. brown, wurzelverwandt mit lit. bcras, aind. babhriih 'rot- 
braun'; genau entspricht gr.f/oryq (j^hrynoe) 'Kröte'. Stammverwandt ist auch Bär, ahd. 
ygro. — fahl unA falb, ahd. falo; c. fallow zu \at pailidiis aus *palvidus, gx.:iioXiög 
(poliös) 'grau', abg. plavii 'weiß'. — Fe he 'sibirisches Eichhörnchen', mhd. vfdi 'buntes 
Pelzwerk', ahd. f eh 'bunt', got. -faihs zu gr. . 1:01x1X0^ ipoikilos) 'bunt'. — gelb und gehl, 
ahd. gelo, gelwes, t. yellow zu \allielviis. — grau, ahd. gräo, gräwfr, e. grey, gray zu 
\a{.rävus aus *hr(ivus 'grau, graugelb'. — greis, mhd. gris, asächs. ^ris; vielleicht zu 
grau, Ah\aul grc : gri. — griln, ahd. gruoni, t. green, gewöhnlich zu ahd. gruoen 'grünen', 
t.grow gestellt. — ahd. hasan 'grau', vielleicht in Hase 'der graue' vorliegend, zu \alcunus 
aus *casnus 'grau, aschgrau', osk. casnar 'senex' und vielleicht auch in gr. ^urDo: {xanthös) 
'blond'. — rot, ahd. rät, e. red, got. raups zu gr. tin-Dooi {erythros), lat. ruber. Ursprüng- 
lich wohl vom Blut gesagt. — sdiwarz, ahd. swarz 'dunkelfarbig, schwarz', e.swarthy, got. 
swarts zu lat. suäsum aus *suarssom 'rußigbrauner Fleck' und sordes 'Schmutz'. — weiß, 
ahd. hwti, e. white, got. heits aus *hwitno zu aind. nvitnah 'weiß', daneben svi'tdh, svitrdli und 
vielleicht lat. vitrum 'Glas'. 

Außerdem gibt es in alter Zeit noch eine ganze Reihe andrer Farben- 
bezeichnungen. Entlehnungen auf diesem Gebiet bringt im allgemeinen 
erst die Neuzeit, indem meist die Namen bestimmter Gegenstände mit aus- 
gesprochener Farbe zur Farbenbezeichnung werden: 

brünett, 17. Jh., frz. brunet. — bunt, mhd. bunt, lat. punctus. — karmesin 'hoch- 
rot', 1478, ital. carmesino. — karm in ,1717, frz. carmin, beide von Kermes, ai. kfmili 'Wurm'. — 
klar, mhd. klär, lat. clärus. — lila, 1791, frz. lilas 'Flieder'. — orange, 1777, eig. 
'orangenfarbig'. — purpurn, ahd. purpurin zu Purpur, got. paürpura aus gr.-ht. Pur- 
pura. — rosa, 1801, mhd. rösenvarwe. — rosinfarb 'scharlachrot', mhd. rüsinvar zu 
Rose, aber frühzeitig auf Rosine bezogen. — ultramarin, von jenseit des Meeres, aus 
dem Lasurstein gewonnen. — violett, 1703, frz. violet, also 'veilchenfarbig'. — Merk- 
würdig ist die Entwicklung von blümerant, hz. bleumourant, von Zesen mit sterbeblau 
verdeutscht. Jetzt nur so viel wie 'schwindlig'. 

Der Allgemeinbegriff Farbe ist erst althochdeutsch, farawa, gebildet 
von einem Adjektivum, ahd. faro. Es hängt dies mit der späten Ausbildung 
der Allgemeinbegriffe zusammen, die wir wiederholt berührt haben. 

§ 149. Mängel der Körperbeschaffenheit. Es muß natürlich für die Mängel 
an den Gliedern und den Sinnen mannigfache Ausdrücke schon in den 
ältesten Zeiten gegeben haben. Aber wir finden auf diesem Gebiet nicht 
allzuviel altes Erbgut, offenbar, weil hier die Verhüllung eine große Rolle 
spielt. Die alten Wörter bekommen einen harten Klang, und man drückt 
daher die Sache durch ein neues Wort aus. hifolgedessen ist der Herkunft 
derartiger Worte schwer nachzukommen, und es kommen ganz merkwürdige 
Bedeutungsübergänge vor, über die wir jetzt durch eine besondere Arbeit 
gut unterrichtet sind.i) 

sdieel, sdiiel, ahd. skelah : gr. oy.aXrjvös (skaltenös) 'hinkend, bucklig', lat scelus 
'Verbrechen'. — blind, ahd. blint, e. blind zu got. blandan 'mischen, trüben', lit. blista 'es 
wird dunkel'. Got. heißt es haihs 'einäugig' = lat. caecus 'blind'. — taub, ahd. toub auch 
'stumpfsinnig, närrisch, toll', e. deaf, got. daufs 'verstockt' : gr. ti'9;-16,- {typhlös) 'blind'. — 
dumm, ahd. tumb 'stumm, taub, stumpfsinnig', e. dumb, got. dumbs 'stumm'. Vielleicht zu 



^) Jakob Oeler, Die Ausdrücke für die körperlichen Gebrechen in den idg. Sprachen, 
Diss. Marburg 1916. 



§ 150. Geschmack. § 151. Moralische und geistige Eigenschaften. 241 

Dampf. Die älteste Bedeutung wäre 'betäubt'. Vgl. Oeler S. 48. — stumm, shA. stum. 
Wohl zu stammeln, ahd. stamal 'stammelnd'. — stottern : stoßen. — lahm, ahd. lam 
'gliederschwach, lahm', e. lame. Dazu mit Ablaut ahd. luomi, jetzt liinim, wovon Lümmel, 
nd. lummel. Zu abg. Zorn/// 'brechen'. — d. sehe mp ein, e. shamble zu gr. ay.a/ißö; {skam- 
bös) 'krummbeinig'. — hinken : gr. axdCco (skäzö), ai. khav ja- 'hinkend'. — Krüppel, 
nd. Kröpel, e. cripple : gr. ygvjiög (grypös) 'gekrümmt'; dazu auch wohl Kropf. — Hammel, 
eig. 'verstümmelt', ahd. hammer 'verstümmelt, gebrechlich'. 
§ 150. Geschmack. 

süß, ahd. 5«03/, e. sweet, got suis zu gr. Tjdvg (hwdys), \a\. suä(d)uis. — bitter, 
ahd. bittar, e. bitter, gotisch mit Ablaut baitrs; zu beißen, ist aber eine alte Bildung wegen 
des Ablautes und wegen des Suffixes. — sauer, ahd. sär, e. sour zu abg. syrü 'roh', lit. 
stiras 'salzig'. — herb, mhd. here, herwer. 

§ 151. Moralische und geistige Eigenschaften. Eine wirklich ausreichende 
Darstellung der Ausdrücke für die moralischen und geistigen Eigenschaften 
erforderte eine eingehende Untersuchung, die nur in größerm Rahmen mit 
Heranziehung der Gleiches bedeutenden Wörter der verwandten Sprachen 
geführt werden könnte. Außerdem müßte bei jedem Wort die Entwicklungs- 
geschichte gegeben werden. 

Vgl. dazu Franz Schmidt, Zur Geschichte des Wortes 'gut'; ein Beitrag zur Woft- 
geschichte der sittlichen Begriffe im Deutschen, Berlin 1898; Fr. Vogt, Der Bedeutungs- 
wandel des Wortes „edel". Rektoratsrede, Marburg 1909. 

gut, ahd. guot, e. good, got. göps 'gut, tüchtig, schön'. Ein altes Wort, das ursprüng- 
lich 'passend' bedeutet und zu got. gadiliggs 'Verwandter', e. together 'zusammen', abg. 
goditi 'genehm sein', godä 'passende Zeit' gehört. Der alte Sinn läßt sich bis in das mittel- 
hochdeutsche Volksepos verfolgen. — Der Gegensatz zu gut ist ursprünglich übel, ahd. 
ubil 'schlecht, böse', e. evtl, got. ubils 'schlecht'; nicht erklärt. — böse, tritt erst spätalt- 
hochdeutsch als bösi auf. Den jetzigen Sinn bekommt es eigentlich erst im Mittelhoch- 
deutschen. Es gehört zu e. to boast 'prahlen', norw. baus 'hitzig, heftig, übermütig'; vgl. 
auch ahd. bösa 'Possen'. — sdilecht, ahd. sieht bedeutet 'gerade, glatt', got. slaihts 'eben, 
gerade', e. slight 'gering'. Die heute überwiegende Bedeutung ist erst neuhochdeutsch, 
ausgegangen wohl von der sozialen Gliederung der Stände: sdiledite Leute sind zunächst 
'einfache, geringe Leute'; dieselbe Anschauung kommt auch in Worten wie gemein, ge- 
wöhnlidi zum Ausdruck. — edel, ahd. edili, von Adel abgeleitet. Ähnlich hat sich 
hübsdi entwickelt, mhd. hübesdi von hof, dem frz. courtois entsprechend. Noch heute 
bedeutet es in Leipzig 'fein, angenehm, artig' von Menschen. Für die Bedeutung 'pulcher' 
vgl. Ausdrücke wie edle Züge. — bieder, erst im 18. Jh. wieder aufgekommen, ahd. biderbi 
von Sachen 'nütze'; allmählich auf Personen beschränkt. — fromm, im 12. Jh. /rum, 
eig. 'vorwärts gehend' zu ahd. /rawm 'Nutzen, Förderung'; unsere jetzige Bedeutung haupt- 
sächlich durch Luther. — tapfer, ahd. Zö;?/«/- 'gewichtig' zu abg. dobrä 'schön, gut'. Das 
Germanische hat wohl die Grundbedeutung. Die jetzige Bedeutung erst spätmittelhoch- 
deutsch. — kühn, ahd. kuoni 'kühn, kampflustig, stark', ags. cene 'kühn, weise', e. keen 
'scharf, anord. kmin 'weise, erfahren', zweifellos zu idi kann 'ich weiß', also eig. 'erfahren', 
zu ergänzen 'im Kampf ; vgl. lat. ignävus zu (g)nösco. Ein anderes Wort für diesen Be- 
griff steckt in bald, ahd. bald 'kühn, tapfer', e. bold, got. balpaba 'kühn, dreist'; verwandt 
mit lit. bältas 'weiß'; die Bedeutungsentwicklung wäre 'hell, licht, kühn, schnell'. Ebenso 
hat sich sdinell entwickelt, ahd. 5/2^// 'tatkräftig, tapfer, schnell'; Ursprung dunkel. — 
dreist, asächs. thristi 'zuversichtlich'; Herkunft unbekannt. Zu lat. tristisl Vgl. dazu an. 
dappr 'traurig': d. tapfer. — feige, mhd.veige, asächs. fegi, t. fey bedeuten 'vom Ver- 
hängnis zum Tode, zum Unglück bestimmt'. Die jetzige Bedeutung erst spät. Ein älteres 
Wort dafür ist arg, ahd. arg 'nichtswürdig, geizig, feige', wohl zu lit. rägana 'Hexe'. — - 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 16 



242 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



frevel, ahd. fravali zu anord. afl 'Kr;ift, Stärke', also 'sehr stark'. — klug, mlid. kluoc 
'fein, zierlich, scliniuck, nett, gcislij,' fein', ndl. k/oek 'tapfer, kliiy'. Das Wort ist mittel- 
deutsch, die Mundarten zeigen mannigfach verschiedene Bedeutung. Das Wort wird zu 
gr. y/M^fs (glökhes) 'Hecheln der Ähren', ylotyig (glükhis) 'Spitze' gehören. Das ältere Wort 
ist weise, ahd. wis, e. wise, got. -weis, Partizip zu wissen. — Für den gegenteiligen Be- 
griff dumm kommen immer neue Ausdrücke auf; dumm siehe oben; gotisch bedeutet es 
'taub'. Ein anderes Wort steckt in Tor, mlid. löre 'Irrsinniger, Narr', zusammenhängend 
mit ahd. tusig 'töricht', e. dizzy 'schwindelicht, töricht', ndd. duselig, Dusel 'üeistesbetäu- 
bung'; ursprüngliche Bedeutung also 'betäubt'. Sonst sagen wir beschränkt, einfältig, 
albern, ahd. älawäri ist 'ganz wahr, gütig, freundlich, wahrhaftig'. 

Anhangsweise seien noch die hierher gehörigen Substantiva besprochen: Mut, ahd. 
muot 'Sinn, Geist, Gemüt, Mut', e. moorf 'Laune, Stimmung', goi. möds 'Zo:n\ — Furdit, 
ahd. forfit a, abgeleitet von dem Adjcktivum ahd. forht, go\. faiirhts 'furchtsam'. — Angst, 
ahd. angust zu lat. angustia 'Enge'; Ableitung von enge. — Zorn, ahd. zorn zu ai. vidtrnäh 
'geborsten, gespalten'. — Trauer siehe unten. 

Ausdrücke für wahr und falsch sollten eigentlich uralt sein. Wenn sie es trotzdem 
nicht sind, so hat das seinen Grund wieder im Euphemismus. 

wahr, ahd. war, wäri zu \a\.V(-rus, au.fir 'wahr'. Wahrscheinlich zur Wurzel wes 
'sein' und aus *wesro oder *wPsro entstanden, wie e. sooth 'Wahrheit', ags. söd aus *sanp 
eigentlich das Partizip Präsens zum Stamm *es- 'sein' ist, genau entsprechend lat. (jn)-söns. — 
Lüge, ahd. lugin zu lügen, ahd. liogan; dazu e. lie, got. liugn 'Lüge'; verwandt mit abg. 
lügati 'lügen', li'<:a 'Lüge'. — trügen, ahd. triogan; dazu ir. rfroc^ 'schlecht', kymi. d/-wg 
'schlecht', aind. driihjati 'sucht zu schaden', awest. draog-, apers. draug- 'lügen, trügen'. — 
Sitte, ahd. situ, got. 5/rf«5 'Sitte'; dazu gr. eiJos (ethos) 'Gewohnheit, Sitte', lat. södälis 
'Gefährte', aind. svadhä 'Eigenart, Eigenheit, Gewohnheit'. — falsch, mhd. vals, valsdi, 
entlehnt aus lat. /fl/5«s unter Einwirkung von /ö/^o'z^n, ahd. felsken, falskün, \. falsificäre. 

§ 152. Sonstige Eigenschaften. Im folgenden vereinigen wir, was uns sonst 
von den Eigenschaftswörtern wichtig erscheint. Dabei ist ein Gesichtspunkt 
besonders beachtenswert. Eine Reihe von Adjektiven drücken ganz not- 
wendige Begriffe aus, die in jeder Sprache unbedingt vorhanden sein müssen. 
Trotzdem lassen sich bei weitem nicht alle Ausdrücke bis in das Indo- 
germanische zurückverfolgen. Weiter lösen neue Ausdrücke alte ab, und 
es finden sich sogar für ganz gewöhnliche Begriffe Entlehnungen. Alles 
das ist nur mit der Annahme zu erklären, daß auch auf diesem Gebiet in 
älterer Zeit eine größere Fülle von Ausdrücken, eine feinere Unterscheidung 
durch besondere Worte vorhanden war, von denen eine Anzahl verloren 
gegangen sind. Gegen Schlüsse aus dem Fehlen von Worten in den ver- 
wandten Sprachen werden aber diese Zusammenstellungen besonders miß- 
trauisch machen. Was die größere Fülle der Ausdrücke betrifft, so kann 
man schon manches erkennen, wenn man die Ausdrücke für die Gegen- 
sätze in Betracht zieht. Wir besitzen zu alt die Gegensätze jung und neu, 
und daraus erhellen ohne weiteres die verschiedenen Begriffe, die in dem 
Worte alt stecken. Bei der Übersetzung in fremde Sprachen kommt der ver- 
schiedene Bedeutungsinhalt der deutschen Worte auch oft zum Vorschein. 

L INDOGERMANISCHE BESTANDTEILE. 
alt, ahd. alt, e. old, got. alpeis, Partizip zu got. alan 'wachsen', lat. alere 'nähren', 
eigentlich also wohl 'herangewachsen'. Der Form nach entspricht genau lat. altus. Dies 



§ 152. Sonstige Eigenschaften. 243 



Wort ist wahrscheinlich ein Euphemismus, der andere Wörter verdrängt hat. Der Stamm 
von lat. senex liegt noch im Gotischen vor als sinista 'ältester', sineigs 'alt, betagt', bei 
uns noch in dem aus dem Französischen aufgenommenen Sene schal, das einem germ. 
*sini-skalks 'alter Knecht' entstammt. — didit, mhd. dihte, e. tight, lit. tänkus 'dicht'. — 
dick, ahd. rfiM/ 'dick, dicht', e. thidi zu air. tiiig 'dick' aus *tigu. — dünn, ahd. diinni, e. 
thin, lat. tenuis, gr. ra»'«(v {tanaös) zu dehnen. — ^-n^^^, ahd. engi, got. aggwus, ai. o/züA, 
lat. angustus. —fest, ahd. festi, e.fast, arm. /zrt5/. —finster, ahd. dinstar, lat. tenebrae. — 
frei, ahd./rt, e.//-^^, ai.prijäh 'lieb, wert'; aber die Bedeutungsentwicklung ist schwierig. — 
garstig, mhd. garst(ic) 'ranzig\ lit. ^/"rtsüs 'ekelhaft'. — ^e//, ahd. ^^/7 'übermütig, üppig', 
got. ^fli/yfl« 'erfreuen', lit. ^a//«5 'jähzornig, scharf. — gemein, ahd. gimeini, e. mean, 
got. gamains, lat. communis. — gering, ahd. n«^/ 'leicht', gr. oi\ucfa {rhimpha) 'leicht, 
schnell'. — geschwind, mhd. swinde, got. swinps 'stark', lit. sventas, abg. spe^«, aw. spanta 
'heilig'. — g^/fl^^, ahd. g/a^, e. glad, lat. g/aber. — hart, ahd. hart, harti, herti, t.hard, 
got. hardus 'hart, streng*, gr. ^igarvg (kraty;); eine Ableitung davon ist harsch, e. harsh 
'hart, rauh, streng'.'' — hehr, ahd. her, c. hoar 'grau', ahg. sen'o 'glaucus'. — hodi, ahd. 
höh, e. high, got. haiihs, ht. kaükas 'Beule'. — jung, ahd. Jung, e. young, got. Juggs aus 
*juwungas = lat. iiivencus 'Jüngling', a\. jiwasäh 'jung'. — kedi = queck, s. d. — kalt, 
ahd. kalt, e. co/rf, got. kalds, lat. gelidus. — klein, ahd. kleini 'zierlich, glänzend, sauber, 
rein, fein', e. clean 'rtin' ; daneben eine Ablautsform mit 7, alem. klm. Wenn die ursprüng- 
liche Bedeutung 'glänzend' war, so vergleicht sich abg. glenü 'Schleim', glina 'Ton'. — 
lang, ahd. lang, e. long, got. laggs, lat. longiis. — laß, ahd. la^ 'träge', got. lats, lat. 
lassus. Dazu letzt. — laut, ahd.(h)lat, e. loud, gr. «/auröc {klautös) 'beweint'. — leidit, 
ahd. /i/?^/, e. light, got. /^//z^5, lit. lengvas 'leicht', gr. llay^vq (elakhys) 'klein, gering'. — 
lungern vom Adj. ahd. lungar 'rasch, munter', gr. uacpgo? {elaphrös). — mager, ahd. 
magar, lat. macer, g;. /aaxoog (makrös), — mohl, moll, lat. mollis, ai. mrdäh 'weich'. — 
mürbe, ahd. muruw.i, air. //z^/rft 'weich'; dazu, morsch, nd. mursch. — müde, ahd. muodi, 
'vielltich{ zu gT. y.firjiö? (kmcetös). — neu, ahd. niuwi, t. new, got. niujis zu lat. novus, 
gT.vsog {neos). — queck, ahd. quek, e. quick, got. qius, lat. vjvus. — rauh, ahd. ruh, e. 
rough, ai. rükk'di 'rauh, trocken, mager'. — schier, ahd. skiero, e. sheer, shire, ir. c^r 'rein'. — 
schief, md. sc^z/V/, e. sÄ^tiy, vielleicht zu lat. scaevus. — schitter, ahd. sketar, ai. chidrdh 
'durchlöchert'. — schmal, ahd. smo/ 'klein, gering, schlank, knapp, schmal', c. small, got. 
s/wfl/s 'klein' zu ahg. mala 'klein', gr. //>;Aa (mcela) 'Kleinvieh'. — sdiön, ahd. sköni, e. 
sheen, got. skauns, axx.cuan 'schön, angenehm', lit. .?aM««5 'tüchtig, gut'. — schwanger, 
ahd. swangar, lit. sunkiis 'schwer'. — schwer, ahd. swäri,' got. ^o/^'a-s 'geehrt' zu lit. svarüs 
'schwer'. Siebs hat unter Annahme eines Präfixes 5 und Ausfall eines g (Grundform *sgwerus) 
gr. ßagvg (barys), lat. gravis mit unserm Wort vereinigt, was nicht wahrscheinlich ist. — 
stark, ahd. stark, e. stark zu nptrs. suturg aus *strga- 'stark'. — starr, erst neuhoch- 
deutsch, aus dem Niederdeutschen, zu gr. ozegsög (stereös) 'hart', lit. störas 'dick', abg. 
staru'alt\ — steif, mhd. 5/7/, e. stiff, eigentlich mittel- und niederdeutsch; zu lat. stipes 
'Stamm, Stock, Pfahl, Stange", lit. stiprüs 'stark, kräftig'. — tief, ahd. tiof, e. deep, got. 
diups zu lit. dubüs 'tief, hohl', vgl. Tobel. — toll, mhd. toi, e. dall, got. dwals, air. dall 
'blind'. — voll, ahd. /o/, got fulls, e. füll aus *fulnaz zu ai. pur nah, ahg.plüml, serb. 
/7Ört, lit. pilnas, altir. /ä/z, mit Ablaut lat. /7/e«H5, Partizipialbildung zu lat. -pleo, gr.jii'uTtXtjini 
(pimplöjmi) 'fülle'. — wahn 'leer', ahd. t£;a/z, got. wans 'mangelnd', lat. vänus. — weit, 
ahd. wit, e. wide zu aind. z;7/ä/i 'gerade, geradlinig, nicht krumm'. — wild, ahd. wildi, 
t.wild, got. wilpeis ; vielleicht zu ai. t;/-t/zä 'nach Belieben'. — zart, ahd. zart, aw. a-äs rata 
'nicht achtend'. 

II. GERMANISCHE BESTANDTEILE. 

barsdi, nd., wohl mit Borsten, Bürste zusammenhängend. — blöde, ahd. blödi, 
got. *blaupus. — bloß, ahd. blas 'stolz', vielleicht zu blutt. — breit, ahd. breit, e. broad, 
got. braips. — butt 'stumpf, nd., wohl zu e. beut 'schlagen' (abgeschlagen). — derb, ahd. 
derb 'ungesäuert'. — drall, nd., zu drillen. — dumpf, aus dumpfig, ndl. dompig zu 

16* 



244 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes, 



mh6. dumpfe 'Dampf. — dunkel, ahd. tunkal. — dürr, ahd. durri, got. paursus zu 
dorren. — eben, alid. eban, e. ez'en, got. ibns. — eitel, ahd. ital 'leer, ledig, nichtig, 
rein', e. idle. — ekel, mhd. erklidi 'leidig, zuwider', c. irk 'verdrießlich'. — emsig, ahd. 
emiyi'tg. — feist, ahd. fei^it, e. fat, nd. fett. Wohl zu gr.niöreir {pidyt-n) 'aufquellen'. — 
feudit, ahd. /«//// zu e. /o^ 'dicker Nebel'. — fremd, ahd. framidi, gol. fromaps. — 
ganz, ahd. ganz. — geheuer, ahd. hiuri in unhiuri 'grausig, entsetzlich', verwandt mit 
ai. spvah 'vertraut, lieb'. — gelt 'keine Milch gebend', ahd. galt, nordengl. ;o^/rf. — genau, 
mhd. genouwe. — genug, ahd. ginuog, e. enough zu got. ganah "es genügt'. — gerade, 
ahd. giradi, zsg. mit ahd. firat 'geschwind, schnell'. — gern, ahd. gern, got faihugairns 
zu begehren. — gescheit, mhd. gesdiide zu sdieiden. — glau, ndd., ahd. glou, got. 
glaggwö 'genau, sorgfältig'. — glum 'trübe', c. glum 'finster, mürrisch'. — gram, ahd, 
gram im Ablaut zu grimm, ahd. grimmii). — graß, ahd. gra^^tO 'iicftig'. — grell, mhd. 
grel 'zornig schreiend'. — groß, ahd. grö^, c. great; Herkunft unklar; ein nur west- 
germanisches Wort, das das ältere got. mikils, ahd. mihhil = gr. iisyalo- {megalo-) ver- 
drängt hat. Trotzdem kann es alt sein. Vielleicht zu anord, grautr 'Grütze', eig. 'grob- 
körnig'. — halb, ahd. halb, e. half, got. halbs. — heftig, ahd. heiftig zu got. haifsts 
'Streit'. — heikel neben ekel und mit diesem unlösbar vermischt. — hell, ahd. -hei 
'tönend' zu Hall. — hellig 'abgemattet', mhd. /z^/ 'dürftig'. — hold, ahd. hold. got. hulps 
'gnädig', eig. 'geneigt', zu Halde. — irre, ahd. irri, got. airzeis. — jadi, jäh, ahd. gnhi. — 
karg, ahd. karag 'traurig', e. (/mr^ 'vorsichtig' von ahd. ^ora 'Trauer' {Karfreitag). — 
kaum, ahd. kümo zu ahd. küman 'beklagen', gr. yoäeiv {goäin) 'jammern'. — keusdi, ahd. 
küskfi). — kirre, got. qairrus 'sanftmütig'. — krumm, ahd. krumb, e. crunip zu Krampf. — 
kühl, ahd. kuoli, e. cool zu kalt. — ledi. ledi, nd. Icdi, ags. hlec. — ledig, mhd. ledic. — 
leer, ahd. läri, e. dial. leer 'leer, leeren Magens, hungrig'. Verwandte sind noch nicht ge- 
funden, doch ist das Wort seiner Bildung nach alt. Falls r auf 5 zurückgeht, vielleicht zu 
lesen 'sammeln'. Ein Feld, das gelesen ist, ist leer. — lodter von älterm ludi. •— los, 
ahd lös, got. laus zu verlieren, lat. solvo. — lose, los, ahd. lös zu got. Huts 'heuchlerisch'. — 
nahe, ahd. näh. e. nigh, got. nclv(a). — naß, ahd. «05, got. in natjan 'netzen'. — 
offen, ahd. off an, e. open. — reif, ahd. rifi, t. ripe. — sdial, mhd. sdial 'trübe, un- 
klar', — sdiarf, ahd. skarpf, e. sharp zu sdiürfen. — sdilank, md. slank, zu sdilingen. — 
sdilau, nd. sla. — s dm öde, mhd. sncede, anord. snaudr 'entblößt, arm, 'dürftig'. — 
sdirill, nd. sdirell, e. shrill. — sdiroff, erst nhd., zu mhd. sdirof(fe) 'Steinwand'. — 
sdiwadi, mhd. swadi. — sdiwül, spätmhd. swildi zu sdiwelen. — seidit, mhd, 
siht(e) z\i seihen — spitz, ahd. spiz(z)i zw Spieß. — spröde, 1523 spröde 'dürftig, 
schwach'. — stat, ahd. stüti z\i stehen. — steil, ahd. Steigal zu steigen. — stidtel 
'steil', ahd. stekkal zu bayax. Stidi 'steile Anhöhe'. — stief, ahd. stiuf-, e. step-. — still, 
ahd. stilli, ai. sthänii'i 'stehend, unbeweglich'. — straff, mhd. straf 'streng, hart'. — 
stramm, mnd. stramm. — streng, ahd. strengt, e. strong zu lett. stringt 'stramm werden'. — 
stampf, ahd. stumpf . — teuer, ahd. tiuri, e. dear. — träge, ahd. trägt zu got trigö 
Trauer'. — üppig, ahd. ubbJg 'leer, eitel'. — weidi, ahd, weih, e. weak zu weidien, ahd. 
wlhan, ai. vijütt 'zittert'. — wenig, ahd. wenag 'bejammernswert, unglücklich'; wohl zu 
weinen unter Einwirkung von weh. — zahm, ahd. zam, e. tame; zu lat. domäre. 

Betrachtet man diese Listen, so fällt dabei mancherlei auf. Zunächst, 
daß der eine Ausdruck indogermanisch ist, der andere für das Gegenteil 
nicht. Wenn voll bis in die indogermanische Grundsprache zurückreicht, 
warum dann nicht leer} wenn lang alt ist, warum dann nicht kurz"? Und 
so stehen sich noch gegenüber dünn und dick, schmal und breit, hart und 
weich, leicht und schwer usw,, von denen immer der erste Ausdruck uralt 
ist, der zweite nur germanisch. Diese Erscheinung braucht uns nicht weiter 
zu beunruhigen, sie zeigt uns nur, wie sehr wir mit dem Verlust von Wörtern 



§ 153. Die Verben. ÄLLCEiMEiNES. 245 



zu rechnen haben, und daß es uns nie gelingen wird, den alten Wortschatz 
jemals völlig zu erschließen. 

Der zweite Punkt, der sehr beachtenswert ist, ist der häufige Bedeutungs- 
wandel, der sich bei den Adjektiven findet, und der so stark ist, daß man 
manchmal an der Einheit der verglichenen Worte zweifeln möchte. Aber der 
Zweifel ist meistens unberechtigt, da die Endbedeutungen zwar auseinander- 
liegen, aber durch eineReihefestzustellenderZwischengliederzu verbinden sind. 

III. DIE ENTLEHNUNGEN. 

Da es doch bemerkenswert ist, wie es mit den Entlehnungen auf 
diesem Gebiet steht, so stelle ich hier das Wichtigste zusammen: 

a) Althochdeutsch: kahl, lat. calvus7 oder verwandt mit ahg. gotü. — mager, 
lat. macer oder urverwandt. — sauber, lat. söbrius. — sidier, lat. sPcürus. — nüchtern, 
lat. nocturnus. — bunt, falsch, klar, kurz. 

b) Mittelhochdeutsch: blond, fein, hurtig, matt, pomadig, quitt, rund, 
scheckigt, simpel. 

Das sind sehr wenig. Eine verhältnismäßig große Anzahl kommt in 

der Neuzeit: 

brav (17. Jh.), frz. brave. — brüsk (1728), frz. brusque. — egal (1694), frz. egal. — 
elegant {y^.Va), ixz. elegant. — fade (um 1700), hz. fade. — famos (16. Jh.), lat. 
fämösus. — firm (1727), lat. firmus. — frequent (18. Jh.), lat frequens. — frivol 
(1686), iiz. frivole. — frugal {IS. ih.), hz. frugal. — fulminant (1813), hz. fulminant. — 
honett (1714), frz. honnete. — just (16. Jh.), laX.jüste. — kokett (17. Jh.), frz. coquet. — 
mokant {IS. ]\\.),hz. moquant. — naiv (1711), hz. naif. — nobel (17. Jh.), hz. noble.— 
perfid {1795), hz. perfide. — pikant (U. ih.), hz.piquant. — platt (1616), von hz.plat 
'eben'. — prompt (1716), frz. prompt. — proper (17. Jh.), frz. propre. — prüde 
(19. Jh.), hz.prude. — raffiniert (1703), hz.raffine. — rar (16. Jh.), laträrus. — resolut 
(17. Jh.), laX. re solutus. — robust {XS.ih), lat röbustus. — sdiarmant {17. Jh.), hz. diar- 
mant. — simpel (15. Jh.), lat. simplus. — spinös, lat. spinösus. — vag (18. Jh.), lat. vagus. 

Dies ist nur eine beschränkte Auswahl. Die große Masse kommt jeden- 
falls im 17. Jahrhundert mit der Alamodezeit und bleibt in der Sprechweise 
der Obern Gesellschaftsschichten haften. Ohne eine eingehende Unter- 
suchung ist aber auf diesem Gebiet nicht zur Klarheit zu kommen. 

§ 153. Die Verben. Allgemeines. Neben Substantiven und Adjektiven steht 
noch die große Zahl der Verben. Wir haben zwar einige schon gelegent- 
lich besprochen, aber der größte Teil ist noch übrig. Auch hier kann es 
sich nicht darum handeln, alles vorzuführen, wohl aber wird es nützlich 
sein, wenigstens einige Begriffskategorien ausführlicher zu erörtern. Be- 
kanntlich zerfallen unsere Verben in starke und schwache. Die letztern sind 
meistens abgeleitet, und es müßte also bei ihnen das Grundwort voran- 
gestellt werden, doch läßt sich das nicht glatt durchführen. Hier liegen 
natürlich auch viele junge Bildungen vor. Die Hauptmasse der starken Verben 
dagegen stammt aus der indogermanischen Grundsprache. Wenn wir für 
manche noch keine Verwandte in den nichtgermanischen Sprachen antreffen, 
so beruht das auf der Fülle synonymer Ausdrücke. Selbst unsre jetzige 
Sprache verfügt bei manchen Kategorien über eine geradezu erstaunliche 



246 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

■ 

Menge von Synonymen. Auf diesem Gebiete zeigt sich gleichfalls die öfter 
erwähnte Entwicklung der Sprache in der Schaffung allgemeinerer Bezeich- 
nungen, die in vielen Fällen durch Adverbia näher bestimmt werden. Die 
älteste Bedeutung der Verben zu ermitteln, ist sehr viel schwieriger als die 
der Substantiva und Adjcktiva, da sich die Bedeutungen der Verben sehr 
viel leichter wandeln. So finden wir denn oft in den verwandten Sprachen 
sehr weit auseinandergehende Bedeutungen, und unsere Etymologen er- 
schließen daraus einen möglichst allgemeinen Sinn, in Wirklichkeit wird 
der Sinn recht konkret gewesen und nach verschiedenen Seiten abgewichen 
sein. Weiteres siehe unter Bedeutungswandlung. Das Verbum ist bekannt- 
lich in vielen Sprachen nicht vorhanden, und auch für das Indogermanische 
ist es wahrscheinlich, daß sich der Verbalbegriff aus dem Substantivbegriff 
entwickelt hat. Aber für die geschichtlichen Zeiten kommt dieser Umstand 
nicht in Betracht. In ihnen ist das Verbum völlig ausgebildet. 

§ 154. Die fünf Sinne. 

Literatur: J. Gri.mm, Die fünf Sinne; Kl. Sehr. 7, 193 ff. — Fr. Bechtel, Über die 
Bezeichnungen der sinnlichen Wahrnehmungen in den indogermanischen Sprachen, Weimar 
1879. — A. Rittershaus, Die Ausdrücke für Gesichtsempfindungen in den altgermanischen 
Dialekten; ein Beitrag zur Bedeutungsgeschichte I; Zürich 1899. 

Die Bezeichnungen für die sinnlichen Wahrnehmungen zu untersuchen, 
ist, wenn auch schwierig, außerordentlich anziehend für den Sprachforscher. 
Zunächst finden wir eine Fülle von Ausdrücken. Wir haben noch: blicken, 
gucken, schlauen, spähen, lugen, sehen, wahrnehmen und vielleicht noch andere. 
Außerdem gehen die Bezeichnungen des einen Sinnes leicht in den des andern 
über, wie schon J. Grimm a. a. O. gezeigt hat. „Wenn das Sehen ein Hören, 
das Hören ein Sehen, das Kiesen ein Wittern und Schmecken, das Riechen 
ein Schmecken, das Fühlen ein Empfinden, das Greifen ein Begreifen wird 
und die Ausdrücke wechseln, so ist den Dichtern von selbst das Recht ge- 
geben, einen für den andern zu setzen." Grimm führt sehr lehrreiche Stellen 
an. Bei Luther steht Exod. 20, 18 'und alles Volk sähe den Donner und Blitz 
und den Ton der Posaune'; 1 Sam. 19, 20 'und sie sahen zween Chor Pro- 
pheten weissagen'; Wieland 8, 183 'die Gesellen des Verwundeten, da sie den 
Lärm sahen, hatten die Fludit genommen'. Außerdem gehen weiter die Be- 
zeichnungen der sinnlichen Wahrnehmungen leicht in die der geistigen über: 
icfi weiß ist eigentlich 'ich habe gesehen', lat. vidi, ich begreife ist auch 
heute noch rein sinnlich verständlich. Ebenso Gesdimack u. a. 

Was die Ausdrücke, die wir zu behandeln haben, ursprünglich bedeutet 
haben, läßt sich zwar im einzelnen manchmal erklären, ein allgemeines 
Grundgesetz der Entwicklung läßt sich aber nicht aufstellen. 

Wir ordnen den Stoff nach den einzelnen Grundbegriffen. 

sehen, das älteste und verbreitetste Wort im Germanischen, d\\A. sehan, goi.saifvan, 
e. to See stimmt lautlich genau zu lat. seqiior, gr. trtfoOai (hepesthai) 'folgen', und man 
hat daher tatsächlich die beiden Worte verbunden, indem man von der Bedeutung 'mit 
den Augen folgen' ausging. Das ist aber infolge des Mangels aller Zwischenstufen sehr 



§ 154. Die fünf Sinne. § 155. Geistige Wahrnehmung und Verwandtes. 247 



unsicher und nicht wahrscheinlich. Daher hat man an anderes gedacht und das Wort mit 
deutsch sagen, lat. inquam, gr. f'rvejie (ennepe) 'sag an' vereinigt. Aber auch die von 
J. Grimm gegebene Zusammenstellung mit lat. scio 'in Erfahrung gebracht haben, wissen' 
darf nach dem gleichen Bedeutungsübergang in d. wissen gegeriüber lat. vtdvre als durch- 
aus möglich gelten. Schließlich habe ich es zu schauen gestellt, sehen ist ein idg. *sekw, 
sdiauen ein idg. *skou. Die beiden Formen stehen also im Schwebeablaut zueinander. — 
schauen, ahd. skouwön, e. to show zu gr. xoeco (koeß) 'merke', ßvooHÖo; {thyosköos) 
'Opferschauer', lat. cavere 'sich hüten', zu sehen. — blicken, mhd. blicken 'Licht aus- 
strahlen, leuchten, glänzen, blicken' mit ahd. blihhan 'leuchten' und Blitz zusammen- 
hängend. — glupen 'von unten aufblicken', ndd.; unerklärt. — gucken ist spät belegt 
und vielleicht ein Wort der Kindersprache. Damit steht wohl nd. kieken in irgendeinem 
Zusammenhang. — lugen, ahd. luogen, e. to look; gehört zu gr. '/.Evaoio {leüssö) 'sehe'. — 
spähen, ahd. spehön zu lat. specio, ai. spat 'Späher'. Aus dem Deutschen stammt ital. 
spiare, frz. epier 'spähen', frz. espion. — wahrnehmen, gewahren, ahd. wara neman 
'beachten, wahrnehmen' zu gr. ogäco {horäö). Auch warten, ahd. warten, e. ward ist dazu 
zu stellen. — Der Stamm idg. vid- hat im Deutschen nur die Bedeutung 'wissen'. Für den 
Begriff 'sehen' waren schon im Indogermanischen verschiedene Ausdrücke vorhanden, vgl. 
das Paradigma gr. ogdw, mpouni, eldov {horäö, öpsomai, edon). 

Für den zweiten Sinn, den des Gehörs, hat die Sprache eine geringere 

Anzahl von Worten zur Verfügung. 

hören, ahd. hören, e. to hear, got. hausjan entspricht gr. uxoveiv (akäen) aus *akous-, 
das wahrscheinlich zusammengesetzt ist aus ak 'scharf und ous 'Ohr', also eigentlich 'ein 
scharfes Ohr haben'. Abgeleitet davon ist horchen, spätahd. hörehhen, e. to hark. — 
laustem 'das Ohr spitzen, scharf aufhorchen', xnhd. lästern, t. listen zu a\tm. losen, 
ahd. (h)lostn, gr. y-liw {klyü). — lauschen dagegen, das man gern damit in Verbindung 
bringt, bedeutet 'lauern', ahd. lösken 'verborgen sein' und gehört also wohl zu lauern 
mhd. lüren, e. lower 'düster blicken'. Zu dem Stamme klu stellt sich noch Leumund, zweifel- 
haft ob auch laut, ahd. hlat, e. loud, das eher zu gr. y.'/.aUo {klaiö) 'weine, schreie' gehört. 
' Geruch und Geschmack sind bekanntlich auch physiologisch eng 
verbunden, und das zeigt sich ebenfalls in der Sprache, indem die Ausdrücke 
in ihrer Bedeutung ineinander übergehen. 

riedien, ahd. riohhan 'rauchen, dampfen, duften', e. reek mit Rauch, ahd. rouh, 
e. reek zusammenhängend und ursprünglich intransitiv. — wittern, mhd. witeren 'etwas 
als Geruch in die Nase bekommen', zu Wetter, wie e. to wind 'wittern' zu Wind, also ein 
Jagdausdruck. — schmedien, ahd. smt'tÄ^/z 'schmecken, Geschmack empfinden', mhd. auch 
'riechen' (der sniac der bluomen), e. to smadi. Dazu lit. smagur'äT 'Leckerbissen'. Dazu 
Gesdimack, e. smadi und wohl auch sdimaditen, ahd. gasmahtön 'schwach werden'. — 
stinken, ahd. stinkan 'einen Geruch von sich geben', e. to stink wohl zu got. stigqan 
'stoßen', ags. stincan 'stauben, sich erheben". — kiesen, ahd. kiosan 'prüfen, prüfend kosten, 
schmeckend prüfen', e. to dioose 'wählen' zu gr. yeveiv (geüen), lalgustäre. Dazn küren, kosten. 

Für den letzten Sinn haben wir gar keine alten Ausdrücke. 

fühlen, ahd. fuolen, e. to feel. Wohl von demselben Stamm wie lat. palma, gr. 
jinldnt] {paläm^) 'flaciie Hand', \gl. anoxd. falma 'unsicher tasten' und zu lat. palpäre. 
Das Wort ist md., obd. dafür empfinden, ahd. intfindan, aus ent und finden. — spüren, 
ahd. spurten, eig. 'auf der Spur (des Wildes) sein'. Also aus der Jägersprache. — merken , 
ahd. merken 'wahrnehmen, verstehen, merken', gehört zu Marke. Dies wird zwar erst im 
17. Jh. aus frz. marque entlehnt, geht aber auf ahd. marka 'Bezeichnung, Aufschrift' zurück. — 
asten, mhd. tasten aus afrz. taster. 

§ 155. Geistige Wahrnehmung und Verwandtes. 

Samuel Kroesch, The semasiological development of words for 'perceive, under- 



248 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



stand, tliink, know' in the older gcrmanic dialects. Diss. Chicago 1911. Reprinted from 
Modern Phil. Vlll Nr. 4. 

Von den Ausdrücken für die geistige Wahrnehmung sind einige alt, 
während andere erst in verhältnismäßig junger Zeit neu entstanden sind 
und ihre Herkunft deutlich verraten; so einsehen bei Luther, aber schon 
bei den Mystikern das Einsehen; begreifen, bei den Mystikern, ahd. bigr^fan 
'fühlend betasten'; verstehen, ahd.//r5^7/z ist wohl 'um etwas herumstehen'. 
Daneben ahd./AZ5/<7/2/''meig.'hineintreten',e. M/2 rf^rs/'a/7rf,eig.'dazwischentreten'. 

denken, ahd. denken, e. to think, got. pagkjan; dazu mit Ablaut dünken, ahd. 
dünken, e. to ihink, goi. piigkjan; ein verwandter Stamm in \aL tongire 'kennen', prä- 
nestinisch tongitio 'Kenntnis', oskisch tanginud 'Meinung'. — kennen, ahd. kennen von 
ahd. idi knn 'icli weiß'; dazu e. lo know, got. kan zu lat. nosco, gr. ytyviöaxc) (gignösko). — 
meinen, ahd. m^/n«« 'meinen, denken, sagen, erklären', t. to mean; abg. m^/i/Y/ 'meinen' 
ist vielleicht entlehnt. Hierher auch wohl gx. nerotväv {menoinän) 'im Sinne haben, ge- 
denken'. — mahnen, ahd. manön, manen 'erinnern, ermahnen, auffordern', lat. monfre. — 
erinnern, frühnhd., ahd. innarOn, hat andere Wörter verdrängt. — glauben, ahd. gi/ouben, 
e. believe, goi. galaubj an; dazu got. ^^ö/ö/z/ä 'schätzbar, wertvoll'; so daß glauben wohl 
bedeutet 'für wertvoll halten'. — wissen, ahd. mii^^an, weis, e. wo^, got. wait 'ich weiß', 
gr. oi8a (oida), lat. vidi 'habe gesehen'. Dazu weise, ahd. wisfi), e. wise, got. unweis 'un- 
wissend'. — sinnen, mhd. sinnen; ahd. sinnan 'reisen' kann zwar von demselben Stamm 
herrühren, ist aber wohl nicht die Vorstufe des mhd. Wortes; sinnen läßt sich mit lat. 
sentire verbinden. Besser aber Sinn, ahd. sin, sinnes zu gr. rovg {nüs) aus *snowos, während 
Sinn auf *senwos zurückgeht. 

§ 156. Der Wille. 

begehren, ahd. gerön, dazu gern, zu gx. ymoeiv {khairen) 'sich freuen', umbrisch 
heriest 'er wird begehren oder wollen", aind. härjati 'er hat gern, begehrt'. Dazu Gier, 
ahd. giri und gern, ahd. gerno, goi. faihugairns 'habgierig'. — forsdien, ahd. forskön, 
lat. poscere. — fragen, ahd. fragen, goi. fraihnan zu lat. precdri 'bitten', procus 'Freier'. — 
heisdien, an heißen angelehnt, ahd. eiskön 'forschen, fragen, fordern', e. to ask, aind. 
icchäti 'er sucht', lat. aeruscüre 'bitten'. — lodien, ahd. lodiön 'locken, anlocken, verlocken', 
daneben Indien, ax\oxd. lokka 'locken', dazu lit. lugoti, \ttt. la'gt 'bitten'. — bitten, ahd. 
bitten, e. to bid, got. bidjan, zu aind. bddhate 'drängt, bedrängt, verdrängt'. Dazu Bede 
nd., ahd. beta 'Bitte'. — wollen, ahd. wellan, e. will, got. wiljan, lat. velle. Dazu 
Wille, ahd. will(i)o, e. will, abg. volja. — wünsdien, ahd. wunsken, e. to wish, aind. 
vävcchati 'wünscht'. Wunsdi, ahd. wunsk, ai.Vi03'Chä. — geizen, mhd. gitesen 'gierig, 
habgierig sein', ags. gitsian 'begehen' zu ahd. gU 'Gier, Habgier, Heißhunger', got. gaidw 
'Mangel', lit. geisti 'begehren', abg. zidati 'erwarten'. 

§ 157. Gemütsbewegung und Verwandtes. 

ladien, ahd. hlahhan, got. hlahjan, e. to laugh zu gr. x?.o)oaco {klösso) 'glucke'. Für 
diesen Begriff gibt es noch eine Reihe meist dialektischer Ausdrücke, die zum Teil un- 
aufgeklärt sind: ndd. sdi mieten, e. to smile zu aind. smäjato 'lächelt', gx.uEt-dä(o {meidäd); — 
ndd. grinen, obd. greinen 'lachend oder weinend den Mund verziehen', e. to groan 
'stöhnen, grinsen' zu aind. jihreti 'schämt sich"; eine Ableitung davon ist grinsen: — 
sdimunzeln, niederdeutsch, ohd. sdimutzeln, mhd. s/wu/ze/z 'lächeln', mhd. s//zu2 'Kuß'. 

weinen, ahd. weinön, ags. wänian, anord. veina, vielleicht Ableitung zu weh, got. 
wai unter Einfluß eines verlorenen zu got. qainön geliörigen Wortes. Daneben stehen in 
den Mundarten andere Ausdrücke: greinen, siehe oben, flennen, ahd. flannen 'das 
Gesicht verziehen', kreisdien, sdireien, röhren, heulen, bei denen meist deutliche 
Übertragungen vorliegen. Ein indogermanisches Wort fehlt also. Dagegen gibt es sogar 
zwei Ausdrücke für Träne, das sicher alte Zähre, ahd. zahar, e. tear, got. tagr zu gr. 



1 



§ 156. Der Wille. § 157. Gemütsbewegung. § 158. Körperfunktionen. 249 

Sdxov {däkry), lat. lacnima (aus *dacrumä), kymr. daigr, air. der und Träne, ahd. trahan, 
dessen Herkunft dunkel ist. Man kann sich aber dem Eindruck nicht entziehen, daß germ. 
*trahn-, idg. *drakn- aus *dakni umgestaltet ist. Eins damit ist Tran, mnd. trän. — 
trauern, ahd. trüren, dazu ags. drtorig, e. dreary 'traurig'. Ahd. trüren bedeutet 'die Augen 
niederschlagen'; daher vielleicht zu got. driusan 'fallen'. — freuen, Freude, ahd. frouwen, 
frewida, Ableitungen von froh, ahd. frö, auch 'schnell', aiiord. frär 'hurtig, flink'. Dies 
scheint die ursprüngliche Bedeutung zu sein, und man kann daher aind. prävate 'springt 
auf, hüpft, eilt', praväh 'flatternd, schwebend, fliegend' vergleichen. Vergleiche auch froh- 
lodien, mhd. vrölocken, bei dem der zweite Bestandteil zu unserm löken 'ausschlagen' 
gehört. — hoffen. Die Worte für hoffen sind in ihrer Entwicklungsgeschichte sehr lehr- 
reich, hoffen ist der jüngste der Ausdrücke. Es taucht erst im 13. Jahrhundert auf, steht 
aber noch nicht bei den großen Dichtern. Es ist im wesentlichen niederdeutsch-englisch 
und gehört zu hüpfen. Es bedeutet eigentlich 'aufspringen'; vergleiche den Ausdruck der 
Jägersprache der Hirsdi verhofft 'sieht sich um, stutzt'. Aus einer solchen Grundbedeutung 
läßt sich dann die von hoffen, zunächst 'erwarten', wohl erklären. Mittelhochdeutsch herrscht 
für hoffen dingen, gedingen, ahd. dingen, das wohl zu Ding, dingen gehört, gedingen 
würde heißen 'einen Vertrag festsetzen' und dann 'erwarten'. Eine etwas andere Bedeutungs- 
nuance zeigt trauen, ahd. triam 'glauben, trauen', got. trauan 'vertrauen' zu Treue und 
treu, die eigentlich 'fest' bedeuten. Verwandt sind apreuß. druwi(s) 'Glaube', druwit 'glauben'. 
Dazu die Ableitung Trost, ahd. tröst, npers. durust 'hart, stark'. Wahn, ahd. wän, ur- 
sprünglich ohne den ungünstigen Nebensinn, got. wens 'Hoffnung'. Man hat es zu lat. 
venäri 'jagen' und zur Wurzel wen s. u. gestellt. 

harren, mhd. harren., eigentlich mitteldeutsch. — beben, ahd. biben zu s.hg.bojqse/ich 
fürchte mich'. — zittern, ahd. zittarön, anord. titra 'zwinkern', eigentlich ein redupli- 
zierendes Verbum, könnte zu gr. djio-SidQäoasiv {apodidrdsken) 'fortlaufen' gehören. — 
sdiänien, ahd. skamm, got. skaman. Dazu ahd. skama, e. shame 'Scham'. Man stellt dies 
Wort zu got. hamün 'bedecken', ahd. hämo 'Gestalt'; got. skaman sik wäre 'sich bedecken'. 
Mir nicht einleuchtend. Zu diesem Stamm gehört auch wohl Sdiande, ahd. skanta. 

§ 158. Körperfunktionen und körperliche Zustände. 

gähnen, ahd. ginen, ginön, gr. yaivEw {khainen), lat hiäre. Dazu auch Gienmusdiel. 
— sdiwitzen, ahd. swizzen, aind. svidjati 'schwitzt', gr. I8ieiv (idien). Dazu Sdiweiß, 
ahd. sweis, e. sweat, lat. südor. Da das Wort auch 'Blut' bedeutet, gehört sdiweißen dazu. — 
fisten, lit. bezdii, gr. ßdsoj (bdeö), \a\. pedere. — farzen, ahd. f'erzan, e. to fart, gr. .Tt'o- 
6eiv (perden), \\X. persti, mss. perdeti. — speien, ahd. spiwan, e. to spew, got speiwan, 
lat spuere, gx.nzveiv {ptyen); spuafe^n ist erst neuhochdeutsch, lA^'Z.spudien. — sdilafen, 
ahd. släf an, t. to sleep, got siepan zu lat läbi '■wanken, gleiten'. — wadien, ahd. wahhen, 
e. to wake, to watdi, got. wakan 'wach sein, wachen' zu lat. vegere 'munter sein', aind. 
kausat. w/jfrtya^/ 'treibt an'. — träumen, ahd. troumen von Traum, ahd. troum. e. dream. 
Man stellt es zu trügen, ahd. triogan. Vgl. as. gidrog 'Erscheinung, Trugbild', anord. 
draugr 'Gespenst'. — atmen, ahd. ätuniön von ahd. ätum, ädum 'Atem, Odem' zu aind. 
ätmd 'Hauch, Atem, Geist'. — leben, ahd. leben, e. to live, got Hb an. Da anord. /7/a 
'leben' und 'übrig sein' bedeutet, so kann man klar erkennen, wie das Wort zu seiner Be- 
deutung gekommen ist. Es ist ausgegangen von Kämpfen, in denen wenige übrig bleiben. 
Es gehört zu bleiben, ahd. bi-liban, das zu lit. lipti 'kleben, bleiben', gr. //.tos (lipos) 'Fett', 
/.tjiaoös (liparös) 'fett, glänzend' gestellt wird. — sterben ist Euphemismus, siehe unten. — 
dürsten, hungern, s. o. S. 224. — dulden, ahd. dulten von Geduld, das von einem 
Verb stammt: ahd. dolen, got pulan, lat. tollere, tull, toleräre, gr. xXijvai (tlcenai). — 
sdimerzen, ahd. smerzan, e. to smart, lat. mordere, gr. aueodvög (smerdnös), ouegöa/.iog 
(smerdaleos) 'gräßlich'. — leiden, ahd. lldan. Ahd. iJdan, got. leipan bedeuten 'gehen'. 
Daß die Worte zusammenhängen, ist unwahrscheinlich. Vielmehr gehört zum letzten leiden 
in der Bedeutung 'geschehen lassen', während dem andern das Adjektivum /^/rf, ahd. leid, 



250 Neuntes Kapitel. Die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



c. loath 'abgeneigt' zugrunde liegt, das zu alid. li^es 'leider', gr. Xotfiöi {loimös) 'Pest* zu 
stellen ist. — blasen, ahd.bltisan 'hauchen, schnauben', got.bUsan, UX.fU'ire. — wachsen, 
ahd. wahsan, e. to wax, got. wafisjan, gr. (h'-nv {a'ex>n) 'starken, mehren, wachsen*; — ein 
anderes Wort ist got. liiidan, ahd. leodan 'wachsen' zu gr. f?.fri>- (eleuth-) in y).n'nniiai 
{eleiisomai) 'w'erde kommen'. 

§ 159. Bewegung und Ruhe. Für die verschiedenen Arten der Bewegung 
und was damit zusammenhängt, besitzt unsere Sprache noch heute eine be- 
deutende Anzahl von Ausdrücken. Vielleicht sind es aber in alter Zeit noch 
meiir gewesen. Ich ordne den Stoff alphabetisch. 

BEWEGUNG. 
bewegen, ahd. biwegan 'aus dem Zustand der Ruhe bringen, wägend prüfen', got. 
gawigan 'bewegen', lat. vehere. Dazu Wage, alid. waga, e. weigh, wovon wieder wagen, 
erst im 12. .!h. wagen, ein Wort der mhd. Dichtersprache; — xvägen, erwägen, mhd. 
envegen, wiegen, Gewidit, mhd. gewidit(e), e. weight, Woge, ahd. wag, got. wfgs 
'Sturm', Wagen. — bringen, ahd. bringan, e. to bring, got. briggan zu kymr. he-brwng 
'herbeibringen'. — dringen, ahd. dringan, got. preihan 'drängen' zu lit. treiikti 'dröhnend 
stoßen'. — eilen, ahd. ilen. Vielleiclit zu anord. id, id 'Studium', also aus *uUo. — fahren, 
ahd. got. faran, e. to fare, gr. nFQänv (perden) 'durchdringen', aind. piparti 'führt hin- 
über'. — fallen, ahd. fallan, e. to fall zu lit. pülti 'fallen'. — fliegen, ahd. fliogan, 
e. to fly, got. in iisflaugjan 'emporfliegen machen'. — fliehen, ahd. fliohan. e. to flee, 
got. pliuhan zu lit. /i*/f// 'fliegen'? — folgen, ahd. folgen, auch folagen, andd. fulgangan, 
e. to follow. — führen, ahd. fuoren, Faktitivum zu fahren. — gegangen, ahd. Prät. 
g^^"S< got. gaggan zu lit. zengii 'ich schreite'. — gehen, ahd. gen, gan; unerklärt. — 
gleiten, mhd. gliten, e. glide. — hasten, junge Bildung von Hast, annd. hast aus 
afrz. haste, jetzt hüte. — hetzen, ahd. hezzcn von Haß, ahd. hai, e. hate, got. hatis, gr. 
xrjdog (kcedos) 'Kummer, Trauer'. — hinken, s. o. § 149. — hüpfen, mhd. hüpfen, e. to 
hip. Daneben mnd. hoppen, e. hop, gr. xvßtaideir [kybistäen) 'tanzen'. — Jagen, ahd. Jagon, 
anoxd. Joga 'vertreiben', zu a\. jahi'ih 'rastlos'. — klettern ist jung, zu Klette. — klimmen, 
ahd. klimban, e. to climb; dazu ohne Nasal anord. klifa. — kommen, ahd. queman, e. 
to come, got. qiman, lat. venire, gr. ßnlvFiv (bainin). — kriedien, ahd. kriodian, e. 
croudi 'sich niederbücken'; daneben ndl. krüipen, e. creep zu gr. ygvnög (grypös) 'krumm*. — 
laufen, ahd. hlouffan, e. to leap 'springen, hüpfen', got. hlaiipan 'laufen'; vielleicht zu gr. 
xd/..T>/ (kiilpce) 'Trab'. — Leidi, mhd. leidi 'Gesang', got. laiks 'Tanz', laikan 'tanzen' zu lit. 
läigiti 'wild umherlaufen'. — leisten, ahd. leisten 'ein Gebot befolgen und ausführen', 
got. laistjan 'nachfolgen, nachgehen', e. to last 'dauern, bleiben, sich halten' zu got. laists 
'Fußspur'. — leiten, ahd. leiten, e. to lead, Kausativum zu einem ahd. lidan, got. leipan 
'gehen', s.o. S. 259. — rädien, ahd. rehhan, e. to wreak, got. wrikan 'verfolgen' zu lat. 
urgPre 'bedrängen'. — reisen von Reise, ahd. reisa 'Aufbruch' zu ahd. risan 'steigen, 
fallen', e. to rise 'sich erheben'. — reiten, ahd. rUan 'sich fortbewegen', e. to ride 'reiten, 
fahren' zu air. riadaim 'ich fahre', altgall. rida 'Wagen'. — sdierzen, mhd. sdierzen, 
vielleicht zu aind. kürdati 'springt, hüpft', gr. xoaMeiv (kradden) 'schütten, schwingen'. — 
sdileidien, ahd. sithhan 'leise schleichend gehen, schleichen', mengl. sliken. — sdilennig, 
ahd. slünig, daneben sniiimo. got. sninmundo 'eilends', got. sniumjan, sniwan 'eilen'. — 
sdilüpfen, ahd. stapfen, Intensivum zu obd. sdüiefen, ahd. sliofan, got. sliupan 'schlüpfen' 
zu lat. liibricus 'schlüpfrig'. — sdireiten, ahd. skritan, anord. skrida- 'kriechen, gleiten*, 
lit. s*m// 'fliegen, schnell laufen'. — sdiweifen, ahd. sweifan 'schwingen, sich schlängeln', 
e. to swoop 'stürzen', to sweep 'fegen" zu sdiweben. — sdiwimmen. ahd. swimman, e. 
to swim. — sdiwingen, ahd. swingan 'schwingen, schleudern, schlagen, geißeln, sich 
schwingen, fliegen, sehweben', e. to swing; dazu sdiwenken, ahd. swenkan und lit. 
sükti 'drehen'. — springen, ahd. springan, e. to spring, ohne Nasal gr. ai^ioxsoOac 



§ 159. Bewegung und Ruhe. § 160. Singen und sagen. 251 



{sperkhesthai) 'eilen'. — sputen, aus dem Niederdeutschen, e. speed 'eilen' von ahd. 
5/7uo^/z 'gelingen, Erfolg haben', abg. 5/?^// 'vonstattengehen', \z\. spes. — stampfen, ahd. 
stampfen, e. to stamp, gr. otsußsir {stembcn) 'mit Füßen treten'. — steigen, ahd. stigan, 
e. to sty, gr. otfi'xfiv {stekken) 'gehen'. — stürzen, ahd. stürzen 'stürzen, wenden, um- 
wendend bedecken'; dazu wohl e. ^o 5/'fl/-^ 'aufspringen'. — taumeln, ahd. tumalön 'sich 
drehen' von tümön 'kreisen'. Vielleicht zu lat. famus. Damit eins tummeln, mhd. tümeln. — 
treiben, ahd. tnban, e. to drive 'treiben, eilen, laufen, fahren, hetzen', got. dreiban 
'treiben'. Dazu vielleicht gäl. drip 'Hast'. — treten, ahd. tretan, e. to tread, got. trudan. — 
waten, ahd. watan 'waten, gehen, schreiten', e. to wade, lat. vädere. — weidien, ahd. 
wihhan, gr. d'y.siv {eken). — werben, ahd. werban 'sich drehen, etwas betreiben', got. 
hairban; dazu Wirbel. — werden, ahd. werdan, got wairpan, lat vertere 'drehen'. — 
ziehen, ahd. ziohan, lat. dücere 'führen'. 

RUHE. 

hocken, mhd. hudien, wohl von Hodie abgeleitet und dies zu lit. kngis, lat. cumulus 
'Haufe'. — kauern, e. cower, vielleicht zu gr. yvgög (gyrös) 'krumm'. — lehnen, ahd. 
Minen zu gr. xUveiv (klinen), lat. inclinäre. — liegen, ahd. liggen, e. to lie, vgl. lat. lectus, 
gr. Xsyog {lekhos) 'Bett'. — ruhen, ahd. ruowen, von Ruhe, ahd. ruowa, gr. kgcoi] {eröai). — 
sitzen, ahd. sizzen, e. to sit, got. sitan, lat. sedere, gr. s^sadai (hezesthai). — stehen, 
ahd. sten, stän, e. to stand, lat. stäre, gr. lonjui (histcenii). — 

§ 160. Singen und sagen. i) Die Ausdrücke für die Mitteilungen durch 
die Stimme oder das bloße Ertönenlassen der Stimme sowie für die ver- 
schiedenen Geräusche werden auch heute noch durch zahlreiche sehr ver- 
schiedene Stämme ausgedrückt. Viele sind aus dem Indogermanischen er- 
erbt, andere sind im Laufe der Zeit dazu gekommen. Unter den Worten, 
die hierher gehören, gehen viele neuere zweifellos auf Nachahmung zurück, 
wie wir schon in dem Kapitel über Urschöpfung gesehen haben, und man 
wird dasselbe auch für die älteren Bestandteile teilweise voraussetzen dürfen. 
Ich ordne auch hier nach der Buchstabenfolge. 

brüllen, mhd. brüelen, daneben dial. ftra/Z^/z 'schreien', mhd. prcden 'lärmend groß- 
tun, schreien', jetzt prahlen, e. to brawl 'lärmen, zanken'. — brummen, mhd. brummen, 
daneben ahd. breman 'brummen, brüllen'; dazu Bremse. Wahrscheinlich zu lat. fremere 
'rauschen', gr. ßgi/netr (bremen). — erwähnen, ahd. giwahannen; der Stamm wa/z gehört 
zu lat. vöx, gr. ejiog {epos), aind. vac 'sprechen, sagen'. — jehen (noch in Beidite und 
Gicht noch im 18. Jh. 'Aussage'), von ahd. bi-Jehan 'bekennen'. — kedern und quatsdien, 
zwei Dialektausdrücke, die zu ahd. quedan, e. quoth, got. qipan 'sagen' gehören; vielleicht 
ist lat. vetäre verwandt. — klagen, ahd. klagön, von ahd. klaga, eigentlich 'Geschrei', 
kaum zu gr. ßh^-p] {bldkha) 'Geblök', sondern zu aind. gärhati 'klagt, klagt an, beschul- 
digt'. — lallen, mhd. lallen, gr. laXeTv (lalen), lat. lalläre, vgl. o. S. 88. — murmeln, 
ahd. murmulön, murmurön aus lat. murmuräre; murren im 15. Jh., mnd. murren, anord. 
murra. — poltern, spätmhd. buldern zu gleichbedeutendem lit. bildsti. — reden, ahd. 
red(i)ön von Rede, ahd. redfija 'Rechenschaft, Rede und Antwort', got. rapjö 'Zahl, Rech- 
nung" zu lat. ratio (oder daraus entlehnt?). Jedenfalls hat das Wort durch die Gerichts- 
sprache hindurch seine heutig^Bedeutung angenommen. — rufen, ahd. ruofan, ruofen, 
got. hröpjan. Vielleicht zu lit. skrebsti 'rascheln', abg. skrobotü 'Geräusch'. — sagen, 
ahd. sagen, e. to say zu lit. sakiti 'sagen', lat. insece, inquam aus *in-squam, gr. sr-fsjis 
(ennepe) aus *ensepe. — sdireien, ahd. skrian, vielleicht zu lat. crimen, eig. 'Geschrei'. — 
singen, ahd. singan, e. to sing, got. siggwan zu gr. 6/iiq?/] (omphw) 'Stimme, Rede, 

') Vgl. D. C. Bück, Words of speaking and saying in the indo-european languages. 
Am. Journ. of Phil. 36, 1—18. 



252 Zehntes Kapitel. Die allgemeine Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

Orakel'. — spellen, noch in Beispiel, ahd. bispel, von .ihd. spiHI 'Hrzählting, Fabel, Ge- 
rede', e. spell 'Hrzüliiiing. Fabel', v^\. gospel, got. spi// 'Sage, Fabel', viellciciit zu lat. 
ap-peilure, inter-pellnre. — sp redien, ahd. spri'hfian, ags. spn*can (e. /o speah ist wohl 
ein anderes Wort) zu aind. sphürj- 'rauschen', gr, nrpnijnyeoimi {spharageomai) 'prassle, 
zische', lat. fnigor. — stöhnen, aus dem Niederdeutschen, ndl. stenen, ags. stunian zu 
gr. nih-fir (stenen) 'stöhnen, brausen'. — zeihen, ahd. zihan 'bescluildigen', got. gateihan 
'anzeigen, verkünden", lat. dicere, gr. i)Fiy.riyni {deknynai). — zisdien, erst neuhochdeutsch, 
ist wohl lautnachahincnd. — zwitschern, ahd. zwizzirOn, e. twitter. 

Ich habe hier nur eine beschränkte Auswahl angefülirt. In der Gemein- 
sprache und vor allem in den Mundarten gibt es noch eine Unzahl von 
Ausdrücken, die zum guten Teil lautnachahmend sind. Eine Zusammen- 
stellung derer, die den Vokal a enthalten, hat O.Weise, ZfdU. 19,518, ge- 
geben. Vgl. auch ScHWiETERiNQ, F., Singen und Sagen, Göttingen 1908. 

§ 161. Tätigkeiten.') Die Indogermanen und Germanen lebten im wesent- 
lichen in der Wirtschaftsform der sogenannten geschlossenen Hauswirtschaft, 
das heißt, es wurde alles, was zur Leibesnahrung und Notdurft gehörte, im 
Hause selbst hergestellt. Das ergibt eine unendliche Fülle von Tätigkeiten, 
für die natürlich auch die entsprechenden Ausdrücke bestanden haben müssen. 
Nach dem schon öfter berührten Gesetze der Sprachentwicklung werden in 
älterer Zeit mehr Ausdrücke wie in späterer vorhanden gewesen sein. 
Einige von diesen gehen verloren, andere nehmen eine allgemeinere Be- 
deutung an. Eine Hauptaufgabe der Wissenschaft, die bisher kaum in An- 
griff genommen ist, wird es sein, die ursprüngliche Bedeutung einer jeden 
Sippe festzustellen. Das kann freilich nur geschehen, wenn sich mit der 
sprachlichen Schulung eine ausgedehnte Kenntnis der Realien verbindet. 
Wir werden auf diesen Punkt unten § 192 zurückkommen. Hier können 
wir nur den Stoff nach gewissen Begriffsgruppen geordnet vorführen. 

1. Dehnen, ziehen usw.: 

dehnen, ahd. dennen, got. iif-panjan zu gr. teIvbiv (tinen), lat. tendere. — *dinsen 
'ziehen', noch in aufgedunsen, ahd. dinsan, got. at-pinsan 'heranziehen' zu lit. tcsti 'durch 
Ziehen dehnen'. — biegen, ahd. biogan, e. to bow, got. biugan zu aind. bhuf 'biegen', 
lat. fugere, gr. r/ Fvyeiy (pheugen) mit abweichendem Auslaut. — redien, ahd. redien 'aus- 
strecken, ausdehnen', e. to radi, got. ufrakjan 'ausstrecken' zu gr. doeystv {pregen), lat. 
porrigere. — spannen, ahd. spannan, e. to span zu gr. ortustv (späen) 'ziehen'. — 
zerren, ahd. zerran, e. to /^ar 'zerreißen', got. ^a^a/ro/i 'zerstören, vernichten', eigentlich 
'zerreißen' zu gr. Ssmir (deren) 'schinden'; dazü auch verzehren, ahd. //r^^/'flrt 'auflösen, 
zerstören, zerreißen'. — ziehen, ahd. ziohan, got. tiuhan, lat ducere. — streidien, ahd. 
strihhan, e. to strike zu lat. stringere 'abstreifen, berühren, streichen'. — tragen, ahd. 
tragan, got. dragan; daneben anord. draga, ags. dragan, e. to draw 'ziehen', lat. trahere, 
lett. dragät 'reißen'. 

2. Verbinden, trennen u. a.: 

binden, ahd. bintan. e. to bind, got. bindan zu lat. of-fendinientum 'Binde', gr. 
neiofxa (pesma) 'Tau' aus *penthsma. — b redien, ahd. brehhan, e. to break, got. brikan 
zu lat. frangere. — fügen, ahd. fuogan, e. to fay 'passen, verbinden' zu lat. pacisci, 
gr. mjyvvvai (pä-gnynai). — klauben, ahd. klubön 'zerpflücken, zerspalten' von klieben, 

') Vgl. hierzu auch Gen-IschiroYoshioka. making in the indo-europaean languages. 
A semantic study of the verbs of doing and Chicagoer Diss. Tokyo 1908. 



§ 161. TÄTIGKEITEN. § 162. ALLGEMEINES. 253 

ahd. klioban 'spalten', e. to cleave zu gr. yXvc^siv (glypfien) 'aushöhlen, stechen', lat. glu- 
bere 'abschälen'. — lösen, ahd. lösen, got. lausjan von laus 'los' zu gr. Xvfav (lym), 
lat. so-lvere; dazu verlieren, ahd. fir-liosan, got. fra-liusan. — sdieicten, ahd. skeidan 
•scheiden, trennen' usw., e. shed 'Trennung, Unterschied', got. skaidan zu lat. scindere, 
gr. ayj,;eiv {skhizPn). — trennen, ahd. trennen, Kausativum zu mhd. Irinnen 'sich ab- 
sondern' zu zerren. — schleißen, ahd. sli':i3an, e. to slit 'spalten, schleißen'; dazu auch 
sdilitzen. Vielleicht zu lat. laedere. — sdiroten, ahd. skrütan 'schneiden, hauen, kahl 
scheren', e. to shred 'zerreißen'; dazu e. shroiid 'Tuch' zu lat. scrantiim, scrötum. — 
spalten, ahd. spaltan zu aind. sphutäti {t aus It) 'reißt, springt auf, spaltet sich'. 

3. Stoßen, stechen, drehen usw.: 

st e dien, ahd. stehhan zu gr. oti^siv (stizen) 'mit einem spitzen Werkzeug Flecken 
machen', lat. instigäre. — stoßen, ahd. stö^an, got. stautan zu lat. tiindere. — bohren, 
ahd. borön, e. to bore zu lat. /orär^ 'bohren', gr. cpaoasiv {pharäm) 'pflügen'. — drehen, 
ahd. dräen, e. to throw, gr. teoeTv (teren) 'bohren, drechseln', lat. lerere. Dazu auch Draht 
und Dredisler, spätmhd. drehsler und z.T. auch drillen, e. thrill. — ringen, ndd. wringen, 
ahd. (w) fingen, e. to wring 'drehen, pressen'. Eine im Germanischen sehr verbreitete 
Wurzel. Wohl mit Nasalierung zu würgen, ahd. würgen zu lit. verzü, vefUi 'schnüren, 
einengen, pressen', abg. vrüza 'fessele, binde'. — werden, s. o. — winden, ahd. wintan, 
t.towind, got windan. Zu ai.van-dhüram 'Wagcnkorh', nrnbr. ahavendu 'er soll abwenden'. 

4. Schlagen, hauen u. a.: 

bleuen 'heftig schlagen', s. o. S. 226. — bosseln 'in Kleinigkeiten arbeiten, zu- 
sammenflicken, künsteln", wohl abgeleitet von ahd. b<rf,an 'schlagen, stoßen' (noch erhalten 
in Amboß), e. to beat zu lat. con-fütäre 'niederschlagen', fustis 'Knüttel'. — hauen, ahd. 
houwan, e. to hew zu abg. kovati 'schlagen, schmieden', lat. mit d erweitert ciidere. — 
sdilagen, ahd. slahan, e. to slay, got. slahan. — kneten, ahd. kn'etan, e. to knead zu abg. 
gnetq, gnesti 'zerdrücken, kneten'. — drüdien, ahd. drucken zu anord. prüga 'drücken', lit. 
träkti 'entzweireißen'. — quetschen, mhd. quetzen, quetschen. Zu \i{. gendü 'gehe entzwei'. 

Ein altes Wort für 'kneten' steckt noch in Teig, ahd. teig, e. dough, von got. deigan 
'aus Ton bilden' zu lat. fingere, gr. rsiyog (tekhos). — Hierher auch madien, von Meringer, 
Idg. Forsch. 17, 146 zu gr. /ndysigo; [mägeros) 'Koch', /lüooscv {müssen) 'drücken, kneten' 
gestellt. Ursprüngliche Bedeutung 'kneten'. 

5. Auf den Ackerbau BezügUches siehe oben S. 194. 

6. Auf das Kochen Bezügliches siehe oben § 140, S. 222. 

7. Auf die Kleidung Bezügliches siehe oben § 141, S. 225. 
Weiterer Stoff ließe sich leicht zusammenbringen. Die Hauptaufgabe 

aber ist es, durch genaue Beobachtung der Worte die ursprüngliche Be- 
deutung festzustellen. 



Zehntes Kapitel. 

Die allgemeine Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

§ 162. Allgemeines. Was wir bisher kennen gelernt haben, war die Her- 
kunft und Entwicklung des deutschen Wortschatzes in einigen allgemeinen 
Wortgruppen. Aus einersolchen Betrachtungsweise kann man mancherlei kultur- 
geschichtliche Aufschlüsse entnehmen, aber ein wirkliches Bild der Entwick- 
lung werden wir nicht aus ihr erhalten. Wenn man sich bemüht hat, die ver- 
schiedenen Schichten des Wortschatzes, indogermanische, gemeingermanische, 



254 Zehntes Kapitel. Die allgemeine Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

westgermanische Bestandteile, zu unterscheiden, so iiat das, wie wir gesehen 
haben, so gut wie keinen Wert. Einen wirkHchen Einblick in die Geschichte 
des Wortschatzes erhalten wir erst mit dem Beginn der geschichtlichen Über- 
lieferung. Alles, was vor dieser liegt, können wir als vorgeschichtliche Be- 
standteile zusammenfassen. Während aber die Untersuchung dieser ziemlich 
einfach erscheint — es könnte sich da nur um die Aufgabe handeln, alle 
Worte des Deutschen, die auch in andern Mundarten und Sprachen erscheinen, 
zusammenzustellen — , werden beim Eintreten der wirklichen Überlieferung 
die Verhältnisse sehr verwickelt. Denn nicht nur treten uns von Anbeginn 
Verschiedenheiten des Wortschatzes nach den Mundarten entgegen, sondern 
wir haben es auch im 8. Jahrhundert nicht mehr mit einfachen gesellschaft- 
lichen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu tun. Das Volk ist vielmehr in 
Stände gegliedert, und infolgedessen müssen wir auch Verschiedenheiten in 
der Sprache dieser Stände antreffen. Sind diese auch anfangs gewiß nicht 
bedeutend gewesen, vorhanden waren sie unter allen Umständen, und sie 
werden um so stärker, je weiter wir in der Zeit fortschreiten. So wären denn 
eieentlich von Anfang an die mundartlichen Verschiedenheiten und die Eigen- 
tümlichkeiten der Sondersprachen zu berücksichtigen. Wir können dies aber 
nur in getrennten Abschnitten tun und müssen uns hier auf das Allgemeine 
beschränken. Aber eben für das Allgemeine fehlen bis jetzt so gut wie alle 
Vorarbeiten. Fast nirgends ist der Wortschatz eines Schriftstellers in seiner 
Eigenart dargestellt, nirgends gibt es Zusammenstellungen darüber, welche 
Worte in einem abgemessenen Zeitraum neu aufgekommen sind. Diese Lücken 
kann natürlich auch meine Arbeit nicht ausfüllen. Ich kann hier nur auf 
die allgemeinen Gesichtspunkte hinweisen und einiges besonders erörtern. 
§ 163. Das Mittelalter. Erst im 8. Jahrhundert fangen die Deutschen an 
zu schreiben, und wir können erst von dieser Zeit an die Verwendung des 
Wortschatzes beurteilen. Da treten uns denn sofort zwei bemerkenswerte 
Erscheinungen entgegen. Auf der einen Seite eine große Leichtigkeit in 
der Verwendung der dichterischen Sprache. Man sieht, wie es gar keine 
großen Schwierigkeiten bietet, selbst einen fremden Stoff, wie die Lebens- 
geschichte Christi, in den altüberlieferten epischen Formen darzustellen. 
Der Dichter des Heliand verfügt frei über einen ihm durchaus geläufigen 
Wortschatz, weil er noch den Stabreim verwendet. Offenbar lag hier eine 
jahrhundertelange Übung vor. Vgl. darüber auch GDS. 150. Bei weitem 
mehr hat Otfrid, der denselben Stoff in den Reimvers gießt, mit der Sprache 
zu kämpfen. Und noch ganz anders steht es mit der Prosa. Hier handelt 
es sich um Übersetzungen aus dem hochentwickelten Lateinischen. Wir 
empfinden es noch sehr wohl, wie schwer es den alten Mönchen geworden 
sein muß, den reichen Wortschatz ihrer lateinischen Vorlagen 'mit ihrem 
nicht einfachen Inhalt im Deutschen wiederzugeben. Für viele lateinische 
Worte fehlten ihnen Entsprechungen und so mußten sie notwendigerweise 
neue Worte schaffen. Vor allem sind zahlreiche Allgemeinausdrücke da- 



§ 163. Das Mittelalter. . 255 



mals erst neu gebildet worden. Sie treten einmal auf, und sie sind dann 
rasch wieder verschwunden. Wir treffen sie häufig in der althochdeutschen 
Übersetzung des Isidor, vermissen viele davon aber in späterer Zeit. Wenn 
sie nicht in der Sprache fortlebten, so weist das darauf hin, daß die Worte 
Neuschöpfungen waren. 

Daneben stehen aber auch andere Worte, die erhalten blieben, wenn 
auch zum Teil in stark veränderter Bedeutung. Wir haben wiederholt darauf 
hingewiesen, daß die Bildung von Worten für Allgemeinbegriffe verhältnis- 
mäßig spät ist. Wenn wir solche Worte nur im Althochdeutschen und nicht in 
den verwandten germanischen Sprachen treffen, so können diese sehr wohl 
erst in dieser Zeit gebildet sein. An der Hand von Kluges Chronologischer 
Darstellung des neuhochdeutschen Wortschatzes in seinem etymologischen 
Wörterbuch und meinen eigenen Sammlungen stelle ich einige derartige Worte 
zusammen, die erst in althochdeutscher Zeit aufgekommen zu sein scheinen. 

Hierher gehören: Andadit, Beichte, Demut, entbehren. Farbe, Freude, Frevel, Gebäude. 
Gebärde, Gebäu, Gebein, Gebilde, Gebirge, Gebiß, Gedächtnis, Gedärm, Gedränge, Geduld, 
Gefäß, Gefecht, Gefilde. Gefolge, Gegenwart, Geheiß, Gekose, Gelände, Gelübde, Gelüst, 
Gemächt, Gemahl, Gemeinde, Gemüll, Gemüt, Genossame, Genüge, Gerät, Gericht, Gerücht, 
Gesang, Gesäß, Geschäft, Gesdiirr, Gesdilecht, Geschmack, Geschmeide, Gesdioß, Gesdirei, 
Gesetz, Gesicht (Notker). Gespenst. Gesprädi. Gestirn. Gestühl. Gesuch. Getreide, Gevögel. 
Gewädis. Gewähr, Gewand, Gewehr, Gewinn, Gewissen, Gewohnheit, Gewölbe, Gier, 
Gleidinis, Glimpf, Heimat, herrlich, Herrsdiaft, herrsdien, Hilfe, Huld, Hülle, Imbiß, in- 
ständig, Klage, Meinung, Mittag, Nähe, Öde, Ohnmadit, Rache, Sdiimpf, Sdimach, Schöpfer, 
Sdiöpfung, Sprache, Tradit, Tränke, Traufe, Unrat, Urkunde, Urlaub, Ursprung, Verlust. 
Vernunft, Wahnwitz, Wechsel, Widersacher, Wohltat, Würde, Zierde, Zugang, Zuvei^sicht usw. 

Anmerkung. Sehr dankenswert ist eine Dissertation von Otto Schenk Zum Wort- 
schatz des Keronischen Glossars, Heidelberg 1912, in der die Worte des Keronischen 
Glossars zusammengestellt werden, die teils nur in diesem, teils nur in althochdeutscher 
Zeit vorkommen. Zu der ersten Gruppe gehören 695 Wörter. Es sind sicher zahlreiche 
Augenblicksbildungen darunter. 

Als größter Prosaschriftsteller der althochdeutschen Zeit ist zweifellos 
NotkerLabeo anzusehen. Er hat eine große Anzahl von Werken und darunter 
auch bedeutsame philosophische Schriften aus dem Lateinischen übersetzt. 
Mit Recht hat man seine Übersetzertätigkeit gepriesen. Eucken widmet ihm 
in seiner Geschichte der philosophischen Terminologie 1879 S. 116 als dem 
ersten Schöpfer der deutschen philosophischen Ausdrücke einen besonderen 
Abschnitt. Leider haben Notkers Arbeiten keine Nachfolge gefunden, und 
so sind viele seiner vortrefflichen Neubildungen vergessen worden. Manches 
aber lebt fort. Ich erinnere nur an die bedeutsame Schöpfung.£"Ä^ im Sinne 
von 'matrimonium', das ursprünglich in ahd. ewa 'Ewigkeit, endlos lange 
Zeit', dann 'Recht, Gesetz, Vertrag' bedeutet, noch erhalten in echt: ahd. ehaft, 
eigentlich 'rechtsgültig' und das Notker in dem bestimmten Sinne festlegte. 

Zur Zeit des Mittelhochdeutschen überwiegt in der Literatur die Dichtung, 
und daher kennen wir auch im wesentlichen nur die Sprache der Dichtung und 
den dichterischen Wortschatz, allerdings in den verschiedenen Abstufungen des 



256 Zehntes Kapitel. Die allgemeine Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

höfischen und des Volkscpos. Die Sprache der Prosa war das Lateinische, bis 
endlich die Prediger anfintijen, deutsch zu sprechen und deutsch zu schreiben. 
Über ihren Anteil an derAusbiidung des deutschenWortschatzessieiie unten §184. 

Der Wortschatz der beiden erwähnten Dichtungsarten läßt sich dahin 
unterscheiden, daß die Volksdichtung im wesentlichen das Alte beibehielt. 
Das Neue müssen wir in der höfischen Poesie suchen. Sie hat zweifellos 
viele neue Worte geschaffen oder verbreitet. Vieles hat sich erhalten, anderes 
ist verloren gegangen, als die Dichtung abstarb — ein Beweis dafür, daß 
sie eben über einen besondern Wortschatz verfügte. Da diese Dichtungen 
Erzeugnisse eines besondern Standes waren, so müssen sich auch in ihrem 
Wortschatz die Anschauungen, Sitten und Gebräuche des Standes nieder- 
schlagen. Manches hat sich bis in unsere Zeit, wenn auch in veränderter 
Bedeutung gerettet. Für den Gegensatz des edlen feinen Rittertums zu dem 
bäuerischen Wesen verwendete man den Ausdruck hübsch, eigentlich 
'höfisch', zu Hof gehörig, und dörper 'Bauer, roher Mensch', aus dem sich 
unser Tölpel entwickelt hat. Übrigens hat hübsch seine Bedeutung 'fein, 
gut' in den Volksdialekten zum Teil noch heute bewahrt (so z. B. im Ober- 
sächsischen), die Bedeutung 'gut aussehend' entwickelt sich erst im 16. Jahr- 
hundert auf leicht verständlichem Wege. Auch fm, fein scheint ein Wort 
der höfischen Schichten zu sein. Das Wort stammt aus \at f/tif las. Unser 
Art tritt erst in mhd. Zeit in der Bedeutung 'Herkunft, Geschlecht, edles 
Geschlecht, Natur' auf. Daneben erscheint schon ahd. ein art 'Bepflügung'. 
Nach den Darlegungen im DWB. unter Unart steht es sicher, daß die 
beiden Worte eins sind, und daß wir die übertragene Bedeutung von Art 
dem Rittertum zuzuschreiben haben. 

Ein Verzeichnis der Worte, die erst im Mittelhochdeutschen auftreten, 
bietet wieder Kluge im Anhang zu seinem Wörterbuch. Freilich ist auch 
dies wieder unvollständig, da Kluge ja in seinem Wörterbuch nur eine be- 
schränkte Zahl von Ableitungen und Zusammensetzungen bietet, und es 
ist daher für wirkliche Erkenntnis nicht zu gebrauchen. Hier muß erst eine 
besondere Untersuchung einsetzen. Vgl. auch E. Tanzer, Der deutsche 
Sprachschatz nach Fr. Kluges Etymologischem Wörterbuch der deutschen 
Sprache. Programm der Staats-Realschule in B. Leipa 1903 — 4, 1904—5. 

§ 164. Die Neuzeit. Seit der Erfindung der Buchdruckerkunst steht uns 
ein reicher Schatz von Literaturdenkmälern zur Verfügung. Es beginnen die 
Wörterbücher zu erscheinen, und die Möglichkeit, das Auftreten der Worte 
zu bestimmen, liegt hier recht günstig. Aber dieser glückliche Stand ist 
nicht ausgeschöpft, und ehe wir nicht Sonderwörterbücher haben, wird sich 
keine sichere Erkenntnis erringen lassen. Das 16. Jahrhundert könnte uns 
in seinem Wortschatz recht gut bekannt werden, denn die literarische Tätig- 
keit war überaus rege. Man denke nur an die Schriften eines Mannes wie 
Luther. Aber ein Wörterbuch des 16. Jahrhunderts fehlt, und das Luther- 
wörterbuch von Ph. Dietz ist im zweiten Band stecken geblieben (Wörter- 



§ 164. Die Neuzeit. 257 



buch zu Dr. Martin Luthers deutschen Schriften 1. Bd.; 2. Bd. 1. Lief. 
1870 — 72 bis M). Zu andern Schriftstellern gibt es zwar vereinzelt Wörter- 
verzeichnisse, aber sie beschränken sich auf eine Auswahl der Abweichungen 
vom heutigen Sprachgebrauch, Spezialwörterbücher zu einzelnen Schrift- 
stellern wie Fischart, Rollenhagen, Grimnielshausen wären dankenswerte, 
nicht zu schwierige Aufgaben. Außerdem müßte zweifellos ein großes 
Wörterbuch des 16. Jahrhunderts in Angriff genommen werden. 

Dasselbe, was vom 16. Jahrhundert gilt, gilt auch von den übrigen. 
Zwar nehmen nunmehr die Wörterbücher an Umfang und Gediegenheit zu, 
aber sie sind weit davon entfernt, die Sprache ihrer Zeit vollständig zu 
verzeichnen. Es wäre wiederum eine dankenswerte Aufgabe, die einzelnen 
Werke nach dem Gesichtspunkt, welche Worte in ihnen neu auftreten, zu 
vergleichen und den Stoff zusammenzustellen. 

Ich habe die Absicht gehabt, an der Hand des Weigandschen Wörter- 
buches, das zwar den Wortschatz auch nicht vollständig, aber doch ziem- 
lich reichhaltig bietet und das erste Auftreten der Worte verfolgt, hier eine 
Liste der in den verschiedenen Abschnitten der Neuzeit neu auftretenden 
Wörter zu geben. Aber es würde sich doch nur um eine tote, viel Raum 
verschlingende Aufführung von Worten handeln, bei der nach meiner Ansicht 
zunächst kein Vorteil herausspränge. Wie sehr auf unserem Gebiet alles im 
argen liegt, zeigt das kleine Gottsched-Wörterbuch von E. Reichel, Berlin 1902. 
Der Verfasser tritt mit großer Begeisterung für Gottsched ein, und um dessen 
Bedeutung auch als Sprachschöpfer zu zeigen, hat er dieses Wörterbuch an- 
gelegt, in dem die Worte verzeichnet sind, die angeblich bei Gottsched zuerst 
vorkommen. Aber bei genauerer Untersuchung zeigt sich, daß unendlich 
viel davon schon früher gebraucht worden ist. Namentlich wird man bei 
Thomasius und Wolff viel finden können, obgleich auch diese uns oft Wort- 
schöpfer zu sein scheinen, wo sie es nicht sind. Wolffs Sprache hat neuer- 
dings PiUR gewürdigt, vgl. § 199, aber freilich auch nicht eingehend genug. 

Neues Leben entstand durch die literarische Bewegung, die die Geister 
im 18. Jahrhundert erfaßte. Man drängte nach neuem Inhalt, neuen Formen 
und neuen Worten und hat wirklich unendlich viel Neues geschaffen. In 
der Sprache steht es wie in der Natur. Wie die Natur unendliche Keime 
ausstreut, damit einige wenige emporkeimen und hundertfältige Frucht 
bringen, so. müssen auch unzählige Worte neugeschaffen werden, wenn die 
Sprache mit einigen dauernd bereichert werden soll. Wir sind in der glück- 
lichen Lage, einige Werke zu besitzen, die uns von der Schöpferkraft der 
damaligen Zeit Kenntnis geben. Der Freiherr Christoph von Schönaich 
veröffentlichte im Jahre 1754 sein Buch: die ganze Ästhetik in einer Nuß, von 
A. KöSTER, Berlin 1900, neu herausgegeben. Schönaich kritisiert die Sprache 
der damaligen Dichter, die nicht zur Gottschedschen Schule schworen, nament- 
lich die der Schweizer. „Was alles dem Ohr des Sachsen und des Lausitzer 
fremd klang," sagt der Herausgeber, „das lernt man aus dem neologischen 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 17 



')i Z>. HNTES Kapitel. Die allgemeine Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 



Wörterbuch." Daher ist es denn eine Quelle ersten Ranges. Wie fremdartig 
die neue Sprache erschien, zeigt uns auch Schönaichs Epigramm auf Hallcr: 

.Nun kann der Kränzen Witz an Hallcr sich ersetzen, 
Ach! wollt' ihn einer uns ins deutsch erst übersetzen.* 

Schönaich ist vcn Lessing hart mitgenommen worden, und er war ja sicher 
kein bedeutender Mann. Wenn man aber das neologischc Wörterbuch durch- 
mustert, so findet man einen nur bescheidenen Teil von Worten, bei denen die 
Nachwelt Schönaich nicht recht gegeben hat, das heißt die von ihm ver- 
spotteten Worte aufgenommen hat. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle 
sind die Neuschöpfungen, die er tadelt, auch bald wieder verschwunden. 

Anmerkung 1. Ich merke hier an, was sich an derartigen damals als neu und un- 
gewöhnlich empfundenen Worten erhalten hat: Abbild, Abhang 'Seite des Berges', Ab- 
glanz der Gottheit, Ahne statt Ahnherr, das All, Altvordern. .Man sehe nur 
Nimrod S. 660. So kann man auch Jnnghintern anstaU 'Enkel' sagen. Ich bekenne es, 
keine Sprache ist geschmeidiger als die deutsche und läßt sich mehr hänseln." Anblidi, 
anstarren statt ansdiauen, Busensfreund stau Herzensfreund, Bndzwedi, sidi ent- 
falten statt sidi entwidieln. Gemengsei 'ein neues und sehr edles Wort', Grat 'der 
Berge', Trupp .man merke sich das deutsche Wort 'Trupp', dem der Herr Rath das Bürger- 
recht in der Bodmerisclien Sprache verleihet", Unbill „ein allerliebstes Wort. Wir sind 
noch nicht so weit, es zu verstehen", versdiämt. 

Anmerkung 2. Außerdem hat Gottsched selbst das Wort ergriffen. Was er und 
andere seiner Zeit tadeln, hat Karl Müller, Gottschedliche Wortverbote, ZfdU. 19, 745, 
zusammengestellt. Dahin gehören: unerfindlidi, Beeinträditigung, Wohlgesinnt- 
heit, Fahrlässigkeit, wörtlidi, vergriffen, Sammler, Stimmenmehrheit, 
Völkerwanderung, Urbild (für Original), zerstreut (frz. distrait), Mitglied. 

Eine weitere wichtige Quelle ist dann J. F. Heynatz, Versuch eines deutschen 
Antibarbarus oder Verzeichnis solcher Wörter, deren man sich in der reinen 
deutschen Schreibart entweder überhaupt oder doch in gewissen Bedeutungen 
enthalten muß, nebst Bemerkung einiger, welche mit Unrecht getadelt werden. 
Berlin 1796. Was der Verfasser will, sieht man aus der Inhaltsangabe, und 
so brauche ich mich über sein Werk nicht weiter auszulassen. Es ist auch 
zu umfangreich, als daß der Stoff an dieser Stelle dargeboten werden könnte. 

Der Versuch, den Anteil unserer großen Dichter an der Neubildung 
oder Neueinführung von Worten zu bestimmen, kann heute auch noch 
nicht zu gesicherten und vollständigen Ergebnissen führen. Es bedarf auch 
dazu erst der Sonderwörterbücher zu jedem einzelnen sowie eingehender 
Untersuchungen. Hier ist die Mitarbeit vieler erwünscht, die leider fehlt 
und doch so dankenswert und lohnend wäre. 

Anmerkung 3. Auch Kinderling, Über die Reinigkeit der deutschen Sprache, Berlin 
1795, bietet S. 349 den .Versuch eines V^erzeichnisses neuer (guter und schlechter) Wörter 
der Prosaisten und Dichter, größtenteils des achtzehnten Jahrhunderts. 

Schließlich hat dann das 19. Jahrhundert eine Fülle neuer Worte hervor- 
gebracht. Für diese Zeit würde eine Vergleichung des heutigen Wortschatzes mit 
dem von Campe verzeichneten zu recht bemerkenswerten Ergebnissen führen. 

Anmerkung 4. Es dürfte angebracht sein, einige der Arbeiten, die Beiträge zur 
Geschichte des deutschen Wortschatzes in der neuern Zeit liefern, hier anzuführen. Für 



§ 165. Wiederbelebung alter Worte. 259 



Vollständigkeit kann ich freilich nicht bürgen. Beiträge zu einem Goethe-Wörterbuch, Bei- 
heft zum 6. Band der ZfdW., enthält W. Kühlewein, Präfixstudien zu Goethe; P.Th.Bohner, 
Präfix un- bei Goethe, Die Negation bei Goethe; 192 Seiten. — O. Brahm, Deutsches 
Ritterdrama des 18. Jahrhunderts; Quellen und Forschungen, Heft 40. — C. Pfütze, Die 
Sprache in J. M. R. Lenzens Dramen; Leipziger Diss. 1890; S. 45 ff. über den Wortschatz. — 
Erich Schmidt, Richardson, Rousseau und Goethe, 1875, S. 256 ff. — Würfl, Über Klop- 
stocks poetische Sprache, Leipzig 1882. — W. Pfleiderer, Die Sprache des jungen Schiller 
in ihrem Verhältnis zur neuhochdeutschen Schriftsprache; Btr. 28, 273 ff., über den Wort- 
schatz S. 412 ff. — Friedrich M. E. Kasch, Mundartliches in der Sprache des jungen Schiller, 
Greifswalder Diss. 1900. — K. To.manetz, Bemerkungen zu Grillparzers Wortschatz, Ztschr. 
f. d. österr. Gymnasien 44, 289 ff. — H. KüCHLING, Studien zur Sprache des jungen Grill- 
parzer mit besondrer Berücksichtigung der Ahnfrau; Leipziger Diss. 1900, besonders S.40ff. — 
H. Petrich, Drei Kapitel vom romantischen Stil; ein Beitrag zur Charakteristik der roman- 
tischen Schule, ihrer Sprache und Dichtung, mit vorwiegender Rücksicht auf Ludwig Tieck; 
Leipzig 1878. — Georg Bormann, Beiträge zum Wortschatze Höltys; Greifswalder Diss. 
1917. — Felix Ott, R. Wagners poetischer Wortschatz; Diss. Gießen 1917. 

§ 165. Wiederbelebung alter Worte. 

Literatur: Karl Müller, Die Wiederbelebung alter Worte; WB. z. ZADSV. 2, 57. 

Neben der Neuschöpfung der Worte oder der Herübernahme dialek- 
tischer Ausdrücke in die Schriftsprache dient aber seit dem 18. Jahrhundert 
auch die Neubelebung alter, untergegangener Worte zur Bereicherung unsres 
Wortschatzes. Worte vergehen. Das ist eine altbekannte Tatsache. Wird 
eine Sprache nicht schriftlich niedergelegt, so sind derartige Worte unwieder- 
bringlich verloren. Anders steht es, wenn geschriebene oder gedruckte 
Denkmäler vorhanden sind. Dann lernt man die ausgestorbenen Worte durch 
das Lesen wieder kennen und kann sie natürlich auch wieder verwenden. 
Das geschieht nicht selten mit Absicht. Schon Leibniz empfiehlt in den 
'unvorgreiflichen Gedanken' § 63 „die Aufsuchung guter Wörter, die schon 
vorhanden, aber itzo fast verlassen, mithin zur rechten Zeit nicht beifallen", wie 
auch ferner „Wiederbringung alter verlegener Worte, so von besondrer Güte". 

Nun besaß man im 18. Jahrhundert ein älteres Literaturdenkmal, das 
man immer wieder las, und durch das daher viele alte Worte bewahrt 
blieben oder stets wieder aufgefrischt wurden, das war Luthers Bibelüber- 
setzung. Dem 17. und 18. Jahrhundert schienen viele Worte darin veraltet. 
Manche sind es geblieben, aber viele sind heute wieder gut gangbare 
Münze. Ich habe eine Anzahl in dem Abschnitt über die Sprache der 
Religion, § 184, verzeichnet und bemerke hier nur, daß viele vielleicht 
nicht unmittelbar, sondern durch die Dichtersprache wieder aufgefrischt 
sind. Denn die Dichter des 18. Jahrhunderts stiegen ja zum Teil mit heller 
Begeisterung in den Schacht der altern deutschen Sprache. 

Anmerkung. Über den Einfluß der Bibel auf Schiller vergleiche Boxberger, Die 
Sprache der Bibel in Schillers Räubern, Erfurt 1867, und J. Schlurik, Schiller und die 
Bibel, Leipzig, Programm des Albert-Gymnasiums 1895. 

Wie es mit den veralteten Wörtern steht, möge folgendes zeigen. Steinbach be- 
zeichnet 1734 in seinem deutschen Wörterbuch folgende Worte als veraltet: y4mme/- 'Herz- 
kirsche', Au. Aue. Banner, baß. bieder, Brosam. Buhle, Dirne. Dung. Fehde, Fladen, 
Forst, Frame 'Franzose', Gaul, Hain, hausen 'wohnen', Hippe, Hirn wird als überhaupt 

17* 



260 Zehntes Kapitel. Die allgemeine Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 

nicht mehr vorhanden bezeichnet, Hort, Feierkleid usw. Adelung warnte vor folgenden 
veralteten und z.T. von ihm als .lächerlich* bezeichneten Worten: anheben, Abenteuer. 
Absage, beginnen, behagen, behaglich, bieder, Bladifeld, Degen, tehde, frommen, fürbaß, 
gehaben, Hüne, Kämpe, Knappe, Meistcrsdiaft, Redte, Minne, abhold, Gau, Drang, Wonne, 
weiland, gebaren, hehr, sühnen, wundersam, Zier, zierlidi. Fast alle sind wohl nicht recht 
volkstümlich, den Gebildeten aber geläufig. Sie haben meist noch einen höhern Wert, 
stammen also aus der Dichtersprache. 

Unsere Dichter lasen aber nicht nur die altern Schriften, sondern 
stellten auch selbständige Untersuchungen an. So hat sich Lessinq mit der 
altern Literatur beschäftigt, er hat den Logau herausgegeben und auch ein 
Logauwörterbuch angelegt. Hier sagt er (Henipelsche Ausgabe 12, 222): 
.Auf diese veralteten Wörter liabeii v.'ir geglaubt, daß wir unser Augenmerk vor- 
nehmlich richten müßten. Wir haben alle sorgfältig gesammelt, so viele derselben bei 
unserm Dichter vorkommen, und haben dabei nicht aliein auf den Leser, der sie verstehen 
muß, sondern auch auf diejenigen von unsern Rednern und Dichtern gesehen, welche An- 
sehen genug hätten, die besten derselben wieder einzuführen. Wir brauchen denselben 
nicht zu sagen, daß sie der Sprache dadurch einen weit größern Dienst tun würden als 
durch die Priigung ganz neuer Wörter, von welchen es ungewiß ist, ob ihr Stempel ihnen 
den rechten Lauf so bald geben möchte." 

Diese Hoffnung ist bei Logaus Worten nur selten in Erfüllung gegangen. 
Ich finde Bankart, jetzt Bankert, Besonnenheit, bieder, Brudi (Hose), Degen (Held), 
eignen, eitel (nichts als), entjungfern, erkunden, ernüditern, feiern (aufhören zu arbeiten), 
frommen, fürlieb (statt vorlieb), Genoß, kosen (reden), das Lieb, Ramme, reisig (reiter- 
mäßig), selbander. Städter, Stänker, torkeln, wallen, Wegelagerer, Windei, Windlidit. 

In den .Beiträgen zu einem deutschen Glossarium' (Hempel 12, 719 ff.) stehen eine 
Reihe andrer alter Worte, von denen einige wieder aufgenommen sind. 

Im 18. Jahrhundert ist auf diese Weise durch die bewußte Arbeit der Dichter 
vielerlei wieder bejebt worden, indem sie einzelnes wieder hervorholten. Zu 
einem besondern Kunstgesetz wird die Wiederaufnahme alter Wörter in der 
Romantik. Vergleiche die oben S. 259 angeführte Arbeit von Petrich S.43. Es 
ist wohl nur der geringen Verbreitung ihrer Dichtungen zuzuschreiben, wenn 
nicht vieles von dem, was sie gebrauchen, durchdringt. Mit größerem Glück hat 
Uhland manches erneuert. J.Grima\ hat in seiner Begeisterung für das Altertum 
viele Worte wieder neu einzuführen versucht, und R.Wagner ist zweifellos oft 
mit Erfolg in den unerschöpflichen Schatz der alten Sprache hineingestiegen. 
Anmerkung. K.Bergmann, Der deutsche Wortschatz, Gießen 1912, hat nach Weigands 
Wörterbuch die neubelebten Worte verzeichnet. Es sind: Aar, Absage, Altvorderen. Ansidit, 
bangen, befehden, bieder. Brünne, daheim, Degen 'Held', Eindrudi. Eldi, Fehde. Feme. 
Feuerzauber, frommen, frondiercn, Gastfreund, gastlidi, Gau, Gebilde, Gesdiehnis. Halle, 
haselieren, hehr. Heim, Insdirift, Kämpe, kosen, künden, kündigen. Leidi. Lindwurm, 
lugen, Minne, Mummensdianz, Redie. Stör 'Handwerkerarbeit', sühnen, Tafelrunde, tagen, 
tosen, Trutzbündnis, Vatersdiaft. Wagnis, Wehrmann. Wonne, wundersam, zog. 

§ 166. Modewörter und Schlagwörter. In der neuesten Zeit ist man noch 
auf einige Besonderheiten aufmerksam geworden, die für die Sprachgeschichte, 
das Alter und das Aufkommen der Wörter von besondrer Wichtigkeit sind. 
Man spricht heute viel von Modewörtern und Schlagwörtern. Über 
Modeworte besitzen wir eine kleine Studie von Hans Brennert, Mode- 
worte; aus dem Mitteleuropäischen; Berlin 1898. 



§ 166. Modewörter und Schlagwörter. 261 

„Mit Modeworten," sagt der Verfasser, „sind nicht die 'geflügelten Worte' gemeint, 
die aus Zitaten dichterisclicr Sentenzen oder Redensarten und Sprichwörtern bestehen. 
Vielmehr jene Worte, die unserm Sprachschatz längst angehören, aber plötzlich in Mode 
kommen und zu Lieblingsworten werden, weil ihnen der unermüdiiclie Gebrauch die er- 
hoffte erheiternde Wirkung schließlich erwirkt hat. Aber auch ernste Modeworte gibt es, 
die aber von ihrer feierlichen Höhe schHeßlich docii herunterpurzeln und am Ende nur 
mitleidiges Lächeln wecken, nachdem sie zuerst von allen Gebildeten der Nation in An- 
dacht vernommen waren." 

H. Brennert gibt eine kleine Sammlung derartiger Modewörter aus 
der neuesten Zeit. Andere hat Wustmann in seinen Sprachdummheiten ver- 
zeichnet. Für das 18. Jahrhundert hat W. Feldmann, ZfdW. 6, 101, eine Reihe 
von Ausdrücken zusammengestellt. Wenn man Schriften früherer Zeiten liest, 
wird man gelegentlich auf Bemerkungen über derartige Modewörter stoßen. 
So bietet z. B. Grabbe ein Beispiel in Scherz, Satire, Ironie und tiefere Be- 
deutung. 1,3: „Die Wörter 'genial, sinnig, gemütlich, trefflich' werden so 
ungeheuer gemißbraucht, daß ich schon die Zeit sehe, wo man, um einen ent- 
sprungenen, über jeden Begriff erbärmlichen Zuchthauskandidaten vor dem 
ganzen Lande auf das unauslöschlichste zu infamieren, an den Galgen schlägt: 
N. N. ist sinnig, gemütlich, trefflich, genial." Die Kenntnis der Modewörter ist 
natürlich für das Verständnis der Schriftsteller einer Zeit von großer Bedeutung, 
und es ist unbedingt nötig, ihnen die Aufmerksamkeit zuzuwenden. Natürlich 
hat auch jeder Schriftsteller, was man damit vergleichen kann, gewisse Lieb- 
lingswörter. Auch deren Geschichte führt bei genauerer Betrachtung zu be- 
merkenswerten Ergebnissen. Ich erinnere nur an das Goethesche Dumpfheit. 

Anmerkung. Feldmanns Untersuchung sollte fortgesetzt werden. Er verzeichnet 
und bespricht folgende Ausdrücke: ätherisdi. alltäglidi. Alltags-, Ansicht 'Meinung', Auf- 
klärung, von Belang, Deutsdiheit, Eigenheit, Entsagung, Gesdiidite, Glaube an uns selbst, 
Grazie, Humanität, Jahrtausend. Kerl, Klarheit, Kleinmeister, Lektüre, Mucker, Mutter Natur, 
Mutter Erde, Natur, Pflanze 'geistig minderwertiger Mensch', Sdilachtendenker, Spleen, 
Sturm und Drang, sympathetisdi, Toleranz, unendlich, vernünftig, Weltgeist. Dazu kommen 
eine Reihe von andern, die Feldmann künftig behandeln will, wie Empfindsamkeit. Gefühl, 
sdiöner Geist, schöne Seele, starker Geist. Weiblichkeit. Weltbürger. Die Geschichte des 
Wortes Genie, das auch hierher gehört, hat Hildebrand im Grimmschen Wörterbuch auf 
53 Spalten dargestellt und in diesem Aufsatz ein vollständiges Kulturbild entrollt. Über 
schöne Seele vgl. E.Schmidt, Richardson, Rousseau und Goethe, S. 318 ff. 

Noch bedeutender als die Modewörter sind die Schlagwörter, auf die 
zuerst Richard M. Meyer die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Unter dem Titel 
'Vierhundert Schlagworte' hat er in den Neuen Jahrbüchern für das klassische 
Altertum aus dem 19. Jahrhundert Beispiele gesammelt für Worte, die ein- 
mal im besondern Sinn gebraucht, damit eine besondere Bedeutung be- 
kommen. Es haben sich viele dieses wichtigen und anziehenden Gebietes 
angenommen und Otto Ladendorf hat schließlich in seinem 'Historischen 
Schlagwörterbuch', Straßburg 1906, den Stoff alphabetisch gesammelt und 
dabei die bisherigen Arbeiten über dieses Gebiet verwertet. Sein Werk 
bildet eine lehrreiche Ergänzung zu jedem Wörterbuch. Dazu kommen eine 
Reihe kleinerer Abhandlungen: A. Gombert, Ergänzende Bemerkungen über 



262 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 



einige Schlagworte, ZfdW. 7, 1 ; A. Gombert, Beiträge zur deutschen Wort- 
geschichte, Beigabe zu deirSchulnaclirichten des König Wilhehii-Ciyiiinasiums 
zu Breslau 1908; O.Ladkndorf, Schlagworte und Verwandtes, ZfdW, 9, 279 ff.; 
W. Fi-.LDMANN, Randglossen zum Ladendorf, ZfdW. 9, 288; O. Ladendorf, ZfdW. 
5, 105 ff., 6, 46 ff.; ZfdU. 24, 481 ff., 560 ff. Der Begriff des Schlagwortes läßt 
sich nicht genau begrenzen. Ladendorf versteht darunter „solche Ausdrücke 
und Wendungen, denen sowohl eine prägnante Form wie auch ein ge- 
steigerter Gefühlswert eigentümlich ist, insofern sie nämlich entweder 
einen bestimmten Standpunkt wider ein Streben, eine Einrichtung, ein Ge- 
schehnis nachdrücklich betonen oder doch wenigstens gewisse Untertöne 
des Scherzes, der Satire, des Hohnes und dergleichen deutlich mit erklingen 
lassen." Besser noch als diese Ausführungen zeigen Beispiele, was Laden- 
dorf meint. Man denke an Nietzsches Bildlingsphilister, Übermensch, 
Herdentier, an Heimatkunst, Fin de siecle, die Moderne. „So 
sind", sagt Ladendorf VIII, „auch die Bezeichnungen großer literarischer 
Strömungen, des Sturms und Drangs, der Romantik, des Jungen Deutsch- 
lands, des Realismus und Naturalismus, der Decadence und Heimatkunst 
nicht nur selbst zu Schlagworten geworden, sondern haben auch noch 
zahlreiche andere im Gefolge gehabt. Nicht anders steht es bei tiefgehenden 
künstlerischen Prinzipienstreiten. Neue Erkenntnisse und technische Fort- 
schritte verlangten immer gebieterisch nach entsprechenden sprachlichen Aus- 
drücken, deren Schlagkraft um so größer zu sein pflegte, je erbitterter die 
Gegnerschaft war: Impression, Sezession, Jugendstil mögen zeugen für 
viele." Derartige Schlagworte hat es nun schon seit langen Zeiten gegeben. 
Will man sie für die Sprachgeschichte verwerten, so ist die Anordnung 
nach der Zeit des Auftretens, wie sie R. Meyer geboten hat, die einzig 
richtige. Die Ordnung nach der Buchstabenfolge bei Ladendorf ist ja zum 
Nachschlagen sehr bequem, aber ihr mangelt doch eben das, was am 
meisten anzieht, der Überblick über die zeitliche Aufeinanderfolge. Ein 
einfaches Verzeichnis der Worte, geordnet nach ihrem Auftreten am Schluß, 
würde diesem Mangel leicht abhelfen. 

Modewörter wie Schlagwörter können natürlich wieder vergehen und 
in Vergessenheit geraten, und dann stehen wir solchen Worten verständnislos 
gegenüber. Wer kann sich bei einem Gedichte G. Kellers, das er Polka- 
kirche überschrieben hat, etwas denken? R. Meyer hat gezeigt, daß Polka 
damals in Berlin und Norddeutschland ein Modewort war, um alles zu be- 
zeichnen, was schön und elegant war, vielleicht das, was man jetzt tip-top 
nennt. Und in diesem Sinne gebraucht es auch Keller, also 'feine, elegante 
Kirche'. Anderseits kann ein Wort lange bestehen, ehe es zum Schlagwort 
wird. So taucht Übermensdi bereits 1527 in der theologischen Literatur 
auf, wird dann ein Lieblingswort Herders, von dem es Goethe übernimmt 
und zweimal gebraucht. Grabbe wendet es an, aber erst durch Nietzsche 
wird es zum programmatischen Schlagwort. — „Ultramontan ist als 



§ 167. Allgemeines. 263 



geographischer und kirchenpolitischer Ausdruck dem 18. Jahrhundert schon 
ganz geläufig," wird aber doch erst im 19. zum wirklichen Schlagwort. 

Für alles Weitere sei auf die Schrift von Meyer selbst verwiesen. 

Nötig wäre es, jede Zeit gesteigerter geistiger Regsamkeit besonders 
zu untersuchen. Einen Anfang nach dieser Richtung macht Fr. Lepp in 
seiner Freiburger Dissertation Schlagwörter des Reformationszeitalters, Leipzig 
1908. Vieles, was damals geprägt ist, ist rasch wieder verschwunden. Zu 
den Wörtern, die sich erhalten haben, gehören: Reformation (15. Jh.), 
reformieren, Pharisäer, Sophist, sophistisch. 

Diesem schließt sich an Fritz Schramm, Schlagworte der Alamodezeit, 
ZfdW., Beiheft zum 15. Band, Straßburg 1914. Die Alamodezeit ist das 
17. Jahrhundert. Sie ist gekennzeichnet durch eine „umständliche, bewußt 
gekünstelte, abgeschmackte Form des Ausdrucks, die man nicht mit Un- 
recht mit dem gleichzeitigen Barockstil in der Baukunst verglichen hat. 
Literarisch tritt dieser Stil bekanntlich am ausgeprägtesten in der berüch- 
tigten Lyrik der sog. zweiten schlesischen Schule am Ende des Jahrhun- 
derts zutage." (Schramm S. 1.) 

„Das wesentliche Charakteristikum der alamodischen Sprache", sagt Schramm S. 8 
weiter, „ist der übertriebene Gebrauch der Fremdworte", und man darf daher vermuten, 
daß die Mode- und Schlagworte dieser Zeit im wesentlichen Fremdworte sind. Das weist 
denn auch Schramm an ausgewählten Beispielen nach. Zunächst kommt das Wort Mode 
selbst, das zuerst in der Form alamode auftritt und geradezu als das Kennwort dieser 
Zeit bezeichnet werden kann. Weiter erhalten wir in dieser Zeit oder es werden besonders 
üblich: Kavalier, zunächst aus italienisch cavalliere, Monsieur, Galan aus dem Spa- 
nischen, Dame, Madame, Mätresse, Kompliment, das mundartlich noch vorhandene 
Baselman aus span. beso las manos 'ich küsse die Hände', Reputation. Es ist sehr 
bemerkenswert, daß eine Reihe dieser Ausdrücke z. T. mit verschlechterter Bedeutung tief 
in die Volkssprache eingedrungen sind. Mosjö ist obersächsisch und norddeutsch und 
hat eine geringschätzende Bedeutung. Madam und Mamsell sind gleichfalls herunter- 
gestiegen, und Baselman lebt am Rhein und im Niederdeutschen in der Bedeutung 
'Verbeugung' fort. 



Elftes Kapitel. 
Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 

§ 167. Allgemeines. Die deutsche Schriftsprache, mit der sich alle Ge- 
bildeten verständigen, hat einen großen gemeinsamen Wortschatz; er besteht 
aus den Worten, die jedermann geläufig sind, und die man beim Schreiben, 
Reden, Vortragen usw. anwendet. Aber daneben besitzt doch fast jeder seine 
besondere Sprache, indem er, wenigstens im Umgange, Ausdrücke gebraucht, 
die nur in seiner Heimat oder deren engrer oder weitrer Umgebung üblich 
sind. Das sind die sogenannten Provinzialismen. Da die Zeitungen nament- 
lich in ihrem Anzeigeteil diese Umgangssprache aufweisen, so ist das Lesen 
von Zeitungen aus einer Gegend, der man nicht selbst angehört, höchst 



264 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach c- den. 



belehrend. Aber derartige örtlich beschränkte Ausdrücke haben von jeher 
auch Eingang in die Literatur gefunden und finden ihr. heute noch. Wer 
neuere Schriften liest und auf die örtlichen Verschiedenheiten zu achten 
gelernt hat, dem wird es selten lange verborgen bleiben, ob ein nord- oder 
ein süddeutscher Schriftsteller zu ihm spricht. Namentlich hat infolge der 
politischen Entwicklung heute schon das österreichische Deutsch eine be- 
sondere Färbung angenommen. Selbst in den Werken einer Marie von Ebner- 
EscHENBACH tritt sie hervor. Ebenso findet sich eine starke Sonderentwicklung 
in der Schweiz, und Gottfried Keller zeigt ihm und seiner Heimat eigen- 
tümliche, nicht allgemein gebräuchliche Worte, die ihm freilich wahrschein- 
lich ohne Absicht in die Feder gekommen sind, z. B. der Aufrechte in 
das Fähnlein der sieben Aufrechten, äufnen 'in die Höhe bringen', 
Gegenschwäher. Betrachten wir Dialektschriftsteller wie Jere.mias Gott- 
HELF, Rosegger, SO Steht es mit dem Wortschatz wesentlich anders. Bei 
ihnen finden wir Abweichungen vom schriftsprachlichen Gebrauch auf 
Schritt und Tritt. Noch stärker werden diese in den unverfälschten Mund- 
arten. Da bestehen die größten Verschiedenheiten im Wortschatz, 

Unterschiede im Wortschatz einer Sprache hat es zu allen Zeiten gegeben. Man 
nimmt sie schon für das Indogermanische an, nnd das ist durchaus notwencfig und eigentlich 
selbstverständlich. Aber wir können kaum etwas mit Sicherheit nachweisen. Auch hier 
bekommen wir erst wieder sichern Boden unter den Füßen, wenn wir uns zu den Zeiten 
mit schriftlicher Überlieferung wenden Es ist bekannt, daß innerhalb des germanischen 
Dialektgebietes schon in der ältesten Zeit Verschiedenheiten bestehen. Das Gotische sagt 
taujan für d. tun, aipei für Mutter, atta für Vater usw. Und ebenso ist es innerhalb des 
Deutschen. Wir haben in althochdeutscher Zeit ein Stück Neuen Testamentes bei Tatian 
und in dem Monsee- Wiener Fragmente. Hier finden sich bemerkenswerte Unterschiede: 
sprihhit — quidit. iwln — zuowartün 'Ewigkeit', tuon — wurken usw. Eine tiefgehende 
Untersuchung nach dieser Richtung unternimmt jetzt E. Gut.macher, Der Wortschatz des 
althochdeutschen Tatian in seinem Verhältnis zum Altsächsischen, Angelsächsischen und 
Altfriesischen, PBr.Btr. 39, 1—83, 229—289. Er weist nach, daß der Wortschatz Tatians in 
vielen Fällen nicht zum Oberdeutschen, sondern zum Niederdeutschen und vor allem zum 
Angelsächsischen stimmt. Trotzdem handelt es sich dabei nicht etwa um einen Einfluß 
des Angelsächsischen, sondern, wie der Verfasser richtig bemerkt, um ein Problem d^r 
westgermanischen Wortgeographie. — Besonders bemerkenswert sind die Worte, die bei 
Tatian fehlen, uns aber geläufig sind, und umgekehrt die, die Tatian hat, die aber dem 
Oberdeutschen fremd sind. Zur ersten Gruppe gehören: erkennen. 1. inkennen, Demut . 
T. ödmuoti, dulden, T. tholrn, freuen, T. gifehan, Freude, T. gifeho, Sdiatten, T. 
scüwo, s dielten, T. increbön. Sdiöne, T. fagari. Trost, T. fluobra, trösten, T. fluo- 
biren, trauern, T. truoben, zeigen, T. zougen, zweifeln, T. gizunetön, madien, T. 
tuon. Man darf wohl annehmen, daß wir mit diesen Worten oberdeutsches Sprachgut in 
unsre Schriftsprache aufgenommen haben. 

Der Unterschied zwischen dem Wortschatz der Schriftsprache und dem 
der Mundart ist aber nicht nur der, daß die Schriftsprache gewisse Aus- 
drücke der Mundarten nicht kennt, oder daß die Mundarten andere Aus- 
drücke für unsere gewöhnlichen haben, sondern es ist noch eine ganz 
wesentliche Artverschiedenheit vorhanden. Die Schriftsprache besitzt in viel 
höherm Maße als die Mundart Ausdrücke für Allgemeinbegriffe, während 



167. Allgemeines. 265 



diese vielfach auf dem oben S. 98 geschilderten altern Zustand, in dem 
man noch über viele Einzclausdrücke verfügt, beharrt. Auf der andern 
Seite hat die Schriftsprache nicht selten Neubildungen eingeführt, um gegen- 
über der Vielheit und Verschiedenheit der mundartlichen Ausdrücke verständ- 
lich zu werden. So gilt in der Schriftsprache Hündin, was eigentlich dem 
ganzen Sprachcharakter widerspricht. Denn bei den Haustieren wird das 
Weibchen meist durch ein besonderes Wort bezeichnet, wie denn auch die 
Mundarten verschiedentlich derartige selbständige Worte lux Hündin besitzen. 
Für Schmetterling gibt es zahlreiche mundartliche Ausdrücke, J) ebenso für 
einzelne Fische, Vögel usw. Kurz der Dialekt übertrifft die Schriftsprache 
durch die Fülle alter Ausdrücke für die einzelnen konkreten Begriffe. Vgl. 
auch Behaghel, Schriftsprache und Mundart S. 9 (Gießen 1906): „Unsere 
deutschen Mundarten gehen in einem Teil ihres Wortbestandes sehr stark 
auseinander, in einem andern stimmen sie überein. Und zwar: je sinn- 
licher, je greifbarer die Anschauungen, desto größer die Verschiedenheiten; 
je verblaßter die Vorstellungen, um so weiter reicht die Gleichheit." 

Wenn wir in der Schriftsprache unsrer Gebildeten heute eine ver- 
hältnismäßig große Einheitlichkeit finden, so ist das erst das Ergebnis einer 
langen Entwicklung, der Arbeit einer Reihe von Grammatikern und Lexiko- 
graphen und des Einflusses bedeutender Schriftsteller. Diese Einheitlich- 
keit ist verhältnismäßig jung. Noch im 46. Jahrhundert stand neben dem 
Mitteldeutschen, aus dem unsere Schriftsprache erwachsen ist," das Ober- 
deutsche, wie sich heute noch das Niederdeutsche erhalten hat, und nur eine 
Reihe besondrer Umstände haben dem Mitteldeutschen zum Siege verhelfen. 

Aber wenn auch unser Wortschatz zum großen Teile mitteldeutsch ist, 
so hat er doch daneben genug Worte aus den andern Dialektgebieten auf- 
genommen. Noch heute gibt es ja überall neben der Schriftsprache die Volks- 
mundarten mit ihrem abweichenden Wortschatz, und sehr leicht gebraucht 
man Ausdrücke des Heimatdialektes. Das geht jedem so. Wenn nun ein 
Schriftsteller viel gelesen wird, so kann es natürlich leicht kommen, daß 
manches seiner Worte, das ursprünglich nur einer bestimmten Gegend an- 
gehörte, allgemein üblich wird. Man braucht nur an Frenssen zu erinnern, durch 
dessen Schriften zahlreiche niederdeutsche Worte bekannt geworden sind. 

Seit wann beginnt nun die Einwirkung des mundartlichen Wortschatzes 
auf die Schriftsprache? „Er beginnt von dem Augenblick," sagt Behaghel, 
„wo es eine Schriftsprache gibt, dies Wort im eigentlichsten Sinne ge- 
nommen, in dem einer Sprache, die geschrieben wird. Denn das Schreiben 
ist eine schwere Kunst, und man schließt sich in allen Dingen, in der 
Schreibung und im Ausdruck, gern an die vorhandenen Muster an." Je 
stärker eine Sprache zum schriftlichen Gebrauch verwendet wird, um so 
stärker mischt sich auch der Wortschatz der Mundarten. In seiner be- 

') Er heißt Müllermaler. Sommervogel, maus, Mildi- oder Molkendieb. Smantledter, 
Baufalter, Weifalter, Fledermaus. Platter- j Buttervogel, Butterfliege. 



266 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 



deiituiigsvoUen Rektoratsrede 'Schriftsprache und Mundart' hat Bchai^hel 
auf die richtige Tatsache hingewiesen, daß aus Norddeutschland gebürtige 
Schriftsteller im Mittelalter sich den Wortfornien und dem Wortschatz des 
Hochdeutschen anbequemen, G. Roethe hat dies dann in seinem Buche 
Die Reimvorreden des Sachsenspiegels weiter ausgeführt. Diesen Einflüssen 
und dieser besondern Herkunft der Worte nachzugehen, ist gewiß eine der 
anziehendsten Aufgaben der Wortforschung. 

<} 168. Einfluß der Mundarten auf die Entwicklung des deutschen Wortschatzes. 
Unser Deutsch zerfällt bekanntlich in drei große Dialektgebiete: Oberdeutsch, 
Mitteldeutsch und Niederdeutsch. Während nun die beiden ersten in laut- 
licher Beziehung gegenüber dem Niederdeutschen als eine Einheit charak- 
terisiert sind durch die sogenannte hochdeutsche Lautverschiebung, steht es 
bei dem Wortschatz anders. In diesem Punkte stimmt das Mitteldeutsche 
in viel stärkerm Maße zum Niederdeutschen als zum Oberdeutschen. Ja 
wir finden die Verwandten der mitteldeutschen Worte oftmals eher im Eng- 
lischen als im Oberdeutschen. Das wird für die althochdeutsche Zeit durch 
die oben erwähnte Arbeit von Gutmacher auf das schlagendste erwiesen. 
Btr. 39, 275 faßt er seine Ergebnisse dahin zusammen : „Von zirka 2030 Worten, 
die im Tatian vorkommen, sind 280 den übrigen ahd. Quellen fremd, es 
kehren von ihnen 120 im Angelsächsischen, bezw. im Altsächsischen, Mittel- 
niederdeutschen und Mittelniederländischen wieder." Allerdings haben wir 
heute nur wenige davon. Dieser Gegensatz im Wortschatz trat den Beteiligten 
besonders stark in den Zeiten der Reformation entgegen. Luther schrieb 
mitteldeutsch und gebrauchte natürlich den mitteldeutschen Wortschatz. Mit 
ihm trat das Mitteldeutsche selbständig neben das Oberdeutsche, ja dieses 
verlor seine führende Stelle. Was man damals schon deutlich erkannt hat, das 
wird durch die Sprachdenkmäler des 16. Jahrhunderts auf Schritt und Tritt 
bestätigt. In seinem Buche 'Von Luther bis Lessing' 4. Auflage, 1904, S. 86 
hat Fr. Kluge auf eine Reihe wichtiger Tatsachen aufmerksam gemacht. 

Die Luthersche Bibelübersetzung war in Oberdeutschland einfach nicht 
verständlich, und wenn man auch die Übersetzung im allgemeinen an- 
erkannte, so änderte man doch in Oberdeutschland viele Worte. Besonders 
wichtig „ist die Ingolstädter Bibel, die von Luther und Emser ausgeht, die 
aber Eck nach den Angaben seiner Vorrede durch absichtliche Änderungen 
von der mitteldeutschen Bibel entfernt hat, um sie der Mundart der Donau- 
lande, namentlich auch im Wortschatze, anzupassen". Als weitere Vergleiche 
hat Kluge a.a.O. die Zürcher Bibel von 1530 und die Wormser Propheten- 
übersetzung von 1527 herangezogen. Es zeigte sich dabei, daß diese drei 
zwar in zahlreichen Fällen gegen Luther übereinstimmen, daß aber trotz- 
dem in den allermeisten Fällen der Luthersche Ausdruck gesiegt hat. 
Genaueres findet man außer in der angeführten Schrift noch bei Lindmeyer, 
Der Wortschatz in Luthers, Emsers und Ecks Übersetzung des Neuen 
Testamentes, Straßburg 1899, und bei Byland, Der Wortschatz des Zürcher 



§ 168. EINFLUSS D. Mundarten auf d. Entwickl. d. deutschen Wortschatzes. 267 



Alten Testaments von 1525 und 1531 verglichen mit dem Wortschatz Luthers, 
Berlin 1903. 

Anmerkung 1. Anmerkungsweise möchte ich wenigstens einiges aus dem reichen 
Stoff anführen. Der erste Ausdruck steht bei Luther, der zweite ist oberdeutsch. Abend 
'Himmelsgegend' — Niedergang der Sonnen; äffen — betriegen: afterreden — nadi- 
reden; ähnlich, bei Eck die Randglosse gleich; alber — unartlidi; anbeißen — essen; 
anleiten — underweißen; auf dedien — entdedien; bang — angst; bedenken — be- 
sdiließen; bekennen (die Sünde) — beiditen; bersten — bredien; Besdieid — Er- 
manen; Beutel — Sedtel; borgen — lehen; Born — Brun; brausen — rausdien; 
brennen — brinnen; Brunst — Begird; Buhler — Unkeusdier; darben — notleiden, 
bedürfen; darbieten — darreidien; dumm (vom Salz) — bei Eck erläutert durch Un- 
gesdimadi; Erdbeben — Erdbidem; fett — feist; Flasdie — Läget; flugs — bald; 
freien — heiraten; fühlen — empfinden, greifen, wissen; Gefäß — Gesdürr; ge- 
hordien —hören, zuhören; Gelte — Eimer; Getreide — Frucht; Grenze — Gegend, 
Ende; Hälfte — Halbe; Halle — Kapelle; hasdien — greifen: Haushalter — Auß- 
tailer; heucheln — Gleißnerei treiben; Heudiler — Gleißner; Hippe — Sichel; Hügel — 
Bühel; Hürde — Pferridi; es jammert — es erbarmt; judten — krauen; Kahn — 
Nadien; keltern — treten; Kluft — Sdilundloch ; klug — witzig, weiß; Klugheit — 
Vernunft; knirsdien — grissgramen; Kriegsknedit — Söldner; Küdilein — Hünle; 
lauern — aufsetzig sein; löken (wider den Stachel) — treten; Lippe — Lefze; Lotter- 
bube — Schweizer; Mahl — Wirtschaft; mieten — bestellen, dingen; AI or^£'/z -(Himmels- 
gegend) — Aufgang (der Sonnen); Motten — Schaben; Müdie — Schnadie; Otter — 
Natter; Pfuhl — Teich; prüfen — bewähren; Rabe — Rape; Rätsel — Rätersdi; 
rechten (streiten) — vor Gericht zanken; Schalksknecht — sdialkhaftiger Knecht; 
Schaubrot — Opferbrot; scheel — schellig; Sdierflein — Heller, Ortlin; Sdieffel — 
Metze; schenken — begaben; Sdieune — Scheuer; Scheusal — Anstoß; schmecken — 
versuchen; Seuche — Siechtum; sichten — räden; Stange — Kolben; Splitter — 
Agen(e); Sperling — Spatz; Stätte — Statt; stäupen — schlagen; Steig — Weg; 
steinigen — versteinen; sich stellen — gebaren; störrig — unfriedlich; Stufe — 
Staffel; Südwind — Mittagswind; tauchen — eintunken; täusdien — betriegen; 
Träne — Zäher, Träher; Ton — Hall; Töpfer — Hafner; Ufer — Gestade usw. 
Nicht alle Wörter indes, die in den oberdeutschen Bibeln ersetzt werden, sind dem Ober- 
deutschen ganz fremd gewesen, vgl. v. Bahder, Zeitschrift für hochdeutsche Mundarten 
1, 299, wo er ähnlich, Eifer, heucheln, Trödel bespricht. 

Da die Luthersche Bibelübersetzung in protestantischen Kreisen ein so 
großes Ansehen genoß, so wagte man teilweise auch in oberdeutschen 
Nachdrucken die Wortwahl nicht zu ändern, und man konnte der Hoffnung 
Ausdruck geben, man werde sich leicht an den fremdartigen Sprachgebrauch 
gewöhnen. Um die Schwierigkeiten des Verständnisses zu erleichtern, „er- 
sann ein Basler Buchdrucker Adam Petri, der eine Zeitlang die ober- 
rheinischen Lande mit zahlreichen Nachdrucken des Neuen Testaments 
versah und so die Reformation kräftig förderte", das Auskunftsmittel, dem 
Abdruck ein Wortregister beizugeben, das „die ausländischen Wörter auf 
unser (Baslerisches) Teutsch anzeigt": „So icli gemerckt hab, daß nltt 
yederman verston mag ettliche Wörter im yetzt gründtltdien verteiiischten 
neuwen testament; doch die selbigen wörtter nit on schaden hetten mögen 
verwandlet werden, hab ich lassen die selbigen auff unser hoch teutsch 
außlegen und ordenlich in ein klein register fleißlich verordnet. " 



268 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 



Dieses Verzeichnis, wenn auch voller Mängel, ist sehr beachtenswert, 
weil daraus hervorgeht, welche Worte man nicht verstand. Manche Worte 
sind ja jetzt auch für uns veraltet, oder außer Gebrauch gekommen, aber 
sehr viele, ja die allermeisten haben sich erhalten und allgemeine Geltung 
in der Schriftsprache bekommen. 

Anmerkung 2. Die oberdeutschen Bibelglossen und ihr Verhältnis zueinander sind 
von Fritz Dauner, Die oberdeutschen Bibelglossen des XVI. Jahrhunderts, Freiburger Diss., 
Darmstadt 1898, untersucht worden. Auch aus diesem Glossar mögen einige Belege hier 
folgen, wobei die schon angeführten nicht weiter erwähnt werden. Das zweite Wort gibt 
die Erklärung des Lutherschen. Anstoß — Ergernnß, Stratichlitng: Aufschub — Verzug: 
besudlen — verunreinen, beflecken: beteuben — trunken, kraftlos madien: deutlicii — 
öffentlich, merklicii: empören — erheben, strensen: entkamen — entrunnen, entliefen: 
ernten — schneiden: Eifer — Ernst: Feldweg — Rast. Roßlauf: flehen — bitten, 
ernstlich begehren: flicken — bletzen: Frümmen — Nutz, Gewinn: Gebühr — billich. 
gemäß: gedeihen — wachsen, zunehmen: Gegend — Landschaft: Geheimnis — Heim- 
lidikeit. Sakrament : Gerildit — Gesdirei. Leumed: Getümmel — Ungestüm. Aufruhr: 
getüncht — geweißt; harren — warten, bellen: haudien — blasen, wehen: härmen — 
bekümmern: heiraten — mannen, ehelichen: höhnen — spotten sdienden: Kehridit — 
Staub, Kutter: kostet — versudiet, schmückt: Lappen — Stuck. Pletz. Lump: lenken — 
umkehren, umwenden: malmen — zermalmen: Markt — Fleck, Dorf: Meudiel- 
mörder — heimlidi Mörder: Narben — Wunden. Malzeichen: Panier — Banner: 
Preis — Lob, Ruhm: Qual — Pein. Krankheit: quälen — peinigen, quetschen: 
rasen — toben, unsinnig: rasseln — braspeln, rauschen: Raum — Weite. Platz: 
rügen — sehenden, sdiand entdecken: ruditpar — ausgerüfft. lautprecht : Rüstzeug — 
Werckzeug: Sdiaubrot — heilig Brot, gewidit Brot: sdiautragen — öffentlidi tragen: 
scheel — schielen, übersidüig: Sdiladittag — Metzeitag. Tag der Wirtschaft: schmucken — 
zieren, aufmutzen: Schwelgerei — Überfluß in Essen und Trinken: schwulstig — auf- 
geblasen: Soller — Saal, Summerlaub : Spaltung — Zanck, Zwitracht: Stadiel — 
eisene Spitz an der Stangen: tadle n — strafen, nadireden: taugt nit — ziemt nicht, 
ist unbillidi: verhüllet — verbunden, umwickelt: versdimaditen — verkamen, ver- 
derben: undeutlich — unverstündlidi : untüchtig — ungesdiickt, unnütz; untadelidi — 
unstrüflidi; unverwelklich — allweg grünend, nit welk: wetterwendisch — unstet 
weiland — etwen. vor Zeiten; wichtige — sdiwere, lastig: Ziegenfell — Geißfell, 
Kitzenfell; zerschellen — zerkloben. zerspalten. Vgl. auch noch Andreas Scholl, Adam 
Petris Bibelglossen, Freib. Diss. 1908. 

Seit wir demnach eine gedruckte, viel gelesene Literatur besitzen, haben 
sich die Fälle immer stärker gemehrt, in denen Worte eines Schriftstellers 
nicht aus der heimischen Mundart stammen, sondern wo sie aus der Literatur 
übernommen eigentlich ganz wo anders heimisch waren. Je bedeutender ein 
Schriftsteller ist, um so mehr wird sein mundartlicher Wortschatz für andere 
maßgebend werden, und dementsprechend werden wir zu verschiedenen 
Zeiten verschiedene Landschaften den Wortschatz der Schriftsprache beein- 
flussen sehen. So herrschte im Mittelalter zweifellos das Oberdeutsche, und 
die niederdeutschen Schriftsteller nahmen gern hochdeutsche Worte auf. 
Dann wurde durch Luther der mitteldeutsche Wortschatz maßgebend, und 
der Leipziger Diktator Gottsched hat sicher diesen Einfluß noch verstärkt. 
Aber durch Leute wie Wieland, Schiller und auch Goethe haben wir wieder 
eine Reihe oberdeutscher Ausdrücke erhalten. Fr. Kluge hat neuerdings 



§ 169. Hilfsmittel z. Bestimm, d. Herkunft d. Wörter. § 170. 1. Form d. Wörter. 269 

auf diesen oberdeutschen Einschlag in unserm Wortschatz hingewiesen. 
Wenn er auch ziemlich bedeutend ist, so wifd er doch mit der Zeit von 
dem niederdeutschen immer mehr übertroffen. Eine ganze Reihe von 
Schriftstellern des 18. Jahrhunderts, wenn auch nicht allerersten Ranges, so 
doch von andauernder Wirksamkeit stammten aus Norddeutschland. Man 
braucht nur an Bürger, Voss, Campe zu denken. Und dieser Einfluß hat 
sich im Laufe des 19. Jahrhunderts noch verstärkt. Hervorragende Dichter 
und Schriftsteller wie Hebbel, Storm, Fontane, Mommsen, Geibel, Raabe, 
Ranke sind Niederdeutsche. Wenn bei einzelnen auch die mundartlichen 
Elemente sehr zurücktreten, manche wie Fontane lassen doch die Umgangs- 
sprache stark zu ihrem Recht komimen, und viele niederdeutsche Worte 
gehen dadurch in den allgemeinen deutschen Wortschatz über. Man darf 
in neuerer Zeit auch die Zeitungen nicht übersehen. In diesem Punkt 
herrscht Berlin, also Niederdeutschland. So wird zweifellos der Wortschatz 
immer mehr verniederdeutscht werden. Man wird dies nicht als Unglück 
betrachten dürfen, vielmehr ist es ja vielleicht überhaupt zu bedauern, daß 
nicht das Niederdeutsche die Grundlage unsrer Schriftsprache geworden ist. 

§ 169. Hilfsmittel zur Bestimmung der Herkunft der Wörter. Es ist nun 
eine der wichtigsten Aufgaben der Wortforschung, der Zusammensetzung 
unseres Wortschatzes in dieser Beziehung nachzugehen, und auch für den 
Unterricht ist es von großer Bedeutung, den Schüler darauf aufmerksam 
zu machen, ob ein Wort bodenständig ist, das heißt der heimischen Mund- 
art angehört, oder ob es dort ganz unbekannt ist. Natürlich muß, wenn 
das Wort nicht einheimisch ist, die Frage aufgeworfen werden, welches 
Wort die Mundart dafür gebraucht. Mit Notwendigkeit führt das dann auf 
literar- wie kulturgeschichtliche Fragen. 

Hier kann freilich wieder nicht der ganze Stoff vorgeführt werden, 
sondern es kann sich nur um die Erörterung der Mittel und Wege handeln, 
mit und auf denen wir die mundartliche Herkunft der Wörter unsrer Schrift- 
sprache enthüllen können. 

An Hilfsmitteln gibt es folgende: 

§ 170. 1. Die Form der Wörter. Die Entv^icklung der einzelnen Laute ist 
im Deutschen nicht überall gleichmäßig vor sich gegangen, sondern wir finden 
mannigfache Verschiedenheiten. Die meisten Wörter zeigen nun, entsprechend 
der Herkunft unsrer Schriftsprache, den mitteldeutschen Lautstand, dessen all- 
gemeine Entwicklung oben S. 25 ff. kurz dargestellt ist. Wörter also, die aus 
einem andern Gebiet stammen, werden nicht selten auch eine besondere laut- 
liche Gestaltung zeigen, durch die allein schon ihre Herkunft enthüllt wird. 
Dabei ist freilich nicht zu vergessen, daß Wörter auch fremd sein können, 
ohne etwas Besonderes in ihrer äußern Gestalt zu zeigen. Daß Heimweh 
ein Schweizerwort ist, kann man aus lautlichen Gründen nicht erkennen. 

Die folgende Zusamm.enstellung stützt sich auf die beiden besten Dar- 
stellungen der deutschen Grammatik, auf W .Wilmanns' deutsche Grammatik 



270 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 

Bd. 1 und O. Bkhaqhi:l, Geschiclite der deutschen Sprache, 2. Aufl. Sonder- 
abdruck aus der zweiten Auflage von Pauls Grundriß der germanischen Pliilo- 
logie, Straßburg 1905, 4. Aufl. 1916 sowie auf K. v. Bahdkrs Grundlagen des 
neuhochdeutschen Lautsystems, Straßburg 1890, wo Genaueres zu finden ist. 

A. VOKALISMUS. 

1 . Unter dem Einfluß von Labialen, vor / und sdi, vor Affrikaten und sonst 
werden e, ei, i zu ö, eii, ü gerundet, namentlich im Ostfränkischen und 
Südthüringischen (auch im Schweizerischen), und es sind daher eine Reihe 
von Worten mit dieser Lautform in die Schriftsprache aufgenommen worden: 

dörren, alid. derben; — erlösdieri, ahd. irleskan; — Flöz, ahd. f/ezzi; — Hölle, ahd. 
Hella, e. kell; — lödcen 'mit den Füßen ausschlagen', mhd. ledien, gr. /.üyfiijy {U'igd<pn) 
mit den Füßen ausschlagend'; — Löffel, mhd. leffel; Rotzlöffel zu Laffe; — lösdien, 
ahd. leskan; — Löwe, mhd. Icwe; — nörgeln neben nergeln; — sdiwören, mhd. swern, 
e. swear; — Sdtöffe, ahd. skeffeno; — sdiöpfen, mhd. sdiepfen; — Gesdiöpf, bei Luther 
Gesdiepffe ; — sdiröpfen, mhd. sdirepfen ; — stöhnen, mhd. stenen ; — wölben, mhd. weihen ; — 
zwölf, e. twelve, got. twalif; — gewöhnen, mhd. gewenen; — Wort, mhd. wert, ahd. 
warid; — pökeln, nd. pekeln; — ergötzen, mhd. ergetzen (noch Adelung verlangt e und 
daher auch bei Goethe Ausgabe letzter Hand); — Gewölle, mhd. gewelle; — Kröte, ahd. 
kreta; — Köder, ahd. querdar; — Sdiönbart, mhd. sdiemebart zu mhd. sdieme 'Schatten'; — 
Möwe, ahd. mPh, e. mew; — rö(h)ren 'laut schreien', ahd. nrf-n, e. roar 'blöken, brüllen'; — 
Höhrandi aus heraudi, \cizt amüich wieder Hera udi geschrieben; — Würde, ahd. wirdi; — 
flüstern, noch im \%. Sh. flistern, ahd. flistiran 'liebkosen'; — rüffeln, 'einen durch die 
Riffel, t. ripple, ziehen'; — Würze 'das noch nicht gegorene Bier', ahd. ziy/rz 'Birnenmost', 
e. wort 'Bierwürze' ; — abgeführt aus abgeviert; — Wetterleuditen, mhd. weterleih 'Wetter- 
spiel' durch Volksetymologie. — Die Aussprache gesdient, mhd. gesdude war sehr verbreitet. 
Die neue Orthographie kennt sie nicht mehr. — Vgl. hierzu noch E. Schröder, AnzfdA. 
24, 31. — Dagegen ist Reuter ein anderes Wort als Reiter. 

2. Umgekehrt entrunden die meisten Mundarten mit Ausnahme der 
eben erwähnten die Laute ü, üe, öii, eii und es dringen daher auch wieder 
Formen dieser Art in die Schriftsprache ein. 

a) d > /: Bingelkraut zu Bunge; — Findling in Anpassung an finden, aber noch Moser, 
Wieland, Schlegel schreiben Fündling; ebenso im 15. Jh. Fündelhaus und mhd. vündec 
Findling, mhd. vundelinc, e. foundling; — Gimpel, mhd. gümpel zu mhd. gumpen, e. 
to jump; — Kitt, mhd. kütt; — Spritze, spritzen, noch bei Schiller Sprütze, mhd. sprütze 
zu sprießen; — Sdilingel, \ie\\.vAS\ex Sdilüngel; — Kissen, noch im 18. Jh. Küssen, mhd. 
küssen aus afrz. cuissin, woher auch engl, cushion; — Pilz, mhd. bülz, ahd. bulii, aus 
gr.lat. boletus; — Gespinst, mhd. gespunst-, — spitzfindig zu Fund; — Sdiippe, baycr. 
neben Sdiüppe zu Sdiaufel. In giiltig ist jetzt wieder ü zu schreiben; — wirken für würken. 

b) üe > /: Mieder, mhd. muoder, müeder. 

c) öa > ei: Ereignis, ereignen von mhd. erougen, eröugen 'vor Augen stellen, zeigen' ; — 
streifen, mhd. ströufen 'die Haut abziehen' ; — Sdileife, älternhd. Sdiläufe zu mhd. sloufen, 
slöufen 'sich anziehen'. 

d) iu > ei: Steiß, ahd. stiuz; — Kreisel, mhd. kriusel; — spreizen, mhd. spriuzen 
'stemmen'; — Alt reis 'Schuhflicker', mhd. altriuze. 

3. II und il werden in mitteldeutschen Mundarten namentlich vor Nasal 

zu und ö. Unsere Schriftsprache hat diesen Lautwandel häufig, aber nicht 

ausnahmslos. 

Sohn, e. sun; — Sonne, e. sun; — Nonne, e. nun; — Wonne, ahd. wunna; — 
Tonne, e. tun: — begonnen, mhd. begunnen; — geronnen, gesponnen, gesonnen, ge 



§ 170. 1. Die Form der Wörter. 271 

Wonnen; — Bronnen, Heilbronn neben Brunnen; — anderseits und, unter, Wunde, Wunder, 
Wunsch, Trunk, aber sonder, sondern, sonst. 

Vor m steht u in dumm, krumm, Hummel, Kummer, äher fromm, mhd. frum ; — Sommer, e. 
summer. — geglommen, geklommen, gekommen, gesdiwommen; — Rohrdommel, mhd.rörtumel. 

Entsprechend wird ü behandelt: können, gönnen, König, mhd. künec, Möndi, aber Mnndien. 

4. o ZU a war obersächsisch. Luther schreibt zunächst noch dachy 
nach, ab für dodi, noch, ob. Man nahm an, daß ein solches a in Aber- 
glaube, ndl. overgeloof vorliege, doch ist dies nicht richtig, dagegen liegt 
der Lautwandel in Endsilben vor wie Heimat, mhd. heimote; — Monat, 
mhd. mänöt; — Zierat, mhd. zierot; — Bräutigam, mhd. briutegome; — 
Sommerlatte, ahd. sumarlota ; — Radehacke zu roden ; — Rakete, ital. rocchetta. 

5. a ist in deutschen Mundarten häufig zu o geworden, doch ist dieser 
Lautwandel nicht genau zu begrenzen. 

Argwohn, mhd. arcwan neben Wahn, got. wens; — Brodem, mhd. bradem 'Dunst', 
e. breath; — Brombeere, mhd. brämber, e. bramble, eig. 'Dornstrauchbeere'; — Dodit, 
ahd. taht: — Dohle, mhd. täle aus tahele; — Drohne, asächs. dran, e. drone; -— Kot, 
mhd. quat, kut; — lodien 'einen Baum bezeichnen', neben ladien, mhd. ladien; — Mohn, 
mhd. mähen, gr. fir'j^ov {mcekön); — Monat, ahd. mänöd, e. month; — Mond, ahd. mäno, 
e. moon; — Odem neben Atem; — Ohm, mhd. ä/w^, e. awm, aus gr.lat. ama; — Ohm(e)t 
'Nachschur des Grases', mhd. ämät (« 'übrig'); — ohne, mhd. ane; — Otter, aus ahd. 
natara, e. orfrf^r; — Rosenmontag, eig. 'rasender Montag'; — Roß 'Honigwabe', mhd. 
nT3; — Rotspohn zu 5pä«; — Sdilot, mhd. 5/«^; — To«, mhd. tahe, got. /»«/zö 'Ton'; — 
Troddel von mhd. ^rarf^ 'Saum', ahd. trädo; — wo, mhd. wä, noch in warum; — Woge^ 
mhd. i2;äc, got. wegs; — woben, wogen, mhd. wäben, wägen; — Zofe zu mhd. zäfen 'schmücken'. 

6. In dem größten Teil des Mittelfränkischen und Teilen des Ost- 
fränkischen sind ie und uo des Mittelhochdeutschen (nhd. i und ü) zu e (ei) 
und ö (ou) geworden. 

Wir haben diesen Lautwandel in Demant neben Diamant, frz. diamant; — Demut, 
mhd. diemuot, eig. 'Knechtssinn'; — Almosen, mhd. alniuosen; — versöhnen neben Sühne, 
mhd.süene. — Moor, mhd. muor,bohnen, mhd. büenen stammen aus demNdd., wo altes ö blieb. 

7. Der Umlaut des u unterbleibt vor ck auf oberdeutschen und auf 
mitteldeutschen Gebieten (südfränkisch und schlesisch). Wir haben daher 
teils Doppelformen, teils hat die Form mit u gesiegt. 

Drudien und drüdien werden noch im 18. Jh. ohne Unterschied der Bedeutung ge- 
braucht; doch wurde schon seit dem 15. Jh. drudien für den Buchdruck angewandt, weil 
er in Süddeutschland zu Hause war; — dudien, mhd. Indien, tädien; dazu Tüdie; — jiidien, 
daneben yV/öfe^«, e. itdi; — ludi und lüdi 'unfest zusammenhängend'; — dial. Z,«c^^ neben 
Liidie zu Lodi; — Mudie 'Laune' vielleicht zu Müdie; — rudien neben rüdzen; — Rudisack 
(bayer.) neben Rüdien, e. ridge. 

Dazu kommen noch eine Reihe von Fällen mit andern Bedingungen: purzeln neben 
Bürzel; — Wonne, mhd. wünne; — hupfen und hüpfen; — lupfen und lüpfen; — rupfen, 
mhd. auch rupfen; — sdiuppen, sdiupfen, mhd. auch sdiüpfen; — sdilurfen und sdilürfen; — 
Stupfen, mhd. auch stapfen; — rutsdien neben mundartl. ritsdien; — kundig, mhd. kündec; — 
um, mhd. auch ümbe, um; — tupfen neben nd. tippen; — sudien, mhd. selten auch säedien, 
got. sökjan, e. beseedi. Zum Teil handelt es sich in diesen Fällen wohl nicht um lautliche 
Entwicklung, sondern um analogische Beeinflussung, wie z. B. in nutz und nütze. 

Gleicherweise ist der Umlaut des au in einer Reihe von Worten, nament- 
lich vor Labialen, unterblieben. 



272 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 



So glauben, goL galaubj an; — Haupt, alid. houbit; — raufen, got. raupjan; — taufen, 
got.daupjan; — Gau, aber Allgäu; — erlauben, raufen, kaufen, Laube, zaubern. Luther 
dajjegen hatte den Umhmt: Heubt, gleuben, erleuben, teufen, keufen, den man auch vielfach 
noch hört, namentlich in du kaufst. Beim junyen Schiller steht glaubig, betäubt (Btr. 28,297). 

8. Der alte Diphthong iii hat sich im Neulioclideutschcn normalerweise 
zu eil entwickelt. Frühzeitig ist aber in einem Teile des Mitteldeutschen, bes. 
in Hessen, im nördlichen Thüringen, im Altenburgischen daraus /< undnhd.aw 
geworden. Am deutlichsten ist dieses Gesetz an Ortsnamen mit Nau zu er- 
keimen, Nauheim, Naumburg, die sich vom Rhein bis nach Schlesien erstrecken. 

Wir finden auf der einen Seite: blauen, mhd. bliuwen, e. blow, woneben plauen bei 
Goethe Götz erste Fassung; dazu Bleuel und daneben früher Blauel; — Greuel, mh6. grluwel 
neben grauein, mhd. griuweln; — Knäuel neben md. Knaul, mhd. cUuwelm; — widerkäucn 
nQ.bQ.\\ kauen, mhd. kiuwen; — Neuenburg ncbtn Naumburg; — Reue, mhd. riuwe; Treue 
neben //■«««, eig. Dat. Plur., mhd. enlriuwen. Durchgedrungen ist am in: d\Ä\. aut odtx naut, 
mhd. tut, ahd. eowiht, neowiht; — Durdilaudit : leuditen; — verlautbaren, zu ahd. liutbaro; — 
verlauten, mhd. i>erliuten; — bedauern, midi dauert, mhd. betiuren zu teuer. 

9. Die Schreibung ai war oberdeutsch. Die Worte mit ai stammen aus 
der bayerischen Kanzlei. 

Bayern, Kaiser, Maid. Maiß 'Holzschlag', Laib, Laidi, f^ain. 

10. Das alte Umlauts-^ ist in einer Reihe von Fällen zu / geworden. 
Gitter, mhd. geter; — Himten, md. hemmete; — Hippe, mhd. heppe; — Urne, mhd. 

elme; — kidiern zu mhd. kadien ; — Triditer, mhd. trehter; — widisen 'mit Wadis bestreichen'. 

11. Vereinzelte Eigentümlichkeiten des Vokalismus sind: 

aj e für ei in Lehm, obd. Leim, Leimen, ahd. leimo, e. loam; Feldwebel: Weibel; — 
fett zw feist; — heftig, s^iäi&hd. heiftig, goL haifsts 'Streit, Zank"; — Reede, Rhede zu 
reiten; — Reep 'geteertes Tau', d. Reif; — Rennsteig aus rain 'Grenze' ist md. ndd. Ein- 
fluß zuzuschreiben. 

Sense ist aus mhd. seinse, segense; — -gen aus gein, gegen entstanden. 

b) ö für au in Strom, mhd. stroum, e. stream. 

c) ü für ou in Rahm, mhd. roum, schott. ream, zu awest. raogna- 'Butter'; — Bake, 
nd. aus fries. buken, ahd. bouhhan, e. beacon. 

d) ä wurde in Teilen des Schwäbischen und sonst zu au. Daher anberaumen aus 
anberamen, so noch Adelung 1793, mhd. rümen 'zum Ziel nehmen'. 

B. KONSONANTISMUS. 

Noch viel häufiger und meistens auch charakteristischer sowie besser 
der Herkunft nach festzulegen sind die Störungen im Konsonantismus. 

1. w. Wörter mit dem Anlaut wr sind nicht oberdeutsch, da w hier 
verloren geht. Die wenigen Worte, die wir mit diesem Anlaut haben, 
stammen aus dem Niederdeutschen: 

Wradi, nd. wrak 'Untaugliches', t. wredi 'Wrack'; — wribbeln neben ribbeln; — 
wridien 'mit einem Ruder rudern'; — wringen ist ringen; — Wruke 'KohXmht' aus poln. 
brukiew; — Wruge 'wom Rugengericht erkannte Buße'. — Vgl. auch den Namen Wrangel. 

In Bradi 'Ausschuß' ist w zu b geworden. Das Wort ist eins mit Wradi. Ebenso in 
Baldrian aus Valeriana. 

In ein paar Fällen erscheint w im Auslaut als b: Hieb zu hauen; — Wittib zu Witwe; — 
Lob Eigenname zu Löwe; — Eibe, ahd. iwa. 

In der Verbindung kw ist w im Alemannischen geschwunden. 



Daher Kedi neben Quedisilber; — Köder, älternhd. Querder. 



§170. 1. Die Form der Wörter. 273 



2. j. j ist oberdeutsch vor hellen Vokalen zu g geworden und in dieser 
Form in einigen Fällen in die Schriftsprache aufgenommen worden: 

gären, ahd.Jesan, gr. t^w (zeö); dazu Gisdit; — ^ auch gäten statt Jäten war und ist 
sehr häufig. Auch Gauner hieß ursprünglich jauner. Umgekehrt haben wir jadi, jäh, ahd. 
gühi; — jappen, obd. gappen zu gaffen, aus dem Niederdeutschen. 

Abgefallen ist j in Ingwer, ahd. gingebero, frz. gingembre. 

Nach r hat sich J im Oberdeutschen erhalten und ebenfalls zu g entwickelt: Ferge, 
ahd. ferio; — Scherge, ahd. skerio; — St. Mär gen aus St. Marien; — Storger aus historier. 

Ein später aufgekommenes/ hat sich auch nach andern Konsonanten erhalten {Metzger, 
mhd. metzjcere, lat. matiärius; — Dönges aus Antonius) oder zu ig entwickelt: Käfig, 
mhd. kefje, ahd. /^^y/a aus cavea; — Mennig, mhd. menje, lat. miniuni. 

3. Auf niederdeutschem und mitteldeutschem Gebiet ist r häufig um- 
gesprungen. 

Daher Born neben Brunnen ; — Bernstein für Brennstein ; — bersten neben bresten ; — 
nd. hörnen neben brennen; — Albert neben Albredit und überhaupt häufig in Eigennamen. 
Der umgekehrte Fall liegt in nd. Ortsnamen mit -drup vor, z. B. Ordruf. 

Von zwei r ist das eine gelegentlich durch Dissimilation geschwunden. 

Köder, ahd. querdar; — Bord 'Rand', ahd. brort, abg. brazda 'Furche, Rand'; — 
Polier aus parlier, frz. parier; — im 18. Jh. häufig fodern neben fordern; — Queder 
'Bund an Hemdsärmeln', mnd. querder 'Randeinfassung'. 

Im Alemannischen ist rvor di zu / geworden: Kildie für Kirdie; Kilbi aus kildiweih; 
daher Feldien aus *ferdxen, ahd. forhana zu Forelle. 

4. m in vortoniger Silbe geht in b über in mittelfränkischen Dialekten, 
vgl. J. Meier, Einleitung zur Jolande XXXIX, Frank, AfdA. 35, 383. Wir haben 
aus dem Niederländischen Besänmast, -segel aus ital. mezzana zu lat. medius, 
also eigentlich 'Mittelmast'. 

5. Nasal schwindet vor den Spiranten /, s, p im Niederdeutschen. 

Wir haben den Schwund durchgeführt in Süden, ahd. Sundwint; dazu auch Sauer- 
land aus suer, süctarland; — sadit zu sanft. Umgekehrt schieben die Mundarten öfter 
einen Nasal ein, allerdings, wie es scheint, nur, wenn ein Nasal vorausgeht. Eine Reihe von 
Formen sind so in die Schriftsprache gedrungen: 50/25^, mhd. sus, wahrscheinlich in um- 
sonst ents\anden (Behaghel, Geschichte der deutschen Sprache'' 155); — genung für genug, 
jetzt veraltet, aber noch bei Goethe; — nun aus nu. 

6. Die urdeutschen Tenues p, t, k werden nicht überall gleichmäßig ver- 
schoben, und das ist für die Herkunft der Wörter unsrer Schriftsprache wichtig. 

a) p im Anlaut und zwischen Vokalen ist niederdeutsch, im Anlaut 
aber auch mittel- und rheinfränkisch. Worte mit anlautendem p statt pf 
stammen aber wohl meist aus dem Niederdeutschen. 

Padde, t.paddock; — Park, e.park; — Pegel, e. pail 'Weingefäß'; — Pesel, ahd. 
pfiesal; — petzen, obd. pfetzen; — Pinne, mhd. pfinne; — Pips, obd. Pfipfs; — plump, 
obd. pflumpf; — Podie, obd. Pf odie; — Pranger, mhd. pfrengen 'drücken'; — pusten, 
bzytx. p fausten; — Kneipe, kneipen, obd. kneif en; — Stapel, obd. Staffel. 

In ein paar Fällen hat sich pf weiter zu / entwickelt. Fendi 'Art wilder Hirse', mhd. 
pfenech; — Finne 'kleiner spitzer Nagel', mhd. pfinne, \\d\. pin; — Flaum, mhd. pf In me 
aus \a{. plama; — Fragner, mhd. p fragener. 

b) Mit pp und mp hat es eine besondere Bewandtnis. Sie sind er- 
halten geblieben im Schlesischen, Obersächsischen, dem größten Teil des 
Thüringischen, im Rhein- und Mittelfränkischen. Nach andern Konsonanten 

Hirt, Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 18 



274 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 



bleibt p in den übrij^en Teilen des Fränkischen ebenfal's unverschoben. 
Es kann daher nicht wundernehmen, daß unsere Schriftsprache in diesen 
Punkten sehr verschiedene Gestalten der Wörter aufweist. 

Wir finden dumpf, Rumpf, rümpfen, Sumpf, aber Klumpen, Humpen, Stempel neben 
stampfen; — Lumpen; — Stümper neben stumpf; — Krampe : Krampf; — Kämpe neben 
Kampf; — Schnepfe : Sdineppe; — Sdinupfen : Sdmuppe; — Hopfen; — hüpfen; — 
Sdileppe; — Lippe; — knapp; — Krüppel; — Lappen; — sdinippeln; — Klepper; — 
Stoppel, mhd. stupfel; — Sdiuppen, öst. Sdiupfen; *- rumpeln, e. rumble. 

c) t ist Überall im Hochdeutschen zu z, s verschoben. Wörter mit t 
(statt z, s) sind also niederdeutsch. 

Tadel, mhd. zfl^/t'/ 'Mangel'; — Takel, c. tadile; — Talg, c. tallow; — Tau, ndl. 
tou(we); — Tobe 'Hündin", ndl. teef; — Teer, e. tar; — Top, eins mit Zopf; — Torf, 
e. turf; — Tuder, Tüder 'Strick zum Anbinden von Vieh auf der Weide", e. tedder, bayer. 
Zieter; — Tüte, Tute, obd. Zotte, Zeute 'Ausgießer an einem Gefäß'; — Beute, ndl. buit; — 
Boot, e. boat; — Fant, obd. Fanz; — flott zu fließen; — fett zu feist. 

d) k ist zwischen Vokalen und im Auslaut hochdeutsch zu di ver- 
schoben. Niederdeutsche Lehnwörter sind also: 

Bake, e. beacon; — Blodt, obd. BlodiQ); — Laken, mhd. ladien, vgl. Sdiarladi; — 
Luke, ndl. luik; — Sdimöker zu sdimaudien; — Sdinake 'lustige Erzählung', t.snake; — 
Spuk, e. spook; — mäk(le)n, Makler zu niadien; — Küken, obd. Küdilein. 

Nach / und r findet sich k und di nebeneinander. Mildi, e. milk; — Stordi, e. stark; — 
hordien, e. hearken, hark, aber ß/rÄ^, Borke usw. 

7. Germanisch rf ist hochdeutsch regelrecht zu / geworden. Eine Reihe 
von Worten, die unregelmäßig d haben, stammen aus dem Niederdeutschen 
und Teilen des Fränkischen. 

dahlen, hochd. tallen, e. dally 'tändeln'; — Damhirsdi, mhd. tarne, e. doe 'Rehkuh'; — 
dämisdi, obd. tämisdi ; — Damm, mhd. tarn, e. dam ; — Daune, e. down ; — deftig, e. deft 
'niedlich, geschickt'; — Deidi, eins mit Teidi, e. dike, ditdi; — dengeln, e. ding, obd. 
tengeln; — dill, mhd. tille; — Döbel, ahd. ^u6/7fl, e. dowel; — Dodie, mhd. todte; — 
Dogge, e. do^; — Dotter, ahd. totoro, e. rfo/ 'Punkt'; — Drohne, obd. ^r^/z^, e. drone; — 
dröhnen, got drunjus 'Schall'; - dumm, e. dumb. 

8. Germanisch^ hat sich zu ö? gewandelt; im Oberdeutschen und zum 
Teil im Mitteldeutschen ist dieser Laut dann stimmlos geworden, und er 
wurde infolgedessen mit t bezeichnet. In einer Reihe von Fällen ist diese 
Schreibung und Aussprache durchgedrungen. 

tauen, e. thaw; — tausend, e. thousand; — Thüringen, mhd. zen Däringen; — 
Tölpel, mh6. dörpere; — Ton, got. pahö; — tosen zu ags. pys 'Sturm'; — traben, ags. 
prafian 'antreiben'; — Traube, and. thrafo; — Truhe, ags. pruh 'Trog, Kasten, Sarg'; — 
Trumm, Trümmer, e. thruni; — tunken, ahd. dunkün. 

9. pw wird zu dw, dann tw; weiter wird es noch zu zw verschoben. Da- 
neben aber entwickelt sich im Niederdeutschen und im Mitteldeutschen auch kw. 

Es stehen demnach nebeneinander: 

Qualm, ahd. tualm; — Quark, mhd. twarc aus poln.twarög; — ^ue/z/^ 'Handtuch', 
Zwehle, zwagen; — quer, zwerdi; — Quinger (Luther), Zwinger; — quengen verwandt 
mit zwingen; — Quirl, bayer. Zwirl; — Querg neben Zwerg; — Quetsdie, Zwetsdie. 

10. b und g sind oberdeutsch und zum Teil auch mitteldeutsch stimm- 
los geworden, und man schrieb daher auch p und k. In einer ganzen 
Reihe von Worten hat unsere Schreibung geschwankt. 



§ 170. l: Die Form der Wörter. 275 

a) p ist fest geworden in folgenden Fällen: 

zu Paaren treiben, eig. 'zum Barn (Krippe)'; — nordd. Pakäsdie 'Lumpengesindel' für 
Bagage; — paffen und baffen; — Paias aus Bajazzo; — Pabst, mhd. babest; — patzig 
zu Batzen; — durchpausen, frz. ebaudier; — Peitsche, poln. bicz; — Petz, Koseform zu 
Bär; — Pickelhaube zu Becken; — Pilz, ahd. buli'i aus lat. boletus; — A>?j§^e und Binge 
zu anord. W«gT 'abgeteilter Raum'; — plänkeln, mhd. blenkeln '(schlagend) wiederholt er- 
klingen oder erschallen machen' zu blinken; — plärren, nd. blarren, e. blare 'hrüWen' ; — 
Plätzdien 'dünner Kuchen' zu Hetzen 'flicken'; — Plaue gleich Blähe; — plentern 'ge- 
mischten Waldbestand durch Aushauen einzelner Bäume lichten', t\g. blendern; — Plinse, 
russ. blinec 'Pfannkuchen'; — Pokal aus ital. boccäle 'Krug, Becher', gr. ßavy.a/As ibaükalis) 
'enghalsiges Gefäß'; — Polster, e. bolster; — poltern, ndl. bulderen; — Posaune, gr.-lat. 
bücina; — Posse, ixz. bosse 'Beule, Erhabenheit'; — Pradit, asächs. ^ra/z^ 'Lärm'; — 
prägen, ags. ä&raaß« 'eingraben' (?); — prahlen, t. brawl •\axmtn' ; — prangen, mhd. 
brangen; — Pranke und Branke, ital. branca; — prasseln zu ahd. brastön; — prassen, 
ndl. brassen; — Pratze und Bratze aus ital. braccio; — preschen, eins mit birschen; — 
preßhaft für bresthaft; — Priedie zu Brüdie; — Pritsche, Britsche zu ß/-^//^; — Protze, 
aus venet. birozzo "zweirädriger Wagen'; — Prudel zu brodeln; — Prügel zu Brüdie; — 
prusten vielleicht zu brausen; — Pudiel, nordd. für Budiel; — Purzel-, Burzelbaum zu 
Bürzel; — putzig zu Butzemann; — empor, ahd. m 6or 'in die Höhe'. 

b) ^ ist fest geworden in folgenden Fällen: 

Bertram 'Geiferwurz', umgestaltet aus \a\. pyrethrum; — Bimsstein, lat pümex; — 
Binetsch, ital. spinaccio; — Birne, \ai. pirum; — Bisdiof, grAat episkopus; — Brente, 
Brinte zu v\.6\. prenten, t.print 'drücken'; — Bricke, mnd.pricke; — Büchse, grAat. pyxis; — 
Buse 'Katze', e. puss. Diese Wörter sind wohl alle oberdeutsch. 

c) k findet sich in folgenden Fällen: 

Kalosdie neben Galosche, hz. galodie; — Kamasche neben Gamasche, frz. gamache; — 
Kiebitz, ohd. hay er. Geibitz; — Knan, Knän, mhd. genanne 'Gleichnamiger'; — Knote, 
nd. genüte 'Genosse'; — kokein gleich gaukeln. Hier gibt es also wenig Beispiele. 

d) g hat sich festgesetzt in folgenden Wörtern: 

Galmei. mhd. kalemine aus frz. calamine, gr.-lat. cadmia; — Gamander, ital. cala- 
mandrea; — Gant, ital. incanto, lat. in quantum 'für wieviel, wie hoch'; — Ganter, ital. 
cantiere; — Gardine, ital. span. cor/ma 'Vorhang'; — Gemse,- \{a\. camizza; — Glocke, 
mlat. clocca; — Glucke, mnd. klucke; — Gockel, e. cock. 

1 1 . Die Lautgruppen bb und gg weisen meist auf niederdeutsche Herkunft. 
babbeln, t. babble; — baggern, ndl. bagger "Schlamm"; — Dogge aus e. dog; — 

Ebbe, nd. ebbe; — Egge 'Seihende' = obd. Ecke, asächs. eggia, e. edge; — Flagge, 
e. flag; — flügge, mhd. vlücke zu Flug; — knabbern; — Knagge, e. knag; — Knubbe; — 
Krabbe, e. crab; — krabbeln, e. grabble; — kribbeln; — Padde, e.paddock; — quabbeln; — 
Quaddel; — quaddern; — Quabbe; — rabbeln, t.rabble; — Robbe; — Roggen, e.rye; — 
wabbeln, e. wabble. 

12. Urgerm. b blieb im Niederdeutschen und großen Teilen des Mittel- 
deutschen spirantisch, während im Oberdeutschen Verschlußlaute entstanden 
waren. Kamen nun Worte mit b ins Oberdeutsche, so wurde b durch / ersetzt. 

Hafen, t.haven; — Hafer neben Haber; — Hufe neben Hube, gx.xfjnog {kcepos); — 
Kofen neben Koben, e. cove; — Luther schrieb Pöfel für Pöbel und Buffe für Bube. 

13. ft ist im Ripuarischen und dem nordwestlichen Niederdeutschen zu 
dit geworden. Wir haben eine Reihe derartiger Fälle in der Schriftsprache. 

Dudit 'Ruderbank', ahd. bofta; — edit aus thaft 'gesetzlich'; — Juditen aus russ. 
juft; — Laäiter 'Klafter', ohd. Lafter; — Nichte, ahd. nift, zu lat. neptis; — ruchbar, 

18* 



276 Elftes Kapitel. Verbreitung der Wörter nach Gegenden. 



Gerüdit, berüditigt zu rufen; — sadit neben sanft, t. soft; — Sdtadit, t.shaft; — 
Sdxaditclhalm aus Sdiafthalm; — siditen zu Sieb, c. sift; — besdiwiditigen zu shd. gi. 
swifton 'Stille sein, schwcij^eu'; — Sdiliidit neben Sdiliift zu m\\d. slicfen, d. sdilüpfen. 

14. Aus den Lautgruppen agi, egi, igi, ogi entstehen in großen Teilen 
der deutschen Dialekte die Diphthonge ai, ei, ?, oL 

Meister, lat. magister; — Maid, ahd. magad; — Eidedise, ahd. egidehsa ; — Ge- 
treide, ahd. gitregidi; — verteidigen, zu ahd. tageding; — Hain, mhd. hagen; — Mainz 
aus Maginza; — Einhart. Meinhart, Rcinhart aus Eginhart usw.; — Seifrit aus Sigi- 
frid; — Beidite aus ahd. bigiht. 

Besonders zeigen Eigennamen die lautgeselzliclie Form. Voit aus voget; — Raimund 
aus regin-, ebenso Reinhart, Reineke. 

15. Bei dem. s zeigen sich folgende Veränderungen: 

a) rs, rj ist meist zu rs geworden; im Niederdeutschen, aber auch in 
Teilen des Alemannischen geblieben. 

Wir haben meist rs, wie in birsdien. Kirsdie, aber rs in Börse, Ferse, Hirse, Lerse, 
und besonders, wenn t folgt: Borste. Durst. 

b) In einer Reihe oberdeutscher Dialekte ist s auch sonst zu s geworden. 
Daher Gisdit : gären: — falsdi, \. falsus; — feilsdien, xv^hd. veilsen; — Grosdien, 

mhd. grosse, lat. grossus; — Harnisdi, mhd. harnas. 

Man sieht also, daß sich aus dem rein Lautlichen mancherlei ermitteln 
läßt, und daß auch für die Geschichte unsres neuhochdeutschen Wortschatzes 
die Lautlehre von größter Bedeutung ist. Natürlich fehlt ein Wort darum, 
weil es sich in einer bestimmten Form festgesetzt hat, nicht auch notwendig 
den andern Mundarten. Aber es muß durch besondere Umstände, meistens 
durch die Bedeutung eines Schriftstellers, der das Wort gebraucht hat, in 
der betreffenden Form in die Schriftsprache gekommen sein. Vor allen 
Dingen verdanken wir so Luthers sprachgewaltiger Persönlichkeit manche 
Worte, aber es ist darauf hinzuweisen, daß seine Formen nicht in allen 
Fällen gesiegt haben. Für die spätem Zeiten werden dann mehr und mehr 
die Grammatiker maßgebend, als deren letzter wohl Adelung anzusehen ist. 
Sein Wörterbuch wurde die Norm, nach der selbst Männer wie Goethe ihre 
Schriften korrigieren ließen. 

§ 171. 2. Die Überlieferung. Außer der Lautform kommen für den Nach- 
weis mundartlicher Herkunft die Angaben der Grammatiker und Wörter- 
bücher teils unmittelbar, teils mittelbar in Betracht. Diese merken zum Bei- 
spiel an, daß ein Wort nicht überall gleich gebräuchlich sei, sondern aus 
einer bestimmten Gegend stamme. Im allgemeinen sind diese Angaben sehr 
wertvoll, da uns das eigene Sprachgefühl meist am sichersten führt. Frei- 
lich können dabei Irrtümer unterlaufen. Mittelbar sind die Lexikographen 
insofern von Bedeutung, als sie Wörter nicht verzeichnen, die ein gleich- 
zeitiger Lexikograph oder Schriftsteller verwendet. Dann wird das Wort 
auch in der Heimat des Verfassers nicht bekannt gewesen sein, während 
er umgekehrt Worte gebraucht, die andere nicht verzeichnen. 

Ich begnüge mich hier, eine Reihe von Fällen nach den unmittelbaren 
Angaben der Wörterbücher anzuführen. Im allgemeinen wird man hier nicht 



§ 171. 2. Die Überlieferung. § 172. 3. Die gelehrte Forschung. 277 



viel anders als oberdeutsch und niederdeutsch unterscheiden können. Zweifel- 
los würde sich aus den verschiedenen Grammatiken und Wörterbüchern ein 
großer Stoff zusammenbringen lassen. Natürlich überwiegen in älterer Zeit die 
oberdeutschen Einflüsse, während in neuerer die niederdeutschen zunehmen. 
Steinbach hat in seinem 1734 erscliienenen Wörterbucli die dialektisciien Wörter an- 
gezeiclinet. Unter ihnen finden sich: Barre, barsdi, Base, fürbaß, Binse, Birsch, Block, 
blutarm. Braß, Büdierey, düster, Esse, flott, gefoppet, Gäck (Geck), gähe, tingar, Gaudi, 
Gilde, behagen, Janhagel, gehapert, Harke, Mast, hastig, barhaupt, hübsdi, Jadie. Kaff, 
Kanten, Karre, Karst, Kautz, Kefidi, kirdilidi, Knidzs, krauen, verkümmert, Kuppe, Ladie. 
Laaken, Gelaß, Urlaub. Gelehrtheit, überlistet, Mangel f.. Amman, ausmerzen, Steinmetz, 
Mejer. mundteln, Muße, genesen eines Kindes. Nestel, Podien. 

Als oberdeutsch wurden am Ausgang des 18. Jahrhunderts noch 
folgende Ausdrücke empfunden, die heute mir, einem Niederdeutschen, 
völlig geläufig sind, d. h. der allgemeinen Schriftsprache angehören: 

abhanden (Ad[elung]), absdiweifen (Ad.), abstimmen (Hey[natz]), Ahn (Ad.), allgemadi 
(Ad.), Ampel {M), ausstellen [M.), Ausstand {Ad. 1796), auskömmlidi (Ad. 1774), Anleihe 
(Ad. 1774), anbei (Ad. 1793, Hey.), Anbetradit (Ad. Hey.), beiläufig (Hey.), Bein (Hey.), 
befehligen (Ad.), Begebnis (Ad.), beeinträditigen (Ad.), behelligen (Ad.), behende (Ad.), be- 
hindern, deuten, dumpf. Eigensdiaft, ergrauen, förderlidi. fortan, gemeinsam, gestalten, 
gewahren, Hader, hätsdiein, klaffen, kosen, kostspielig, lugen, mehrmals, unbefangen, 
Unbill, vergeuden, versteigern, weitsdiiditig. 

Heute hat die Bekanntschaft mit den Alpen infolge des jetzigen 
Fremdenverkehrs eine Fülle bayerischer und schweizerischer Worte in die 
allgemeine Umgangssprache eingeführt. 

Dahin gehören: haytx. Alm, Fex, jodeln, Klamm, Marterl, kraxeln, rodeln, Sommer- 
frisdie, Sdiwemme, Schweiz. Firn, Fluh. Wildheuer. 

Recht Stark ist auch der Einfluß Wiens, auf den folgende Worte zurückzuführen sind: 
Fasdiing, fesdi, Gigerl, Ländler, Sdüager, Spitzel, Trottel. 

Von der Schweiz aus hab